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Die Phantasie-Reise nach John O. Stevens in der Orientierungsphase eines Coachingprozesses

Ausarbeitung 2011 43 Seiten

Geschlechterstudien / Gender Studies

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 EINLEITUNG

2 AKTIVES IMAGINIEREN NACH C. G. JUNG

3 KATATHYMES BILDERLEBEN NACH HANSCARL LEUNER

4 DAS TOOL „ PHANTASIE-REISE “ NACH JOHN O. STEVENS

5 GESTALTTHERAPIE

6 REPRÄSENTATIONSSYSTEME

7 COACHINGPROZESSPHASEN

7.1 O RIENTIERUNG - INHALTLICHE G ESTALTUNG

8 VORAUSSETZUNGEN VON SEITEN DES COACH

9 VORAUSSETZUNGEN VON SEITEN DES COACHEES
9.1 E NTSPANNUNGSFÄHIGKEIT
9.2 K OOPERATIONSBEREITSCHAFT
9.3 A UFMERKSAMKEITSSTEUERUNG
9.4 KÖRPERWAHRNEHMUNG
9.5 S ELBSTBEOBACHTUNG INNERER P ROZESSE
9.6 D ISKRIMINATION
9.7 A KZEPTANZ
9.8 K OGNITIVE F LEXIBILITÄT
9.9 D ESIDENTIFIKATION
9.10 I MAGINATIONSFÄHIGKEIT

10 ÜBERPRÜFUNG DER VORAUSSETZUNGEN BEIM COACHEE

11 METHODISCHES VORGEHEN
11.1 V ORBEREITUNG
11.2 D URCHFÜHRUNG DER P HANTASIE -R EISE
11.3 E NDPHASE DER P HANTASIE -R EISE
11.4 R EFLEXIONSPHASE

12 EINSATZ VON PHANTASIE-REISEN
12.1 BIE PHANTASIE -REISE „ ROSENBUSCH “

13 MÖGLICHKEITEN

14 GRENZEN

15 FAZIT

LITERATURVERZEICHNIS

1 Einleitung

Phantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt. Diese Erkenntnis wird Albert Einstein zugeschrieben. Der Physiker Albert Einstein hat schon erkannt, wie wichtig Phantasie für Entwicklungsprozesse ist. Was nützt uns alles erworbene Wissen, wenn wir nicht kreativ damit umgehen und neue Gedanken entwickeln, damit Veränderungen möglich werden. Durch die Phantasie und Imagination kann der Mensch relevante Probleme und ihren Hintergrund leichter erkennen. Auch mögliche Lösungen und Lösungswege vermag er zu imaginieren.

Impulsgebend diese Arbeit zu schreiben war eine Übung, welche ich im Rahmen eines Seminars an der Universität Bielefeld angeleitet habe. Es war eine Übung aus der Gestalttherapie, aus dem Buch „Die Kunst der Wahrnehmung“ nach John O. Stevens (1975). Unter anderem werden in diesem Werk Phantasie-Reisen vorgestellt (vgl. Stevens 1975). Da ich universitär ausgebildeter Coach bin, war dies ein Anreiz für mich, diese Methode näher zu betrachten und auch direkt in Coachingsitzungen einzubinden. Dabei erkannte ich, wie hilfreich Phantasie-Reisen in den verschiedenen Phasen eines Coachingprozesses sein können. Sie könnten z.B. in der Orientierungsphase, in der Analysephase, oder auch in der Phase der Zielerreichung hilfreiche Dienste leisten. Ganz individuelle Entwicklungswege können vom Coachee mit Unterstützung des Coach generiert werden. Fast spielerisch ist es möglich, Veränderungsprozesse zu initiieren, denn unbewusste Ziele können sichtbar und auch mögliche Hindernisse können erkannt werden. Phantasie-Reisen arbeiten vor allem mit dem kreativen Bewusstsein des Coachees und regen den inneren Dialog an. Multiple Assoziationsmuster werden angeregt und neue Denk- und Handlungsstrategien können für den Coachee sichtbar werden.

