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Tage am Abgrund - Die Berlin-Politik in Zeiten der Kuba-Krise und des Atomteststoppvertrags

Hausarbeit 2012 28 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nachkriegszeit, Kalter Krieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG

2. DIE KUBAKRISE UND BERLINPOLITIK ALS INTERNATIONALE ZERREIßPROBE
2.1 DIE SECHZIGER JAHRE ALS POLITISCH-TECHNOLOGISCHER EPOCHENWANDEL
2.2 DEUTSCHLANDPOLITIK KENNEDYS IN DER BERLIN- UND KUBAKRISE
2.3 KONSULTATIONS- ODER INFORMATIONSPOLITIK IM WESTBÜNDNIS?

3. TAUWETTER IN DER KARIBIK - KUBA UND DIE FOLGEN
3.1 WAHRNEHMUNG UND BEDEUTUNG FÜR DIE DEUTSCHE BEVÖLKERUNG
3.2 KONSEQUENZEN FÜR DIE BLOCKBILDUNG
3.3 ABSCHLUSS DER RÜSTUNGSKONTROLLVEREINBARUNGEN

4. SCHLUSSBETRACHTUNG

5. QUELLEN- UND LITERATURVERZEICHNIS

1. Einleitung

Der amerikanische Präsident John F. Kennedy betonte am 27. Juli 1961 gegenüber den Vereinigten Stabschefs: „We must consider Cuba and Berlin togehther, not separately“1. Kuba und Berlin waren Ausdruck einer allumfassenden Problematik, die - verstärkt - bereits seit dem Ende des zweiten Weltkriegs die Tagespolitik beherrschte. Geist und Macht im Kalten Krieg waren per definitionem nicht von selber Bedeutung. Das Verständnis für diese Begriffe wurde durch ideologische Gegensätze manifestiert und konstruiert. Manifestiert deshalb, weil bereits seit der Oktoberrevolution 1917 die Sowjetunion durch die kommunistische Weltanschauung geprägt wurde und der Kapitalismus seit der Verfassung von 1787 im amerikanischen System fest verankert waren. Beide politischen Anschauungen schlossen eine ideologische Koexistenz aus, mussten aber erkennen, dass sie de facto vorhanden war. Obwohl Entspannungsbemühungen und eine gegenseitige Anerkennung (mit Überwindung) des Status Quo zu einer Mäßigung im Verhältnis Amerikas und der Sowjetunion geführt haben, konnte erst die Neukonstruktion der Weltanschauung und Folge des Epochenjahrs 1989, den Kalten Krieg beenden. Eine wesentliche Zäsur in der politisch-technologischen Hinsicht war die verschärfte Kuba-Krise im Herbst 1962. Fern von Übertreibung kann man annehmen, dass die Welt noch nie so nah vor einem atomaren Weltkrieg stand. Will man die Höhepunkte des Ost-West- Konflikts beleuchten, so stößt man unweigerlich auf die Begriffe Kuba und Berlin. Berlin und Kuba nicht als voneinander zu betrachtende Ereignisse, sondern zu begreifen als einen politischer Spannungsrahmen, der sein Herzstück in Europa findet und sein Spielfeld über das amerikanisch- sowjetische Territorium definiert. Die Deutschlandpolitik war im „Kalten Krieg“ mehr als ein bloßes transatlantisches Verhältnis, dessen Verständnis auf einem gegenseitigen materiellen und immateriellen Austausch basierte. Deutschland war nach dem zweiten Weltkrieg zu einem Schauplatz