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Zwerge, die auf den Schultern von Riesen stehen

Das Drehbuch des abendländischen Denkens

Fachbuch 2012 270 Seiten

Philosophie - Epochenübergreifende Abhandlungen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Der Autor

Vorwort
1) Zur Begründung des Themas
2) Zentrale Thesen der Arbeit
3) Position, Art und Umfang der Darstellung
4) Struktur
I) Der Geist als Maß aller Dinge
II) Konstruktion und Prozess
III) Die Klarheit des Gedankens
IV) Wissenschaft und Demokratie
V) Gott, die Menschenwürde und die Ökonomie des Lebens
VI) Europa: Die Vereinigung der Weltbilder
VII) Am Ende ein neuer Anfang
VIII) Das Wagnis der Vernunft
IX) Die Spaltung des Weltbildes
X) Im Käfig des Faktischen
XI) Wozu denken oder über die Notwendigkeit neue Wege zu eröffnen

Kapitel 1 DER GEIST ALS MASS ALLER DINGE
1) Warum ist die Welt so, wie sie ist?
2) Die Welt ist eine Hilfskonstruktion
3) Individuelle und kollektive Weltbilder
4) Der Streit um die Wirklichkeit
5) Irrtum und Dummheit
6) Der Alptraum der Zerstörung
7) Das Ziel des Denkens

Kapitel 2 KONSTRUKTION UND PROZESS
1) Der Triumph der Konstruktionen
2) Angeborene Lehrmeister
3) Im Geäst menschlicher Konstruktionen
4) Die Struktur der Wirklichkeit
5) Der Baum des Abendlandes

Kapitel 3 KONSTRUKTION UND PROZESS
1) Der Triumph der Konstruktionen
2) Angeborene Lehrmeister
3) Im Geäst menschlicher Konstruktionen
4) Die Struktur der Wirklichkeit
5) Der Baum des Abendlandes

Kapitel 4 DIE KLARHEIT DES GEDANKENS
1) Mythologie und Individualismus
2) Die Brüder der Götter suchen die Ur-Sachen der Welt
3) Die Rationalität im Denken
4) Die Vernunft entthront die Götter

Kapitel 5 WISSENSCHAFT UND DEMOKRATIE
1) Souveränität, Freiheit und Gleichheit
2) Sokrates und der andere Blickwinkel
3) Platon und die Adelsreaktion
4) Aristoteles und das offene Denken
5) Alexander der Große und die Folgen

Kapitel 6 GOTT, DIE WÜRDE DES MENSCHEN UND DIE ÖKONOMIE DES LEBENS
1) Verlangt Gott Menschenopfer?
2) Echnaton und die Idee des einzigen Gottes
3) Moses und das Gesetz Gottes
4) Jesus und das Reich des Himmels
5) Paulus und die Ökonomie der Seele

Kapitel 7 EUROPA: DIE VEREINIGUNG DER WELTBILDER
1) Die europäische Identität
2) Die Einheit der Weltbilder
3) Die Lebenszeit des Imperiums
4) Das real existierende Christentum
5) Augustinus und die Nützlichkeit der Sünde
6) Religion als Kriegshandwerk: die Germanen

Kapitel 8 AM ENDE EIN NEUER ANFANG
1) Bibliotheken, die Grüfte des Wissens
2) Die germanische Taufe des Christentums
3) Karl der Grosse und die lateinische Welt
4) Wie frei ist der Mensch?
5) Allahs Krieger
6) Das islamische Konzept der Wissenschaft
7) Das Ende der Schrecken

Kapitel 9 DAS WAGNIS VERNUNFT
1) Die Realität des Individuums
2) Das Schwert der Vernunft
3) Das Handwerk des Intellektuellen
4) Der Kampf um die Einheit des Seins
5) Das Ende der Einheit
6) Das Gesicht des Todes
7) Gott als Prozess
8) Die Dinge dieser Welt

Kapitel 10 DIE SPALTUNG DES WELTBILDES
1) Don Quijote und die absolute Herrschaft
2) Die lähmende Macht des Goldes
3) Wirklich, Wilde sind Menschen?
4) Religiöse gegen wissenschaftliche Wahrheit
5) Gott und Natur sind identisch
6) Die Diktatur des beschränkten Verstandes
7) Toleranz, Vernunft, Frieden und Wohlstand
8) Was können wir erkennen?

Kapitel 11 IM KÄFIG DES FAKTISCHEN
1) Das Waterloo der alten europäischen Ordnung
2) Der Einzelne und die Wirklichkeit
3) Der absolute Geist des Werdens
4) Denken im Dienst von Kohle und Eisen
5) Die positivistische Hinrichtung der Vernunft
6) Dynamische Welterklärungen unter rauchenden Schloten
7) Die Unvermeidlichkeit des Ungewissen
8) Zwerge auf den Schultern von Riesen

Kapitel XII: statt einem Nachwort
WOZU DENKEN – ODER ÜBER DIE NOTWENDIGKEIT, NEUE WEGE ZU ERÖFFNEN
Multiple Krisen
Die Finanzkrise
Die Energiekrise
Die Wissenschaftskrise
Von der Vertrauenskrise zur Orientierungslosigkeit
Der demographische Knick
Irgendwie stehen wir an
Individuelle Antreiber
Kollektive Beschleuniger
Am Epochenbruch
Lösungsversuche
Neue Aufgaben für die Philosophie

Der Autor

Geboren 1954 in Innsbruck.

Studium in Madrid, Paris, Luxembourg und Wien.

Promotion zum Dr. phil. in Wien, 1987.

Mehrjährige Arbeit als Journalist bei namhaften Tageszeitungen.

Geschäftsführer, Autor und wissenschaftlicher Berater bei Filmproduktionen für Literatur, Kommunikationstheorie, Philosophie und Geschichte.

Ab 1989 Seminare mit dem Schwerpunkt auf der praktischen Bedeutung des philosophischen und wissenschaftlichen Denkens in unserer Zeit.

Seit 1990 als Unternehmensentwickler mit der Errichtung zukunftsfähiger und leistungsstarker Organisationskulturen betraut.

Vorwort

1) Zur Begründung des Themas

Die europäische Art zu denken ist das Ergebnis einer dreitausend-jährigen Geschichte, die keineswegs in gerader Linie von den Griechen zu uns herauf führt. Auch Juden und Ägypter, Germanen und der Islam hatten entscheidenden Anteil daran. Ihr Denken floss in einer wechselvollen Geschichte zusammen und ließ einen neuen Typus von Weltbildern entstehen, den wir das abendländische Denken nennen. An seinem vorläufigen Ende stehen die heutigen Leistungen von Wissenschaft und Technik, aber auch die großen Probleme unserer Zeit, seien dies nun Fragen des Umweltschutzes, der Politik und der Wirtschaft, oder auch die Frage nach individuellen Problemen, wie Vereinsamung und Isolation.

All dies ist das Ergebnis jenes kollektiven Denkprozesses, der sich auf vielfältige Weise in der abendländischen Kultur äußert. Der Theorie kommt dabei eine enorme praktische Bedeutung zu, denn sie erarbeitet die geistigen Werkzeuge, mit Hilfe derer die Nachgeborenen ihre Welt wahrnehmen. So stellt das jeweils bestehende Weltbild die Grundlage für die weitere Entwicklung dar und jeder von uns steht unvermeidlich auf den Schultern derer, die vorangingen.

Wollen wir verstehen, warum wir so und nicht anders denken, so müssen wir die Geschichte unserer geistigen Werkzeuge kennen. Denn auch im geistigen Bereich gilt der Satz des Thukydides, nach dem der, der seine Geschichte nicht kennt, sich selbst dazu verdammt, alte Fehler zu wiederholen. Mehr noch, Unkenntnis der Grundlagen des eigenen Denkens bedeutet Sklaverei, ist doch der Praktiker -nach einem treffenden Bonmot- nur eine Marionette in den Händen eines Theoretikers, den er nicht kennt.

Obwohl alle wesentlichen philosophischen Systeme besprochen werden, kann es sich beim vorliegenden Manuskript nicht um eine übliche Philosophiegeschichte handeln, ist doch das, was als "Philosophie" anerkannt wird, stets nur ein Teil des kollektiven Denkprozesses. Vielmehr handelt es sich um eine Geschichte der Weltbilder, die den abendländischen Raum prägten und ihm seinen unverwechselbaren Charakter gaben. Der Bogen spannt sich dabei über mehr als dreitausend Jahre, bis hin zur jüngsten Vergangenheit. Es zeigt sich, dass beispielsweise das "religiöse Weltbild" als solches gar nicht existiert, sondern aus einer Vielzahl von Auffassungen besteht, die sich epochenhaft in der Geschichte ablösten. Ebenso wenig festgefügt ist der heutige, eher naturwissenschaftliche Welterklärungstyp, der - entgegen der allgemeinen Auffassung – auf einigen, empirisch nicht beweisbaren metaphysischen Annahmen beruht.

Diese Einsicht ist von entscheidender Bedeutung, wenn es darum geht, neue Wege für unsere heute drängenden Probleme zu finden.

Das vorliegende Werk führt in einer chronologisch erzählenden Weise zu dieser Einsicht. Es will die Grundlage liefern zum Verständnis unseres eigenen Weltbildes, Techniken verdeutlichen, mit deren Hilfe in der Geschichte Problemen begegnet wurde. Nicht zuletzt will es durch die Relativierung vergangener Weltbilder und ihre Einbindung in die jeweilige Geschichte ein Gefühl dafür entwickeln, dass auch unsere heutige Weltsicht abhängig von unserer Geschichte und durchaus auch vom Einzelnen veränderbar ist. Denn das ist es, was uns die Geschichte des abendländischen Geistes lehrt: Mut zum selbstständigen Denken.

2) Zentrale Thesen der Arbeit

1) Denken ist kein isoliertes kulturelles Element. Es ist eingebettet in einen kulturellen Zusammenhang, der sich auf vielerlei Weise äußert. In Architektur, bildender Kunst und Musik kann das "Raunen vergangener Zeiten" auch dann für uns verständlich werden, wenn wir nur noch eine schwache Beziehung zum jeweiligen Weltbild haben.
2) Jede Epoche ist Ausdruck der Reaktionen auf bestimmte historische Gegebenheiten. Die gefundenen Antworten "versteinern" im kulturellen Zusammenhang und bilden die Voraussetzung für die folgende Entwicklung. Der so entstehende Prozess der Kultur folgt den Regeln der Evolution.
3) Der Prozess der Kultur -und damit des Denkens in ihr- stellt sich somit als eine Art "Bewegung IN der Geschichte" dar. Diese ist mit dem nötigen Rahmenwissen leicht verstehbar und auch nachvollziehbar.
4) Wollen wir uns selbst verstehen, unsere Art zu denken, unsere Werthaltungen, unsere spezifische Art, die Welt "für wahr zu nehmen", so müssen wir die Entstehungsgeschichte unserer geistigen Werkzeuge kennen. Dies gilt umso mehr, wenn es darum geht, neue Lösungen zu finden.
5) Der Begriff „Europäer“ oder „Abendländer“ beschreibt nicht einen Ort der Geburt, sondern jene besondere Art des Denkens, die sich auf dem Alten Kontinant entwickelt hat. Wie diese entstanden ist und worin sie besteht, darum soll es in dieser Arbeit gehen.

3) Position, Art und Umfang der Darstellung

Das Buch richtet sich mit diesem Anliegen nicht nur an die kleine Gruppe von Berufsphilosophen, sondern in erster Linie an all jene, die nach Wegen suchen, die Welt, wie sie sich uns darstellt, zu verstehen. Das Angebot beschränkt sich dabei auf abendländische Erklärungsmodelle und ist geisteswissenschaftlich-historisch ausgerichtet. Es sieht die Naturwissenschaft als Teil eines größeren kulturellen Zusammenhangs. Da es eine der Absichten des Buches ist, die "Ehrenrettung" der Geisteswissenschaften und insbesondere der Philosophie gegenüber der Empirie zu vertreten, sind Kontroversen zu erwarten und auch durchaus erwünscht.

Die Arbeit tritt für eine lebensnahe Philosophie ein, die den geschützten Kathederbereich verlässt und auf den Menschen zugeht. Obwohl es sich um ein Sachbuch handelt, das -nicht zuletzt aus Gründen der Nachvollziehbarkeit- auf einen wissenschaftlichen Apparat nicht verzichten kann, wurde größtes Augenmerk auf einen leicht lesbaren Stil gelegt. Auch für komplizierte Gedankengänge wurde eine Form gesucht, die dieselben einem heutigen Menschen ohne allzu große Probleme verständlich macht. Da die Arbeit davon ausgeht, dass Denken immer der Ausdruck seiner Zeit ist, wurde das "Raunen der Zeit" durch häufige historische und kunsthistorische Bezüge ergänzt, wodurch ein Maximum an Nachvollziehbarkeit erreicht wird.

Diesem Werk liegt ein Gespräch mit Alfred Payrleitner zugrunde, der damals noch Chef der Wissenschaftsredaktion des ORF gewesen ist: „Wir suchen nach einer Möglichkeit, die Philosophie des Abendlandes als Fernsehserie darzustellen. Dabei muß es um Inhalte gehen und es darf zu keiner ‚Inflation von Köpfen‘ (d.h. einer reinen Abfolge von Interviews mit Experten) kommen“, meinte er.

