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Eine experimentelle Analyse von Steuerwirkungen auf das Arbeitsangebot

Diplomarbeit 2009 99 Seiten

BWL - Rechnungswesen, Bilanzierung, Steuern

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

ABKÜRZUNGS- und SymbolVERZEICHNIS

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

TABELLENVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Experimente in der Ökonomie

3. Der house-money effect
3.1. Begriffsklärung
3.2. Experimentelle Untersuchungen des house-money effects
3.3. Ultimatum- und Diktatorspiel

4. Die Steuerinzidenz

5. Liability Side Equivalence Principle (LSE-Theory)
5.1. Die Steuerinzidenz im partiellen Gütermarktgleichgewicht
5.2. Bestätigung der LSE-Theory am Gütermarkt in experimentellen Untersuchungen
5.3. Die Äquivalenztheorie und deren Ablehnung
5.3.1. Geldillusion und die Äquivalenz allgemeiner Steuern
5.3.2. Steuerillusion, Steuer-Salienz und die LSE-Theory
5.4. Ablehnung der LSE-Theory am Gütermarkt in experimentellen Untersuchungen
5.5. Die LSE-Theory und der Arbeitsmarkt
5.6. Personalökonomische Aspekte
5.7. Kritische Betrachtung der bisherigen experimentellen Studien zur LSE-Theory

6. Real-effort games in Laborexperimenten
6.1. Experimentelle Untersuchungen unter Verwendung von real-effort games
6.2. Kriterienliste und Rahmenbedingungen für ein geeignetes real-effort game
6.3. Zwischenfazit

7. Eine experimentelle Untersuchung der LSE-Theory in einem Laborarbeitsmarkt unter Verwendung eines real-effort games
7.1. Experimentelles Design und Vorgehensweise
7.1.1. Grundlegendes experimentelles Design
7.1.2. Vorgehensweise
7.2. Erwartungen und zu prüfende Hypothesen
7.3. Ergebnisse der Untersuchung und Interpretation
7.3.1. Effizienzlohntheorie und gift-exchange Ansatz
7.3.2. LSE-Theory und Nettolöhne
7.3.3. LSE-Theory und Arbeitsanstrengungen
7.3.4. Vergleich mit den Resultaten von Riedl und Tyran (2005)
7.4. Fazit

8. Schlussbetrachtung

9. Anhang

10. Literaturverzeichnis

ABKÜRZUNGS- und SymbolvERZEICHNIS

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

Abbildung 1: Der subjektive Nutzen von windfall gains

Abbildung 2: Die Inzidenz einer Mengensteuer am Gütermarkt

Abbildung 3: Beziehungen zwischen Haushalt und Unternehmen durch Güter- und Faktormarkt

Abbildung 4: Experimentdesign der Studie von Sausgruber und Tyran (2005)

Abbildung 5: Die Steuerinzidenz am Arbeitsmarkt

Abbildung 6: Ablaufdiagramm einer Session

Abbildung 7: Geschätzte Arbeitsanstrengung nach Annahme eines Lohnangebotes

Abbildung 8: Geschätzte und tatsächlich gewählte Arbeitsanstrengung

Abbildung 9: Geschätzter Nettolohn in Folgeperiode nach geleisteter Arbeitsanstrengung

Abbildung 10: Geschätzter und tatsächlich angenommener Nettolohn

Abbildung 11: Gewählte Arbeitsanstrengung nach Annahme eines Lohnangebotes

Abbildung 12: Nettolohnangebote in beiden Treatments über alle Perioden

Abbildung 13: Angebotene Nettolöhne in beiden Treatments getrennt nach Phasen

Abbildung 14: Angebotener Nettolohn der einzelnen Unternehmen in allen Sessions

Abbildung 15: Arbeitsanstrengungen in beiden Treatments über alle Perioden

Abbildung 16: Gewählte Arbeitsanstrengungen in beiden Treatments getrennt nach Phasen

Abbildung 17: Arbeitsanstrengung der einzelnen Arbeiter in allen Sessions

Abbildung 18: Relation „Arbeitsanstrengung/angenommener Nettolohn“

Abbildung 19: Angebotene Nettolöhne im Vergleich zu Riedl und Tyran

TABELLENVERZEICHNIS

Tabelle 1: Bisherige experimentelle Untersuchungen der LSE-Theory

Tabelle 2: Die vorgestellten real-effort games.

Tabelle 3: Experimentdesign zur Untersuchung der LSE-Theory in einem Laborarbeitsmarkt unter Verwendung eines real-effort games

Tabelle 4: Level der Arbeitsanstrengung und Anzahl an benötigten Adressdatensätzen

Tabelle 5: Auszahlungen im erwarteten Gleichgewicht

Tabelle 6: Gewählte Arbeitsanstrengung nach Annahme eines Lohnangebotes

Tabelle 7: Durchschnittlich angebotene Nettolöhne in beiden Treatments

Tabelle 8: Angebotener Nettolohn der einzelnen Unternehmen in allen vier Sessions

Tabelle 9: P-Werte im Test der LSE-Theory hinsichtlich angebotener Nettolöhne zwischen den Phasen

Tabelle 10: Durchschnittliche Arbeitsanstrengungen in beiden Treatments

Tabelle 11: P-Werte im Test der LSE-Theory hinsichtlich Arbeitsanstrengungen zwischen den Phasen

Tabelle 12: Gewählte Arbeitsanstrengung der einzelnen Arbeiter in allen vier Sessions

Tabelle 13: Signifikanz der Unterschiede in der Relation „Arbeitsanstrengung/ angenommener Nettolohn“ zwischen den Phasen

Tabelle 14: Mittelwerte der Relation „Arbeitsanstrengung/angenommener Nettolohn“

Tabelle 15: Nettolöhne und Arbeitsanstrengungen im Vergleich zu Riedl und Tyran

Tabelle 16: Auszahlungen im Vergleich zu Riedl und Tyran

Tabelle 17: Ablehnung und Bestätigung der LSE-Theory

1. Einleitung

Die Untersuchung ökonomischer Fragestellungen in Laborexperimenten nahm in den letzten zwei Jahrzehnten fortwährend zu. Die experimentelle Wirtschaftsforschung ermöglicht es, das Verhalten von Wirtschaftssubjekten in bestimmten ökonomischen Situationen zu beobachten, wobei Störgrößen im Labor relativ gut kontrolliert werden können.[1] Bisherige Laborexperimente zu steuerlichen Themen beschäftigten sich hauptsächlich mit der Untersuchung der Steuermoral, der Wahrnehmung von verschieden komplexen Steuersystemen, der Bedeutung sozialer Interaktionen für das Verhalten der Teilnehmer, den Einflüssen von Steuerwirkungen auf das Arbeitsangebot unter Verwendung sogenannter real-effort games und mit dem Liability Side Equivalence Principle (LSE-Theory). Die LSE-Theory besagt, dass es für die Inzidenz einer Steuer irrelevant ist, ob diese auf der Nachfrage- oder der Angebotsseite erhoben wird. Es gibt bisher nur wenige experimentelle Untersuchungen, die sich mit den Auswirkungen von Steuern auf das Arbeitsangebot beschäftigten. Insbesondere wurde die LSE-Theory am Arbeitsmarkt bislang nur von Riedl und Tyran (2005) experimentell getestet. Hierbei mussten die Probanden jedoch keine reale Arbeitsanstrengung zur Erzielung ihrer Entlohnung erbringen. Daher konnte die Problematik eines unüblich riskanten Verhaltens nicht ausgeschlossen werden (house-money effect). In der vorliegenden Arbeit wird die LSE-Theory unter Einbindung eines real-effort games zur Simulation einer realen Arbeitsanstrengung untersucht. Ziel dieser Arbeit ist, die bestehende experimentelle Untersuchung von Riedl und Tyran um die Betrachtung einer realen Arbeitsanstrengung zu erweitern und damit einen Schritt in eine realitätsnähere Umgebung zu gehen. Da die Ökonomie auch eine Wissenschaft der sozialen und menschlichen Phänomene ist, kann dabei auf die Berücksichtigung psychologischer und sozialer Aspekte nicht verzichtet werden.[2] So wird im Rahmen des house-money effects auf Gedanken von Fairness und Ungleichheitsaversion eingegangen. Weiterhin erfolgt analog zu Riedl und Tyran eine Untersuchung personalökonomischer Aspekte hinsichtlich einer anreizkompatiblen Entlohnung.

Die Arbeit gliedert sich in acht Kapitel: Kapitel zwei gibt einführende Gedanken zur experimentellen Forschung in der Ökonomie im Allgemeinen. In Abschnitt drei wird der Begriff des house-money effects erläutert und anhand von Untersuchungen veranschaulicht. Gliederungspunkt vier beschäftigt sich mit der Inzidenz einer Steuer und Kapitel fünf stellt die LSE-Theory sowohl im Rahmen des Güter- als auch des Arbeitsmarktes dar. In Abschnitt sechs werden bisherige Studien zu steuerlichen und personalökonomischen Sachverhalten in Verbindung mit real-effort games beschrieben und notwendige Rahmenbedingungen für ein geeignetes real-effort game aufgezeigt. Es folgt in Kapitel sieben die experimentelle Untersuchung der LSE-Theory in einem Laborarbeitsmarkt unter Verwendung eines real-effort games. Kapitel acht schließt mit einem Rückblick und Anregungen für künftige Untersuchungen.

