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Mutismus: Wenn Kinder plötzlich schweigen

Hausarbeit 2012 18 Seiten

Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Teil I Theoretische Zugänge
1. Was ist (selektiver) Mutismus?
1.1 Definition und Erscheinungsbild
1.2 Diagnostische Kriterien
1.3 Ätiologie
1.3.1 Funktioneller Erklärungsansatz
1.3.2 Somatischer Erklärungsansatz
1.3.3 Psychophysiologischer Erklärungsansatz
1.4 Mutismusarten

Teil II Mutismus in der Schule
2. Die schulintegrierte Förderung
2.1 Ziele des therapeutisch-pädagogischen Interventionsprozesses
2.2 Realisierung der schulintegrierten Rehabilitation

3. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Versicherung der Eigenverfassung

Einleitung

Es gibt allerlei Gründe, sich mit dem Störungsbild Mutismus auseinanderzusetzen. Doch mit dem Begriff gehen viele Fragen einher: Warum schweigt ein Kind plötzlich? Wieso spricht es beispielsweise in der Schule nicht? Macht es das freiwillig oder welche Ursachen treten beim (selektiven) Mutismus auf? Man stellt sich zwangsläufig die Frage, ob diese Kinder einen hören, einen verstehen - oder sind sie einfach nur bockig und störrisch?

Wilhelm Humboldt hat einmal gesagt: „ Der Mensch ist nur Mensch durch Sprache “. Aus diesem Grund interessiert mich die Kommunikationsstörung Mutismus ungemein, besonders vor dem Hintergrund als angehende Sonderschullehrerin. Diesbezüglich werde ich in meinem späteren Berufsleben möglicherweise öfter Kontakt mit betroffenen Kindern haben, weshalb ich mich in der vorliegenden Hausarbeit speziell mit dem Auftreten des Schweigens in der Schule auseinandersetzen werde und die schulintegrierte Förderung beleuchte.

Bei meiner Literaturrecherche ist auffällig gewesen, dass es sich um ein weitestgehend unbekanntes Erscheinungsbild handelt, welches relativ selten auftritt. Vor allem in Deutschland ist das Störungsbild kaum erforscht und es liegen bislang auch nur wenige Studien vor, die untereinander auch wieder Schwankungen aufzeigen. Mit dieser Seminararbeit soll versucht werden, den bisherigen Kenntnisstand der Kommunikationsstörung Mutismus zusammenzufassen und näher auf die förderpädagogische Intervention im Schulbereich einzugehen.

Im Folgenden werden durch den ersten Teil der Arbeit theoretische Zugänge zum Mutismus geschaffen, wobei zunächst auf die Definition und das Erscheinungsbild sowie die diagnostischen Kriterien eingegangen wird. Anschließend werden die verschiedenen ätiologischen Ansätze erklärt und daraufhin auf die möglichen Mutismusarten bezogen. Im zweiten Teil dieser Arbeit steht die schulintegrierte Förderung von Mutismus im Vordergrund, wobei als erstes die Ziele formuliert werden und im Anschluss der Fokus auf die Realisierung des therapeutisch-pädagogischen Interventionsprozesses in Bezug auf die schulintegrierte und unterrichtsimmanente Förderarbeit gerichtet ist. Am Ende dieser Arbeit steht dann eine Schlussbemerkung.

Teil I: Theoretische Zugänge

1. Was ist (selektiver) Mutismus?

1.1 Definition und Erscheinungsbild

Der Terminus „Mutismus“ stammt von „mutus“ (lat.) und bedeutet stumm bzw. Schweigen. Geprägt wurde der Begriff im Jahre 1934 von Tramer und bezeichnet das Nichtsprechen bei Menschen. Das Mutismus-Syndrom wird unter den sekundären Sprachstörungen subsumiert, da die Sprachstörung im Zusammenhang mit psychiatrischen Krankheiten beziehungsweise in Folge solcher Erkrankungen nach zunächst vorhandener Sprachkompetenz auftritt. Hierbei ist die Lautsprachverwendung beeinträchtigt (Dobslaff, 2005).