Die Schwierigkeit sah er darin, trotz der notwendigen Vereinfachung einerseits wesentliche Inhalte, andererseits aber auch den Zusammenhang der Entwicklungsgeschichte dieses Denkens mit seiner Wirkung auf unser heutiges Denken zu verdeutlichen. Auch die Unterschiede zu anderen Kulturen sollten erwähnt werden und die Schwierigkeiten mit ihnen nicht verschwiegen werden. Das Ziel Payrleitners war es, dem interessierten Publikum die Möglichkeit zu geben, sich selbst besser zu verstehen. Also eine Vorstellung davon zu bekommen, was uns als Europäer ausmacht und was uns von anderen unterscheidet.

Denn, so seine Überzeugung, wenn wir eine bessere Vorstellung davon haben, warum wir anders denken wie andere Kulturen, wenn wir die Geschichte und deren Einflüsse auf uns ein bisschen erspüren könnten, würde uns vieles leichter fallen. Vor allem würde es leichter fallen, Gedanken zu ändern, wenn man sich bewusst machen könnte, dass diese in einem historischen Prozess als Werk unserer Vorfahren entstanden seien und keine Wahrheiten darstellen würden.

So entstand erstmals ein historisches Gemälde, in dessen Vordergrund der geistige Konstruktionsprozess des Abendlandes stand. Diese Kernarbeit wurde abgeschlossen. Aus internen Gründen kam es dann aber nicht zu einer Realisierung des Dokumentationsprojektes und die Vorarbeit verschwand in einer Schublade.

Einige Jahre später tobten Finanz-, Vertrauens-, Atomkraft-, Kirchen- und noch einige weitere Krisen. Scheinbar hilflos wurde in Politik, Wirtschaft, Bildung und auch in der Kirche nach neuen Konzepten gesucht – oder alte Besitzstände vehement verteidigt. Nach und nach wurde für viele Menschen deutlich, dass neues Denken, und zwar von Grund auf, nötig sein würde.

Da erinnerten mich Kollegen und Kunden an die damalige Arbeit. Im Gespräch stellten wir gemeinsam fest, dass Gestaltungsfähigkeit und Gestaltungswille nur auf dem Wissen der Möglichkeit zum Gestalten wachsen können. Optimismus ist durchaus angebracht. Aber wir müssen das Abenteuer wagen, uns auf geistige Expeditionen einzulassen und neue Küsten des Denkens zu entdecken und zu besiedeln. Wir müssen letztlich den Mut aufbringen, das Drehbuch unseres Denkens umzuschreiben! Was liegt daher näher, als zu versuchen, die mentale Berechtigung zu stärken, noch einmal von vorne selbst denken zu dürfen? Was würde das besser unterstützen, als das Wissen um die Konstruktionsgeschichte des bisherigen Denkens?

In der Folge wurde der Text überarbeitet und liegt nun vor. Neben vielen anderen hervorragenden Geistern und dem bereits erwähnten Alfred Payrleitner, gilt mein Dank meiner Frau, die mir mit Geduld und unermüdlicher Hartnäckigkeit in teilweise heftigen inhaltlichen Diskussionen trotz allem stets zur Seite stand. Außerdem meinen Freunden und Kunden, insbesondere von Nycomed, als es noch ein eigenes Unternehmen war, sowie von der NT6 und der NT4 des Wiener Stromnetzes, mit denen gemeinsam wir die Philosophie als praktisches Werkzeug weiterentwickeln konnten. Bei einem von ihnen, Andreas Pascher, entstand in der Zusammenarbeit der Wunsch, nebenberuflich selbst Philosophie zu studieren. Ich wünsche ihm, dass er diesen Plan realisieren kann!

Abschließend noch eine kleine Bemerkung zu den nicht immer einheitlichen Fußnoten: sie waren nicht nur als Quellenhinweise gedacht, sondern teilweise auch als Hinweise für ein späteres Filmteam. Ich habe sie weitgehend in der ursprünglichen Form belassen, weil sie manchmal wertvolle weitere Hinweise enthalten.

4) Struktur

Die ersten beiden Kapitel beschäftigen sich mit der Frage, wie das Denken und seine Entwicklung vor einem historisch-konstruktivistischen Hintergrund zu verstehen ist. Kapitel 3 bis 10 entwickeln das Werden des Denkens, wie wir es uns im Abendland angewöhnt haben.

I) Der Geist als Maß aller Dinge

Ausgehend von alltäglichen Situationen wird der Sinn des Denkens als Tasten im Raum der Möglichkeiten erörtert. Gemeinsames Tasten bringt dabei Kulturen hervor.

Die Praxis kann nur ernsten, was die Theorie zuvor gesät hat.

II) Konstruktion und Prozess

Eine Kultur ist als eine Gesamtheit aufzufassen, in der ein bestimmter Typus von Strukturierung der Wirklichkeit vorherrscht. Dieser verändert sich ständig und in vielen Schichten gleichzeitig. Die Entwicklung von Kulturen unterliegt dabei evolutionären Gesetzen. Das heutige abendländische Denken steht auf der Grundlage kultureller Entscheidungen, die in früheren Zeiten getroffen wurden.

III) Die Klarheit des Gedankens

Einer der Ursprünge dieses abendländischen Denkens liegt im alten Griechen-land. Die alten Griechen betrachteten sich selbst als Brüder der Götter, gewannen daraus Selbstsicherheit und dachten sich die Welt als Einheit. Dabei fanden sie Ausdrucksformen, um diese Einheit darzustellen. Sie definierten inhaltlich den Begriff der Rationalität und stellten die Forderung nach klarem Ausdruck von Gedanken auf.

IV) Wissenschaft und Demokratie

Das herausragende politische Modell Griechenlands war die Demokratie. Als sich bereits ihr Untergang abzeichnete, ermöglichte sie die für das Abendland bedeutendsten griechischen Denker und ihre Lehren. Das Denken der Einheit in seiner Spannung zur Vielheit erreichte seinen Höhepunkt mit Sokrates, Platon und Aristoteles. Bald jedoch begann es zu erstarren.

V) Gott, die Menschenwürde und die Ökonomie des Lebens

Ein weiterer, weitaus weniger beachteter Ursprung des abendländischen Denkens findet sich im Ägypten des Pharao Echnaton. Auch dort entstand der Gedanke der Einheit allen Seins, den Moses zu einem Rechtsmodell für sein heimatloses Volk der Hebräer ausbaute. Jesus formte daraus seine Lehre, nach der individuelles Glück abhängig ist vom Nutzen, den das Individuum für die Gemeinschaft bringt. Auch Paulus erweist sich als hervorragender Psychologe.

VI) Europa: Die Vereinigung der Weltbilder

Im untergehenden römischen Imperium wuchsen das griechische und das jüdische Welterklärungsmodell im Christentum zusammen. Das herausragende philosophische Modell dazu schuf Plotin. In Kontakt mit der weltlichen Macht verlor das Christentum jedoch zunehmend den Blick für die eigenen individualpsychologischen Grundlagen und deutete sie zu Machtinstrumenten um.

VII) Am Ende ein neuer Anfang

Im Kontakt mit den Germanen wurde das Christentum so beeinflusst, dass man richtigerweise von der Germanisierung des Christentums sprechen müsste. Aus dieser Verschmelzung ging das Feudalsystem als poltisch-religiöses Modell hervor. Die Vorstellung vom strafenden Gott entstand, für den der Mensch zu kämpfen hat, vor dem er aber keine Freiheit genießt. Die Weisheit der Griechen lebte unterdessen im Islam weiter und wurde dort ausgebaut. Der Islam entwickelte auch unser heute noch gültiges Modell der Wissenschaft.

VIII) Das Wagnis der Vernunft

Im 11. Jahrhundert ging das Abendland das Wagnis der Vernunft ein. Vor allem wirtschaftliche Entwicklungen, die neuen Städte und die in ihnen stehenden Universitäten ermöglichten diese Entwicklung. Der Berufsstand des abendländischen Intellektuellen wurde geformt, dessen Handwerk es ist, das Schwert der Vernunft zu führen. Bald diversifizierte sich jedoch der Geist des Abendlandes derartig aus, dass die Kirche mit seiner Verwaltung überfordert war. Als folgenschwere Reaktion trennten sich Theologie und Philosophie. Die Philosophie, als noch ungeteilte Gesamtheit der Natur- und Geisteswissenschaften, begann Gott als dynamischen Prozess zu verstehen und stellte ihr Denken zunehmend in den Dienst der Bedürfnisse von Bürgertum und Staat.

IX) Die Spaltung des Weltbildes

Die Flut südamerikanischer Edelmetalle stürzte das europäische Wirtschaftssystem in eine schwere Krise, der das Denken nun mit der Konstruktion von politischen, wirtschaftlichen und juristischen Modellen zu begegnen hatte. Geist und Materie wurden getrennt und das heliozentrische Weltbild allgemeines Bildungsgut. Man entdeckte, dass es leichter ist über die Welt nachzudenken, wenn man die Frage nach dem Sinn ausklammert. So entstand das naturwissenschaftliche Weltbild. Kant jedoch stellte sich dem entgegen und forderte eine Wiederbelebung der Beschäftigung mit der Metaphysik, weil nur in ihr die Grundlagen allen Wissens erörtert werden können.

X) Im Käfig des Faktischen

Die Erfolge des revolutionären Zeitalters in Industrie und Politik verhinderten jedoch die Realisierung der Forderungen Kants. Die Verbindung zwischen Naturwissenschaften, Industrie und Politik war so stark, dass sie die Philosophie in ihrem Sog verschlang. Übrig blieb der Positivismus als geisteswissenschaftliche Fortführung des Empirismus und das anscheinende Ende der Metaphysik. Philosophie und Wissenschaft atomisierten sich in Teildisziplinen, der instrumentelle Verstand trat das Erbe der Vernunft an. Aber Ende des 20. Jahrhunderts verdichtete sich die Einsicht, dass das Ungewisse unvermeidlich ist. In allen modernen Welterklärungstheorien von der Evolutionstheorie, über die Quantenmechanik bis hin zur Chaostheorie verstärkt sich daher - bisher weitgehend unbemerkt- das Element des Ungewissen. Dieses Ungewisse, dem sich jedes Leben stellen muss, ist die Grundlage für die Entstehung von Neuem. Dort liegt für den Menschen der Arbeitsbereich der "lebenden Vernunft".

XI) Wozu denken oder über die Notwendigkeit neue Wege zu eröffnen

Die in immer schnellerem Stakkato auf uns hereinbrechenden Krisen markieren einen Epochenbruch. Sie erzwingen anders zu denken. Das kam in der Geschichte schon mehrfach vor und stellt das philosophische Denken vor neue Aufgaben.

Kapitel 1 DER GEIST ALS MASS ALLER DINGE

1) Warum ist die Welt so, wie sie ist?

Sei es nun, dass das Benzin schon wieder teurer geworden ist, dass es auch am fünften Urlaubstag im angeblich immer sonnigen Süden regnet, oder dass des Morgens einfach die herrlich warme Bettdecke das Aufstehen schier unmöglich macht. In allen diesen Fällen entringt sich der Brust eine Anklage und wird dem Himmel entgegen geschleudert: Warum ist die Welt so wie sie ist?

Man denkt bei sich, dass sie ja nun weiß Gott auch anders sein könnte. Aber der Himmel antwortet nicht. Er erzittert nicht in seinen Grundfesten und lässt dem Benzin ungerührt seinen höheren Preis, tut nichts gegen den Regen und hilft uns schon gar nicht im täglichen Kampf mit dem Bett.

Obwohl sich dieser Vorgang üblicherweise in Gedanken abspielt, ist die Frage berechtigt, was denn das mit Denken zu tun hat. Einerseits erscheinen die geschilderten Situationen trivial, viel zu alltäglich, um die Bezeichnung "Denken" zu tragen. Andererseits beschränkt sich aber das, was für Denken gehalten wird, im Allgemeinen oft auf solche oder ähnliche Situationen. Der Unterschied zum weniger alltäglichen Denken besteht nicht darin, wie es zu dieser Frage kommt, sondern darin, wie ernst sie genommen wird. Im einen Fall wird die Frage zwar gestellt, aber, weil der Himmel keine Antwort gibt, wird nicht weiter gesucht. Im anderen Fall wird auf das Schweigen des Himmels damit reagiert, selbst eine Antwort zu suchen. Die Frage kann damit zum Gegenstand einer Untersuchung über die Welt werden.

Einstein kommentierte das so: "Wenn ich mich frage, woher es kommt, dass gerade ich die Relativitätstheorie aufgestellt habe, so scheint das an folgendem Unterschied zu liegen: Der normale Erwachsene denkt über Raum-Zeit-Probleme kaum nach. Das hat er seiner Meinung nach schon als Kind getan. Ich hingegen habe mich geistig derart langsam entwickelt, dass ich erst als Erwachsener damit anfing, mich über Raum und Zeit zu wundern. Naturgemäß bin ich dann tiefer in die Problematik eingedrungen, als die normal veranlagten Kinder." An diesem Beispiel zeigt sich, dass es gerade die alltäglichsten Fragen sind, die zu großen geistigen Würfen führen.

Nehmen wir also die Frage ernst, warum die Welt so ist, und untersuchen sie so, als ob "Welt" etwas wäre, das wir noch nicht kennen.

