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Albert Schweizers Ethik der „Ehrfurcht vor dem Leben“

Darstellung und Auseinandersetzung

Hausarbeit 2011 14 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. biografischer Überblick

3. Die Ethik Albert Schweitzers
3.1. Die Entstehung von Schweitzers Ethik
3.2. Die Ethik der „Ehrfurcht vor dem Leben“
3.3. Kritik an Schweitzers Ethik

4. Die Aktualität von Schweitzers Ethik
4.1. Beschreibung der Situation zu Beginn des 21. Jahrhunderts
4.2. Weiterverbreitung der „Ehrfurcht vor dem Leben“ als Chance für die Zukunft

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In dieser Hausarbeit stelle ich die Ethik der „Ehrfurcht vor dem Leben“ von Albert Schweitzer dar und erkläre sie. Vor der Darstellung von Schweitzers Ethik gebe ich zunächst einen kurzen Überblick zu Albert Schweitzers Lebensdaten, da sich gerade bei ihm die theoretischen Schriften auch in seinem praktischen Wirken widerspiegeln. Anschließend zeige ich, wie Albert Schweitzer zu seinen Ideen gekommen ist. Dieser Teil der Hausarbeit ist somit eine Geschichte der Entstehung des Werkes. Hierbei wird besonders die lange Zeitspanne bis zur Vollendung des Buches offenbar und es werden die Faktoren, die Schweitzer beeinflussten genannt. Danach folgt die eigentliche Darstellung und Auseinandersetzung mit der „Ehrfurcht vor dem Leben“. Am Ende der Hausarbeit zeige ich Beispiele für die Aktualität von Schweitzers Ethik. Als Quelle nutze ich hauptsächlich die Schriften Albert Schweitzers, da die Auseinandersetzung mit dem Original die Intention und den Gedankengang Schweitzers besser wiedergibt als Zusammenfassungen in der Sekundärliteratur.

2. biografischer Überblick

Albert Schweitzer wurde am 14. Januar 1875 in Kaysersberg geboren und wuchs in Günsbach auf. Seine Eltern waren Pfarrer. Er hatte drei Schwestern und einen Bruder. Nach dem Abitur ging Albert Schweitzer 1893 zum Studium nach Straßburg, wo er gleich mehrere Studienfächer absolvierte. Zuerst studierte er Theologie und Philosophie. Weiterhin studierte er Musiktheorie und das Orgelspiel. 1898 legte er die theologische Prüfung ab, danach promovierte er 1899 in Philosophie. 1902 begann Schweitzer als Privatdozent an der Theologischen Fakultät zu Straßburg zu arbeiten. Gleichzeitig studierte er Bach und veröffentlichte 1905 eine Bach-Biografie. 1905 begann er das Medizinstudium, welches er 1913 als Dr. med. abschloss. Einen Namen machte sich Schweitzer auch durch seinen wissenschaftlichen Beitrag zur Leben-Jesu-Forschung. Außerdem forschte er über Paulus. Diese Daten zeigen, dass Albert Schweitzer ein Universalgelehrter war, der sich auf vielen verschiedenen wissenschaftlichen Gebieten forschend engagierte.

Nach 20 Jahren „[...] intensivster theologischer, philosophischer und musikwissenschaftlicher Studien in Straßburg bricht Schweitzer 1913 zu dem großem „Wagnis“ seines Lebens auf“[1]. Er ging auf eigene Kosten als Arzt nach Lambarene in Gabun und baute dort ein Spital auf. Den Großteil seines restlichen Lebens verbrachte Schweitzer dort. Unterbrochen war sein Aufenthalt in Lambarene nur durch Kriegsgefangenschaft im 1. Weltkrieg, kurze Urlaube sowie Vortrags- und Konzertreisen zum Zwecke der Geldbeschaffung in Europa und Amerika. Sein praktisches Wirken in Afrika sowie seine wissenschaftlichen Beiträge brachten Albert Schweitzer weltweite Anerkennung und Auszeichnungen. Unter anderem erhielt er 1953 den Friedens-Nobelpreis. Albert Schweizer war seit 1912 mit seiner Frau Helene verheiratet. Gemeinsam hatten sie eine Tochter, Rhena. 1965 starb Schweitzer in Lambarene.[2]

Das Leben Schweitzers lässt sich somit grob in drei Blöcke einteilen. Die ersten 18 Lebensjahre waren eine glückliche Kindheit im Kreis der Familie sowie die Schulausbildung. Darauf folgten 20 akademische Jahre an der Universität, wo er mehrere Doktortitel in verschiedensten Bereichen erwarb, wissenschaftliche Schriften zu unterschiedlichen Problemen verfasste und als Dozent selbst lehrte. Im Alter von 38 Jahren ging Schweitzer als Urwaldarzt nach Afrika, um den dort lebenden Menschen zu helfen. Diese praktische und helfende Tätigkeit dauerte mit Unterbrechungen die nächsten 52 Jahre bis zu Tod Schweizers an und bildet den dritten Block.