2. Experimente in der Ökonomie

Kontrollierte Experimente wurden vor ca. 400 Jahren in die Welt der Wissenschaft eingeführt. Nach Experimenten in der Physik und der Chemie folgten später weitere wissenschaftliche Gebiete wie Biologie und Psychologie. Schließlich fanden experimentelle Untersuchungen seit Ende der 50er Jahre auch Einzug in die Ökonomie.[3] Die Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften Vernon L. Smith und Reinhard Selten gelten als Pioniere der Methoden zur Durchführung von kontrollierten Laborexperimenten.[4]

Experimente lassen sich in die Kategorien Labor- und Feldexperimente unterteilen. Das Laborexperiment wird in einer künstlichen Umgebung durchgeführt, in der Störgrößen relativ gut kontrolliert werden können. Feldexperimente werden hingegen in einer natürlichen Umgebung implementiert, sodass mit deutlich mehr Störfaktoren zu rechnen ist.[5]

Ein Labormodell wird in der Regel relativ simpel gestaltet, da sich komplexe Fragen der realen Welt nur sehr schwer im Experimentaufbau modellieren lassen. Durch ein Modell sollen konkrete forschungsrelevante Fragen beantwortet werden. Die Nachbildung der Realität im Labormodell wäre kostenintensiv und die Ergebnisse eines komplexen Modells zudem schwierig auszuwerten, sodass die Realität selbst ihr bestes Modell darstellt.[6]

Im Gegensatz zu Simulationen, in denen Individuen als Computeralgorithmen dargestellt werden, und Fragebogenstudien, in welchen die Teilnehmer mit hypothetischen Szenarien konfrontiert werden, stehen in einem ökonomischen Experiment freiwillige, reale Teilnehmer einer realen ökonomischen Entscheidungssituation gegenüber. Zur Darstellung der zu untersuchenden Sachverhalte wird häufig auf Modelle der Spieltheorie zurückgegriffen. Die Probanden handeln gemäß den erläuterten Instruktionen und werden nach Abschluss des Experiments gemäß ihren Entscheidungen oder denen der anderen Teilnehmer entlohnt (ökonomische Konsequenz), wobei das Entlohnungsschema ex ante bekannt ist. Eine anonyme Durchführung kann Einflüsse durch soziale Kontakte reduzieren. Die Arbeitsplätze der Probanden bei Experimenten im Computerlabor sind in der Regel durch einen Sichtschutz voneinander getrennt.[7]

Das Design eines Laborexperiments umfasst mehrere Bestandteile. Es wird durch eine Umwelt bestimmt, welche die Anfangsausstattungen, Präferenzen und Kosten des Marktes beschreibt. Weiterhin gibt eine Institution innerhalb der Umwelt die Regeln der Marktkommunikation vor (z.B. Angebote, Gebote und Annahmen). Schließlich bestimmt das beobachtete Verhalten der Marktteilnehmer die kontrollierten Variablen.[8]

Güth und Kliemt (2002) befürchten, „dass die experimentelle Ökonomik vermehrt das Studium idealisierter Laborsituationen an die Stelle einer realwissenschaftlichen Untersuchung von allgemeinen Verhaltensgesetzmäßigkeiten setzen könnte. Wer nur auf das Labor und die Erklärung der Resultate von Laborexperimenten fixiert ist, baut nur eine Parallelwelt (…) zur realen Welt auf.“[9]

Die Ergebnisse eines kontrollierten Laborexperiments lassen sich jedoch nicht einfach auf vergleichbare Situationen des wahren Wirtschaftslebens übertragen. Ziel solcher Untersuchungen liegt darum auch nicht in dem Schluss auf das Verhalten in der Realität, sondern in der Verdeutlichung der für die zu untersuchende Theorie relevanten menschlichen Verhaltenszüge bei Entscheidungen. Deshalb sollten Laborexperimente nicht als Substitut, sondern als Komplement zu sonst üblichen Methoden der empirischen Wirtschaftsforschung verstanden werden.[10]

In dieser Arbeit stehen die Wirkungen von Steuern in einem Laborarbeitsmarkt unter Einbindung von personalökonomischen Gesichtspunkten im Vordergrund. Neben den weiteren in dieser Arbeit beschriebenen Studien wurde im Bereich der Steuerlehre bisher z.B. das Ausmaß der Steuerhinterziehung in Abhängigkeit von Überprüfungswahrscheinlichkeit, Strafmaß und Steuersatz experimentell untersucht.[11] Güth, Levati und Sausgruber (2005) beschäftigten sich mit dem Teilnehmerverhalten bei verschiedenen Steuererhebungsmodellen (zentrale versus dezentrale Steuererhebung) und fanden heraus, dass die Steuermoral bei der dezentralen Steuererhebung signifikant höher war.[12] In der Untersuchung von Boylan und Frischmann (2006) wurde die Auswirkung eines komplexen Steuersystems auf das Verhalten getestet und negative Einflüsse der Komplexität auf die Erträge der Teilnehmer festgestellt.[13] Zur Berücksichtigung sozialer Effekte informierten Fortin et al. (2007) in ihrem Experiment die Teilnehmer ab einem bestimmten Zeitpunkt über das Verhalten der anderen Probanden. Andere Experimentatoren führten Untersuchungen in verschiedenen Ländern durch, um Unterschiede der wirtschaftlichen und politischen Lage, der Geschichte und der Kultur einzubeziehen.[14]

3. Der house-money effect

3.1. Begriffsklärung

Der house-money effect bezeichnet das Phänomen, dass Menschen eher finanzielle Risiken eingehen, wenn sie das Geld, das sie verlieren können, leicht oder unerwartet erhalten haben, statt es zu verdienen.[15] Dieser Effekt stellt den Ausgangspunkt und die Begründung für das in Kapitel sechs behandelte Thema des real-effort games dar. Demzufolge könnten Entscheidungen in ökonomischen Experimenten verzerrt sein, wenn das verwendete Geldguthaben von den Experimentatoren bereitgestellt wird und nicht „aus eigener Tasche“ gezahlt werden muss. Der Mensch hat eine „Müheerinnerung“ darüber, wie mühevoll oder mühelos er sein Einkommen erworben hat. Wurde ein Einkommen mühevoll durch eigene Arbeit erwirtschaftet, so steigt die Konsumresistenz und die Sparneigung nimmt zu.[16] Der Begriff des house-money effects stammt aus einer im Casino üblichen Redewendung. Wenn ein Spieler nach einem großen Gewinn mehr Geld aufs Spiel setzt, spricht man davon, dass er mit „the house’s money“ spielt.[17] Im Weiteren werden experimentelle Studien vorgestellt, in denen in diesem Zusammenhang auch von windfall gains oder Manna, das vom Himmel fällt, die Rede ist.[18]

3.2. Experimentelle Untersuchungen des house-money effects

Der house-money effect wurde bereits in zahlreichen experimentellen Studien untersucht.[19] In der häufig zitierten Arbeit von Thaler und Johnson (1990) fanden die Autoren durch die Implementierung einer Lotterie experimentell heraus, dass Entscheidungen nach Gewinnen risikofreudiger getroffen wurden. Als Ursache hierfür vermuten sie, dass die Teilnehmer die gewonnenen Beträge als eine Art Spielgeld ansahen. Arkes et al. (1994) führten eine experimentelle Untersuchung zu sogenannten windfall gains durch. Die Autoren nehmen an, dass der subjektive Wert eines Dollars bei windfall geringer ist und das Geld somit bereitwilliger ausgegeben wird als bei anderem Kapital. Sie verdeutlichen ihre Hypothese mit einer grafischen Darstellung:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Der subjektive Nutzen von windfall gains.[20]

Zur Untersuchung dieser Vermutung informierten die Autoren einen Teil der Probanden erst nach Ankunft vor dem Experiment über die Entlohnung aus dem implementierten Glücksspiel. Die anderen Teilnehmer wurden bereits ein paar Tage vor dem Experiment über die Bezahlung unterrichtet. Im Ergebnis konnten die Experimentatoren ihre Vermutung bestätigen und fanden heraus, dass die Gruppe, welche erst bei Ankunft vor dem Experiment über die Entlohnung informiert wurde, bereit war, signifikant mehr Geld bei dem Glücksspiel einzusetzen. Somit stellten sie als charakteristisches Merkmal der windfall gains deren unerwarteten Status fest.

Viele weitere experimentelle Studien beschäftigten sich mit dem house-money effect und konnten ihn zumeist nachweisen.[21] Die Herkunft des Geldes spielt für die Einstellung zu diesem Vermögen häufig eine Rolle. Somit scheint die Fungibilität des Geldes nicht mehr gegeben zu sein.