Die Idee mit Phantasie und Imagination zu arbeiten ist nicht neu. Schon seit je her werden imaginative Verfahren bei heilenden Prozessen angewandt. Besonders im Schamanismus wird beschrieben, wie mit Hilfe von Vorstellungskraft heilende Prozesse in Gang gesetzt werden (Harner 1982). Hier werden bei Krankheit und Problemen phantastische Wesen zu Rate gezogen und zeigen dem Ratsuchenden neue Wege auf und ermöglichen eine neue Sicht - einen Perspektivwechsel auf ein vermeintliches Problem. Aber auch in unserer westlichen Kultur haben imaginative Verfahren schon lange einen festen Platz in Therapie, Coaching und Beratungsprozessen.

Im medizinischen Bereich können Phantasie-Reisen z. B. als Hilfe für Schwangere bei vorzeitiger Wehentätigkeit eingesetzt werden (vgl. Rohde/Dorn 2007), aber auch bei Schlafstörungen oder Rheuma finden sie Anwendung (vgl. Scharfenstein/Basler 2004; vgl. Brieden 1999). Ihre Wirksamkeit konnte auch beim Umgang mit Schmerzen nach Operationen nachgewiesen werden (vgl. Krohne/El-Giamal 2008). Im pädagogischen Setting finden Phantasie-Reisen z. B. als Präventionsmaßnahme bei verhaltensauffälligen Jugendlichen (vgl. Hampe/Hegeler 2006), in der Sonderpädagogik (vgl. Niebling 2005), als Gedächtnisschulung und Wert- schätzungsübung im Schulunterricht (vgl. Wildfeuer 2006) Verwendung. Auch in der sexualpädagogischen Arbeit mit geistig behinderten Menschen (vgl. Bundesvereinigung Lebenshilfe 2009), sowie zur Entspannung und Einführung in ein neues Unterrichtsthema (vgl. Schneider/ Herrgesell/Drude 2005) und in der Montessoripädagogik haben Phantasie-Reisen einen Platz gefunden (vgl. Fischer/Heitkämper 2005). Selbst im Sport kann man durch den Einsatz von Phantasie-Reisen profitieren. Mit Hilfe von Handbüchern können Trainer, Sportlehrer und Physiotherapeuten diese geführten Reisen anleiten. Das Ziel ist die Verbesserung der konditionellen Fähigkeiten und ein Erhalt der physischen Gesundheitsressourcen der Sportler (vgl. Vogt/Neumann 2006). Ebenso wird diese imaginative Technik im beruflichen Bereich angewandt. Sei es z. B. bei Softwareschulungen (vgl. Gerlach/Squarr 2004), oder auch im Führungskräftetraining (vgl. Kirn/Echelmeyer/Engberding 2006). Ebenfalls im privaten Bereich zur persönlichen Entwicklung, Krisenbewältigung und Förderung der Kreativität (vgl. Mittermair 2009), um Zukunftsvisionen zu entwickeln (vgl. Krelhaus 2004/2006), als Anti-Stress-Training für Kinder (vgl. Hampel/Pertermann 2003), zur Rückfallprävention mit Alkoholabhängigen (vgl. Körkel/Schindler 2003), zur Gesundheitsförderung in der Hochschule (vgl. Krämer/Sonntag/Steinke/Meier/Hildebrand 2007) und zur Entspannung allgemein (vgl. Kempf 2010) wird mit Phantasie-Reisen gearbeitet.

Der Ursprung der Phantasie-Reise liegt in der Gestalttherapie und so finden sich besonders im therapeutischen Bereich auch vielfältige Anwendungsbereiche von der Poesietherapie (vgl. Heimes/Seizer/Soyka/ Zingg 2008) bis Musiktherapie (vgl. Hörmann 2003), wobei an dieser Stelle noch viele andere Anwendungsszenarien aufzuzählen wären. Die Bandbreite der Anwendungsmöglichkeiten zeigt, dass vielfältig und auch sehr gezielt mit der Phantasie-Reise gearbeitet wird.

