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Leistungssport und österreichische Politik

Strukturen - Inhalte - Prozesse

Diplomarbeit 2012 144 Seiten

Politik - Grundlagen und Allgemeines

Leseprobe

Inhalt

2 ALLGEMEINE EINLEITUNG

3 POLITIKWISSENSCHAFTLICHE RELEVANZ DER SPORT STUDIES
3.1 Sport und Wissenschaften - die Entwicklung der Sport Studies
3.2 Soziologische Konstruktionsmerkmale des Leistungssports
3.3 Leistungssport und Politik in Österreich - Fragestellung, Gegenstandsbereich und Hypothesen
3.4 Sport und Politik - vom Alltagsverständnis zur Begriffsdefinition

4 SPORT UND GESELLSCHAFT - NICHT-INSTITUTIONELLE FAKTOREN DES SPORTLICHEN FELDES
4.1 Allgemein
4.2 Gesellschaft und Sport - historische Entwicklung
4.3 Gesellschaft und Sport - Sportgroßveranstaltungen am Beispiel der olympischen Bewegung S
4.4 Sport und Massenmedien
4.5 Funktionen des Sports für die Politik

5 SPORT UND POLITIK IN ÖSTERREICH
5.1 Allgemein
5.2 Sport und Politik in Österreich - historische Entwicklung
5.3 Österreichischer Sport und Olympische Spiele
5.4 Österreichische Sportpolitik - Institutionen
5.5 Die Finanzierung des österreichischen Sports
5.6 Österreichische Anti-Dopingpolitik

6 SCHLUSSBEMERKUNGEN
6.1 Zu Hypothese 1
6.2 Zu Hypothese 2
6.3 Zu Hypothese 3
6.4 Zu Hypothese 4

7 LITERATURVERZEICHNIS

Es wird darauf hingewiesen, dass in dieser Ausarbeitung durchgängig das generi­sche Maskulinum genutzt wird. Die Verwendung der männlichen Form eines Wortes schließt aber immer auch die weibliche Form mit ein. So ist zum Beispiel auch dann die Rede von „politischen Entscheidungsträgern", „Sportlern“ oder von „Politikern“, wenn gemischtgeschlechtliche Gruppen gemeint sind oder das Geschlecht der je­weiligen Personen unbekannt ist.

Auch wenn sich der Autor der Problematik dieser Vorgehensweise bewusst ist, wird zur Verbesserung des Leseflusses und wegen des beschränkten Platzes auf eine solche Sprachregelung ausgewichen (vgl. Blum/Schubert 2009, 11).

2 Allgemeine Einleitung

Am 21. Juni 1978 haben sich 47.000 Menschen im Estadio Olímpico von Córdoba in Argentinien versammelt. Österreich tritt an diesem Tag im Rahmen der Weltmeister­schaften gegen Deutschland an. Während die Österreicher durch Niederlagen gegen die Niederlande und Italien keine Chance mehr auf den Einzug ins Finale der WM haben, steigt der amtierenden Weltmeister Deutschland bei einem Sieg in die nächste Runde auf. Die deutschen Spieler sind siegessicher. Schließlich handelt es sich um ein Duell „David gegen Goliath“ und die deutsche Bild-Zeitung heizt durch eine 11:0-Analyse das Klima zusätzlich an (vgl. Sachslehner 2011, 275 - 281).

Die Österreicher spielen in roten Leibchen und weißen Hosen, Deutschland traditionell in weiß-schwarz. Vom Anstoß an merkt man die Nervosität beider Mannschaften. Das Kli­ma ist teilweise gehässig, und so kommt es nach den Aussagen von Herbert Prohaska zu ärgsten Beschimpfungen unter den Kontrahenten (vgl. Sachslehner 2011, 275 - 281).

In der 19. Minute netzt Rummenigge zum 1:0 ein und bringt Deutschland auf die Sieger­straße, obwohl die Österreicher ein besseres Spiel abliefern als ihre Konkurrenten. Eine Viertelstunde nach dem Führungstreffer der Deutschen gelingt Österreich durch ein Ei­gentor Berti Vogts, hart bedrängt von Walter „Schoko“ Schachner, der Ausgleich. Nur sieben Minuten später kann sich erneut Edi Krieger auf der Außenbahn durchsetzen, flankt zu Hans Krankl. Krankl stoppt sich den Ball kurz aus der Luft, übernimmt ihn vol­ley mit dem linken Bein und trifft unhaltbar ins lange Kreuzeck (vgl. Sachslehner 2011, 275 - 281).

Der Jubel bei den Österreichern währt jedoch nur kurz. Zwei Minuten nach dem Füh­rungstreffer nutzt der kleine Bernd Hölzenbein ein Missverständnis zwischen Prohaska und dem Tormann der Österreicher Friedl Koncilia und versenkt das Leder zum 2:2 im österreichischen Tor. Nachdem die Italiener zum selben Zeitpunkt mit 2:1 gegen Holland führen, ist Deutschland zu diesem Zeitpunkt im Finale!

In den verbleibenden 22 Minuten agiert die österreichische Mannschaft aber nach wie vor besser als die deutsche!

Dann, in der 88. Minute, geschieht das Unglaubliche. Hans Krankl nimmt sich nach ei­nem Querpass von Sara den Ball, geht an Rüssmann und Manfred Kaltz vorbei, Rüss- mann versucht noch nachzusetzen - kommt aber zu spät und Krankl jagt den Ball unter dem herausstürzenden Walter Maier zum 3:2 für Österreich ins Netz! „... Tooor, Tooor, Tooor, Tooor, Tooor, Tooor! I wer narrisch“, jubelt Edi Finger (1988) ins Radio.

Noch heute wird das „Spiel der Spiele“ im österreichischen Fußball der Nachkriegszeit als großer Sieg gefeiert. Jedes Mal, wenn eine österreichische auf eine deutsche Auswahl trifft, rückt die Nation zusammen und beschwört den Geist von Córdoba. Die Spieler der Córdoba-Auswahl sind mittlerweile Ikonen, und die beiden Tore Krankls verzeichnen auf YouTube eine unglaubliche Anzahl an Klicks.

Sport ist ein Phänomen, das die Menschen im wahrsten Sinne des Wortes bewegt, entwe­der körperlich oder affektiv.

Sport hat sich in den letzten zweihundert Jahren zu einem wichtigen Teilbereich der Ge­sellschaft entwickelt. In diesem Zusammenhang ist er auch von hoher Relevanz für das politische Feld. Die VIP-Tribünen der Stadien sind voll mit Politikern. Der Fitness-Sport macht auch vor der Politik nicht Halt und nicht zuletzt stützen staatliche Förderungen die Entwicklung des Sports sowie die Erhaltung einer internationalen Konkurrenzfähigkeit bei sportlichen Wettbewerben. Im selben Maße, wie die Faszination dieses Phänomens die Menschen in ihren Bann gezogen hat, ist auch die Institutionalisierung des Sports vorangeschritten. Zahlreiche Interaktionen mit der Politik führen zu einem Verschwim­men von Grenzen und lassen Handlungsnarrative entstehen, die nur von eingeweihten Akteuren wahrgenommen werden.

Erfolgreicher Sport ist kein Zufallsprodukt und Leistungssport auch maßgeblich vom gesetzlich geregelten und öffentlich finanzierten Trainings- und Wettkampfumfeld des Athleten abhängig.

In der vorliegenden Arbeit geht es darum, grundsätzliche Zusammenhänge zwischen Sport, Gesellschaft und Politik aufzuzeigen und auf die österreichische politische Situati­on anzuwenden. Es geht darum, tradierte Handlungsweisen und die Systemdynamiken des Sports zu verstehen und die Besonderheiten dieses Teilbereiches im Vergleich mit anderen Politikmustern festzuhalten.

Schließlich steht hinter jedem Siegerbild auch eine Geschichte, die vielleicht maßgeblich von den sportlichen Rahmenbedingungen in Kindheit und Jugend bestimmt wird. Das Eindringen von Politik in den sportlichen Raum wird oft als negativ wahrgenommen. Vorfälle rund um die Olympischen Spiele und die Instrumentalisierung des Sports durch autokratische Systeme haben zu dieser negativ konnotierten Haltung geführt. Letztend­lich aber muss ein mit Bezug auf die Gestaltung des Gesamtsystems ausgerichtetes politi­sches System auch verantwortungsvoll mit der Ressource Sport umgehen und bereit sein, Fehlentwicklungen entsprechend entgegenzuwirken. Insgesamt stehen die Strukturen und Handlungsweisen des österreichischen politischen Systems in Zusammenhang mit dem

Leistungssport im Zentrum der gegenständlichen Betrachtung. Der Bogen soll von der theoretischen Betrachtung der Ansätze der modernen Sport Studies über die Bedeutung des Sports für die Gesellschaft allgemein bis hin zur österreichischen Sportpolitik ge­spannt werden. Strukturen, Inhalte und Prozesse der Politik sind dabei die Betrachtungs­ebene.

3 Politikwissenschaftliche Relevanz der Sport Studies

3.1 Sport und Wissenschaften - die Entwicklung der Sport Studies

Im kontinentaleuropäischen und deutschsprachigen Wissenschaftsraum ist die Formie­rung und Etablierung eines eigenen Bereiches für Sportstudien noch nicht abgeschlossen. Diese Tatsache unterscheidet den europäischen Raum von Nordamerika und der briti­schen Forschungstradition. Dort scheint durch die Herausgabe eines „Handbook of Sport Studies“ durch die Soziologen Jay Coakley und Eric Dunning (2000) die Phase der Ab­koppelung der Sport Studies von den Ursprungsdisziplinen abgeschlossen und der Auf­bau einer weitgehend autonomen Stellung vollzogen. Im deutschen und österreichischen Sprachraum ist dieser Prozess noch im Gange (vgl. Marschik et al. 2009, 9 - 19).

Einen wichtigen Entwicklungsbeitrag zur Schaffung eines österreichischen Forschungs­raumes für Sportstudien bildet dahingehend der Sammelband „Sport Studies“ eines Auto­renteams rund um Matthias Marschik aus dem Jahr 2009, der eine reflexive Adaptierung des britischen und nordamerikanischen Entwicklungspfades darstellt und diese mit den österreichischen und europäischen Gegebenheiten kombiniert. Grundmuster werden auf­gegriffen, weiter verfolgt und mit den faszinierenden Resultaten und Kontinuitäten der kontinentaleuropäischen sportwissenschaftlichen Tradition zu einem neuen Ganzen ver­woben (vgl. Marschik et al. 2009, 9 - 19).

Das Handlungsfeld der Sportpolitik als eigenständiges Politikfeld, das den klassischen Aspekten nationalstaatlicher Politik wie etwa der Innen- und der Außenpolitik oder der Wirtschaftspolitik in nichts nachsteht, ist zweifellos den Sportwissenschaften zuzurech­nen, auch wenn die Annäherung über einen eher traditionellen Zugang erfolgt (vgl. To- karski 2010, 7 - 9).

Die Entwicklung des modernen Sports ist einmalig. Von seinen bescheidenen Anfängen am Beginn des 19. Jahrhunderts in einigen wenigen Ländern Europas bis in die Gegen­wart hat er sich in allen modernen Gesellschaften als bedeutsames Teilsystem etabliert und ist heute ein wesentlicher Bestandteil der Öffentlichkeit und der Alltagskultur. Die Ausdifferenzierung seiner Entscheidungs- und Organisationsformen sind eng mit anderen Seite 9 von 145 Systemkomponenten wie Politik, Medienlandschaft und Wirtschaft verzahnt (vgl. Weis/Gugutzer 2008, 7 - 14).