Keasey und Moon (1996) erweiterten die Arbeit von Thaler und Johnson um einen betriebswirtschaftlichen Kontext. Sie untersuchten im Rahmen von unsicheren Investitionsentscheidungen, ob sich die Ergebnisse bisheriger Studien auf gewöhnliche betriebswirtschaftliche Situationen ausweiten lassen. Die Autoren konnten den house-money effect bestätigen. Sie fanden heraus, dass frühere Gewinne zu risikofreudigeren Investitionsentscheidungen führten. Diese Ergebnisse zeigen, dass das Verhalten und die Erwartungen der Individuen bei ihren wirtschaftlichen Entscheidungen durch ihre kürzlichen Erfahrungen beeinflusst wurden.

Auch in der Studie von Ackert et al. (2006) wurde der house-money effect vor einem ökonomischen Hintergrund untersucht. Es wurden neun Sessions implementiert, die jeweils aus mehreren Märkten bestanden. In jedem Markt konkurrierten acht Teilnehmer in einer sealed-bid auction um den Erwerb einer Anleihe mit einjähriger Laufzeit. Über die Sessions hinweg wurde die Anfangsausstattung variiert: $60 in den Sessions eins bis fünf (low endowment treatment) und in den Sessions sechs bis neun $75 (high endowment treatment).[22] Die Autoren verglichen die Marktergebnisse über die Sessions hinweg und fanden eine Bestätigung des house-money effects. Die Gebote, Preisvorhersagen und Marktpreise wurden von dem Betrag, den die Teilnehmer zum Handel bereit gestellt bekamen, positiv beeinflusst.

Weber und Zuchel (2005) untersuchten den house-money effect im Rahmen aufeinanderfolgender Entscheidungen unter Risiko. Sie testeten, ob das Risikoverhalten späterer Phasen von den Ergebnissen früherer Entscheidungen beeinflusst wird und führten zwei Versionen mit aufeinanderfolgenden Entscheidungsproblemen ein, die sich nur im Präsentationsformat unterschieden: Im Portfolio-Treatment bekamen die Teilnehmer eine Anfangsausstattung an Geld, welche sie in zwei aufeinanderfolgenden Perioden investieren konnten. Es bestand die Möglichkeit, das Geld entweder in bar zu behalten oder in riskante Anleihen anzulegen. Die zweite Version beinhaltete ein Lotterie-Treatment. In jeder Runde erhielten die Teilnehmer einen Geldbetrag, den sie zum Einkauf eines Lotterieloses nutzen konnten. Im Portfolio-Treatment nahmen die Teilnehmer signifikant größere Risiken nach einem Verlust als nach einem Gewinn auf sich. Im Lotterie-Treatment hingegen konnte nach einem Gewinn ein risikofreudigeres Verhalten beobachtet werden, was den house-money effect bestätigte.

In der Studie von Reinstein und Riener (2009) wurde das Verhalten von Teilnehmern in einem Experiment über gemeinnützige Spenden getestet. Die Autoren spalteten den house-money effect in zwei Komponenten auf. Sie differenzierten im Vergleich zu anderen Experimentatoren zwischen der Greifbarkeit des Geldes, also ob ein Teilnehmer das Geld in der Hand hält oder nur am Computer zugesagt bekommt, und der Unterscheidung zwischen verdientem Geld und zufälligen Gewinnen. Die Teilnehmer konnten für bis zu drei verschiedene, reale Wohlfahrtsverbände Spenden tätigen. Die Ergebnisse zeigen sowohl Greifbarkeits- als auch Verdiensteffekte.[23] Nach Meinung der Autoren könnte die Zurückhaltung bei Bargeldzahlungen auch eine Zunahme von Kreditkartenschulden bei Konsumenten begründen.

Der house-money effect konnte jedoch nicht immer nachgewiesen werden. So wurde er in der Studie von Fernandes et al. (2006) zwar anhand einer Verhaltensbefragung der Probanden ex ante gezeigt, verschwand allerdings in einem experimentellen Kontext, sodass die Verlustaversion zum dominanten Effekt wurde und das Risikoverhalten lenkte. Die Teilnehmer verhielten sich bei Gewinnen risikoavers und bei Verlusten risikofreudig. Gestützt wird diese Beobachtung durch die Aussagen der Prospect-Theory. Diese Theorie aus der Psychologie ermöglicht eine Beschreibung von Entscheidungsverhalten unter Unsicherheit. Im Gegensatz zur Erwartungsnutzentheorie können mit der Prospect-Theory sogenannte Endowment-effects (Besitzeffekte) erklärt werden. Der Besitzeffekt beschreibt, dass die Wertschätzung eines Gutes steigt, wenn dieses in den Besitz eines Akteurs übergeht.[24] Zur Untersuchung des house-money effects wurde eine Unterteilung in die Treatments isolated results (IR, Kontrollgruppe) und cumulative results (CR) vorgenommen. Im Treatment IR nahmen die Teilnehmer an einer Lotterie mit zwölf Runden teil. Je Runde erhielten sie 100 Einheiten und mussten entscheiden, wie viele Einheiten sie in der Lotterie einsetzen möchten. Das Treatment CR differenzierte sich von IR darin, dass die für die Investition verfügbare Menge zusätzlich zu den 100 Einheiten zum Anreiz in jeder geraden Runde um das Ergebnis der vorherigen ungeraden Runde erweitert wurde. Die Ergebnisse zeigen, dass die Verlustaversion das Risikoverhalten der Teilnehmer lenkte und der house-money effect verschwand. Die Teilnehmer, die einen Gewinn (Verlust) erfahren hatten, tendierten zu weniger (mehr) Risiko in der folgenden Periode.[25]

In public good Experimenten könnte der house-money effect durch freiwillig hohe Beiträge zu einem öffentlichen Gut beobachtet werden.[26] Clark (2002) konnte jedoch keinen Nachweis des house-money effects in seinem public good Experiment feststellen, was darauf hindeutet, dass die Verwendung von gegebener Anfangsausstattung die späteren Beiträge nicht verzerrt.[27] Harrison (2007) überprüfte die Studie von Clark und fand Hinweise für die Existenz des house-money effects in public good Experimenten.[28]

3.3. Ultimatum- und Diktatorspiel

Das Ultimatum- und das Diktatorspiel gehören zu den einfachsten und grundlegendsten Modellen der experimentellen Wirtschaftsforschung. Hierbei wird das der Neoklassik zugrundeliegende Menschenbild des homo oeconomicus getestet. Diese Spiele zeigen jedoch, dass reale Personen nicht immer strikt rational und egoistisch handeln, wie man es von einem homo oeconomicus erwarten würde. Die Aufgabe des Ultimatumspiels besteht darin, einen Geldbetrag k zwischen zwei Teilnehmern aufzuteilen. Der allocator (Proposer) schlägt einen Betrag e zwischen der kleinsten Einheit und k für den nonallocator (Responder) und für sich den verbleibenden Anteil vor. Bei Akzeptanz erhalten beide die vorgeschlagenen Beträge, bei Ablehnung gehen beide leer aus. Rationalerweise müsste der allocator den kleinstmöglichen Anteil für den nonallocator vorschlagen und dieser das Angebot annehmen. Tatsächlich fanden experimentelle Untersuchungen heraus, dass Vorschläge häufig in Höhe (k/2, k/2) gemacht werden.[29] Das Diktatorspiel ist eine Abwandlung des Ultimatumspiels mit der Besonderheit, dass der nonallocator den Aufteilungsvorschlag annehmen muss. Trotz der rationalen Aufteilung (k, 0) wurden oft Aufteilungen der Form (k-e, e) mit k/2>e>0 beschlossen.[30] Jedoch lässt sich bei diesen typischen Ergebnissen in Ultimatumspielen bemängeln, dass die anfänglichen Rollenverteilungen meist zufällig (oft durch Münzwurf) bestimmt wurden. Die Proposer mussten sich ihre Position nicht erarbeiten und fühlten sich dieser somit möglicherweise nicht legitimiert. Dies wird als Ursache des eher großzügigen und fairen Verhaltens vermutet.[31] Fehr und Schmidt (1999) erklären hingegen ein solches Verhalten in experimentellen Spielen mit einer Ungleichheitsaversion der Teilnehmer. Demnach wehren sich Individuen gegen ungleiche Payoffs und sind selbst bereit, Beträge abzugeben, um eine gleichmäßigere Verteilung zu erreichen.[32] In experimentellen Studien wurde getestet, ob dieses Phänomen auf die bereits in anderen Experimenten nachgewiesenen w indfall gains zurückzuführen ist und es deshalb in diesen Spielen zu irrationalen Ergebnissen kommt. So wurden Untersuchungen durchgeführt, bei denen sich die Teilnehmer die Position des Proposers zunächst erarbeiten mussten. Die Ergebnisse zeigen überwiegend, dass diese Proposer größere Anteile für sich beanspruchten.[33]

In den beiden Untersuchungen von Hoffman and Spitzer (1982, 1985) mussten die Spielerpaare über die Aufteilung eines Betrages von $14 entscheiden. Während in der früheren Studie hierfür jeweils ein Teilnehmer pro Paar zufällig zum Controller ernannt wurde (erste Gruppe), verdienten sich hingegen in der späteren Studie die Probanden (in einem der vier Treatments) die Position des Controllers in einem Wettbewerb. Zusätzlich wurde betont, dass dem Gewinner des Wettbewerbs dieses Recht zustünde (zweite Gruppe). Bei Nichteinigung für eine Aufteilung erhielt der Controller $12 and der Partner ging leer aus. Alle zwölf Paare in der ersten Gruppe nahmen hälftige Aufteilungen vor. In der zweiten Gruppe wurden nur vier der 22 Aufteilungen gleichmäßig gewählt. Weitere zwölf Aufteilungen ordneten dem Controller mehr als die Auszahlung bei Nichteinigung zu.