Auch im Coaching werden heute Phantasie-Reisen eingesetzt, sie werden dort zu unterschiedlichen Fragestellungen bzw. Problemstellungen herangezogen. Coaching ist eine lösungs- und ergebnisorientierte Beratung, welche die Selbstreflexion fördert und die Wahrnehmungsfähigkeit schärft. Dabei werden keine Lösungen vorgegeben, sondern der Coachee findet sie selbst, der Coach unterstützt und begleitet ihn dabei. Ein wichtiger Faktor im Coachingprozess ist die Ressourcenaktivierung. Eine Möglichkeit individuelle Ressourcen zu erkennen und zu fördern stellen imaginative Verfahren dar, zu diesen zählen auch Phantasie-Reisen.

Wenn wir einem Teil der Coachingdefinition von Björn Migge folgen: “Es werden unterschiedliche Verhaltensebenen, verschiedene Rollenan- forderungen oder Lebensbereiche, Leitsätze und Wahrnehmungs- oder Gedankenverzerrungen bewusst gemacht und maßgeschneidert vom Klienten - unter Beistand des Coachs - neu entworfen, erprobt und an die individuellen Bedürfnisse angepasst“ (Migge 2007, S. 28), so erhalten wir mit den Phantasie-Reisen ein wertvolles Tool, welches vor allem auf der Ebene des Unbewussten arbeitet und Hintergründiges zum Vorschein bringen kann. Hiermit könnten die von Migge beschriebenen Bereiche betrachtet und in Coachingsitzungen weiter bearbeitet werden. Denn, „Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind“, so ein Zitat, welches auch Einstein zugeschrieben wird.

Diese Arbeit wird vor allem der Frage nachgehen, wie sinnvoll der Einsatz von Phantasie-Reisen in der Orientierungsphase eines Coachingprozesses ist.

Zunächst soll die historische Entwicklung von imaginativen Techniken, angefangen beim aktiven Imaginieren nach C. G. Jung über das katathyme Bilderleben nach Hanscarl Leuner bis zur Phantasie-Reise nach John O. Stevens dargestellt werden. Da dieses Tool in die Gestalttherapie eingebettet ist und der Coach, welcher mit Phantasie-Reisen arbeitet, eine bestimmte Haltung bei seiner Arbeit mitbringen sollte, wird auch der Gestalttherapie ein Abschnitt in dieser Arbeit gewidmet. Die Gestalttherapie basiert auf der Theorie der ganzheitlichen Wahrnehmung und so werden die Repräsentationssysteme des Menschen und ihre Bedeutung für die Wahrnehmung im anschließenden Teil erläutert.

Ein Coachingprozess unterteilt sich in verschiedene Phasen und eine Phase davon ist die Orientierungsphase. Neben einer kurzen Beschreibung des Coachingprozesses wird die Orientierungsphase, welche für diese Arbeit von besonderer Bedeutung ist, intensiver beschrieben.

Nicht für jeden Coach und nicht für jeden Coachee sind imaginative Verfahren, wie die Phantasie-Reise das ideale Tool. So werden im nächsten Abschnitt Fähigkeiten und Kompetenzen von Coach und Coachee dargelegt, die als Voraussetzung angesehen werden, um mit Phantasie-Reisen erfolgreich zu arbeiten.

Es schließt sich ein Kapitel an, welches das methodische Vorgehen bei der Phantasie-Reise in ihren einzelnen Phasen beschreibt. Um den richtungsweisenden Charakter dieses imaginativen Tools aufzuzeigen, werden dann einige Praxisbeispiele herangezogen und analysiert. Durch den Abschnitt der Möglichkeiten und Grenzen von Phantasie-Reisen, soll zum Ende hin der kritische Blick auf die vorliegende Arbeit geworfen und mit einem kurzen Fazit die Arbeit abgeschlossen werden.

