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Literarische Träumereien im Werk Jean-Jacques Rousseaus

Seminararbeit 2000 26 Seiten

Romanistik - Französisch - Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I Entwicklungsgeschichte der Träumereien
I.1 Vom rêve zur rêverie
I.2 Etymologie der rêverie
I.3 Definition der rêverie

II Biographische Eckdaten Rousseaus

III Die Rêverie im Roman - La Nouvelle Héloïse

IV Die Rêverie als Flucht vor dem Alltag - Les Confessions

V Die Struktur der Tagträumerei - Les rêveries du promeneur solitaire
V.1 Die letzte Stufe: das halbbewußte Traumerlebnis

VI Fazit

Bibliographie
Jean-Jacques Rousseaus Schriften
Sekundärliteratur

I Entwicklungsgeschichte der Träumereien

I.1 Vom rêve zur rêverie

Der literarische Traum ist in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts nicht mehr bloß Allegorie, Weissagung oder Ersatzbefriedigung, sondern trägt zur Bewußtseinserweiterung des Autors bei.

J.J. Rousseau fasst ihn nicht als deutlich eingrenzbares Phänomen auf, welches die Irrationalität freisetzt, sondern sieht ihn als Mittel zur subjektiven Selbstbetrachtung. Eine entscheidende Rolle spielt dabei die R ê verie, die sich nicht, wie der R ê ve, auf Nacht und Schlaf beschränkt, sondern den Träumer auch am Tag in ein gefühlvolles Nachsinnen versetzt.

Die Frage, wieso die eher nüchterne Tagträumerei den manchmal fantasie-überladenen und literarisch wirksameren Nachttraum in der Aufklärung ablöst, beantwortet die Philosophie. Schon Descartes hinterfragt das eigene Dasein, denn nach der platonischen Auffassung könnte alles, was einen umgibt, ein Trugbild sein. Nur die Tatsache, daß man zweifelt und denkt, beweist, daß man exisitiert. Ich denke, also bin ich … das vernunftzentrierte Weltbild war geboren. In der Aufklärung erfolgte daraus eine radikale Trennung zwischen Geist und allem, was ihn umhüllt, einschließlich der Empfindungen. Die Materialisten betrachteten den Menschen als aus Nerven bestehende Maschine und auch die Träume wurden physiologisch gedeutet. Chaotische Traumbilder wurden begründet mit im Schlaf unterschiedlich erschlafften Nerven oder Organen, die Serien von unregelmäßigen Reflexen an das Hirn weitergeben und konfuse Gedankenassoziationen auslösen.[1]

Diese mechanistische Auffassung beeinflußte sogar die Mediziner, die in der "Oneiroanalyse" bestimmte oneirische Motive als Krankheitssymptom deuteten (z.B. Feuertraum=Gelbfieber).[2]

Philosophie und Wissenschaft trugen also eher dazu bei, das Traumphänomen zu entmystifizieren, ihm den Reiz des phantastisch Unerklärbaren zu nehmen, und es somit abzuwerten. Demnach war auch der literarische "Rêve" aus der Mode gekommen, da er dem rationalen Geist der Aufklärung kaum mehr entsprach. Im Gegensatz dazu bot nun die "Rêverie" dem Literaten die Möglichkeit, die geistige Entspannung auf den Tag zu übertragen. Unausgefeilte Überlegungen & Empfindungen wurden gespeichert, rational gefiltert und aufs Papier gebracht.

I.2 Etymologie der rêverie

Re-ex-vagus:

re: Zustand, der immer wiederkehrt, sich wiederholt

ex: außer sich, entrückt sein

vagare: zielloses wandern, herumstreunen, abschweifen auch auf geistiger Ebene im Sinne von unbeständigem überlegen.

I.3 Definition der rêverie

Erst ab dem 16. Jahrhundert entwickelte sich allmählich die uns heute geläufige Auffassung der r ê verie: Montaigne baute sie in seine Essays ein, wenn er Gedanken ohne formellen Zwang schweifen lassen wollte. Guez de Balzac bezeichnete sie als Ergebnis der Harmonie zwischen Mensch und Natur.[3] Schließlich erschien im 18.Jahrhundert in der Encyclopédie ein Text, der Diderot zugeschrieben wurde. Unter dem Stichwort R ê ver hat er auch die Träumerei nicht ausgelassen:

On appelle rêverie toute idée vague, toute conjecture bizarre qui n'a pas un fondement suffisant, toute idée qui nous vient de jour et en veillant, comme nous imaginons que les rêves nous viennent pendant le sommeil, en laissant aller notre entendement comme il lui plaît, sans prendre la peine de la conduire.[4]

Man nennt rêverie jede unbestimmte Idee, jede bizarre Vermutung ohne ausreichende Grundlage, jeden Gedanken der uns am Tag und im Wachzustand einfällt […] bei dem wir die Vernunft gehen lassen.[5]

Die literarische Träumerei setzt eine hohe Achtung des eigenen Denkens voraus, denn sie ermöglicht es, ein grundlagenloses Gedankenprotokoll zu veröffentlichen. Diesem intellektuellen Egozentrismus kommt bei Rousseau eine besondere Stellung zu, wobei die Wurzeln seiner Ich-Bezogenheit nicht nur in der aufklärerischen Philosophie, sondern in seinem Lebensweg zu finden sind.