Zunächst ist festzustellen, dass die Frage von verschiedenen Voraussetzungen ausgeht. Die erste davon ist, dass es mich - der ich die Frage stelle - gibt, denn sonst könnte ich die Frage nicht stellen. Die zweite Voraussetzung ist, dass es die Welt gibt. Die dritte, dass diese Welt zu aktiven Handlungen in der Lage ist, denn sie tut etwas, das ich zu ertragen habe. Üblicherweise ist spätestens damit das Nachdenken über die Welt beendet. Darunter wird ein Strich gezogen, unter dem als Resümee‚ steht, dass die Welt an den Widrigkeiten des Lebens schuld sei.

Damit wäre aber nichts erreicht, denn es wird nichts über die gemachten Voraussetzungen ausgesagt.

2) Die Welt ist eine Hilfskonstruktion

Wie also ist diese "Welt" beschaffen? Was ist denn das überhaupt?

Zunächst ist es all das, was man sehen, hören, riechen, schmecken, fühlen kann. In der Schule war zu lernen, dass die Erde eine Kugel, und diese ein winziger Teil des Kosmos sei. Alles das wird unter dem Begriff "Welt" zusammengefasst. Wie aber sollte dieser Kosmos, oder ein Teil von ihm, an der morgendlichen Bettschwere schuld sein? Bei weiterem Nachdenken ist es also nicht möglich, sich damit zufriedenzugeben und es wird deutlich, dass das, was der Einzelne unter dem Begriff "Welt" versteht, ein kaum durchschaubares Beziehungsgeflecht ist, das er verantwortlich macht für die Dinge, die ihn ärgern und ihm das Leben schwer oder auch angenehm machen. Es könnte auch gar nicht anders sein, denn nur durch das, was ihm geschieht, kann der Einzelne die "Welt" erfahren. Ja sogar sich selbst kann er nur durch diese, ihn umgebende Welt wahrnehmen.

Was müsste man von sich selbst glauben, wenn beim Spaziergang kein Kies unter den Füßen knirschte, kein Bild einer Landschaft in das Auge fallen würde? Wenn also die Sinne nicht vorhanden wären, oder wenn nichts da wäre, was sie erfassen könnten? Nichts würde man glauben! Denn woher wüsste man, dass es kalt und warm gibt, wenn ebenso wenig kalter Wind auf dem Gesicht zu spüren wäre, wie die warmen Strahlen der Sonne? Woher könnte man wissen, dass es Licht gibt, ohne sehen zu können? Woher wäre zu wissen, dass es überhaupt etwas gibt, wenn man nicht sehen, fühlen, schmecken, riechen könnte? Vor allem aber: was könnte man wissen? Die Antwort ist nicht schwer zu finden: Nichts!

Wäre ein solcher Zustand überhaupt möglich, so würde ein lebendes Individuum ohne Bewusstsein durch das Nichts treiben. Denn ohne Reibung an der Umwelt könnte es kein Nachdenken über sich und die Welt entwickeln. Das wäre auch gar nicht notwendig, denn es könnte sich weder stoßen noch stürzen. Es würde auch durch nichts beunruhigt, weder durch höhere Benzinpreise, noch durch Regen, und es hätte auch nicht unter Bettschwere zu leiden.

Wer seine Tage im hektischen Gezappel, ruhelos wie sein eigener böser Geist verbringt, der mag eine solche Vorstellung von endloser Ruhe ganz sympathisch finden. Aber dann fände er den Tod selbst sympathisch. Denn Leben als Treibgut im stillen Ozean des Nichts ist nicht nur aus physiologischen, sondern auch aus psychischen Gründen unmöglich.

Leben braucht Reize, sonst stirbt es!

Die in der Philosophie ebenso oft gestellte, wie unsinnige Frage, ob es die Welt überhaupt gibt, ist also - zumindest aus der Sicht des Menschen- unbedingt zu bejahen. Denn wenn er davon ausgeht, dass er etwas sagen kann, dann muss es auch die Welt geben, über die er etwas aussagt. Zwar kann man durchaus mit logischen Spielchen die eigene Existenz in eine Nicht-Existenz umdefinieren, aber damit wäre jede Möglichkeit beendet, über das nachzudenken, was einem als Welt erscheint. Der größte Skandal in der Geschichte der Philosophie ist wohl, dass eine große Anzahl derjenigen, die sich selbst zur geistigen Elite zählen, darüber diskutieren, ob es die Welt gibt, während das, was ihnen das Leben ermöglicht, ringsum zerstört wird, wie Karl Popper völlig zu Recht bemerkt.

Fühlen und Denken, ja das SEIN selbst existiert im eigentlichen Sinne des Wortes nur deshalb, weil es etwas darum herum gibt, das üblicherweise "Welt" genannt wird. Das menschliche Sein wird bestimmt, durch das, was den Menschen umgibt. Jeder Mensch ist aber von etwas anderem umgeben. Bei einer Befragung, die nicht an der Oberfläche stehen bleibt, würde man auch feststellen, dass es Unterschiede darin gibt, was als Welt empfunden wird.

Ein Cocktail aus Empfindungen und Sinneseindrücken wird vom Individuum als Grundlage genommen, um dem, was ihm gegenüber geschieht, zu begegnen. Der Ausdruck "lernen" bezeichnet genau diesen Vorgang. Man lernt also bestimmt Dinge und formt sich daraus ein Bild über die Welt, um reagieren zu können.

Obwohl klar zu sein scheint, dass es eine Welt gibt, sieht es dennoch so aus, als ob das, was mit diesem Begriff bezeichnet wird, nicht so allgemeingültig ist, wie es der Name "Welt" vorgaukelt. Es ist auch nicht die Aufgabe des Lebens, allgemein gültige Begriffe zu finden, sondern vielmehr angemessen auf die jeweilige Umwelt zu reagieren. Dadurch ist einerseits erklärlich, woher die Verschiedenheit dieser Weltempfindung stammt. Andererseits bedeutet das aber, dass diese Weltempfindung nur eine Hilfskonstruktion ist. Denn es geht ja nur um die richtige Reaktion, nicht um das vollkommene Bild der Welt, so wie sie ist. Und um zu angemessenen Reaktionen zu kommen, reicht es aus, Zeichen einzelner Segmente aus dieser Welt zu empfangen und zu interpretieren.

3) Individuelle und kollektive Weltbilder

Stellen wir uns nun einen hypothetischen außerirdischen Reporter vor. Er kommt von so weit her, dass er nichts über unsere Welt weiß. Da er selbst vollkommen anders ist, kann er sich nur über Aussagen ein Bild darüber machen. Also versucht er über Befragung der Dinge, die er auf der Erde findet, herauszubekommen, was die Welt ist. Nehmen wir weiter an, dass ihm Menschen auf den ersten Blick als die intelligentesten Bewohner der Erde erscheinen würden. Deshalb fängt er bei einzelnen Menschen zu fragen an und trifft dabei zufällig in Mitteleuropa auf eine Großmutter mit ihrem kleinen Enkel.

Als erstes stellt er fest, dass weitgehende Übereinstimmung zwischen den Aussagen dieser menschlichen Individuen besteht. "Im Winter schneit es." So könnte eine der Antworten lauten. Bei weiterem Nachfragen kämen aber Unterschiede zum Vorschein. Ein Kind freut sich etwa über den Schnee beim Gedanken, nun endlich Schlitten fahren zu können. Die danebenstehende gehbehinderte Großmutter aber empfindet denselben Schnee als Bedrohung. Die Bewertung ist verschieden, aber einig sind sich beide darin, was Schnee ist. "Schnee" wird also verschieden interpretiert, je nach der individuellen körperlichen Konstitution.

Unser Außerirdischer ist damit nicht zufrieden und geht nun dorthin, wo es viel Schnee gibt, zu den Eskimos. Dort muss er feststellen, dass für die Eskimos "Schnee" gar nicht existiert. Sie verwenden fast einhundert verschiedene Begriffe für diese Art gefrorenen Wassers, haben aber keinen Sammelbegriff. Das Wort "Schnee" ist daher in ihre Sprache nicht übersetzbar. Zunächst macht das unserem Freund einiges Kopfzerbrechen, dann aber dämmert ihm, dass die Umwelt eines Eskimos anders beschaffen ist, als die eines Mitteleuropäers. In Mitteleuropa ist der Sammelbegriff "Schnee" durchaus ausreichend. Ein Eskimo muss genauer unterscheiden. Der Unterschied kann aber nicht nur in Worten liegen, denn sonst würden die Eskimos ihn nur näher kennzeichnen, wie Pulver-Schnee oder Papp-Schnee. Für die Eskimos muss daher jede Schnee-Art eine andere Sache sein, er nimmt verschiedene Dinge wahr und bezeichnet sie mit einem jeweils anderen Begriff.

Die Wahrnehmungswelt eines Eskimos ist also gänzlich verschieden von der eines Mitteleuropäers. Verschiedene Schneearten sind für den Eskimo verschiedene Formen von Boden. So stellt unser Besucher fest, dass der Mitteleuropäer für die verschiedenen Arten von Untergrund ebenfalls verschiedene Begriff hat, wie Humus, Sand, Geröll, Sumpf, und dass es auch ihm nicht so ohne weiteres in den Sinn kommt, all das unter dem Begriff "Boden" zusammenzufassen.

Nun geht der außerirdische Interviewer in den Urwald und die Wüste, wo es keinen Schnee gibt. Dort stellt er fest, dass Schnee wieder als etwas ganz anderes empfunden würde, nämlich beispielsweise als ein Zeichen des Zornes der Götter.

Was also ist Schnee? Es will ihm nicht so recht gelingen, sich aus den erhaltenen Antworten einen Reim zu machen. Mehr, als dass Schnee kalt und weiß ist, hat er nicht erfahren. So kommt er also nicht weiter. Aber vielleicht ist etwas über das Zusammenleben dieser eigenartigen Menschen in Erfahrung zu bringen, damit er wenigstens die Menschen eindeutig zuordnen kann. Denn sie leben in Gruppen und innerhalb dieser Gruppen waren die Aussagen über den Schnee relativ homogen.

Also kehrt er zurück zu den Eskimos und befragt sie über die Regeln ihres Zusammenlebens. Dort erfährt er, dass diese vor ihrem Kontakt mit der europäischen Zivilisation eine besondere Art der Geburtenkontrolle hatten. Sie setzten nämlich einen Teil der weiblichen Neugeborenen aus und gaben sie dem Tod preis.

Weniger Frauen bedeuteten weniger Kinder. Männliche Säuglinge wurden hingegen aufgezogen, weil sie als künftige Jäger für das Überleben des Stammes notwendig waren[1]. Da nun unter den Eskimos Frauenmangel herrschte, war es Sitte, einen Gast nicht nur zum Essen einzuladen, sondern diesem als Zeichen der Gastfreundschaft auch die eigene Frau für die Nacht anzubieten, so man selbst eine hatte.

Dem Außerirdischen erscheint diese Schilderung einleuchtend. Denn je mehr Mäuler zu stopfen waren, umso geringer waren die Überlebenschancen der ganzen Gruppe im langen arktischen Winter. Aber es irritiert ihn, dass die Eskimos heute nicht mehr so leben, dass fast alle Frauen haben und Kinder zeugen. Er fragt nun wieder bei den Vertretern der europäischen Zivilisation nach und stellt fest, dass ein Verhalten, wie das der alten Eskimo-Kultur hier als Verbrechen geahndet würde. Der Eskimo hätte als Kindermörder mit dem Schlimmsten zu rechnen, als Zuhälter wäre er sozial geächtet, ebenso wie seine Frau als Hure. Die Welt ist also auf den Kopf gestellt. Das was dort richtig war, ist hier falsch und umgekehrt. Das, was in der Arktis zum Überleben notwendig war, würde hier Leben zerstören und den Eskimo lebenslang ins Zuchthaus bringen.

Aber auch die abendländischen Wertvorstellungen waren nicht immer so, wie sie derzeit vorzufinden sind. Auch hier wurden früher bestimmte Formen der Säuglingstötung kaum verfolgt, wie etwa das "zufällige" Ersticken, weil sich die Mutter im Schlaf auf ihr Kind gelegt hat.

Früher erfuhren auch Gefangene eine andere Behandlung. So ließ Stephan I. von Ungarn an der Wende des ersten Jahrtausends seinem besiegten politischen Gegner Vazul kochendes Blei in die Ohren gießen, um ihn zum Schweigen zu bringen und das Christentum bei den Ungarn durchzusetzen. An der Wende des zweiten Jahrtausends würde er dafür kaum noch heiliggesprochen. Und ein Hühnerdieb würde heute zu einer Geldstrafe verurteilt werden. Mit Sicherheit würde er nicht auf das Rad geflochten, nachdem man ihm vorher mit einer Eisenstange bei lebendigem Leibe sämtliche Glieder im Leib zerschmettert hätte.

Was also ist richtig und falsch? Unser außerirdischer Freund kann nun auch nicht sagen, was die Welt eigentlich ist und beginnt an sich selbst zu zweifeln. Er kann keine sicheren Anhaltspunkte finden. Alles scheint abhängig zu sein vom Ort und von der Zeit. So zieht er einen Strich unter seine Beobachtungen und schreibt darunter: "Diese Menschen sehen sehr ähnlich aus. Sie interpretieren aber nicht nur ihre Umwelt verschieden, sondern empfinden auch sozial völlig verschieden. Dennoch muss es sich um ein und dieselbe Art handeln. Die Besonderheit dieser Art ist, dass man auf ein und dieselbe Frage nie dieselbe Antwort bekommt. Überhaupt ist Verwirrung die hervorstechendste Eigenschaft dieses Wesens."