Warum Albert Schweitzer im Alter von 38 Jahren sein bisheriges erfolgreiches Akademikerleben aufgab, um das Risiko des Arztberufes in Afrika anzutreten und dieses praktische Wirken sein restliches Leben zu vollziehen, kann durch die Analyse seiner ethischen Schriften erklärt werden.

3. Die Ethik Albert Schweitzers

3.1. Die Entstehung von Schweitzers Ethik

Neben seinen vielen wissenschaftlichen Veröffentlichungen verfasste Albert Schweitzer auch mehrere autobiografische Schriften, in denen er detailliert darlegt, wie seine Kindheit verlief, wie er aufgewachsen ist und wie er später zu seiner Tätigkeit in Afrika gekommen ist. Außerdem beschreibt er rückblickend, wie er zu seiner Ethik gelangt ist.[3]

Albert Schweitzer hatte schon als Kind Mitleid mit den Tieren und konnte diese auch nicht quälen. Vielmehr beeindruckte ihn die Tierschutzbewegung. Für ihn drückte sich in der Fähigkeit, Mitleid auch für Tiere zu empfinden, „wahre Menschlichkeit“[4] aus.

Zu Beginn seines Studiums kam Schweitzer mit den Schriften Nietzsches und Tolstois in Berührung, die kontroverse Auffassungen von der Ethik vertraten. Die Bejahung der ethischen Kultur bei Tolstoi beeindruckt Schweitzer, Nietzsches einseitige Herrenmoral lehnt er ab.[5] Auch alle anderen philosophischen Werke seiner Zeit waren für ihn nicht ausreichend, um den Anforderungen des Fortschritts gerecht zu werden.[6] Den Erfindungen und dem wissenschaftlichen Fortschritt zu Beginn des 20. Jahrhunderts stand laut Schweitzer ein veraltetes philosophisches Denken gegenüber. „Es kam mir so vor, als ob eine geistige und seelische Müdigkeit das arbeitsstolze und leistungsstolze Geschlecht befallen hätte.“[7] An anderer Stelle sagt Schweitzer: „Das Verhängnis unserer Kultur ist, dass sie sich materiell viel stärker entwickelt hat als geistig. Ihr Gleichgewicht ist gestört.“[8] In diesem Zusammenhang spricht Schweitzer auch von einer „Degeneration unserer Kultur“[9]. Da die Philosophen und Ethiker keine Antworten gaben, begab sich Albert Schweitzer selbst auf die Suche nach dem ethischen Prinzip. „Aufgabe unseren Geschlechts ist es, in vertieften Denken nach wahrhaftiger und wertvoller Weltanschauung zu streben und dem Dahinleben in Weltanschauungslosigkeit ein Ende zu setzen.“[10]

Als Schweitzer 1913 mit seiner Frau nach Lambarene ging, um dort ein Spital zu gründen, hatte er auch Material für seine Arbeit über die Ethik dabei. Mit Beginn des 1. Weltkrieges waren die Schweitzers Kriegsgefangene der Franzosen und standen in Lambarene unter Hausarrest. Schweitzer nutzte die unverhoffte freie Zeit für die Arbeit an seinem Buch.[11] Für ihn ist der Krieg „selber nur eine Erscheinung der Kulturlosigkeit“[12]. Dem Niedergang der Kultur wollte Schweitzer etwas Positives entgegensetzen. Sein Ziel war es, die Welt- und Lebensbejahung mit Ethik zu verbinden und begründen, um so ein Grundprinzip des Sittlichen zu finden.[13] Bei einer Flussfahrt nach N´Gomo auf dem Ogowefluss im September 1915 hat Schweitzer die Formel für seine Ethik gefunden. „Da kam ich, in meiner großen Müdigkeit und Verzagtheit plötzlich auf das Wort „Ehrfurcht vor dem Leben“, das ich, soviel ich weiß, nie gehört und nie gelesen hatte.“[14] Schweitzer sagt, dass Ethik, die sich nur mit dem Menschen beschäftigt, unvollständig ist. Vielmehr muss sie alles Lebendige mit einschließen. Nach dieser Eingebung war Schweitzer „[...] fähig, dass geplante Werk über Kultur und Ethik zu schreiben.“[15] Wieder in Lambarene angekommen erstellte Schweitzer die Grobgliederung für sein Buch. Im ersten Teil wollte er einen Überblick über die bisherigen Ansichten zur Ethik geben und sich im zweiten Teil mit „der Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben und mit ihrer Bedeutung für die Kultur beschäftigen“[16]. Bei seiner Überführung in ein Gefangenenlager nach Frankreich im September 1917 nahm Albert Schweitzer seine Textskizzen nicht mit, sondern gab sie in Lambarene in Verwahrung. In Frankreich schrieb er den Text aus dem Gedächtnis noch einmal. Nach dem Krieg erhielt er auch seine Textseiten aus Afrika. Beide Skizzen ergaben letztendlich den Text der „Kultur und Ethik“ welcher 1923 druckreif war.[17]

