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Die Bildung der Elite in Nationalpolitischen Erziehungsanstalten

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 24 Seiten

Pädagogik - Geschichte der Päd.

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Historischer Rahmen

2. Auslese als Prinzip der Elitenbildung

3. Erziehungsziele und Erziehungswirklichkeit

4. Merkmale totaler Institutionen

Schluss

Bibliografie

Einleitung

„[...] wer begreifen mochte, wie ein System wie das des Nationalsozialismus seine Herrschaft sichert und ausbaut, sollte sich mit den Institutionen auseinandersetzen, in denen [...] der neue ideale NS-Mensch und -Fuhrer produziert werden sollte“ (Schneider et al. 2009, S. 47­48).

Totalitare Regime bedurfen einer politischen Elite zur Erlangung, Ausubung und Konsolidierung ihrer Macht. Im nationalsozialistischen Sinn wurde unter Elite die Gefolgschaft Hitlers verstanden, die sich durch seine besonders gluhende Verehrung und die Treue bis zum Tod auszeichnete. Wie zu zeigen sein wird, war der Elitegedanke im NS auf rassischer Grundlage aufgebaut.

Nationalpolitische Bildungsanstalten stellten eine typische Form nationalsozialistischer Elitebildung dar. Dabei wurde alles auf die Idee von Fuhrer und Gefolgschaft zentriert. Sie waren fur den nationalsozialistischen Fuhrerstaat ein Instrument zur Auslese von geeignetem Nachwuchs fur Fuhrungspositionen in den zivilen Bereichen der Gesellschaft, Wirtschaft, Verwaltung, in den freien Berufen und fur das Militar.

Nationalpolitische Erziehungsanstalten als staatliche Eliteinternatsschulen des Dritten Reiches waren Statten politischer Gemeinschaftserziehung, denen die personelle Reproduktion der Herrschaft oblag (vgl. Schneider et al. 2009, S. 48).

Legitimation erhalten und bewahren konnten diese Einrichtungen nur unter Berufung auf Hitlers Erziehungsvorstellungen und deren strenge prinzipielle Einhaltung. Die Erziehung zielte auf die vollige Identifizierung des Schulers mit dem Willen des Fuhrers und dem bedingungslosen Einsatz fur ihn ab. Einsatzbereitschaft und Opfermut fur den Fuhrer mussten in standiger Bewahrung immer wieder unter Beweis gestellt werden.

Im Folgenden soll nun untersucht werden, wie sich diese Elitenbildung in den Nationalpolitischen Erziehungsanstalten vollzog.

Zunachst soll im Kapitel Historischer Rahmen dargestellt werden, unter welchen historischen Bedingungen sich diese Anstalten entwickelten und wie es zu der enormen Einflussnahme Adolf Hitlers auf die nationalsozialistische Wirklichkeit im Allgemeinen und auf die Erziehungswirklichkeit im Besonderen kommen konnte.

Auslese bildet das zentrale Prinzip bei der Bildung einer Elite. Im Nationalsozialismus standen die Auslesekriterien auf einer besonderen Grundlage, weshalb diesem Thema hier ein gesondertes Kapitel gewidmet werden soll - Auslese als Prinzip der Elitenbildung.

Kern dieser Arbeit bildet das darauf folgende Kapitel Erziehungsziele und Erziehungswirklichkeit, in welchem die Ziele der Erziehung in Nationalpolitischen Erziehungsanstalten und ihre Umsetzung in der Ausbildungspraxis beleuchtet werden sollen. Die strukturellen Gegebenheiten dieser Eliteinternate hatten einen wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung seiner Schuler. In dem Kapitel Merkmale totaler Institutionen erfolgt eine Auseinandersetzung mit diesen.

Nationalpolitischen Erziehungsanstalten wurden kurz N.P.E.A. genannt. In einem GroBteil der Literatur setzte sich jedoch der volkstumliche Begriff der Napola durch. In der hier vorliegenden Arbeit wird an diesem gebrauchlichen Begriff festgehalten.

Die Schuler dieser Anstalten wurden als Jungmannen bezeichnet. Sie wurden jeweils in einem sogenannten Zug zusammengefasst, was von der Personenstarke her einer Schulklasse entspricht. Mehrere Zuge waren wiederum in einer Hundertschaft vereinigt.