Somit ist auf der einen Seite die wissenschaftliche Betrachtung des Phänomens „Sport“ und dessen Etablierung als universitäres Fach eng mit der strukturellen, organisatorischen und gesellschaftlichen Entwicklung der Moderne verbunden. Auf der anderen Seite ist die hochgradige Differenzierung auch auf den Universitäten eine Folgeerscheinung dieser Entwicklung und hat die Aufsplitterung der philosophischen Fakultäten in zahlreiche Einzeldisziplinen zur Konsequenz (vgl. Marschik et al. 2009, 9 - 19).

Historisch gesehen reichen die Wurzeln der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit den Aspekten des Sports bis in das 18. und 19. Jahrhundert zurück; sie sind daher folge­richtig eng mit der Entwicklung des Sports selbst verbunden. Belege dafür bilden etwa Arbeiten von Peter Beckford (1796) mit dem Titel „Thoughts on Hare and Foxhunting“, „Boxania“ von Pierce Egan (1812) oder die Publikationen von Montague Shearman (1887, 1889) über Geschichte und Entwicklung von Rugby, Fußball und der Leichtathle­tik (vgl. Coakley/Dunning 2000, xxi - xxxviii).

Coakley/Dunning (2000, xxii) merken zu oben angeführten Veröffentlichungen an, dass „although they were not produced in academic institutions or intended for the instruction of students, nevertheless marked the inception of the serious study of sport in that na­tion“. Demnach bilden also die ersten Beiträge - obwohl außeruniversitär publiziert - die literarische und wissenschaftliche Basis für die weiteren Entwicklungen im 20. Jahrhun­dert.

Im deutschsprachigen Raum bearbeitet mit Max Weber einer der Väter der Soziologie in seiner Schrift „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ bereits im No­vember 1904 und Frühjahr 1905 die Gegnerschaft von Protestanten und Calvinisten zur Sportausübung (Weber 1934). 1921 veröffentlicht Heinz Risse (1921), ein späteres Mit­glied des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, seine „Soziologie des Sports“ in Buchform.

Grundsätzlich entwickelt sich die Sportwissenschaft als Fachdisziplin im deutschsprachi­gen Raum nach dem Ersten Weltkrieg, bis auf wenige Ausnahmen aber zunächst im Um­feld der Sportlehrerausbildung und des Hochschulsports, sowohl mit naturwissenschaftli­cher als auch mit geisteswissenschaftlicher Ausrichtung (vgl. Marschik et al. 2009, 9 - 19).

Nachdem zwischen 1930 und 1945 die Mehrheit der kritischen deutschen Soziologen durch den Nationalsozialismus entweder aus der Öffentlichkeit gedrängt oder ins Exil gezwungen und die Nachkriegszeit in Deutschland und Österreich von anderen Erforder­nissen erfüllt war, existieren bis zum Jahr 1969 kaum namhafte Publikationen. Erst mit Bero Rigauers (1969) „Sport und Arbeit“ erscheint wieder eine Arbeit in der Tradition der „Kritischen Theorie“ mit Bezug zum Thema Sport (vgl. Coakley/Dunning 2000, xxi - xxxviii).

Mit dem Ende der 60er Jahre verschiebt sich das Schwergewicht der Forschungstätigkeit im europäischen Raum eindeutig in Richtung Trainingswissenschaften, Sportmedizin und Leistungsphysiologie, vorrangig wegen der geopolitischen Situation und der damit ein­hergehenden zunehmenden Nutzung der Olympischen Bewegung als Bühne der Macht­projektion zwischen Ost und West. Soziologische Aspekte des Sports geraten so ins Hin­tertreffen. Obwohl naturwissenschaftlich dominiert, bleiben Ausrichtung und Gegenstand der Sportwissenschaft aber weiterhin umstritten (vgl. Marschik et al. 2009, 9 - 19). Während im englischsprachigen Raum durch die Herausgabe der „International Review of Sport Sociology“ bereits Mitte der 60er Jahre und durch die Schaffung des ICSS als internationales Komitee für Sportsoziologie eine Bündelung und erste Institutionalisie­rung der Forschungsbemühungen geschaffen wird (vgl. Coakley/Dunning 2000, xxi - xxxviii), ist die Gründung der „Sportwissenschaft“ im Jahre 1971 und des „Spectrums der Sportwissenschaft“ im Jahre 1989 eher als Forum für die Zusammenfassung paralle­ler Bemühungen rund um unterschiedliche erkenntnisleitende Interessen und verschie­denster wissenschaftsfachlicher Annäherungsrichtungen und Methoden zu sehen (vgl. Marschik et al. 2009, 9 - 19).

In seiner Einführung über die Problematiken bei Herausgabe einer neuen Publikation bringt Ommo Grupe die Kontroverse rund um die Sportwissenschaft der 70er Jahre zum Ausdruck; er schlägt zwei Ausgangspunkte für eine zielgerichtete „sporttheoretische Be­trachtungsweise“ im neuen Medium vor: Der Erste ist die Analyse der „soziokulturellen und sozioökonomischen Situation“ im Umfeld des Sports, der Zweite ist die Tatsache, dass „Sport und Leibeserziehung historischen Entwicklungen unterliegen“ (Grupe 1971, 12 - 18).

Die Entwicklung des Faches ist in weiterer Folge unter anderem durch die Bruchlinie zwischen den vorrangig praktisch orientierten „trainingswissenschaftlichen“ Disziplinen und den in der Geistes- und Sozialwissenschaft verankerten Forschungstraditionen ge­prägt (vgl. Marschik et al. 2009, 9 - 19).

Augenscheinlich wird diese Bruchlinie vor allem bei der Betrachtung der gegenwärtigen österreichischen sportuniversitären Organisation und Ressourcenverteilung. Mit Wien, Graz, Innsbruck und Salzburg verfügt Österreich über vier Universitätsstandorte für Sportwissenschaften mit zusammen etwa 3000 Studierenden. Von den insgesamt elf Pro­fessuren im Bereich der Sportwissenschaften sind sechs dem sportmedizinischen oder dem biomechanisch-naturwissenschaftlichen Bereich zugeordnet. Die Sportpädagogik verfügt über vier Professuren, die Sportsoziologie hingegen über lediglich eine. Lehrstüh­le für Sportgeschichte oder Kulturwissenschaften des Sports sind nicht vorhanden (vgl. Marschik et al. 2009, 9 - 19).

Die Feststellung von Peter Röthig und Robert Prohl aus dem Jahr 2003 hat daher nichts an Aktualität eingebüßt: „In der noch jungen Geschichte des Faches konnten die ver­schiedenen fachlichen Aspekte oder Aggregate in den wenigsten Fällen zu einer Aggre­gation im Sinne einer integrativen interdisziplinären Forschung ausdifferenziert werden“ (Röthig/Prohl 2003, 556).

Im Gegensatz zur kontinentaleuropäischen Entwicklung präsentieren sich die Sport Stu­dies in britisch-nordamerikanischer Tradition gesellschaftskritisch und mit geisteswissen­schaftlicher Ausrichtung. Ab Mitte der 60er Jahre entwickeln sich die US- amerikanischen Sport Studies in konsequenter Absonderung zu den dominanten, für die sportliche Praxis wichtiger erscheinenden Wissenschaftsdisziplinen. Multidisziplinäre Cluster aus traditionellen Subdisziplinen wie etwa Sportsoziologie, Sportgeschichte und Sportphilosophie treiben die Entwicklung in den USA voran. Im Unterschied dazu erfolgt die Entwicklung der „Sport and Leisure Studies“ in Großbritannien nicht aus der Sport­wissenschaft selbst, sondern durch sportzentrierte Ansätze angrenzender Wissenschafts­bereiche (vgl. Marschik et al. 2009, 9 - 19).

1981 wird durch Günther Lüschen und George Sage im „Handbook of Social Science of Sport“ eine Bündelung der Bemühungen rund um die sozialwissenschaftlichen Aspekte des Sports erreicht (Lüschen/Sage 1981). Diese Tradition wird im Handbuch „Sport Stu­dies“ von Coakley und Dunning (2000) im Jahr 2000 fortgeführt, ergänzt und vertieft um die sozialanalytische Betrachtung des Sports durch eine steigende Interdisziplinarität, durch Methoden- und Inhaltsexpansion auf zusätzliche Fächer sowie die Integration von bis dahin außerhalb der Sportwissenschaften stehenden Ansätzen aus Media, Gender und Cultural Studies und feministischen und neomarxistischen Zugängen (vgl. Marschik et al. 2009, 9 - 19).

Erste Ansätze für eine Akkumulation und Neuausrichtung der Sportwissenschaften nach nordamerikanisch-britischen Sportwissenschaftstraditionen sind jüngst auch in Kontinen­taleuropa erkennbar. Der Sammelband „Sport Studies“ der österreichischen Herausgeber Matthias Marschik, Rudolf Müller, Otto Penz und Georg Spitaler (2009) stellt dafür einen Beleg dar. Auch der Sammelband „Arena der Männlichkeit“ von Eva Kreisky und Georg Spitaler (2006) thematisiert in einer kritischen Auseinandersetzung mit Geschlechterkon­struktionen und dem Verhältnis von Medien und Politik mit dem Fußball das Thema in der Weise, dass es der angesprochenen Neuausrichtung zugerechnet werden kann.

Die wachsende wissenschaftliche Relevanz des gesellschaftlichen Teilsystems Sport hat auch eine wachsende Relevanz des Themenbereiches für die Politikwissenschaft zur Fol­ge. Zwischen Sport und Politik besteht eine enge Verbindung, auch wenn die Politik nicht augenscheinlich und offensichtlich im Zentrum des Sports und damit der Sportwis­senschaften und der Sport nicht im Zentrum der Politik und damit der Politikwissenschaf­ten steht (vgl. Lösche 2010, 12 - 13).

Somit ist die Beschäftigung und die Bearbeitung von Fragestellungen, die den organisato­rischen Aufbau und die Interaktionen von Entscheidungs- und Verwaltungsstrukturen im Schnittbereich von Politik und Sport zum Thema haben, im Prinzip der analytischen Be­trachtung politischer Systeme zuzuordnen[1]. Zentrales Analyseobjekt ist dabei das Tätig­keitsprofil der österreichischen Regierung und Verwaltung in der „Politikarena“ Spitzen­sport. Letztere Tatsache macht aber den Unterschied zur Betrachtung klassischer Politik­felder aus, weil gerade das Teilsystem Sport von besonderen Konstruktionsprinzipien geprägt ist, die in dieser Form mit traditionellen Politikbereichen nicht vergleichbar sind. Somit wird mittels politikwissenschaftlichem Instrumentarium der Gesellschaftsbereich Sport untersucht. Eine Eingliederung und Verortung im Bereich der angeführten Sport Studies ist somit möglich und eine entsprechende Relevanz sowohl für die Politikwissen­schaft wie die Sportwissenschaft gegeben.

3.2 Soziologische Konstruktionsmerkmale des Leistungssports

„Sieg oder Niederlage- das sind die Kategorien, die den Sport für den Zuschauer so fas­zinierend machen ...“ (Sachslehner 2011, 8).

Betreibt man selbst Sport oder konsumiert man die Fernsehbilder der zahlreichen Sport­großveranstaltungen, fragt man sich eigentlich selten, welche Funktionen der Sport für die Gesellschaft erbringt. Zu sehr ist man im „eigenen Tun“ oder in den eindrucksvollen Bildern versunken, um hinter die Kulissen zu blicken. Sport scheint in völliger Abkoppe- lung anderer gesellschaftlicher Teilbereiche zu funktionieren. So hochkomplex, ausdiffe­renziert und unübersichtlich verschiedenste Gesellschaftsbereiche geworden sind, so ein­fach und unveränderlich scheinen die Vorgänge in der Welt des Sports abzulaufen. Aus systemtheoretischer Perspektive bildet der Code „Leisten/Nicht Leisten“ den Primärcode des gesamten Sportsystems. Diese Codierung formt den Wesenszusammenhang des Sports, koppelt von anderen Teilsystemen ab, führt zur Entwicklung zum eigenen Teil­system und garantiert Einheit und Autonomie trotz Heterogenität im Handlungsvollzug. Die allgemeine Funktion des Sports liegt darüber hinaus in der „Kommunikation körper­licher Leistungsfähigkeit“ (vgl. Stichweh 1990, 373 - 389).

