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Vespasian und die 'lex de imperio Vespasiani'

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 24 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Vespasian in Rom

3. Die lex de imperio Vespasiani - Allgemeine Hintergründe

4. Die Paragraphen der lex de imperio Vespasiani
4.1. Paragraph 1 – Abschließen von Verträgen
4.2. Paragraph 2 – Einberufen von Senatssitzungen
4.3. Paragraph 3 – Beschlüsse in Senatssitzungen
4.4. Paragraph 4 – Verteilung von Ämtern und Neuordnung des Senats
a) Chancen, Probleme und Verpflichtungen
b) Senatorenlaufbahn
c) Neuordnung des Senats
4.5. Paragraph 5 – Grenzausdehnung Roms
4.6. Paragraph 6 – Vollmacht – ja oder nein?
4.7. Paragraph 7 – Entbindung von bestimmten Gesetzen
4.8. Paragraph 8 – Rückwirkende Legitimation
4.9. Sanctio – Strafandrohung

5. Schluss und Ausblick: Die Bedeutung der lex de imperio Vespasiani

6. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Macht ist ein politisch-soziologischer Grundbegriff, der für Abhängigkeits- oder Überlegenheitsverhältnisse verwendet wird, d.h. für die Möglichkeit der M.-Habenden, ohne Zustimmung, gegen den Willen oder trotz Widerstandes anderer die eigenen Ziele durchzusetzen und zu verwirklichen. M. kann von Personen, Gruppen, Organisationen (Parteien, Verbänden, Behörden) bzw. dem Staat ausgeübt werden oder von gesellschaftlichen (wirtschaftlichen, technischen, rechtlichen, kulturell-religiös geprägten) Strukturen ausgehen.[1]

Im aktuellen politischen Geschehen kommt eben dieser Begriff der „Macht“ sehr oft zur Sprache. Gerade in Nachrichten aus Ländern wie zum Beispiel Ägypten oder Tunesien geht es immer wieder darum, wer wann wie viel Macht haben darf, beziehungsweise haben soll, und vor allem, wer auf gar keinen Fall mehr an die Macht kommen darf. Demzufolge muss man davon ausgehen, dass Macht sowohl positiv als auch negativ belegt sein kann. Während die negative Seite für die Bevölkerung eines Landes meist Unterdrückung und Einengung bedeutet, da der Machthabende, wie in dem oben aufgeführten Zitat erwähnt, seine eigenen Ziele verfolgt und dabei das Gemeinwohl außer Acht lässt, kann eine positive Nutzung von Macht für das Volk durchaus angenehm sein: die Menschen können sich sicher fühlen, der Machthabende verfolgt Ziele, welche mit den Wünschen des Volkes übereinstimmen, er nutzt seine Macht nicht aus. Wenn man sich die aktuellen Probleme mit Diktatoren ansieht und mit der Vergangenheit vergleicht, so stellt man fest, dass diese Schwierigkeiten durchaus keine Neuheiten darstellen. Betrachtet man die Antike, so erkennt man, dass es in der römischen Kaiserzeit sowohl „gute“ als auch „schlechte“ Kaiser gab, wobei sich „gut“ und „schlecht“ auf die Art und Weise der Regierung und der Machthandhabung bezieht. Nero, fasziniert von griechischem Theater und Musik und misstrauisch gegenüber allen, die in seinen Augen zu viel Macht innehatten, verfolgte diese Interessen beispielsweise nachdrücklich, ohne sich darum zu kümmern, ob dies für das römische Volk von Nutzen war. Ganz anders verhielten sich Kaiser wie Vespasian: auch er erhielt durch den Erlass der lex de imperio Vespasiani (s. Anhang I) große Machtzugeständnisse, doch nutzte er sie, um zum Beispiel das Heer zu reorganisieren, Grenzen zu sichern und die Schulden, die Nero hinterlassen hatte auszugleichen. Der folgende Text geht nun genauer auf dieses eben genannte Gesetz ein, wobei untersucht wird, was die einzelnen Artikel für Vespasian, aber auch für den Senat bedeuteten. Des Weiteren versucht die Arbeit die Frage zu beantworten, welche Paragraphen der princeps in welcher Art und Weise genutzt hat. Dazu wird zunächst kurz auf den Hintergrund, beziehungsweise auf den Amtsantritt Vespasians eingegangen, um sich anschließend genauer mit der lex an sich zu befassen und die einzelnen Paragraphen analysieren zu können. Abschließend steht ein Fazit mit einem Vergleich zwischen Vespasian und Augustus, sowie der Versuch, die Bedeutung dieses Gesetzes herauszustellen. Forschungsgeschichtlich gilt es zu erwähnen, dass die lex de imperio Vespasiani bereits sehr früh Interpreten fand und in kaum einem Handbuch fehlt, welches sich das römische Staatsrecht oder die Kaiserzeit zum Thema macht. In der frühen Neuzeit, als man an die gottgegebene Monarchie glaubte, führte die lex dementsprechend zu Verwirrungen und man nahm schließlich an, dass es sich um eine Fälschung handelte.[2] Trotz der häufigen und früh einsetzenden Interpretationen ist sich die Forschung jedoch in einigen Punkten völlig uneinig und die Meinungen driften weit auseinander. Dies wird auch im weiteren Verlauf deutlich, im speziellen bei Paragraph 6.[3]

