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Demografischer Wandel: Über die Bedeutung des Alters in einer alternden Gesellschaft

Diplomarbeit 2012 61 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Kurzfassung

Abbildungsverzeichnis

Einleitung

1 Alter(n) in Zahlen und Fakten
1.1 Was ist Alter(n)?
1.2 Warum altern wir
1.3 Wie altern wir

2 Alter(n) und Vorurteile
2.1 Altersbilder und Stereotype
2.2 Alter und Sexualität

3 Alter als Chance vs. Alter als Risiko
3.1 Gesundheit & Leben vs. Krankheit & Tod
3.2 Einkommen und Vermögen vs. Altersarmut
3.3 Soziale Netzwerke und Beziehungen vs. Isolation

4 Alter und (neuer) Lebenssinn
4.1 Großelternschaft
4.2 Lebenslanges Lernen und Bildung
4.3 Ehrenamt und Produktivität

Zusammenfassung und Ausblick

Literaturverzeichnis

Kurzfassung

Wir leben in einer Gesellschaft des langen Lebens, wie es so schön im sechsten Altenbericht der Bundesregierung (2010b, S. 19) heißt. Die Lebenserwartung der Deutschen ist in den letzten 110 Jahren um 30 Jahre angestiegen. Gleichzeitig sanken Geburten- und Sterberate, sodass zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit die Alten die zahlenmäßig stärkste Gruppe bilden. Diese Tatsache stellt sowohl die Gesellschaft, als auch jeden einzelnen von uns vor Herausforderungen. Was sind das für Herausforderungen und Krisen, die wir im Alter zu bewältigen haben? Und wie schaffen wir das? Statistisch gesehen werden wir älter als vergangene Generationen, aber paradoxerweise will niemand alt sein. Was bedeutet alt sein – vor allem in unserer jetzigen Zeit und Gesellschaft? Und ab wann zählt man eigentlich zu den Alten? Diese und ähnliche Fragen trieben mich bei der Recherche zu meiner Diplomarbeit an. Einleitend wage ich den Versuch einer Definition der Begriffe Alter bzw. Altern und lege kurz dar, warum und wie wir altern.

Darüber hinaus interessieren mich die Altersbilder und stereotypen Vorstellungen, die gesellschaftlich vorherrschen. Welche allgemeine Meinung haben wir von alten Menschen? Ist diese eher positiv oder negativ geprägt? Diese Arbeit beschäftigt sich weiterhin mit den gesundheitlichen, wirtschaftlichen und sozialen Problemen und Herausforderungen, mit denen ältere Menschen heutzutage zu kämpfen haben. Hierbei werde ich sowohl auf die Chancen als auch auf die Risiken, die das Alter mit sich bringt, näher eingehen. Im vierten Kapitel möchte ich abschließend zeigen, dass der Ruhestand nicht gleich Ruhestand im eigentlichen Wortsinn bedeuten muss. Vor allem (Weiter-)Bildung und bürgerschaftliches Engagement können dem Leben nach der Erwerbsphase einen tieferen Sinn geben und leisten zudem einen gemeinnützigen Beitrag. Zum Abschluss meiner Diplomarbeit fasse ich meine Betrachtungen zusammen und gebe einen Ausblick.

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Altersaufbau, 1910

Abbildung 2: Altersaufbau, 2010

Abbildung 3: Altersaufbau, 2050

Abbildung 4: Schematische Einteilung der Alter(n)stheorien

Einleitung

Der demographische Wandel ist in aller Munde. Die Zahlen und Fakten sind endlich in den Köpfen angekommen. Wir leben in einer alternden Gesellschaft. Das 21. Jahrhundert ist das Jahrhundert der Alten, 2012 das Europäische Jahr für aktives Altern und Solidarität zwischen den Generationen. Das Thema brennt und wird immer noch heiß diskutiert. „Das Alter hat eine vergleichsweise junge Konjunktur. Aber eine große Zukunft“ (Welsch 2008, S. 199), in der die Quadratur des Greises, um es mit den Worten von Wolfgang Welsch zu sagen, die Jahrhundert-Aufgabe sein wird.