3.2. Die Ethik der „Ehrfurcht vor dem Leben“

Wie aufgezeigt, hat sich Schweitzers Ethik „in einem langen gedanklichen Ringen herausgebildet.“[18] Das Kernstück seiner Ethik ist der Lehrsatz: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“[19] Aus diesem Satz leiten sich alle weiteren Überlegungen Schweitzers ab. „Nur von diesem Fundamentalsatz her werden Schweitzers Ethik und sein Lebenswerk nachvollziehbar.“[20]

Zu aller erst offenbart diese Formel, dass man nicht alleine auf der Erde ist, sondern zusammen mit vielen anderen Lebewesen. Deswegen muss man sich bewusst sein, dass die eigenen Handlungen Konsequenzen für einen selbst aber auch für die Mitmenschen und alle Lebewesen haben. Im Gegensatz zu den Ethiken früherer Gelehrter betrachtet Albert Schweitzer in diesem Satz nicht nur die Beziehung zwischen den Menschen, sondern weitet dies auf alle Lebewesen aus. Ethik muss laut Schweitzer universell sein und sich nicht nur mit dem Menschen und der Gesellschaft beschäftigen.[21] Eine Handlung ist in diesem Sinne nur sittlich, wenn sie sich darüber im Klaren ist, welche Konsequenzen sie für alle andere Lebewesen, nicht nur für die Menschen, in seinem Umkreis hat.

Weiterhin lässt sich aus dem Lehrsatz ableiten, was gut und was böse ist. „Ethik besteht also darin, dass ich die Nötigung erlebe, allem Willen zum Leben die gleiche Ehrfurcht vor dem Leben entgegenzubringen wie dem eigenem. [...] Gut ist, Leben erhalten und Leben fördern; böse ist, Leben vernichten und Leben hemmen.“[22] Auch sagt er: „Als gut gilt ihm, Leben erhalten, Leben fördern, entwickelbares Leben auf seinen höchsten Wert bringen. Als böse: Leben schädigen, entwickelbares Leben niederhalten.“[23]

Die kategorische Festlegung von gut und böse bringt ein Dilemma hervor, dessen sich Schweitzer auch bewusst ist. Dieses besteht darin, dass das eigene Leben und Überleben nur auf Kosten der Auslöschung oder Schädigung anderen Lebens möglich ist. Menschen müssen zum Beispiel essen und töten dafür Tiere und Pflanzen.[24] Schweitzer löst dieses Dilemma nicht auf. Vielmehr sagt er, dass man Leben nur schädigen oder töten darf, wenn es unbedingt notwendig ist. „Wo ich irgendwelches Leben schädige, muss ich mir darüber klar sein, ob es notwendig ist. Über das Unvermeidliche darf ich in nichts hinausgehen, auch nicht in scheinbar Unbedeutendem.“[25] In diesem Sinne ist es zum Beispiel gerechtfertigt Getreide als Nahrung anzubauen und zu ernten. Nicht gerechtfertigt ist hingegen, eine Blume ihrer Schönheit wegen zu pflücken, weil dies keiner Notwendigkeit unterliegt. Eine aus der Notwendigkeit heraus resultierende Vernichtung von Leben bleibt aber trotzdem böse, da sie Leben schädigt. Die Eigenschaft „böse“ wird durch das Kriterium „Notwendigkeit“ nicht abgeschwächt. Die Notwendigkeit dient somit nicht als Rechtfertigung oder Entschuldigung. „Die Bosheit der Tat und die Schuld des Täters werde auch durch die Anwendung dieses Kriteriums nicht aufgehoben.“[26]

Trotz aller Umsicht und moralischen Vorsätze hemmt und tötet der Mensch ständig Leben und wird schuldlos schuldig. Diese Schuld veranlasst nach Schweitzers Auffassung den wahrhaft ethischen Menschen dazu, zu versuchen diese Schuld wiedergutzumachen, indem er bedrohtem Leben hilft.

