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Die Frauengestalten in „Das Marmorbild“ von Joseph von Eichendorff

Differenzen zwischen Traum und Wirklichkeit

Hausarbeit 2009 13 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Charakteristische Eigenschaften und das Erscheinungsbild der Frauen
2.1 Venus
2.2. Bianka

3 Vergleich der beiden Frauenfiguren
3.1 Die Beziehung zwischen Bianka und Venus
3.2 Die Wirkung der Frauen auf Florio
3.3 Deutungsansatze im Bezug auf die weiblichen Figuren
3.3.1 Bianca als christliche Jungfrau Maria gegen die heidnische Venus im Bezug auf das Erwachsenwerden Florios

4 Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

l.Einleitung

,,Da sagte er [Florio] leise aus tiefstem Grunde der Seele; 'Herr Gott, lass mich nicht verloren gehen in der Welt!(S.208).

In der Schlussphase; erlost von der Bilderwelt der damonischen, nunmehr versteinerten Verfuhrerin Venus, trifft die Hautfigur Florio wieder auf das reine Frauenbild, die ihn seit der ersten Begegnung heiR liebende Bianka, die "mitten in ihren sorglosen Kinderspielen von der Gewalt der ersten Liebe uberrascht" (S. 219) worden war.

Der romantische Autor Joseph von Eichendorff stellt in der Novelle ,,Das Marmorbild" die heidnische Gottin Venus, diese als wunderschones Marmorbild dargestellt wird, lebendig wird aber doch tot ist und mit ihrer Schonheit die Hauptfigur in ihren Liebesbann zieht, so dass er sich immer weiter von der realen Welt entfernt und fast verloren geht, eine ,,fast noch kindliche Gestalt" (S.160) gegenuber. Eben das der Bianka, die,,Weifie", die demutig, bittend, passiv, ganz Florio ergeben1 ist und „recht wie ein heiteres Engelsbild" (S.220) aussieht, jedoch am Ende der Novelle den „Sieg" uber die Venus erlangt und mit Florio schlieRlich sein Gluck finden wird.

In dieser Hausarbeit werden dir beiden Frauengestalten Bianka und die Venus miteinander verglichen. Somit wird auf die charakteristischen Eigenschaften als auch auf das Erscheinungsbild der beiden Figuren eingegangen. Venus und Bianka stellen in mehrfacher Hinsicht einen Kontrast dar, sie verkorpern gegensatzliche Frauentypen. Auch wenn sie sich in unterschiedlichen Realitatsebenen befinden, wodurch eine direkte Begegnung ausgeschlossen wird, ist eine Beziehung der beiden Frauen untereinander zu analysieren. Welche Wirkung die Begegnung der beiden Frauen auf die Hauptfigur, einen sich im Reifeprozess befindenden Kunstlers, haben wird untersucht, um auf die Funktion der Frauenfiguren in der Novelle einzugehen. Was der Autor Eichendorff dem Leser damit vermitteln will, wird somit klargestellt. Es folgt anschlieRend eine kurze Zusammenfassung.

2. Charakteristische Eigenschaften und das Erscheinungsbild der Frauenfiguren

Innerhalb der Personenkonstellation der Novelle bilden Florio, Venus und Bianca ein „Dreieck". Die beiden Frauenfiguren stehen in einem Verhaltnis der Rivalitat zueinander, und Florio lasst sich zunachst durch Reizen der einen verfuhren, wahrend er am Ende sein Gluck mit der anderen findet. Doch welche Eigenschaften die Frauen besitzen, und wie der junge Kunstler Florio, der ,,sich zuweilen derfrohlichen Sangeskunst versucht" (S.158) sich

ungewiss von zwei unterschiedlichen Charakteren beeinflussen lasst, stellt Eichendorff mit verschiedenen Motiven dar, sodass der Leser bildliche Vorstellungen von beiden Frauen besitzt. Nicht nur durch das auRerliche Aussehen, sondern allein schon die Namen der beiden Frauen verweisen auf personliche Charakterzuge, wobei die Venus eine Gottin des Fruhlings, der Garten, der Fruchtbarkeit und der Sexualitat verkorpert, dagegen auf der anderen Seite Bianka sich aus dem italienischen herleitet und ,,weifi" im Sinne von „unschuldig" oder „keusch" bedeutet.