Unser Leben verlängert sich momentan um ca. drei Monate pro Jahr und es gibt keine Anzeichen dafür, dass dieser Trend bald stoppt. Eines steht fest: Gesamtgesellschaftlich betrachtet, werden wir älter als jemals zuvor. Und dabei bietet vor allem die Phase der sogenannten jungen Alten, die klassisch nach dem Erwerbsende eintritt, ein unglaubliches Potenzial, das bisher durch die „Brille des Jugendwahns“ (Druyen 2005, S. 17) kaum wahrgenommen wurde.

Mit Zunahme der Hochaltrigkeit wird allerdings die Wünschbarkeit eines hohen Alters zunehmend infrage gestellt. Hochbetagte Menschen werden sogar als gesellschaftlich belastend empfunden. Vorstellungen von Krankheit, Hilfs- und Pflegebedürftigkeit tragen dem Rechnung. So tritt die Bewunderung für Menschen, die ein hohes Alter erreicht haben, plötzlich in den Hintergrund (vgl. BMFSFJ 2002 S. 51). Wir wollen alle alt werden, aber niemand will alt sein. Diese paradoxe Wunschvorstellung ist weit verbreitet in unserer Gesellschaft, trotz Unerfüllbarkeit – oder gerade deswegen. Einige WissenschaftlerInnen scheint diese Paradoxie geradezu anzuspornen. Es wird unermüdlich geforscht, um endlich den Schlüssel zum Tor der Alterung zu finden. Die ewige Jugend ist einfach zu verlockend und beschäftigt die Menschheit seit jeher.

Die Lebenserwartung hat in den letzten 100 Jahren enorm zugenommen. Bis zum Jahr 2060 wird ein neugeborener Junge eine Lebenserwartung von 85 Jahren und ein neugeborenes Mädchen eine Lebenserwartung von 89 Jahren haben. Gleichzeitig schrumpft die Bevölkerung, weil die Geburtenzahl bis 2060 sinken und die Sterbezahl bis 2050 ansteigen wird. „Das jährliche Geburtendefizit, also der Überschuss der Sterbefälle über die Geburten, wird bis 2060 auf mehr als das Dreifache zunehmen“ (www.destatis.de, 2009)[1]. Auch die Zahl der Personen im Erwerbsalter (20 bis 64 Jahre) wird um bis zu 34 Prozent zurück gehen. Demgegenüber wird die Zahl der 65-Jährigen und Älteren nach 2020 drastisch ansteigen, weil dann die geburtenstarken Kohorten der 1960er Jahre in diesem Alter sind. Somit kommen dann auf 100 Personen im erwerbsfähigen Alter bis zu 67 Personen (je nach Vorausberechnungsvariante), die 65 Jahre und älter sind. Heute ist diese Zahl halb so stark und liegt bei 34 Personen (vgl. ebd.).

Diese Zahlen und Fakten setzen uns unter Druck: Wir müssen als Gesellschaft auf diese Entwicklung reagieren. In einem ersten Schritt sollten wir anfangen unsere Vorstellungen vom Alter(n) über Bord zu werfen und sie der aktuellen Realität anzupassen. Auch jenseits der 50 sind Kreativität, Leistungsfähigkeit und Kompetenz weiterhin möglich. Das Potenzial und die Möglichkeiten der Alten darf und kann nicht mehr unterschätzt oder gar verleugnet werden. Zukünftig sind wir darauf angewiesen.

Anm. d. Verf.:

Inhaltlich erhebe ich keinen Anspruch auf Vollständigkeit, vielmehr soll diese Arbeit einen ersten und stellenweise tiefergehenden Einblick zum gesellschaftlichen, sowie individuellen Umgang mit Alter und Altern geben und die gesellschaftliche Bedeutung der Ressource Alter hervorheben. Mein Wunsch ist es, mit dieser Arbeit zum Nach- und Umdenken anzuregen.

1 Alter(n) in Zahlen und Fakten

1.1 Was ist Alter(n)?

Eine scheinbar einfache Frage, die aber bei genauer Betrachtung gar nicht so einfach zu beantworten ist. Es gibt wissenschaftliche Literatur auf dem Markt, die sich ausschließlich mit Beantwortung dieser einen Frage beschäftigt. Das zeigt wie vielschichtig und interdisziplinär man darauf antworten kann.