2 Aktives Imaginieren nach C. G. Jung

Der Schweizer Psychiater C. G. Jung war von den Beschreibungen seiner Patienten sehr beeindruckt, wenn sie von Phantasiegestalten berichteten, die mit ihnen sprachen. Er war bestrebt seine Patienten wirklich zu verstehen, denn er wusste, nur so konnte er ihnen helfen. Im Jahr 1913 hat C. G. Jung seine ersten Selbstversuche zur aktiven Imagination unternommen. Im Dezember 1913 wollte C. G. Jung seine Phantasien kennen lernen und machte Ausflüge in sein Unbewusstes. Er wollte sich seinen inneren Bildern bemächtigen und in die Welt der Imagination eintauchen. Jung stieg hinab in seine Phantasiewelt, er sah und hörte sich dort im Dialog mit seinen Phantasiegestalten. Die Phantasiegestalten hatten ihr eigenes Leben und Denken, die unabhängig von seiner eigenen, bewussten Person waren. Er schrieb: „so brachte er (die Phantasiegestalt) mir die Objektivität, die Wirklichkeit der Seele, bei“(Ammann 1978, S. 38).

Jung kommunizierte auch schriftlich mit seiner „Anima“ - der Frau in ihm. Er schrieb an einen Teil seiner selbst, an den Teil der im bewussten Zustand eine andere Ansicht hatte als er selbst. Er war sehr verwundert, welche Antworten er von seiner „Freundin“ bekam. Jung war klar, dass die wesentliche Unterscheidung, das Wissen der Inhalte des Bewussten und des Unbewussten ist. Nur wer sich dessen bewusst ist und Kontakt vom Bewusstsein zum Unbewusstsein herzustellen vermag, der kann sich in seiner Persönlichkeit weiterentwickeln. Am einfachsten gelingt es, wenn das Unbewusste personifiziert wird (vgl. Ammann 1978, S. 39). Dies bedeutet, man verleiht den unbewussten Gedanken eine Gestalt, wie Jung es mit seiner Anima, den Zwergen und anderen Phantasiegestalten getan hat. Wichtig ist aber noch zu erwähnen, dass das Unbewusste, personifiziert oder nicht personifiziert, immer einen gewissen Grad der Autonomie besitzt. Dieses aktive Imaginieren, wie es Jung praktizierte, könnte als ungelenktes Imaginieren bezeichnet werden, da weder von ihm selbst noch von einer dritten Person irgendwelche Vorgaben gemacht wurden, wohin die Phantasie-Reise gehen sollte.

3 Katathymes Bilderleben nach Hanscarl Leuner

Viele imaginative Verfahren wurden seit dieser Zeit entwickelt. Als ein Beispiel soll hier das katathyme Bilderleben kurz dargestellt werden, welches von Hanscarl Leuner (1994) in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts entwickelt wurde und heute noch in der Psychotherapie Anwendung findet. Im Gegensatz zu Jungs aktivem Imaginieren, ist das katathyme Bilderleben nach Leuner ein, vom Therapeuten gelenkter Tagtraum. Eingesetzt wird das katathyme Bilderleben, oft auch Bilderreise genannt, in der Kurztherapie bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen zur Behandlung von Krisen, Depressionen, psychosomatischen Beschwerden, Zwangsneurosen und bei psychisch bedingten Sexualstörungen.

