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Sprachwandel durch Chat-Kommunikation

Hausarbeit 2012 25 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Chatten zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit

3. TheoriederGesprächsanalyse

4. Analyse der Chat-Kommunikation
4.1 Gesprächsorganisation
4.2 Syntax
4.3 Morphologie & Lexik
4.4 Prosodie

5. Zusammenfassung:Der Chatals mündlicheKommunikation

6. Ausblick:Sprachwandel durch chatten?

7. Literaturverzeichnis

8. Anhang

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Die rasche Verbreitung des Internets hat nicht nur eine Fülle an neuen Möglichkeiten der Informationsbeschaffung und -Verbreitung hervorgebracht, auch das Kommunikations­verhalten im Alltag hat sich durch eine veränderte Medienlandschaft gewandelt: Wo man früher noch telefoniert oder den anderen persönlich angesprochen hätte, schreibt man heute eine E-Mail oder SMS. Man pflegt alte und neue Bekanntschaften bei Facebook oder twittert noch schnell die aktuellsten Erlebnisse.

Eine besondere Form der Online-Verständigung stellt dabei der Chat (engl. >to chat< = plaudern, schwatzen) dar, der als eine der ersten interaktiven Kommunikationsformen im Internet in den 1980er Jahren entwickelt wurde (vgl. Schmidt 2000: 109). Chatten ermöglicht, ähnlich wie das Telefonieren, eine (nahezu) zeitgleiche, direkte und wechselseitige Interaktion zwischen zwei oder mehreren Chatpartnern. Das Gespräch erfolgt allerdings nicht sprechsprachlich, sondern schriftsprachlich, was die Neuartigkeit dieser Kommunikationsform ausmacht.

Vor allem für die Sprachwissenschaft eröffnet eine schriftlich realisierte Form der Kommunikation ein breites Forschungsfeld: Handelt es sich bei den geschriebenen Gesprächen im Chat um eine neue Form der Schriftsprache, oder ist sie als eine neuartige Form der mündlichen Kommunikation zu sehen? Wie wirken sich technische Randbedingungen im Chat auf sprachliche Strukturen aus und wie unterscheiden sich sprachliche Besonderheiten der Chat-Kommunikation von mündlichen Gesprächen?

Um in der vorliegenden Arbeit Antworten auf diese Fragen zu finden, soll der Chat zunächst in das System traditioneller Kommunikationsformen eingeordnet werden. Anschließend erfolgt ein kurzer Abriss über die Gesprächstheorie, die die Grundlage einer Analyse linguistischer Besonderheiten des Chats bildet. Im Anschluss an die Analyse soll neben einer Zusammenfassung wesentlicher Ergebnisse, die Frage geklärt werden, ob der Sprachgebrauch im Internet eine mögliche Rückkopplung auf den Sprachgebrauch außerhalb des Mediums bewirkt und sich längerfristig sogar ein Sprachwandel abzeichnen lässt. Anders als im Referat werde ich mich in dieser Arbeit nur auf die linguistische Perspektive konzentrieren und die didaktische Umsetzung im Deutschunterricht außer Acht lassen.

2. Chatten zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit

Traditionelle Kommunikationsformen stehen im Verhältnis von gesprochener und geschriebener Sprache und deren Realisierungsweisen. So kann Sprache sowohl mündlich (phonisch) als auch schriftlich (graphisch) bzw. in akustischer und optischer Form realisiert werden.