Der Wettkampfcharakter des Leistungssports verschärft dabei die Primärcodierung zu­sätzlich. Aus dem Code „Leisten/Nicht Leisten“ leitet sich der Zweitcode „Sieg/Niederlage“ ab, der im Leistungs- und Hochleistungssport nahezu an die Stelle des Primärcodes tritt (vgl. Anders 2008, 208 - 312)[2].

Sieg und Niederlage im sportlichen Wettkampf vollziehen sich dabei ausschließlich nach einem sportinternen Regelwerk, sind also in der Ausübung vollkommen autonom. Bei­spielhaft kann hier der Fußball angeführt werden. Die „regelkonforme“ Verletzung eines Gegenspielers hat in den meisten Fällen keine Verfolgung nach dem Strafgesetz wegen Verwirklichung des Tatbestandes der Körperverletzung zur Folge. Werden Hass, Eifer­sucht oder politische Gegensätze in den sportlichen Wettkampf eingebracht, geht seine Wirkung verloren, weil der Leistungscode nur bei formal gleichwertigen Gegnern wirkt (vgl. Anders 2008, 208 - 312).

Der soziale Status der Akteure wird daher nur über Erfolg oder Misserfolg im Sportsys­tem konstituiert. Akteursrollen in anderen sozialen Teilbereichen werden ausgeblendet. Durch die unumschränkte Geltung des „Konkurrenzprinzips“ und den „Grundsatz der Chancengleichheit“ sowie den streng reglementierten Zugang zum Wettkampf unter­scheidet sich der Leistungssport in hohem Maße vom Breiten- und Freizeitsport (vgl. Emrich 2003, 343). Teilnahmen an Sportgroßereignissen im Leistungssport sind an die Überwindung bestimmter Mindestselektionserfordernisse gebunden. Athleten, die bis zu einem bestimmten Zeitpunkt dieses Limit nicht erreichen oder in nationalen und interna­tionalen Wettkämpfen Qualifizierungserfordernisse nicht erbringen, sind von einer Teil­nahme ausgeschlossen.

Leistungssport ist ein globales Phänomen. Dies beweist die Teilnahme von über 10.000 Athleten aus 201 Ländern an den 28. Olympischen Sommerspielen 2004 in Athen (vgl. Anders 2008, 208 - 312)[3].

Der moderne Wettkampfsport ist vom Beginn an ein globalisiertes System. Schon die Gründung des Internationalen Olympischen Comités erfolgte im Rahmen eines Kongres­ses an der Sorbonne in Paris durch Vertreter aus 13 Nationen (vgl. Leis 2003, 119 - 124)[4].

Die Notwendigkeit eines allgemeingültigen Regelwerkes zur Sicherstellung einer globa­len Chancengleichheit bedingt die Konstitution internationaler Sportverbände zur Kreati­on einheitlicher Regeln und zum Überwachen der Regeleinhaltung. Einheitliche Regelge­staltung und permanente Regelkontrolle sichern die Integrität des Wettkampfes, wobei Integrität die prinzipielle Ergebnisoffenheit und den unbestimmten Ausgang des sportli­che Wettstreits beinhaltet (vgl. Anders 2008, 208 - 312).

Ein solcherart normierter Wettkampf bleibt nicht auf die unmittelbaren Teilnehmer be­grenzt, sondern wird im „Rekord“ situations-, orts- und zeitunabhängig gemacht und im Weltrekord „universalisiert“. Im Zusammenhang mit dem Handlungsimperativ der Leis­tungsüberbietung wird somit die ständige Steigerung und Verbesserung bestehender Leistungsparameter zur Maxime (vgl. Anders 2008, 208 - 312).

Bestes Beispiel in diesem Zusammenhang ist der 100m-Lauf, stellvertretend für die meis­ten Disziplinen der Leichtathletik. Dabei reicht es nicht mehr, in einer Wettkampfent­scheidung gegen die unmittelbaren Konkurrenten siegreich zu sein; durch die hochgradi­ge Normierung läuft der Athlet auch gegen den bestehenden Weltrekord. Erst wenn die Endlaufteilnehmer geschlagen und der Weltrekord unterboten wurde, ist der Triumph perfekt[5].

Ein weiteres Strukturmerkmal des Leistungssports ist seine symbiotische Beziehung zu den Medien. Einerseits steigert die Sportberichterstattung das Publikumsinteresse an Print- und elektronischen Medien: Sportübertragungen zählen zu den beliebtesten Forma­ten in der westlichen Welt. Spiegelbildlich steigt und fällt die Beliebtheit von Sportarten mit dem Grad ihrer Mediatisierung (vgl. Penz 2006, 75 - 83).

Diese stellt eine Grundvoraussetzung für die kommerzielle Ausrichtung des Sports dar. Je besser sich also Sportarten für eine Fernsehübertragung eignen, desto erfolgreicher ist auch die kommerzielle Vermarktung. Prinzipiell ist der mediale Sport durch die Verknüp­fung zweier Realitätsebenen gekennzeichnet: Auf die Ebene des sportlichen Wettkampfes wird durch den medialen Produktionsprozess eine durch Technik und journalistische Ex­pertise veränderte Realität aufgesetzt (vgl. Penz 2006, 75 - 83). Dabei werden dem sport­lichen Wettkampf immanente Merkmale verstärkt und steigern so die Zuschauerresonanz. Durch Reproduktion dominanter gesellschaftlicher Perspektiven[6], Glorifizierung von Einzelpersonen, Fokussierung auf nationale Leistungen und Spektakularisierung des sportlichen Ereignisses wird die Massenattraktivität der Sportberichterstattung hoch ge­halten (vgl. Penz 2006, 75 - 83).

Wie eingangs schon erwähnt beruht die Transparenz des Sports auf der Kernfrage, wer am Ende gewinnt. Durch Regelwerk und Chancengleichheit der Athleten werden körper­liche Fähigkeiten gemessen, wobei sich die Dramatik des Wettkampfes aus dem Zeitab­lauf ergibt. Die Erhöhung der Spannung durch Zuspitzung des Zeitflusses in Richtung Entscheidung ähnelt dabei dem Genre des Krimis. Grundsätzliches Element ist dabei auch die Personalisierung des Geschehens durch Bündelung der Aufmerksamkeit auf Einzelpersonen. Durch die Erhöhung der Spannung im Verlauf der Berichterstattung ent­stehen überdies starke affektive Bindungen des Publikums. Besonders beliebte „Erzählfi­gur“ in Österreich ist dabei der Wiederauferstehungsmythos[7] als Geschichte des Erfolges nach einer schweren Krise (vgl. Penz 2006, 75 - 83).

Der Instrumentalisierung des Patriotismus in Form der Konzentration auf nationale As­pekte von Wettkämpfen und Meisterschaften ist ebenfalls eine wirksame Erzähltechnik der Medien. Darüber ist das Medium Sport in der Berichterstattung vielleicht auch gerade deswegen so erfolgreich, „... weil es im Einklang mit dominanten gesellschaftlichen Werturteilen steht, d.h. einen bezeichnenden Ausdruck der modernen Leistungsideologie mitsamt ihren Implikationen (...) darstellt“ (Penz 2006, 81).

Wie gezeigt ist der mediatisierte Sport kein Zufallsprodukt, sondern eine von mehreren Seiten beeinflusste Inszenierung, welche die Massenwirkung der Sportarten sicherstellt, um als weitere Gesellschaftsfunktion die Erschaffung von nationalen Helden (Vande Berg 1998, 134 - 153) sicherzustellen. Darüber hinaus wird neben der Fokussierung auf wenige nationale Hauptsportarten und deren Forcierung in letzter Konsequenz ein mo­derner Mythos[8] in der ursprünglichsten Bedeutung des Begriffes produziert. Eine Erzäh­lung also, die für einen Teil der Realität eine Erklärung für die Gesellschaft liefert (vgl. Penz 2006, 75 - 83).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Berücksichtigt man die Konstruktionsmerkmale des Sports, so wird augenscheinlich, dass dieses Gebilde durch Besonderheiten geprägt ist, die kaum Vergleiche zu anderen gesell­schaftlichen Teilsystemen zulassen.

Noch einmal zusammengefasst sind dies der relativ einfache binäre Code „leisten bzw. Sieg/nicht leisten bzw. Niederlage“, eine relative Autonomie zu anderen Gesellschafts­teilbereichen, die Schaffung eines eigenen Regelwerks, das vielfach unabhängig von na­tionalstaatlichen Normen für den sportlichen Bereich angewendet wird, die Definition des sozialen Status eines Systemakteurs ausschließlich über erbrachte Leistungen und die damit verbundene prinzipielle „Chancengleichheit“ und das „Konkurrenzprinzip“; wei­ters ein historisch früh einsetzender globaler Anspruch und damit verbunden ein hoher Grad an globaler Vernetzung in den Organisationsformen, der immer bedeutender wer­dende Handlungsimperativ der „Leistungsüberbietung“ durch Schaffung hochgradig normierter Wettkämpfe und eine symbiotische Beziehung zu den Medien mit dem Poten­zial, Helden und Mythen für die Gesellschaft zu produzieren.

Wesen und Wirkung des Sports entfalten sich prinzipiell umso besser, je mehr der oben angeführten „Konstruktionsprinzipien“ ohne Einschränkungen zur Anwendung kommen. Dieser Umstand ist auch bei der Wahrnehmung von politischen Aufgaben bei der Steue­rung und Verwaltung[9] des Teilbereiches Sport zu berücksichtigen; er fließt dahingehend auch in alle nachfolgenden Ausarbeitungsschritte ein.

3.3 Leistungssport und Politik in Österreich - Fragestellung, Gegenstandsbe­reich und Hypothesen

Im nachfolgenden Kapitel soll die Fragestellung der gegenständlichen Ausarbeitung fest­gelegt und erläutert werden. Darüber hinaus erfolgt eine Einschränkung und Detaillierung des Betrachtungsbereiches und die Formulierung der Hypothesen, deren Überprüfung im Prinzip den „roten Faden“ der gegenständlichen Arbeit bildet.

3.3.1 Leistungssport und Politik in Österreich - Fragestellung und Gegen­standsbereich

Österreichische Sportler sind integraler Bestandteil des internationalen Wettkampfge­schehens. In zahlreichen Sportarten gehören sie zur Weltspitze, in anderen platzieren sie sich durch ihre Leistungen zumindest im Mittelfeld der Teilnehmer. Sportliche Leis­tungsfähigkeit, egal ob auf höchstem oder auf hohem Niveau, ist aber mittlerweile kei­nesfalls mehr Freizeitvergnügen, das sich so nebenbei realisieren lässt, sondern bedarf neben eines langfristigen und teuren Trainingsaufbaus - beginnend im Kindesalter - auch zahlreicher fördernder Rahmenbedingungen. Trainer und Trainingsmittel, Wettkampfstät­ten, Ausrüstung und Wettkämpfe müssen organisiert und finanziert werden. Obwohl ein Strukturmerkmal des Sports die Autonomie von anderen sozialen Teilbereichen ist, müs­sen dabei in den meisten Fällen, zumindest im europäischen Kontext, Politik und Wirt­schaft eingreifen, um die Konkurrenzfähigkeit heimischer Talente auch im internationa­len Wettbewerb zu gewährleisten. Dieser Eingriff vollzieht sich natürlich nicht vollkom­men uneigennützig, sondern sowohl die Wirtschaft als auch die Akteure in der Politik stellen bestimmte kompensatorische Forderungen an den Leistungssport. Gegenständli­che Arbeit hat in erster Linie den Zusammenhang zwischen Leistungssport und Politik in Österreich im Blickfeld. Folgendes Fragenbündel soll im Rahmen der Ausarbeitung be­antwortet werden.