Die Forschungsliteratur zum Thema Erziehung in Nationalpolitischen Erziehungsanstalten ist sehr uberschaubar und leider kaum neueren Datums. Auch die fur diese Arbeit zu Rate gezogene Publikation von Schneider et al. ist nur eine unbearbeitete Neuauflage. Ein GroBteil dieser Literatur besteht aus Zeitzeugen- und Betroffenenberichten. Diese Art der Annaherung an Geschichte wird von Historikern oft ob ihrer zu starken subjektiven Einfarbung abgelehnt. In dieser Arbeit sollen sie trotzdem zum Teil als Bezugnahme dienen, weil sie sehr eindrucklichen schildern, wie die Zurichtung der Schuler in Napolas erfolgte und was diese sehr personlich im Einzelnen ausloste.

Ein Wissenschaftler, dessen Forschungen im Rahmen der Historischen Padagogik sich vor allem auf die Erziehung und den Unterricht im Dritten Reich richteten und der dort als federfuhrend betrachtet werden darf, war Harald Scholtz. Fur die hier vorliegende Untersuchung brachte er allerdings bezuglich der Fragestellung und des begrenzten Rahmens keine weiterfuhrenden Erkenntnisse, weshalb er mit seiner Erwahnung in dieser Einleitung Vorlieb nehmen soll.

Erving Goffman ist eine umfangreiche Analyse totaler Institutionen zu verdanken. Er untersuchte in diesem Zusammenhang vor allem Gefangnisse und psychiatrische Anstalten. Trotz des alteren Datums seiner Veroffentlichung und der Besonderheit seines Untersuchungsgegenstandes ist er fur die Beschreibung der Merkmale der totalen Institution Napola sehr fruchtbar gewesen.

1. Historischer Rahmen

Es liegt im Wesen eines totalitaren Staates - wie dem deutschen im Nationalsozialismus - den Menschen ganz zu erfassen und ihn auf die von ihm gesetzten Ziele auszurichten. Die Erziehung in diesem totalitaren Staat tendierte deshalb auf eine einheitliche Meinungsbildung gemaB seinen Grundsatzen und Lehren. Basis der nationalsozialistischen Schulpolitik und damit auch der Konzeption der Napolas war folglich die nationalsozialistische Weltschauung. Das Ziel der Gesamterziehung an den Napolas war durch die nationalsozialistische Wirklichkeit gegeben und nicht durch irgendein Bildungs- oder Wissenschaftsideal. Es ist ein auf der volkischen Lebensgemeinschaft beruhendes politisches Erziehungsziel (vgl. Rust in: Ueberhorst 1969, S. 48). Deshalb erscheint es an dieser Stelle notwendig, einen kurzen Uberblick uber den historischen und ideologischen Rahmen zu geben, in welchem sich die Nationalpolitischen Erziehungsanstalten entwickelten.

Der Nationalsozialismus besaB kein einheitlich geschlossenes, zum System verfestigtes Lehr- und Gedankengebaude. Insofern lassen sich bei dem Versuch, den Nationalsozialismus geistesgeschichtlich zu erfassen, nur Grundzuge der nationalsozialistischen Weltanschauung aufweisen (vgl. Ueberhorst 1969, S. 15).

Die Uberzeugungskraft ging dabei aber mehr von Hitler selbst als von der Ideologie des NS an sich aus. Er faszinierte die Massen vor allem als Redner und politisch Handelnder. Der Nationalsozialismus war eine propagandistisch geschickt gesteuerte Volksbewegung. Treibende Kraft dabei war die Fuhrerverehrung, die sich bis zum Fuhrerkult steigerte. Das Charisma des Fuhrers bewirkte die personliche Hingabe an ihn. Es gab nicht so sehr dogmatische Festlegungen, als vielmehr den ,erklarten Willen des Fuhrers’ und die ,Fuhrerbefehle’, die neben die Gesetze traten oder Gesetzeskraft erlangten. Die Autoritat des Fuhrers beruhte auf dem Glauben an seine Sendung, der auch zum Glauben der Gefolgschaft wurde.

