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Jean-Paul Sartre: Über Kunst, Imagination und Freiheit

Bachelorarbeit 2010 31 Seiten

Kunst - Allgemeines, Kunsttheorie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Das Verhältnis von Phänomenologie und Kunst
2.2 Imagination und Bewusstsein in ,,Das Imaginäre"
2.3 Sartre über die Kunst in „Was ist Literatur?“
a. Von der Imagination zum bildenden Künstler
b. Das künstlerische Analogon in Musik und Theater
c. Die literarische Kunst als ethischer Appell

3. Zusammenfassung / Ausblick

Literaturverzeichnis

Einleitung

Hier ist eine eigene Welt, die als Produkt des Menschen nur dessen eigenen Gesetzen gehorcht, die in ihm ihren eigenen Grund hat und so zum Modell der Freiheit wird.

Jean-Paul Sartre über die Kunst

Der französische Schriftsteller, Philosoph und Journalist Jean-Paul Sartre (1905-1980) gilt als einer der bedeutendsten und repräsentativsten französischen Denker des ausgehenden 20. Jahrhunderts, welcher weit über Frankreich hinaus wie kein anderer die geistige Landschaft der Philosophie, der Literatur und der Theaterszene prägte. Doch auch kürzere Abhandlungen über das Theater und die Musik gehörten in sein Repertoire.

Nach dem Ende des zweiten Weltkriegs erlangte er im Laufe der Jahre als führender Vertreter der Existenzphilosophie enorme Popularität und provozierte ebenso mit seinem unermüdlichen politischen Engagement für eine bessere Gesellschaftsnorm. Seine politische Position gegenüber der Gesellschaft wird dabei hauptsächlich vom Marxismus und der Entstehung der Geschichte geprägt. Sartres Analysen der Grundbedingungen menschlicher und gesellschaftlicher Existenz bestechen auch heute noch durch eine außerordentliche Scharfsinnigkeit. Trotz der großen Vielfalt seiner Themen - Soziologie, Ontologie, Existenzphilosophie, Politik, Psychologie - wird Sartre überwiegend auf den Begriff des Existenzialismus reduziert, jedoch wird man seinem Werk durch diese einzelne Thematik kaum gerecht. Sartre selbst wollte sein Gesamtwerk viel mehr in einem transzendentalen Zusammenhang zwischen der Kunst, der Philosophie und der Literatur eingebettet wissen, welcher die Grenzen der verschiedenen Disziplinen aufzuheben und auf sinnvolle Weise miteinander zu verbinden vermochte.

So haben seine philosophischen Essays, Reden, Drehbücher, Dramen und Romane immer wieder die phänomenologische Analyse der Kunst zum Gegenstand. Sartres ästhetische Theorie ist einerseits eine strikt phänomenologische, andererseits mit einem programmatischen Freiheitsanspruch verbunden. Eine Ästhetik in einem systematischen Sinne hat er allerdings nicht verfasst.

Dennoch gibt es wichtige Überlegungen zur Kunst, die von großer Bedeutung geworden sind. Was ist Kunst für Sartre? Welche Rolle spielt bei ihm der Künstler, welche der Rezipient? Welche Gemeinsamkeiten haben Kunst und Phänomenologie?

Diese Fragen werden nun in der vorliegenden Arbeit genauer untersucht.

Der zentrale Schwerpunkt bezieht sich dabei auf die Analyse von Sartres Essay Was ist Literatur? aus dem Jahr 1947 und Das ImaginÄre. PhÄnomenologische Psychologie der Einbildungskraft aus dem Jahr 1940, wobei Sartres Kunstverständnis anhand dieser Texte deutlich in den wissenschaftlichen Fokus der Arbeit rückt.

In einem ersten Schritt wird ein kurzer Überblick über das Verhältnis von Phänomenologie und Kunst im Allgemeinen präsentiert, da es zwischen der Phänomenologie und Kunst eine Verhältnismäßigkeit gibt, welche wie eine Beziehung von einer Wissenschaft zu ihrem Forschungsgegenstand angesehen werden kann. Dieses Verhältnis ist jedoch durch bestimmte Ursachen in eine Sinnkrise geraten. Zu diesem Anlass werden sowohl der semiotische- als auch die materialistische Ansatz der Kunst kurz vorgestellt.