F1: Den Ausgangspunkt bildet folgende Frage: Welche Akteure (Personen, Institutionen) wirken strukturell an der Gestaltung des österreichischen Sportraumes mit?

F2: In welchem Maße verfügen diese Sportakteure über Machtressourcen und in welcher Weise greifen sie überhaupt steuernd in das System ein, um der autonomen Grundaus­richtung des Sports gerecht zu werden?

F3: Wie äußert sich die, bedingt durch die Eigenheit der Konstruktion des sportlichen Feldes, inhaltliche Ausrichtung und die Adaptierung politischen Handelns in diesem Sys­tembereich im Vergleich zu anderen Politikbereichen?

F4: Wie verläuft die Anwendung politischer Steuerungsmuster in prozessualer Hinsicht?

Insgesamt verfolgt die Fragestellung einen grundsätzlich klassischen Ansatz. Es geht daher um die Frage nach den Inhalten, den Ursachen und den Auswirkungen, also was politische Akteure tun, warum sie es tun und was sie damit bewirken (vgl. Dye 1972, 1; Blum/Schubert 2009, 15). Die Besonderheit in diesem Zusammenhang ist durch den Un­tersuchungsbereich gegeben. Sport ist aufgrund seiner konstruktiven Besonderheiten nicht mit klassischen Politikfeldern, wie etwa der Sozialpolitik oder der Innen- und Au­ßenpolitik, vergleichbar. Dahingehend ist auch interessant, ob die Anwendung klassisch­politikwissenschaftlicher Methoden und Theorien für die Betrachtung dieses Teilberei­ches überhaupt zweckmäßig ist.

Sport ist von seiner vertikalen und horizontalen Gliederung her ein sehr vielschichtig organisierter Bereich. Die unterste Ebene wird durch die Athleten gebildet, die in hori­zontaler Ausrichtung in einer Vielzahl unterschiedlichster Sportarten sportlich tätig sind. Mehrere Sportler sind darüber hinaus meist zu Sportvereinen als nächste Organisations­ebene zusammengeschlossen. Dominanter Politik- und Verwaltungspartner auf dieser Ebene ist der kommunale Bereich. Die Vereine einer Sportart in einem Bundesland sind meistens in einem Landesverband zusammengeschlossen, dem mit den jeweiligen obers­ten Organen der Länder ein Ebenenäquivalent in politischer und verwaltungspolitischer Hinsicht zugeordnet ist. Auf Bundesebene sind den obersten Organen des Bundes mit den Sportdachverbänden und den Österreichischen Sportfachverbänden sowie dem Öster­reichischen Olympischen Comité und der Bundes-Sportorganisation entsprechende Or­ganisationsstrukturen zugeordnet; sie repräsentieren den Sport auf Bundesebene.

Darüber hinaus bestehen auf europäischer und globaler Ebene entsprechende Fachver­bände. In diesen Bereichen sind die Institutionen der EU und der UNO als Äquivalente zuordenbar, obwohl die Aufgabenstellungen hier eindeutig von denen auf nationaler Ebene abweichen. Sie sind eher im abstrakt-planerischen und organisatorischen Bereich anzusiedeln. Insgesamt soll aber im Rahmen dieser Ausarbeitung in erster Linie die Bun­desebene Betrachtungsgegenstand sein. Sowohl darunter wie darüber liegende Ebenen werden nur insoweit betrachtet, als es für ein Verständnis der Abläufe auf Bundesebene notwendig ist.

Die Vielzahl der Fachverbände, die im Prinzip die Vielgestaltigkeit der Sportarten auf Bundesebene repräsentiert, macht eine Eingrenzung in horizontaler Ebene notwendig. Der jährliche Sportbericht der Bundessportorganisation führt im Jahr 2011 immerhin 60 Fachverbände an (BSO 2011, 95 - 294). Diese hohe Anzahl macht eine Reduktion not­wendig. Nachdem davon auszugehen ist, dass die Fachverbände, unabhängig von ihrer sportlichen Ausrichtung, sehr ähnliche Organisations- und Handlungsmuster aufweisen, wird hier auf die objektiv wichtigsten Sportarten reduziert. Die „nationalen Sportarten“ Fußball und Schilauf sowie Tennis sind dabei auf alle Fälle zu berücksichtigen[10].

In begrifflicher Hinsicht erfolgt die Eingrenzung nachstehend. Es wird aber eher ein wei­ter Politikbegriff angewendet, der sich nicht rein auf die Schaffung allgemeinverbindli­cher Regelungen beschränkt.

Die Untersuchung ist in zeitlicher Perspektive auf die Zeitspanne der Gesetzgebungsperi­oden XXI - XXIV beschränkt. Dies hat aber weniger politische Ursachen, sondern ist vielmehr Vorfällen im Bereich des Sports selbst geschuldet. So war in den Jahren 2002 und 2006 der österreichische Sport massiv mit Dopingvorwürfen und Dopingvorfällen konfrontiert. Es bilden also diese beiden Jahre und die damit verbundenen Folgejahre die Hauptherausforderungen der österreichischen Politik im letzten Jahrzehnt[11]. Bewusst herausgenommen und erweitert wird die gewählte Zeitspanne bei der historischen Be­trachtung der Gesamtentwicklung des Sports in Österreich, weil dies als Basis zum all­gemeinen Verständnis der Sportpolitik notwendig ist.[12]

3.3.2 Leistungssport und Politik in Österreich - Hypothesen

Für die Herstellung seiner Gesellschaftsfunktionen muss die Wirkung der „Systembau­steine“ möglichst uneingeschränkt gewährleistet werden. Daher ist der Teilbereich Sport mit einer weitgehenderen Autonomie von allgemeinen gesellschaftlichen und speziell von politischen Einflüssen ausgestattet. Einschränkungen dieser Autonomie führen über kurz oder lang zu einer Zerstörung des Gesellschaftsbereiches. Damit geht auch die Wir­kung des Teilbereichs Sport verloren. Die volle Entfaltung der Wirkung von Sport ist aber unter anderem auch für den Teilbereich der Politik von Bedeutung[13]. Die Formulie­rung von Hypothesen orientiert sich daher immer im Spannungsfeld von Politikinterven­tionen zwischen traditionellen Politikbereichen und dem Politikbereich Sport.

H1: Hypothese 1 ist in diesem Zusammenhang die Annahme, dass das Akteurssystem weniger als streng hierarchische Struktur konzipiert, sondern eher als „netzwerkartige Struktur“ angelegt ist. Ein - nach den Maßstäben einer klassischen Verwaltungsstruktur zur Gänze hierarchisch gegliederter - Verwaltungsapparat Sport ist somit Nullhypothese.

Dagegen ist ein „Organisationsbereich Sport“, ohne gänzliche Ordnung durch politische Strukturen und Steuerungsmaßnahmen, als Gegensatz der Nullhypothese zu sehen. Definiert man also für die Hypothese 1 einen Merkmalsraum aus unabhängigen Variab­len, kann das Ausmaß staatlicher Intervention als Abszisse, die Beteiligung staatlicher Verwaltungsstrukturen als Ordinate, der Einsatz politischer Instrumente zur Steuerung als Applikate bei der Abgrenzung eines „Merkmalsraumes“ festgelegt werden.[14] H2: Menschliches Zusammenleben ist ohne Machtbeziehungen kaum denkbar. Zwar existiert in der Politikwissenschaft keine maßgebliche, universale Theorie der Macht; trotzdem ist dieses Phänomen für die Organisation eines Staatswesens und die Zusam­menarbeit von unterschiedlichen Institutionen im politischen System ein bedeutendes Konstruktionserfordernis (vgl. Bevc 2007, 72 - 92). Fasst man unterschiedliche Erschei­nungsformen von Macht in einem „Dreierschema“ zusammen, so kann man von Macht in Form von Befehl und Gehorsam (= Weisung), in Form eines autoritativen Verhältnisses und von einem kooperativ/demokratisch geprägten Machtverhältnis sprechen. Die An­nahme, dass kooperativ/demokratische Machtkonstruktionen gegenüber Machtformen mit autoritativem und weisungsbasiertem Charakter überwiegen, bildet den Kern der Hy­pothese 2.

H3 : Hypothese 3 betrifft den Einsatz von Politikinstrumenten im Politikfeld Sport und ist in Zusammenhang mit Hypothese 2 zu sehen. In klassisch orientierten Politikbereichen - etwa innere Sicherheit - dominiert das „Werkzeug“ Regulierung[15] in Form von hochgra­dig ausdifferenzierter gesetzlicher Normengebung; als Beispiel wären dabei Strafrecht, Sicherheitspolizeigesetz oder Asylrecht anzuführen (vgl. Dimmel 2006, 637 - 651). Die politische Steuerung im Politikfeld Sport erfolgt eher durch alternative Politikinstrumen­te[16]. Die Bedeutung eines auf Macht im Sinne von Befehl und Gehorsam basierenden

Instrumentariums ist nachrangig gegenüber „Politikwerkzeugen“, die sich auf andere Kooperationsformen stützen.

H4: Formal ist der österreichische Regierungssystem als „parlamentarisches Regierungs­system mit föderativen und plebiszitären, insbesondere präsidialen Einschlägen und aus­geprägter Verfassungsgerichtsbarkeit“ (Pelinka/Welan 1971, 147) charakterisierbar. Die­se Beschreibung aus den Siebzigerjahren hat nach wie vor ihre Gültigkeit. Sie ist geprägt von einer formal dominanten Stellung des Parlaments gegenüber den anderen Instanzen im österreichischen politischen System. Die Mitglieder des Nationalrates üben dabei, im Sinne der Gewaltenteilung, neben der Gesetzgebung umfangreiche Kontroll-, Mitwir- kungs- sowie Rekrutierungs- und Tribünenfunktionen gegenüber den Institutionen aus, insbesondere jenen der Vollziehung (vgl. Ucakar/Gschiegl 2010, 105 - 119). Durch die Beteiligung verschiedener Institutionen an Entscheidungen muss dieser Vorgang in ei­nem gewissen Maße „normiert“ ablaufen, um allen beteiligten Mitwirkenden die Mög­lichkeit zur Gestaltung einzuräumen. Ein Entscheidungsprozess läuft somit immer nach einem gewissen Schema ab. Grundsätzlich kann auch für den Politikbereich Sport davon ausgegangen werden, dass die unterschiedlichen Phasen des „Policy Cycles“ (vgl. Blum/Schubert 2009, 101 - 140)[17] und die damit verbundenen Handlungen verschiedener Akteure gleichen Handlungszwecken unterliegen und daher nicht vom Procedere anderer Politikbereiche abweichen. Besonderheiten, die speziell auf Grund der Eigenheiten des gegenständlichen Politikinhaltes markant von anderen Abläufen abweichen, gilt es dabei zu erheben und sichtbar zu machen.

3.3.3 Leistungssport und Politik in Österreich - Theoriekonzept

3.3.3.1 Leistungssport und Politik in Österreich - Policy - Polity - Politics

„Politik wird von Menschen gemacht. Menschen mit Interessen und Zielen, Menschen in Ämtern und Positionen“ (Schubert/Bandelow 2009, 1).