„Alter – das ist kein plötzliches Ereignis, sondern ein allmählicher biologischer Vorgang, der mit der Geburt beginnt und mit dem Tod endet. Es handelt sich um einen irreversiblen Prozess, sozusagen ein biologisches Schicksal, das jedes Lebewesen erfasst“ (Ho/Wagner/Eckstein 2008, S. 33). Eine kurze und prägnante, sowie sehr nüchterne biologische Betrachtungsweise auf das Alter. Für die Soziologen bedeutet Altern als Prozess diverses: „Auf der Individualebene sind es die permanenten Sozialisationsvorgänge und die Erfahrungen, die in einem bestimmten Lebensalter die Handlungskompetenzen und Deutungsmuster beeinflussen“ (Prahl/Schroeter 1996, S. 14). Die heute 80-Jährigen beispielsweise wurden in der ausklingenden Weimarer Republik geboren, erlebten als Kinder und Jugendliche die Erziehungsstile des Dritten Reiches und später die der DDR oder BRD. Sie durchlebten also verschiedene Sozialisationsstile und Gesellschaftsordnungen. Apropos Gesellschaft: Auf dieser Ebene lassen sich Veränderungen in der Wertschätzung von Altwerden und Altsein erkennen: Altersbilder wandeln sich in rasantem Tempo, neue gesellschaftliche Muster kristallisieren sich heraus. Und auf der demographischen Ebene verändert sich die Bevölkerungsstruktur: Der Anteil der älteren Jahrgänge nimmt zu, während der Anteil der Jüngeren abnimmt. Auf diesen drei Ebenen (Individual-, Gesellschafts- und demographische Ebene) wird Altern als Prozess begriffen und meint trotzdem auf jeder Ebene verschiedenes (vgl. ebd.).

Altern ist ein lebenslanger Prozess, der bei jedem Menschen anders verläuft. Unsere Alterung ist „eine komplexe Erscheinung mit kulturellen, biologischen und individuellen Aspekten, deren Gestalt und Bedeutung sich im jeweiligen Umfeld einer Gesellschaft und ihrer Zeit äußert“ (Druyen 2005, S. 21). Es ist ein dynamischer Vorgang und „als Wechselspiel zwischen der individuellen Biografie und dem Lebenskontext“ (ebd.) zu verstehen.

Werfen wir ferner einen Blick in die frühe Menschheitsgeschichte: Der homo sapiens beispielsweise, der vor 200 000 Jahren die Erde besiedelte, starb, bevor er altern konnte. Die Cro-Magnon-Menschen hingegen, die vor ca. 50 000 Jahren lebten, wurden durchaus 60 Jahre alt und überlebten somit das Ende ihrer Fortpflanzungsphase. Demnach scheint das Alter(n) eine Zivilisationserscheinung zu sein. In dieser Kultur, die weder Schrift noch Papier kannte, war das Alter eine der bedeutendsten Ressourcen. Die Alten sammelten und bewahrten wertvolles Wissen auf und gaben es an die heranwachsende Generation weiter. Wenn man so will, waren diese Alten die Archive und Bibliotheken ihrer Zeit. Nicht nur die verlängerte Lebensspanne, auch der körperliche Verfall und die Vergreisung haben ihren evolutionären Sinn. Wären die Cro-Magnon-Menschen im Alter weiterhin stark, fit und potent geblieben, dann wären sie immer noch mit Jagen, Sammeln und Fortpflanzen beschäftigt gewesen. Nur das Alter mit seinen Erscheinungen erlaubte ihnen den Müßiggang und das Kommunizieren über alte Zeiten und neue Geschehnisse (vgl. Seidl 2005, S. 7). Doch wie sieht das heute aus? Heute müssen wir nicht mehr alt sein um Wissen weiterzugeben. Wir sind und fühlen uns auch geistig und körperlich mindestens zwei Jahrzehnte jünger als der Cro-Magnon-Mensch, der sich, müde von Jagd, Kampf und dem Zeugen unzähliger Kinder, ab dem 45. Geburtstag „in seine Höhle verkroch, sich am Lagerfeuer wärmte und nach einem schönen Stück gebratenen Büffels seinen Kindern und Enkeln die Welt erklärte“ (ebd.). War das Alter also nur eine Erfindung der Cro-Magnon-Zeit, die sich heute womöglich längst überholt hat?

