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Filmvergleich: Sonnenallee vs. Good Bye, Lenin

Vergangenheitsbewältigung oder Versöhnungsgeste?

Hausarbeit 2011 17 Seiten

Medien / Kommunikation - Medien und Politik, Pol. Kommunikation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Regisseure

3. Die Darsteller

4. Die Handlung
4.1. Familie
4.2. Ehe
4.3. Jugend
4.4. Sonstiges

5. Fazit

Quellenverzeichnis

Abstract

This paper compares the two very successful German films Sonnenallee and Good Bye, Lenin and considers the differences and similarities created by the directors Le- ander Haussmann and Wolfgang Becker. After noting that Haussmann was born in the German Democratic Republic, while Becker was not, the first important detail to recognize is that they both had different connections to the topic of the films they shot. In addition one can see that the cast was chosen deliberately as many of the selected actors had already made a name for themselves in East German television. In the main part of this paper, it becomes clear that Haussmann tries to capture the feelings he experienced himself, whilst Becker stays close to the facts without setting too much store by emotional scenes. While Haussmann acts conciliatory towards his own past, Becker tries to inform the audience about what life was like in the GDR and the kinds of tragedies people had to endure. Both directors stay close to the truth by their depiction of surveillance, injustice and violent behavior from the dominant dicta- torial government

1. Einleitung

Es gibt kaum ein Schlagwort, welches so häufig im retrospektiven Zusammenhang mit der DDR Verwendung findet wie der Begriff der „Ostalgie“. Der vom Dresdner Kabarettisten und Schauspieler Uwe Steimle geprägte Neologismus, welcher eine Kombination aus den Wörtern „Osten“ und „Nostalgie“ darstellt, sollte ursprünglich jedoch nicht, wie oftmals vermutet, dem Gefühl von Sehnsucht nach der Deutschen Demokratischen Republik Ausdruck verleihen, sondern viel mehr den Versuch beti- teln, „sich mit dem Alltag von heute auseinander zu setzen“ (Ehrlich 2006). Diese Art der Bewältigung kann auf verschiedenste Art und Weise erfolgen. So gibt es heute etliche Läden, die eine Vielfalt von Textilien mit DDR-Symbolik vertreiben. Auch Os- talgie-Partys, auf welchen die Besucher zu den Klängen von Karat, Silly und den Puhdys tanzen und DDR-typische Lebensmittel konsumieren, gehören mittlerweile zum festen Bestandteil der ostdeutschen Kulturszene.

Gegen Ende der neunziger Jahre begann auch die Filmindustrie damit, sich auf massentauglicher Ebene mit der Ära Honecker auseinanderzusetzen. Leander Haußmanns versöhnliche Hommage Sonnenallee aus dem Jahr 1999, welcher rück- blickend in humorvollem Stil das Leben in der DDR nachzeichnet, war einer der ers- ten kommerziell erfolgreichen Filme nach der Wende. Vier Jahre später gelang es Wolfgang Becker mit seinem Streifen Good Bye, Lenin (2003) die deutschen Kino- kassen klingeln zu lassen. Die Tragik-Komödie um Hauptdarsteller Daniel Brühl avancierte mit über sechs Millionen Kinobesuchern zum erfolgreichsten deutsch- sprachigen Film des Jahres 2003. Weitere, jedoch weitaus weniger erfolgreiche Werke, welche sich mal mehr und mal weniger kritisch mit dem Thema DDR ausei- nandersetzen, sind NVA, ebenfalls von Haußmann, und Carsten Fiebelers Spielfilm Kleinruppin Forever, eine charmante Ost-West-Komödie aus dem Jahr 2004. All die- se Filme erfahren eine subjektive Darstellung der Deutschen Demokratischen Re- publik, welche zwar vom Leid der Diktatur geprägt ist, jedoch stets auch Hoffnung und Zuversicht durchscheinen lässt. So werden stets beide Seiten der Medaille be- leuchtet, ohne dem Zuseher ein determinierendes Urteil über die Zustände der da- maligen Zeit aufzudrängen.

Diese Hausarbeit wird sich ausschließlich mit den beiden erstgenannten Filmen be- schäftigen. Zunächst soll anhand biografischer Informationen geklärt werden, wel- chen persönlichen Bezug die beiden Regisseure zum Thema DDR vorzuweisen ha- ben. Danach müssen etwaige besetzungstechnische Besonderheiten herausgearbei- tet werden, welche unter Umständen eine relevante Bedeutung für die zu verkör- pernden Rollen haben könnten. Im Hauptteil werden die Filme schließlich in Bezug auf die Darstellung diverser gesellschaftlicher Aspekte gegenübergestellt. Dies ist notwendig, um die konkrete Hauptfragestellung zu beantworten, wie sich die beiden Filme inhaltlich und darstellerisch voneinander unterscheiden, und in welchen biogra- fischen Ursachen diese Differenzen begründet liegen könnten. Zu guter Letzt erfolgt eine Zusammenfassung der Ergebnisse, in welcher auch etwaige Gemeinsamkeiten der beiden Filme kurz angeschnitten werden.

