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Zwischen Norm und Zweifel - Sprachliche Zweifelsfälle innerhalb der deutschen Gegenwartssprache

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 24 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Zweifelsfalltheorie innerhalb der Sprachwissenschaft und der Sprachnormierung
2.1 Das Verhältnis zwischen System und Norm in der Sprachwissenschaft
2.2 Begriffsgeschichte und Terminologie
2.3 Klassifikation und Identifikation

3. Sprachliche Zweifelsfälle innerhalb der deutschen Gegenwartssprache
3.1 Zweifelsfälle zwischen öffentlichem Sprachbewusstsein und Sprachwissenschaft
3.2 Sprachliche Normierungsprozesse und Klärung sprachlicher Zweifelsfälle

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Phänomen sprachlicher Zweifelsfälle ist allgegenwärtig. Ständig kommt man als Sprachproduzent und -rezipient in Situationen, in denen man sich nicht für eine jener möglichen Varianten entscheiden kann, die unsere Sprache prägen. Diese Arbeit ist ein Versuch, dieses gesellschaftlich so relevante Phänomen in eine sprach-wissenschaftliche Dimension zu überführen, in der generell die Tendenz besteht, Zweifelsfälle aus Gründen theoretischer Abstraktion auszublenden. Dies hat Gründe, die auf eine Kluft zwischen öffentlichem Sprachbewusstsein und Sprachwissenschaft zurückgehen und die auf unterschiedlichen Normsystemen beruhen. Die vorliegende Arbeit widmet sich daher vor allem der Frage, inwiefern sprachliche Zweifelsfälle Herausforderungen für Sprachwissenschaft, Sprachnormierung und Sprachberatung darstellen und welche Perspektiven sich daraus für die Behandlung sprachlicher Zweifelsfälle ergeben. Darüber hinaus gilt es zu klären, weshalb sprachliche Zweifelsfälle innerhalb der Sprachwissenschaft tendenziell eher marginalisiert und als randständige Objekte betrachtet worden sind und inwiefern dies falsch ist. Überdies gilt es zu analysieren, welche Rolle letztlich Institutionen wie Sprachberatungen sowohl bei der Klärung als auch der Etablierung dieser Zweifelsfälle im öffentlichen Sprachbewusstsein spielen.

Im Folgenden wird zunächst auf die theoretische Fundierung sprachlicher Zweifelsfälle eingegangen, um zu klären, inwiefern sich System und Norm innerhalb der Sprachwissenschaft verhalten und wie sich daraus eine Sprachnorm definiert. Dies ist wichtig, um das Normierungsbestreben der Sprachöffentlichkeit, aber auch Normierungsprozesse durch die Sprachwissenschaft anschaulich darzustellen. Der Theorieteil beinhaltet auch eine Geschichte des Begriffs ‚sprachlicher Zweifelsfälle’, um sie definieren und klassifizieren zu können. Das letzte Kapitel dieser Arbeit widmet sich schließlich der Kernfrage, inwiefern die Zweifelsfallproblematik im gegenwärtigen deutschen Sprachgebrauch fassbar wird und wie sich das öffentliche Sprachbewusstsein gegenüber dem linguistischen Normierungsbestreben verhält. Aus solchen Diskursen ergeben sich letztlich institutionelle Konsequenzen in Form von Sprachberatungen, um das Bemühen der Sprachwissenschaft zu verdeutlichen, „sprachliches Verhalten aus dem bipolaren Spannungsfeld von ‚richtig’ und ‚falsch’ herauszuführen“ (Wermke 2007, 361).

2. Die Zweifelsfalltheorie innerhalb der Sprachwissenschaft und der Sprachnormierung

Um eine Theorie der Zweifelsfälle darzustellen, bedarf es der Klärung der Begriffsgeschichte und der Terminologie. Sprachliche Zweifelsfälle bewirken die Setzung von bestimmten Normen, sodass es an dieser Stelle notwendig ist, in einem kurzen einleitenden Abriss das Verhältnis zwischen System und Norm innerhalb der Sprachwissenschaft darzulegen. Nach dieser Erläuterung folgt eine Analyse der sprachlichen Zweifelsfälle.

