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Gesetzliche Rentenversicherung und demografischer Wandel

Wie lassen sich ausreichend hohe Renten nachhaltig sichern?

Seminararbeit 2012 18 Seiten

VWL - Finanzwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Grundzüge der Gesetzlichen Rentenversicherung in Deutschland
2.1 Empfänger und Leistungen
2.2 Finanzierung
2.3 Zwischenfazit

3 Demografischer Wandel in Deutschland
3.1 Determinanten
3.2 Bevölkerungsentwicklung

4 Anpassung an den demografischen Wandel
4.1Bisherige Reformen
4.1.1Reform2001
4.1.1.1 Riesterfaktor
4.1.1.2 Nachgelagerte Besteuerung
4.1.2Reform2004
4.1.3Reform2007
4.2 Bewertung derReformen
4.3 Zukünftige Reformoptionen

5 Schluss

Literaturverzeichnis

Internetquellen

Rechtsquellen

1 Einleitung

Bis ins 19. Jahrhundert wurde die Versorgung der älteren Familienmitglieder von der Großfamilie übernommen. Mit der Industrialisierung und der zunehmenden Verarmung der Bevölkerung änderten sich Arbeits- und Lebensbedingungen, sodass die soziale Si­cherung über die Familie nicht mehr funktionierte.1 Unter Druck der Sozialdemokraten verkündet Reichskanzler Otto von Bismarck 1881 in seiner kaiserliche Botschaft die Einführung eines gesetzlichen sozialen Sicherungssystems auf Basis einer Kranken-, Unfall- und Rentenversicherung. 1889 wurde dann die gesetzliche Altersrente einge­führt.2 Heute steht die Gesetzliche Rentenversicherung dem Problem des demografi­schen Wandels gegenüber. Die Zahl der Rentner wächst, während es immer weniger Beitragszahler gibt. Ziel dieser Arbeit ist es herauszustellen, ob die Gesetzliche Renten­versicherung in Zukunft noch tragfähig ist bzw. welche Möglichkeiten bestehen, um die Renten nachhaltig zu sichern.

Zur Heranführung an die Themenstellung werden zunächst die Grundzüge der Gesetzli­chen Rentenversicherung beschrieben und prägnante Einflussgrößen herausgestellt (Ka­pitel 2). Danach wird der Verlauf der Bevölkerungsentwicklung in Deutschland und die demografischen Determinanten erläutert (Kapitel 3). Im letzten Abschnitt dieser Arbeit werden zunächst bisherige Maßnahmen der Politik zur Anpassung der Rente an den de­mografischen Wandel charakterisiert und auf ihre Wirkung geprüft. Im Anschluss folgt eine Darstellung möglicher Reformoptionen (Kapitel 4).

2 Grundzüge der Gesetzlichen Rentenversicherung in Deutschland

Die Gesetzliche Rentenversicherung (GRV) wird von der Deutschen Rentenversiche­rung getragen und ist, neben der betrieblichen und privaten, eine von drei Säulen der Al­tersvorsorge in Deutschland.3 Mit 77 Prozent der Alterssicherungsleistungen (Stand: 2008) ist sie die dominierende Einkommensquelle von 65-Jährigen und Älteren4. Im Folgenden wird betrachtet, welche Leistungen die GRV übernehmen, wie sie finanziert werden und welche theoretischen Möglichkeiten daraus resultieren, um die Ausgaben zu senken bzw. die Einnahmen zu erhöhen.

2.1 Empfänger und Leistungen

Die GRV ist eine Zwangsversicherung, die ohne Einverständnis der Betroffenen ein­tritt und einen Austritt der Versicherten nicht ermöglicht.5 Versicherungspflichtig kraft Gesetzes sind in erster Linie abhängig Beschäftigte und Auszubildende. Bis auf verein­zelte Ausnahmen sind Selbstständige nicht versicherungspflichtig, können aber auf An­trag versicherungspflichtig werden. Versicherungsfrei sind Beamte, Richter und Berufs­soldaten, deren Altersvorsorge anderweitig abgesichert ist. Weiterhin versicherungsfrei sind laut Gesetz: geringfügig Beschäftigte, geringfügig selbstständig tätige, geringfügig nicht erwerbsmäßig Pflegende, Studierende und Rentenbezieher.6