2.1 Venus ,,Der Mond, der eben uber die Wipfel trat, beleuchtete scharfein marmornes Venusbild, das dort dicht am Ufer auf einem Steine stand, als ware die Gottin soeben erst aus den Wellen aufgetaucht und betrachte nun, selber verzaubert, das Bild er eigenen Schonheit, das der trunkene Wasserspiegel zwischen den leise aus dem Grunde aufbluhenden Sternen wiederstrahlte" (S.174)

,,Das wunderschone Marmorbild" (S.178) wird in diesem Abschnitt mit dem Leser erstmals in Bekanntschaft gebracht. Durch die schone Naturbeschreibung, wird das Bild der Venus reizender dargestellt. Sie existiert in Florios Traumvorstellung. Die Venus, wie oben genannt, verkorpert eine Gottin des Fruhlings, der Garten, der Fruchtbarkeit und der Sexualitat. Jeden Fruhling wird die Gottin neu geweckt, was aber auch bedeutet, dass sie am Ende des Fruhlings wieder zur Marmorstatue werden muss. "Und schmerzlich nun muss ich im Fruhling lacheln, / Versinkend zwischen Duft und Klang von Sehnen" (S.182). Dieses Schicksal der Venus, mit dem Fruhling zu kommen und mit diesem wieder gehen zu mussen, findet in dem Naturbild ihres Liedes einen passenden, vom Alltag abgehobenen Ausdruck. So verkorpert sie von Anbeginn an sowohl Leben als auch Tod. Somit lasst Eichendoff im gesamten Werk auf der einen Seite, welches zur Verlockung des Florio dient, Venus als wunderschone Dame in Erscheinung treten, welche ausdrucklich in ihrer korperlichen Haltung als „eine hohe, schlanke Dame mit wundersamerSchonheit" (S.180) gekennzeichnet wird. Schon bei der Beschreibung des Marmorbildes am Weiher ist von einer „Wunderblume", „pldtzlich erkannte Geliebte"mit „schonen Gliedern" (S.174) zu lesen. Ihre Schonheit wird mit ,,langes goldenes Haar" und „reichen Locken", die „von zierlichen goldenen Spangen" gehalten werden, die „uber die fast blofien, blendend weifien Achseln bis in den Rucken,, hinab fallen erklart. Sie tragt„e/n himmelblaues Gewand, ringsum an den Enden mitbuntgluhenden Blumen gestickt". (S.181) Auf der anderen Seite werden ihr negative Zuge ausgestattet2. Florio ist somit entzuckt von ihrer auRerlichen Gestalt, wobei auch „mitzieriich wechselnd (en) Bewegungen"(S.191)von der Venus betort wird. Zudem ist die wunderschone Dame „reich und gewaltig" (S.183). Sie besitzt den Lustgarten und das Marmorschloss, hat einen Falken an ,,goldener Schnur" (S.201)an ihrem Gurtel befestigt oder ruht auf einem Bett „von kostlichen Stoffen" (S. 203). Ihre Koperhaltung, sowie auch ihre Kleidung wird in Einzelheiten erklart. „ Sieruhte, halb (203). liegend, auf einem Ruhebett von kostlichen Stoffen. Das Jagdkleid hatte sie abgelegt, ein himmelblaues Gewand, von einem wunderbarzieriichen Gurtel zusammengehalten, umschloss dieschonen Glieder" (S.203).

Parallel zu dem unrealen Charakterbild der Venus, ist in der Wirklichkeit von einem Gegenteil die Rede. Nachdem Florio „die Augen lange geschlossen vor Blendung, Wehmut und Entzucken" (S.175) aufmacht, scheint ,,aufeinmal alles wie verwandelt" (S.175). Das Venusbild wird Jurchterlich weifi und regungslos", ,,fastschreckhaft mit den steinernen Augenhohlen" beschrieben (S.175). Die Verwandlung der Venus wird durch die Veranderung der Natur auch verdeutlicht. „Der Mond sah seltsam zwischen den Wolken hervor, ein starkerer Wind krauselte den Weiherin trube Wellen" (S.175). Widerspruchliche Merkmale des Aussehens der Venus betonen Traum und Wirklichkeit, wobei die Venus zum einen als „unbeschreiblich iiebiich", „freundlich" (S.205) und „alles Liebe, Schone und Frohliche" erwahnt wird, ist zum anderen die Rede von „unbeweglich still", „steinend" und dimmer bleich und bleicher"(S.209). Dieser Kontrast wir immer wieder nach der Begegnung mit der Venus hervorgerufen, sodass Florio zum einen in der Traumwelt von der „schonen Dame" verfuhrt wird, anschlieRend aber erwacht und in der realen Welt das versteinerte, bleiche, weiRe Marmorbild vor sich sieht. Die Farbe WeiR darf hier aber nicht als Unschuld oder Reinheit interpretiert werden, sondern verweist auf den Tod, bleiche Haut, welche ein Todessymbol ist.