Er versucht es also mit anderen Arten, denn - so denkt er bei sich - vielleicht lassen sich dort Hinweise darauf finden, was die Welt ist. Aber auch hier findet er nur verschiedene Interpretationen. So besteht etwa für einen Hund die Welt aus ganz anderen Dingen, vor allem aus mehr Geruch. Ein Goldfisch dagegen sieht wesentlich mehr, weil er auch im Infrarot-Bereich sehen kann. Andere Tiere haben elektrische Organe oder Ultraschalleinrichtungen als Sinne, mit denen sie "Welt" fühlen. Nicht einmal die Zeit ist ein absoluter Wert. Für eine Fliege verstreicht sie viel langsamer als für den Menschen. So langsam, dass ihr normalerweise genügend Zeit bleibt abzufliegen, wenn ein Mensch versucht, sie zu erwischen[2].

Allen gemeinsam ist dabei, dass das, was sie als Welt empfinden, aus einer Kombination ihrer jeweiligen Sinneseindrücke zusammengesetzt ist. Zeit und Raum werden verschieden wahrgenommen und SIND daher auch verschieden. Eine absolute Angabe darüber, was Zeit und Raum sind, ist nicht möglich. Jede Angabe darüber ist abhängig vom jeweiligen Beobachter, von der jeweiligen Art.

Noch deutlicher wird ihm das, als er die "tote Materie" befragt. Auch ein Berg entsteht und vergeht. Auch er ist nicht still. Er wandert, manchmal sogar erhebliche Strecken. Nur die Zeit, die er dafür benötigt, ist eine andere. Berge existieren in einer anderen zeitlichen Dimension.

Als der außerirdische Reporter herausfindet, dass nicht einmal von der Sonne und den Planeten sichere Angaben über das, was "Welt" ist zu bekommen sind, beschließt er, sich auf seine eigenen Sinne zu verlassen und schreibt in sein Tagebuch: "Übereinstimmende Angaben über das, was die Welt ist, sind nicht zu erhalten. Es scheint mir aber so zu sein, dass die Planeten um die Sonne kreisen." Und er schließt seinen langen Bericht mit den Worten: "Man könnte es aber auch anders sehen."

Kehren wir nun wieder unter Unseresgleichen zurück. Paulus sagte, dass die Welt in jedem Kind neu entsteht. Damit wäre der Schlüssel gefunden, woher die Vielfalt der möglichen Interpretationen kommt. Streng von einem Individuum aus gesehen ist alles, was jenseits des Körpers liegt, zunächst eine einzige große Reizquelle. Ähnlich wie bei einem Neugeborenen, das zwar funktionstüchtige Augen hat, aber erst lernen muss, aus der Vielfalt der Lichteindrücke auf seiner Netzhaut Formen herauszulösen. Vorher gibt es für das Neugeborene nur ein einziges undifferenziertes Licht. Für alle anderen Sinne gilt ähnliches. Das Individuum muss erst lernen, wie es die empfangenen Sinneseindrücke zu interpretieren hat.

Das gilt nicht nur für Babies und Kleinkinder. Bei Menschen, die in bilderlosen Kulturen leben, wie beispielsweise bestimmten südamerikanischen Indianerstämmen, wurde beobachtet, dass etwa der Häuptling auf einem Foto seine eigene Frau nicht erkennen kann. Er hat nicht gelernt, dass dreidimensionale Dinge zweidimensional abgebildet werden können und so ist ein Foto für ihn nur eine bunte Fläche. Erst langsam und mit Hilfe von Erklärungen gelingt es seinem Gehirn, diese Fläche zu interpretieren und eine darauf abgebildete Form seiner Frau zuzuordnen.

Wie ist das zu erklären? Ist die Frau abgebildet, oder nicht? Was die Kamera einfängt ist nicht die Frau, sondern Licht, das verschiedene Helligkeiten und Wellenlängen hat. Auf dem Film entsteht bei der Entwicklung etwas, was dem von der Frau reflektierten Licht ähnlich sieht. Aber es weist auch erhebliche Unterschiede auf. Es ist zweidimensional, die Helligkeiten sind anders, die Umgebung wird nur zum Teil in das Bild aufgenommen, es ist starr, während sich die Frau ständig bewegt, und vieles andere mehr. Wenn wir sagen, dass auf dem Foto die Frau zu sehen ist, dann übergehen wir diese Unterschiede und beschränken unsere Wahrnehmung auf die Übereinstimmungen. Damit befinden wir uns im Einklang mit dem Gebrauch unserer Sprache, der uns die Einheit von Objekt und Bild vorgaukelt. Es ist aber durchaus möglich das Bild anders zu interpretieren, zum Beispiel so, wie der Häuptling.

Man kann also nichts erkennen, von dem man nichts weiß!

Das, woran unser Außerirdischer scheiterte, ebenso wie wir selbst oft, ist die Annahme, dass "Welt" etwas Objektivierbares sei. Tatsächlich hat sich gezeigt, dass es eine Fülle von möglichen Interpretationen gibt.

Es gilt erstens, dass das was außen ist, immer nur durch schmale Fenster zugänglich ist, die man bei lebenden Systemen Sinne nennt. Für Sehen, Hören, Reichen, Fühlen, Schmecken haben wir Empfänger, die uns von der Natur vorgegeben sind. Alles, was einen durch diese Empfänger erreicht, wird zu einem Bild zusammengesetzt. Das geschieht zunächst auf der Ebene der genetischen Voraussetzungen. Mit Hilfe der Sprache der Physik können wir alle diese Dinge auf Frequenzen reduzieren. Wir empfangen also mit unseren Sinnen unterschiedliche Frequenzen und setzen Farbe, Form, Oberfläche, Geruch beispielsweise zu "Holztisch" zusammen.

Dabei haben wir, zweitens, noch andere Programme abgerufen, die nicht durch die Biologie vorgegeben sind. Etwa das Wissen, was ein Tisch, oder was Holz ist. Dieser Teil wird durch die kulturelle Evolution bestimmt. Denn nur innerhalb einer bestimmten Kultur, in der es Tische und Holz gibt, kann ein Begriff wie "Holztisch" gedacht werden.

Nun gibt es aber noch einen dritten Bereich, der durch die individuellen Erfahrungen bestimmt wird. Beispielsweise können einem Holztische gefallen oder nicht.

Für das Individuum, in dem dieser Prozess des Erkennens in Bruchteilen von Sekunden abläuft, ist das Ergebnis aber unteilbar. Es ist, als ob alle drei Bereiche auf einen Haufen geworfen werden würden. Ein individuelles "Interpretationsmenü" entsteht. Dem einen gefällt der Holztisch, dem anderen nicht.

Nun kann man durchaus über Holztische und andere Dinge sprechen. Das geschieht im Vertrauen darauf, dass der Gesprächspartner dieselben "Frequenz-Fenster" benutzt, und darauf, dass die eindringenden Reize auch gleich interpretiert werden. Streit entsteht regelmäßig dann, wenn dieses Vertrauen enttäuscht wird.

4) Der Streit um die Wirklichkeit

Wie das Beispiel mit dem Außerirdischen gezeigt hat, sind die Frequenz-Fenster der einzelnen Arten verschieden. Entweder sie sind einfach nur verschoben, oder es existieren - wie im Falle von magnetischen oder elektrischen Organen - Fenster, die anderen Lebewesen, beispielsweise dem Menschen, nicht zur Verfügung stehen. Das, was sich im Gehirn anderer Lebewesen zu "Welt" zusammensetzt, muss sich teilweise erheblich von dem unterscheiden, was der Mensch darunter versteht.

Es handelt sich um uns völlig fremde Sinnes-Welten. Kann irgendeine dieser Sinnes-Welten ein Abbild dessen sein, was außerhalb eines bestimmten Individuums liegt? Mit Sicherheit nicht, denn alle Arten schneiden nur bestimmte Teile aus der Wirklichkeit heraus und setzen sie dann zu ihrem "Weltbild" zusammen. Allein schon die Tatsache, dass es Tiere gibt, die über Organe verfügen, die dem Menschen nicht zur Verfügung stehen, mit denen sie aber dennoch sinnvoll arbeiten können, ist Beweis genug, dass auch der Mensch nicht in der Lage sein kann, die Welt als Ganzes abzubilden.

Auch wir machen uns, wie alle anderen, nur ein Bild ÜBER die Welt. Wir besitzen aber kein Bild VON der Welt.

Das ist auch gar nicht notwendig, denn es geht ja nur darum, sich in der Welt bewegen zu können, möglichst ohne schweren Schaden davonzutragen. Es wäre wenig sinnvoll, die Welt als Ganzes zu empfangen. Man müsste sie dann auch interpretieren, was einen unökonomisch hohen Aufwand verlangen würde.

Die Natur geht immer einen Mittelweg zwischen einem Minimum an Aufwand und einem Maximum an Effizienz. Dieser Mittelweg ist nun nicht als Strich zu verstehen, sondern als mehr oder weniger breites Band, innerhalb dessen sich die schon erwähnten Interpretationsmöglichkeiten der Art, der Kultur oder des Individuums etablieren.

In Begriffen der Biologie heißt das allgemein, dass Nischen besetzt werden. Das Besetzen jeder einzelnen dieser Nischen ist mit einer bestimmten Wahrnehmungswelt untrennbar verbunden. Ein Hase nimmt die Welt anders wahr, als ein Habicht. Nimmt der eine den Kohl wahr, so der andere die Maus zwischen dem Kohl.

Wahrnehmen heißt "für wahr nehmen". Das Überleben sowohl des Hasen, als auch des Habichts ist davon abhängig, dass sie die Welt, so wie sie sie wahrnehmen auch für wahr halten. Als Gedankenexperiment kann man versuchen sich vorzustellen, was geschähe, wenn die beiden ihre Wahrnehmungswelten gegeneinander austauschten. Der Hase würde sich auf Mäuse stürzen und der Habicht auf knackigen Kohl. In beiden Fällen wäre wohl eine ausgewachsene Diarrhö die Folge. Im Wiederholungsfall würden beide verhungern.

Es ist also für lebende Arten von entscheidender Bedeutung ihre jeweils eigene Wahrnehmung auch für die einzig mögliche zu halten - für die wahre Welt. Könnten beide daher miteinander darüber diskutieren, was die Welt ist, so würde mit Sicherheit ein furchtbarer Streit über diese wahre Welt ausbrechen. Jeder vertraut darauf, ja muss darauf vertrauen, dass seine eigene Wahrnehmungswelt mit der Welt identisch ist.

Auf dieser Ausdifferenzierung der Wahrnehmungswelten und der sich daraus ergebenden Vielfalt der Modelle beruht die Evolution.

Innerhalb der Arten gilt dasselbe für die Individuen. Auch sie besitzen eine bestimmte Bandbreite von Interpretationsmöglichkeiten, um eine persönliche Nische finden zu können, in der sie überleben können. Durch Veranlagung und Lernen legt das Individuum sein persönliches Interpretationsmenü fest. Deshalb besitzt auch jedes Individuum ein eigenes Weltbild, das sich von den Weltbildern anderer leicht unterscheidet. Das äußert sich beispielsweise im verschiedenen Charakter einzelner Individuen.

Die Variationsbreite der individuellen Weltbilder ist möglicherweise beim Menschen mit seinem ausgeprägten Bewusstsein am größten[3]. Zur individuellen Lernfähigkeit kommt bei ihm die Möglichkeit, in einem Gespräch indirekt von den Erfahrungen eines anderen zu lernen. Aber der Mensch hat auch diesen Bereich erweitert. Er hat sich Kommunikationsmittel geschaffen, die ihn vom persönlichen Kontakt unabhängig machen und eine Brücke über den Raum und sogar die Zeit schaffen können.

Besteht für ein Pantoffeltierchen die Sinnes-Welt nur aus Signalen, die auf Futter oder Nicht-Futter hinweisen, so ist die Sinnes-Welt der Säugetiere um etliche Potenzen differenzierter. Für den Einzeller existiert jenseits seiner vergleichsweise kleinen Sinnes-Welt nichts. Darüber hinaus weiß er von nichts, kann es nicht empfangen, also auch nichts individuell darüber lernen. Die Sinnes-Welt der Säugetiere ist viel komplexer. Aber auch sie können nicht wissen, was jenseits ihrer Rezeptoren liegt. Innerhalb der Säugetiere hat der Mensch seine Möglichkeiten durch technische Hilfsmittel gesteigert. Er kann mit technischen Hilfsmitteln auch in Sinnes-Welten vordringen, die ihm beispielsweise von seiner Physiologie her verschlossen sind. Er verschafft sich damit extrakorporale Sinne, also so etwas wie einige zusätzliche Fenster. Was jenseits dieser erweiterten Sinnes-Welt liegt, kann auch er nicht wissen.

Was aber bedeutet das für sein Weltbild? Was hält er für wahr?