So bestatigt Fritz Berger, der Protagonist in Munchebergs Roman uber das Leben in der Napola Potsdam Gelobt sei, was hart macht, dass seine Erzieher nie von Gott sprachen, sondern dass die hoheren Gewalten bei ihnen Schicksal und Vorhersehung hieBen. Der Fuhrer hatte dem deutschen Volk ein gutiges und gerechtes Schicksal geschenkt, weshalb was er befehle, immer im Einklang mit der Vorhersehung geschehe (vgl. Muncheberg 2002, S. 117). Hitler wirkte also auch auf Jungmannen wie Erzieher der Napolas unglaublich faszinierend. Es entwickelte sich eine regelrechte Hitlerhorigkeit (vgl. Schneider et al. 2009, S. 43).

Wie war es dazu gekommen? Man kann Hitler und seine Bewegung als Ausdruck einer Krise verstehen, die zum Zeitpunkt seiner Machtergreifung ganz Europa erfasste. Der Faschismus war zu einer epochalen Erscheinung geworden, die sich allgemein als antimarxistische Front verstand, die ein weiteres Vordringen des Kommunismus nach dem ersten Weltkrieg verhindern wollte.

In Deutschland kamen zur Furcht vor dem Bolschewismus die als Diktat empfundenen Friedensbedingungen der Siegermachte, die Hypothek des verlorenen Krieges und vor allem die wirtschaftliche Not der Nachkriegsjahre hinzu. Mit seinen Versprechungen, die diese Probleme losen sollten, gelang es Hitler, die Massen hinter sich zu bringen und somit an die Macht zu kommen.

So war der Nationalsozialismus ganz an das Leben und Wirken Hitlers gebunden. Sein Willen bestand schon vor dem Ersten Weltkrieg darin, eine soziale Massenbewegung zu mobilisieren, um national-volkische Ziele zu erreichen (vgl. Ueberhorst 1969, S. 17).

Der Erste Weltkrieg jedoch bewirkte noch einmal einen Umbruch in seinem Leben, der sich auch in seinen Vorstellungen zur totalen Erziehung in Mein Kampf niederschlugen.

Die Ideen Erich Ludendorffs gewannen einen starkeren Einfluss auf ihn. Politik und Kriegsfuhrung seien demnach nicht mehr zu unterscheiden - sie bilden eine Einheit. Die Aufgabe des Feldherren und Staatsmannes bestehe folglich darin, die Wehrkraft dadurch zu steigern, indem man alle Schichten des Volkes zusammenfasse zu einer einheitlichen Willensbildung. Nationale Leidenschaften sollten mit dem Ziel erweckt werden, den Feind zu vernichten (vgl. Ueberhorst 1969, S. 18).

Den starksten Einfluss auf Hitler hatte aber Dietrich Eckhart - der Verkunder einer rassisch- volkischen Wiedergeburt Deutschlands. Durch ihn erfuhr Hitlers Hass auf Juden eine geradezu apokalyptische Ausweitung. Fur sie wird der Jude zum groBen Weltzerstorer, dem man mit letzter Entschlossenheit entgegentreten muss. Die Weltgefahr wurde nun vor allem darin gesehen, dass sowohl Kapitalismus als auch Bolschewismus judisch seien. Gegen diese Weltgefahr konnten sich nur rassisch gesunde Volker - die ,Kernvolker der Welt’ - zu Wehr setzen und mit ihrem Sieg die Ordnung der Natur wiederherstellen (vgl. Ueberhorst 1969, S. 19). Judenhass war also zu Rassenhass geworden.

Die Einseitigkeit und Gefahrlichkeit nationalsozialistischer Erziehung lag insbesondere in der Vermittlung rassisch-volkischer Werte wie Treue, Ehre, Zucht, Ordnung, Wehrhaftigkeit, Tapferkeit und Opfer, die einzig auf das deutsche Volk bezogen wurden und eng mit der Auslese, im Fall des NS also der Aufteilung in wertes und unwertes Leben verknupft waren. Angehorige der nordischen oder falischen Rasse wurden so zu Ubermenschen deklariert, die permanent fur ihren Fuhrer und ihr Volk einzustehen, all seine Feinde zu vernichten und in letzter Konsequenz dafur auch mit ihrem Leben zu bezahlen hatten.