Bei Güth und Tietz (1986) mussten sich die Teilnehmer die Rolle des Proposers in einer Zweitpreisauktion ersteigern.[34] Die Probanden bekamen dabei nur die Differenz zwischen dem Ertrag einer Position und deren Kosten ausbezahlt, woraus auch eine negative Auszahlung resultieren konnte. Kein Proposer bot eine hälftige Aufteilung an. Sie beanspruchten durchschnittlich zwei Drittel des Betrages für sich, was jedoch nicht stark von einer durchschnittlichen Aufteilung bei zufälliger Positionsbestimmung abweicht. Als Ursache vermuten die Autoren, dass auch die Responder sich ihre Position ersteigern mussten. Somit konnten sich die Proposer eventuell nicht völlig legitimiert fühlen.

Hoffman et al. (1994) führten ein Ultimatum- und ein Diktatorspiel in jeweils zwei Treatments durch. Zum einen wurden die Spieler zufällig ihrer Position zugewiesen und zum anderen mussten sie sich diese zuerst verdienen. Die Rolle des Proposers konnte durch die Überlegenheit in einem Allgemeinwissensquiz erlangt werden. Zusätzlich beobachteten die Autoren das Verhalten der Teilnehmer in zwei verschiedenen Durchführungsvarianten: Einerseits wurde das Spiel als Standard-Ultimatumspiel und andererseits als Käufer-Verkäufer Markt implementiert. Letzteres erzeugt das gleiche teilspielperfekte Gleichgewicht wie die Grundversion. So konnte der Verkäufer einen Preis zwischen $0 und $10 bestimmen. Bei einer Annahme des Angebots erhielt der Käufer $10 abzüglich des Preises und der Verkäufer den Preis. Im Falle einer Ablehnung gingen beide leer aus. Die Autoren vermuten, dass die Rolle des Verkäufers (statt Proposer) dem „Spieler eins“ Legitimität verleiht und er sich daher selbst einen höheren Betrag zuordnet. Die Ergebnisse zeigen, dass im Käufer-Verkäufer Spiel die Angebote des Verkäufers für den Käufer geringer als im Standard-Ultimatumspiel waren. Ebenso wurden niedrigere Angebote für den Käufer vorgeschlagen, wenn sich die Spieler ihre Rollen erarbeitet hatten. So kam es in weniger als 45% der verdienten Käufer-Verkäufer Spiele zu Angeboten von $4 oder darüber hinaus. In den zufälligen Standard-Ultimatumspielen waren über 85% der Angebote hälftig oder größer $4. Im verdienten Käufer-Verkäufer Diktatorspiel boten über 20% der Diktatoren $3 oder $4 für den Käufer an, jedoch gab niemand Angebote darüber hinaus ab.

Sonnegård (1996) verwendete vier verschiedene Methoden, um die Position des Proposers im Ultimatumspiel zu vergeben: Zufällige Besetzung, Punkte bei einem Würfelspiel, Punkte bei einem allgemeinen Wissenstest und Punkte bei einem Computerspiel. Der Autor konnte im Ergebnis keinen Unterschied in den Allokationen feststellen, sodass sich die Teilnehmer trotz der verdienten Positionen selbst nicht mehr zuteilten. Der Aufteilungsbetrag wurde vermutlich trotz der Erarbeitung als windfall gain angesehen.

Cherry (2001) ließ einen Teil der Probanden durch die Wahl zwischen verschiedenen Lotterien Geld verdienen. Nach dem Spiel und Bekanntwerden der Auszahlungen spielten sie Diktatorspiele mit den anderen Teilnehmern, die keine Möglichkeit hatten, Geld durch die Wahl zwischen Lotterien zu erwirtschaften. Zudem wurde ein Kontrolltreatment durchgeführt, indem die Teilnehmer ähnliche Beträge wie in dem anderen Treatment zugeteilt bekamen. Die Ergebnisse zeigen, dass die Diktatoren, welche sich ihr Geld erarbeitet hatten, in 24% der Fälle positive Beträge anboten. Keiner bot jedoch eine hälftige Aufteilung an. Im Kontrolltreatment hingegen wurden in 74% der Fälle positive Angebote abgegeben und 14% wählten eine hälftige Aufteilung. Somit handelte der Diktator eher eigennützig, wenn er sein verdientes Geld anbieten musste.

In anderen Studien zum Diktatorspiel ist von einer Art Manna-Ökonomie die Rede. Es wird ein bestimmter Geldbetrag aufgeteilt, den keiner der Teilnehmer zuvor erwirtschaften musste.[35] Im Gegensatz zu dem gewöhnlichen Diktatorspiel müssen die Probanden in sogenannten reward allocation games gemeinsam eine Aufgabe bewältigen und sind somit anteilig für den zu verteilenden Ausgangsbetrag verantwortlich. Sie werden darüber informiert, dass es zu keiner weiteren Interaktion kommt und kennen ihre zufällig zugeteilte Rolle vor Erbringung der Arbeitsleistung. Es lässt sich vermuten, dass die geleisteten Beiträge (Investitionen) zu anteiligen Ansprüchen führen.[36]

Ein solches reward allocation game wurde von Mikula (1972) durchgeführt. Der Autor zeigt prinzipiell neben einer zufälligen Aufteilung eines gemeinsam erarbeiteten Gewinns drei Aufteilungsmodi auf: nach altruistischen Motiven wird der Partner bevorzugt, die aufteilende Person bevorzugt sich selbst oder sie handelt einer Sozialnorm entsprechend. Bei der Gewinnaufteilung anhand von Normvorstellungen unterscheidet Mikula weiterhin zwei Klassen: Zum einen werden alle Individuen gleich behandelt (Gleichheitstheorie), zum anderen steht den Individuen eine ihren Leistungen proportionale Behandlung zu. Die Equity-Theory (Gerechtigkeitstheorie) basiert somit auf der Normvorstellung einer proportionalen Behandlung der Individuen entsprechend des geleisteten Inputs.[37] Personen- und situationsspezifische Merkmale sind für die Umsetzung dieser Normen entscheidend. Die Ergebnisse der experimentellen Studie zeigen, dass leistungsstärkere Personen einen Gewinnanteil größer 50% für sich beanspruchten, jedoch weniger als ihnen entsprechend ihrer Leistung zustand. Leistungsschwächere nahmen hingegen weniger als den hälftigen Gewinn in Anspruch, allerdings einen größeren Anteil, als ihnen entsprechend ihrer Leistung gebührte. Die Bestimmung der Verteiler erfolgte per Los. Ein weiteres reward allocation game wurde in der experimentellen Studie von Shapiro (1975) implementiert. Im Ergebnis wählten 44 der 80 Verteiler eine Aufteilung entsprechend der Equity-Theory und 24 gemäß der Equality-Theory (Gleichheitstheorie). Die anderen wählten eine andere Distribution.[38]

Diese Studien zeigen, dass ein Proposer oder Diktator sich in der Regel selbst mehr zuteilt, wenn er den aufzuteilenden Betrag erarbeitet hat, als wenn dieser als unerwartete windfall gains (durch Glücksspiel erhalten oder exogen gegeben), Manna oder leicht verdientes bzw. unerwartetes house-money gegeben ist. Im Sinne der Equity-Theory bedeutet dies, dass der Proposer aufgrund einer größeren Investition als der Responder einen entsprechend höheren Betrag für sich als gerecht empfindet.

4. Die Steuerinzidenz

Die Lehre der Steuerinzidenz stellt eines der ältesten und wichtigsten Forschungsgebiete der Steuerwissenschaft dar.[39] Grundsätzlich muss zwischen dem Steuerzahler, der die Steuer an die Finanzbehörde abführt (formelle Steuerlast), und dem Steuerträger, der die Steuerlast tatsächlich trägt (materielle Steuerlast, Inzidenz), unterschieden werden. Diese müssen nicht übereinstimmen, sondern können sich aufgrund von Steuerüberwälzungen unterscheiden. Als Ursache dieser Überlegung kann § 3 Abs. 1 AO angesehen werde, welcher besagt: „Steuern sind Geldleistungen, die nicht eine Gegenleistung für eine besondere Leistung darstellen“. Wäre eine Steuer hingegen die Gegenleistung für eine Staatsleistung, entfiele die Frage, wer letztendlich die Steuerlast zu tragen hat. Mit dieser Thematik beschäftigt sich die Steuerwirkungslehre. Die formelle Steuerlast wird durch die Steuergesetze bestimmt. Es sind Steuervor- und Steuerrückwälzungen zu unterscheiden. Man spricht von einer Steuervorwälzung, wenn eine Besteuerung zu einer Angebotspreiserhöhung des besteuerten Produktes führt. Steigt der Preis nicht um die vollständige Steuerzahlung, so wird die Steuer nur teilweise übergewälzt. Andererseits kann der Unternehmer auch Druck auf die Zulieferpreise ausüben und z.B. die Nachfrage nach Produktionsfaktoren senken, sodass deren Preise sinken (Steuerrückwälzung). Ebenfalls könnte der Steuerschuldner die gezahlten Löhne reduzieren. Es ist hingegen auch möglich, dass ein Unternehmer infolge einer Gütersteuer nicht den Preis des besteuerten Gutes, sondern den eines anderen Produktes erhöht (Querwälzung). Dies lässt sich in gleicher Weise auf der Verbraucherseite darstellen, wenn die Konsumenten infolge einer Besteuerung die Nachfrage nach einem anderen Produkt als dem besteuerten einschränken und dessen Preis somit sinkt.

