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Ethnografie - Die Arten des Wartens an einer Bushaltestelle

Studienarbeit 2012 12 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung - Warten, bis es losgeht!

2. Die Feldauswahl - „Warum ausgerechnet da?“

3. Das Feld - Bushaltestelle Meißnerstraße

4. Die Arten des Wartens
4.1. Kommunikation
4.1.1 Eine Gruppe aus Freunden
4.1.2. Oberflächliche Bekanntschaften
4.1.3. (Orts-)Fremde
4.2. Zeitvertreib
4.2.1 Beschäftigung mit Medien
4.2.2. Den Temperaturen trotzen

5. Fazit - Die Bushaltestelle als gesellschaftlicher Mikrokosmos

1. Einleitung - Warten, bis es losgeht!

Warten. Es gibt nichts Langweiligeres auf der Welt, mag man meinen. Warten ist nicht mehr als ein notwendiges Übel, das wir alle sofort umgehen würden, wenn es denn möglich wäre. Niemand mag es, alle tun es. Wir warten bis die Ampel grün wird. Wir warten auf Telefonanrufe. Wir warten bis der Wecker klingelt. Wir warten auf den Pizzaservice. Wir warten darauf, dass die Diät endlich anschlägt und die Besuche im Fitnessstudio anfangen sich zu lohnen. Wir warten bis die Einleitung eines Textes vorbei ist und endlich der Hauptteil beginnt. Wir warten darauf, dass etwas losgeht und wir warten darauf, dass etwas vorbei ist. Es gibt sogar speziell für das Warten eingerichtete Räume. Beim Arzt, beim Frisör, im Tattoostudio. Achja, und wir warten natürlich auf den Bus!

Aber was bedeutet es zu „warten“? Spontan würde ich sagen: Es beschreibt unsere „Tätigkeiten“ in der Zeitspanne zwischen dem bewusst werden, dass etwas Bestimmtes in Zukunft eintreffen wird und dem tatsächlichen Eintreffen des Ereignisses. Das Lexikon definiert „warten“ folgendermaßen: „Zeit verstreichen lassen beziehungsweise untätig sein, bis ein bestimmter Zustand eintrifft.“ Während wir warten, sind wir also untätig. Tun nichts, außer warten. Interessant. Aber trifft das zu? Warten wir nicht permanent irgendwie auf irgendetwas, ohne das wir untätig sind, bis es eintrifft? Wäre die Welt dann nicht extrem langsam und wenig fortschrittlich, wenn wir alle immer nur warten würden? Genau das wäre sie. Aber so ist es nicht. Wir warten zwar häufig bzw. im Prinzip eigentlich immer, aber die Tätigkeit des Wartens verhindert nicht automatisch, dass wir gleichzeitig noch andere Tätigkeiten ausüben. Und welche Tätigkeiten, unter welchen Umständen, wie und von wem ausgeübt werden, habe ich untersucht. Ich habe beobachtet, ich habe mitgeschrieben, kurz: Ich habe Menschen beim Warten zugeschaut.

„Ist andere beim Warten zu beobachten nicht noch langweiliger als das Warten selbst?“, wurde ich gefragt, als ich einem Freund mitteilte, welches Forschungsgebiet ich mir für meine Ethnographie ausgesucht hatte. Eine merkwürdige Frage. Spätestens seit dem legendären Theaterstück „Warten auf Godot“ von Samuel Beckett sollte man doch wissen, dass es höchst unterhaltsam sein kann, anderen beim Warten zuzuschauen. Und ich schaue ja auch nicht nur zu. Mein Ziel war es herauszufinden, ob es bestimmte, wiederkehrende Muster im Warteverhalten verschiedener Personengruppen gibt. Wie wartet wer und was tut dieser Jemand dabei? Wie vertreibt man sich die Zeit? Wie kommunizieren Menschen miteinander, wenn sie gezwungen sind gemeinsam an einem neutralen Ort zu warten? Wartet man alleine anders als in einer Gruppe? Die Absicht dieser Arbeit ist genau dies detailliert zu beschreiben und einen Überblick darüber zu liefern, was wir alles tun, während wir angeblich ja untätig sind. Diese Arbeit befasst sich mit den Arten des Wartens.

