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Vom Wahnsinn und Unheimlichen in E.T.A. Hoffmanns "Sandmann"

Hausarbeit 2011 22 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. „Das Unheimliche“ und „der Wahnsinn“

3. Analyse des Werkes
3.1 Die Figuren
3.2 Die Erzählstrategie/Aufbau der Handlung

4. „Das Unheimliche“ und „der Wahnsinn“ anhand von Motiven und Erzählkunst
4.1 Das Augenmotiv
4.2 Das Feuermotiv/Hitze
4.3 Das Automatenmotiv
4.4 Die Verrätselungstechnik
4.5 Die Dramenstruktur

5. Die Erzähltheorie im „Sandmann“ nach Gerard Genette

6. „Das Unheimliche“ und „der Wahnsinn“ anhand von 2 Textstellen/ Beispiele
6.1 Nathanaels Kindheit/Das Ammenmärchen vom Sandmann
6.2 Die erste Begegnung mit dem „Sandmann“: Die Alchemie-Szene

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Der Dichter, Zeichner und Musiker Ernst Theodor Amadeus Hoffmann (1776-1822) schrieb seine Erzählung Der Sandmann im November des Jahres 1815 innerhalb weniger Tage. Hoffmanns wohl bekanntester Text neben Der goldne Topf ist der Spätromantik (ca. 1815-1848) mit dem Zentrum Berlin zuzuordnen. Veröffentlicht wurde Der Sandmann erstmals 1816 als erste von insgesamt acht Erzählungen in der Sammlung der Nachtstücke. Der Genrebegriff Nachtstücke stammt ursprünglich aus der Malerei und bezeichnet Gemälde, die einen ausgeprägten Hell-Dunkel-Kontrast aufweisen und mit dem Prinzip des Zwielichts gestaltet wurden. Ab der zweiten Hälfe des 18. Jahrhunderts findet dieser Ausdruck in Deutschland ebenfalls in der Literatur Verwendung. Die literarischen Nachtstücke spielen in einer nächtlichen bzw. schauerlichen Szenerie. In ihnen verbinden sich phantastische mit psychologischen Motiven. Sie schaffen dem Unbewussten - sozusagen der Nachtseite der menschlichen Psyche - Raum und zeigen das Innenleben der Figuren. So verhält es sich auch bei Hoffmanns Nachtstück Der Sandmann, in dessen Zentrum der seelische Zustand des Protagonisten steht, der dem Irrsinn verfällt.

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, den „Wahnsinn“ und „das Unheimliche“ in E.T.A. Hoffmanns Erzählung zu untersuchen. Meine zentrale Frage analysiere ich im Hauptteil, indem ich der Leitfrage: „wie schafft es Hoffmann „das Unheimliche“ und „den Wahnsinn“ dem Leser zu zeigen?“ nachgehe. Nach einer kurzen Beschreibung der beiden Begriffe „das Unheimliche“ und „der Wahnsinn“ (mit kurzer Einführung der Theorie von Siegmund Freud, der das Unheimliche bei Hoffmann beschreibt), werde ich eine allgemeine Analyse der Figuren, der Handlung sowie der Sprache des Werkes vornehmen. Mit einem Überblick werde ich auch die Erzähltheorien Gerard Genettes im „Sandmann“ untersuchen. Liest man den Sandmann, der komplex ist „wie wenige Erzählungen der deutschsprachigen Literatur des 19. Jahrhunderts“[1], so sieht man sich mit verschiedenen Motiven konfrontiert, wie etwa dem des Automaten oder dem des Feuers. Am auffälligsten verwendet Hoffmann jedoch Motive aus dem optischen Sinnbereich - etwa Augen oder Brillen - und zwar so häufig, dass die gesamte Erzählung „optisch codiert“[2] erscheint. Das Leitmotiv der Augen scheint jedoch den Wahnvorstellungen des Protagonisten vorauszugehen. Die einzelnen Motive, die zum „Unheimlichen“ und zum „Wahnsinn“ dienen, werde ich erläutern.