Die letztendliche Verteilung der Steuerlast hängt jedoch von den Marktverhältnissen ab. Relevant ist damit nicht die Erhebung auf der Käufer- oder Verkäuferseite, sondern die Preiselastizitäten des Angebots und der Nachfrage. Bei geringen Elastizitäten kann ein Marktakteur weniger durch Mengenänderungen auf Preisänderungen reagieren und trägt somit tendenziell die Steuerlast. Eine geringe Elastizität bedeutet eine geringe Ausweichmöglichkeit. Somit trägt ein Unternehmer einen umso größeren Teil der Steuer, je elastischer die Nachfragekurve und je weniger elastisch die Angebotskurve ist. Gegenteiliges gilt für den Konsumenten.[40]

Es lässt sich eine Unterteilung der Steuerart in direkte und indirekte Steuern vornehmen. Falls der Steuerschuldner mit demjenigen, der die Steuerlast laut Gesetzgeber tragen soll (Steuerdestinatar), übereinstimmt, handelt es sich um eine direkte Steuer. Anderenfalls spricht man von einer indirekten Steuer. Andere Teile der Literatur grenzen auch danach ab, ob der Steuerschuldner mit dem Steuerträger übereinstimmt (direkte Steuer) oder nicht (indirekte Steuer).[41]

Steuerüberwälzungen sind teilweise vom Gesetzgeber gewollt. Grund hierfür kann eine Einsparung in den Steuererhebungskosten sein. So werden Verbrauchsteuern beim Hersteller bzw. Händler erhoben, wobei eine Belastung der Konsumenten beabsichtigt wird. Letztendlich unterscheiden sich auch oftmals Steuerdestinatar und Steuerträger.

5. Liability Side Equivalence Principle (LSE-Theory)

5.1. Die Steuerinzidenz im partiellen Gütermarktgleichgewicht

Die Betrachtung eines partiellen Gleichgewichtmodells im Rahmen der neoklassischen Markt- und Preistheorie lässt die Aussage zu, dass es für die Steuerinzidenz unerheblich ist, ob der Staat eine Steuer auf der Seite des Nachfragers oder des Anbieters am Markt bei vollständiger Konkurrenz erhebt (LSE-Theory).[42] Dies ist ein allgemeiner Grundsatz der Volkswirtschaftslehre, der sich grafisch am Beispiel einer absoluten Mengensteuer verdeutlichen lässt:[43]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Die Inzidenz einer Mengensteuer am Gütermarkt.[44]

Abbildung 2 zeigt einen Gütermarkt, in dem das Gut X mit einer Mengensteuer t pro Einheit X belastet wird. Die Geraden A und N stellen das Angebot und die Nachfrage nach dem Gut X in Abhängigkeit des Preises P dar. Im Gleichgewicht stellt sich der Preis P und die Menge X ein. Wird nun eine Mengensteuer bei den Nachfragern erhoben, so verschiebt sich die Nachfragekurve aus Sicht der Anbieter um t nach Nneu, da ein Nachfrager nur noch bereit ist den Betrag P - t pro Einheit des Gutes X zu zahlen. Die angebotene Menge sinkt auf Xneu. Im neuen Gleichgewicht bildet sich der Bruttopreis Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten aus Nachfragersicht und der Nettopreis Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten aus Anbietersicht. Der alte Gleichgewichtspreis liegt zwischen Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten und Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten. Daher tragen beide Marktseiten einen Teil der Steuerlast: Die Anbieter tragen P - Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten und die Nachfrager Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten - P. Erfolgt die Steuererhebung hingegen auf Seiten der Anbieter, so verschiebt sich die Angebotskurve aus Sicht der Nachfrager um t nach Aneu, da ein Anbieter nur noch bereit ist eine Einheit des Gutes X zu dem Betrag P + t zu verkaufen. Es stellt sich ebenso die Angebotsmenge Xneu im neuen Gleichgewicht bei einem Bruttopreis Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten und einem Nettopreis Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten ein. Analytisch ergibt sich somit kein Unterschied, ob die Angebotskurve oder die Nachfragekurve verschoben wird. Zugleich macht es inhaltlich keinen Unterschied, ob die Mengensteuer als Produktionssteuer bei den Unternehmen oder als Verbrauchsteuer bei den Haushalten erhoben wird. In beiden Fällen stellt sich das gleiche Marktergebnis ein. Folglich ist es für die Steuerinzidenz unerheblich, welche Marktseite die Steuer schuldet. Die Verteilung der Steuerlast hängt schließlich von den Marktkräften ab.[45]

5.2. Bestätigung der LSE-Theory am Gütermarkt in experimentellen Untersuchungen

Die erste experimentelle Studie zur Steuerinzidenz-Äquivalenztheorie wurde von Kachelmeier et al. (1994) durchgeführt. Sie untersuchten die Marktreaktionen auf einem Gütermarkt bei Erhebung einer Steuer je Markttransaktion entweder bei den Käufern, den Einzelhändlern oder den Großhändlern. Hierzu nahmen die Autoren eine Differenzierung in einen Einzelhandels- und einen Großhandelsmarkt vor. Der Handel mit Gütern wurde in beiden Märkten durch eine double-auction abgebildet, wobei die Kosten und Werte der gehandelten Güter für die Verkäufer und Käufer exogen vorgegeben waren.[46] Die Aufteilung der 90 Marktteilnehmer erfolgte gleichmäßig auf die zehn implementierten Labormärkte. Den Probanden wurden die Rollen des Großhändlers, des Einzelhändlers oder des Konsumenten eines Gutes zufällig so zugeordnet, dass jede Rolle dreimal in einem Labormarkt vergeben war. Ein Labormarkt bestand aus 20 Marktperioden. Zunächst fand in den ersten zehn Perioden keine Besteuerung statt (Baseline Treatment). Hierbei bestimmte sich die Konsumentenrente grundsätzlich aus dem zugeteilten Nutzenwert abzüglich des ausgehandelten Preises und die Produzentenrente aus dem vereinbarten Preis abzüglich der zugeteilten Kosten (bzw. bei den Einzelhändlern zusätzlich abzüglich des ausgehandelten Preises mit dem Großhändler). Anschließend wurde eines der drei Steuersysteme eingeführt, sodass unter jedem Steuersystem zumindest drei Labormärkte implementiert waren. Entsprechend der theoretischen Vermutung beeinflusste die Gestaltung der Besteuerung weder das Steueraufkommen noch die Verteilung der Steuerlast. Die vermutete Äquivalenz der Steuerformen konnte experimentell bestätigt werden.

Borck et al. (2002) führten ein Laborexperiment zur LSE-Theory durch, in welchem die Teilnehmer Güter in posted-offer Märkten handelten.[47] Sie verwendeten zwei Treatments, die sich nur hinsichtlich der Steuererhebung in der zweiten Phase unterschieden. Im Buyer-Tax-Treatment mussten die Käufer die Mengensteuer abführen und im Seller-Tax-Treatment die Verkäufer. Die insgesamt 60 Probanden wurden auf die beiden Treatments aufgeteilt, die wiederum aus jeweils fünf Märkten bestanden. In jedem Markt interagierten drei Käufer und drei Verkäufer in den zu durchlaufenden 24 Perioden, wobei in den ersten zwölf Perioden keine Steuer erhoben wurde (erste Phase). Dabei waren die Kosten und Güterwerte für die Verkäufer und die Käufer exogen vorgegeben. Die Autoren ermittelten die Gleichgewichtswerte für die Preise und Mengen der ersten und zweiten Phase. In der letzten Periode der ersten Phase stellte sich in beiden Treatments fast der gleiche Durchschnittspreis ein, was ein Vergleich der Preise zwischen den Treatments der zweiten Phase ermöglichte. Die Ergebnisse zeigen, dass die Preise in allen Perioden der zweiten Phase über der erwarteten Gleichgewichtsobergrenze lagen. Es gab kaum Unterschiede in den durchschnittlichen Preisen und den verkauften Einheiten in der zweiten Phase, sodass die LSE-Theory bestätigt werden konnte.