II Biographische Eckdaten Rousseaus

Bei seiner Geburt 1712 in Genf stirbt die Mutter vermutlich an Kindbettfieber.[6] Sein 7 Jahre älterer Bruder war davongelaufen und blieb verschollen. Jean-Jacques wächst sozusagen als Einzelkind auf, erzogen von einer Tante. Von seinem Vater erfährt er die Liebe zur Literatur,[7] wird aber schon als Zehnjähriger verlassen und beginnt als 16-Jähriger seine Wanderschaft durch die Schweiz und Frankreich. Nach einigen Beziehungen zu wohlhabenden Damen, die ihn mit wichtigen Persönlichkeiten in Kontakt bringen, zieht er nach Paris. Dort verfasst er ab 1745 Beiträge für die Encyclopédie und geht seinen schriftstellerischen und philosophischen Tätigkeiten nach. Eine weitere Dame, Madame Dupin, verschafft ihm in ihren literarischen Salons Zutritt zu Mäzenen, die ihn eifrig unterstützen. Literarisch bedankt er sich posthum bei ihr, indem er ihr in seinen Confessions als Madame d´Epinay huldigt. 1745 begann er ein Verhältnis mit der Wäscherin Thérèse Levasseur, die ihm zwei Kinder gebärt. Seine Karriere verläuft nicht wie erhofft und sie gibt sie in einer präkeren Einrichtung für Findelkinder ab. Kurz nimmt seine Karriere ihren Lauf, er feiert auch Erfolge als Opernkomponist. Ein drittes Kind wird ihm geboren, doch auch dieses wird ins Findelhaus abgeschoben. Gegen die Vorwürfe seiner Kollegen versuchte er sich zu verteidigen: Thérèse habe für seinen Lebensunterhalt aufkommen müssen und die Kinder wären nur eine Belastung für sie gewesen...

Damrosch erwähnt einen seiner Briefe, in dem er jedoch die Mutterschaft idealisiert: „Wenn ein Sohn mit seiner Mutter streitet, hat immer er unrecht. Das Recht einer Mutter ist das heiligste, das ich kenne und unter keinen Umständen kann es verletzt werden, ohne daß man sich einer Straftat schuldig macht.“[8] Der Verlust der Mutter, die bei seiner Geburt gestorben ist, mag ihn zu diesen Zeilen inspiriert haben.

Doch nicht selten schreibt Rousseau über Sachverhalte, die er in seinem eigenen Leben anders gehandhabt hat und beschreibt Gefühlsregungen, die ihn in der Praxis nicht wirklich erwischt zu haben scheinen.

Statt sich weiter zu etablieren, lehnt Rousseau wichtige Aufträge ab, nimmt sture Widerspruchshaltungen, die ihm viele Feinde bescheren, ein. Er flüchtet auf die Landgüter befreundeter Adelige, die ihn jahrelang unterstützen. In dieser Zeit verfasst er den Briefroman Julie oder Die neue Héloïse (1756–58, erschienen 1761).

1963 geht es ihm finanziell wieder besser und er begründet mit seinen Bekenntnissen die Untergattung der „selbstentblössenden“ Autobiographie, in der er versucht, seine Fehler aufzuarbeiten. Veröffentlicht werden Les Confessions aber erst posthum.

1776–1778 schreibt er sein letztes längeres Werk, die Rêveries du promeneur solitaire – Träumereien des einsamen Spaziergängers. 1978 stirbt er als Gast des Marquis de Girardin auf dessen Schlösschen Ermenonville nach 15 Jahren, die von Erfolgen aber auch Verfolgungen und Anfeindungen geprägt waren.

Rousseaus Grundgedanken wurzeln in egozentrischen Erfahrungen und, meiner Meinung nach, bringen sie auch eine ordentliche Portion Egoismus mit. An die Vorstellung des Edlen Wilden anknüpfend und damit Locke und Montaigne emulierend, ist der Mensch für ihn von Geburt an gut und wird erst durch die Gesellschaft verdorben. Im Naturmenschen sieht er ein einsam herumschweifendes Einzelwesen, das ausschließlich seinen Empfindungen und elementarsten Bedürfnissen unterworfen ist.[9] Die natürlichen Triebe und Leidenschaften stellt er über die Vernunft, wodurch er einen Gegenpol zu den restlichen Aufklärern darstellt.

Vor allem in den die rêveries betreffenden Passagen seiner literarischen Schriften gibt er seinen individualistischen, subjektiven Betrachtungen freien Lauf und erhebt die sentimentalen Empfindungen zum Grundprinzip. Durch die Analyse einiger dieser Textbeispiele läßt sich Rousseaus Gedankengang nachvollziehen und der eigentliche Sinn seiner Träumereien ergründen.

[...]


[1] Vgl. Crocker, S.285f.

[2] Vgl. ders., S. 276

[3] Vgl. Morrissey, S. 42 und 46

[4] Zitiert ebda., S.109

[5] Summarische Übersetzung meinerseits

[6] Vgl. Damrosch, S. 7

[7] Vgl. Ahrbeck, S. 15

[8] Übersetzung meinerseits, Originalzitat Damrosch, S. 8

[9] Vgl. Gerhardi, S. 167

Details

Seiten
26
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783656264613
ISBN (Buch)
9783656265054
Dateigröße
500 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v200308
Institution / Hochschule
Karl-Franzens-Universität Graz – Institut für Romanistik
Note
1,0
Schlagworte
Rousseau Literatur Aufklärung Romantik Textanalyse Romanistik Traum Träumereien Reve Reverie Reveries Jean-Jacques Rousseau Traumdeutung

Autor

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