Diese Untersuchung der Ursachen soll im Hauptteil der Arbeit dahingehend genutzt werden, vom Verhältnis von Kunst und Phänomenologie zum spezifischen Kunstverständnis Sartres überzuleiten, der sich von diesen beiden Ansätzen abgrenzt. Hier wird vor allem die Position Sartres vom Kunstwerk als imaginäres Phänomen erklärt. Dabei spielt die Differenzierung der verschiedenen Künste in Malerei und in literarische Kunst eine große Rolle für das Verständnis von seinem Anliegen, der Kunst eine Funktion „sui generis“ sowie eine Freiheits- bzw. eine ethische Appell-Funktion zu verleihen.

Um der Arbeit darüber hinaus auch kritische Anmerkungen über das Kunstverständnis Sartres zu ermöglichen, werden hierbei weitere Publikationen von verschiedenen Autoren zum Thema Literatur, Malerei und Kunst im Allgemeinen im Blick behalten. Am Ende dieser Arbeit folgen eine Zusammenfassung und eine Auswertung der erzielten Ergebnisse sowie ein Ausblick auf weitere mögliche Untersuchungen zu dieser Thematik.

2.1 Das Verhältnis von Phänomenologie und Kunst

Um die methodische Verbindung zwischen der Kunst und der Phänomenologie zu erläutern, soll zunächst geklärt werden, um was es sich bei der Phänomenologie genau handelt. Der Begriff der Phänomenologie geht auf den Philosophen Johann Heinrich Lambert zurück, jedoch wird im Allgemeinen Edmund Husserl als der eigentliche Begründer der Phänomenologie um 1900 angesehen. Vom griechischen Wort phainomenon (zu deutsch: das Erscheinende) abgeleitet, bezeichnet die Phänomenologie die wissenschaftliche Lehre von den Phänomenen, also von den Erscheinungen selbst. Phänomene sind apriorische Bewusstseinsinhalte, sogenannte „Bilder“, welche sich stets durch eine intentionale Subjekt-Objekt-Relationen auszeichnen. Es geht dabei also grundlegend um die Frage, wie Objekte fÜr jemanden erscheinen. Phänomene kommen dabei ohne reale Eigenschaften, Kausalität oder Physik aus, schaffen aber trotzdem einen zeitlosen sowie nicht reduzierbaren Wahrheitsanspruch. Die Wissenschaftler im Dienste der Phänomenologie, sogenannte Phänomenologen, sehen den Ursprung dieser unzweifelhaften Erkenntnisgewinnung in den unmittelbar gegebenen Erscheinungen der eigenen, subjektiven Erfahrung, welche dem Bewusstsein gegeben sind. Phänomenologen versuchen somit die Strukturen ihrer Erfahrungen zu beschreiben, ohne aber dafür auf Theorien, Ableitungen oder Voraussetzungen von anderen Disziplinen, z.B. der Naturwissenschaften zurückzugreifen. Empirische Erkenntnisse werden in der Phänomenologie nicht akzeptiert. Nur die reine Logik kann in der phänomenalen Analyse für Sicherheit und Klarheit sorgen und somit den Rezipienten dazu ermutigen, den untersuchten Sachbestand selbst nachzuprüfen. Der philosophische wie programmatische Schlachtruf: ´Zu den Sachen selbst´ steht dabei stellvertretend für diesen analytischen Neubeginn.

Doch wodurch wird die Phänomenologie nun in die Nähe von Sinn und Zweck der Kunst gerückt? Worin besteht das besondere Verwandtschaftsverhältnis zwischen der Kunst und der Phänomenologie?

Die gemeinsame Überschneidung von Kunst und Phänomenologie drückt sich in der Bildtheorie aus, welche als Verbindung zwischen die Wahrnehmung und das Bewusstsein tritt.