2. Vespasian in Rom

Am 1. Juli 69 n. Chr. wurde Vespasian, unterstützt durch sein Heer, zum einen von dem Präfekten Ägyptens, Tiberius Iulius Alexander, und zum anderen von dem Statthalter Syriens, Mucianus, zum princeps ausgerufen.[4]Plurimum coeptis contulerunt iactatum exemplar epistulae verae sive falsae defuncti Othonis ad Vespasianum extrema obtestatione ultionem mandantis et ut rei p. subveniret optantis, [...]“[5]

Doch erst ein halbes Jahr später kam es endlich zur Niederschlagung des jüdischen Aufstandes. „ Rebellione trium principum et caede incertum diu et quasi vagum imperium suscepit firmavitque tandem gens Flavia, obscura illa quidem ac sine ullis maiorum imaginibus, sed tamen rei p. nequaquam paenitenda, constet licet Domitianum cupiditatis ac saevitiae merito poenas luisse.“[6] So beschreibt Sueton die Bedeutung des neuen herrschenden Geschlechts in seiner Kaiserbiographie. Vespasian hatte demnach also keinen weit zurückreichenden, adligen Ursprung, sondern entstammte vielmehr einer eher einfachen Familie. Dennoch gelang ihm der rasche Aufstieg innerhalb der römischen Gesellschaft- sogar an Neros Griechenlandreise nahm er teil. Schließlich bekam er den Oberbefehl über die Truppen in der unruhigen Provinz Iudaea und es gelang ihm, den Großteil des Landes in die Knie zu zwingen. Neben dem Jüdischen Krieg kam es aber noch zu einem weiteren Aufstand, auf welchen Vespasian gezwungen war zu reagieren. Es handelt sich dabei um den Bataveraufstand, der im Sommer des Jahres 69 n. Chr. seinen Anfang fand. Es gab mehrere Gründe, welche die Unruhe vermutlich heraufbeschworen: zum einen drängte der Bataver Iulius Civilis sein eigenes Volk, wie auch benachbarte Völker, gegen die ungerechte Behandlung der Römer vorzugehen, zum anderen war die Zeit generell alles andere als friedlich und ruhig – in Rom tobte nach wie vor der Krieg zwischen Vitellius und Vespasian und die Bataver wollten die Wirren nutzen, um sich von der Herrschaft der Römer über ihr Volk loszusagen. Erst nach Vespasians Sieg in Italien standen genug Truppen zur Verfügung, um den Aufstand endlich im Jahre 70 n. Chr. zu beenden. Man sieht daran, dass Vespasian in einer äußerst angespannten Zeit an die Macht kam – nicht nur der ständige Wechsel des princeps im Vierkaiserjahr, sondern auch die Unruhen im Land und dessen Provinzen machten es dem neuen Oberhaupt nicht einfach - gaben ihm jedoch die Möglichkeit, großen militärischen Ruhm zu erlangen.[7] Nach seiner Akklamation gab Vespasian noch in Ägypten seinen eigenen Namen Titus Flavius zu Gunsten des Ehrennamens Augustus auf. Er stellte sich somit klar in die Reihe der „guten“ Kaiser. Eigentlich sollte man denken, diese Handlung würde in Rom positiv aufgenommen werden, wandte er sich doch somit auch zugleich gegen Kaiser wie Nero oder Caligula. Doch da der Senat seine Ausrufung zum princeps noch nicht bestätigt hatte, fühlte man sich übergangen und untergraben. Zusätzlich war zu dieser Zeit auch Vitellius, der durch den Senat anerkannt war, noch im Amt und trug somit rechtmäßig den Augustustitel. Als sich schließlich jedoch die flavische Seite durchsetzte und Vitellius getötet wurde, legitimierte der Senat die rechtswidrige Handlung von Vespasian und erkannte ihn als neuen Kaiser an.[8] Während seiner Abwesenheit übernahmen sein 18jähriger Sohn Domitian als Stadtprätor und der ehemalige Statthalter Syriens, Mucian, die Regierungsgeschäfte der Stadt. Flavius Josephus beschreibt diese Übernahme in seinem Werk de bello Judaico: „ Mucianus ließ dann den Domitian heraustreten und stellte ihn der Menge als den Mann vor, der bis zur Ankunft seines Vaters die Staatsführung innehabe. Das Volk, das nun von den Schrecken erlöst war, begrüßte die Wahl Vespasians zum Kaiser und feierte gleichzeitig beides, dessen Bestätigung im Amt und den Sturz des Vitellius.[9] Vespasian selbst kehrte erst im Oktober des Jahres 70 n. Chr. nach Rom zurück.[10] Auch dieses Ereignis hielt Flavius Josephus in seinem Werk fest:

Als der Caesar Titus die Nachricht über seinen Vater erhielt, dass er in allen Städten Italiens willkommen geheißen wurde, und besonders die Stadt Rom ihn mit großer Begeisterung und Pracht empfangen habe, wurde er von großer Freude und Genugtuung erfüllt, da er nun von der Sorge um seinen Vater so glücklich befreit war. Denn als Vespasian sogar noch weit weg war, huldigten ihm bereits die Menschen Italiens, als sei er schon gekommen; ihrem heißen Wunsch entsprechend hielten sie die Erwartung bereits für seine Ankunft, wobei das Wohlwollen von jeder Nötigung frei war. Für den Senat, der sich an die Geschehnisse die dem häufigen Thronwechsel erinnerte, war nichts wünschenswerter als ein Führer von würdigem Alter, geschmückt mit dem Glanz kriegerischer Leistungen, von dem man überzeugt war, dass er die hohe Stellung allein zum Wohl seiner Untertanen nutzen würde. [... ][11]

Das wichtigste war für Vespasian nun, seine Herrschaft zu rechtfertigen. Religiös legitimiert war er, denn er galt als Gesandter Gottes und war eng verbunden mit der orientalischen Gottheit Sarapis, Kultgenosse der Isis. Sarapis zu Ehren, verbrachte Vespasian mit seinem ältesten Sohn Titus die Nacht vor dem Triumphzug durch Rom in dem Tempel der Isis. Dieser Triumphzug, der 71 n. Chr. stattfand, war eine weitere Legitimation für das Oberhaupt, da seine militärischen Fähigkeiten zum Sieg über die Aufständischen verholfen hatten. Den Sieg über die Juden ließ er auch auf vielen Münzen dieser Zeit darstellen, was ebenso zeigte, wie wichtig der militärische Erfolg für ihn war.[12] Eine weitere wichtige Tat, die Vespasian in Rom vollbrachte, stellte das Schließen der Tore des Janustempels dar. Dies war ein symbolischer Akt, welcher zeigen sollte, dass im gesamten Reich Frieden herrschte. Es handelte sich dabei vermutlich um ein Doppeltor aus Bronze (früher aus Holz), welches zu Ehren des Gottes Ianus, dem Gott des Durchgangs, erbaut wurde. Der letzte princeps, der die Tore schloss, war Augustus selbst gewesen.[13]