Ein weiteres Merkmal der nationalsozialistischen Bewegung war ihre starke Bestimmung von emotionalen Kraften, was sich ganz eindeutig in der Erziehungsarbeit an den Napolas widerspiegelt. Man appellierte besonders stark an die Gefuhle der Jungen, um eine bedingungslose Hingabe an das ubergeordnete Ganze zu erreichen: die (Volks)Gemeinschaft, den Wehrverband, den Staat und den Fuhrer. Der Schwerpunkt der Erziehung lag also nicht auf der verstandesmaBig-kritischen Denkschulung, sondern auf der Entbindung irrationaler Krafte, die alle nur eine Zielrichtung hatten: den Dienst fur die nationalsozialistische Volksgemeinschaft.

2. Auslese als Prinzip der Elitenbildung

Wie bereits im vorangegangenen Kapitel kurz erwahnt, war die Vermittlung rassisch- volkischer Werte eng an die Prinzipien der Auslese geknupft.

Der Jungmann diente der Volksgemeinschaft, die allen anderen gegenuber als uberlegen erklart wurde und als deren wertvoller Reprasentant er sich fuhlen sollte. Somit wurde er zum Trager der Ideologie eines totalitaren Staates. Durchdrungen von dem Bewusstsein, zur rassischen Auslese des deutschen Volkes zu gehoren und fur staatliche Fuhrungsaufgaben bestimmt zu sein, trat der Grundsatz der Toleranz gegenuber dem Einzelnen vollig hinter den Macht- und Rechtsanspruch des Volkes zuruck (vgl. Ueberhorst 1969, S. 11).

Auslese bedeutete in der Ideologie des NS zum einen der nordischen Rasse mit ihren hochwertigen und zugleich intelligenten Menschen zur Ausbreitung zu verhelfen und andererseits dieser Rasse nicht zugehorige Menschen, vor allem Juden zu vernichten. In dieser Ideologie bestand also zwischen Auslese und Vernichtung ein innerer Zusammenhang. Sie bildeten zentrale Richtpunkte zur Bildung einer neuen Elite. Auch Schneider et al. weisen an dieser Stelle noch einmal auf den Zusammenhang von Auslese und Vernichtung hin, indem sie formulieren:

„Mit dem Projekt Napola sind - im Sinne eines ,positiven’ Erziehungsprogramms - die Ideen von Zucht, Reinheit und Selektion verbunden, die negativ an der Rampe von Auschwitz vollstreckt wurden. Insofern gehoren beide zusammen: Eliteinternat und KZ sind, als totale Institutionen, die beiden Extreme eines Systems, das die individuelle Berechtigung zum Leben an die Zurechenbarkeit zu einer Nation, einer Rasse, einem Typus, einer Einstellung band. Die Napola war die reinste Unsetzung dieser Vorstellung in ein padagogisches Konzept. Sie war das grofite Menschenexperiment des NS-Staats, das nicht auf Destruktion, sondern auf Produktion angelegt war“ (Schneider et al. 2009, S. 12).

Die rassische Zucht sollte innerhalb von 2-3 Generationen zum neuen Menschen fuhren. Dies wurde jedoch durch das Ende des ,Tausendjahrigen Reiches’ nach 12 Jahren seines Bestehens verhindert.

Die Erziehung zur Elite an den Napolas war von einer permanenten nationalsozialistischen Indoktrination uberzogen, welche das Motiv der Auslese als exklusivem Prinzip der Elitebildung in den Vordergrund stellte (vgl. Schneider et al. 2009, S. 11).

Die Erziehungspraxis gestaltete sich mit dem erklarten Ziel, einen neuen Menschentypus nach dem Rasse- und Verhaltensideal des NS zu formen.

[...]

Details

Seiten
24
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656256540
ISBN (Buch)
9783656256908
Dateigröße
421 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v199426
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Profilbereich Bildungswissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
bildung elite nationalpolitischen erziehungsanstalten

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Titel: Die Bildung der Elite in Nationalpolitischen Erziehungsanstalten