Jene Form der Politikanalyse, die auf die Forschungstradition des amerikanischen Beha­viorismus der Nachkriegsjahre aufbaut, stellt sich als wissenschaftliches Konzept dar, in dessen Mittelpunkt das Handeln politischer Akteure steht. Zentrale Fragestellungen in diesem Kontext sind dabei die Frage nach dem Was, als der Tätigkeit an sich, die Frage nach dem Warum, also den Ursachen des politischen Handelns, und letztendlich die Fra­ge nach den Resultaten und Auswirkungen des Handelns (vgl. Dye 1972, 1; Schu­ber/Bandelow 2003, 4).

Im Mittelpunkt dieser Fragestellungen steht somit die Analyse des „Policy-making“, wel­che das so zusammengetragene Wissen wieder „für die Politik“ zur Verfügung stellen möchte (vgl. Blum/Schubert 2009, 8).

Grundlegend für die Politikfeldanalyse ist dabei die Unterscheidung zwischen drei analy­tisch differenzierbaren Grunddimensionen von Politik, deren Bedeutung kurz erläutert werden muss.

„Polity“, als erste Dimension, bezieht sich auf die Ordnung des politischen Systems. Der Begriff umfasst die Institutionen und die damit verbundene Organisationsförmigkeit. Be­trachtet werden Einrichtungen und Verfahrensregeln, in denen Politikgestaltung eingebet­tet ist (vgl. Lösche 2010, 13; Schneider/Janning 2006, 15).

Deckt der Begriff „Polity“ also den Bereich der Institutionenstruktur im eigentlichen Sinn ab, so erweitert der Begriff „Politics“ das Betrachtungsfeld um die Dimension der Ent­scheidungsprozesse. Dieser ist in hohem Maße von Interessenskonkurrenz geprägt. Die Art und Weise der Durchsetzung von Inhalten und Zielen ist von besonderer analytischer Relevanz (vgl. Lösche 2010, 13; Schneider/Janning 2006, 15).

Die Erweiterung der ersten beiden Dimensionen erfolgt letztlich durch den Begriff „Po- licy“. Die Policy-Ebene verweist auf die „politischen Inhalte, die in Gesetzen, Verord­nungen, Programmen und Einzelentscheidungen, die sich auf die Gestaltung gesellschaft­licher Verhältnisse auswirken, zum Ausdruck kommen“ (Schneider/Janning 2006, 15). Aussagen zur Politikfeldanalyse billigen diesem Forschungszweig zu, sowohl wissen­schaftlicher als auch politischer zu sein als traditionellere Bereiche der Politikwissen­schaft. Diese Ausgangslage ist nicht frei von Widersprüchen, weil im Alltagsverständnis der Anspruch, sowohl wissenschaftlich-theoretisch als auch politisch-praktisch orientiert zu sein, mit gewissen Schwierigkeiten verbunden wird (Blum/Schubert 2009, 16). Auflösbar ist dieser Gegensatz nur vor dem ideengeschichtlichen Hintergrund der Poli­tikfeldanalyse, der im Folgenden kurz zusammengefasst werden soll.

3.3.3.2 Leistungssport und Politik in Österreich - ideengeschichtliche Veranke­rung der Politikfeldanalyse

Ideengeschichtlich ist die Politikfeldanalyse im Pragmatismus verwurzelt. Diese im aus­gehenden 19. Jahrhundert in den USA entstandene philosophische Strömung, die durch Vertreter verschiedenster Wissenschaftsdisziplinen getragen wurde, orientiert sich, im Seite 24 von 145 Gegensatz zum Pragmatismus des Alltagsverständnisses, an den Folgen menschlichen Handelns. Ausgangspunkt dieser geisteswissenschaftlichen Richtung sind nicht in erster Linie normative Fragen, es werden Fragen nach den praktischen, inhaltlichen Folgen menschlichen Handelns in den Vordergrund gerückt. Dementsprechend sind auch politi­sche Handlungen, ihre Wirkungen und Konsequenzen dieser Strömung zuordenbar (vgl. Blum/Schubert 2009, 16).

Eine weitere ideengeschichtliche Wurzel der Politikfeldforschung bildet der Pluralismus. Begrifflich durch den Briten Harold Laski[18] (1917) eingeführt, interpretiert die pluralisti­sche Tradition die Wirklichkeit als Vielfalt von Dingen, Eigenschaften und Erfahrungen. Die hohe Komplexität und Offenheit von Systemen wird aber nicht negativ beurteilt, sondern als Basis für die Gestaltbarkeit, Veränderungsfähigkeit und Verbesserungsfähig­keit der Welt gesehen (vgl. Blum/Schubert 2009, 18 - 19).

Damit beschränkt sich die Politikfeldforschung nicht nur auf das Handeln von Kol­lektivorganen; von Relevanz sind auch die Handlungsweisen von Einzelpersonen. Über dieses pluralistische Weltbild ist neben der Top-down-Perspektive auch eine Bottom-up- Perspektive möglich (vgl. Blum/Schubert 2009, 18). Die gegenständliche Ausarbeitung orientiert sich mehr an der klassischeren Top-down-Perspektive[19].

In den Arbeiten von George Herbert Mead (1983) zur Intersubjektivität findet sich ein weiterer Grundstein für die ideengeschichtliche Ausrichtung der Politikfeldforschung. Nach Mead liegt der Ursprung des Individuums in der Gesellschaft, damit einhergehend ist also die enge Bindung individuellen Handelns an das Soziale. Soziales Handeln ist somit nützlicher und vorteilhafter als rein rationalistisches Handeln. Durch die Tatsache, dass sich Handeln im Rahmen sozialer und kollektiver Prozesse in der Gesellschaft erst durchsetzen muss, ist die Wahrscheinlichkeit der Realisierung höher als bei rein rationa­len Handlungen (vgl. Blum/Schubert 2009, 19).

Instrumentelles Handeln teilt Mead in fünf Stufen ein (Stufe 1: Handlungsimpuls, Stufe 2: aktive Wahrnehmung, Stufe 3: Manipulation, Stufe 4: Rückkopplung, Stufe 5: Vollen­dung). Sie weisen eine hohe Ähnlichkeit mit dem für die Politikfeldanalyse entwickelten Policy-Cycle auf (vgl. Blum/Schubert 2009, 20).[20]

Sowohl dem Pragmatismus als auch dem Pluralismus ist die in der europäischen Wissen­schaftstradition eher ausgeprägte Stellung des „dualistischen Gegeneinanders“ (Blum/Schubert 2009, 20) zwischen Theorie und Praxis nicht inhärent. Wissenschaft im Sinne von Pragmatismus und Pluralismus muss sich an der Wirklichkeit orientieren und an deren Verbesserung mitwirken. Modelle in dieser Tradition müssen daher immer eine Mittlerrolle zwischen Theorie und Empirie einnehmen. Letztendlich sind aber die Worte von William James zu diesem Verhältnis entscheidend: „Theorien sind nichts anderes als Instrumente, die sich in der Wirklichkeit bewähren müssen“ (James 1908, zit. nach Blum/Schubert 2009, 21). Ziel der Politikfeldanalyse in diesem Zusammenhang ist die Überwindung der Divergenzen zwischen Theorie und Praxis durch ein erhöhtes Maß an Wirklichkeitsorientierung(vgl. Blum/Schubert 2009, 21).

3.3.3.3 Leistungssport und Politik in Österreich - Entwicklungslinien der Poli­tikfeldanalyse in den USA und im deutschsprachigen Raum

Wie die ideengeschichtlichen Wurzeln der Politikfeldanalyse in den USA zu verorten sind, ist auch die Entwicklung der Politikfeldanalyse im eigentlichen Sinn eng mit den Vereinigten Staaten verbunden. Als Wegbereiter gelten dabei Harold Lasswell und Da­niel Lerner, die mit Herausgabe des Buches „The Policy Sciences“ (1951) Mitte des letz­ten Jahrhunderts den Anspruch erhoben, eine Erhöhung der Rationalität von Problemlö­sungen für die Politik zu erreichen. Den Herausgebern in diesem Sammelband ging es um die Begründung einer neuen Art „gesellschaftlicher Problemlösungswissenschaft“ (Scheider/Janning 2006, 19) als Querschnittsdisziplin der Sozialwissenschaften. Eine Charakterisierung des Ansatzes kann durch die Eigenschaften „am Inhalt orientiert“, „problembezogen“, „interdisziplinär“, „normativ“ und „multimethodisch“ vorgenommen werden (vgl. Schneider/Janning 2006, 19; Blum/Schubert 2009, 21).

Zwar haben Problemlösungsorientierung und die normative Ausrichtung der Policy- Forschung ihre Verbreiterung als wissenschaftliche Disziplin begünstigt, jedoch auch zu einer Teilung in eine „synoptische“ und eine „neo-pluralistische“ (Windhoff-Heritier 1987, 12) Richtung in der amerikanischen Policy-Forschung beigetragen, die kaum Über­schneidungsbereiche aufweisen (vgl. Schneider/Janning 2006, 19; Blum/Schubert 2009, 21).

Besonderen Auftrieb durch eine verstärkte finanzielle und institutionelle Förderung er­hielt die Policy-Forschung in den USA durch die Nutzung der Beratungsfunktion bei der Reform des amerikanischen Wohlfahrtsstaats der 60er Jahre. Einen weiteren Schub er­hielt die noch junge Forschungsdisziplin in den Siebzigern mit der Herausgabe erster Seite 26 von 145 Lehrbücher, die zu einer Vereinheitlichung der Methoden und der analytischen Konzepte führten (vgl. Schneider/Janning 2006, 20)[21].

Eine Folge der intensiven Implementierungsphase im Zusammenhang mit dem amerika­nischen Wohlfahrtsstaat war auch eine Uminterpretation der Rolle des Staates. Vormalig staatszentrierte Top-down-Ansätze wurden durch eine Sichtweise ergänzt, welche die Rolle des Staates im Implementierungsprozess auf die Rolle eines beteiligten Akteurs unter anderen zurückstufte. Überdies wurde auch bisher kaum beachteten gesellschaftli­chen Gruppen bei der Umsetzung von Politiken eine stärkere Rolle eingeräumt (vgl. Jan­ning/Toens 2008, 8).

Diese Entwicklungen bildeten den Rahmen für einen theoretisch-konzeptionellen Sprung, der durch die Entwicklung und Einführung zweier Modelle in die Politikwissenschaft ausgelöst wurde (vgl. Schneider/Janning 2006, 20).

Thomas Dye (1972) nahm in „Understanding Public Policy“ das Systemmodell von Eas­ton (1965) wieder auf; Theodore J. Lowi (1972) entwickelte im Artikel „Four Systems of Policy, Politics, and Choice“ das Policy-Arenen-Modell. Nach dem Easton‘schen Modell finden politische Interaktionsprozesse in erster Linie zwischen vier Bezugsgrößen statt. Die Systemumwelt wirkt mit Forderungen und Unterstützung[22] auf das politische System ein (= Inputs), diese werden durch das politische System[23] (= Black Box) verarbeitet und in weiterer Folge als Handlungen und Entscheidungen[24] (= Output) wieder an die Sys­temumwelt abgegeben. Nachdem die Politikfeldanalyse nicht nur nach dem Output fragt, sondern auch die Frage nach einem Warum von Politikerhandlungen stellt, ist es notwen­dig, den Deckel der Black Box anzuheben und die Vorgänge zu analysieren. Die syste­matische Betrachtung dieser Vorgänge gelang in weiterer Folge durch die Verwendung eines heuristischen Orientierungsrahmens in Form des Policy-Cycles (vgl. Blum/Schubert 2009, 21 - 24; 101 - 112).