Zunächst wird er das, was er wahrnimmt, für wahr halten. Dabei ergeben sich schon erhebliche Unterschiede, wie zwischen Eskimos und Mitteleuropäern zu sehen war. Die ihm durch die Geschichte seiner Kultur vorgegebenen Regeln wird er auch für wahr halten. Schließlich wird er auch das, was er persönlich gelernt hat, für wahr halten und das daraus entstandene Weltbild verteidigen. Freie Bauern und Städter etwa sind sich immer schon mit einiger Skepsis gegenübergestanden. Die einen waren Herren auf ihrem Grund und Boden, die anderen über den Handel. Beides verlangt eine andere Vorstellungswelt, was zu Differenzen und Missverständnissen führt. Das Gelächter der einen über die jeweils anderen ist ein Indiz dafür. Auf der anderen Seite könnten beide ihre Aufgabe nicht erfüllen, wären sie nicht von der Richtigkeit ihrer Vorstellungswelt überzeugt.

Solcherart verschiedene Weltbilder existieren nicht nur zwischen sozialen Gruppen, sondern auch zwischen Individuen. Bei jedem einzelnen Menschen triumphiert die Wahrnehmung über das, was außen liegt und die "objektive Welt" sein könnte.

Wahr ist auch für ihn nur das, was er selbst wahrnimmt.

Das führt zu Konflikten. Aber anders als beim Hasen und dem Habicht kann der Mensch über diese Welt diskutieren. Diese "Diskussion" kann sehr unterschiedliche Formen annehmen und im Namen der Wahrheit zu Beschädigungskämpfen und Vernichtungskriegen führen. So setzte beispielsweise Newton sein ganzes wissenschaftliches Renommee‚ ein, um nicht nur die Theorien seines Zeitgenossen Leibniz zu zerstören, sondern um ihn auch psychisch und physisch zu vernichten. Als Leibniz starb, war Newton außer sich vor Freude[4]. Weitere Beispiele sind Kriege, die nicht um eines wirtschaftlichen Vorteils, sondern lediglich aus weltanschaulichen Gründen geführt wurden.

Wahrheit, oder besser das, was wir dafür halten, entspringt immer der Wahrnehmung. Und diese ist begrenzt. Also kann auch "Wahrheit" immer nur eine relative Gültigkeit für sich in Anspruch nehmen. "Wahrheit" ist also immer ein Irrtum.

Wie die Beispiele zeigten, ist aber eine gewisse Überheblichkeit, was die eigene Wahrheit betrifft, gegenüber anderen Arten oder anderen Individuen notwendig. Würde sich der Habicht sich selbst nicht für "wahrer" halten, als die Maus, seine eigene Wahrheit also über die der Maus stellen, so müsste er verhungern. Denn dann müsste er sein Leben gleichrangig neben das dieser Maus stellen und könnte ihr kein Leid antun. Der Gedanke mag seltsam anmuten, aber wenn man andere Wahrnehmungswelten gleichrangig nebeneinanderstellen würde, wäre auch für uns Menschen Leben nicht möglich. Nicht nur, dass es nicht mehr möglich wäre, tierisches Eiweiß zu konsumieren, man müsste dann ja auch konsequenterweise mit den Pflanzen mitfühlen und könnte auch kein Gemüse mehr vernichten, indem man es isst.

Paradoxerweise ist die babylonische Sprachverwirrung zwischen den Arten lebenserhaltend.

Ein Zuwenig an Überheblichkeit wäre in keiner Weise lebensfähig. Die Überheblichkeit kann aber über das Ziel hinausschießen. Dann wird sie zur Dummheit und richtet sich gegen den Urheber selbst.

5) Irrtum und Dummheit

Es sind Fälle bekannt, in denen sich Pavianmänner selbst geopfert haben, um einen Leoparden von der Gruppe abzuhalten. Es gibt kleine Fische, die Lummen, die sich selbst zu tausenden an den Strand spülen lassen, um zu laichen. Dann sterben sie. Verhalten sie sich dumm?

Aus der Sicht des Individuums möglicherweise. Zumindest der Pavianmann könnte sich selbst ohne weiteres in Sicherheit bringen um zu überleben. Warum tut er es aber nicht? Eine kurze Antwort darauf ist: weil er die Erhaltung seiner Nachkommenschaft und damit seiner Gene mit dieser Tat sichert. Täte er es nicht, so würde der Leopard seine Nachkommen töten. Indem der Pavian sich selbst opfert, sichert er das Leben seiner Kinder. So dumm ist sein Verhalten also nicht.

Was aber ist Dummheit?

Wie schon erwähnt, hat Dummheit etwas damit zu tun, dass der Urheber sich selbst schädigt. Das kann nun bereits auf der biologischen Ebene geschehen, etwa wenn ein Tier einen Teil seiner Wahrnehmung über alles andere setzt. So geschehen beim eiszeitlichen Riesenhirsch. Aus irgendeinem Grund wurde sein Geweih immer größer, bis es eine Spannweite von weit über drei Metern hatte. Möglicherweise lag der Selektionsvorteil eines derartig gewaltigen Geweihs in der sexuellen Anziehung auf die Weibchen. Dann paarten sich die Weibchen vornehmlich mit derartig kapitalen Gesellen und sorgten so über die Generationen und zur Freude der kommenden Generationen von Hirschkühen für ein immer weiteres Anwachsen des Geweihs. Schließlich war der Stirnschmuck des armen Tieres aber so groß, dass es bewegungsunfähig wurde, sich vielleicht auch zu häufig im Gesträuch verfing und schließlich ausstarb. Die ganze Attraktivität nutzte nun nichts mehr und die hypertrophe Ausbildung führte zum Untergang der ganzen Art.

Ein entgegen gesetztes Beispiel aus der Geschichte der Evolution ist das des Birkenspinners, eines kleinen - ursprünglich weißen - Falters. Er lebte zur Zeit der industriellen Revolution in England in den Birkenwäldern der aufstrebenden englischen Industriereviere. Seine weiße Farbe tarnte ihn perfekt, denn er war kaum von der Rinde der Bäume zu unterscheiden. Als nun die Schlote der Fabriken immer mehr Ruß ausstießen, wurde die weiße Rinde grau. Und siehe da, von nun an gab es plötzlich graue Birkenspinner. Der Grund für diese Erscheinung ist, dass es natürlich immer schon einen gewissen Prozentsatz grauer Individuen gegeben hat. Sie wurden aber von Vögeln gefressen, weil sie sich nicht tarnen konnten. Als die Birken grau wurden drehte sich das Verhältnis um, und nun wurden die weißen gefressen.

Der Unterschied zur Entwicklung des Riesenhirsches ist leicht zu erkennen: im einen Fall geht die Art unter, im anderen nicht. Bezogen auf die Erhaltung der Art war der Hirsch einfach dümmer als der Falter. In der Überheblichkeit ihrer Wahrnehmung vergaß die Art, dass Geweihe nicht nur reizvoll, sondern auch schwer und unhandlich sind. Für die Natur als Gesamtzusammenhang ist der Irrtum nur ein kleiner Fehler, der durch das Sterben der Art korrigiert wird.

Auf der Ebene der Individuen verhält es sich ebenso. Eine Maus, die vor lauter Futtergier übersieht, dass ein Habicht anfliegt, wird bald kein Futter mehr brauchen. Oder nehmen wir den hypothetischen Affen, der meint, dass er bei seiner Reise von Ast zu Ast schneller weiter kommt, wenn er nicht gleich den nächsten Ast ergreift, sondern daran vorbei springt. Es ist egal, ob es sich in diesen Fällen um Unachtsamkeiten oder Irrsinn handelt. Der Fehler wird sich nicht fortsetzen.

Dieser Fehler besteht regelmäßig darin, dass ein zu enges Bezugssystem für wahr genommen wird. Also beim Hirsch die Sexualität, bei der Maus das Futter und beim Affen die Geschwindigkeit.

Darin besteht der Unterschied zur Selbstaufopferung der Lummen, oder des Pavianmannes. Würden sich die Lummen anders verhalten, so könnten sie sich nicht fortpflanzen. Und würde der Pavian fliehen, so würde zwar nicht er selbst für diesen Fehler bezahlen, aber seine Nachkommen und seine Fortpflanzung wäre umsonst gewesen. Seine Dummheit wäre an der Zerstörung seiner Nachkommenschaft zu erkennen. Sein eigenes Leben über das seiner Kinder zu setzen wäre ein Irrtum gewesen. Damit hätte er seine Entscheidung von sich selbst als Bezugssystem abhängig gemacht und nicht vom weiter gefassten Bezugssystem "Familie".

Da auch der Mensch ein Gefangener seiner Sinnes-Welt ist, kann er keine Ausnahme sein. Ersparen wir uns an dieser Stelle Spekulationen über mögliche biologische Ursachen des künftigen Untergangs des homo sapiens. Auch auf den verschiedenen Ebenen seines Verhaltens sind die Gesetze von Wahrnehmung und Überheblichkeit, Irrtum und Dummheit aufzuspüren.

So war etwa der große Irrtum des Kolonialismus des 19. Jahrhunderts der Glaube an die Überlegenheit einer Rasse oder Nation. Dabei wurde die eigene technische Überlegenheit mit genetischer Überlegenheit verwechselt. Aufgrund des Zwanges, die eigene Wahrnehmungswelt für die Welt zu halten, war ein solcher Irrtum kaum vermeidbar. Das Ergebnis waren Kolonialkriege, die andere Kulturen zerstörten.

Nicht immer war der Glaube an die eigene Überlegenheit derart deutlich zu erkennen. Aber er wird auch bei kleineren Unternehmungen sichtbar. Von der Expedition von John Franklin etwa, der 1845 mit seinen 129 Mann auf die Suche nach der arktischen Nordwest-Passage ging, kam niemand zurück. Auch Robert Falcon Scott fand 1912 auf seiner berühmten Expedition zum Südpol sein Ende in den Eiswüsten. Franklin und Scott scheiterten, weil sie auf die Überlegenheit ihrer Kultur vertrauten und übersahen, dass das Überleben in Polgebieten andere Strategien verlangt als in gemäßigten Zonen. Beide hätten überleben können, wenn sie in der Lage gewesen wären, auf ihre kulturelle Überheblichkeit zu verzichten und von der Wahrnehmungswelt der eingeborenen Bevölkerung zu lernen. Ein Mann der das konnte, fand 1905 die Nordwest-Passage und erreichte 1912, kurz vor Scott, den Südpol. Es war Roald Amundsen, der wie ein Eskimo zu leben wusste und bewusst auf technischen Aufwand verzichtete. Vor allem aber: er überlebte beide Expeditionen.

Scott war wohl ein unangenehmer Bursche. Franklin aber war ein Mann, dem man nicht so ohne weiteres Überheblichkeit vorwerfen kann. Die Nachricht, dass er die Expedition führen würde, rief Begeisterung bei der Mannschaft hervor, denn er stand in dem Ruf, sich über die Arroganz der zeitgenössischen Offizierskaste hinwegzusetzen und auch einfache Matrosen wie Menschen zu behandeln. Dennoch scheiterte auch er, weil er sich nicht auf das Wissen der Eskimos verließ sondern auf die damals neumodischen Konserven. In ihren Nähten war Blei enthalten, und so starben er und seine Leute an Bleivergiftung.

Der gesamte Kolonialismus konnte sich nicht halten. Politisch, weil in einem zu engen Bezugssystem beispielsweise übersehen wurde, dass andere Völker andere Dinge für wahr nehmen, die sie zu verteidigen bereit sind, wie das in Indien unter der Führung von Gandhi geschah. Und wirtschaftlich, weil übersehen wurde, dass ein auf einseitigen Nutzen ausgerichtetes System über kurz oder lang immer den erfolgreichen Widerstand des Ausgebeuteten hervorrufen wird, wie heute zunehmend am Nord-Süd-Konflikt zu sehen ist.

Die Ursache für diese Art von Schwierigkeiten ist regelmäßig, dass die eigenen Grenzen übersehen werden. Dummheit ist deshalb auch als eine Form der Blindheit zu bezeichnen. Der Irrtum kann auf der Ebene der Biologie, der Kultur oder der des Individuums liegen. Zur Dummheit wächst er sich dann aus, wenn er fixiert wird und die Möglichkeit verliert, korrigiert zu werden. Dann zieht die Dummheit die Destruktion hinter sich her, wie die Dämmerung die Nacht.

6) Der Alptraum der Zerstörung

Nun ist diese Dummheit oft nicht rechtzeitig zu erkennen. Hinterher wird sie aber immer sichtbar an ihrer Spur der Zerstörung, die sie am Individuum, an der Familie, an der Art und ihren Lebensgrundlagen hinterlässt. Um sie aufzuspüren, muss nur dieser Spur nachgegangen werden.

An ihrem Anfang wird man stets die Dummheit finden.

Eine sehr deutliche Spur ist der alltägliche Irrsinn, den der Mensch selbst produziert, oft gegen besseres Wissen.