Ab wann ist man nun eigentlich alt?

Der Mensch hat sich sein Leben seit jeher gerne in Abschnitte unterteilt. Schon im frühen 6. Jahrhundert v. Chr. teilt Solon in seiner Alterselegie den Lebenslauf in zehn Stufen zu sieben Jahren ein, wobei die letzten beiden Stufen das Alter bedeuten (hier: 56 – 70 Jahre). Solon selbst wurde 80 Jahre alt und erreichte somit ein Alter, das er in seiner Einteilung nicht berücksichtigte (vgl. Ehmer 2008, S. 157). Pythagoras hingegen gliedert das Leben in vier Stufen zu je 20 Jahren und parallelisiert die Jahreszeiten mit den Lebensphasen. Kindheit, Jugend, Erwachsenen- und Greisenalter sollen wie Frühling, Sommer, Herbst und Winter aufeinander folgen. Diese Analogisierung regt zum Nachdenken an. Erstens werden wir an unsere Natürlichkeit in Bezug auf Leben, Sterben und Altern erinnert und zweitens wird uns der Kreislauf bewusst, von dem wir ein Teil sind. Allerdings geht dieser nicht für uns von vorne los, sondern für die nachfolgende Generation (vgl. Welsch 2008, S. 201). Im Assyrischen findet sich eine weitere erstaunliche Einteilung: „40 Jahre ist Blüte, 50 Jahre sind kurze Tage, 60 Jahre ist reifes Alter, 70 Jahre sind lange Tage, 80 Jahre ist Greisenalter und 90 Jahre ist gesegnetes Alter“ (Höffe 2008, S. 191). In der späten römischen Republik unterschied man sogar schon zwei Phasen des Alters: senior (45 – 60 Jahre) und senex (60 Jahre bis zum Tod). Das 60. Lebensjahr findet sich häufig als Grenze zum Greisenalter, beispielsweise in der Neuzeit, als sich die Einteilung des Lebenslaufes in Zehnjahresgruppen durchsetzte (vgl. Ehmer 2008, S. 157). Heute bezeichnet die Bevölkerungswissenschaft, also die Demographie, die Zeit ab dem 65. Lebensjahr als Alter. Die Soziologie spezifiziert diese Jahre: So werden die 60 – 75-Jährigen als die jungen Alten, die 75 – 90-Jährigen als die Alten, die 90 – 100-Jährigen als die Hochbetagten und die über 100-Jährigen als die Langlebigen bezeichnet. Darüber hinaus schlug Peter Laslett schon in den 1970er Jahren vor, zwischen dem dritten und dem vierten Alter zu unterscheiden. Das dritte Lebensalter beschreibt die Phase nach der Erwerbsarbeit, die heutzutage meist 20 Jahre und länger sein kann. Es ist die Zeit der neuen Alten, die fit, mobil und konsumfreudig sind. Das vierte Lebensalter hingegen ist eine kurze Phase und umfasst die biologischen Vorgänge des nahenden Todes (vgl. Prahl/Schroeter 1996, S. 13f).