Koch/Oesterreicher (1985, 1994) unterscheiden zwischen konzeptioneller und medialer Mündlichkeit bzw. Schriftlichkeit: Während die Realisierung einer sprachlichen Äußerung dichotomisch medial schriftlich oder mündlich ist, variiert ihre Konzeption in einem Kontinuum, in dem konzeptionelle Mündlichkeit bzw. Schriftlichkeit die beiden Endpunkte darstellen. Dem Pol der gesprochenen Sprache wird dabei Nähe, dem Pol der geschriebenen Sprache Distanz zugeordnet (vgl. 1994: 587ff.; Abbildung 1, Anhang). Weiterhin spielen die Kommunikationsbedingungen, unter denen eine Äußerung stattfindet, eine wichtige Rolle bei der Zuordnung zu einem der beiden Pole. Koch/Oesterreicher (1994: 588) legen diverse Parameter fest, mit denen eine Abgrenzung von Nah- und Distanz-Kommunikation vorgenommen werden kann: Vertrautheit/Fremdheit der Kommunikationspartner, raum-zeitliche Nähe/Distanz, Spontaneität/Reflektiertheit oder Dialog/Monolog (vgl. Abbildung 2, Anhang). Die Kommunikationsbedingungen wiederum korrelieren mit bestimmten Versprachlichungsstrategien. So ist ein konzeptionell mündlicher Text nach Sieber (1998: 186) insbesondere durch sprechsprachliche lexikalische Spezifika, einfachere Syntax, markierte Wortstellung, unklare Satzgrenzen, mehr Floskeln, variationsärmere Lexik und unscharfe Kohäsionsmittel gekennzeichnet. In konzeptionell schriftlichen Texten werden diese Ausdrucksweisen gemieden. Schlobinski konstatiert, dass „Je nachdem, wo ein Text zwischen den Polen konzeptioneller Mündlichkeit und Schriftlichkeit zu lokalisieren ist, [...] mehr oder weniger der einzelnen Sprachmerkmale zu erwarten sein werden“ (2006: 33).

Die Kommunikationsform Chat steht nun ebenfalls im Spannungsverhältnis von Mündlichkeit und Schriftlichkeit. Eine Einordnung in das Modell von Koch/Oesterreicher ist jedoch nicht ohne weiteres möglich, da keine elektronisch übermittelten Texte erfasst werden. Eher ist die Frage, ob es genügt, das Kontinuum von Mündlichkeit und Schriftlichkeit zu erweitern, die Äußerungsformen, wie sie im Chat vorliegen, also schlicht an geeigneter Stelle einzufügen oder, ob das Modell nicht vielmehr um eine mediale Dimension, die die neuen Produktions- und Rezeptionsbedingungen berücksichtigt, erweitert werden müsste? ! Eine eindeutige Zuordnung des Chats zu einem der beide Pole kann deshalb nicht zweifelsfrei vorgenommen werden. Da es sich aber um eine quasi­synchrone Interaktionsform handelt, die ausschließlich graphisch realisiert wird und in Spontaneität und Unmittelbarkeit der oralen Kommunikation nahe kommt, lässt sich vermuten, dass sich die Chat-Kommunikation als konzeptionell mündlicher Text in medial schriftlicher Form beschreiben ließe. Um diese Vermutung zu überprüfen, soll mithilfe der Gesprächsanalyse überprüft werden, ob und in wie weit die Organisationsstrukturen der älteren (und damit besser erforschten) Kommunikationsform Gespräch auch in der neuen Kommunikationsform Chat erkennbar sind. Vorab soll deshalb ein kurzer Überblick über die Theorie der Gesprächsanalyse gegeben werden.

3. Theorie der Gesprächsanalyse

Die Gesprächsanalyse untersucht anhand der gesprochenen Sprache in Dialogen die Beziehung zwischen Sprecher und Hörer. Dabei sollen die Strukturen und Funktionen sprachlicher Einheiten in natürlichen Gesprächen, die spontan und nicht gestellt sind, erforscht werden. An ihr lassen sich dann bestimmte sprachliche Phänomene beobachten, die nicht in der geschriebenen Sprache auftreten.

Henne/Rehbock (1982: 20) unterscheiden die für die Gesprächsanalyse relevanten Analysekategorien Makroebene, Mesoebene und Mikroebene. Auf der Makroebene wird die grundlegende Struktur von Gesprächen untersucht, die typischerweise aus Gesprächseröffnung, -mitte und -beendigung besteht. Die Gesprächseröffnung ist dabei durch die Aufnahme des Blickkontakts sowie den Austausch von Grußformeln geprägt. Die Gesprächsmitte wird von einem oder mehreren Hauptthemen beherrscht und „zeichnet sich zumeist durch hohe Komplexität, d. h. eine vielfach geschichtete Gesprächs­handlungsstruktur aus“ (ebd.: 186). Die Beendigungsphase schließlich ist durch den Austausch von Verabschiedungsfloskeln geprägt und kann auch nonverbal signalisiert werden.