Nehmen wir die Politik als Beispiel. Ihre Aufgabe wäre es, für das Wohl der Allgemeinheit zu sorgen, also die jeweils schlimmsten Missstände zu beseitigen. Das Problem dabei ist, dass demokratisch gewählte Politiker von Wählerstimmen und - zumal reine Berufspolitiker - vom Geld abhängig sind. Das ist die Stelle, an der das System kippen und pervertieren kann. Mit mehr Straßen als Ausdruck des Wohlstandes ließen sich einmal Wählerstimmen gewinnen, später galt dasselbe für die gewaltigen Überkapazitäten an Energieerzeugung. "Fortschritt" und technologische Potenz ließ sich nicht an Windmühlen oder Kleinkraftwerken vorzeigen. Daher mussten wahre Kathedralen dieses "Fortschritts" aufgestellt werden, die Kernkraftwerke. In beiden Fällen entstanden Machtpotentiale in der Industrie. Als sich der Widerstand der Bürger zu regen begann, war die Politik vor die Entscheidung gestellt, wen es zu befriedigen galt. Sie entschied sich zunächst für die zahlungskräftige Industrie.

Was sollte ursprünglich erreicht werden? Ein besseres und angenehmeres Leben für alle, mit guten Bedingungen für die Mobilität und leichtem Zugriff auf billige Energie. Tatsächlich wurde die Landschaft mit Asphalt und Beton versiegelt und schließlich so unansehnlich, dass der Grund für den Wunsch, in diese Landschaft zu fahren, häufig wegfiel. Die angeblich so billige Kernenergie ist bei Einbeziehung der sozialen Nebenkosten auch jetzt schon unsagbar teuer. Ihre abgebrannten Brennstäbe werden noch für die nächsten paar Millionen Jahre ein Problem bleiben.

Die Dummheit besteht hier nicht im Sinne von Schwachsinn, sondern im Mangel an Einsicht in größere Zusammenhänge. Politiker haben - mit wenigen Ausnahmen - eine wahlgebundene Intelligenz mit einer mittleren Reichweite von vier Jahren. Der Mut eines Pavians wäre dem einen oder anderen zum Wohl der Allgemeinheit zu wünschen.

Dasselbe gilt für die Volkswirtschaft und ihre Liturgie des Bruttosozialproduktes. Je höher dieses Bruttosozialprodukt ist, umso höher wird die Produktivität eines Staates eingeschätzt. Es kennt daher kein Minus-Zeichen. Alles wird positiv bewertet, selbst verfaulte Äpfel oder Kriegsmunition, Hauptsache es verursacht Kosten. Munition eignet sich daher besonders gut, weil nicht nur Herstellungs- und Lagerkosten entstehen, sondern im Falle des Gebrauchs auch erhebliche Kosten im Gesundheitsbereich. Es ist ein offenes Geheimnis, dass es den USA mit Hilfe des Zweiten Weltkrieges, des Korea- und Vietnam-Krieges gelang, die wirtschaftlichen Folgen der "big depression" endlich zu beseitigen.

Eine starre Idee, die fixe Vorstellung von der allgemeinen Gültigkeit des Bruttosozialproduktes, wird als einzig wahrer Wert angenommen, sodass andere mögliche Regelkreise gar nicht gesehen werden. Der Glaubenssatz "hohes Bruttosozialprodukt = Wohlstand" hat nahezu absolute Gültigkeit.

Trotz besseren Wissens bleiben deshalb häufig die notwendigen Konsequenzen aus. Folgekosten, die ein negatives Vorzeichen erhalten müssten, weil sie auf lange Sicht die Basis des derzeitigen Wohlstandes abtragen, gehen nicht in die Rechnung ein. Die Spur dieser Dummheit ist nicht nur an den Kriegen, sondern auch an den abgeholzten und sterbenden Wäldern, an der Luftverschmutzung, den Bergen von giftigem Müll und den vielen anderen "Unausweichlichkeiten des Fortschritts" zu erkennen.

Erreicht werden sollte Wohlstand und Vielfalt. Die Lehre vom Bruttosozialprodukt erzwingt aber die ständige Produktion von möglichst schnell verderblichem Müll. Auf längere Sicht wird tatsächlich Verarmung erreicht und die Vielfalt besteht nur im unterschiedlichen Abfall.

Jedenfalls scheint sich diese Hypothese durch die politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen seit 2008 zu bestätigen!

Selbstverständlich ist es sehr einfach, "die Politiker" oder "die Wirtschaft" anzuklagen, wenn es darum geht, Missstände anzuprangern. Macht und Einfluss über Politik und Wirtschaft zu besitzen ist aber gar nicht notwendig, um eine eigene, ganz persönliche Spur der Zerstörung zu hinterlassen. Es genügt, nicht über den eigenen Bereich hinauszudenken.

Der Autofahrer, der schneller fährt als notwendig, jagt beispielsweise unnötig Sprit durch den Vergaser, der unwiederbringlich als Energiequelle zerstört ist. Warum tut er das? Die schmeichelhafteste Antwort für ihn ist, dass er sich dazu von der Lust an der Geschwindigkeit verleiten lässt. Der Reiz der höheren Geschwindigkeit wird aber bald verfliegen. Dann wird er aber nicht befriedigt sein und wieder langsamer fahren, sondern er wird noch stärker auf das Gaspedal treten, um den Reiz zu wiederholen. Dabei wird er zur Gefahr für sich selbst, aber auch für seine Umwelt.

Ein anderer arbeitet, um später ein besseres Leben zu haben. Während er arbeitet, verdient er immer mehr, sein Lebensstandard steigt und damit auch seine Vorstellung vom späteren besseren Leben. Um dieses neue Ziel zu erreichen, wird er noch mehr arbeiten, anstatt endlich die Pause zu machen, für die er sich abgerackert hat. Er wird schließlich soviel arbeiten, dass er keine Nerven mehr für seine Familie hat, die sich nun zunehmend von ihm entfremdet. Das führt zu noch erbitterterer Arbeitswut. Er wird zum Sklaven seiner Arbeit und seines Lebensstandards. Am Ende steht nicht ein besseres Leben, sondern der Herzinfarkt.

Dabei handelt es sich nicht um das absurde Vorgehen eines verwirrten Einzelnen, sondern um ein Grundverhalten in modernen Industriegesellschaften. Im Namen von Freiheit und Individualität wird nicht nur produziert und konsumiert, sondern auch Schmutz und Müll angesammelt. Vielleicht fällt der Groschen, wenn den eigenen Kindern die Haare ausfallen.

Dummheit entsteht durch das Nicht-Benutzen des bewussten und reflektierenden Geistes. Das wäre die Arbeit des Großhirns. Wird es nicht bewusst eingesetzt, so arbeitet das Stammhirn allein weiter. Es gelten dann die entsprechenden Gesetze der Selektion, die den Irrtum mit dem Untergang bestrafen. Wird eine Fehlentscheidung getroffen, wird die folgende Situation schwieriger. Wird darauf wiederum ohne bewusste Reflektion reagiert, so beschleunigt sich der Wechsel zwischen Situation und Reaktion, der nun sein Opfer von Mal zu Mal härter auf den Abgrund zupeitscht.

Das Christentum hat dafür das Bild der Hölle entwickelt. Aber die Hölle kommt nicht erst nach dem Tod, sondern sie ist schon von dieser Welt und im Menschen selbst. Er brät sich selbst am höllischen Spieß. Der Weg dorthin ist gepflastert mit den Steinen des Eilens, des Nicht-zu-Ende-Denkens und der Gier. Das ist keine Erfindung unserer Zeit. Bereits das Mittelalter stellte diese Elemente der Finsternis an romanischen und gotischen Kirchenportalen drastisch dar.

Was ist das nur für ein Alptraum, in den wir da hineingeraten sind? Es scheint so, als wäre der Mensch ein Verdammter, der immer das Gegenteil von dem erreicht, was er will, einer der seine eigene Art nicht erhalten kann. Ein durch teuflische Absicht in diese Welt Geworfener, der ganz woanders hingehörte und hier das hilflose Opfer eines geheimnisvollen Todestriebes ist.

7) Das Ziel des Denkens

Die spontane und auf die Leiden des Individuums ausgerichtete Frage, warum die Welt so ist, wie sie ist, ersetzte Kant durch eine andere, die auf den Spielraum menschlicher Handlungen zielt: "Was sollen wir tun?" Der Rat vieler Religionen, darunter das Christentum, ist: Innehalten, um Zeit zum Reflektieren zu gewinnen. "Der Sinn des Denkens ist ein glückliches Leben", sagte der maurische Denker Al Gazzali (1059 - 1111).

In der griechischen Mythologie findet sich die Geschichte von Prometheus, der den Menschen das Feuer und das Licht der Vernunft brachte. Aus Zorn darüber schickte Zeus den Menschen Pandora, "die alles schenkt". Sie war der Inbegriff aller Dinge, die sich ein Mensch nur wünschen kann, alles das, was erstrebenswert scheint. Unter ihrem Arm aber trug dieses Geschöpf göttlicher Rache eine Büchse, die verschlossen war. Prometheus, der" Vorausdenker", warnte vor dem Öffnen der Büchse. Sein Bruder Epimetheus aber, der "Hinterherdenker", öffnete die Büchse und erschrak, als er mit ansehen musste, wie alle Übel der Welt daraus hervorquollen.

Diese Übel sind aber nicht das Werk einer inversen Gottheit, wie des zornigen Zeus, oder des Teufels. Der Volksmund hat recht, wenn er sagt, dass es der kurze Verstand ist, den man am langen Gesicht erkennen kann. Es ist der Schlaf der Vernunft, der die Ungeheuer gebiert.

Epimetheus ging den einfachen Weg. Er suchte die schnelle Befriedigung und verursachte das Chaos. Prometheus dachte voraus und hätte so das Unheil verhindern können. Diese mythologische Geschichte verbildlicht den Zweck des Denkens: Vorausdenken mit dem Ziel, die Selbstzerstörung zu vermeiden. Das gilt für das Individuum ebenso wie für die ganze Art und ihre Lebensgrundlagen.

Denken ist das Abtasten des Raumes der Möglichkeiten mit Hilfe des Geistes. Das Tasten nach dem einfach Machbaren greift dabei zu kurz. Denn das, was jetzt machbar ist, kann später zur Zerstörung führen. Zum Abtasten gehört daher auch das Einbeziehen der bestehenden oder sich künftig möglicherweise ergebenden Beschränkungen. Denken, das diesen Namen verdient, findet begehbare Wege, die zwischen den Hindernissen hindurch und am Abgrund der Selbstzerstörung vorbeiführen.

Dabei stehen dem Geist nur die beschränkten Sinne als Fühler zur Verfügung, die in diesen Raum hineinragen. So tastet sich das Individuum durch das Leben. Berühren diese Fühler "etwas", kommt Kommunikation zustande. Deren Ziel ist es, das Individuum heil an diesem Hindernis vorbeizuführen, oder aber mit diesem "etwas" ein Bündnis einzugehen. Bündnisse werden geschlossen, um die Wahrscheinlichkeit der eigenen Unversehrtheit zu erhöhen.

Sollte ein Individuum dieses aktive Tasten einstellen, erlöschen seine Fähigkeiten, konstruktiv mit der Umwelt in Kontakt zu treten. Es kommt zum Stillstand und wird seine Kraft auf die Verteidigung seiner Position verschwenden. In anderen Worten: es entwickelt eine fixe Idee und hält daran fest, bis es untergeht.

Das Tasten durch den Raum der Möglichkeiten ist aber keine Erfindung der menschlichen Intelligenz. Schon die kleinsten Teilchen der Materie folgten am Beginn des Universums diesem Muster. Nur war das Bild, das sie sich über die Welt machten, sehr viel einfacher. Ihr Möglichkeitsraum bestand auch nur aus zwei Alternativen. Vereinigten sie sich mit Antimaterie, so begingen sie - aus unserer Sicht - einen "Irrtum" und zerstrahlten. Gingen sie jedoch die "richtigen" Bündnisse ein, wurde der Raum ihrer Möglichkeiten größer. Sie bildeten immer größere Bündnisse, aus denen schließlich die ersten Atome hervorgingen.

Die meisten dieser Atome waren radioaktiv und zerstrahlten bald. Einige waren langlebiger und tasteten weiter. Die Strukturen wurden immer komplexer und damit immer langlebiger. Aber auch der Raum ihrer Möglichkeiten zum Eingehen von Bündnissen wurde immer größer. Bei Fortschreiten dieses Prozesses entwickelten sich deshalb immer mehr verschiedene Arten von Bündnissen. Jede dieser Formen fand ihre Ecke, in der sie bestehen und weitere Bündnisse eingehen konnte.

So entstand das Leben. Und das Leben fand wiederum die verschiedensten Möglichkeiten, Bündnisse einzugehen und bildete die verschiedenen Lebensformen aus. Jede dieser Formen ist mit Sinnen ausgestattet, ihren Fenstern zur Welt. Schon indem diese Sinne bestimmte Teile der Welt benutzen und andere nicht, konstruieren sie eine Wirklichkeit. Aber es wurde auch ein Organ entwickelt, das Gehirn, das die Sinneseindrücke weiter verarbeitete und damit weitere Konstruktionen schuf. Der Raum der Möglichkeiten wurde für die Arten, die das Gehirn weiterentwickelten, immer größer. Die jüngste Entwicklung in diesem Prozess ist das Bewusstsein.

