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Adolf Hitlers Führertum und Charisma in den Jahren 1919 - 1933

Eine Analyse anhand der Herrschaftssoziologie Max Webers

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 30 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Hauptteil – Führertum und Charisma
2.1. Max Webers Herrschaftssoziologie in ,,Wirtschaft und Gesellschaft‘‘
2.2. 1989 – 1919, Hitlers ,,unpolitisches‘‘ Leben
2.3. 1919 – 1923, Der ,,Trommler‘‘ des kommenden Führers
2.4. Exkurs: ,,Mein Kampf‘‘ und die Selbststilisierung zum ,,Führer‘‘
2.5. 1924-1933: ,,Führer‘‘ der Partei und des kommenden Deutschlands
2.6. 1933-1945: Ausblick - Der ,,Führer-Mythos‘‘ im Dritten Reich

3. Fazit. ,,Synergetisches Charisma‘‘ und Führer-Mythos

4. Anhang

4.1. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Betrachtet man heute Fotos und Videos aus der Zeit des Nationalsozialismus, so scheint es, als ob ein ganzes Volk einem einzigen Menschen, dem ,,Führer‘‘ Adolf Hitler verfallen wäre. Zeitdokumente zeigen jubelnde Menschenmassen, deren ,,Heil Hitler‘‘ aus vollstem Herzen zu kommen scheint. Es scheint unvorstellbar, dass ein Volk einem Menschen zujubelte, dessen politische Ziele Mord, Terror und Krieg implizierten. Daraus resultiert folgende Schlussfolgerung: Offensichtlich herrschte eine gravierende Disparität zwischen Hitlers Plänen und den Vorstellungen des Volkes über seinen ,,Führer‘‘.

Doch wie ,,verzauberte‘‘ Hitler Millionen von Menschen derart? Die Antwort scheint einfach: Er hatte Charisma. Nun lässt sich Hitlers Charisma ab 1933 auf die staatlich inszenierte Propaganda zurückführen, doch auch vor 1933 besaß Hitler eine große Anhängerschafft, die ihm vollständig verfallen war. Wie war dies möglich? Hatte Hitler unabhängig der späteren Propaganda wirkliches Charisma? Was war der Ursprung, was die Wirkung dieses Charismas? Um diese Frage angemessen beantworten zu können ist es Aufgabe dieser Arbeit, die Biographie Hitlers und die Entwicklung der NSDAP zur Führerpartei zu betrachten, um zu klären, worin Hitlers Charisma begründet lag.

Anknüpfend an bisherige Analysen der historischen Forschung zur Entwicklung Adolf Hitlers zum ,,Führer‘‘ soll die Herrschaftssoziologie Max Webers[1] als Hauptanalyseinstrumentarium dienen, die einleitend vorgestellt werden wird.[2] Diese eignet sich in besonderen Maße zur Analyse des Nationalsozialismus, da Webers theoretischer Ansatz ,,gleichgültig gegenüber den klassischen Staatsformen […]‘‘[3] ist. Da er ,,beliebig desaggregierbar‘‘[4] ist, ist er anwendbar auf verschiedenste Systeme von Herrschaft. Es lassen sich ,,Mikrosysteme wie kleine Gruppen, Sekten […] und Parteien ebenso […] analysieren wie Makrosysteme‘‘[5]. Daher eignet sich Webers theoretischer Ansatz auch für die Analyse der persönlichen Entwicklung Hitlers zum charismatischen Führer.

Im Anschluss an die Darstellung von Webers Theorie, wird die Entwicklung Hitlers zum ‚‚charismatischen‘‘ Führer der NSDAP analysiert werden. Dazu wird zuerst die Biographie Hitlers bis 1919 vorgestellt in Bezug auf die Frage, inwieweit sich Hitlers Charisma vor seinem Eintritt in die Politik zeigte. Als nächster Aspekt wird die Zeit bis zum Hitler-Ludendorff-Putsch im November 1923 untersucht unter Berücksichtigung der ersten politischen Schritte Hitlers. Daran schließt sich eine Analyse der Selbststilisierung Hitlers zum ,,Führer‘‘ in ,,Mein Kampf‘‘ an. Nachfolgend wird die Entwicklung des Führerkultes innerhalb der nationalsozialistischen Bewegung ab 1925 analysiert. Als letzter Aspekt des Hauptteils soll ein Ausblick auf die Ausbreitung und Entwicklung des Führer-Mythos in der ,,Volksgemeinschaft‘‘ in den 12 Jahren der Herrschaft Hitlers gegeben werden.