Demnach stehen beim Mutismus nicht die Mängel der sprachstrukturellen Ebenen im Vordergrund. Das bedeutet, dass die phonetisch-phonologische, lexikalisch-semantische, syntaktisch-morphologische als auch die pragmatisch-kommunikative Sprachebene nicht Grund für das lautsprachliche Unvermögen sind. Die Sprech- und Hörfähigkeit sowie das Sprachverständnis sind ebenfalls in ausreichendem Maße vorhanden, weshalb es sich um ein psychisch bedingtes Nichtsprechen-Können handelt. Generell wird zwischen einem totalen und einem selektiven (elektiven, partiellen) Mutismus unterschieden. Beim totalem Mutismus, der meist als Reaktion auf traumatische Erlebnisse auftritt, wird der sprachliche Kontakt zu allen Menschen über einen längeren Zeitraum hinweg eingestellt und somit besteht ein völliges Unvermögen, die Lautsprache auch bei wechselnden Kommunikationsbedingungen uneingeschränkt zu nutzen. Der selektive Mutismus wird in der Internationalen Klassifikation (ICD-10) als gesonderte Kategorie unter den Verhaltens- und emotionalen Störungen subsumiert und unter der Überschrift „Störungen sozialer Funktionen mit Beginn in der Kindheit und Jugend“ mit F94.0 aufgeführt. Hierbei handelt es sich um eine Störung, bei der die Sprache nicht situativ uneingeschränkt gebraucht werden kann. Die emotional bedingte Selektivität des Sprechens erfolgt gegenüber einem bestimmten Personenkreis, an bestimmten Orten und in den für das selektiv mutistische Kind fremden Situationen. Charakterisierend ist das Verstummen und Erstarren des Kindes oder die ausschließliche und konsequente Verständigung mittels Mimik und Gesten als auch schriftliche Mitteilungen (Katz-Bernstein, 2007). Typischerweise spricht das Kind zu Hause mit seiner Familie und auch mit engen Freunden, allerdings gegenüber Fremden sowie in der Schule nicht. Jedoch können auch andere Muster, demnach auch das Umgekehrte auftreten. Aktuellen anglo-amerikanischen Untersuchungen zufolge sind ca. 0,1 - 0,7% aller Kinder vom selektiven Mutismus betroffen. Allerdings lassen sich in der Literatur kaum verlässliche Angaben zur Häufigkeit aufgrund empirischer Untersuchungen finden. So geht Süss-Burghard (1999) von einer Prävalenz von 1:1000 aus, Schoor (2001) nennt 1 bis 2 Kinder unter 1000 und laut Spieler zeigen von 300 vorschulpflichtigen Kindern sowie Schulanfängern 5 – 7 Mutisten (1,7 - 2,3%) (Dobslaff, 2005). Eine direkte Ursache ist nicht bekannt, jedoch wird von einer multifaktoriellen Verursachung ausgegangen. Sowohl funktionelle (neurotisierende Traumata, Milieuschädigungen), als auch organische Faktoren (familiäre Disposition, hirnorganische Schädigungen u.a.) kommen in Frage. Größtenteils tritt diese Störung der Redefähigkeit erstmals in der frühen Kindheit auf, wobei man mittlerweile bei der Geschlechterverteilung von einer höheren Prävalenz bei Mädchen ausgeht. Die Ergebnisse der Anteilsverteilung schwanken zwischen 1,6:1 und 2,6:1 zugunsten des weiblichen Geschlechts, weshalb der selektive Mutismus als einzige, mädchentypische Kommunikationsstörung angesehen werden kann. Die ICD-10 jedoch geht von einer ungefähr gleichen Verteilung der Geschlechter aus. Somit sind die Daten nicht eindeutig. Diesbezüglich lässt sich also sagen, dass der Mutismus eine seltene Störung ist, wobei der selektive Mutismus die häufigere und geläufigere Störung ist. Er tritt fast doppelt so häufig wie Autismus auf (Dobslaff, 2005 & Hartmann, 1992). In dieser Hausarbeit wird vor allem von Kindern mit selektivem Mutismus die Rede sein, weshalb bei Wiederholungen des Begriffes „Mutismus“ jene Form gemeint ist.