Hanscarl Leuner schreibt über seine Methode, dass es nahezu jedem Menschen möglich ist, die „Tore zum Bildbewusstsein zu öffnen“ (Leuner 1994, S. 47). Diese Technik ist eine Art Tagtraumimagination, bei welcher der Patient zunächst durch Induktion von Ruhe oder durch autogenes Training in einen entspannten Zustand versetzt werden soll. Nach Aufforderung des Therapeuten stellt sich der Patient ein imaginatives Bild vor, in dem er sich bewegt. Bei Leuner werden verschiedene Standardmotive verwandt. Diese sind z. B. eine Wiese, ein Bach, ein Berg, ein Haus, oder ein Waldrand. Aber auch die Begegnung mit einer Beziehungsperson, ein Rosenbusch, eine Frau, die an einer Straße eine Mitfahrgelegenheit sucht, usw.. Der Patient wandert in seiner Vorstellung, nach genauen Anweisungen des Therapeuten, durch diese vorgegebenen Bilder und entwickelt dabei unterschiedlichste Emotionen. Es sind nicht willentlich gesteuerte, aber mit allen Sinnen wahrgenommene innere Bilder. Es tauchen Erinnerungen, Szenen, Geschichten und Gefühle auf, die dem Therapeuten berichtet werden. Die Berichte bilden die Grundlage, auf der Therapeut und Patient weiter zusammen arbeiten. Bei dieser Methode ist besonders hervorzuheben, dass die Behandlungszeiten erstaunlich kurz sind. Leuner schreibt von 15 -20 Sitzungen und von relativ geringen Rückfallquoten, da die Technik einen Einfluss auf einen breiten psychodynamischen Hintergrund hat (vgl. Leuner 1994, S. 20ff, S. 451ff).

4 Das Tool „Phantasie-Reise“ nach John O. Stevens

Ähnlich dem katathymen Bilderleben ist auch die Phantasie-Reise, die von John O. Stevens (1975) entwickelt wurde, eine gelenkte Imaginationsübung. Phantasie-Reisen sind "Reisen nach innen" - und damit außergewöhnliche Erfahrungen. Es sind Geschichten zum Vorlesen bzw. zum Anhören. Der Phantasie-Reisende folgt in Gedanken der Geschichte des Vorlesers und entwickelt dabei eigene Gedanken und Gefühle. Die Erzählsprache ist vage und der Phantasie-Reisende hat die Möglichkeit die Geschichte mit seinen eigenen Bildern, Erlebnissen und Erfahrungen zu ergänzen. So erlebt jeder „Phantasie-Reisende“ ganz individuelle Bilderlebnisse, die sich zusammensetzen aus visuellen, auditiven, kinästhetischen, gustatorischen und olfktorischen Wahrnehmungen.

Phantasie-Reisen helfen bei Entspannung, sie fördern positive Gedanken und vermitteln positive Gefühle. Sie laden den Zuhörer ein, seine Achtsamkeit und Konzentration sanft nach innen zu lenken. Es sind Reisen ins eigene Ich, wobei die Grenze zwischen Bewusstsein und Unterbewusstsein verschwimmen. Phantasie-Reisen regen die Phantasie sowie die Kreativität an, helfen dabei Stress abzubauen und das innere Gleichgewicht wiederherzustellen. Phantasie-Reisen fördern die Selbstreflexion und können in einer Problemsituation durch eine erweiterte Wahrnehmung zu einem Perspektivwechsel verhelfen. Der Ratsuchende kann in seiner Vorstellung neue Denk- und Handlungsstrategien entwickeln und ist dadurch in der Lage, seine negative Sicht auf einen Prozess oder eine Situation zu überdenken.

Phantasie-Reisen nach Stevens gehören in den Bereich Gestalttherapie. Die Gestalttherapie bildet den theoretischen Hintergrund für die Arbeit mit diesem Tool und soll daher hier kurz einführend dargestellt werden.

5 Gestalttherapie

Gestalttherapie ist die Bezeichnung für eine Psychotherapieform, die von Friedrich Perls, seiner Frau Lore Perls und Paul Goodman entwickelt wurde und der humanistischen Psychologie zuzuordnen ist. Die Gestalttherapie verfolgt das Ziel, den Menschen bewusster für sich selbst zu machen und ihm zu mehr Selbstverantwortung zu verhelfen. Dabei wird der Mensch als ein selbstregulierendes, ganzheitliches System in seinem Umfeld betrachtet. Dem Menschen soll zu seiner vollen „Gestalt“ verholfen werden und den emotional Verkümmerten sollte ein Weg aus ihrer einseitigen Sicht aufgezeigt werden (vgl. Stevens 1975, S. 5). Denn jedes Individuum trägt in sich die Tendenz, ein inneres Gleichgewicht herstellen zu wollen und in dem bewussten Erleben des „Hier und Jetzt“ wird die Grundlage zu dieser Harmonie gelegt. Mit Hilfe der Gestalttherapie kann der Einzelne seine Bedürfnisse und Wünsche besser voneinander unterscheiden und er lernt dadurch mehr im Einklang mit sich selbst zu leben. Die Gestalttherapie beschreibt die Wahrnehmung als ganzheitlichen Prozess, mit dem ein Lebewesen seine Umwelt für sich strukturiert. Diese ganzheitliche Wahrnehmung, unter der Bewusstwerdung unserer, in den jeweiligen Situationen dominierenden Repräsentationssystemen, bildet die theoretische Grundlage der Gestalttherapie. Sie findet Anwendung in Einzel- und Gruppentherapie, Paar- und Familientherapie, sowie in Supervision, Organisationsberatung und Coaching.