Die vorliegende Arbeit stützt sich primär auf die Untersuchungen von Ludolf Herbst und Ian Kershaw zu Hitlers Charisma und zum Führerkult im Dritten Reich und versucht die aus dieser Sicht gegebenen Forschungskontroversen an gegebener Stelle zu erläutern. Ergänzend werden die Arbeiten von Wolfgang Horn und Hans Maser zur Frühzeit der NSDAP und Albrecht Tyrells Forschungen zum Selbstbild Hitlers genutzt.

2. Hauptteil – Führertum und Charisma

‚‚Das ist das Wunder unserer Zeit, daß [sic!] ihr mich gefunden habt […] unter so vielen Millionen! Und daß [sic!] ich euch gefunden habe, das ist Deutschlands Glück!‘‘[6]

2.1. Max Webers Herrschaftssoziologie in ,,Wirtschaft und Gesellschaft‘‘

Die Anwendung von Theorien als ein Analyseinstrumentarium für historische Prozesse birgt allgemeine Gefahren in sich. Der Historiker, der bei der Analyse seiner empirischen Forschungen Theorien hinzuzieht, muss bei deren Anwendung stets vorsichtig agieren, da es sich bei Theorien meist um Idealtypen von Wirklichkeit handelt. Zu leicht lässt sich eine Theorie als ein Design für die Wirklichkeit auffassen, in das empirische Erkenntnisse ,,hineingezwängt‘‘ werden, wodurch der Erkenntniswert einer Theorie überstrapaziert wird, d.h. eine Theorie ,,unkritisch‘‘ gebraucht wird. Wie Ludolf Herbst aufzeigt, besteht diese Gefahr bei der Analyse der nationalsozialistischen Herrschaft anhand der Herrschaftssoziologie Max Webers in besonderem Maße, sollte die Soziologie Webers unkritisch oder unvollständig, also beschränkt auf die Kategorie der ,,charismatischen Herrschaft‘‘ Webers, verwendet werden.[7]

Um dieser Gefahr zu entgehen, muss daher eine allgemeine Darstellung der Theorien Webers erfolgen, allerdings unter besonderer Berücksichtigung des Typus der charismatischen Herrschaft, da diese, trotz aller Einschränkungen, das Kerninstrumentarium der folgenden Analyse bilden soll. Weber unterscheidet in seiner Herrschaftssoziologie drei Typen von legitimer Herrschaft: die des legalen, rational-bürokratischen, die des traditionalen und die des charismatischen Charakters.[8]

Als legale Herrschaft fasst Weber eine Herrschaftsform auf, in der ein moderner Staat durch eine gesatzte Rechtsordnung legitimiert und auf einen bürokratischen Verwaltungsstab gestützt ist.[9] Legitimiert wird die legale Herrschaft also dadurch, ,,daß [sic!]beliebiges Recht […] gesatzt werden könne mit dem Anspruch auf Nachachtung mindestens durch […] Personen, die innerhalb des Machtbereiches des Verbandes in bestimmte von der Verbandsordnung für relevant erklärte soziale Beziehungen geraten oder sozial handeln‘‘[10].

Legale Herrschaft ist also davon abhängig, dass das gegebene Recht durch die am Gemeinschaftsleben teilnehmenden Menschen als gültig betrachtet und das Leben daher an diese Normen angepasst wird. Dabei ist entscheidend, dass das Recht ein formales, systematisches Recht ist, das heißt, ein Recht ,,das durch seine Systematik und die Formalisierung der Rechtsverfahren berechenbar wird‘‘[11] und dadurch in sich geschlossen und unabhängig ist, etwa von ethischen Normen.[12]

,,Traditional soll eine Herrschaft heißen, wenn ihre Legitimität sich stützt und geglaubt wird auf Grund der Heiligkeit altüberkommener […] Ordnungen und Herrengewalten‘‘[13] Der Herrschaftsanspruch eines Herrn legitimiert sich durch die Tradition überlieferter Normen. Dabei tritt der ,,Patriarch‘‘ als eine Art väterlicher Herr auf, dessen Beziehung zu seinen ,,Untertanen‘‘ als ,,ein durch Erziehungsgemeinschaft bestimmter Pietatsverband‘‘[14] definiert wird. Der Verwaltungsstab des Patriarchen besteht im Unterschied zur legalen Herrschaft, nicht aus Beamtem, also aus bürokratischen Strukturen, sondern aus ,,Dienern‘‘, welche treu zu ihrem Herrn stehen.[15]