1.2 Diagnostische Kriterien

Zunächst findet die Sprachentwicklung mutistischer Kinder in Bezug auf die Personen bzw. Situationen, in denen sie sprechen, in ähnlicher Weise statt, wie der reguläre Spracherwerbsprozess. Um jedoch die Symptome eines selektiv mutistischen Kindes zu beschreiben, ist zu allererst die Differenzierung zwischen den verbalen sowie den non-verbalen Kommunikationsmitteln notwendig. Die sogenannte „Sprache im engeren Sinne“ betrifft die verbalen Kommunikationsmittel, also ist hierbei die Sprechsprache mit all ihren Modalitäten gemeint. Die non-verbalen Mittel bezeichnet die „Sprache im weiteren Sinne“, d.h. Gestik, Mimik, Blickkontakt als auch die aufeinander bezogene Bewegung. Typischerweise sind beide Kommunikationsebenen bei selektiv mutistischen Kindern betroffen (Feldmann & Kramer, 2007).

Dies wird in Abbildung 1 (siehe Anhang) noch einmal durch das Aufzeigen der beiden Kardinalsymptome verdeutlicht. Desweiteren werden die bedeutendsten Sekundärmerkmale dargestellt, die häufig bei diesem Störungsbild auftreten können. Wie bereits erwähnt, lässt der Forschungsstand keine lineare und deutlich abgegrenzte Ätiologie zu. Vielmehr werden hier Sekundärmerkmale mit organischen Komponenten wie genetische Prädisposition bzw. Risikofaktoren während der Geburt, als auch exogene Faktoren, Traumata, Migration und Störungen im Bereich der Sprachentwicklung genannt, die als sich gegenseitig beeinflussende, potenzierende und begünstigende Risikofaktoren der Beeinträchtigung anzunehmen sind.

Darüber hinaus ist das gesamte Ausdrucksverhalten der Kinder mit selektivem Mutismus stark beeinträchtigt. Bei Thematisierung ihres Nicht-Sprechens ist ihr Blick meist gesenkt, der Körper ist vom Gesprächspartner abgewandt und häufig findet das erstarren von Mimik und Gestik statt - das sogenannte „freezing“. Die häufig fehlenden phonischen Leistungen beziehen sich selbst auf das Lachen, Weinen sowie Husten und sogar auf die Schmerzlautäußerung. Im Folgenden werden jene Merkmale genannt, die auf Menschen mit selektivem Mutismus zutreffen. Da das Kind in bestimmten Situationen nicht spricht, jedoch zu Hause und mit vertrauten Personen eine „normale“ Kommunikation stattfindet, besteht häufig viel Nachholbedarf, sodass ein sehr expressiver Austausch erfolgt. Wenn vom Störungsbild des selektiv mutistischen Kindes gesprochen wird, muss das Schweigen länger als 4 Wochen bestehen. In diesen Situationen weisen diese Kinder einen blanken Gesichtsausdruck, starre Lippen und einen starren Blick auf, wirken wie eingefroren bzw. versteinert, der Körper ist demnach steif und die Arme sind angeklemmt. Diese Menschen haben Schwierigkeiten Interaktionen zu initiieren, wie zum Beispiel die Begrüßung, der Abschied, aber auch Fragestellungen oder die Danksagung. Selbst die Reaktionen erfolgen verzögert. Jedoch wird das Nicht-Sprechen mit guten schriftlichen Leistungen kompensiert und es besteht ebenfalls eine hohe Sensibilität auf allen Ebenen. Aus diesem Grund scheint es so, dass die Kinder ihre umgebende Welt im Vergleich zu ihren Altersgenossen sorgfältiger beobachten und wahrnehmen, selbst im Hinblick auf Emotionen, wogegen sie dann wiederum Schwierigkeiten haben, die eigenen Gefühle auszudrücken. Angesichts dieser auftretenden Merkmale werden selektiv mutistische Kinder oft als extrem schüchtern, bockig oder störrisch fehlgedeutet, weshalb auch keine eindeutige Aussage zur Prävalenz getroffen werden kann (Feldmann & Kramer, 2007).

Da die non-verbale Kommunikation als Vorausläufer für die Sprache im engeren Sinne anzusehen ist, lassen sich zunächst diagnostische Leitfragen entwickeln, die zur jenen aktuellen Kompetenzermittlung des Kindes dienen.