2. Die Regisseure

Der folgende Abschnitt befasst sich mit den Regisseuren der Filme Sonnenallee und Good Bye, Lenin. Anhand biografischer Fakten soll herausgearbeitet werden, wel- chen Bezug die Inszenatoren Leander Haußmann und Wolfgang Becker zur Deut- schen Demokratischen Republik besitzen. Dies ist als Fundament der Arbeit notwen- dig, um eine Basis für etwaige Deutungsversuche und Interpretationsansätze zu schaffen.

Leander Haußmann wurde am 26. Juni 1959 als Sohn des bekannten Film- und Theaterschauspielers Ezard Haußmann und der Kostümbildnerin Doris Haußmann in Quedlinburg geboren. Nachdem er seine Lehre als Drucker beendet hatte, leistete Haußmann seinen Wehrdienst bei der NVA ab und besuchte zwei Jahre später die Schauspielschule Ernst Busch in Berlin. Es folgten diverse Engagements in Gera, Parchim und Weimar, wo er schließlich auch als Regisseur tätig wurde. Die Zeit- schrift „Theater heute“ kürte ihn 1991 zum besten Nachwuchsregisseur des Landes. Nur vier Jahre später übernahm er mit nur 36 Jahren die Intendanz des Schauspiel- hauses Bochum, bis ihm 2000 mit Sonnenallee der große Durchbruch gelang. (vgl. Dillmann 2011).

Zunächst sollte man einen Blick auf Leander Haußmanns Vater werfen. So war Ezard Haußmann ebenfalls in der Film- und Theaterbranche tätig, die Zeitung „Der Tagesspiegel“ bezeichnete ihn in seinem Nachruf gar als „Urgestein des DDR Thea- ters“ (Peitz 2010). Im Jahr 1968 legte Haußmann aus Protest gegen die Nieder- schlagung des Prager Frühlings einen Kranz vor der Tschechischen Botschaft in Ost- Berlin nieder und wurde anschließend wegen "Staatsbeleidigung" angeklagt. Es folg- te die Verhängung einer monatelangen Gefängnisstrafe und der Erhalt eines zehn Jahre andauernden Berufsverbots, worauf er zwar in der Öffentlichkeit mit Humor reagierte, sich jedoch insgeheim nur mit Alkohol und Tabletten zu helfen wusste (vgl. Oehmke / Höbel: 2009). Es liegt nahe, dass Leander Haußmann von der politischen Ideologie seines Vaters unmittelbar beeinflusst wurde. Auch seine Zeit in der NVA, welche ihn unter Anderem auch zum Nachfolger von Sonnenallee inspiriert hatte, prägte Haußmann maßgeblich. So bezeichnet er seinen Dienst bei der Nationalen Volksarmee als „Straftat des Systems“ (Schmieder 2005), da es nicht zu unterschät- zen sei, jungen Menschen auf diese Art und Weise 18 Monate ihres Lebens zu steh- len. Haußmann ist der Meinung, dass Humor dabei helfen kann, schwierige Vergan- genheiten zu verarbeiten. Gegenüber ungerechtfertigten Stimmen, welche in seiner Kunst eine drastische Verharmlosung der Realität sehen, erwidert er, dass bereits in seiner Zeit als junger Bürger der DDR stets das Gefühl in ihm aufkam, mitten in einer Komödie zu stecken (vgl. Seidel 2005). Somit findet keine direkte Beschönigung der Umstände statt, sondern viel mehr eine subjektive Darstellung des selbst Erlebten.

Wolfgang Becker wurde am 22. Juni 1954 in Hemer, einer mittleren kreisangehörigen Stadt in Nordrhein-Westfalen, geboren. Nach seinem Abitur am Friedrich-Leopold- Woeste Gymnasium studierte er Germanistik, Geschichte und Politikwissenschaft in Berlin. Anschließend absolvierte Becker eine Ausbildung an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin. Im Jahr 1994 gründete er mit den Regisseuren Tom Tykwer, Dani Levy und dem Produzenten Stefan Arndt die Filmproduktionsfirma X Filme. Neun Jahre später erlebte Becker mit Good Bye, Lenin seinen bis dato größ- ten Erfolg als Regisseur (vgl. Dillmann 2011). Bereits als junger Erwachsener hat sich Becker im Rahmen seines Studiums viel mit sozialistischen und marxistischen Thesen beschäftigt. Er bedauert es nicht, dass die DDR untergegangen ist, da sie sowohl moralisch als auch ökonomisch völlig am Ende war. So empfand Becker den real existierenden DDR-Sozialismus als eine komplette Pervertierung der ursprüngli- chen sozialistischen Idee (vgl. Buhre 2003). Bezüglich der Kritik, als ehemals West- deutscher einen Film zu drehen, welcher jede Menge Details des Lebens in der ehemaligen DDR aufgreift, rechtfertigt er sich durch seine qualitativ hochwertige Re- cherchearbeit, welche sogar auf verschiedenen Ebenen stattgefunden hat. So sei es zunächst ein leichtes gewesen, die Dinge der Alltagskultur zu erforschen, das nach- trägliche Erfahren eines Lebensgefühls als Außenstehender sei hingegen nur durch etliche Gespräche mit Zeitzeugen realisierbar gewesen (vgl. Niedermeier 2004).