Weber definiert bei dem Typus der charismatischen Herrschaft[16] das Charisma als eine als ,,außeralltäglich […] geltende Qualität einer Persönlichkeit […], um derentwillen sie als mit übernatürlichen oder übermenschlichen oder mindestens spezifisch außeralttäglichen, nicht jedem anderen zugänglichen Kräften oder Eigenschaften […] oder als vorbildlich und deshalb als ,Führer‘ gewertet wird‘‘.[17] Im Zentrum der Herrschaft steht demnach ein Führer, dem außeralltägliche Eigenschaften, also das Charisma, zugeschrieben werden. Dabei ist nicht entscheidend, ob dem Führer Charisma, objektiv bewertet, als Eigenschaft genuin ist, sondern ob es von seinen ,,Anhängern‘‘ konstruiert und damit auf den Führer projiziert wird. ,,Das Charisma findet die Quellen seiner Wirkung in dem Glauben der Beherrschten‘‘.[18]

Charismatische Herrschaft legitimiert sich daher durch den Glauben der ,,Beherrschten‘‘ an den ,,Führer‘‘. Da, wie erläutert, dieser Glaube seinen Ursprung in der Projektion von Eigenschaften auf einen Führer findet und sich charismatische Herrschaft so legitimiert, muss der Führer sich im Sinne dieser Eigenschaften ,,bewähren‘‘, damit seine Herrschaft Bestand hat.[19] Dabei ist der Aufgabenbereich eines charismatischen Führers, genau wie die auf ihn konstruierten Eigenschaften, als ,,außeralltäglich‘‘ anzusehen. Der Führer hat demnach eine ,,Mission‘‘, die dem Alltäglichen entgegensteht, revolutionär ist und sich daher gegen bestehende Satzungen und Verhältnisse wendet. Es gilt demnach der Satz Jesu ,,Es steht geschrieben, ich aber sage euch‘‘[20].

Da also eine charismatische Herrschaft einen revolutionären Charakter hat, tritt sie oft als Folge von Krisensituationen auf. Solche ,,charismatische Situationen‘‘ erfüllen die Grundlagen einer charismatischen Herrschaft in besonderem Maße, da sich ein Führer, gestützt auf den Ruf nach dem rettenden Heiland, besonders leicht etablieren kann.[21] Bewährt sich ein Führer in einer solchen Situation, so ist er der Theorie nach auf dem Höhepunkt seiner charismatischen Herrschaft. Da aber nach der Überwindung einer Notsituation der Höhepunkt einer charismatischen Herrschaft erreicht ist – denn sollte eine erneute Krisensituation auftreten, würde dies das Ende einer charismatischen Herrschaft bedeuten, da sich der Führer nicht bewährt hätte –, kann die charismatische Herrschaft im Idealzustand nur in ,,statu nascendi‘‘ existieren.[22] Kann der Führer sich nicht bewähren, so verliert er auf Dauer den Nimbus des ,,außeralltäglichen‘‘, also die auf ihn projizierten Fähigkeiten, und damit die Grundlage einer Herrschaft. Eine charismatische Herrschaft ist demnach an Bewährung und Erfolge im Sinne der Erwartungen der Anhänger gekoppelt.

Nach Weber ist charismatische Herrschaft institutionell schwach ausgeprägt, da ihre Grundlage die soziale Beziehung zwischen Führer und Gläubigen ist. Der Führer stützt sich auf von ihm erwählte Vertrauensmänner, seine ,,Jünger‘‘, nicht auf bürokratische Strukturen.[23] Diese Jünger fungieren, ausgestattet mit eigenen charismatischen Qualitäten und in völliger Übereinstimmung mit der Mission des Führers, als Sendeboten zwischen Führer und Gläubigen. Dabei sind sie vollkommen abhängig vom Willen der charismatischen Führerfigur.[24] Neben der institutionellen Schwäche ist ,,reines Charisma […] spezifisch wirtschaftsfremd‘‘[25]. Dies liegt in der Natur des Charismas, also in seiner Außeralltäglichkeit und seinem revolutionären Charakter begründet. Alltägliche, wirtschaftliche Rücksichten kümmern den charismatischen Führer in seiner Mission daher nicht. Da wirtschaftliche Grundlagen für jede Form von Herrschaft unumgänglich sind, ,,besteht eine Gewissenpflicht der charismatisch Beherrschten Sachgüterleistungen zu erbringen‘‘[26].