- Auf welche Weise begibt sich das Kind mittels Gestik und Mimik in Kommunikation? Wie (re)agieren die Kommunikationspartner?
- Auf welche Weise findet Kommunikation über Blickkontakt statt?
- Wie findet Biokommunikation, also Kontakt über räumliche Nähe, bzw. Regulierung von Distanz zu anderen Menschen und Objekten statt?
- In welcher Weise werden in der Kommunikation von Kind und Umfeld Gegenstände zur Kontaktaufnahme genutzt?
- Wird unmittelbarer körperlicher Kontakt wechselseitig hergestellt?
- Sucht das Kind über Laute Kontakt zu anderen Menschen? Wie wird vom Umfeld darauf eingegangen?
- In welcher Weise wird die Sprache im engeren Sinne für die Kommunikation genutzt? Wie sind Äußerungen näher zu beschreiben (z.B. Wortarten, semantischer Aspekt)?
- Sind paradoxe Formen der Kontaktaufnahme zu beobachten?

(Feldmann & Kramer, 2007, S. 20)

Zudem sind auch starke Polaritäten bei Kindern mit diesem Störungsbild zu verzeichnen, die sich in ihrer Handlung kristallisieren. Eine deutliche Relevanz haben zum Beispiel die Gegensätze „Kontakt“ und „kein Kontakt“, „Sprechen“ und „nicht Sprechen“, „Nähe“ und „Distanz“, „Lachen“ und „Gesichtslos“ oder auch „zu Hause“ und „in der Fremde“. Es ist ein Phänomen, dass es selektiv mutistischen Kindern unmöglich scheint, sich zwischen diesen Polaritäten zu bewegen. Abhängig von der Situation bzw. dem Interaktionspartner, halten sich die betroffenen Kinder entweder auf der einen oder auf der anderen Seite auf (Feldmann & Kramer, 2007).

Es ist also erforderlich, die Verhaltens- und Kommunikationsstörung Mutismus frühzeitig zu erkennen, um einerseits die Manifestation des beginnenden Schweigens zu verhindern, aber andererseits auch eine Reduzierung des intellektuellen Niveaus abzuwehren. Diese tritt vor allem ein, wenn eine stark eingeschränkte Performanz der Sprache und dem Mittel zum Wissenserwerb vorliegt. Demnach kommt also primär den Eltern die Aufgabe zu, die Sprechhemmung bzw. Sprechverweigerung des Kindes als von der Norm abweichendes Verhalten zu identifizieren. Darüber hinaus stehen die Pädagogen des weiteren sozialen Umfeldes (Kindergarten, Schule) vor der gleichen besonderen Aufgabe, um die oben genannten Gründe zu vermeiden. Nach Feststellung des Störungsbildes Mutismus sollte zunächst eine Beratung durch einen Sprachtherapeuten, Logopäden, Psychologen oder einen Kinder- und Jugendpsychiater erfolgen, damit eine notwendige Therapie eingeleitet werden kann. Letztendlich sei noch einmal anzumerken, dass der Mutismus nicht als isoliertes Symptom anzusehen ist, sondern ein Symptomenkomplex darstellt, der Bestandteil des individuellen Gesamtverhaltens ist. Aus diesem Grund darf das Symptom also nicht eigenständig gesehen oder behandelt werden, weder bei der Diagnostik als auch bei der anschließenden Therapie (Hartmann, 1992).

1.3 Ätiologie

Für das Störungsbild Mutismus ist eine direkte Ursache unbekannt. Grundsätzlich muss von einer multifaktoriellen Verursachung ausgegangen werden, weshalb zwischen einem funktionellen und somatischen (organischen) Erklärungsansatz unterschieden werden muss. Allerdings wurden jeweils von Hartmann (1997) und Bahr (1996) übergreifende Erklärungsansätze formuliert, die den funktionellen und somatischen Aspekt zusammenführen (Hartmann, 1997; Bahr, 1996).

1.3.1 Funktioneller Erklärungsansatz

Der funktionelle Erklärungsansatz differenziert zwischen dem psychoanalytischen, lerntheoretischen und milieutheoretischen Aspekt. Hierbei wird der Mutismus primär als psychologisch bedingtes Phänomen interpretiert (Hartmann, 1992).