Es lässt sich an dieser Stelle bereits festhalten, dass beide Regisseure einen stark voneinander abweichenden Zugang zur Thematik ihrer Werke haben. Wohingegen Leander Haußmann ein halbes Leben lang selbst Teil der Deutschen Demokrati- schen Republik war, seine Jugend dort verbracht hat und etliche Jahre in der Armee diente, sprich Teil des Komplexes ist, mit der er sich in seinem Film Sonnenallee be- fasst, kann Becker nicht auf einen derartigen Erfahrungsschatz zurückgreifen. Diese Tatsache könnte auch erklären, warum Haußmann seine Darsteller verspielter und seine Handlung weniger detailgetreu wirken lässt. Er will ein Lebensgefühl vermitteln, welches ihn damals selbst bewegt hat. Ob dabei Fakten auf der Strecke bleiben, scheint zweitranging zu sein. Becker hingegen legt bei Good Bye, Lenin größten Wert auf Detailtreue, da es ihm definitiv leichter gefallen sein dürfte, mit Fakten zu glänzen als eine nie selbst erlebte Stimmung zu reproduzieren. Die Regisseure un- terscheiden sich somit bereits vom grundsätzlichen Anspruch ihres filmischen Schaf- fens, was sich somit unweigerlich auch auf die inhaltliche Ebene ihrer Spielfilme auswirkt.

3. Die Darsteller

Nachdem zunächst nur erforscht wurde, welchen persönlichen Bezug die beiden Re- gisseure zur DDR vorzuweisen haben, sollen nun etwaige Besonderheiten bei der Vergabe einzelner Rollen genauer unter die Lupe genommen werden. So besetzten Haußmann und Becker mit Henry Hübchen und Katrin Sass zwei absolute Ikonen der DEFA-Ära als Hauptrollen. Während Hübchen als regimekritischer Familienvater keine Gelegenheit auslässt, seinen Unmut gegen die vorherrschende Diktatur in ver- trauten Kreisen kundzutun, spielt Sass eine von der Regierung geblendete Anhänge- rin der SED. Auch Katharina Thalbach, welche in Sonnenallee die Rolle einer Famili- enmutter mit ernstzunehmenden Fluchtabsichten verkörpert, scheint ihre Rolle auf den Leib geschrieben worden zu sein: Im Dezember 1976 siedelte Thalbach zu- sammen mit ihrem Partner, dem Schriftsteller Thomas Brasch, in der Folge ihres Pro- tests gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns von Ost- nach West-Berlin über (vgl. Jüttner 2009). Dass der Fluchtversuch ihres Charakters am Ende des Films mit ei- nem Rückzug aus Feigheit endet muss im Bezug auf Thalbachs echtes Leben als explizit ironisches Element gewertet werden. Interessant ist auch die Besetzung Ale- xander Beyers, welcher sowohl für die Rolle des Mario in Sonnenallee als auch für die Rolle des Reiner in Good Bye, Lenin besetzt wurde. Beyer ist ebenfalls ein Kind der DDR und absolvierte wie Leander Haußmann eine Ausbildung an der Hochschu- le für Schauspielkunst in Berlin.

Schnell wird klar, dass viele Rollen nicht nur aus reinem Zufall mit bestimmten Per- sonen besetzt wurden. Indem man einige der gefragtesten und beliebtesten DDR- Schauspieler in die Filme integriert, gelingt es, einen ausgesprochen hohen Grad an Authentizität zu erzeugen, welche vor Allem für die Zuschauer der älteren Generatio- nen noch mehr Tiefe in die Handlung bringen soll. Unter Berücksichtigung der Diffe- renz zwischen gespieltem Charakter und wahrer Persönlichkeit besteht für einen Re- gisseur zusätzlich die Möglichkeit, auf subtile Art und Weise bestimmte Statements und Akzente zu setzen. Dass dies von Haußmann und Becker beabsichtigt wurde, steht bei den Besetzungen ihrer Hauptrollen nahezu außer Frage.

4. Die Handlung

Es ist nun an der Zeit, sich mit dem expliziten Inhalt beider Filme auseinanderzuset- zen. Da es aufgrund der fehlenden zeitlichen Parallelität schwierig wäre, die Filme direkt miteinander zu konfrontieren, sollen bestimmte Teilbereiche der gesellschaftli- chen Existenz auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede in ihrer Darstellung unter- sucht werden. Auch wenn zwischen den Handlungsrahmen von Sonnenallee und Good Bye, Lenin fast zwanzig Jahre liegen, lassen sich dennoch Institutionen wie Familie, Ehe oder die damalige Jugendbewegung vergleichend analysieren.

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Details

Seiten
17
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656262848
ISBN (Buch)
9783656263463
Dateigröße
455 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v199992
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Geschwister-Scholl-Institut für Politikwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
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Titel: Filmvergleich: Sonnenallee vs. Good Bye, Lenin