Dazu werde ich mir zwei Textstellen vornehmen, bei denen ich die Begriffe „Wahnsinn und das Unheimliche“ analysieren werde. Am Ende soll ein Fazit stehen, mit der ich meine Betrachtungen der Ergebnisse abschließe.

2 „Das Unheimliche“ und „Der Wahnsinn“

Es geht um die Geschichte Nathanaels im Sandmann. Das bestimmende Thema ist jedoch, eine Beschreibung des „Unheimlichen“ und des „Wahnsinn“s zugleich.

Für Siegmund Freud ist E.T.A. Hoffmann „der unerreichte Meister des Unheimlichen in der Dichtung“[3]. Sigmund Freud bezieht sich in seinem Aufsatz über “Das Unheimliche” fast ausschließlich auf E. T. A. Hoffmanns “Sandmann”.

Für Freud ist “das Motiv des Sandmanns, der den Kindern die Augen ausreißt”[4] das zentrale Motiv der Erzählung, das Automatenmotiv stellt er dahinter an. Im weiteren Verlauf der Interpretation stellt er jedoch nicht den oberflächlichen Grund für das Unheimlich-Sein des Sandmanns dar, sondern versucht, “die Tiefendimension des Textes zu erschließen”[5].

Ins Zentrum seiner Interpretation steht “die mit dem Sandmann unlösbar verbundene Angst um den Verlust der Augen.”[6]. Seine Schlussfolgerung ist also, dass das Gefühl des Unheimlichen an die Angst vor dem Verlust der Augen gekoppelt ist.

Der Duden definiert im Sinne des heutigen Sprachgebrauchs: „ein unbestimmtes Gefühl der Angst, des Grauens hervorrufend“[7] und nennt als Synonym ein „äußerst unbehagliches“ Gefühl. Diese Definition ließe sich leicht erweitern, indem zum einen der Gegensatz des Unheimlichen zum Heimeiligen, Gewohnten, Vertrauten betont und zum anderen die Qualität des Gegensatzes durch Begriffe, gefährlich, bösartig, beunruhigend, beklemmend, entsetzlich, schrecklich[8] usw. ergänzt würde. Wie immer man das Unheimliche zu bestimmen versucht, so bleibt doch als entscheidende Schwierigkeit bestehen, dass der Begriff auf den Gefühlsbereich zielt und sich damit gegen eine allgemein verbindliche Bedeutung sperrt. Das heißt, was für den einen unheimlich ist, ist es für den anderen keineswegs.

Alles fängt damit an, und dies ist sowohl Anlass wie Inhalt Nathanaels ersten Briefes, dass die Begegnung mit dem Wetterglashändler Coppola für ihn das schlechthin „Entsetzliche“ ist und einen „tödlichen Eindruck“ hervorruft, indem sie nämlich jene furchtbaren Erlebnisse „aus seiner frühern Jugendzeit“ wiedererweckt, von denen Nathanael von nun an nicht mehr loskommt.

Der Wetterglashändler Coppola ist vielleicht identisch mit dem „Sandmann“ seiner Kinderjahre, dem Advokaten Coppelius - dieses Erlebnis ist zugleich das Grundmuster für Nathanaels Wahrnehmung des Unheimlichen, in der erinnerten Kindheitsgeschichte sowohl als in der Gegenwart: Etwas, das an sich unverfänglich, harmlos erscheint oder auch vertraut und vorhersehbar ist, enthüllt plötzlich etwas Fremdes, das feindlich, schrecklich und bösartig auf Nathanael einwirkt.

Die Bedeutung des Begriffs „Wahnsinn“ wird nach dem Wörterbuch[9] als „Geisteskrankheit“ bei der man nicht mehrzurechnungsfähig ist“ beschrieben. Umgangssprachlich ist es der Ausdruck der Begeisterung, des positiven und negativen Erstaunens, der Verwunderung, der Überraschung, der Plötzlichkeit für einen extremen, außergewöhnlichen, überraschenden Umstand oder Zustand.