Die Bilder von der Welt wurden im Verlauf dieser Entwicklung ebenfalls immer komplexer. Für das Urteilchen gab es nur die Alternative zwischen Sein und Nicht-Sein. Dafür genügte ein zweidimensionales Bild von der Welt. Je größer die Freiheitsgrade wurden, umso mehr Faktoren musste dieses Weltbild miteinbeziehen können, umso komplexer wurde es. Der Weg von der Vielfalt der Materie, über die Vielfalt des Lebens, hin zur Vielfalt im Garten der geistigen Entwürfe verlief konsequent.[5]

Das Ziel aber blieb bestehen: die Selbsterhaltung. Von einem diesbezüglichen Trieb kann man wohl erst bei Lebewesen sprechen. Aber schon das Urteilchen, das es vorzog zu zerstrahlen, gehört nicht zu den Teilchen, aus denen das Leben besteht. Hätten sich damals alle so entschieden, gäbe es auch den Menschen nicht. Über die vielen Zwischenstufen ist Selbsterhaltungstrieb also das Erbe jener Urteilchen, die sich für das Weiterexistieren entschieden haben. Die Hilfsmittel dazu wurden immer raffinierter. Sie führten zur Bildung langlebiger Moleküle und zur Entstehung des Lebens. Auch die geschlechtliche Vermehrung und die sich daraus ergebende Fähigkeit, auf veränderte Umstände elastisch zu reagieren, dient der Erhaltung des Lebens selbst.

Auch für alles, was das Leben hervorbrachte, gilt dieser Grundsatz, für alle Arten und alle Individuen. Einer der vorläufigen Endpunkte dieser Entwicklung ist das reflektierende menschliche Bewusstsein. Es interpretiert die Eindrücke der Sinne und schafft geistige Konstruktionen, die der Erhaltung des Individuums und der Art dienen. Ursache und Antrieb des Denkens ist daher ein funktionierender Selbsterhaltungstrieb. Wie auch auf allen anderen Stufen gilt dabei, dass ein defekter Selbsterhaltungstrieb zur Selbstzerstörung führt. Das ist der tiefere Grund, warum Nicht-Denken in Destruktion endet.

Aufgrund der Unvollkommenheit der Sinne ist es prinzipiell unmöglich, als Teil der Welt endgültige Aussagen über sie zu machen[6]. Sie ist der Raum aller Möglichkeiten und damit auch die Summe ihrer Realisationen in Materie, Sinnen und Geist. Die Welt ist ein Prozess.

Sprechen kann der Mensch nur über seine Bilder von der Welt, über die Konstruktionen seines Geistes, über seine selbstgeschaffenen geistigen Werkzeuge, die ihm helfen sollen, die Welt zu erklären. "Ich weiß, dass ich nichts weiß", sagte Sokrates und meinte damit, dass es ihm nicht möglich sei, endgültige Aussagen über die Welt zu machen. Wie kaum ein zweiter wusste er über das Wesen von menschlichen Konstruktionen bescheid und um die Schwierigkeit, zwischen Konstruktion und Wahrheit zu unterscheiden.

Ziel dieser Konstruktionen ist es, das Überleben möglichst zu sichern. Das gilt für individuelle Konstruktionen ebenso wie für kollektive Konstruktionen. Den allgemeinsten Ausdruck finden diese kollektiven Konstruktionen des Menschen in seinen Kulturen. Sie folgen einer gewissen Grundstrategie, die durch den Ort, an dem die jeweilige Kultur gilt, festgelegt ist. Das ständige Suchen der Individuen nach einem Weg verändert die Umwelt durch besondere Formen des Zusammenlebens und durch die Technik. Dadurch werden die Voraussetzungen für das Denken ständig verändert und die Grundstrategien einer Kultur variiert.

Die Geistesgeschichte einer Kultur ist deshalb die Geschichte der Lösungen, die sie im Verlauf der Epochen gefunden hat!

Sie ist auch die Geschichte der Probleme, die sie dabei neu aufgeworfen hat, um sie nachher wiederum zu überdenken. Dieser Prozess wird nachvollziehbar an allem, was in der Kultur und ihren Epochen hervorgebracht worden ist, seien es nun die Gesetze als ihre spezifischen Regeln für das Zusammenleben, ihre Religion, ihr Bild von der Natur oder ihre Kunst. Es entstand dabei durch die Zeit eine unverwechselbare Landschaft des Geistes, die das Wesen jeder Kultur ausmacht.

Kapitel 2 KONSTRUKTION UND PROZESS

1) Der Triumph der Konstruktionen

"Das ist ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein großer Sprung für die Menschheit", sagte Neil Armstrong am 21. Juli 1969, um 3 Uhr 56 mitteleuropäischer Zeit, als er den ersten Schritt eines Menschen auf dem Mond tat. Edwin Aldrin folgte ihm kurze Zeit später, während Michael Collins im Mutterschiff "Apollo 11" auf die Rückkehr der Raumfähre wartete.

Überall auf der Welt saßen die Menschen vor ihren Fernsehgeräten, um das Ereignis am Bildschirm zu verfolgen. Es schien, als ob dem menschlichen Geist nichts unmöglich wäre. Gewaltig wie das gesamte Unternehmen war auch das Gerät, das die drei Männer auf den Mond brachte. Die Saturn-Rakete war 111 Meter hoch und hatte ein Startgewicht von 2740 Tonnen. Bei der Zündung entwickelten die fünf F-1-Triebwerke einen Schub von 3400 Megapond und hoben den Koloss von der Startplattform. Nach zwei Erdumrundungen wurde die dritte Raketenstufe gezündet, und mit einer Geschwindigkeit von 83.000 Kilometern pro Stunde begann die Reise zum Mond. Armstrong und Aldrin landeten planmäßig nach einer Flugzeit von 195 Stunden, 18 Minuten und 22 Sekunden. Vierhunderttausend Menschen hatten acht Jahre lang auf dieses Ziel hingearbeitet. Geschätzte Kosten: die damals unvorstellbare Summe von einhundert Milliarden D-Mark[7], oder 25 Mrd. Dollar.

Worin bestehen nun die an diesem Erfolg der amerikanischen Raumfahrt beteiligten Konstruktionen des Geistes? Zunächst handelt es sich um die Saturn-Rakete und das andere technische Gerät. Sie sind als Konstruktionen klar zu erkennen und es gibt zu jedem einzelnen Teil Konstruktionszeichnungen, die diesen Begriff schon im Namen führen.

An diesen Konstruktionen waren Techniker beteiligt. Unter ihnen befand sich der unbestrittene "Vater der Astronautik" der Russe Konstantin Eduardowitsch Ziolkowskij. 1898 schlug er als erster die Verwendung von Flüssig-Treibstoffen für Raketen vor und wies die Vorteile gegenüber den festen Treibstoffen nach. Er stellte auch erste Berechnungen über die Möglichkeit interplanetarer Raumflüge und über Raumstationen an. Bereits vor ihm, in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts, war der Plan einer Rakete mit Düsenantrieb in allen Einzelheiten entstanden. Der Urheber war der russische Student Nikolai Kibaltschitsch. Er hatte die Bombe gebaut, mit der Zar Alexander II. 1881 ermordet wurde und wurde gefasst. In der Todeszelle entstand sein Entwurf, den er noch vor seiner Hinrichtung an den Innenminister schicken konnte. Erst nach der russischen Revolution wurden die Pläne wieder aufgefunden und veröffentlicht. Der Franzose Robert Esnault-Pelterie beschäftigte sich vor allem nach dem Ersten Weltkrieg mit den Antriebssystemen von Raketen. Robert Hutchings Goddard aus den USA startete 1926 die erste Flüssigkeitsrakete und entwickelte die automatische Stabilisierung der Flugkörper durch Kreiselgeräte und Ruder. Der deutsche Hermann Oberth verfasste eine Doktorarbeit mit dem Titel "Die Rakete zu den Planetenräumen", die nicht angenommen wurde, weil sie niemand verstand. Später wurde sie veröffentlicht und ein Bestseller. In dieser Arbeit wurden die meisten Probleme, die sich bei Raumflügen ergeben, angesprochen und konnten nun, nachdem sie beim Namen genannt waren, gelöst werden. Wernher von Braun setzte die Ideen dann in die Tat um.

Bevor sich diese brillanten Techniker jedoch überhaupt daran machen konnten, Antriebssysteme für Mondraketen zu entwerfen, musste die Idee entstehen, dass man als erdgebundenes Wesen überhaupt zu diesem schwach leuchtenden Wächter der Nacht fliegen könnte. Die Voraussetzung für die Arbeit der Techniker waren die Träume von Visionären.

Der heute bekannteste Träumer war Jules Verne, der die Produkte seiner Phantasie 1865 unter dem Titel "Die Reise zum Mond" veröffentlichte. Als wissenschaftlich hochgebildeter Utopist sah er in diesem Werk bereits eine Rakete als das geeignete Transportmittel voraus.

Aber schon lange vorher, im Jahre 1642, hatte Cyrano de Bergerac "Die andere Welt oder die Staaten und Reiche des Mondes" geschrieben. Zu dieser Zeit waren Raketen allenfalls als Feuerwerkskörper bekannt. Die Idee sie als Transportmittel einzusetzen war noch nicht geboren. Cyrano musste sich daher eine andere Methode einfallen lassen, mit der man auf den Mond gelangen könnte: man behängt sich mit kleinen Flacons, in denen man den Morgentau einfängt. Wie jedermann weiß, erhebt sich der Morgentau bei aufgehender Sonne in die Luft. Das "Auftriebssystem" des Taus macht man sich zunutze und gelangt so irgendwann zum Mond.

Dieser abenteuerliche Einfall entsprach dem zweiundzwanzigjährigen Hitzkopf Cyrano. Er führte einen sehr flinken Degen und dürfte charakterlich den "Drei Musketieren" oder den Helden der Mantel-und-Degen-Filme sehr ähnlich gewesen sein. 1641 hatte er sich beispielsweise in Paris ohne nähere Qualifikation Zutritt zur Philosophie-Klasse von Gassendi verschafft, in der auch der junge Moliere und Chapelle saßen. Der blank gezogene Degen in seiner Hand war Argument genug[8]. So erfuhr er von den Thesen des Kopernikus und von Galilei, der kaum zehn Jahre vorher von der Inquisition zur Aufgabe seiner Thesen gezwungen worden war[9] 3. Er dachte diese Lehren dahingehend weiter, dass es auch andere Welten mit intelligentem Leben geben müsste und popularisierte in einer bis dahin nicht gekannten Weise die Möglichkeiten des kopernikanischen Weltbildes. So wurde zwar die Raumfahrt noch nicht erfunden, aber es entstand die Neugier, die letztlich zum Mond führte. Cyrano selbst war von der Idee derart besessen, dass er noch bis zu seinem letzten Atemzug -ein Holzscheit hatte ihm eine tödliche Kopfwunde zugefügt- versuchte, den zweiten Teil seines Romans zu vollenden.

Ohne das heliozentrische Weltbild Keplers und die Verbreitung dieser Idee durch Galilei wäre auch Cyrano nicht auf die Idee gekommen, dass der Mond ein Körper ist, zu dem man fliegen kann. Auf derselben Basis entwickelte Newton seine Lehre von der Gravitation.

Die Physik hatte sich schon sehr früh mit den Kräften beschäftigt und Theorien zu ihrer Erklärung entwickelt. Diese Theorien wurden immer weiter verfeinert und dienten etwa auch zur Entwicklung von Antriebssystemen, die Schubkräfte entwickeln, mit deren Hilfe es möglich ist, das Schwerefeld der Erde zu verlassen.

Alle diese Ideen lagen nicht einfach herum. Sie mussten in einem langen Prozess erdacht werden. Kein einzelner Mensch wäre dazu in der Lage gewesen. Aber es sind die einzelnen Vorstellungen und Theorien von Individuen, die diesen Prozess in Gang halten. Ohne denkende Individuen gäbe es den Prozess nicht und ohne den Prozess keine menschliche Kultur. Würde ein Glied in dieser Kette von individuellen und kollektiven Konstruktionen fehlen, hätte es die Mondlandung nicht gegeben - zumindest nicht in dieser Form. Das gilt auch für ganz einfache Dinge wie etwa Schrauben. Irgendjemand muss einmal eine Vorstellung davon entwickelt haben, dass Gewinde mehr Widerstand leisten als glatte Nägel, sonst hätte er keine Schraube gebaut. Aber ohne sie gäbe es kein Apollo-Programm. Sogar dann, wenn die Rakete selbst ohne Schrauben zusammengefügt wäre. Denn die Maschinen, mit denen ihre Teile gebaut wurden, weisen sicher eine grosse Zahl von unterschiedlichsten Schrauben auf. Oder nehmen wir Gewebe. Irgendjemand kam in grauer Vorzeit auf die Idee Fasern zu Geweben zu verbinden. Wie würden die Raumanzüge aussehen, wenn der Mensch als Kleidung nur Leder und Fell kennen würde?

Bewegen wir uns nun etwas von der Mondlandung selbst weg und blicken auf einige Randbereiche, die normalerweise nicht in eine solche Betrachtung miteinbezogen werden. Da wäre zunächst einmal die Aufrechterhaltung der Kommunikation. Kontrolliert wurde der Flug der Rakete von "Mission Control" aus, in Huston. Der Kontakt wurde über Funk aufrechterhalten, was wiederum ein eigenes technisches System mit sehr vielen Voraussetzungen geistiger und materieller Art darstellt. Dieses System wurde von Computern gestützt, die eigene Sprachen verwendeten, Programmiersprachen, die eigens für diese Rechner erfunden wurden. Untereinander standen die Kontrolleure mit Hilfe von Telefon und Sprechfunk in Verbindung. Sie bedienten sich dabei einer hochdifferenzierten Sprache, die ihrerseits eine direkte Weiterentwicklung der ersten Urlaute ist.