internationaler aber insbesondere ideologischer Spannungen geworden, zugleich aber eine „empfindliche Grenze“ zwischen dem Osten und Westen. Das Interesse der Sowjetunion an Ostdeutschland lag nicht nur im Gedanken einer militärischen Pufferzone, sondern vielmehr im geopolitischen Vorhandensein des Kommunismus in Zentraleuropa. Berlin ist daher nicht nur Ort, Ursache und Konsequenz internationaler Anspannung, sondern ebenso eine geographische Parallele zu Kuba. Wie (West-)Berlin an den territorialen Türen der Sowjetunion klopfte, so war Kuba ein kommunistisch Verbündeter in unmittelbarer Nähe der Vereinigten Staaten. So lag also allein aus geopolitischen Gründen eine unbedingte Priorität im Erhalt eines westlich orientierten Berlin und ebenso von der Kehrseite betrachtet, im Erhalt eines kommunistisch-gefestigten Kuba. An den Verfasser dieser Hausarbeit stellte sich die Frage, welche Aspekte beleuchtet und welche fallengelassen werden müssen. Nicht weil sie weniger wichtig waren, sondern weil es den Rahmen der Konzentration auf einen wesentlichen Aspekt und zugleich Umfang der Hausarbeit sprengen würde. Zeitlich orientiert sich diese Hausarbeit daher an der Berlinpolitik in Zeiten der Kuba-Krise (1962) und ihren Folgen einer internationalen Entspannungspolitik (1963). In einer kurzen historischen Einordnung werden die beginnenden 60er Jahre als politisch-technologischer Epochenumbruch dargestellt. Insbesondere soll der gesellschaftliche und politische Tenor aufgegriffen werden um ein Verständnis für die darauffolgenden Kapitel zu verschaffen. Nach einer Skizzierung außenpolitischen Rahmenbedingungen vor der Krise, wird im darauffolgenden Kapitel die Konsultations- und Bündnispolitik der Bundesrepublik thematisiert. Die inhaltliche Klimax des zweiten Kapitels findet schließlich in der kritischen Betrachtung des Krisenmanagements der Bundesregierung unter Bundeskanzler Adenauer ihren Höhepunkt. Der zweite Hauptteil beginnt mit dem gesellschaftlichen Geist in Deutschland während der Kubakrise. Gefragt werden soll schließlich nach der Bedeutung und Wahrnehmung der „Tage am Abgrund“ innerhalb der deutschen Bevölkerung. Als Konsequenz der Kuba-Krise nennt die vorliegende Hausarbeit zwei verschiedene Stränge: einerseits innerhalb der europäischen Blockbildung, andererseits in Form eines institutionalisierten Rüstungskontrollvertrages, der am vorläufigen Ende der internationalen Anspannung und zugleich Beginn einer globalen Entspannungspolitik, steht. Zusammenfassend beleuchtet die vorliegende Hausarbeit die Berlinpolitik hinter den Kulissen der Kuba-Krise. Diese Fokussierung soll eine historische Wiederholung der Kuba-Krise aus amerikanischer Sicht verhindern, zum anderen aber einen Blick auf die Deutschen Positionen und Reaktionen in Zeiten während und nach der Krise ermöglichen.