Die Mesoebene untersucht den einzelnen Gesprächsschritt (in der amerikanischen conversation analysis als turn bezeichnet), der die Basiseinheit in der Struktur eines Gespräches darstellt und etwa dem einzelnen Beitrag eines Kommunikationsteilnehmers entspricht (vgl. Schönfeldt 2001: 30). Die einzelnen Gesprächsschritte können dabei von Gliederungssignalen unterstützt werden, die „die sprachliche Kommunikation im Sinne des Sprechers steuern“ (Henne/Rehbock 1982: 26). Hierzu zählen insbesondere nonverbale Mittel wie Aufrechterhalten des Blickkontakts, Kopfnicken und Mimik sowie Gestik. Gespräche sind dialogisch ausgerichtet, sodass Paare einzelner Gesprächsschritte ganze Gesprächssequenzen bilden. Eine solche Paarsequenz (adjacency pair) besteht daher im weiteren Sinne immer aus „Anrede und Erwiderung“ (ebd.: 13). Im engeren Sinne handelt es sich um Paarsequenzen, die aus Gruß - Gegengruß, Frage - Antwort oder Vorwurf - Rechtfertigung bestehen. Um die Organisation der unmittelbaren Abfolge zweier Gesprächsschritte und die Regularitäten eines Gesprächsverlaufs zu beschreiben, ziehen Sacks et al. (1974: 696ff.) das System des Sprecherwechsels (turn-taking) heran. Unter dem Sprecherwechsel wird die Übergabe des Rederechts vom Sprecher an den Hörer verstanden, der an übergaberelevanten Stellen stattfindet. Für den Hörer wird dieser durch Merkmale wie Pausen, Partikeln oder Intonation erkennbar (vgl. Henne/Rehbock 1982: 23ff; Sacks et al. 1974: 704).

Auf der Mikroebene werden sprechaktinterne Elemente wie syntaktische und lexikalische Strukturen analysiert, auf die in dieser Arbeit später ebenfalls eingegangen werden soll.

4. Analyse der Chat-Kommunikation

Im Folgenden sollen die oben erarbeiteten Kriterien der Gesprächsanalyse auf die Kommunikationsform Chat übertragen werden. Anschließend erfolgt eine Untersuchung der linguistischen Merkmale, wobei insbesondere Syntax, Morphologie/Lexik und Prosodie berücksichtigt werden. Der semantische Aspekt kann in diesem Zusammenhang nicht eindeutig abgegrenzt werden. Er wird an den entsprechenden Stellen in die Analyse integriert. Hingegen zum Referat werden die Bereiche Phonetik und Semiotik eingespart. Der Schwerpunkt der Untersuchung liegt auf der Erarbeitung der Merkmale, die für die Ermittlung von konzeptioneller Mündlichkeit als relevant erachtet werden. Im Rahmen dieser Analyse werden, falls nötig, ausgewählte Chatsequenzen zur Veranschaulichung zitiert. Die verwendeten Textpassagen wurden weder nachbearbeitet noch grammatisch korrigiert.

4.1 Gesprächsorganisation

Gesprächseröffnung

Da im Chatraum kein Blickkontakt vorhanden ist, findet die Gesprächseröffnung meist in Form von Begrüßungssequenzen statt, um den Kontakt zu anderen Chat-Teilnehmern herzustellen. Hierbei lassen sich zwei Vorgehensweisen unterscheiden: Der Chat­Teilnehmer formuliert entweder eine allgemeine Begrüßung, die sich an alle anwesenden Chatter richtet, oder er kombiniert eine Begrüßungspartikel, wie z. B. hi oder hallo mit einer Adressierung, wobei hier oft der adressierte Nickname oder eine Kurzform dessen vor die eigentliche Äußerung gestellt wird (vgl. Schmidt 2000: 116). Die Adressierung kann aber auch aus einem Pronomen oder einem Substantiv bestehen.