Und obwohl es in der fast hundertjährigen Geschichte der Phänomenologie „keine einheitliche Theorie des Bildes“ gibt, besteht eine gemeinsame Gesinnung aller Phänomenologen: Die Essenz eines Bildes setzt sich aus dem zusammen, dass „man auf einem Bild etwas sehen kann, was ohne Bilder nicht zu sehen wäre“. Die Sichtbarkeit eines Bildes ist sui generis, d.h. einzigartig in seiner Charakteristika. Die erste gemeinsame Basis zwischen Phänomenologie und Kunst ist daher das Merkmal einer Intentionalität: „Das Denken und das Bildbewusstsein vermeinen ihr intentionales Objekt gleichermaßen als einen imaginären Gegenstand.“ Der Denker wendet sich seiner gedachten Sache zu; beim Bildbewusstsein richtet er seinen Blick auf dem im Bild dargestellten Gegenstand. Bilder stellen im Allgemeinen die Grundlage für bestimmte Leistungen dar: Zum einen fungieren Bilder als Zeichen für Gegenstände, zum anderen dienen sie zur Erforschung der Wahrnehmung. Ein Bild stellt die Sachverhalte dar, ohne dass sie realen Tatsachen entsprechen. Das Bild-Bewusstsein ist immer ein Bewusstsein-von-etwas, d.h. das reflektierende Subjekt denkt intentional. Da sich die Phänomenologie als Wissenschaft versteht, welche sich der Wechselwirkung zwischen Bewusstsein und Gegenständen widmet, liegt ihr eine ähnliche Methode wie die der Bildbetrachtung in der Kunst zugrunde. Bei der Kunst spielt die Subjektivität des Bewusstseins ebenso diese entscheidende Rolle. Jeder künstlerische Ausdruck, sei es sprachlich oder bildlich, ist zugleich eine Interpretation der Welt und ihres Sinns. Der Bildbetrachter stilisiere und synthetisiere wie es der Phänomenologe von alltäglichen Bewusstseinsakten annimmt. Aus dieser Darstellung erschließt sich, dass die Phänomenologie eine Interpretation der Welt auf theoretischer Ebene und die Kunst sie auf der angewandten, praktischen Ebene vollzieht. Das ist die Formel, auf die sich das Verwandtschaftsverhältnis von Kunst und Phänomenologie bringen lässt. Die Verwandtschaft von Denken und Bildbetrachtung dürfe sich allerdings nicht auf das Merkmal der Intentionalität beschränken, denn jedem Bewusstseinsakt liege ja eine Intention zugrunde.

Zusammengefasst bedeutet dies, dass die Kunst also ein „nicht zu leugnendes Phänomen ist“7. Dennoch hat es seit einiger Zeit keine philosophische Reflexion der Kunst mehr gegeben. Wesentlich ist, dass das Verhältnis von Kunst und Phänomenologie mit sehr schwerwiegenden Problemen zu kämpfen hatte, da sich Umstände ereigneten, die dazu führten, dass der phänomenologische Blick auf die Kunst vehement in Frage gestellt wurde. Diese Umstände sind in der historischen Entwicklung der Kunst selbst zu suchen, da es zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine regelrechte Existenzkrise der Kunst gab und die Frage aufkam, wie etwas überhaupt als Kunst zu definieren sei. Bestimmte Formen philosophischer Ästhetik mussten notwendigerweise verworfen oder neu überdacht werden. Dies betraf vorwiegend die traditionelle Ästhetik, welche sich mit der Frage beschäftigte, über welche notwendigen Eigenschaften ein Objekt verfügen müsse, damit es als Kunstwerk fungiere.

Dabei suchte man nach bestimmten klassischen Gegenstandsmerkmalen, welche das Objekt als Kunstwerk begründeten. Doch diese Vorgehensweise war zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch die neuen avantgardistischen Kunstformen zum Scheitern verurteilt, vor allem durch Einführung der sogenannten Ready-mades. Von dem französischem Künstler Marcel Duchamp als totalitäre Ablehnung gegen jegliche künstlerische Normen begründet, bezeichneten Ready-mades alltägliche Gebrauchs-Gegenstände, die einzig und allein durch die Handlung des Künstlers, sie auszuwählen und aus ihrer üblichen Umgebung zu holen, zum Kunstobjekt deklariert wurden. So konnte jedes noch so banale Objekt, ob Schneeschaufel oder Flaschentrockner, Reklameschild oder Urinal einen Kunststatus erlangen, ohne dass ästhetische Richtlinien von Bedeutung waren. Diese konnten entweder anerkannt werden oder nicht. Da man den Ready-mades also genau die Eigenschaften zuweisen konnte, wie sie die Gegenstände im Supermarkt auch haben, verlor die Kunst damit ihre spezifischen Merkmale und Orientierung. Es fand im Folgenden eine „programmatische Abkehr“ der Kunst von der Anschauung statt. Die Vorstellung einer durchdachten Komposition trat mehr und mehr in den Hintergrund. Das Werk überschritt die Grenzen von Zufall, Stil und Leben und tauschte sein unverwechselbares Wesen durch eine gesichtslose Beliebigkeit. Als die Grenzen der Identifikation der Kunst immer unklarer und verschwommener wurden, wusste der Betrachter oftmals nicht mehr, was Kunst war und was nicht.