2. Die Kubakrise und Berlinpolitik als internationale Zerreißprobe

2.1 Die sechziger Jahre als politisch-technologischer Epochenwandel

Im kommenden Kapitel sollen die gesellschaftlichen, politischen und technologischen Veränderungen kurz skizziert werden. Weiter wird die Chronologie der Kuba-Krise in den historischen Rahmen eingeordnet.

Ohne die Gründe zur Entstehung zweier ideologischer Gegensätze begründen zu wollen, gilt es dennoch einen kurzen Blick auf das vergangene Jahrhundert zu werfen: War die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts von der europäischen Vorherrschaft geprägt - einerseits durch den einseitigen europäischen Einfluss auf die USA, andererseits durch den europäisch-gefestigten Nationalstaatsgedanke - so zerfiel dieses multiple Staats- und Mächtekonstrukt nach dem zweiten Weltkrieg in eine bipolare Aufteilung zwischen Ost und West begründete den Aufstieg der Vereinigten Staaten und der Sowjetunion von den Randstaaten hin zu zentralen Hegemonien ihres jeweiligen Systems. Will man die „heiße Phase“ des Ost-West-Konfliktes in einen zeithistorischen Rahmen fassen, so stößt man unweigerlich auf zwei Ereignisse, die die internationalen Beziehungen politisch und technologisch veränderten: Der Sputnik-Schock als Anfangsmarke auf der einen, die Rüstungskontrollvereinbarungen als vorläufiges Ende auf der anderen Seite. Mit dem Start eines sowjetischen Erdsatelliten am 4. Oktober 1957 gelang es der UdSSR erstmals im Weltall die Erde zu umkreisen. Entscheidend war nicht der innovative Charakter, sondern das Zeichen sowjet- technologischer Überlegenheit - oder abgeschwächt: das kräftemäßige Gleichziehen mit den Vereinigten Staaten. Mit dem Start der Sputnik-Rakete war fortan der Bau von Interkontinentalraketen möglich. Dies wiederrum bedeutete einen Verlust der amerikanischen Festung und Sonderstellung in der Welt: Die Vereinigten Staaten fanden sich plötzlich in einem ebenso verwundbaren Zustand wieder, wie die europäischen Länder. Diese Tatsache zwang die Vereinigten Staaten zu einer Neudefinierung ihrer außen- und sicherheitspolitischen Rolle. Heinrich Potthoff nennt das „Gleichgewicht des Schreckens“ und die Gefahr eines sich gegenseitig auslöschenden Atomkriegs, als die entscheidenden Beweggründe für einen langsamen Prozess, die gegensätzlichen Anschauungen durch eine systematische Entspannungspolitik (Détente) zu entschärfen.2 Während der Gründungskanzler Konrad Adenauer eine Politik der unbedingten Westintegration verfolgte, traten die Sozialdemokraten entschieden für eine Wiedervereinigung ein. Diese Debatte sollte die „Grabenkämpfe“ bis in die beginnenden sechziger Jahre hinein verfolgen und insbesondere die Geschehnisse um das so genannte Berlin-Ultimatum begleiten. Im November 1958 bahnte sich ein erneuter Konflikt zwischen dem Osten und Westen an, nachdem der sowjetische Parteichef Nikita Chruschtschow den Vier-Mächte-Status infrage stellte. Zudem forderte er Verhandlungen mit der Intention, Berlin (West) in eine „freie Stadt“ zu verwandeln3, damit der DDR die Kontrolle über sämtliche Zugangswege nach Berlin übertragen werden konnten um den Flüchtlingsstrom in den Westen zu stoppen. Gegebenenfalls sollten einseitige Maßnahmen in Form eines Friedensvertrags mit der DDR geschlossen werden. Der Westen weigerte sich jedoch über zwei Jahre auf diese Forderungen einzugehen. Eine Verhandlung über solche Maßnahmen hätte zugleich eine Anerkennung der DDR als Staat bedeutet, was um jeden Preis vermieden werden musste, hatte doch die Bundesrepublik seit der Hallstein-Doktrin (1955) den Alleinvertretungsanspruch geltend machen wollen. Von amerikanischer Seite vertrat der junge Präsident John F. Kennedy seit 1960 eine neue Art von „Grand Design“, das im späteren noch einmal angesprochen werden soll. Nach dem Wiener-Gipfel im Juni 1961 und einer äußerst angespannten Lage in Berlin, verkündete der amerikanische Präsident in einer Fernsehrede seine drei Grundsätze (three essentials) amerikanischer Politik auf dem europäischen Kontinent: 1. Uneingeschränkte Präsenz der West- Alliierten in West-Berlin 2. Freier Zugang zu West-Berlin 3. Recht der West-Berliner zur freien Wahl ihrer Lebensform.4 Mit dem Rückgriff auf diese Grundsätze war es den USA unmöglich, sich aus der causa Berlin zurückzuziehen, war doch ihre Glaubwürdigkeit als Bündnispartner gegenüber der NATO mit dem Engagement