Zu den Leistungen der GRV zählen im Wesentlichen die Erhaltung, Verbesserung und Wiederherstellung der Erwerbsfähigkeit der Versicherten7, sowie Renten wegen Alters, wegen verminderter Erwerbsfähigkeit und wegen Todes an Hinterbliebene.8 Seit dem Rentenreformgesetz (RRG) 1992 wird die Höhe der individuellen Bruttomonatsrente durch die multiplikative Verknüpfung der Summe der Entgeltpunkte mit dem Zugangs­faktor, dem Rentenartfaktor und dem aktuellem Rentenwert ermittelt (Rentenformel).9 Die Entgeltpunkte berücksichtigen die individuellen Beitragsleistungen der Versicher­ten, auf diese Weise wird das Prinzip der Teilhabeäquivalenz (Äquivalenz von Beitrag und Leistung) gewahrt. Je höher die beitragspflichtigen Einkommen sind, desto höher sind dementsprechend die Rentenansprüche der Versicherten. Ein Entgeltpunkt ergibt sich aus einem Versicherungsjahr mit durchschnittlichem Einkommen. Aus sozialen Ge­sichtspunkten werden auch für bestimmte beitragsfreie Zeiten (z.B. Kindererziehung) Entgeltpunkte gewährt.10

Der Zugangsfaktor bestimmt sich durch das Alter bei Renteneintritt. Bei Rentenerstbe- zug mit Erreichen der Regelaltersgrenze, welche 65 Jahre beträgt, liegt er bei 1, bei vor­zeitigem Renteneintritt darunter (um 0.003 je vorzeitig beanspruchten Monat) und ent­sprechend bei späterem Renteneintritt darüber (um 0.005 je zusätzlich nicht beanspruch- ten Monat).11

Durch den Rentenartfaktor findet die Art der zu zahlenden Rente Berücksichtigung. Bei Rente wegen Alters und voller Erwerbsminderung ist dieser 1, bei teilweiser Er­werbsminderung liegt dieser beispielsweise bei 0,5.12

Der aktuelle Rentenwert bestimmt, welcher monatliche Betrag auf einen Entgeltpunkt entfallt und wirdjedes Jahr zum 1. Juli neu angesetzt. Er liegt aktuell bei 27,47 Euro.13 Derzeit wird er durch die Veränderung der durchschnittlichen Bruttolöhne und des Ren­tenbeitragssatzes, sowie seit dem RRG 2004 durch den Nachhaltigkeitsfaktor bzw. durch den Rentnerquotienten, sprich dem Verhältnis von Leistungsempfängern zu Bei­tragszahlern, ermittelt (Rentenanpassungsformel). Der aktuelle Rentenwert ist dem­nach nicht indexiert, folgt also nicht der Preisniveauentwicklung, sondern wird durch die Abhängigkeit von der Bruttolohnentwicklung dynamisiert (dynamische Rente). Die dynamische Rente wurde 1957 unter der Absicht eingeführt den Versicherten nicht nur im Ruhestand einen angemessenen Lebensstandard zu ermöglichen, sondern ihre relati­ve Stellung im Bezug zum Lebensstandard der gegenwärtigen abhängig Beschäftigten zu erhalten. In diesem Zusammenhang bestimmt der aktuelle Rentenwert die Bruttoeck­rente. Dies ist ein fiktiver Rentenbetrag, den ein Rentner mit 45 Entgeltpunkten erhält (aktueller Rentenwert multipliziert mit 45 Entgeltpunkten =27,47*45 = 1236,15). Die Bruttoeckrente im Verhältnis zum Durchschnittseinkommen ergibt das Rentenniveau.14 Es lag 2010 bei 47,1 Prozent Brutto und 51,6 Prozent Netto vor Steuern15 in den alten Bundesländern.16