Wie wir gesehen haben, kann reine charismatische Herrschaft nur in ,,statu nascendi‘‘ auftreten und daher nicht auf Dauer Bestand haben. Da aber, so Weber, eine Herrschaftssoziologie nach Strukturen von Dauer fragen muss, führt er die Kategorie der ,,Veralltäglichung‘‘ des Charismas ein.[27] Mit Veralltäglichung des Charismas meint Weber die Transformation des außeralltäglichen Charakters des Charismas in eine dauerhafte, alltägliche Struktur. Dazu muss sich der Charakter der Herrschaft wesentlich ändern, ,,sie wird traditionalisiert oder rationalisiert (legalisiert)‘‘[28], ,,ins ,Institutionelle‘ transportiert‘‘[29]. Dieser Strukturwandel führt zur Verdrängung oder Veränderung des Charismas in eine ,,bis zur Unkenntlichkeit entstellte, nur für die theoretische Betrachtung rein herauszupräparierende Komponente des empirischen historischen Gebildes‘‘[30]. Begründet liegt die Notwendigkeit des Strukturwandels neben der ‚,Kurzlebigkeit‘‘ der reinen charismatischen Herrschaft in der Anhängerschaft und dem Verwaltungsstab, also den Jüngern, die, getrieben von materiellen Wünschen, langfristig wirksame Strukturen anstreben.[31]

Nach der Darstellung der Herrschaftssoziologie Webers stellt sich nun die Frage inwieweit sich die Entwicklung des Führer-Mythos mithilfe dieser Kategorien erklären lässt. Reicht es diese Entwicklung nur anhand des Charisma-Begriffs Webers zu erklären oder ob Webers Idealtypen von Herrschaften vermischt und ergänzt werden müssen. Vor allem bleibt zu überprüfen, ob charismatische Herrschaft nicht auch in Verbindung mit bürokratischen Strukturen und damit legaler Herrschaft existieren kann, was Weber ausschließt.[32] Diese Frage ist schon daher von Bedeutung, da die nationalsozialistische Herrschaft in einer Zeit eintrat, die von Weber als die der modernen, bürokratischen und damit legalen Herrschaften gekennzeichnet wurde.[33]

2.2. 1989-1919: Hitlers ,,unpolitisches‘‘ Leben

Betrachten wir kurz den Kern der charismatischen Herrschaft Webers, also dass das Charisma ,,eine als außeralltäglich […] geltende Qualität einer Persönlichkeit heißen [soll], um derentwillen sie als mit übernatürlichen […] Kräften und Eigenschaften begabt […] und deshalb als ,Führer‘ gewertet wird‘‘[34]. Dabei sind nicht dem Führer genuine Qualitäten entscheidend, sondern nur solche, die von der Anhängerschaft auf ihn konstruiert und projiziert werden. Dem folgend, müsste also die Analyse der Entwicklung Adolf Hitlers zum charismatischen Führer in den Jahren 1919 / 1920, also mit Hitlers Eintritt in die Politik, einsetzen, da er erst ab dieser Zeit der Herrschaftssoziologie Webers als Analyseinstrumentarium gerecht werden würde. Da jedoch durchaus die Möglichkeit besteht, dass Hitler in seinen ersten 30 Lebensjahren Entwicklungen durchlebt hat, welche seine spätere Rolle beeinflussten, ist es unumgänglich zuerst eine Zusammenfassung dieser Zeit zu geben, um im Folgenden etwaige Verbindungen zu späteren Entwicklungen darstellen zu können.

Adolf Hitler wurde am 20. April 1989 in Braunau im Inn als Sohn von Alois und Klara Hitler geboren. Von seinem Vater, einem österreichischen Zollamtsoffizial, streng, humorlos und pflichtbewusst, gelegentlich zu Wutausbrüchen neigend, wenig geliebt, verehrte der junge Adolf seine fürsorgliche Mutter umso mehr.[35] Nach dem Tod des Vaters im Jahr 1903 verließ Hitler schließlich 1905 die verhasste Schule mit dem Ziel, befreit von der Strenge des Vaters und dessen Werten, eine künstlerische Laufbahn einzuschlagen. In Linz, wo die Familie Hitler seit 1898 lebte, entwickelte Hitler eine Leidenschaft für Heldensagen, Richard Wagner und das Theater, er fasste den Plan Künstler zu werden.[36] Nach einem kurzen Aufenthalt in Wien, kehrte er 1907 in Folge der Erkrankung der Mutter an Brustkrebs nach Linz zurück und pflegte diese bis zu ihrem Tode im Dezember selben Jahres aufopferungsvoll.[37]