Er wurde oftmals ratlos zurückgelassen: „Wer nicht durch ein Schildchen gesagt bekommt, was im Museum Kunst sein soll, würde viele der ausgestellten Objekte nicht als Kunst erkennen“.

Komposition, Aussagekraft und die Wahrheit traten in den Hintergrund und machten Platz für eine rein materielle Perspektive auf die Objekte als blo ß es etwas. Diese Diskussion hat in der Konsequenz auch eine Krise auf den Blick der Phänomenologie übertragen. Die Kunst entzog sich mehr und mehr einer phänomenologischen Analyse, da „das Aussehen des Kunstobjektes für seinen Kunststatus irrelevant ist“ und die phänomenologische Leitprogrammatik zu „den Sachen selbst“ damit nicht mehr erfüllt werden konnte. Eine phänomenologische Ästhetik bezieht sich nur auf die Objekte selbst und verschließt sich gegen jeglichen Gedanken an eine theoretische oder metaphorische Ausrichtungen des Werkes. Eine phänomenologische Untersuchung der Kunst schien sich den modernen Ansätzen über Kunst nicht länger nähern zu können.

Schon bald darauf wurden verschiedene theoretische Vorschläge laut, die zur Lösung des Problems beitragen sollten. So regte der Philosoph Nelson Goodman in seiner Schrift Wann ist Kunst? zu einem Neustart der Kunstfrage an, in welcher er verlangte, dass nicht mehr danach gefragt werden sollte, welche Kriterien nötig seien, damit etwas Kunst sei, sondern wann etwas Kunst sei.

Die Antwort schien schnell gefunden: Man war der Auffassung, dass Kunst hauptsächlich anhand seiner semiotischen Funktionen seinen Status definiere. „Das heißt: Wie auch immer ein Kunstobjekt aussieht, es hat die Funktion für etwas zu stehen, es bezieht sich auf etwas“. Abgekürzt kann man dies auch unter „etwas ist für etwas präsent“ subsumieren. Dabei spielt es keine Rolle, ob es auf abwesende Dinge oder spezifische Eigenschaften seines Wesens verweist. Goodman hat damit einen Gedanken formuliert, der auf der einen Seite schlüssig und nachvollziehbar war, weil zu keinem Zeitpunkt daran gezweifelt wurde, dass Kunst seinem Wesen nach über eine symbolische Oberfläche verfügen musste, „weil bekanntlich alles zu einem Zeichen werden kann“.

Auf der anderen Seite wollte man ausschließen, dass alle Kunst notwendigerweise zu jedem Zeitpunkt anhand eines Zeichencharakters zu bestimmen sei. Mit diesem Wunsch drohte man jedoch erneut in einer Sackgasse zu landen.

Hier kommt nun das Kunstverständnis Sartres ins Spiel, der sich sowohl gegen das semiotische als auch gegen das rein materialistische Kunstverständnis wendet und stattdessen einen anderen Lösungsweg bietet. Die These ist die, dass Bilder sowohl in den neuen Medien als auch in der Kunst des 20. Jahrhunderts eine grundlegende gemeinsame Funktion haben, welche als weitere Leistungen angesehen werden kann: als Verstärker der Imagination. Dass sich letzteres als eine Funktion der Kunst im Allgemeinen in der Philosophie Sartres wiederfindet und in seiner Ästhetik sogar die entscheidende Rolle spielt, soll im nächsten Teil der Arbeit genauer erläutert werden.

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Details

Seiten
31
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656275992
ISBN (Buch)
9783656276548
Dateigröße
692 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v199010
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
1,3
Schlagworte
jean-paul sartre über kunst appell existenz

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Titel: Jean-Paul Sartre: Über Kunst, Imagination und Freiheit