2.2 Finanzierung

Die GRV finanziert sich vornehmlich aus Beitragszahlungen der Versicherten bzw. Ar­beitgebern (zu gleichen Teilen) und Bundeszuschüssen. Nachdem die Beitragssätze seit 2007 kontinuierlich bei 19,9 Prozent lagen, sind sie in diesem Jahr auf 19,6 Prozent des Arbeitsentgeltes gesunken, wobei die Beitragsbemessungsgrenze derzeit 5600 Euro mo­natlich bzw. 67200 Euro jährlich beträgt.17 Der Bundeszuschuss wird aus Steuermitteln finanziert. Er dient der pauschalen Abgeltung nicht beitragsfinanzierter Leistungen. Seit 1998 wird ein zusätzlicher Bundeszuschuss gewährt, dessen Sinn im Wesentlichen darin liegt, die Beitragssätze dauerhaft niedrig zu halten, um wiederum durch niedrigere Lohnnebenkosten Arbeitsplätze zu sichern und neue zu schaffen.18 Der zusätzliche Bun­deszuschuss wird über die Ökosteuer und Mehrwertsteuer bestritten. Er lag 2011 bei 9 Prozent der Rentenausgaben, der allgemeine Bundeszuschuss betrug 18,7 Prozent.19 Die Höhe des Bundeszuschusses ist abhängig von der Bruttolohnentwicklung und der Ent­wicklung des fiktiven Beitragssatzes (ohne Berücksichtigung des Bundeszuschusses).20 Zur Finanzierung der GRV ist zudem eine Nachhaltigkeitsrücklage der Rentenversi­cherungsträger aus überschüssigen Betriebsmitteln und Rücklagen zu bilden, um aus saisonalen Schwankungen resultierende Defizite zu decken bzw. den Beitragssatz stabil zu halten. Dabei sollte sie mindestens einer Monatsausgabe entsprechen.21 Aktuell be­läuft sie sich auf 1,38 Monatsausgaben (Stand: 2012).22 Sollte die Nachhaltigkeitsrück­lage nicht ausreichen, ist der Bund dazu verpflichtet, bei drohender Zahlungsunfähigkeit der Rentenversicherungsträger, mit einem zinslosen Darlehen die Liquidität zu sichern (Bundesgarantie) .23

Im Gegensatz zur privaten Altersvorsorge, welche über das Kapitaldeckungsverfahren finanziert wird, wendet die GRV seit 1957, im Zuge der Einführung einer dynamischen Rente, das Umlageverfahren an. Dies bedeutet, dass die Ausgaben eines Jahres durch die Einnahmen des gleichen Jahres zuzüglich eventueller Entnahmen aus der Nachhal­tigkeitsrücklage gedeckt werden. Man spricht in diesem Zusammenhang auch vom Ge­nerationenvertrag. Die beitragszahlende Generation finanziert die in Rente lebende Generation und erhebt ihrerseits den Anspruch, dass ihre Renten durch die Beiträge der folgenden Genration gesichert werden.24

[...]


1 Vgl. Union Investment, Geschichte der Altersvorsorge, online im Internet, 02.06.2012, 15.00 Uhr MEZ.

2 Vgl. Hohn, H.G., Deutsche Rentengeschichte, 2004, S. 23.

3 Vgl. Reinhardt, LPK-SBG VI, 2010, S. 33-34.

4 Vgl. VZBV, Regierungsdialog-Rente, online im Internet, 03.06.2012, 17.00Uhr MEZ.

5 Vgl. §§31,32SGBI.

6 Vgl. §§1-5 SGB VI.

7 Vgl. §§ 9-32 SGB VI.

8 Vgl. § 33 SGB VI.

9 Vgl. § 64 SGB VI.

10 Vgl. Baßeler, U./ Heinrich, J./Utecht, B., VWL, 2006, S. 250; § 66 SGB VI.

11 Vgl. §77 SGB VI.

12 Vgl. §67 SGB VI.

13 Deutsche Rentenversicherung, Statistik, 2011.

14 Vgl. Baßeler, U./ Heinrich, J./Utecht, B., VWL, 2006, S. 250f.; o.V., Rente 2012, 2012, S. 11.; §68 SGB VI.

15 Verhältnis Bruttoeckrente zum Durchschnittsgehalt,jeweils nach Sozialabgaben und vor Steuer.

16 Vgl. Deutsche Rentenversicherung, Rentenniveau, online im Internet, 22.05.2012, 16.00 Uhr MEZ.

17 Deutsche Rentenversicherung, Statistik, 2011.

18 Vgl. Reinhardt, LPK-SBG VI, 2010, S .565.

19 Vgl. Deutsche Rentenversicherung, Bundeszuschuss, online im Internet, 22.05.2012, 18.00 Uhr MEZ.

20 Vgl. § 213 II SGB VI.

21 Vgl. §216 I SGB VI.

22 Deutsche Rentenversicherung, Statistik, 2011.

23 Vgl. § 214 SGB VI.

24 Vgl. § 153 SGB VI; Rosen, H.S./Windisch,R., Finanzwissenschaft, 1992, S. 370-371.

Details

Seiten
18
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656266570
ISBN (Buch)
9783656269632
DOI
10.3239/9783656266570
Dateigröße
570 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v200346
Institution / Hochschule
Universität Leipzig
Note
2,7
Schlagworte
Gesetzliche Rentenversicherung Demografischer Wandel Nachhaltigkeitsfaktor Riesterfaktor Rente mit 67 Lebenserwartungsfaktor

Autor

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Titel: Gesetzliche Rentenversicherung und demografischer Wandel