Eine weitere experimentelle Untersuchung der LSE-Theory am Gütermarkt wurde von Ruffle (2005) durchgeführt. Der Autor testete neben der Steuerwirkung auch die Wirkung einer Subvention und untersuchte somit zwei Theorien: die tax equivalence und die subsidy equivalence Theorie. Die 552 Teilnehmer wurden in gleich große Gruppen von Käufern und Verkäufern aufgeteilt. Alle Experimente fanden in einem pit-market mit zentralen Preisverhandlungen statt.[48] Zu Beginn jeder Periode bekamen die Käufer und Verkäufer eine zufällig ausgewählte Karte, die den Wert bzw. die Kosten einer Gütereinheit für den Käufer bzw. den Verkäufer anzeigte. Alle 24 Sessions bestanden aus 19 Handelsperioden. Ab Periode neun wurde zum einen eine Steuer eingeführt, die entweder beim Käufer oder beim Verkäufer erhoben wurde. Zum anderen wurde in zwei weiteren Treatments eine Subvention entweder für den Käufer oder den Verkäufer implementiert. Die Teilnehmer nahmen jeweils nur an einer Session teil. Im theoretischen Gleichgewicht hängt der Preis, den die Käufer zahlen, und der Preis, den die Verkäufer letztendlich erhalten, nicht davon ab, ob der Käufer oder der Verkäufer die Steuer zahlt bzw. die Subvention erhält. Der vom Käufer zu entrichtende Gleichgewichtspreis steigt aufgrund der Steuer von zehn Einheiten um fünf Einheiten und der Gleichgewichtspreis nach Steuern, den die Verkäufer erhalten, sinkt um fünf Einheiten. Dies gilt für beide Steuertreatments. Die Einführung der Subvention hingegen erhöht den Gleichgewichtspreis, den die Verkäufer bekommen, und senkt den Preis, welchen die Käufer zahlen. Bei ausreichend großen Märkten zeigen die Ergebnisse eine starke Unterstützung beider Theorien. Die Preise nach Steuern konvergierten in allen zwölf Steuersessions über die Perioden zu dem erwarteten Gleichgewicht und die Preise nach Subvention konvergierten in elf der zwölf Subventionsessions zu dem vorhergesagten Gleichgewichtswert. Insgesamt bestätigen die Ergebnisse somit die LSE-Theory.

5.3. Die Äquivalenztheorie und deren Ablehnung

5.3.1. Geldillusion und die Äquivalenz allgemeiner Steuern

Die LSE-Theory kann analog zum Gütermarkt auch auf den Arbeitsmarkt übertragen werden, sodass es für die Inzidenz einer Steuer irrelevant ist, ob sie auf Seiten des Anbieters oder des Nachfragers eines Produktes oder einer Dienstleistung erhoben wird.[49] Die beiden Märkte Faktor- und Gütermarkt lassen sich zusammenhängend in einem einfachen Modell darstellen, wobei die unterbrochenen Pfeile jeweils den Geldfluss symbolisieren:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Beziehungen zwischen Haushalt und Unternehmen durch Güter- und Faktormarkt.[50]

Die Haushalte sind Anbieter von Arbeit und gleichzeitig Nachfrager von Gütern.[51] Die Unternehmen stehen als Anbieter von Gütern und Nachfrager von Arbeit den Haushalten gegenüber. Musgrave (1959) unterscheidet vier Fälle einer allgemeinen Steuer bei gleichem Steueraufkommen, die in diesem simplen Modell alle äquivalent sind: Eine Besteuerung der Güter bei den Haushalten (1) oder bei den Unternehmen (2) und eine Besteuerung der Arbeit bei den Unternehmen (3) oder bei den Haushalten (4). Diese Äquivalenz gilt jedoch nur unter der Annahme, dass die Marktakteure nicht unter Geldillusion leiden. Demzufolge muss es einem Arbeiter egal sein, ob eine Veränderung des Nettolohnes auf einer Veränderung des Bruttolohnes oder einer Veränderung der zu zahlenden Steuer beruht (LSE-Theory am Arbeitsmarkt). Weiterhin darf es für einen Konsumenten keinen Unterschied machen, ob er eine Steuer des Konsums abführen muss oder ob er einen höheren Güterpreis zahlt (LSE-Theory am Gütermarkt). Damit sind die Fälle eins und zwei sowie drei und vier äquivalent. Ebenso besteht eine Äquivalenz hinsichtlich der Besteuerung einer Transaktion auf dem Gütermarkt und der Besteuerung einer Transaktion auf dem Arbeitsmarkt bei demselben Marktakteur, was zur Äquivalenz sowohl der Fälle zwei und drei als auch der Fälle eins und vier führt.[52]

Blumkin et al. (2008) untersuchten experimentell eine solche Äquivalenz der Einkommensteuer und entsprechenden Konsumsteuer.[53] Durch die Implementierung eines real-effort games wurde eine äquivalente Arbeit-Freizeitallokation unter beiden Steuersystemen vermutet, die jedoch nicht bestätigt werden konnte. Die Autoren gehen von einer Art Geldillusion als Ursache aus, sodass die Teilnehmer die zukünftigen Kosten des Konsums unterschätzten und daher bereit waren, bei einer Besteuerung des Konsums mehr zu arbeiten als bei einer Besteuerung des Einkommens.

Eine solche Geldillusion konnte nun auch erstmals neurologisch nachgewiesen werden.[54] So untersuchte ein Forscherteam aus Ökonomen und Neurowissenschaftlern 24 Probanden in einem Kernspintomografen. Die Teilnehmer mussten einfache Schätzaufgaben lösen und konnten bei Erfolg Geld verdienen. Es wurde eine Differenzierung in zwei Gruppen vorgenommen. In der einen Gruppe konnten die Teilnehmer weniger Geld verdienen bei gleichzeitig geringeren Konsumgüterpreisen. Den Teilnehmern der anderen Gruppe war es möglich, mehr Geld zu verdienen, jedoch waren die Konsumgüterpreise entsprechend teurer. Die Ergebnisse zeigen im Falle der Gruppe mit höheren Verdienstmöglichkeiten eine deutlich stärkere Durchblutung der Hirngegend, die das menschliche Wohlgefühl steuert. Höhere nominale Einkommen steigerten also das Wohlbefinden der Teilnehmer, selbst wenn sich die Kaufkraft nicht veränderte.

Die beschriebenen Umweltzustände in den einzelnen Gruppen können als zwei verschiedene Steuersysteme interpretiert werden. So wird zum einen die Arbeitsleistung bei den Unternehmen besteuert, sodass die ausbezahlten Löhne entsprechend geringer ausfallen. Die Güterpreise sind äquivalent niedriger. Zum anderen erfolgt eine Besteuerung des Güterkonsums bei den Unternehmen, wodurch die zu zahlenden Preise entsprechend steigen. Die Löhne sind äquivalent höher. Die im Experiment von Blumkin et al. vermutete und nun auch neurologisch nachgewiesene Geldillusion kann somit zu einer empirischen Ablehnung der Äquivalenz einer Einkommensteuer und entsprechenden Konsumsteuer führen.

5.3.2. Steuerillusion, Steuer-Salienz und die LSE-Theory

Unter dem Begriff Steuerillusion wird in der Literatur eine systematische Unterschätzung der tatsächlichen Steuerlast durch die Steuerzahler verstanden.[55] So kann sich die Wahrnehmung der direkten und indirekten Besteuerung stark unterscheiden.[56] Bereits 1848 führte Mill eine Untersuchung zur Wahrnehmung der Besteuerung durch. Seine Erkenntnisse wurden unter der Mill-Hypothese bekannt: “Perhaps (...) the money which (the taxpayer) is required to pay directly out of his pocket is the only taxation which he is quite sure that he pays at all.“[57] Die tatsächliche Steuerlast könnte also unterschätzt werden, da die indirekte Besteuerung weniger offensichtlich als die direkte Besteuerung oder gar versteckt ist. Indirekte Steuern führen möglicherweise zu einer Steuerillusion. So können von der Darstellungsweise eines Entscheidungsproblems beeinflussende Wirkungen (Framing-Effekte) ausgehen, welche zu irrationalen Verhaltensweisen führen, wodurch die Probanden trotz äquivalenter Entscheidungssituationen unterschiedlich handeln.[58] Damit wären die institutionellen Merkmale eines Steuersystems für die Wahrnehmung der Steuerbelastung verantwortlich. Als Erklärungsversuch der Steuerillusion beschreiben Kachelmeier et. al. (1994) die Prospect-Theory. Demzufolge wird die Zahlung einer direkten Steuer als eine Art Verlust ausgehend von einem Status Quo angesehen, wohingegen bei einer indirekten Steuer der Transaktionsgewinn umgehend durch die Besteuerung gemindert wird.[59]

Ein weiterer Erklärungsansatz für die Steuerillusion könnte sein, dass Individuen transparente und leicht erkennbare Informationen und Zustände eher als bedeutend ansehen als Situationen, die sie nicht besonders einfach erfassen können.[60] Dies beschreibt den Begriff der sogenannten Steuer-Salienz. Unter der Salienz versteht die Psychologie eine Auffälligkeit von Umweltreizen. Ein Hervortreten von Reizen kann die Aufmerksamkeit eines Menschen für bestimmte Merkmale der Umwelt anziehen und damit diesen Merkmalen Bedeutsamkeit beimessen. In Zusammenhang mit einer Besteuerung kann dies bedeuten, dass die direkte Steuererhebung bei den Konsumenten ihr Bewusstsein mehr berührt als eine äquivalente indirekte Besteuerung der Produzenten. So wissen die Steuerzahler beispielsweise bescheid, ob sie selbst die Steuer abführen müssen oder nicht. Die Steuersätze sind erkennbar oder leicht in Erfahrung zu bringen. Eine Einschätzung über die tatsächliche Verteilung der Steuerlast erfordert hingegen einen hohen Informationsstand.