2.1 Das Verhältnis zwischen System und Norm in der Sprachwissenschaft

Es bedarf folgender Feststellung, um das Verhältnis zwischen System und Norm innerhalb der Sprachwissenschaft sinngemäß zu beschreiben: Sprachnormen treten üblicherweise dann auf, sobald ein Normverstoß begangen wird (vgl. Hundt 2009, 117). Die Normverletzung durch den Sprachbenutzer – den man auch alsSprachsouveränbezeichnen könnte (vgl. ebd.) - und die daraus resultierenden Sanktionen führen demzufolge zur eigentlichen Konstitution einer Sprachnorm (vgl. ebd.). Gemäß Wright sind Sprachnormen dabei von Gesetzen zu unterscheiden, denn sie zeigen lediglich Aspekte von Vorschriften, Regeln und traditionellen Gebräuchen, die sich wiederum in Normadressat, Normgeber, der entsprechenden Bekanntmachung und in der Sanktion widerspiegeln (vgl. ebd., 120). Normen können nur dann existieren, „wenn Autoritäten mit glaubhafter Macht sie ausgeben und notfalls durchsetzen“ (Ammon 2005, 39). Man sollte in diesem Kontext allerdings beachten, dass der normative Druck und die ‚Implizitheit’ bei den Gebräuchen relevant ist und die Sprachnormen folglich auf das Sprachhandeln auch dann einwirken können, „wenn sie nicht explizit kodifiziert sind“ (Hundt 2009, 120). Im Zusammenhang mit einer Untersuchung der sprachlichen Zweifelsfälle ist diese Aussage sehr interessant, da der Zweifel in Sprachfragen aus genau solchen Überlegungen zu resultieren scheint.

Das Verhältnis zwischen System und Norm als solches wird deutlich, wenn man Sprachnormen gemäß der Saussureschen Lehre als eine Teilmenge der ‚langue’ betrachtet, also der Vorstellung einer Sprache als abstraktem System von Zeichen und Regeln (vgl. Bußmann 2002, 389). Dieses System stellt sozusagen die „Struktur einer Sprache als einheitliche Gestaltungsebene“ (Ágel 2008, 65) dar. Sprachnormen sind zugleich auch Teil der parole,das heißt der konkreten Realisierung von Sprache durch die Sprecher in einem bestimmten Gebrauchskontext (vgl. Bußmann, 389 / Hundt, 121). Sie lassen sich operational wie folgt definieren: Es sind „tatsächlich realisiert[e], systemgerecht[e] und frequent[e] Konstruktionen“ (Hundt 2009, 121), die sich partiell sowohl auf Sprachsystemebene, wie zum Beispiel Orthographie, Morphologie, Syntax oder Semantik, als auch auf einzelne Varietäten beziehen (vgl. ebd.). Sie stellen letztlich „rekonstruierte Regeln des systemgerechten Gebrauchs“ (ebd.) dar, welche auf die jeweilige Sprachsituation abgestimmt und Produkte des ‚interaktiven Miteinanders’ sind (vgl. Neubauer 2009, 28). So verstandene Normierungsprozesse müssen durch eine Sprachgemeinschaft immer wieder aktiv hergestellt werden (vgl. ebd.), denn sie sind letztlich auch „Maßnahmen im Bereich der Standardsprache“ (Bußmann 2002, 627). Diese Maßnahmen sichern schließlich die Verständigung innerhalb einer Sprachgemeinschaft und garantieren somit ihr Funktionieren (vgl. Vogt 2000, 5). Die Ebene der reinen Sprachbetrachtung erweist sich gemäß Ágel hinsichtlich des Verhältnisses zwischen Sprachsystem und Sprachnorm deutlicher komplizierter (vgl. Ágel 2008, 66). Diese beiden Systemvariablen sind demnach nicht real existent sondern ergeben sich erst aus der Rekonstruktion der linguistischen Analyse und sind jeweils situationsabhängig unterschiedlich funktional zu gebrauchen (vgl. ebd.). Gloy unterscheidet dabei in ‚subsistente Normen’, welche autonom existieren und auf Grund von Sozialisation keiner speziellen Setzung bedürfen und präskriptiven ‚Gebrauchsnormen’, „die durch institutionellen Diskurs und legalisierende Maßnahmen zustande kommen (...) [und] die man mit dem Tätigkeitsbegriff Sprachnormierung (...) bezeichnet“ (Polenz 1999, 229).

In der wissenschaftlichen Literatur wird in Bezug auf die Etablierung und Veränderung von Sprachnormen, immer wieder auf das Modell Ulrich Ammons zurückgegriffen (vgl. Hundt, 122). Dieser sieht die entscheidenden Norminstanzen durch Normautoritäten wie etwa Korrektoren, Modellsprecher und ihre Modelltexte sowie Sprachexperten vertreten, welche wiederum ihre Fachurteile abgeben (vgl. Ammon 2005, 32ff.). Der Sprachproduzent selbst agiert gemäß Ammon indirekt sprachnormverbreitend durch Weiter- oder Nichtnutzung von bereits bekannten Sprachmustern und ist sich über die Folgen einer solchen, oft nichtintendierten Sprachhandlung nicht bewusst (vgl. Hundt, 123).

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Details

Seiten
24
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656263906
ISBN (Buch)
9783656265832
Dateigröße
582 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v200022
Institution / Hochschule
Universität Trier
Note
1,3
Schlagworte
Sprachberatung Sprachliche Norm sprachliche Normierungsprozesse Gegenwartssprache Zweifelsfälle Duden Wahrig Linguistik sprachwissenschaftliche Untersuchung deutsche Gegenwartssprache Tendenzen der deutschen Gegenwartssprache Normierungsprozesse Wörterbuch der sprachlichen Zweifelsfälle Performanzprobleme

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