So deutet der psychoanalytische Ansatz den Mutismus als eine neurotische Symptomatik, denn bei Neurosen handelt es sich stets um die Lösung eines seelischen Konflikts, weshalb man auch von einem Problemlösungsversuch bzw. von „problem-solving-theories“ spricht. Hierbei kristallisiert sich der Mutismus als eine inadäquate Verarbeitungsform von länger anhaltenden Konflikt- und Frustsituationen. Er kann sich durch den totalen oder selektiven Mutismus zeigen. Wie Kramer (2007) mit der bereits erwähnten Abbildung 1 (siehe Anhang S. 18) mögliche Sekundärmerkmale aufgezeigt hat, kann die symbiotische Mutter-Kind-Beziehung diese Neurose verursachen. Das bedeutet, dass dem Kind mit Hilfe des Schweigens die Sicherstellung der mütterlichen Fürsorge möglich ist. Andererseits kann beispielsweise auch der Schuleintritt eine Sprechhemmung auslösen, die sich zur phobischen Neurose herausbildet. Hierbei dient der Mutismus als Abwehrmechanismus, um die Angst in der Situation zu vermeiden. Somit benutzt das Kind auch hier das Schweigen zur Konfliktlösung. Darüber hinaus kommen alle traumatisch wirkenden Einflüsse, wie Schockerlebnisse, in Betracht. Damit sind jene Momente gemeint, die einen übermäßigen Affektschub auslösen und dadurch eine beibehaltende Innervationsstörung der Sprech- und Stimmorgane hervorrufen. Bei jedem Versuch des Kindes sprechen zu wollen, kommt es zu einer Fehlinnervation und von daher ist der Mutismus Ausdruck einer abnormen Erlebnisreaktion im Zusammenhang mit einem schweren psychischen Trauma (Hartmann, 1992).

Der lerntheoretische Ansatz erklärt das mutistische Verhalten anhand von unterschiedlichen Lernmechanismen. Ein Modus ist die operante Konditionierung, bei der das Schweigen in einer bestimmten Situation positiv oder negativ verstärkt wird. In Form von positiver Verstärkung erhält das Kind für sein Schweigen immer wieder positive Zuwendung. Bei der negativen Verstärkung werden die negativen Konsequenzen durch das mutistische Verhalten vermieden oder fallen gar ganz weg, indem die Bezugspersonen bzw. die Umwelt auf weitere Anforderungen verzichtet. Auf diese Weise wird die mutistische Person bestärkt, an ihrem Fehlverhalten festzuhalten. Andererseits kann die mutistische Symptomatik mit dem Imitationslernen, also dem Lernen am Modell, erklärt werden. Hierbei übernimmt das Kind das Schweigen als erfolgreiches Vermeidungsverhalten von einer Modellperson. Voraussetzung ist natürlich die Identifikation mit der Modellperson, die daher meist aus der näheren Umgebung des Kindes stammt (Hartmann, 1992).

Bei dem milieutheoretischen Ansatz werden die psychoanalytischen sowie lerntheoretischen Explikationen mit einbezogen, allerdings wird er aufgrund seiner besonderen therapeutischen Bedeutung gesondert erläutert. Diese Auslegung bezieht sich auf die ungünstigen Umwelteinflüsse im sozialen Umfeld des betroffenen Kindes. Zu den familiären Faktoren zählen abnorme Erziehungsbedingungen, vor allem überbehütetes und überfürsorgliches Verhalten der Erziehenden, aber auch zu strenge Erziehung kommt in Frage. Ebenso Störungen der intrafamiliären Beziehungen bzw. Kommunikationsstrukturen können gleichermaßen Auslöser für mutistisches Verhalten sein. Auch psychische Störungen in der Familie oder belastende Ereignisse im Leben des Kindes wie der Verlust einer wichtigen Bezugsperson kann eine Komponente darstellen. Darüber hinaus lassen sich auch soziokulturelle (Migration, soziale Isolation) sowie sozioökologische Faktoren nennen. Demzufolge können alle familiären Faktoren, die eine neurotisierende Wirkung auf das Kind ausüben, die Entstehung und Persistenz des Schweigens hervorrufen. Außerdem ist es von großer Bedeutung, ob die Kontaktmöglichkeiten, das soziale Lernen sowie die sprachliche Entwicklung des betroffenen Kindes eingeschränkt ist (Hartmann, 1992).

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Details

Seiten
18
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656247777
ISBN (Buch)
9783656250463
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v198484
Institution / Hochschule
Universität Rostock – Institut für Sonderpädagogische Entwicklungsförderung und Rehabilitation
Note
Sehr gut
Schlagworte
mutismus wenn kinder

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Titel: Mutismus: Wenn Kinder plötzlich schweigen