2. Die Feldauswahl - „Warum ausgerechnet da?“

Um eine solche Arbeit aber überhaupt schreiben zu können, musste ich natürlich erst ein Feld finden, indem es nicht nur möglich ist andere beim Warten zu beobachten, sondern das auch soziale Interaktionen, sowie darauf aufbauende Interpretationen zulässt. Noch dazu sollte es möglichst einfach zu erreichen sein, ohne dass meine häufigere Anwesenheit irgendwie negativ auffällt.

Zuerst schien mir eine Arztpraxis gut geeignet. Schließlich gibt es dort extra ein „Warte“zimmer. Wo sollte sich das Warten „echter“ anfühlen, als in einem Raum, der extra dafür ins Leben gerufen wurde? Allerdings hat die Erfahrung gezeigt, dass solche Warezimmer erstens nicht besonders lebendig sind oder durch interessante Konversationen bestechen, noch wird es wohl einen guten Eindruck machen, wenn ich mehrfach einfach im Wartezimmer von Doktor XY sitze, ohne jemals einen Fuß in das eigentliche Behandlungszimmer zu setzen. Das Warten im Wartezimmer einer Arztpraxis schied also aus. Weitere Überlegungen wie das Warten im Kinovorraum (zu eng, zu laut, zu viele Menschen, ergo zu geringe Chancen auf sinnvolle Beobachtungen!), das Warten an einer Fußgängerampel (zu kurze Warte-Intervalle, zu häufiges, missmutig machendes Beobachten von Regelmissachtung durch Überqueren der Straße bei Rot!) oder das Warten in der Schlange bei McDonalds (zu hohe Gefahr, dort selbst ständig etwas zu bestellen, ergo Gesundheitsgefahr!) fielen ebenfalls durch.

Um dann doch noch einen geeigneten Ort für meine Ethnographie zu finden, stellte ich folgende Kriterien auf, die allesamt erfüllt werden mussten:

1.) Einfache Erreichbarkeit, um auch regelmäßige Beobachtungen durchführen zu können.
2.) Unauffälligkeit, damit ich weder mögliches Personal, noch die wartenden Menschen störe oder irgendwie beeinflusse.
3.) Ethnografisches Potential, damit eine Feldforschung überhaupt erst Sinn macht, muss das Feld in Vorüberlegungen zumindest theoretisch etwas hergeben. In meinem konkreten Fall heißt das: Übersichtlichkeit muss gewährleistet sein, damit ein Neuling im Bereich der Ethnografie nicht durch zu viele, gleichzeitig auf ihn einprasselnde Informationen überfordert ist. Des Weiteren sollte eine gewisse Lebhaftigkeit vorhanden sein, damit die Aufzeichnungen nicht nur aus Interpretationen nicht-kommunikativer Handlungen bestehen. Und schließlich sollte die vorgefundene soziale Situation aus einer vielfältigen Anzahl an Akteuren bestehen, d.h. Jung und Alt, Mann und Frau, Singles, Ehepaare, Einzelgänger und Gruppen, sollten dort theoretisch warten können.

Daraufhin fiel mir nur ein Ort ein, der all dieser Kriterien zu erfüllen vermochte. Die Bushaltestelle! Zu jeder erdenklichen Tageszeit finden sich dort Menschen, die, mal alle gemeinsam, mal jeder für sich, auf den Bus warten. Genauer gesagt handelt es sich dabei um die Bushaltestelle, an der ich auch jedes Mal auf den Bus warte, wenn ich bspw. zur Universität oder in die Innenstadt fahren möchte. Noch genauer gesagt: Es handelt sich um die Haltestellenpunkt „Meißnerstraße“ der Linie 2 des Busunternehmens „Kevag“, die vom Koblenzer Stadtteil Karthause, über den Hauptbahnhof und bis hin in die Innenstadt fährt.

3. Das Feld - Bushaltestelle Meißnerstraße

Wie bereits erwähnt: Die ausgewählte Bushaltestelle ist diejenige, an der ich auch warte, wenn ich mal mit dem Bus fahre. D.h. auch, dass sie mir natürlich schon vorher bekannt war. Allerdings habe ich die anderen, ebenfalls wartenden, zukünftigen Busmitfahrer so gut wie nie bewusst wahrgenommen oder beobachtet, da ich mir die Zeit lieber damit vertrieb, Musik zu hören, etwas zu lesen oder regungslos auf den unfreundlich-grauen Boden vor mir zu starren. Deswegen bestand keine Gefahr, irgendwie von etwas beeinflusst worden zu sein, was ich dort schon im Vorfeld erlebt hatte.