Wie beschrieben geht es bei der Gestalttherapie um den ganzheitlichen Charakter von Wahrnehmungsprozessen. Die Grundannahme, dass Wahrnehmung etwas anderes ist als die Summe der einzelnen Reize kann auf das Denken, Handeln und Problemlösen übertragen werden und hat daher für das Coaching eine besondere Bedeutung.

6 Repräsentationssysteme

Das Wort Repräsentation leitet sich ab vom „repraesentatio“, was übersetzt Darstellung bedeutet. Der Mensch nimmt seine Umgebung und deren Prozesse wahr und er verarbeitet davon Teile sensorisch. Dieser kognitive Prozess ermöglicht es ihm eine innere Repräsentation seiner Außenwelt zu erstellen. Damit kommt es zu einer inneren Entsprechung des Wahrgenommenen, einem internen kognitiven Modell der Außenwelt (vgl. Zimmer 2006, S. 325ff). Die Repräsentationssysteme oder auch Wahrnehmungssysteme des Menschen bezeichnen die Art, wie wir die Informationen unserer Umwelt wahrnehmen, abspeichern und zu einem späteren Zeitpunkt wieder in Erinnerung rufen können.

Unsere fünf Repräsentationssysteme sind das Sehen (visuell=V), der Klang (auditiv=A), das Gefühl (kinästhetisch=K), der Geruch (olfaktorisch=O) und der Geschmack (gustatorisch=G). Die Repräsentationssysteme werden mit VAKOG abgekürzt. Die Arbeit mit Repräsentationssystemen stützt sich auf zwei Annahmen: Zum Einen nehmen wir die Informationen der Umwelt mit unterschiedlichen Sinnen wahr und daraus konstruieren wir verschiedenste innere Bilder (Seh-, Hör-, Fühl-, usw. Bilder). Zum Anderen stellen diese inneren Bilder die Grundlage des Bewusstseins dar. Diese inneren Bilder bilden den Zugang zu unserem bewussten Wissen.

Das Wissen über Gestalttherapie und die Repräsentationssysteme bildet die Basis um als Coach mit Phantasie-Reisen zu arbeiten. Der Coach selbst sollte sein bevorzugtes Repräsentationssystem kennen und geschult sein, es beim Coachee wahrnehmen zu können um dieses Tool verantwortungsbewusst im Coachingprozess anzuleiten.

7 Coachingprozessphasen

In einem Coachingprozess werden verschiedene Phasen durchlaufen. Diese Phasen sind nicht starr und trennscharf zu betrachten, aber sie geben dem Prozess eine Orientierung und Struktur. Der Coach und auch der Coachee erhalten dadurch einen roten Faden für ihre Arbeit. Verschiedene Coaches gliedern die Prozessphasen unterschiedlich. So wird der Prozess von dem einen Coach nur in drei grobe Phasen (vgl. Marx 2006) aufgeteilt und andere untergliedern den Prozess sehr detailliert in bis zu zehn Phasen (vgl. Niermeyer 2007; vgl. Backhausen/Thommen 2006; vgl. Schumacher/Franz 2007). Auch der Phasenablauf wird nicht identisch dargestellt. Es finden sich lineare Prozessmodelle (vgl. Rauen 2007, vgl. Niermeyer 2007), iterative (vgl. Kreyberg 2001) und zirkuläre Modelle (vgl. Schumacher/Stimmer 2007). Der gesamte Coachingprozess teilt sich in Phasen ein, aber auch in jeder einzelnen Coachingsitzung können diese Phasen durchlaufen werden und so kann aus einem linearen Modell auch ein iteratives, bzw. zirkuläres Modell werden. Der Dipl. Psychologe und Coach Christopher Rauen (2007) unterteilt einen Coachingprozess in fünf Phasen. Diese nennt er: Come together - Kennenlern- und Kontaktphase, Orientation - Inhaltliche Gestaltung, Analysis - Untersuchung des Klientenanliegens und des Klientenumfelds, Change - Veränderungsphase und Harbour - Zielerreichung und Abschluss (Rauen 2007, S. 11f).