Eine Übertragung der Erkenntnisse der in Abschnitt 5.3.1 vorgestellten neurologischen Untersuchung auf die LSE-Theory lässt vermuten, dass Akteure ähnliche Glücksgefühle haben, wenn nicht sie selbst, sondern ihre Partner die Steuer abführen müssen. Obwohl sich rationaler Weise aufgrund der Möglichkeit von Steuerüberwälzungen dieselben Marktergebnisse einstellen müssten, könnte es eine Rolle spielen, ob die Steuer „aus eigener Tasche“ gezahlt werden muss oder nicht. Dies führt möglicherweise zu einer Steuerillusion und einer Ablehnung der LSE-Theory am Gütermarkt.

5.4. Ablehnung der LSE-Theory am Gütermarkt in experimentellen Untersuchungen

Entsprechend obiger Vermutungen müssen einige experimentelle Untersuchungen die LSE-Theory im Ergebnis am Gütermarkt ablehnen.

So implementierten Kerschbamer und Kirchsteiger (2000) das bereits in Abschnitt 3.3 erläuterte Ultimatumspiel. Bei rational handelnden Teilnehmern würde der Responder jedes nicht negative Angebot akzeptieren und der Proposer infolge der Rückwärtsinduktion den kleinstmöglichen Betrag für den Responder anbieten. Zusätzlich musste in diesem Experiment im Falle einer Angebotsannahme in der Hälfte der Sessions der Proposer und in der anderen Hälfte der Responder eine Steuer von seinem Einkommen zahlen. In jeder der insgesamt 20 Sessions wurden mehrere Runden mit wechselnden Partnern durchgeführt. Weiterhin unterschieden die Autoren zwischen zwei Versionen: In der Non-Insurance Version erfolgte eine gleichmäßige Aufteilung der Probanden auf die Gruppen der Proposer und der Responder, sodass jeder Teilnehmer einen Partner hatte. Die Responder-Gruppe der Insurance Version war hingegen größer als die Proposer - Gruppe, wodurch zwei Responder keinen Partner bekamen. Hierbei wurde die Besteuerung damit begründet, dass das Aufkommen für die Finanzierung der Kompensation der untätigen Teilnehmer benötigt wird (Versicherung). Die Probanden wurden zufällig einer der beiden Gruppen zugeordnet. Jeder Proposer konnte einen Betrag von 70 Schilling aufteilen. Bei Annahme des Aufteilungsvorschlages wurde eine Steuer von 20 Schilling erhoben, sodass in den Sessions, in denen der Proposer die Steuer zahlen musste, jeder Proposer ein Angebot zwischen 0 und 50 Schilling wählen konnte. In den Sessions, in denen der Responder die Steuer abführen musste, konnte der Proposer einen Aufteilungsvorschlag zwischen 20 und 70 Schilling für ihn vornehmen. Im teilspielperfekten Gleichgewicht geht der Responder leer aus und der Proposer erhält den aufzuteilenden Geldbetrag abzüglich der Steuer unabhängig davon, bei wem die Steuer erhoben wird. Bei rational handelnden Teilnehmern könnte daher die LSE-Theory bestätigt werden. Die Ergebnisse zeigen aber, dass sowohl die Nettoangebote als auch die Ablehnungsraten in beiden Versionen durchschnittlich höher waren, wenn die Steuer beim Proposer erhoben wurde. Damit hing die Verteilung der Steuerlast von der anfänglichen Verteilung der Steuerschuld ab. Insgesamt hatte ein Proband im Durchschnitt ein höheres Nettoeinkommen, wenn sein Partner die Steuer abführen musste. Die LSE-Theory konnte in keiner Version gehalten werden.[61]

Zur experimentellen Untersuchung der Steuerwahrnehmung implementierten Sausgruber und Tyran (2005) eine zweiseitige Auktion mit dem Ziel der Überprüfung der in Abschnitt 5.3.2 geschilderten Mill-Hypothese. Die Teilnehmer nahmen ausschließlich die Rolle des Käufers ein, da die Verkäuferseite durch den Computer automatisiert wurde. Es wurden Märkte mit Wahlentscheidungen durchgeführt, bei denen sich die Probanden für oder gegen ein Steuersystem, das eine Transaktion mit 25 Punkten besteuerte, entscheiden mussten. Das Steuersystem führte zudem zu einer Umverteilung des Steueraufkommens. Dabei wurde die Steuer entweder als direkte Steuer (transparent tax: TT) beim Käufer oder indirekte Steuer (intransparent tax: IT) beim Verkäufer erhoben. Letztere sind in die Güterpreise eingebunden und werden dadurch womöglich von den Käufern unterschätzt. Die indirekten Steuern wurden vom Verkäufer auf den Käufer übergewälzt. Direkte Steuern konnten nicht vom Käufer auf den Verkäufer übergewälzt werden. Das experimentelle Design bestand aus zwei Treatments, die sich nur in der Reihenfolge der Steuersysteme unterschieden. Im ersten Treatment mussten die Teilnehmer zunächst wiederholt über die Implementierung einer direkten und anschließend über die Einführung einer indirekten Steuer abstimmen. In Treatment zwei sollten sie hingegen zunächst zweimal über die Implementierung einer indirekten und im Anschluss über die Einführung einer direkten Steuer entscheiden. Das Experimentdesign lässt sich grafisch verdeutlichen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Experimentdesign der Studie von Sausgruber und Tyran (2005).[62]

[...]


[1] Vgl. Kaya, M. (2007), S. 58.

[2] Vgl. von Neumann, J. und Morgenstern, O. (1967), S. 3f.

[3] Vgl. z.B. die experimentellen Studien von Hoggatt, A.C. (1959) sowie Sauermann, H. und Selten, R. (1959).

[4] Vgl. Friedman, D. und Sunder, S. (1994) S. 1f.

[5] Vgl. Kaya, M. (2007), S. 58f.

[6] Vgl. Friedman, D. und Sunder, S. (1994) S. 10f.

[7] Vgl. Gächter, S. (2005), S. 2f.

[8] Vgl. Smith, V.L. (1994), S. 113.

[9] Güth, W. und Kliemt, H. (2002), S. 1.

[10] Vgl. Sauermann, H. und Selten, R. (1959), S. 428 sowie Falk, A. und Fehr, E. (2003), S. 403.

[11] Beide fiskalischen Parameter, die Überprüfungswahrscheinlichkeit und das Strafmaß, führen zu einer erhöhten Steuerehrlichkeit, wie z.B. in den Arbeiten von Cummings, R.G.; Martinez-Vazquez, J.; McKee, M. et al. (2005), S. 22 oder Gërxhani, K. und Schram, A, (2006), S. 413 experimentell nachgewiesen werden konnte. Friedland, N.; Maital, S. und Rutenberg, A. (1978), S. 111 konnten beispielsweise einen positiven Zusammenhang zwischen dem Ausmaß der Steuerhinterziehung und der Höhe des Steuersatzes feststellen. Andere Studien zeigten aber auch gegenteilige Ergebnisse, vgl. hierzu z.B. Beck, P.J.; Davis, J.S. und Jung, W.-O. (1991), S. 546.

[12] Vgl. Güth, W.; Levati, V. und Sausgruber, R. (2005), S. 181.

[13] Vgl. Boylan, S.J. und Frischmann, P.J. (2006), S. 79.

[14] Vgl. z.B. Gërxhani, K. und Schram, A, (2006) sowie Cummings, R.G.; Martinez-Vazquez, J.; McKee, M. et al. (2005).

[15] Vgl. Damodaran, A. (2008), S. 45.

[16] Vgl. Wiswede, G. (2000), S. 157. Der Autor weist in diesem Zusammenhang auch auf einen lockeren Umgang mit geerbtem Geld hin.

[17] Vgl. Peterson, R.L. (2007), S. 209f.

[18] Der Begriff Manna stammt aus der Bibel (siehe hierzu: Altes Testament, 2. Buch Mose, 16.4) und steht für Brot, das vom Himmel regnet. Im übertragenen Sinne fällt für die Teilnehmer eines Experiments bei gegebener Anfangsausstattung ein Geldbetrag vom Himmel.

[19] Die folgende Darstellung von experimentellen Untersuchungen erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

[20] Modifiziert entnommen aus Arkes, H.R.; Joyner, C.A. und Pezzo, M.V. (1994), S. 333.

[21] Der house-money effect wurde auch in nichtexperimentellen Studien untersucht. Vgl. hierzu z.B. die empirische Studie von Liu, Y.-J.; Tsai, C.-L.; Wang, M.-C. et al. (2006). Die Autoren fanden heraus, dass Wertpapierhändler der Taiwan Futures Exchange überdurchschnittliche Risiken im Nachmittagshandel eingingen, wenn sie am Morgen Gewinne erzielen konnten. Frühere Ergebnisse beeinflussten also die spätere Risikobereitschaft.