Neu und bemerkenswert an Eastons Systemmodell ist die Erkenntnis, dass die Produktion politischer Entscheidungen nicht mehr ausschließlich in einem abgeschlossenen politi­schen System erfolgt, sondern das Ergebnis auch von gesellschaftlichen Inputs abhängig ist (vgl. Blum/Schubert 2009, 24).

Zur gleichen Zeit wie Easton veröffentlicht Theodore Lowi sein Policy-Arenen-Modell. Darin stellt er eine radikale These auf: „Policies determine politics“ (Lowi 1972, 299). Nach Lowi richtet sich der Politikprozess am Politikinhalt aus. Dies ist insofern beacht­lich, als die Lehrmeinung bis zu diesem Zeitpunkt davon ausging, dass sich die materielle Dimension politischer Entscheidungen als Quasiergebnis des prozesshaften Ablaufes der Willensbildung ergibt. Dieser Tatsache war sich Lowi zwar bewusst, aber er erweiterte diese Grundannahme um den Aspekt, dass politische Prozesse auch durch die Eigen­schaften des jeweils thematisierten politischen Problems beeinflusst werden. Die Merk­male einer Politikarena werden maßgeblich von den Merkmalen der Policy bestimmt. Die wichtigste Trennlinie verläuft nach Lowi zwischen Politikarenen mit „distributiver Poli­tik“[25] und Politikarenen mit „redistributiver Politik“[26]. Letztere sind dabei in viel höhe­rem Ausmaß von Konflikten geprägt als erstere, weil bei der „Verteilung des Kuchens“ Gewinner und Verlierer klar zuordenbar sind; in Verteilungsarenen werden Leistungen allgemein zugänglich bereitgestellt (vgl. Blum/Schubert 2009, 24 - 25). Distributive Poli­tikarenen sind daher eher vom Konsens aller beteiligten Akteure geprägt (vgl. Heinelt 2009, 116).[27]

Neben den angeführten Ansätzen von Lowi und Dye, die in der deutschsprachigen Poli­tikfeldanalyse weitgehende wissenschaftliche Anerkennung gefunden haben, gibt es An­sätze in der US-amerikanischen Policy-Forschung, die durch die deutsche und österrei­chische Forschung kaum Beachtung gefunden haben. Als Beispiel ist die Studie über sogenannte „subgovernments“, die US-Handels- und Rüstungspolitik von Douglass Cater (1964) anzuführen. Durch institutionelle Verflechtung und Spezialisierung verlagern sich Kompetenzen politischer Ebenen zunehmend zu untergeordneten Verwaltungseinheiten und Unterausschüssen des Parlaments. Diese werden daher immer mehr zu Anlaufstellen für Interessengruppen. So entstehen „subgovernments“, in denen Bürokraten, Lobbyisten und wenige Abgeordnete der politischen Entscheidungsöffentlichkeit entzogen Förder­leistungen aushandeln (vgl. Schneider Janning 2006, 25)[28].

Ein zweiter - in den USA sehr erfolgreicher - Ansatz mit eingeschränkter Resonanz im deutschsprachigen Raum ist die analytische Betrachtung sogenannter „issue networks“ von Hugh Heclos (1978). Demnach suchen Politiker und Beamte die Zusammenarbeit mit Interessengruppen zur Akquisition von politischer Unterstützung und Expertise. Dadurch kommt es zur Entwicklung neuer Netzwerke mit Zugang zu politischen Ent­scheidungsträgern. Die oft hohe Anzahl von Akteuren machen „issue networks“ nach Heclos (1978) zu einer mitunter hochkomplexen Kooperationsform (vgl. Schnei­der/Janning 2006, 26)[29].

Der Multiple-Streams-Ansatz von John Kingdon (1984) ist ebenfalls in den USA populär und wird erst in letzter Zeit auch verstärkt im deutschsprachigen Raum rezipiert. Dabei wird von einem Durchzug des politischen Systems durch drei „Streams“ ausgegangen. Die als wichtig wahrgenommenen Problemlagen (problems), ein Strang mit möglichen Lösungsalternativen (policies) und ein Strang mit auftretenden ideologischen Gegensät­zen und Konflikten (politics) (vgl. Kingdon 1984, 92 - 93). Diese drei Stränge lassen sich nur dann miteinander verbinden, wenn sich ein entsprechendes Gelegenheitsfenster (window of opportunitiy) öffnet. Erst bei der Verbindung griffiger Lösungsvarianten mit schlagkräftigen Interessenkoalitionen entwächst der Problemlösungszusammenhang durch eine verbreiterte öffentliche Aufmerksamkeit der Behandlung auf fachspezifischen Subebenen (vgl. Scheider/Janning 2006, 27).

So erfolgreich die Entwicklung der Politikfeldanalyse in den USA war, im deutschspra­chigen Raum wurde sie zunächst sehr kritisch betrachtet. Einerseits war sie den etablier­ten deutschen Forschungseliten auf Grund des inhärenten Pragmatismus zu wenig norma­tiv orientiert (vgl. Janning/Toens 2008, 7), auf der anderen Seite kritisierte der junge, marxistisch ausgerichtete Forschungsnachwuchs die mangelnde Herrschaftskritik und paradoxerweise damit auch die zu starke normative Orientierung[30] der Politikfeldfor­schung (vgl. Janning/Toens 2008, 7).

Die Akzeptanz der Politikfeldanalyse in Verbindung mit einer nennenswerten Durchdrin­gung der Politikwissenschaften setzte im deutschsprachigen Raum somit erst Mitte der 80er Jahre ein. Jedoch gab es mit der deutschen Policey-Wissenschaft des 17. und 18. Jahrhunderts nicht nur begriffliche, sondern auch inhaltliche Parallelen zur neuen Politik­feldanalyse. Nach Schmidt (vgl. 1997, 570) bezeichnete der Policey-Begriff, der nicht mit der aktuellen Bedeutung des Wortes „Polizei“ verwechselt werden darf, „innenpoliti­sche staatliche Aktivitäten zum Zwecke der Sicherstellung allgemeiner Wohlfahrt“. Die Policey-Wissenschaft vereinte somit Regierungs- und Gesetzgebungslehre mit der „Lehre von der inneren Staatsgestaltung zum Zweck des ,guten Lebens’“ (Jann 1989, 73). Ob­wohl sich auch der historische Vorläufer inhaltlich an der Analyse von Politikfeldern orientierte, ist eine direkte Anknüpfung an diese Wissenschaftstradition nicht möglich, weil sie im Wilhelminischen Zeitalter des 19. Jahrhunderts weitgehend verloren gegan­gen war (vgl. Schmidt 1997, 571).

Somit blieb für die inhaltliche Ausrichtung und Orientierung der jungen deutschen Wis­senschaftsdisziplin nur das amerikanische Vorbild; jedoch entstanden durch die unter­schiedlichen Wissenschaftstraditionen völlig unterschiedliche Schwerpunktsetzungen.

Die Entwicklung der Policy-Forschung im deutschsprachigen Raum lässt sich nach Man­fred G. Schmidt (1987, 185 - 200) in drei Phasen gliedern.

Die erste Phase war geprägt von der Frage nach der Bedeutung der Politik an sich. Im Kern wurde die Entwicklungskompetenz der Politik angezweifelt und die Ursache der jeweiligen aktuellen Entwicklungen eher in sozioökonomischen Bestimmungsfaktoren[31] und Notwendigkeiten verortet. Diese Phase basierte also auf einem strukturalistischen Ansatz, in dem Akteure kaum Bedeutung erlangten (vgl. Faust/Lauth 2006, 292).

Die zweite Phase der Policy-Forschung war im Gegensatz zur ersten von der These ge­prägt, dass Politik eine bedeutende Rolle bei der Gestaltung der Sozialpolitik einnimmt. Mit vornehmlich akteurszentrierten Ansätzen wurden die unterschiedlichen Auswirkun­gen von sozialdemokratischer, konservativer oder anderer Regierungstätigkeit[32] im Län­dervergleich analysiert (vgl. Blum/Schubert 2009, 26).

In der dritten Phase stand, basierend auf den Erkenntnissen der ersten beiden Phasen, die Fragestellung nach dem Zusammenhang und dem Ausmaß der Polity und der Politics auf die Ausgestaltung der Policy im Vordergrund. Es wurde also schwergewichtsmäßig ein institutioneller Ansatz vertreten, der die strukturalistischen und akteurszentrierten Kom­ponenten der ersten beiden Phasen berücksichtigte (vgl. Faust/Lauth 2006, 293).

Jüngste Tendenzen der Policy-Forschung im deutschsprachigen Raum wenden sich ver­stärkt einer eher allgemeinen Perspektive nach der Regelung und Steuerung von Gesell­schaften zu (vgl. Scheider/Janning 2006, 32). Diese politische Steuerung kann gemäß Jörg Faust und Hans-Joachim Lauth (2006, 301 - 302) als „Versuch politischer Akteure aufgefasst werden, in Politikfeldern die gesellschaftliche Entwicklung gemäß konkreti­sierter Zielvorgaben zu beeinflussen“.

Im Rahmen der Governance-Debatte wurden auch Fragen zur Regulierungsmöglichkeit und der Rolle des Nationalstaates in Zusammenhang mit Europäischer Integration und zunehmender Globalisierung gestellt. Somit ist die Politikfeldanalyse nicht mehr auf die nationale Ebene beschränkt, sondern zunehmend werden auch supra- und transnationale Effekte in die Forschungstätigkeit mit einbezogen (vgl. Nullmeier/Wiesner 2003, 319). Der aktuelle Stand der Policy-Forschung in Deutschland ist geprägt von einer großen Vielfalt sowohl qualitativ wie quantitativ geprägter Forschung. Die nachstehenden For­schungspersönlichkeiten stehen exemplarisch für die breite Aufstellung dieser Teildiszip­lin im deutschsprachigen Raum und sollen einen kleinen Überblick über den aktuellen Stand bieten.

Mit dem „Akteurszentrierten Institutionalismus“ entwickelten Renate Mayntz und Fritz Scharpf[33] bereits 1995 einen bis heute häufig verwendeten analytischen Rahmen in der Politikfeldanalyse (vgl. Blum/Schubert 2009, 30 - 31).

Durch seine Forschungstätigkeit im Zusammenhang mit der Sozial- und Wohlfahrtspoli­tik hat Manfred G. Schmidt (1982) einen hohen Bekanntheitsgrad erworben. Er gilt in methodischer Hinsicht als Vertreter einer quantitativ orientierten Politikfeldanalyse. Un­ter anderem vergleicht er Aggregatdaten zur Sozialpolitik verschiedener Staaten in unter­schiedlichen Zeiträumen und unterschiedlichen ideologisch ausgerichteten Regierungen (vgl. Blum/Schubert 2009, 30 - 31).

Die quantitative Netzwerkanalyse wurde im deutschen Sprachraum vor allem durch Vol­ker Schneider (2009) und Franz Urban Pappi (1993) angewendet und als handlungs- und steuerungstheoretischer Ansatz etabliert. Grundannahme bezüglich politischer Akteure ist, dass diese in Netzwerken agieren, die in Bestandsdauer, Größe und Stabilität unter­schiedlich ausgestaltet sind (vgl. Blum/Schubert 2009, 30 - 31).

Die Evaluations- und Verwaltungsforschung, die sich mit den Auswirkungen öffentlich finanzierter Programme sowie der Funktion und Modernisierung von Verwaltungen im internationalen Vergleich befasst, ist in der deutschen Politikwissenschaft vornehmlich mit Hellmut Wollmann (2009) verbunden (vgl. Blum/Schubert 2009, 30 - 31).

