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Günther Anders - Über Phantome und den Zerfall des Menschen

Seminararbeit 2008 15 Seiten

Kunst - Malerei

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Fernsehen und Hörfunk in den 1950er-Jahren
2.2 Phantome und Matrizen
2.3 Günther Anders in der Kritik

3. Schlussteil

Literaturverzeichnis

Einleitung

Keine EntprÄgung, keine Entmachtung des Menschen als Menschen ist erfolgreicher als diejenige, die die Freiheit der PersÖnlichkeit und das Recht der IndividualitÄt scheinbar wahrt.

Günther Anders in „Die Antiquiertheit des Menschen“

Im Amerika der fünfziger Jahre, also in einer Zeit, in der sich Medien wie das Fernsehen und der Hörfunk noch in ihrer Entwicklungsphase befanden und sich erst langsam in den Haushalten fest etablierten, publizierte der Sozialphilosoph und Schriftsteller Günther Anders den ersten Band seines Hauptwerkes „Die Antiquiertheit des Menschen”, welches radikale Kulturkritik an den neuen Medien übte und düstere, pessimistische Prognosen für zukünftige Generationen von Menschen vorhersagte.

Doch statt positiver Resonanzen zog die Veröffentlichung dieses Bandes allgemeine Ablehnung und Ignoranz nach sich. Günther Anders wirkte auf die zeitgenössische Fachwelt der Medien und der Philosophie wie ein Fremdkörper und störender Eindringling, dessen kritische Auseinandersetzung mit den Medien nicht ernst genommen wurden und daher bis in die heutige Gegenwart weitgehend unbeachtet blieben.

Und obwohl Günther Anders Zeit seines Lebens jeglicher Ruhm und Zuspruch verwehrt blieb, gilt er heutzutage für viele Menschen als "Gründungsvater" kritischer Medientheorie, weil er damals bereits Prognosen über die Medienwelt entwarf, welche sich aus heutiger Perspektive entweder bestätigt haben oder längst als selbstverständlich angesehen werden. Diese Thesen sollen nun in der vorliegenden Hausarbeit genauer untersucht werden. Gegenstand der Analyse soll dabei das Kapitel „Die Welt als Phantom und Matrize” aus „Die Antiquiertheit des Menschen” sein, wobei es in einem ersten Schritt darum gehen soll, einen kurzen Überblick über die Entwicklung und Situation von Fernsehen und Hörfunk zur Zeit der 1950er Jahre zu geben. Danach widmet sich der Hauptteil der Analyse von Günther Anders Werk. Dabei soll speziell Anders' umfassende Fernsehkritik in den Blickpunkt der Untersuchungen rücken. Abschließend soll hervorgehoben werden, welche Bedeutung Anders' Medienkritik für das damalige- und für das heutige Zeitgeschehen hat. Am Ende dieser Hausarbeit folgt eine Auswertung der erzielten Ergebnisse, sowie ein Ausblick auf weitere, mögliche Untersuchungen zu dieser Thematik.

2.1 Fernsehen und Hörfunk in den 1950er-Jahren

Die Medien Fernsehen und Hörfunk haben sich über Jahrzehnte hinweg zu einer „Leitkultur unserer Gesellschaft”1 entwickelt und konnten trotz neuer technischer Errungenschaften wie der Digitalisierung von Computer und Internet ihren festen Platz in den Haushalten der Menschen behaupten. Besonders das Fernsehen ist heutzutage nicht nur in den intimen Bereichen von Familien zu finden, sondern ist dem Menschen auch im Alltag in unterschiedlichsten Formaten an den unterschiedlichsten Orten geläufig, wie beispielsweise in Schaufenstern von Geschäften, an Bahnhöfen, in Bars und Kneipen oder sogar in Automobilen. In der Entwicklungsphase des Fernsehens ist also von Beginn des 20. Jahrhunderts viel passiert:

Das Medium Fernsehen beginnt in den USA seinen Siegeszug mit der Einführung des öffentlichen Fernsehdienstes kurz vor Ausbruch des zweiten Weltkrieges im Jahr 1939. Der Hörfunk war in den 1950er Jahren bereits ein gebräuchliches Medium in den USA und hatte die damalige Unterhaltungs- und Nachrichtenkultur deutlich geprägt. Nachdem der Krieg vorbei war, löste das Fernsehen die Radiosendungen als privates Massenphänomen ab. Die Folge davon war ein regelrechter Boom von Fernsehsendungen aller Art. Es wurden unterschiedliche Sendungs-Konzepte entwickelt und das Fernsehgerät mit Hilfe der Presse nach und nach in den Haushalten Amerikas als „Grundausstattung”2 eingeführt. Das Radio passte sich zwangsweise der neuen Situation an, indem es das Unterhaltungsprogramm durch Sendungen mit Musik, regelmäßigen Nachrichten und Reportagen erneuerte. Auch durch die Einführung von Radiogeräten in die Standartausstattung von Automobilen konnte sich der Hörfunk einen festen Platz in der Medienlandschaft erhalten, fand jedoch nie zu seiner vorherigen Monopolstellung zurück. Parallel dazu kam es beim Fernsehen dank eines fortlaufenden technischen Prozesses vom Schwarz-Weiss-Bild schon bald zum farbigen Format. Die Zuschauerzahlen stiegen über die Jahre rasant an. So schauten Anfang 1951 in den USA bereits zehn Millionen Menschen fern; ein Jahr später stieg die Zahl in den USA bereits auf 15 Millionen Fernsehzuschauer.