Daraufhin kehrte Hitler, ausgestattet mit einer kleinen Waisenrente und einem Darlehen seiner Tante nach Wien zurück und bewarb sich dort bei der Akademie für bildende Künste, die ihm zwar ein architektonisches Talent bescheinigte, ihn aber trotzdem ablehnte.[38] Bis zu seiner Emigration nach München im Jahr 1913 führte Hitler in Wien ein Dasein unter verschiedensten finanziellen und sozialen Bedingungen, die ihn zeitweise bis an den Rand des Existenzminimums brachten.[39] In dieser Zeit entwickelte er neben seinen künstlerischen Interessen eine Liebe zur Architektur und Literatur, zu der in Teilen ein politisches Interesse in Form von Besuchen im Parlament in Wien hinzutrat.[40] Dabei blieb Hitler jedoch stets Autodidakt.[41] In dieser Zeit machte Hitler nach eigenen Angaben erste Bekanntschaft mit dem Antisemitismus und konvertierte kurze Zeit später zum praktizierenden Antisemiten.[42] Da dies Quellenkritisch jedoch nicht belegbar ist kann ,,die entscheidende Frage […], wann der Antisemitismus für Hitler zum Kern- und Angelpunkt wurde, […] aus seiner Linzer und Wiener Zeit nicht beantwortet werden‘‘[43]. Der Umzug Hitlers nach München 1913 diente dazu der Einberufung zum österreichischen Militär zu entgehen. In Deutschland meldete er sich nach dem Kriegsausbruch 1914 begeistert zum Kriegsdienst. Daraus lässt sich ableiten, dass Hitler die österreichische Doppelmonarchie ablehnte und das deutsche Kaiserreich bevorzugte, was für ein allgemeines politisches Interesse der Person Hitler in dieser Zeit spricht.[44]

[...]


[1] Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie, Tübingen 1976.

[2] Die Analyse der Rolle Adolf Hitlers innerhalb des Nationalsozialismus mithilfe der Herrschaftssoziologie Webers geht schon bis in die 1930er Jahre zurück. Vgl. Hermann Rauschning, Die Revolution des Nihilismus. Kulisse und Wirklichkeit im Dritten Reich, Zürich 1938.

Zu späteren Analysen vgl. u.a.: Martin Broszat, Soziale Motivation und Führerbindung des Nationalsozialismus, in: Vfz. 18 (1970), S. 392-409; Ludolf Herbst, Hitlers Charisma. Die Erfindung eines deutschen Messias, Frankfurt am Main 2010; Ian Kershaw, Der Hitler-Mythos. Führerkult und Volksmeinung, Stuttgart 1999; Ders, Hitler 1889 – 1945, Stuttgart 2009; Ders, Der NS-Staat. Geschichtsinterpretationen und Kontroversen im Überblick, Hamburg 2006; Hans Mommsen, Der Nationalsozialismus und die deutsche Gesellschaft. Ausgewählte Aufsätze, Reinbek 1991; Hans-Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Vom Beginn des Ersten Weltkrieges bis zur Gründung der beiden deutschen Staaten 1914-1949, München 2003.

[3] Herbst, Hitlers Charisma, S. 259.

[4] Ebenda, S. 259.

[5] Ebenda, S. 259.

[6] Der Parteitag der Ehre vom 8. Bis zum 14. September 1936, München 1936, S. 246.

[7] Vgl. Herbst, Hitlers Charisma, S. 14ff.

[8] Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, S. 124.

[9] Ebenda, S. 125.

[10] Ebenda, S. 125.

[11] Herbst, Hitlers Charisma, S. 17.

[12] Vgl. Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, S. 124ff.

[13] Ebenda, S. 130.

[14] Ebenda, S. 130.

[15] Vgl. ebenda, S. 130ff.

[16] Zur Interpretation von Webers Charisma Begriff vgl: Winfried Gebhardt, Charisma und Ordnung. Formen des institutionalisierten Charisma – Überlegungen in Anschluß an Max Weber, in: ders, A. Zingerle, M. Ebertz (Hrsg.), Charisma. Theorie – Religion – Politik, Berlin/New York 1993, S. 47-68; Wolfgang Schluchter, Religion und Lebensführung. Studien zu Max Webers Religions- und Herrschaftssoziologie, Bd. 2, Frankfurt am Main 1988.

[17] Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, S. 140.

[18] Ebenda, S. 664.