Aktuell haben Ansätze auf „ideenbasierten Analysen“ stark an Popularität gewonnen. Im Mittelpunkt dieser Analysen stehen politische Ideen und Überzeugungen sowie deren Bedeutung für die Erklärung politischer Veränderungen. Bemerkenswerte Vertreter die­ser Richtung sind etwa Frank Nullmeier (mit Rüb 1993) und Thomas Saretzki (2009) (vgl. Blum/ Schubert 2009, 31).

Vergleicht man die Fragenstellung der gegenständlichen Ausarbeitung mit der Leitfrage des „Akteurszentrierten Institutionalismus“ nach Renate Mayntz und Fritz W. Scharpf (1995) in ihrem Sammelband „Gesellschaftliche Selbstregelung und politische Steue­rung“, so scheint dieser Ansatz für die Betrachtung staatsnaher Sektoren und damit auch für den Teilbereich Sport in hohem Maße kompatibel. Gesellschaftlichen Strukturen wird dabei aufgrund ihrer organisatorischen Verfasstheit ein gewisser Grad an Selbstrege­lungsfähigkeit zugestanden und Steuerung ist in diesen Bereichen nicht allein von staatli­chen Akteuren abhängig (vgl. Mayntz/Scharpf 1995, 9 - 14).

„Moderne Gegenwartsgesellschaften sind [demnach] gekennzeichnet durch ein hohes Maß an Organisiertheit, der Komplexität, der (internen und externen) Interdependenzen und schließlich auch der Verfügung über Ressourcen und technische Instrumente“ (Ma- yntz 1983b, 123- 143). Der Teilbereich Sport entspricht dieser Charakteristik nach Rena­te Mayntz in hohem Maße; einerseits verfügt er über einen hohen Grad an Organisation durch seine Verbandsstrukturen, auf der anderen Seite besteht für diesen Bereich auch ein großer Bedarf an Ressourcen. Obwohl der Ansatz primär für die Betrachtung der staats­nahen Sektoren Gesundheitswesen, Forschungssysteme und Telekommunikation ausge- legt ist, scheint eine Übertragung auf den Teilbereich Sport durchaus möglich, wenn auch technische Aspekte eine untergeordnete Rolle spielen. Sicher kann aber der Bereich Sport in seiner derzeitigen Struktur als „staatsnah“ charakterisiert werden (vgl. Mayntz/Scharpf 1995, 12 - 13).

Der Ansatz des „Akteurszentrierten Institutionalismus“ nach Renate Mayntz und Fritz W. Scharpf ist prinzipiell ein analytischer, also ein der „Erfassung und Ordnung empirischer Tatbestände dienendes Gerüst relativ allgemeiner Kategorien, die in der Regel auf einen bestimmten Typ von Erklärungsgegenständen“ (Mayntz/Scharpf 1995, 39) zugeschnitten sind. Es handelt sich also nicht um ein umfassendes Erklärungsmodell, sondern vielmehr um ein heuristisches Forschungskonzept, das für die Betrachtung bestimmter Teilaspekte der bestehenden Realität ausgelegt ist (vgl. Mayntz/Scharpf 1995, 39).

Der „Akteurszentrierte Instituionalismus“ stellt somit zwar eine Anknüpfung an den Neo- Institutionalismus dar, erweitert diesen aber; er beschränkt sich in seinen Betrachtungsob­jekten nicht nur auf politische Institutionen, arbeitet mit einem engeren Institutionsbegriff und erkennt den betrachteten Institutionen selbst keine determinierende Wirkung zu, in­dem sie sowohl als abhängige als auch als unabhängige Variable betrachtet werden (vgl. Mayntz/Scharpf 1995, 43).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Analysemodell nach Mayntz/Scharpf im Überblick (Quelle: Ma­yntz/Scharpf 1995, 45)

Somit sind Institutionen nicht nur Gegenstand der Betrachtung, sondern ihre Verfasstheit und ihre Eigenschaft ist Teil einer möglichen Erklärung und dient auch der Kategorisie- rung von Erklärungen. Dieser Umstand ist auch auf die unterschiedlichen Institutionen des sportlichen Feldes anwendbar. Das Analysemodell des akteurszentrierten Instituiona- lismus geht also davon aus, dass im betrachteten Systembereich Institutionen sowohl durch institutionelle als auch nicht-institutionelle Einflüsse in einem „vernetzten“ Teilbe­reich spezifische Interaktionsmuster herausbilden, die in weiterer Folge zu einem ableit­baren Ergebnis führen.

Es wird daher versucht, mittels analytischer Kategorien theoretisch relevante Aspekte der im jeweiligen Sektor wirkenden Akteurskonstellationen zu entwickeln (vgl. Ma­yntz/Scharpf 1995, 44).

Erste Analyseebene sind damit Akteure und ihre Handlungsorientierungen. Der akteurs­zentrierte Institutionalismus unterscheidet hier analytisch zwischen Institutionen und Akteuren. Demnach können Regelsystem (Institutionen) nicht handeln, sondern Akteure konstituieren und prägen. Korporative Akteure sind durch institutionelle Regeln festge­legte und durch eine formale Mehrheit legitimierte Personen oder Personengruppen, die über zentralisierte, nicht mehr dem Individuum zustehende Handlungsressourcen verfü­gen (vgl. Mayntz/Scharpf 1995, 49).

Die Handlungsfähigkeit von Institutionen wird daher in hohem Maße durch die Fähigkeit zur kollektiven Willensbildung und zur Steuerung des Handelns der eigenen Mitglieder bestimmt. Nachdem institutionelle Regelungen in der Mehrzahl der Fälle Handeln nicht bis zur kleinsten Einzelheit verbindlich machen können, ist für das Handeln von Akteu­ren die Analyse der Handlungsorientierung von großer Bedeutung. Diese kann aber nicht rein nach Rational-Choice-Aspekten festgelegt werden, sondern es sind neben der „shelf orientation“ auch Gesichtspunkte der „collectivity-orientation“ zu berücksichtigen; also jenes Handeln, das zwar nicht von vorneherein für den einzelnen Akteur, wohl aber für das gesamte System am besten erscheint (vgl. Mayntz/Scharpf 1995, 52).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Stufen der Handlungsorientierung (Quelle: Mayntz/Scharpf1995, 45)

Nach Mayntz und Scharpf sind Interessen hierarchisch geordnet und je nach ihrem Ver­wendungszusammenhang entweder wegen einer bestimmten Situation, der weitreichen­deren Handlungsorientierung oder aber durch exogene Vorgaben festgelegt. Akteurshan­deln kann daher im Sinne des „Akteurszentrierten Institutionalismus“ im bildlichen Sinn als kegelförmiges Konstrukt begriffen werden, das Handlungsweisen von Akteuren in ihrer Richtung festlegt und inhaltlich begrenzt (vgl. Mayntz/Scharpf 1995, 55). Zusammenfassend muss sich der „Akteurszentrierte Institutionalismus“ stärker als andere Perspektiven der Policy-Forschung über Akteurskonstellationen und politische Entschei­dungsmechanismen im Hinblick auf systembezogene Problemlösungen Gedanken ma­chen (vgl. Schneider/Janning 2006, 96). Das macht diesen Ansatz aber, auch wenn er nicht mehr unbedingt „state of the art“ im Bereich der Politikfeldforschung ist, gerade für die Erklärung von Politiken im Bereich des Sports attraktiv. Zwar weist dieses Untersu­chungsfeld nicht unbedingt jene Marktmechanismen auf, die im ursprünglichen Betrach­tungsfokus des Ansatzes lagen, beispielhaft seien hier technische Infrastruktursysteme in Zusammenhang mit der Selbststeuerungsfähigkeit erwähnt, trotzdem scheint der Ansatz durch seine Einbeziehung nicht-staatlicher und privater Akteure und Institutionen maßge­schneidert für die gegenständliche Untersuchung.

In Ableitung des Konzeptes des akteurszentrierten Institutionalismus ist die Durchfüh­rung der Untersuchung im Wesentlichen in mehreren Teilschritten vorgesehen, die sich in systematischer Hinsicht am Analysemodell von Mayntz und Scharpf (Abbildung 3) ori­entieren.

In einem ersten Schritt (A) ist es notwendig, nicht-institutionelle Faktoren im Zusam­menhang mit dem Teilgesellschaftssystem „Sport“ und seiner Bedeutung für andere Teil­bereiche herauszuarbeiten und darzustellen. Es geht hier um die Sichtbarmachung von Relevanz- und Leistungskriterien der Systemumwelt. Ziel dieses Schrittes ist eine umfas­sende Darstellung „systemmitbestimmender“ Faktoren. Nach der deskriptiven Darstel­lung der Systemumwelt werden im folgenden Analyseschritt (B) die Institutionen und Akteure des Teilsystems Sport bzw. des Leistungssports abgekoppelt und die systemim­manenten Entscheidungs- und Regelungsstrukturen herausgearbeitet. Prinzipiell erfolgt dieser Schritt durch die qualitativ-analytische Betrachtung von Basisdokumenten, die für die innere Verfasstheit der jeweiligen Struktur notwendig sind. Die Darstellung der unter­schiedlichen Beziehungsstrukturen (C) zwischen den Akteuren erfolgt durch die Anwen­dung netzwerkanalytischer Methoden[34].

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Modifizierte Darstellung des Analysemodells nach Mayntz/Scharpf (1995) unter Einarbeitung des Teilsystems Sport (Quelle: eigene Darstellung)

Aufbauend auf die ersten beiden Arbeitsschritte, werden dann in einem dritten Schritt die Arbeitsweisen des Systems (D) am Beispiel von konkreten Handlungssituationen darge­stellt. Im Fallbeispiel Dopinggesetzgebung[35] in Abbildung 4 sind die wesentlichen Teil­schritte der methodischen Vorgehensweise durch Modifikation des Analysekonzeptes von Mayntz/Scharpf (vgl. 1995, 45) in graphischer Form dargestellt. Die unterschiedli­chen Arbeitsschritte und Phasen sind in der Darstellung mit Buchstaben gekennzeichnet.

3.4 Sport und Politik - vom Alltagsverständnis zur Begriffsdefinition

Schlägt man Tageszeitungen auf, sind Sport und Politik zwei Begriffe, mit denen man sehr umfangreich konfrontiert wird, ohne sich weitergehende Gedanken um deren kon- textuelle Verwendung zu machen. Im folgenden Kapitel geht es darum, die beiden Be­griffe aus dem Alltagsverständnis herauszulösen und für den gegenständlichen Betrach­tungsbereich zu adaptieren und zu synchronisieren.

Ursprünglich wurden unter dem Begriff „Sport“ nur die Bewegungstraditionen des engli­schen Sports verstanden. Dies umfasste all jene „games und pastimes“, die im beginnen­den 18. Jahrhundert in eine geregelte Form gebracht wurden[36]. Die schriftlich Fixierung und Publizierung ermöglichte so eine sehr vereinheitlichte Verbreitung dieser „sports“ (vgl. Eisenberg 1997, 295 - 296). Somit ist die Entstehung des Sports in Europa eng ver­bunden mit den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen im England des 18. und 19. Jahrhunderts und er breitete sich auch von dort aus. Daher ist es nicht ver­wunderlich, dass das im Deutsch gebräuchliche Wort „Sport“ ein Lehnwort aus dem Neuenglischen ist (vgl. Bluhme 2005, 551). Ethymologisch ist der Begriff dem Wortfeld „Bewegung“ entnommen, das heißt, er wird in allen Vorgängersprachen in diesem Be­deutungszusammenhang verwendet.

Die Wurzeln des Sports im sprachlichen Sinn können im indogermanischen „per“ veror- tet werden, was so viel wie „übersetzen“ bedeutet. Im altgriechischen Sprachgebrauch wurde aus dem indogermanischen „per“ das Wort „poros“, was „Gang“ bedeutet (vgl. Bluhme 2005, 551).