Nehmen wir die überaus durchdachte Organisationsform, die notwendig war, um die Arbeit von fast einer halben Million Menschen in hunderten von Firmen zu koordinieren[10]. Es handelt sich um das grösste bisher bewältigte Einzelprojekt in der Geschichte der Menschheit[11]. Die Planung dieses gewaltigen Unterfangens war einem einzigen Ingenieur übertragen, der den Ablauf des gewaltigen Unternehmens steuerte.

Um die gewaltige Summe von 100 Milliarden D-Mark aufzutreiben war zudem das Vorhandensein eines hochkomplexen Wirtschaftssystems nötig, dessen erste Formen mit dem Sesshaftwerden des Menschen zusammenhängen. Und schließlich bildete das politische System den Rahmen, innerhalb dessen all das organisiert werden konnte.

Kennedy hatte innenpolitische Schwierigkeiten und suchte nach einem Ziel, das die ganzen USA mobilisieren sollte und Tatkraft, ebenso wie Vision und Ehrgeiz sinnvoll miteinander kombinieren sollte. Die Raumfahrt kam da gerade recht, weil sie nebenbei auch noch die Gelegenheit bot, die USA an die Spitze der technisch aktiven Nationen der Welt zu heben. Zu diesem Zeitpunkt lag die UdSSR weit vorn im Weltraumrennen. Die politische Konstruktion, die mit dem Mondflug verbunden wurde, hatte also zum Ziel, die UdSSR auszubooten und das Volk der USA hinter ihrem Präsidenten zu vereinen. Nach der geglückten Landung träumten die USA den seligen Traum der eigenen Überlegenheit weiter. Die Großmächte standen sich gegenüber wie zwei Gorillamännchen, die dem jeweils anderen Angst einflössen wollen, indem sie sich auf die Brust trommeln. Das ging so lange gut, bis Ronald Reagan mit seinen am Hollywood-Kino -also einer Welt des flüchtigen Scheins- orientierten Vorstellungen eines gigantischen Weltraumkrieges die Blase selbst zum Platzen brachte, weil sich zeigte, dass diese Gigantomanie weder finanzierbar noch technisch durchführbar gewesen wäre.

Keine einzige dieser genannten Konstruktionen, seien sie technischer Art oder reine Vorstellungen, war eine Notwendigkeit. Immer kamen viele einzelne Faktoren zusammen, die nach unterschiedlichen Entwicklungszeiträumen an diesem Komplex "Raumfahrt" teilnahmen. Alle waren das Ergebnis menschlichen Denkens. Und all die erdachten Konstruktionen bestimmen die Wahrnehmung von "Welt" künftig mit. Für uns ist der Mond ein Stück kaltes Gestein, das um die Erde kreist und auf dem man landen kann. Das war aber nicht immer so. Er war auch einmal ein Geist oder ein Gott, und auch der verwegenste Utopist hätte nicht auf die Idee kommen können, auf einem Gott zu landen. Schon die verwendeten Begriffe bestimmen, welche Ideen entstehen können und welche nicht.

2) Angeborene Lehrmeister

Wir sind von Konstruktionen umgeben. Wann aber beginnt die Geschichte der Konstruktionen, wie kann man sich vorstellen, dass die Fähigkeit zur Konstruktion in die Welt gekommen ist?

Auf der Grundlage der Theorie vom Urknall entstand die Welt ursprünglich aus reiner Energie. Zunächst entstanden winzige Teilchen, die sich unter Abgabe von Energie zu etwas Neuem zusammenschlossen. Dass etwas Neues entstand, bedeutet, dass hier ein kreativer Prozess am Werke war. Vom ersten Augenblick an.

Aus der Energie entstanden einige wenige Arten von Quarks. Diese formten größere Bestandteile von Atomen, wie Neutronen und Protonen, die sich wiederum zu ersten Atomen zusammenschlossen, zum Wasserstoff. Unter Abgabe von Energie wie in der Sonne oder unter Aufnahme von Energie wie bei Supernovaexplosionen entstanden immer neue Elemente, die sich zu Molekülen zusammenschlossen[12].

Immer entstand etwas Neues. Das Universum war von Anfang an kreativ. Es sieht so aus, als wäre die Kreativität selbst eine entscheidende Grundregel dessen, was wir als SEIN betrachten. Die Kreativität durchdringt alle Ebenen dieses Seins, Materie ebenso wie Leben, die Organisation von Organen genauso wie die von Staaten oder auch das Entstehen von Gedanken[13].

Dabei ging das Sein schrittweise vor. Der Energie folgten die Quarks, diesen wiederum die Atomteilchen, denen die Atome und über viele Zwischenschritte entstand das Leben; schließlich bis zu den Organen, zum Gehirn und zu dessen Produkten, den Gedanken. Auf jedem dieser Schritte entstanden zusätzliche Teile, die nun wiederum Verbindungen eingehen konnten. Die Welt wurde immer differenzierter, immer mehr Möglichkeiten ergaben sich.

Irgendwann in diesem Prozess ging das irdische Leben daran, die Sinne als Fenster auf die Welt zu entwickeln. Parallel dazu entstand das Gehirn als zentrales Verarbeitungsorgan, das die mittels der Sinne gewonnenen Eindrücke zu einem spezifischen Weltbild zusammensetzt.

Bereits die Sinne treffen wichtige Entscheidungen über die Welt. Das heißt, sie entscheiden, was als physikalische Welt empfunden werden kann, indem sie die Signale, die von außen herankommen, auf eine bestimmte Art entschlüsseln. Gestalt, Farbe, Ton, Temperatur, Geruch, und alle anderen möglichen Empfindungen dieser Art sind -wie schon gezeigt wurde- Interpretationen von Ausschnitten aus der Welt. "Welt" entsteht daraus erst im zentralen Verarbeitungssystem, dem Gehirn, das diese Teile zu einem Bild zusammenmontiert, also wiederum aus den eintreffenden Signalen eine Einheit konstruiert. Diese Einheit wird vom Individuum als Wirklichkeit wahr- und für wahr genommen.

Die Entscheidungen, an deren Ende die Konstruktion von "Welt" steht, liegen weit vor dem Zugriff durch das Bewusstsein. Und auch für den Menschen ist sein "Empfindungsmenü" bindend. Es ist zwar möglich, sich darüber zu unterhalten, dass Wale Magnetfelder empfinden, aber der Mensch kann das nicht nachfühlen. Bestenfalls kann er einen Zeigerausschlag auf einem Messgerät sehen, womit aber ein ganz anderer Sinn angesprochen ist. Für den Menschen ist der Raum mit Gegenständen angefüllt, die vor allem optisch wahrgenommen werden. Der Wal dagegen muss nicht so gut sehen. Seine Welt besteht zu einem guten Teil aus unsichtbaren Magnetfeldlandschaften nach denen er sich orientiert.

Ein kleines Gedankenexperiment mag veranschaulichen, wie sehr der Geist von Voraussetzungen ausgeht, die üblicherweise nicht im Bewusstsein reflektiert werden[14]:

Vermutlich wird dieses Buch gerade in einem Raum gelesen, der eine bestimmte Anordnung von Mobiliar aufweist. Ein Blick aus dem Fenster zeigt das gewohnte Bild, vielleicht den eigenen Garten. Nichts Außergewöhnliches. Würde nun die Frage gestellt, wo sich das alles befindet, wäre die Antwort klar, nämlich beispielsweise "zu Hause".

Wie würde die Antwort aussehen, wenn mittlerweile das ganze Haus mitsamt dem durch das Fenster sichtbaren Landschaftsausschnitt ganz still woanders hin gelangt wäre? Der Verstand könnte gar nicht anders als davon auszugehen, dass sich alles noch genauso befinden würde, wie vorher. Dass also der Ort noch genauso aussieht, die Kirche noch am selben Platz steht, und so weiter.

Würde man aber vor die Tür treten und etwas völlig anderes als das gewohnte Bild sehen, wäre die Verwirrung vollkommen und es bestünde größte Gefahr, im wahrsten Sinne des Wortes den Verstand zu verlieren. Der Grund dafür ist, dass das Gehirn von der Vermutung ausgeht, dass Dinge wie Ortschaften und Häuser im allgemeinen so bleiben wie sie sind. Normalerweise ist das auch zutreffend.

Tatsächlich zerfallen aber Häuser, und Ortschaften verschwinden, werden vom Gestrüpp überwuchert. Nur geschieht das üblicherweise in Zeiträumen, die weit über die Zeit eines Individuums oder auch einiger Generationen hinausgehen, und nie geschieht die totale Veränderung plötzlich, alles auf einmal. Sogar im Kriegsfall, wenn der Ort zerstört ist, bleiben noch die Hügel und Berge erhalten, die den landschaftlichen Hintergrund darstellen. Die Anhaltspunkte bleiben bestehen. Dennoch ist die Verwirrung in einem solchen Kriegsfall sehr groß.

Wie groß aber wäre sie erst, wenn etwas scheinbar so Festgefügtes wie ein Berg sich mit sichtbarer Geschwindigkeit bewegen würde? Auch Berge wachsen und verschwinden, ja sie stehen nicht einmal still. Ein Beispiel ist die Zugspitze, ein knapp dreitausend Meter hoher Berg, der ursprünglich aus den Südalpen stammt. Er riss sich los und wanderte über einhundert Kilometer nach Norden. Heute steht er ohne jede Verbindung mit dem Untergrund auf den Schuttablagerungen des Alpenvorlandes[15].

[...]


[1] Vgl. Mirsky, J.: "The Eskimo of Greenland". In: Margaret Mead: "Corporation and Competition among Primitive People", Boston 1961 (1937), S. 51-86. Auch Sigrid Paul: "Schwangerschaftsverhütung, Abtreibung, Kindestötung in außereuropäischen Kulturen", in "Universitas" 1/89, S.50.

[2] Vgl. John Downer: "Die Supersinne der Tiere", Hamburg, 1990, S. 119-144, insb. 141-144.

[3] Je höher die Anzahl der Teile eines Systems, umso größer die Freiheitsgrade, die ihm zur Verfügung stehen. Das wird bei der Sicherung von Kernkraftwerken oder bei der Computersimulation des Fahrverhaltens von Autos zum Problem.

[4] William Whiston, "Historical Memories of the Life of Dr. Samuel Clarke", London 1730, S. 132

[5] Diese Schlussfolgerungen werden von der modernen Fraktaltheorie nahegelegt. Siehe Binnig, etc.

[6] Ein Teilsystem kann niemals das Gesamtsystem erfassen, weil es nicht genug Substanz besitzt, um dessen Komplexität aufzunehmen. Der mathematische Nachweis dafür lässt sich mit den Reihenentwicklungen der Turing-Maschine erbringen.

[7] In heutiger Währung entspricht das ungefähr 130 Milliarden Euro.
Quellen: Ralf Piechowiak, "Griff nach den Sternen. Der Wettlauf zum Mond", ZDF 1989; "Die Sterne rücken näher, 2; Enzyklopädie der Weltraumfahrt", Gütersloh, 1968, Übersetzung a.d. Franz.: Adelheid von Zwehl.

[8] Vgl.: Hans Eckart Rübesamen in: Cyrano de Bergerac, "Mondstaaten und Sonnenreiche", München 1986, S. 7-15

[9] Galilei schwor 1633 ab.

[10] Beim "Manhattan Project", dem Atombombenprogramm der USA im Zweiten Weltkrieg, waren dagegen "nur" 120.000 Menschen beteiligt. Es stellt das zweitgrößte Unternehmen der Menschheitsgeschichte dar.

[11] Gerhard Bernecker, "Planung und Bau verfahrenstechnischer Anlagen", Düsseldorf 1984, S. 5f. Cit. E. Honegger, "Organisation und Durchführungsaspekte des NASA-Apollo-Projektes", in W. Bloch, "Arbeitsstudium - Industrial Ingeneering des Verbandes für Arbeitsstudien - REFA eV Berlin/Köln", Bd 19, 1974. Vgl. auch ESSO (hg), "Mit Apollo zum Mond. Die spannende Geschichte des größten Abenteuers der Menschheit." Gütersloh 1969, insb. S.66-89.

[12] Vgl. beispielsweise: Harald Fritsch, "Vom Urknall zum Zerfall. Die Welt zwischen Anfang und Ende", München, 1987.

[13] Vgl.: Gerd Binnig, "Aus dem Nichts. Über die Kreativität von Natur und Mensch", München 1989.

[14] Dieses Gedankenexperiment stammt in seiner ursprünglichen Form von Karl Popper.

[15] Siehe Günther Michler/Walter Oberndorfer, "Die 'ewigen Berge' sind nicht ewig. Die Alpen und die gestaltenden Kräfte der Natur.", in "Das große ADAC Alpenbuch, München 1987, S.14.

Details

Seiten
270
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656266532
ISBN (Buch)
9783656267904
Dateigröße
1.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v200370
Note
Schlagworte
Philosophie Geschichte Abendland Europa Prozess Geschichte der Philosophie Drehbuch Konstruktivismus Klarheit Würde Weltbild Vernunft Spaltung Krisen Epochenbruch Paradigmenbruch Orientierung Orientierungslosigkeit Aufgabe Denken

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Titel: Zwerge, die auf den Schultern von Riesen stehen