[19] Ebenda, S. 140.

[20] Ebenda, S. 141.

[21] Ebenda, S. 661.

[22] Ebenda, S. 661.

[23] Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, S. 141.

[24] Ebenda, S. 141.

[25] Ebenda, S. 142.

[26] Herbst, Hitlers Charisma, S. 22.

[27] Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, S. 142.

[28] Ebenda, S. 143.

[29] Ebenda, S. 661.

[30] Ebenda, S. 661.

[31] Ebenda, S. 143.

[32] Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, S. 142ff.

[33] Ebenda, S. 124.

[34] Ebenda, S. 140.

[35] Alan Bullock, Hitler. Eine Studie über Tyrannei, Düsseldorf 1953, S.17ff.

[36] Ebenda, S. 22ff.

[37] Vgl. Kershaw, Hitler, S. 25ff; Herbst, Hitlers Charisma, S. 68f.

[38] Herbst, Hitlers Charisma, S. 69.

[39] Vgl. zu der Zeit Hitlers in Wien: Kershaw, Hitler, Kapitel 2. Der Aussteiger, S. 39-66.

[40] Herbst, Hitlers Charisma, S. 71.

[41] Ludolf Herbst, Der Fall Hitler – Inszenierungskunst und Charismapolitik, in: Wilfried Nippel (Hrsg.), Virtuosen der Macht. Herrschaft und Charisma von Perikles bis Mao, München 2000, S. 171-191, hier S. 173.

[42] Herbst, Hitlers Charisma, S. 58f.

[43] Brigitte Haman, Hitlers Wien. Lehrjahre eines Diktators, München/Zürich 1996, S. 502.

Um die Frage wann Hitler zum Antisemiten wurde besteht in der jüngsten Forschung aufgrund schwieriger Quellenlange trotz der Forschungen Brigitte Hamans kein Konsens. So geht Ian Kershaw in seiner Hitler- Biographie davon aus, Hitler habe ,,während der Wiener Zeit begonnen, Juden zu hassen‘‘(Kershaw, Hitler, S. 64.). Allerdings sei dieser Hass keine vollentwickelte Ideologie und Weltanschauung gewesen, diese entwickelte Hitler erst in den frühen zwanziger Jahren auf Grundlage seines in Wien gewonnen Antisemitismus. Vgl. Kershaw, Hitler, S. 64f. Damit folgt Kershaw im Wesentlichen der Analyse Haffners in dessen ,,Anmerkungen‘‘. Für Haffner trug Hitler den Antisemitismus ,,von Anfang an wie einen angeboren Buckel mit sich herum‘‘ (Haffner, Anmerkungen zu Hitler, S. 15), den er in seinen Wiener Jahren als ,,Urgestein‘‘ zusammen mit dem Nationalismus zu einer Weltanschauung zusammenbrachte und als persönliches politisches Grundprogramm manifestierte. Vgl. Haffner, Anmerkungen zu Hitler S. 14f. Eine abweichende Analyse der Entwicklung des Antisemitismus Hitlers gibt Ludolf Herbst. Diese wird im Folgenden dieser Arbeit dargestellt.

[44] Herbst, Hitlers Charisma, S. 71f. Ob sich in diesem Schritt der erste, bewusste politische Akt Hitlers deuten lässt, wie dies Haffner in seinen Anmerkungen tut, lässt sich meines Erachtens nach nicht eindeutig klären. Da Hitler die Ablehnung der österreichischen Doppelmonarchie im Zuge seiner Schullaufbahn als Grundhaltung in der ,,deutschesten‘‘ Stadt ganz Österreichs erlebt hatte, lässt sich die Emigration meines Erachtens daher eher als ein unbewusster Akt Hitlers deuten. Auch muss beachtet werden, dass Hitler sich schon seit 1909 vor dem Militärdienst drückte und ihm daher eine Haftstrafe drohte. Schließlich muss zuletzt das gerade erhaltene Erbe des Vaters als Grund gesehen werden: solange Hitler nicht 24 Jahre alt war, konnte er dieses nicht antreten und zum Antritt musste er in Österreich sein. Vgl. Kershaw, Hitler, S. 28f, S. 65f.

Details

Seiten
30
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656262657
ISBN (Buch)
9783656263159
Dateigröße
587 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v199852
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn – Institut für Geschichtswissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Adolf Hitler Charisma Max Weber Führertum Mythos Nationalsozialismus

Autor

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Titel: Adolf Hitlers Führertum und Charisma in den Jahren 1919 - 1933