[22] Die Ausstattung war im Vergleich zu den Opportunitätskosten der Zeit eines Studenten relativ hoch, um sicherzustellen, dass diese als signifikantes found money angesehen wird.

[23] Da die Greifbarkeit der Entlohnung das Verhalten beeinflussen kann, empfehlen die Autoren gemeinnützigen Organisationen, Spenden per Kreditkarte oder Lohnabzug zu erbeten.

[24] Vgl. hierzu die Ausführungen zur Prospect-Theory von Kahnemann, D. und Tversky, A. (1979) sowie Tversky, A. und Kahnemann, D. (1992).

[25] Vgl. z.B. auch Fernandes, J.L.; Peña, J.I. und Tabak, B.M. (2008), S. 6. Die Autoren zeigen, dass Handelsgewinne einer Periode dazu führten, dass Händler ihre Risikobereitschaft in der folgenden Periode reduzierten, um die erzielten Gewinne nicht zu gefährden und Verluste zu vermeiden.

[26] In einem public good game entscheiden die Teilnehmer, welchen Anteil sie von ihrer Anfangsausstattung zur Finanzierung eines öffentlichen Gutes abgeben. Sie behalten den restlichen Betrag und bekommen bei einer Einzahlung zusätzlich als Anreiz ein Vielfaches des gesamt einbezahlten Betrages aller Teilnehmer. Im Nash-Gleichgewicht leistet jedoch kein Teilnehmer einen Beitrag.

[27] Vgl. Clark, J. (2002), S. 229.

[28] Vgl. Harrison, G.W. (2007), S. 429.

[29] Vgl. z.B. Güth, W.; Schmittberger, R. und Schwarze, B. (1982), S. 375. Mehr als ein Viertel der Proposer boten eine hälftige Aufteilung an.

[30] Vgl. z.B. Forsythe, R.; Horowitz, J.L.; Savin, N.E. et al. (1994), S. 362. Lediglich 36% der Aufteiler ließen den Partner leer ausgehen. 22% der Diktatoren boten eine zumindest hälftige Aufteilung an.

[31] Vgl. z.B. Smith, V.L. (1991), S. 883.

[32] Vgl. Fehr, E. und Schmidt, K.M. (1999), S. 819. Die Autoren interpretieren Fairness als Ungleichheitsaversion. Die Teilnehmer interessieren sich demnach nur für Fairness bezüglich ihres eigenen Payoffs im Vergleich zu dem von anderen.

[33] Vgl. z.B. auch Bearden, J.N. (2001) für eine Zusammentragung zahlreicher Ergebnisse im Bereich der Ultimatumspiele.

[34] In einer Zweitpreisauktion erhält der Höchstbietende den Zuschlag, muss aber lediglich einen Preis in Höhe des zweithöchsten Gebotes zahlen.

[35] Vgl. Güth, W. und Kliemt, H. (2002), S. 7. Die Autoren sprechen von einem zu verteilenden Kuchen, den keiner backen musste.

[36] Vgl. Güth, W. und Kliemt, H. (2004), S. 369.

[37] Nach der Gerechtigkeitstheorie werden die Beträge ungleich verteilt, wenn die getätigten Inputs ebenso unterschiedlich waren. Vgl. hierzu das Equity-Modell von Adams, S.J. (1965), S. 272f. Individuen streben Zustände an, in denen das Verhältnis von Investition und individuellem Gewinn zwischen zwei oder mehreren Personen gleich ist.

[38] Vgl. Shapiro, E.G. (1975), S. 877.

[39] Vgl. für diesen Abschnitt Homburg, S. (2003), S. 99ff. und Blankart, C.B. (2006), S. 358.

[40] Vgl. Homburg, S. (2003), S. 110ff. sowie Stiglitz, J.E. und Schönfelder, B. (1989), S. 432. Vgl. zusätzlich für eine formale Darstellung der relativen Belastung der Akteure in Zusammenhang mit den Preiselastizitäten beispielsweise Blankart, C.B. (2006), S. 363.

[41] Vgl. Homburg, S. (2003), S. 13. Zu den indirekten Steuern können neben den Verbrauch- und Verkehrsteuern auch die Lohnsteuer und gleichfalls die Sozialversicherungsbeiträge gerechnet werden.

[42] Es werden die Überwälzungsvorgänge auf einem einzelnen Markt dargestellt. Auf die Betrachtung eines allgemeinen Gleichgewichtmodells, welches die Interaktionen verschiedener Märkte aufzeigt, wird an dieser Stelle verzichtet.

[43] In den folgenden Erläuterungen sowie in den in Abschnitt 5.2 und 5.4 beschriebenen experimentellen Studien liegt der Fokus auf einer Mengensteuer. Die Aussage der LSE-Theory lässt sich jedoch auch analog auf eine relative Wertsteuer anwenden. Die letztendliche Verteilung der Steuerlast ist die gleiche wie im Falle einer aufkommensgleichen Mengensteuer (gleicher „Steuerkeil“). Vgl. hierzu Blankart, C.B. (2006), S. 361f.

[44] In Anlehnung an Blankart, C.B. (2006), S. 361.

[45] Bei einer völlig unelastischen Kurve der anderen Marktseite ist auch eine vollständige Steuerüberwälzung möglich. In einem üblichen Monopolmodell mit linearer Nachfragekurve hingegen kann bei dem gewinnmaximalen Preis (Grenzkosten = Grenzertrag) und horizontaler Grenzkostenkurve nur eine hälftige Steuerüberwälzung erreicht werden. Vgl. Blankart, C.B. (2006), S. 368f. Tendenziell ist die Überwälzbarkeit im Monopolfall geringer als bei vollständiger Konkurrenz.

[46] In einer doppelten Auktion geben die Nachfrager Kauf- und die Anbieter Verkaufsangebote ab. Diese werden der Höhe nach geordnet und einander gegenübergestellt, wobei das günstigste Verkaufsangebot dem höchsten Kaufangebot zugeordnet wird. Somit ergeben sich bei Preisüberschneidungen stets effiziente Verträge.

[47] In einem posted-offer Markt legen die Anbieter zunächst ihre Verkaufsangebote fest und die Nachfrager entscheiden anschließend über eine Angebotsannahme.

[48] In einem pit-market verhandeln die Käufer und Verkäufer ohne Computer direkt mit einem frei gewählten Teilnehmer der anderen Marktseite.

[49] Siehe für eine ausführliche Beschreibung der LSE-Theory am Arbeitsmarkt Kapitel 5.5.

[50] Modifiziert entnommen aus Musgrave, R.A. (1959), S. 350.

[51] Vgl. für diesen Abschnitt Musgrave, R.A. (1959), S. 350ff.

[52] Insgesamt ergibt sich ebenfalls die Äquivalenz von Fall zwei und Fall vier sowie der Fälle eins und drei.

[53] Dieser Vergleich entspricht der Betrachtung der Fälle zwei und drei. Für eine Beschreibung der Studie von Blumkin, T.; Ruffle, B.J.; und Ganun, Y. (2008) siehe Kapitel 6.1.

[54] Vgl. für diesen Abschnitt Weber, B; Rangel, A; Wibral, M. et al. (2009).

[55] Vgl. Sausgruber, R. (2002), S. 9. Des Weiteren findet sich in der Literatur häufig die Bezeichnung der Fiskalillusion, welche neben der Steuerillusion auch eine Ausgabenillusion (Fehleinschätzung der Eigenschaften öffentlich bereitgestellter Güter und Leistungen) umfasst.

[56] Direkte Steuern können nicht übergewälzt werden, womit Steuerzahler und Steuerträger identisch sind. Indirekte Steuern können übergewälzt werden, sodass Steuerzahler und Steuerträger nicht übereinstimmen müssen.

[57] Mill, J.S. (1848/1909), S. 423.

[58] Der Begriff des Framing-Effekts stammt aus der kognitiven Psychologie. Vgl. hierzu Tversky, A. und Kahneman, D. (1981, 1986).

[59] Vgl. Kachelmeier, S.J.; Limberg, S.T. und Schadewald, M.S. (1994), S. 535. Siehe weiterhin die Ausführungen zur Prospect-Theory in Abschnitt 3.2. Es werden ausgehend von einem Status Quo Verluste von Menschen oft als schwerwiegender empfunden, als Gewinne in gleicher Höhe geschätzt werden.

[60] Vgl. für diesen Abschnitt Sausgruber, R. (2002), S. 24 sowie Pollmann, S. (2008), S. 240.

[61] Die Autoren vermuten, dass der Einfluss sozialer Normen zur Ablehnung der LSE-Theory geführt haben könnte, sodass sich die Steuerzahler tatsächlich verpflichtet fühlten, die auferlegte Steuerlast auch zu tragen. Sie entwickelten zur Verdeutlichung ihrer Begründung ein formales Modell.

[62] Quelle: Sausgruber, R. und Tyran, J.-R. (2005), S. 47.

Details

Seiten
99
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656256564
ISBN (Buch)
9783656259572
Dateigröße
2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v199367
Institution / Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg – Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehre und betriebswirtschaftliche Steuerlehre
Note
1,0
Schlagworte
eine analyse steuerwirkungen arbeitsangebot

Autor

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Titel: Eine experimentelle Analyse von Steuerwirkungen auf das Arbeitsangebot