[... ] Das Volk das wahrhaftig durch die Wirren arg aufgerieben war, war begierig auf seine Ankunft, da es fest glaubte, nun von seinem Unglück befreit zu sein, und darauf vertraute, dass es jetzt Sicherheit und Glück zurückerhalten werde. Besonders aber schaute das Heer auf ihn; kannten die Soldaten doch am besten die Bedeutung der von Vespasian erfolgreich beendeten Kriege. Da sie die Unfähigkeit und Feigheit der anderen Kaiser erfahren hatten, begehrten sie die große Schmach zu tilgen und glaubten, er allein könne ihnen Heil und Ruhm bringen. Angesichts der Begeisterung aus allen Schichten der Bevölkerung konnten diejenigen, die durch Würden hervorragten, nicht länger warten, sondern beeilten sich ihn so weit wie möglich vor der Stadt zu empfangen.[14]

Somit hatte er die Erwartungen des Volkes erfüllt und den Grundstein für ein neues, friedliches Zeitalter gelegt.

[...]


[1] http://www.bpb.de/popup/popup_lemmata.html?guid=U1RMI7 (Stand: 10. 09. 2011, Quelle: Schubert, Klaus/ Klein, Martina: Das Politlexikon, Bonn 2006.)

[2] Vgl.:Pabst, Angela: „...ageret faceret quaecumque e re publica censeret esse.“ – Annäherungen an die lex de imperio Vespasiani, in: Dahlheim, Werner/ Schuller, Wolfgang/ von Ungern- Sternberg, Jürgen (Hrsg.): Festschrift Robert Werner zu seinem 65. Geburtstag (Xenia Band 22) Konstanz 1989, S. 127.

[3] Vgl.: Levick, Barbara: The lex de imperio Vespasiani: the parts and the whole, in: Capogrossi Colognesi, Luigi/ Tassi Scandone, Elena (Hg.): La lex de imperio Vespasiani e la Roma dei Flavi, Rom 2009, S. 16 – 22.

[4] Vgl.: Suet.: Vesp. VIII, 6,3.

[5] Suet.: Vesp. 6,4: „ Am meisten begünstigte das Unternehmen die vielbesprochene Abschrift eines echten oder auch gefälschten Briefes des toten Otho an Vespasian, in dem er diesen auf das inständigste beschwor, ihn zu rächen, und den Wunsch äußerte, er möge dem Staat zu Hilfe kommen [ ... ] “.

[6] Ebd., 1,1: „ Die durch die ständigen Kämpfe und die Ermordung dreier Herrscher lange Zeit unsichere und gleichsam von einem zum anderen schwankende Herrschaft übernahm und festigte endlich das flavische Geschlecht, das zwar unbekannt war und keinerlei Ahnenbilder aufweisen konnte, mit dem der Staat aber dennoch keineswegs unzufrieden zu sein brauchte, obgleich feststeht, dass Domitian für seine Begierde und Grausamkeit die gerechte Strafe erlitten hat.“

[7] Vgl.: Christ, Karl: Geschichte der römischen Kaiserzeit. Von Augustus bis zu Konstantin, München 2009, S. 254- 256.

[8] Vgl.: Pfeiffer, Stefan: Die Zeit der Flavier. Vespasian – Titus – Domitian, Darmstadt 2009, S. 14- 15.

[9] Flav. Ios.: De bello Judaico. Der jüdische Krieg. Griechisch und Deutsch (Band 2), hg. und übers. v. Michel, Otto/ Bauernfeind, Otto, Darmstadt 1963, Buch IV, 11, 4.

[10] Vgl. Bengtson, Hermann: Die Flavier. Vespasian – Titus – Domitian. Geschichte eines römischen Kasierhauses, München 1979, S. 63.

[11] Flav. Ios.: De bello Judaico. Buch VII, 4, 1.

[12] Vgl.: Pfeiffer, Stefan: Die Zeit der Flavier, S. 19.

[13] Vgl.: Graf, Fritz: s.v. Ianus, in: Der neue Pauly 5 (1998), Sp. 858- 861. Und: Roscher, Wilhelm Heinrich: s.v. Ianus, in: Ausführliches Lexikon der griechischen und römischen Mythologie 2 (1894), Sp. 13- 55.

[14] Flav. Ios.: De bello Judaico. Buch VII, 4, 1.

Details

Seiten
24
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656282938
ISBN (Buch)
9783656283546
Dateigröße
505 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v199180
Institution / Hochschule
Universität Augsburg
Note
2,00
Schlagworte
Vespasian Römische Kaiserzeit Lex de imperio Vespasiani Rom Senat

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