Runkehl et al. verweisen auf die Notwendigkeit der Begrüßungen: „In einen laufenden Chat sich neu einzuschalten, ist ohne eine Begrüßungssequenz nur dann möglich, wenn man bereits zu einem früheren Zeitpunkt im Channel war oder die Chatter gut kennt“ (1998a: 93). Viele Teilnehmer betonen deshalb ausdrücklich ihr Kommunikationsgesuch in Form von Fragen wie wer will chatten? oder wer chattet mit mir? (vgl. Bader 2002: 45f.). Für die Gesprächseröffnung im Chat existieren ritualisierte Sprachhandlungen, die entsprechend zum mündlichen Dialog Gesprächsbereitschaft kommunizieren sollen. In der Face-to-face-Kommunikation sind damit insbesondere nonverbale Signale, z. B. Blickkontakt und Hinwendung zum Kommunikationspartner verbunden. Die Verwendung nonverbaler Signale ist im Chat, einem textbasierten Medium, schwieriger zu realisieren. Aber auch hier existieren Formen eines nonverbalen Rückmeldeverhaltens, die über graphische Mittel ausgedrückt werden: Gesprächspartikeln wie hmm oder aha ersetzen im Chat verbale und gestisch-mimische Signale (etwa ein Kopfnicken) und demonstrieren Aufmerksamkeit, Zustimmung oder Ablehnung (vgl. Bader 2002: 59).

Die Begrüßungssequenzen im Chat stellen einen wichtigen Einstieg, eine Art Eintrittskarte, in die Kommunikation dar und sind von höchster Wichtigkeit. So merken Lenke/Schmitz an, dass „das Ignoriert-Werden [...] mit das größte Risiko [darstellt], das man bei der Teilnahme an IRC eingeht, da es in gewisser Weise die eigene Person in Frage stellt“ (1995: 137).

Beendigungsphasen

Verabschiedungssequenzen treten wesentlich seltener als Gesprächseröffnungen auf und sind mitunter nur als Servermeldung (als Ergebnis des Ausloggens) zu sehen (vgl. Schmidt

2000: 116). Auch die Intensität eines Gesprächs entscheidet darüber, ob sich ein Teilnehmer aus einem Gespräch verabschiedet oder den Chat kurzerhand verlässt. Runkehl et al. weisen sogar nach, „daß in der Gesamtheit der Begrüßungs- und Verabschiedungs­sequenzen die Begrüßungssequenzen mit 79% überwiegen“ (1998a: 93). Beendigungsphasen treten häufiger zwischen Chatpartnern auf, die sich bereits eine gewisse Zeit unterhalten haben oder sich besser kennen. So kann es hier zu längeren Verabschiedungssequenzen kommen, wie das folgende Beispiel veranschaulicht:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die in Z. 286 angekündigte Verabschiedung wird in Z. 313 in Form einer virtuellen Umarmung umgesetzt. Durch die spezifische Adressierung mehrerer Gesprächspartner wird hier eine gegenseitige Verabschiedung initiiert, die zum einen sehr herzlich ist, und dadurch starke Ähnlichkeiten zu den Gesprächsbeendigungen in einem Face-to-face- Gespräch aufweist.

Die bereits erwähnten Paarsequenzen, die die Dialogizität eines mündlichen Gesprächs kennzeichnen, lassen sich auch in der Chat-Kommunikation wiederfinden: Sowohl Gesprächseröffnung als auch Verabschiedung sind häufig als klassische Paarsequenzen angeordnet und folgen dem Muster: einleitender Gruß bedingt Gegengruß oder eine an einen Teilnehmer gestellte Frage wird beantwortet. Die Verwendung floskelhafter Redewendungen, sowohl zu Gesprächsbeginn als auch am Ende, markiert den Aufbau der Eröffnungs- und Beendigungsphasen der Chat-Gespräche. Sie weisen damit Ähnlichkeiten zu den Gesprächen der Face-to-face-Kommunikation auf, welche ebenfalls durch Ritualisierung und Floskelhaftigkeit gekennzeichnet sind.

Gliederungssignale

Zu den Gliederungssignalen zählen Zeichen, die in mündlichen Dialogen für die Organisation der Gesprächssequenzen entscheidend sind. Sie sind häufig nonverbal und regeln die Abfolge zweier Gesprächsschritte hinsichtlich der Übergabe des Rederechts.

[...]

Details

Seiten
25
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656266587
ISBN (Buch)
9783656267867
Dateigröße
646 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v200344
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld
Note
1,3
Schlagworte
Sprachwandel Umgangssprache Chat Kommunikation Chatten Chatsprache Mündlichkeit Schriftlichkeit deutsche Sprache Syntax Morphologie Prosodie Lexik Gesprächsanalyse Sprachwissenschaft Linguistik Gesprächsorganisation Kommunikationsform online Kommunikationsbedingungen Semantik Sprachregister Jugendsprache Slang Sprachwandelprozesse

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Titel: Sprachwandel durch Chat-Kommunikation