Vom normalen menschlichen Leben deutlich abgesetzt erscheinen die Orte, an denen sie in Erscheinung tritt: Um das Marmorbild am Weiher ziehen „Schwane... stillihre einformigen Kreise" (S.174), den Park der Schonen begrenzt ein „Tor von Eisengitter", und ,,hohe Buchenhallen"schirmen ihn von der AuRenwelt ab (S.179). Das erste Gesprach zwischen Venus und Florio findet ebenfalls in einem Garten statt, wahrend drauRen „der weite Kreis derGegendstill undfeierlich" ruht (S.196); beim Besuch im Schloss fuhrt Florios Weg durch den „schonen Garten", der den Palast „ringsum" einfasst (S.202), in das „>nnere des Schlosses" (S.204) und eines von dessen „prachtigen Gemacher (n)“ (S.205). So wird der junge Mann, der zunachst nur eine Beobachterposition einnimmt, immer mehr in den Bann der Gottin gezogen; er bemerkt selbst, wenn er ,,sich aufeinmal hiersofremd und wie aus sich selbst verirrt" vorkommt (S.208). Diese Entfremdung- nicht nur von anderen Menschen, sondern auch sich selbst gegenuber- ist der Preis fur das kurzzeitige Wiederraufleben der Venus, deren Liebe nicht befreit und begluckt, sondern ihn im Gegenteil auf sich selbst zuruckwirft. Der psychologische Sachverhalt lautet Narzissmus und ist abgeleitet von dem antiken Narziss-Mythos, der von der todlichen Selbstliebe eines Knaben handelt. Dies ist charakteristisch fur Venus, wenn sie als Marmorstatue „das Bild der Schonheit" im „Wasserspiegel" zu bewundern scheint (S.174) oder sich als Schlossherrin immer wieder im „Spiegel" betrachtet (S.204)3. Somit kommt es im Laufe der Erzahlung immer mehr zur Verbluffung Florios. Venus zeigt ihre verfuhrerische Weiblichkeit an verschiedenen Orten, beziehungsweise durch unterschiedlich 3kostumierte Gottin: Am Anfang ist sie eine hubsche Sangerin, dann eineJagerin, schlieRlich eine Herrin im Schloss.

[...]


1 Vgl: Becker-Cantarino, Barbara: „Der schone Leib wird Stein". Zur Funktion der poetischen Bilder als Geschlechterdiskurs in Eichendorffs Marmorbild. In: Das Sprach-Bild als textuelle Interaktion. Hg: von Gerd Labroisse und Dick van Stekelenburg (Amsterdamer Beitrage zur neueren Germanistik 45) Amsterdam/Atlanta 1999, S.131.

2 Vgl. Otto Eberhardt. Eichendorffs Marmorbild - Distanz und Dichtung nach Art Loebens. In: Untersuchungen zum poetischen Verfahren Eichendorffs 3. Wurzburg 2006, S.41.

3 Vgl. Ferdinand Schoningh: Joseph von Eichendorff. Das Marmorbild/Zauberei im Herbste. Paderborn, Munchen, Wien, Zurich 1988, S.97

Details

Seiten
13
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656248293
ISBN (Buch)
9783656251453
Dateigröße
523 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v198538
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Philosophie und Geisteswissenschaften
Note
1,6
Schlagworte
frauengestalten marmorbild joseph eichendorff differenzen traum

Autor

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Titel: Die Frauengestalten in „Das Marmorbild“ von Joseph von Eichendorff