in Berlin verbunden.5 Auf Ost-Deutscher Seite verfestigte sich zu Beginn der 60er Jahre die Befürchtung, dass mit den hohen Auswanderungszahlen und somit Wegfall qualifizierter Arbeitskräfte ein völliger Staatskollaps der DDR drohte. Mit dem Bau der Berliner Mauer wurde der Abwanderung und Massenflucht (teilweise bis zu zwei Tausend Menschen täglich) ein entscheidendes Zeichen entgegengesetzt. Der „eiserne Vorhang“6 (Churchill) war somit nicht nur bloße Floskel, sondern fassbare Realität. Warum aber war der Beginn der sechziger Jahre eine „Zäsur“7 im engeren Sinne? Münger nennt hier die Veränderungen der internationalen Politik und begründet sie durch zwei entscheidende Argumente. Einerseits habe die amerikanische Verwundbarkeit gegenüber dem Rest der Welt mit den technologischen Neuerungen durch die Sowjetunion ein Ende genommen, andererseits sei der wirtschaftliche aber auch politische Wiederaufstieg Europas abgeschlossen gewesen. „Als Folge dieser Entwicklung gewann die seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs die transatlantischen Beziehungen bestimmende Dialektik zwischen amerikanischem Hegemonialanspruch und den Bemühungen der Verbündeten, sich von der Supermacht zu emanzipieren, an konfliktträchtiger Dynamik.“8 Insbesondere zeigte sich im Juni 1961 eine erneute Unsicherheit im westlichen Bündnis, weil man nicht wusste, wie man auf ein wiederholtes Berlin-Ultimatum Chruschtschow reagieren sollte. Deutschland und Frankreich befürchteten, dass bei einer Annäherung und damit Konfliktbeilegung der beiden Supermächte möglicherweise eigene nationale Interessen übergangen werden konnten.9 Von amerikanischer Seite sollte eine möglichst zentralistische Führung im westlichen Bündnis angestrebt werden, wie Kennedy in einem Memorandum an seinen Außenminister Dean Rusk empfiehlt: „I want to take a stronger lead on Berlin negotiations […] We should make it plain to our three Allies that this is what we mean to do […] The Allies must come along or stay behind.”10 Damit begründeten die Vereinigten Staaten nicht nur ein Umdenken ihrer Ost-West-Politik mit dem Ziel einer langfristigen „Détente“11, sondern auch einen grundlegenden Wandel in der Europapolitik. Notwendig waren die eingeleiteten Veränderungen auch deshalb, weil amerikanische Wirtschaftsexperten zu Beginn der 60er Jahre einen Machtkampf zwischen einem geeinten Europa und den USA vorhersagten.12 Eine geistig- politische Wende erfuhr das internationale Gefüge auch aufgrund der neuen politischen Zielrichtung John F. Kennedys. Sein Vorgänger im Amt des amerikanischen Präsidenten Dwight D. Eisenhower erklärte sich noch bereit, den Alliierten die nukleare Teilhabe zu ermöglichen und ihnen bei einem Aufbau von nationalen Nuklearwaffenarsenalen Unterstützung zu gewähren. Der neue amerikanische Präsident verwarf diese Richtung, mit dem Ziel einer Politik der Nonproliferation, was die amerikanische Bündnistreue in europäischen Augen fraglich erschienen ließ.13 Um den historischen Rahmen dieser Ausarbeitung zu wahren, gilt es die Berlinkrise außen vor zu lassen und im kommenden Kapitel die Folgen näher zu betrachten. Insbesondere sei der Blick auf das sowjetische Engagement in Kuba geschärft. Zeitgleich mit Eisenhowers europäischer Politik der nuklearen Teilhabe, lieferten Länder des Warschauer Paktes bereits seit September 1960 Waffen und militärische Ausrüstungen an Kuba.14 Beachtlich war, dass kein anderes Land der Dritten Welt so massiv unterstützt wurde, wie die karibische Insel vor der amerikanischen Küste. Ein ausgeprägtes Merkmal der neuen sowjetischen Kuba-Politik lag in den Investitionen: Durch sowjetische Hilfe und wirtschaftliche Impulse sollten die innerstaatlichen Kräfte derart stabilisiert werden, dass keine Gefahr einer oppositionellen Revolution mehr bestand.15 Fidel Castro, der auf der kubanischen Insel - nur 180 Kilometer von der amerikanischen Küste entfernt - bereits seit 1959 regierte, verstaatlichte entschädigungslos amerikanischen Besitz und Investitionen in einer Größenordnung von über einer Milliarde Dollar. Zu einer Verhärtung der amerikanisch-sowjetischen Beziehungen kam es im Januar 1961. Mit dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen Washingtons bestätigte sich, was Tenor der westlichen Hemisphäre war: eine „Politik der Stärke“ und „Eindämmung“ des sowjetischen Vordringens.16 Die Vereinigten Staaten