Das Wort „Wahnsinn“ begegnet im Text zweimal: „Da packte ihn der Wahnsinn mit glühenden Krallen“ heißt es, als Nathaneal die Zerstörung der Puppe Olimpia mitansehen muss, und als der Genesende im Schoß der Familie erwacht, wird registriert: „Jede Spur des Wahnsinns war verschwunden.“

Der Wahnsinn zeigt sich zweifellos an der zentralen Rolle der Figur des jungen, musisch-träumerisch veranlagten Studenten Nathanael aus bürgerlichem Hause. Nathanael ist Verfasser des einleitenden ersten Briefes zu Beginn der Erzählung, in welchem folgenden Personen allein aus seinem subjektiv- begrenzten Blickwinkel heraus beschrieben werden: die Eltern, die im Rahmen der Alchemie-Problematik präsentiert werden und der Advokat Coppelius als der Urheber eben dieser Problematik und „Drahtzieher“ der geschilderten schrecklichen Kindheitserlebnisse Nathanaels. Auch der Optiker Coppola, dessen Erscheinen für Nathanael zum Auslöser für das Erwachen alter Erinnerungen und düstre[r] Träumereien [10] wird und die Kinderfrau, die mit ihrem Schauermärchen zur Einführung des „Sandmannes“ als Schreckinstanz und regelrechte „Inkarnation des Bösen“ in Nathanaels kindliche Phantasie beiträgt, werden kurz erwähnt. Somit lösen diese Konflikte den „Wahnsinn“ aus. Zum Beispiel als Nathanael en Vater heimlich beim nächtlichen Experimentieren beobachtet, sieht er, wie dessen vertrautes Äußeres („seine sanften ehrlichen Züge...“)[11] sich plötzlich „zum hässlichen widerwärtigen Teufelsbilde“ wandelt und ihn „dem Coppelius ähnlich“ macht. Was Nathanael als unheimlich erlebt, ist stets der unerwartete Umschlag einer Situation und Feindlich-Dämonische, und dieses Erleben stürzt ihn in Grausen und Entsetzen, schließlich in offen ausbrechenden Wahnsinn.

Die Geschichte Nathanaels liest sich insofern geradezu als psychopathische Fallstudie, in der über die verhängnisvollen Auswirkungen eines unbewältigten Kindheitstraumas berichtet wird: zunehmender Realitätsverlust, Aggression und Selbstzerstörung.

3. Analyse des Werkes

3.1. Die Figuren

In der Novelle „Der Sandmann“ ist der gesamte Handlungsverlauf auf die Hauptperson Nathanael ausgerichtet. Von entscheidender Bedeutung sind dabei vor allem die folgenden drei Figurenkonstellationen: Nathanael – Clara, Nathanael – Coppola (Coppelius) und Nathanael – Olimpia. Auch Professor Spalanzani spielt im Gesamtgefüge eine nicht un- erhebliche Rolle. Neben den genannten Personen, gibt es noch einige „Nebencharaktere“, wie z. B. Claras Bruder Lothar, auf die ich jedoch nicht näher eingehen werde. Im Folgenden sollen nur die oben erwähnten Hauptpersonen jeweils näher vorgestellt werden:

Nathanael als Protagonist der Novelle ist ein sehr vielschichtiger und widersprüchlicher Charakter. Durch die Erlebnisse in seiner Kindheit ist er von tiefer Unsicherheit zerrissen und wankt zwischen der dunklen Welt von Coppelius (Coppola) und der klaren Welt seiner Verlobten Clara. Er wird vom Erzähler als phantasievoller, schöpferischer Mensch gezeichnet mit besonderer Stärke in anmutigen, lebendigen Erzählungen[12]. Wobei diese im Laufe der Zeit immer stärker von düsteren Eindrücken und dem Glauben an dämonische Mächte bestimmt werden. Nathanael als träumerische Natur mit einer Vorliebe für die phantastische Sphäre könnte man somit als typischen Vertreter der romantischen Epoche verstehen, der in seinen Gedichten, seine Gefühle auszuleben versucht. Im Verlauf der Erzählung entfremdet er sich zunehmend von Clara, die eine gänzlich andere Weltansicht vertritt, und zieht sich mehr und mehr in seine eigene Welt zurück. Erst in Olimpia glaubt er die ideale Partnerin gefunden zu haben: Anders als Clara, hört sie ihm stundenlang zu, ohne ihm etwas entgegenzusetzen und verkörpert somit die ideale Zuhörerin, woran deutlich wird, dass Nathanael im Grunde genommen keine Liebespartnerin sucht, mit der er ernsthafte Gespräche führen kann, sondern nur eine Projektionsfläche für sein eigenes Ich. So spricht er zu Olimpia: „O du herrliche, himmlische Frau! – Du Strahl aus dem verheißenen Jenseits der Liebe – Du tiefes Gemüt, in dem sich mein ganzes Sein spiegelt“ (vgl. Hoffmann 1991, S. 31).

Clara wird als gemütvolles, verständiges, kindliches Mädchen mit einem hellen, scharf sichtenden Verstand beschrieben, die von vielen jedoch auch als kalt und gefühllos empfunden wird (vgl. Hoffmann 1991, S. 20). Sie ist von eher schweigsamer Natur und repräsentiert als mütterlich-häuslicher Typ das typisch bürgerliche Leben. Anders als Nathanael, vertritt Clara aufgeklärte Gedanken (was schon allein an ihrem Namen deutlich wird), ist fest im Irdischen verwurzelt und hält nichts von mystischen Schwärmereien. Durch ihre Besinnung auf rationale Erklärungen, glaubt sie auch, dass all das Entsetzliche, vor dem Nathanael sich fürchtet, nur in seinem Inneren stattfindet. Auch an Nathanaels düsteren Dichtungen findet sie keinen Gefallen, was schließlich dazu führt, dass Clara ihm als gefühlskalt erscheint und er sie als „lebloses, verdammtes Automat“ bezeichnet (vgl. Hoffmann 1991, S. 24).

[...]


[1] Fuchs, Andrea: Kritik der Vernunft in E.T.A. Hoffmanns phantastischen Erzählungen „Klein Zaches genannt Zinober“ und „Der Sandmann“. Berlin 2001, S.68.

[2] Ulrich Hohoff: E.T.A. Hoffmann: Der Sandmann. Textkritik - Edition - Kommentar. Berlin/New York 1988, S. 278.

[3] Freud, 1970, S. 257.

[4] Freud, Sigmund: Das Unheimliche. In: Wittkop-Ménardeau, Gabrielle (Hrsg.): E. T. A. Hoffmanns Leben und Werk in Daten und Bildern. Frankfurt/Main: Insel-Verlag 1968. S. 9.

[5] Aichinger, Ingrid: E. T. A. Hoffmanns Novelle “Der Sandmann” und die Interpretation Sigmund Freuds. In: Zeitschrift für deutsche Philologie. Sonderheft E. T. A. Hoffmann. Bd. 95, 1976. S. 125.

[6] ebd., S. 125.

[7] Das große Wörterbuch der deutschen Sprache, Bd.6, Mannheim 1981, S.2694.

[8] Deutsche Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm, BD.24, München 1984, Sp.1055ff.

[9] Deutsche Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm, BD.24, München 1984

[10] vgl. Hofmann 1991, S. 16.

[11] vgl. Hoffmann 1991, S. 9.

[12] vgl. Hoffmann 1991, S. 31

Details

Seiten
22
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656257431
ISBN (Buch)
9783656258940
Dateigröße
549 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v199208
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,0
Schlagworte
wahnsinn unheimlichen hoffmanns sandmann

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