Fraglich bleibt, ob eine chronologische Festlegung des Alters überhaupt Sinn macht oder ob wir uns nicht eher davon lösen sollten. In vielen östlichen und afrikanischen Kulturen spielt das chronologische Alter eine eher untergeordnete Rolle. Bedeutsamer bei der Altersorganisation sind Ereignisse, wie zum Beispiel das Klimakterium, graue und/oder ausfallende Haare, das Nachlassen körperlicher und geistiger Kräfte. „In vielen Wildbeutergesellschaften gilt ein Mensch als alt, der nicht mehr an weiten Jagdzügen oder an der Versorgung von Kleinkindern teilnehmen kann. Bei Kriegerkulturen setzt Altsein sogar noch früher ein, wenn Schnelligkeit und Körperkraft nicht mehr als hinreichend erachtet werden“ (ebd., S. 61). Und so haben die Menschen seit jeher das Alter nicht nach dem bewertet, was es tatsächlich ist, sondern nach dem was es nicht ist. Dunkelheit sei als Abwesenheit von Licht definiert und Alter als Abwesenheit von Jugend (vgl. Druyen 2003, S. 194). Trotzdem ist Alter „ein relativer Begriff, der vor allem von der Perspektive des Betrachters abhängt […] Je jünger ein Mensch ist, desto früher beginnt in seinen Augen das Altsein“ (Harsch 2012, S. 213).

Der demographische Wandel

Von der Antike bis in das 18. Jahrhundert hat sich in der Demographie nur sehr wenig verändert. Über die Jahrhunderte hinweg waren stets 5 – 10 Prozent der Bevölkerung, also ein recht geringer Teil, über 60 Jahre alt. Die Mehrheit der Menschen erreichte das hohe Alter nicht, was auch bedeutete, dass das Sterben, mehr als heute, in allen Altersstufen stattfand. Vor allem die Sterblichkeit von Säuglingen und Kleinkindern war sehr hoch. Trotzdem gab es auch zu jener Zeit alte und sehr alte Menschen. Hohe Anteile 60 – 80-Jähriger finden sich bei den Päpsten des Mittelalters oder den Künstlern der Renaissance. Bereits in der Antike schätzte man das von der Natur gesetzte menschliche Höchstalter korrekterweise auf 120 Jahre. Viele der großen Griechen lebten erstaunlich lange: Die Philosophen Epiktet, Platon und Pyrrhon von Elis erreichten ein Alter von 75, 80 und 90 Jahren. Der Lyriker Solon wurde 80, der Dichter Sophokles 90 und der Sophist Gorgias gar stolze 100 Jahre alt. Allerdings gab es zu jener Zeit gravierende geographische Unterschiede bezüglich der durchschnittlichen Lebensdauer der Bevölkerung. Diese betrug in Rom aufgrund der sehr hohen Kinder- und Jugendsterblichkeit nur 22,6 Jahre, in den nordwestafrikanischen Provinzen hingegen durchschnittlich bis zu 60 Jahre (vgl. Höffe 2008, S. 191).