Die Bushaltestelle befindet sich auf der Karthause, dem größten Stadtteil von Koblenz. Die Buslinie 2 hält dort, fährt über das Bundesarchiv, am Hauptbahnhof vorbei bis in die Innenstadt. Am Löhr-Center dreht der Bus und fährt den gleichen Weg wieder zurück. Dementsprechend befindet sich gegenüber der von mir besuchten Haltestelle ebenfalls eine Haltestelle. Da man dort aber in der Regel aussteigt und nur selten auf den Bus gewartet wird, kam sie für meine Feldforschung nicht in Frage.

In unmittelbare Nähe zu der von mir ausgewählten Bushaltestelle befindet sich sowohl eine Fachhochschule, als auch ein Schulkomplex, bestehend aus Gymnasium, Real- sowie Hauptschule. Aus diesem Grund sind um die Mittagszeit in der Regel viele Schüler und Studenten an der Haltestelle oder im Bus anzutreffen. Überquert man die Straße – und ignoriert die gegenüberliegende Haltestelle – führt einen der Weg in das Neubaugebiet auf der Karthause. Die Straße muss allerdings nicht auf direktem Weg überquert werden, da eine Brücke über die vielbefahrene Straße führt. Diese Brücke leitet erst an dem Lokal „Karthäuser Treff“ vorbei, vor dessen Türe ein kleines Kinderkarussell steht, bestehend aus der surreal anmutenden Kombination aus einem unangebracht fröhlichem Känguru, einem übermüdeten Zwerg und einem sich unbeteiligt mitdrehenden Schlumpf.[1] Eine Treppe, die von zahlreichen Sträuchern und kleinen Bäumen umrandet wird, führt dann hinunter zur Bushaltestelle. Diese besteht im Prinzip nur aus einem kleinem Haltestellenhäuschen, dessen Dach von zwei Werbefenstern getragen wird, deren Plakatinhalt alle zwei Wochen ausgetauscht wird. Von Anti-Alkohol-Kampagnen über Zigarettenwerbung fanden sich viele unterschiedliche Produkte, Stiftungen oder Veranstaltungen in den Glaskästen wieder. In dem Bushaltestellehäuschen selbst befinden sich drei Sitzgelegenheiten aus orangem Plastik. Eine davon besticht durch einen auffälligen, karamellfarbenen Brandfleck, was u.a. zur Folge hatte, das dort nie jemand platznahm. Hinter dem Bushaltestellenhäuschen ist eine schmucklose Mauer platziert wurden, die das pflanzliche Gestrüpp davon abhält auf die Bushaltestelle überzugreifen. Auf der einen Seite neben der Haltestelle befindet sich ein permanent überfüllter Mülleimer, auf der anderen Seite befindet sich ein Stadtplan der Karthause und auf dem Haltestellenhäuschen selbst, ragt das obligatorisch gelb-grüne „H“ für „Haltestelle“ in die karthäuser Luft. Die Haltestelle an sich besteht jedoch nicht nur aus dem Bushaltestellenhäuschen. Links und rechts wird der Bürgersteig durch eine Einfahrt abgegrenzt, die einmal zum Gymnasium führt, einmal zu einem Parkplatz. Durch diese beidseitige Begrenzung ist dieser Abschnitt nochmal zusätzlich als Einheit gekennzeichnet, was wohl auch der Grund ist, warum sich dort ausschließlich Menschen finden, die auf den Bus warten. Als natürlicher Gehweg für Anwohner & Co. spielt dieser Raum keine Rolle, da es ausreichend Wege gibt die außen herum führen. Dort steht also nur, wer mit dem Bus fahren möchte. Der im Bushaltestellenhäuschen befindliche Fahrplan erklärt, dass der Bus ab 5 Uhr morgens immer um .06 und .36 kommt. Das geht bis 20:06 Uhr so, dann hält er nur noch einmal pro Stunde. Der letzte Bus fährt um 23:06. An Sonn- und Feiertagen ist dies den ganzen Tag so.