[...]


[1] Werner J. Patzelt unterteilt in seiner „Einführung in die Politikwissenschaft“ aus dem Jahr 2003 das Fach in nachfolgende Teilfächer: „Die Analyse politischer Systeme“, „Internationale Beziehungen“ und „Politische Theo­rie“. Diese Gliederung in Teilfächer wird in gegenständlicher Ausarbeitung für eine Verortung und Verankerung übernommen.

[2] Die inhaltlich übernommene Feststellung Georg Anders ist eine Ableitung von Riedl, Lars/Cachay, Klaus [2002]. Bosman- Urteil und Nachwuchsförderung. Auswirkungen der Veränderung der Ausländerklauseln und Transferregelungen auf die Sportspiele, Schondorf und basiert überdies auf Analysen des Hochleistungssports deutscher Systemtheoretiker 'Karl-Heinrich Bette, Klaus Cachay, Ansgar Thiel, Uwe Schimank und Bernd Schul­ze].

[3] Die Spiele von Athen wurden deswegen als Beispiel genommen, weil die Spielen von Peking nicht in einem demokratischen Land westlicher Prägung ausgetragen wurden.

[4] Der Pädagoge und Historiker Pierre de Coubertin führte den Vorsitz. Auf dem Kongress wurde die Austragung der ersten Olympischen Spiele der Neuzeit 1896 in Athen beschlossen und das Internationale Olympische Co­mité [IOC] gegründet.

[5] Aktuellstes Beispiel im Zusammenhang mit diesem Wesensmerkmal „Verkürzung der Gültigkeit von Weltre­korden im 100m-Lauf“: Während zwischen 1970 und 2000 lediglich acht Mal der jeweils bestehende Weltre­kord unterboten wurde, gab es zwischen 2000 und 2010 sieben neuen Weltrekorde.

[6] Mediale Inhalte, die zu weit von dem beherrschenden gesellschaftlichen Blickwinkel abweichen oder gar ver­traute Normen und Werthaltungen in Frage stellen, eignen sich nicht zum Massenprogramm (vgl. Penz 2006, 76 - 77]. Sportberichterstattung bewegt sich also bewusst im mehrheitsfähigen Segment.

[7] Dieser Wiedererstehungsmythos ist in Österreich besonders mit der Person von Hermann Mayer verbunden. Der im Skiweltcup und bei Großveranstaltungen zunächst höchst erfolgreiche Spitzensportler wurde bei einem Motorradunfall schwer verletzt. Obwohl die Verletzung so schwer war, dass an ein Comeback zunächst nicht zu denken war, kämpfte sich Mayer zurück an die Weltspitze.

[8] Im Duden wird das Wort „Mythos“ als überlieferte Dichtung, Sage oder Erzählung aus der Vorzeit eines Volkes definiert. Gegenstand eines Mythos sind Götter, Dämonen, die Entstehung der Welt oder die Entstehung des Menschen. Prinzipiell können aber auch Personen, Sachen oder Begebenheiten Gegenstand eine mythischen Erzählung sein, die dann aber glorifiziert dargestellt werden.

[9] Politische Aufgaben, Verwaltung und Steuerung sind in diesem Kontext umgangssprachlich zu verstehen.

[10] Beachtet man die Mitgliederstatistik, so sind die drei angeführten Verbände die mitgliederstärksten Fachver­bände in Österreich. Obwohl der Eisstocksport von der Mitgliederanzahl im Bereich der oben angeführten drei Fachverbände angesiedelt ist, wird dieser nicht berücksichtigt, weil diese Sportart eher als lokales denn als globales Phänomen bewertet wird und aus Sicht des Autors nicht den klassischen Ansprüchen an eine Sportart entspricht.

[11] 2002 wurden beim österreichischen Langlaufteam der Olympischen Spiele in Salt Lake City im Nachhinein Gegenstände zum Blutdoping gefunden. 2006, bei den Spielen in Turin, wurden bei einer Razzia im österreichi­schen Biathlon-Team einige Athleten des Dopings überführt. Als Folge kann die Neuregelung des österreichi­schen Dopinggesetzgebung gesehen werden.

[12] Die historische Perspektive ist zum Verständnis der Bedeutung des Sports und der Sportpolitik wichtig. Über­dies müssen die wichtigsten Teilschritte in der Entwicklung des Sports nachvollzogen werden.

[13] Die Bedeutung des Sports für die Politik wird zu einem späteren Zeitpunkt im Rahmen dieser Arbeit erläutert

[14] Der Begriff „Nullhypothese“, der an und für sich eher für den qualitativ orientierten Forschungsansatz rele­vant ist, wird hier verwendet, um einen möglichen „Ausformungsraum“ festzulegen. Die Verwendung der Null­hypothese nach Lamnek dient primär der Ausformulierung einer „Widerlegungsvariante“ im Sinne des Falsifika­tionsprinzips 'vgl. Lamnek 2005, 729]. Variablen im Sinne von Lamnek sind hier die Merkmale Struktur, staatli­che Intervention und Einsatz politischer Instrumente, deren verschiedene Ausprägungsmöglichkeiten in weite­rer Folge die Grenzen des Merkmalsraumes bilden 'vgl. Lamnek, 2005, 736].

[15] Zur Verwendung des Begriffes „Regulierung“ vgl. Görlitz/Burth 1998, 32. Eine detaillierte Erläuterung folgt zu einem späteren Zeitpunkt.

[16] Nach Görlitz/Burth sind die Finanzierung, die Bestimmung der Struktur im Sinne einer „Strukturierung“ und die „Überzeugung“ als weitere Politikinstrumente anzuführen. Eine eingehende Erläuterung folgt zu einem spä­teren Zeitpunkt.

[17] Der Begriff „Policy-Cycle“ wird hier analog zu Blum/Schubert (vgl. 2009, 101 - 140] verwendet. Der Policy- Cycle ist demnach ein „heuristischer Orientierungsrahmen“. Politische Prozesse werden dabei in die Phasen Problemdefinition, Agenda-Setting, Politikformulierung, Politikimplementierung und die Politikevaluierung unterschieden. Empirische Abweichungen von diesem Phasenkonzept bei der Betrachtung eines bestimmten politischen Entscheidungsvorganges sind durchaus möglich.

[18] Harold Laski übernahm diesen Begriff, nachdem er sich während eines USA-Aufenthaltes mit dem Denken William James' auseinandergesetzt hatte.

[19] In weiterer Folge wird die Perspektive ausgehend von den Regierungsbehörden eingenommen und in hierar­chischer Hinsicht das System von oben nach unten betrachtet.

[20] Der Policy-Cycle wird in weiterer Folge noch im Detail dargestellt.

[21] Mit der Herausgabe der Zeitschrift „Policy Sciences“ durch die Rand Cooperation fällt unter anderem auch die Gründung der ersten Zeitschrift in diese Phase (vgl. Schneider/Janning 2006, 20].

[22] Forderungen und Unterstützungen werden als Inputs zusammengefasst. Inputs sind aber im Prinzip alle Ein­gaben der Systemumwelt in das System.

[23] Dye (1972] übernimmt Eastons Modell und begründet dies unter anderem damit, dass seiner Meinung nach die Politikwissenschaft zu sehr an den Prozessen innerhalb des politischen Systems interessiert ist, um politi­sche Entscheidung im Großen wirklich zu verstehen (vgl. Blum/Schubert 2009, 22].

[24] Handlungen und Entscheidungen sind hier beispielhaft angeführt. Im Prinzip sind aber unter Output alle Re­aktionen des politischen Systems auf einen Input zu verstehen.

[25] Unter distributiver Politik wird verteilende Politik verstanden, also die reine Verteilung von Gütern und Leis­tungen durch den Staat (vgl. Blum/Schubert 2009, 24].

[26] Unter redistributiver Politik wird umverteilende Politik verstanden, also die Umverteilung von Gütern und Leistungen zwischen Bevölkerungsgruppen (vgl. Blum/Schubert 2009, 24].

[27] Anzumerken ist, dass sowohl distributive als auch redistributive Politik selten in Reinform auftreten, sondern immer eine Mischung vorhanden ist. Nach Kevenhöster (2008, 328] hängt es „von der Wahrnehmung der Kos­ten und des Nutzens durch die beteiligten gesellschaftlichen Gruppen“ ab, wie die Politikarena wahrgenommen wird.

[28] Der eingeschränkte Erfolg dieser wissenschaftlichen Ansätze liegt einerseits an ihrem starken Zuschnitt auf das US-amerikanische politische System und andererseits an der fehlenden Initiative deutscher Wissenschaftler zum Transfer dieser Theorien in den deutschsprachigen Raum (vgl. Blum/Schubert 2009, 25].

[29] Hinter „issue networks" steht nicht immer der Eigennutz, sondern gerade im Bereich der Politikberatung mit Spezialwissen programmierte „Diskussions- und Einflussnetzwerke"

[30] Die marxistisch ausgerichteten jungen Politikwissenschafter deuteten den Begriff „normativ“ eher im Sinne von „Politikberatung“. Diese Ausrichtung wurde in weiterer Folge missverstanden und aufgrund dieser Bera­tungstätigkeit ein Abgleiten in ein Abhängigkeits- oder Dienstleistungsverhältnis zur Politik befürchtet 'vgl. Blum/Schubert 2009, 26].

[31] Vertreter dieser Richtung verfochten die These, dass Politik im Gegensatz zu soziökonomischen Bedingungen keine Rolle bei der wohlfahrtsstaatlichen Entwicklung einnehmen soll und diese primär durch ökonomische und demografische Faktoren geprägt ist 'vgl. Blum/Schubert 2009, 27].

[32] Diese Untersuchungen basieren auf der Parteiendifferenzthese. Dabei wird davon ausgegangen, dass unter­schiedliche politische Ausrichtungen unabhängig von sozioökonomischen Faktoren zu unterschiedlichen Gestal­tungsmodellen führen 'vgl. Blum/Schubert 2009, 28].

[33] Da beide schon während ihrer Ausbildung die US-amerikanischen Wissenschaftstraditionen kennen gelernt hatten, übernahmen sie bereits in den frühen 70er Jahren die amerikanischen Methoden im Bereich der Policy- Forschung und zählen daher zu den arriviertesten Vertretern dieser T eildisziplin im deutschen Sprachraum 'vgl. Blum/Schubert 2009, 30]

[34] Eine Netzwerkanalyse soll durch Erstellung einer Beziehungsmatrix und durch einfache graphische Darstel­lung erreicht werden (vgl. Schneider/Janning 2006, 116 - 168].

[35] Nach Görlitz/Burth (vgl. 1998, 32] unterscheidet man zwischen Regulierung, Finanzierung, Strukturierung und Überzeugung als Steuerungsinstrumente in Regelsystemen. Der Einsatz von Gesetzen zur Regulierung im Teilsystem „Sport“ ist eher die Ausnahme. Aktuelles Beispiel ist hier vor allem das Dopinggesetz aus 2007.

[36] Vgl. Literaturangaben im Zusammenhang mit der wissenschaftlichen Formierung der Disziplin „Sport Stu­dies“, die mit entsprechender zeitlicher Verzögerung ebenfalls im ausgehenden 18. Jahrhundert in England angesiedelt sind.

Details

Seiten
144
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656264804
ISBN (Buch)
9783656265900
Dateigröße
6.6 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v199891
Institution / Hochschule
Universität Wien – Politikwissenschaft
Note
2
Schlagworte
leistungssport politik strukturen- inhalte- prozesse

Autor

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Titel: Leistungssport und österreichische Politik