Im 19. und 20. Jahrhundert begann der demographische Wandel. Trotz aller Kriege und Katastrophen wuchs die Weltbevölkerung zwischen 1900 und 2000 von 1,5 auf 6 Milliarden Menschen an. Daher bezeichnen Demographen das 20. Jahrhundert auch als das Jahrhundert des Bevölkerungswachstums. Dieser Trend wird sich stark verlangsamen (vgl. Kocka 2008, S. 217). In Deutschland beispielsweise würde die Bevölkerungszahl ohne Zuwanderung bis zum Jahr 2050 auf 50,7 Millionen Menschen zurückgehen. Und bis 2100 könnte sie sich sogar bis auf 24,3 Millionen verringern (vgl. Druyen 2005, S. 19f). Die Weltbevölkerung wird bis 2080 mit ca. 9 Milliarden Menschen ihr Maximum erreichen und danach in die Phase der Weltbevölkerungsschrumpfung kommen (vgl. Birg 2003, S. 8). Das 21. Jahrhundert wird daher als das Jahrhundert des demographischen Alterns in die Geschichte eingehen (vgl. Kocka 2008, S. 217). „Denn der unaufhaltsame, sich von Tag zu Tag beschleunigende Verfall der Bevölkerung, die Überalterung unserer Gesellschaft, die graue Revolution wird das Antlitz Europas stärker verändern als die französische, die russische oder die osteuropäische Revolution, wird größere gesellschaftliche Veränderungen anrichten als der Erste und Zweite Weltkrieg zusammen“ (Tichy/Tichy 2001, S. 10, zit. nach Druyen 2005, S. 17f). Die Fakten lassen sich nicht schönreden: Das Statistische Bundesamt rechnet bis zum Jahre 2050 mit einem Bevölkerungsrückgang von ca. neun Prozent. „Dabei wird für die Anzahl der Personen im Erwerbsalter (20 bis 64 Jahre) ein Rückgang um 20 Prozent, für die Anzahl der über 65-Jährigen eine Zunahme um 54 Prozent und für die über 80-Jährigen eine Zunahme um 174 Prozent erwartet“ (Kruse/Schmitt 2005, S. 9). Die durchschnittliche Lebenserwartung zum Zeitpunkt der Geburt stieg innerhalb der letzten 150 Jahre von 48 auf 83 Jahre und verdoppelte sich somit fast. Zu verdanken haben wir das dem medizinischen Fortschritt und dem Gesundheitssystem, der Hygiene, verbesserten Lebensbedingungen, sowie zunehmender Bildung und steigendem Lebensstandard. Das Erreichen eines hohen Alters ist heute kein Einzelschicksal mehr oder gar ein Privileg. Geburtskohorten altern und sterben gemeinsam und der Tod ereilt die Menschen hauptsächlich im hohen Alter. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit bilden nun die Alten die zahlenmäßig stärkste Gruppe. 2008 lag der Anteil der über 60-Jährigen bei 24 Prozent, 2040 sollen es laut Experten-Prognosen schon 35 Prozent sein. Was die Alterung betrifft, ist Deutschland ein Spitzenreiter. Jahr für Jahr werden weniger Geburten als Todesfälle registriert. Gegenwärtig liegt die Geburtenziffer in der Bundesrepublik zwischen 1,3 und 1,4 Kindern pro Frau. Wir haben, laut Franz-Xaver Kaufmann, „kein Überalterungsproblem, sondern vielmehr ein Unterjüngungsproblem“ (Kocka 2008, S. 219). Denn nicht das Altern, „sondern der absehbare und sich voraussichtlich beschleunigende Rückgang unserer Bevölkerungen“ (Druyen 2005, S. 18) ist das zentrale demographische Problem.

Die Zahlen zeigen deutlich welche Rolle ältere Menschen in unserer Gesellschaft gegenwärtig schon spielen bzw. spielen sollten (vgl. Ehmer 2008, S. 162). Die Grafik, die man früher Alterspyramide nennen konnte (s. Abb. 1), weil es mehr Kleinkinder als Teenager, mehr Teenager als Erwachsene und mehr Erwachsene als Greise gab, gleicht heute einem Baum mit dickem Stamm und einer noch breiteren Krone (s. Abb. 2). In knapp 40 Jahren wird diese Grafik einem Dönerspieß gleichen (s. Abb. 3). Die Mehrheit bilden dann die 55- bis 70-Jährigen. 2050 wird es gar mehr 80-jährige als 30-jährige Frauen geben. „Wenn nicht ein großer Krieg oder eine Seuche die Population der Europäer drastisch reduziert, dann wird es genauso kommen. Denn die 20-Jährigen, die im Jahr 2025 fehlen werden, müssten jetzt schon auf der Welt sein. Und die 80-Jährigen, von denen es im Jahr 2050 so viele geben wird, sind seit 1970 unter uns“ (Seidl 2005, S. 7).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Altersaufbau, 1910

Quelle: www.planet-wissen.de/alltag_gesundheit /alter/gesellschaft_der_alten/alterspyramide.jsp, 01.06.2009

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Altersaufbau, 2010

Quelle: www.destatis.de/bevoelkerungspyramide/, 11.04.2012

[...]


[1] Pressemitteilung Nr. 435: Im Jahr 2060 wird jeder Siebente 80 Jahre oder älter sein, 18.11.2009 (URL: www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressemitteilungen/2009/11/PD09_435_12411.html)

Details

Seiten
61
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656268802
ISBN (Buch)
9783656269229
Dateigröße
822 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v200363
Institution / Hochschule
Ernst-Abbe-Hochschule Jena, ehem. Fachhochschule Jena
Note
1,85
Schlagworte
Alter Altersbilder Großelternschaft Altern Demographischer Wandel

Autor

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Titel: Demografischer Wandel: Über die Bedeutung des Alters in einer alternden Gesellschaft