4. Die Arten des Wartens

Über drei Monate hinweg habe ich versucht regelmäßig an der Bushaltestelle vorbeizuschauen. Abgesehen von einer Periode gen Mitte Dezember, während der die Temperaturen so niedrig und der Wind so aggressiv waren, dass Aufzeichnungen dank der vor dem Abfrieren der Finger rettenden, dicken Handschuhe, unmöglich wurden. Ansonsten war ich allerdings, neben eigennützigen Besuchen, da ich selbst mit dem Bus fahren musste, mindestens einmal pro Woche anwesend. Immer zu anderen Zeiten und für jeweils zwei Halteperioden. Dabei erschien ich in der Regel 15-10 Minuten vor dem geplanten Eintreffen des Busses. Einfach aus dem Grund, um der erste an der Bushaltestelle sein zu können und in der Lage zu sein, die jeweilige „Entwicklung des Wartens“ vollständig mitzuverfolgen. Bis auf den 22. Dezember 2011 gelang es mir auch.[2] Während ich zu Beginn noch unvoreingenommen wartete, um erste Eindrücke zu gewinnen, was generell so während des Wartevorgangs passiert, um mich daraufhin dann speziellen Themen zu widmen, entwickelten sich meine Beobachtungen mit der Zeit konkret in die Richtung, dass ich darauf achtete, wie Kommunikation an einer Bushaltestelle vonstattengeht und, wenn keine direkte Kommunikation stattfand, wie sich ansonsten die Zeit vertrieben wird. Nachdem ich anfangs also allgemeingültige Notizen zu Papier brachte, war es im Laufe der Zeit so, dass sich mein Blick darauf konzentrierte, herauszufinden was welche Personengruppe tat während sie wartete, um mögliche kulturelle Muster auszumachen, die dann zu einer „Typisierung des Wartens“ ausgebaut werden könnten. Nach zahlreichen Sitzungen sah ich mich dann nach gut 2 Monaten dazu in der Lage, verschiedene „Arten des Wartens“ identifiziert und verstanden zu haben.

Der Ablauf des Wartevorgangs an einer Bushaltestelle bietet nicht viel Spielraum zur Variation. Die zukünftigen Buspassagiere erscheinen in der Regel 4 bis 5 Minuten vor dem geplanten Eintreffen des Busses und stellen sich an eine Stelle des Haltestellenabschnitts. Diese wird meist eingehalten bis der Bus schließlich eintrifft.[3] Warten mehrere Menschen auf den Bus, wird darauf geachtet, dass zum jeweiligen Nachbarn ein bestimmter Abstand eingehalten wird, um nicht den Eindruck von Aufdringlichkeit zu erwecken. Der als angebracht empfundene Abstand nimmt sukzessiv ab, wenn die Anzahl an wartenden Personen zunimmt. Das Sitzplatzangebot wurde generell nur selten in Anspruch genommen, von kleineren Kindern bis 7-8 Jahren, Gehbehinderten und älteren Menschen aber überdurchschnittlich oft.

[...]


[1] Ich bilde mir ein, dass die Musik, die jedes Mal ertönt, wenn ich daran vorbeigehe, tatsächlich nur ertönt, wenn ich dort vorbeigehe! Von der Bushaltestelle aus, habe ich mehrfach beobachtet, wie verschiedene Personen, ohne Musikuntermalung, dort vorbeigelaufen sind.

[2] Damals war ich um 16:55 Uhr anwesend, traf aber schon auf ein blondes Mädchen, dass die Haare zum Pferdeschwanz gebunden hatte und sich gerade von ihrer Mutter verabschiedete. Sie lief ein paar Mal nervös an der Haltestelle hin und her und sah dabei mehrfach auf den Fahrplan. Noch bevor der Bus bzw. andere potentielle Passagiere den Weg zur Haltestelle fanden, hielt aber ein schwarzer Ford-Fiesta an und das Mädchen stieg dort ein.

[3] Ausnahmen: Man informiert sich über den Fahrplan, meist geschieht das aber bevor man sich einen konkreten Warteplatz ausgesucht hat; man trifft eine bekannte Person und nähert sich ihr an; man sucht Schutz aufgrund von Niederschlag; man bewegt sich, um die Zeit zu vertreiben oder sich zu wärmen (s. S.13)

Details

Seiten
12
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656268703
ISBN (Buch)
9783656269410
Dateigröße
577 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v200748
Institution / Hochschule
Universität Koblenz-Landau
Note
2,3
Schlagworte
Ethnografie Bushaltestelle Warten

Autor

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Titel: Ethnografie - Die Arten des Wartens an einer Bushaltestelle