In dieser Arbeit wurde beispielhaft das Phasenmodell nach Rauen gewählt. Dieses Modell ist nach meiner Auffassung detailliert genug um aufzuzeigen, wie sinnvoll der Einsatz von Phantasie-Reisen in der Orientierungsphase sein kann.1

7.1 Orientierung - inhaltliche Gestaltung

Wie der Name dieser Phase schon ausdrückt, beschäftigen sich Coach und Coachee in dem zweiten Prozessschritt mit der Orientierung und auch mit der inhaltlichen Gestaltung des Coachings. Diese Phase umfasst den formalen, den inhaltlichen und psychologischen Kontrakt aller Coachingbeteiligten. Ausführlich wird im formalen Teil erarbeitet und festgehalten, wie viele Treffen vereinbart werden, Ort des Coachings, Höhe des Honorars, die grobe Zielsetzung des Coachings etc. (vgl. Strikker o.A./ vgl. Mautsch 2007, S. 65ff). Der inhaltliche Kontraktteil kann unter anderem Aufgabenstellung, Problemlage, Zielsetzung und/oder Meilensteine umfassen. Im psychologischen Kontrakt werden die „Spielregeln“ zwischen Coach und Coachee vereinbart. Hier geht es um gegenseitige Wünsche und Erwartungen, Grenzen und Tabuthemen, Diskretion und Vertraulichkeit sowie Transparenz der Maßnahmen, etc. (vgl. Strikker o. A.). Jeder Kontrakt ist individuell und muss vom Coach an den Coachee und das bevorstehende Coaching angepasst werden. Es entstehen so Verbindlichkeiten für alle Seiten und damit eine Orientierung über den Prozess. Die Selbstverpflichtung der Beteiligten wurde geregelt. Dies schafft ein gewisses Maß an Sicherheit, da die Bewegung im Bezugsrahmen „Coaching“ abgesteckt und transparent gemacht wurde.

Da Coach und Coachee auch eine Orientierung für eine konstruktive inhaltliche Coachingarbeit brauchen, muss eine Richtung erarbeitet werden, in die der Prozess geführt werden soll. Es stellen sich so für beide Seiten die Fragen: Welche Anliegen des Coachees sollen genau geklärt werden? Was ist das eigentliche Problem? Wie soll gearbeitet werden?

Für den Coach stellt sich die Frage, ob eher ein sachbezogenes Thema im Vordergrund des Problems steht, dann könnte ein Analysetool wie die SWOT-Analyse eingesetzt werden.

[...]


1 Phantasie-Reisen können auch in den anderen vier Coachingprozessphasen zielführend eingesetzt werden, aber um in dieser Arbeit beispielhaft in die Tiefe zu gehen, wurde exemplarisch nur eine Phase ausgewählt. Auf eine ausführliche Erläuterung der anderen Phasen wurde an dieser Stelle verzichtet.

Details

Seiten
43
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656259701
ISBN (Buch)
9783656260035
Dateigröße
485 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v199162
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld
Note
"-"
Schlagworte
Phantasie-Reise Coaching Orientierungsphase

Autor

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Titel: Die Phantasie-Reise nach John O. Stevens in der Orientierungsphase eines Coachingprozesses