2.2 Phantome und Matrizen

Das Fernsehen wird in den fünziger Jahren in vielen zeitgenössischen Artikeln aus Zeitschriften, Zeitungen und Magazinen als neue Chance angesehen, die Familien wieder auf die Basis gemeinschaftlicher Zusammenkunft zu lenken und die Kinder von dem schlechten Einfluss der Straße fernzuhalten. Es repräsentiert eine "Wiedergeburt" der Familie als der „große Familienentertainer, der versprach, Mama, Papa und die Kinder zusammenzubringen”1. Das Fernsehen soll also den einzelnen Angehörigen Zusammenhalt, Privatheit und Unterhaltung bieten. Der Philosoph Günther Anders beschäftigt sich dagegen in „Die Welt als Phantom und Matrize” unter anderem mit dieser besonders durch das Fernsehen geförderten Massenmentalität und den Auswirkungen, die das Fernsehen auf Weltbild und Welterfahrung des Menschen habe.

Die pessimistisch formulierten Vorhersagen von Günther Anders könnten gegenüber der Fachpresse dabei gegensätzlicher nicht sein: Das Radio und speziell der Fernseher würden zu einer vollständigen Auflösung der Familienverhältnisse führen. Ohne dass der Mensch sich eines Wettbewerbes mit der Technik bewusst wäre, sei der Kampf gegen diese bereits in dem Moment verloren, in der das neu erworbene Medium Einzug in den Haushalt erhält. Dadurch komme dem Menschen „bei der pausenlosen Berieselung die Entscheidungs- und Urteilskraft abhanden. Er denke nicht länger, er konsumiere bloß noch.”2 Die resultierenden Konsequenzen würden laut Anders zwangsläufig zum Zerfall der einzelnen Familienmitglieder führen. Das bisherige Zentrum der Zusammenkunft, der Familientisch, werde aufgelöst und durch den Fernseher als der „negative Familientisch”3 und neuer Fluchtpunkt für die ganze Familie ersetzt. Gespräche und Unterhaltungen untereinander würden dabei bald schon zu einem Versehen geraten, zum bloßen Zufall.

Familien würden nicht länger miteinander exisitieren, sondern nur noch nebeneinander. Eine sehr gewagte These, da man sich nämlich ebenso vorstellen könnte, dass ein Fernseher dabei eher zum Indikator einer längst schon vorhandenen, aber bislang noch verborgen Kommunikationsstörung unteinander fungiert. Es gibt darüber hinaus aber auch un- zweifelbar Familien, die trotz Fernseher über einen "positiven" Familientisch verfügen oder während einer Sendung miteinander kommunizieren und ihre Eindrücke teilen. Doch Günther Anders ist sich sicher: Die Menschen verlernen nach und nach die Kommunikation. Die konstruierte Welt wird, so wie Gas oder Strom, fertig vorbereitet in die Haushalte zum Menschen geliefert und ersetzt dabei Aspekte der Erfahrung und der Weltgewandheit.

Günther Anders sieht den Menschen aber hauptsächlich in der Rolle des willenlosen Konsumenten. Erst die neugewonnene Möglichkeit der unbegrenzten "Flut" an Unterhaltung sei der Auslöser dafür, dass der Mensch zunehmend mit den fremdesten Situationen, Gegenden und Ereignissen mehr und mehr vertraut zu sein scheint. Dies bedeutet, dass „zwar immer mehr gewußt wird, aber die Synthesisleistungen des Denkens hoffnungslos zurückbleiben”4. Der tatsächliche Wahrheitsgehalt dieser Thesen muss jedoch angezweifelt werden, da zwar bestimmte Dinge durchaus ihren Reiz verlieren können, aber dennoch das generelle Verlangen nach eigener individuellen Erfahrung stets überwiegen wird. Die Thesen lassen sich ebenso problemlos auf das spätere Internet- bzw. das Videospiel-Verhalten beziehen. Jeder technischen Entwicklung wird stets auch mit gewisser Skepsis begegnet und die bekannte Furcht vor der Entfremdung der Welt geäußert. Anders nennt diese Entfremdung die „Verbiederung der Welt”5, also einen Wandel zum spießigen Kleinbürger, der sich über die Distanzlosigkeit zwischen sich und der ihm ins Haus gelieferten Welt nicht bewusst ist. Stars und Berühmtheiten aus Fernsehen und Radio würden dem Menschen dabei durch scheinbare Perfektion zum Vorbild dienen und ihnen auf Dauer geläufiger werden als ihre Nachbarn, Freunde, Kollegen und sogar Ehepartner.

Fernsehen und Rundfunk würden eine „Du-auf-Du-Beziehung”6 kreieren, in Folge dessen selbst die intimsten Gedanken und Gefühle völlig fremder Menschen preisgegeben würden, um dem Zuschauer Vertrauen, Zeit und Zusicherung zu entlocken.

Parallel dazu betone das Fernsehen das Prinzip der universellen "Gleichschaltung": Da jeder Zuschauer die gleichen Bilder geliefert bekomme, werde das Bewußtsein sämtlicher Menschen gleich geprägt.

[...]


1 Grundlagentexte zur Fernsehwissenschaft, S. 07.

2 Spigel, S. 219.

1 Spigel, S. 215.

2 Clemens, S. 110.

3 Anders, S. 106.

4 G´schrey, S.88.

5 Anders, S. 117.

6 Anders; S. 118.

Details

Seiten
15
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656254867
ISBN (Buch)
9783656255512
Dateigröße
409 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v199004
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
2,0
Schlagworte
günther anders über phantome zerfall menschen

Autor

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Titel: Günther Anders - Über Phantome und den Zerfall des Menschen