Die Formel „Ich bin Leben, das Leben will, inmitten von Leben, das leben will“ unterscheidet nicht zwischen den Arten von Leben und stellt auch keine Wertung oder Rangfolge auf. Dies bedeutet jedes Leben und jede Kreatur ist in Schweitzers Ethik gleich wertvoll und hat das gleiche Recht zu leben. Der Mensch steht nicht über den anderen Kreaturen, sondern unterscheidet sich von der restlichen Natur nur darin, dass er zu ethischen Überlegungen fähig ist, wohingegen die Tiere nur ihren Trieben folgen.

[...]


[1] Gräßer, Erich: Studien zu Albert Schweitzer, Bodenheim, 1997, S. 21

[2] vgl. Gräßer, Erich: Studien zu Albert Schweitzer, Bodenheim, 1997, S. 10 - 22

[3] vgl. Schweitzer, Albert: Die Entstehung der Lehre der Ethik vor dem Leben, in: ders.: Ausgewählte Werke in fünf Bänden. Berlin 1971, Bd. 5, S. 172- 191

[4] ebenda: S. 173

[5] vgl. Härle, Wilfried: „Ehrfurcht vor dem Leben“, in: Marburger Jahrbuch Theologie / hrsg. von W. Härle und R. Preul, Bd. 9; Leben, Marburg, 1997, S. 55

[6] vgl. Schweitzer, Albert: Die Entstehung der Lehre der Ethik vor dem Leben, in: ders.: Ausgewählte Werke in fünf Bänden. Berlin 1971, Bd. 5, S. 175

[7] ebenda: S. 176

[8] Schweitzer, Albert: Kultur und Ethik, in: ders.: Ausgewählte Werke in fünf Bänden. Berlin 1971, Bd. 2,
S. 118

[9] ebenda

[10] Schweitzer, Albert: Kultur und Ethik, in: ders.: Ausgewählte Werke in fünf Bänden. Berlin 1971, Bd. 2,
S. 333

[11] Schweitzer, Albert: Die Entstehung der Lehre der Ethik vor dem Leben, in: ders.: Ausgewählte Werke in fünf Bänden. Berlin 1971, Bd. 5, S. 178

[12] Schweitzer, Albert: Kultur und Ethik, in: ders.: Ausgewählte Werke in fünf Bänden. Berlin 1971, Bd. 2,
S. 117

[13] vgl. Gräßer, Erich: Studien zu Albert Schweitzer, Bodenheim, 1997, S. 68 - 69

[14] Schweitzer, Albert: Die Entstehung der Lehre der Ethik vor dem Leben, in: ders.: Ausgewählte Werke in fünf Bänden. Berlin 1971, Bd. 5, S. 179 - 180

[15] ebenda: S. 181

[16] ebenda

[17] vgl. ebenda: S. 187

[18] Gräßer, Erich: Studien zu Albert Schweitzer, Bodenheim, 1997, S. 65

[19] Schweitzer, Albert: Die Entstehung der Lehre der Ethik vor dem Leben, in: ders.: Ausgewählte Werke in fünf Bänden. Berlin 1971, Bd. 5, S. 181

[20] Altner, Günter und andere: „Ehrfurcht vor dem Leben“, in: dieselben (Hrsg.): Leben inmitten von Leben. Die Aktualität der Ethik Albert Schweitzers, Stuttgart, 2005, S. 10

[21] vgl. Schweitzer, Albert: Kultur und Ethik, in: ders.: Ausgewählte Werke in fünf Bänden. Berlin 1971, Bd. 2,
S. 362

[22] ebenda: S. 378

[23] Schweitzer, Albert: Die Entstehung der Lehre der Ethik vor dem Leben, in: ders.: Ausgewählte Werke in fünf Bänden. Berlin 1971, Bd. 5, S. 181 - 182

[24] vgl. ebenda: S. 182

[25] Schweitzer, Albert: Kultur und Ethik, in: ders.: Ausgewählte Werke in fünf Bänden. Berlin 1971, Bd. 2,
S. 388

[26] Härle, Wilfried: „Ehrfurcht vor dem Leben“, in: Marburger Jahrbuch Theologie / hrsg. von W. Härle und R. Preul, Bd. 9; Leben, Marburg, 1997, S. 67

Details

Seiten
14
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656273677
ISBN (Buch)
9783656276210
DOI
10.3239/9783656273677
Dateigröße
457 KB
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Evangelische Hochschule für Soziale Arbeit Dresden (FH)
Erscheinungsdatum
2012 (September)
Schlagworte
Schweitzer Ehrfurcht Leben Ethik Albert

Autor

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Titel: Albert Schweizers Ethik der „Ehrfurcht vor dem Leben“