versuchten seit dem Beginn der 60er Jahre den kommunistischen Einfluss auf den zentralamerikanischen Kontinent zurückzudrängen. Im April 1961 begann die von der CIA organisierte Operation „Zapata“ (Landung von ca. 1500 Exilkubanern) in der Schweinebucht. Die Verkalkulierung der anzutreffenden Verhältnisse und der fehlende Revolutionswille auf kubanischer Seite, ließen diese Operation bereits nach drei Tagen scheitern.17 Mitten in diese angespannte Zeit fielen zudem der Mauerbau und das vorhergegangene Gipfeltreffen zwischen Kennedy und Chruschtschow. Trotz der missglückten „Schweinebucht-Affäre“ versuchten die Amerikaner weiterhin Operationen zum Sturz Castros zu organisieren („Mongoose“ im November 1961). Nachdem die Vereinigten Staaten Miami im Januar 1962 zur größten CIA-Basis (600 Offiziere, 3000 Exilkubaner, eigene Flotte und Luftwaffe) ausbauten und Vorbereitungen für ein groß angelegtes Landesmanöver „Ortsac“ vorgenommen waren, verhärtete sich auf sowjetischer Seite der Verdacht, dass die Amerikaner ein ernsthaftes Interesse daran haben könnten, in absehbarer Zeit auf Kuba zu intervenieren.18 Im April 1962 wurden erste Überlegungen auf Seiten Chruschtschows unternommen, Raketen in der Karibik zu stationieren. Diese Überlegungen wurden am 21. Mai durch das sowjetische Präsidium des Zentralkomitees manifestiert. Nachdem in den Folgetagen auch die kubanische Regierung dem Unternehmen zustimmte, begann im Juni die Operation „Anadyr“. In ihrer endgültigen Form sollte die Stationierung 50 000 Mann, eine MiG-21-Staffel, 42 Bomber vom Typ IL-28, 144 SA-2-Abschussrampen sowie 11 U-Boote (7 davon mit Atomraketen), 36 SS-4- Mittelstreckeraketen und 24 SS-5-Interkontinentalraketen mit atomaren Sprengköpfen umfassen.19 Chruschtschow erklärte rückblickend: „Die Amerikaner hatten unser Land mit Militärbasen umgeben und bedrohten uns mit nuklearen Waffen. Nun sollten sie lernen, wie es ist, wenn feindliche Raketen auf einen gerichtet sind. Wir wollten nicht mehr und nicht weniger, als sie ihre eigene Medizin probieren lassen.“20 Im August sprach der CIA-Direktor John McCone das erste Mal von einer möglichen Stationierung von Atomwaffen auf Kuba. Zwar war die Mehrheit der Geheimdienstler von einer defensiven Mittelverwendung überzeugt, doch machte McCone deutlich, dass es sich bei einer Lieferung von Luftabwehrraketen um den Schutz besonderer militärischer Anlagen handeln müsse - Mittelstreckenraketen, für die sich ein solcher Aufwand lohne.21 Nicht tatenlos nahmen die Amerikaner die Vorgänge auf Kuba hin: Kennedy warnte die UdSSR bereits Anfang September vor einer Stationierung von Nuklearwaffen, wiederholte seine Warnung einige Tage später und betonte, dass im Falle einer offensiven Aufrüstung alles getan werde, um die Vereinigten Staaten vor möglichen Gefahren zu schützen. Ende September ermächtigte der Kongress die amerikanische Regierung zu einem möglich militärischen Einsatz auf Kuba. Am frühen Morgen des 16. Oktobers fotographierten U-2-Aufklärungsflugzeuge Bauteile von Abschussrampen, Lastwagen und sowjetische Baugeräte bei San Cristobal, Kuba.22 Nach einer Unterrichtung, in der der Sicherheitsberater McGeorge Bundy den amerikanischen Präsidenten über den Aufbau von kurz- und Mittelstreckenraketen auf Kuba informierte, lag die Deutung nahe, dass Chruschtschow mit diesem Schachzug seine Position in Berlin verbessern wolle.23 Zuvor hatte der sowjetische Botschafter Anatoli Dobrynin noch versichert, dass auf Kuba keine Raketen stationiert seien und auch nicht die Intention bestünde Rakete zu installieren.24 Bereits wenige Stunden nach Veröffentlichung der Aufklärungsbilder traf sich Kennedys Beraterstab in Zusammensetzung ausgewählter Kabinettmitglieder unter dem Namen „Executive Committee of the National Security Council“ (ExComm)25. Obwohl sich die Meinungen über das weitere Vorgehen widersprachen, bleibt dennoch festzuhalten, dass alle Mitglieder davon überzeugt waren, dass die Raketen beseitigt werden müssten. Insbesondere die militärischen Berater und vereinigten Stabschefs befürworteten einen Luftschlag gegen gewählte Stützpunkte auf Kuba. Andere wiederrum (und unter ihnen Präsident Kennedy), sprachen sich für eine Blockade Kubas aus, um weitere Anlieferungen zu unterbinden und der Gegenseite die Möglichkeit einzuräumen ihr Vorgehen noch einmal genau zu überprüfen. Am selben Tag empfing der amerikanische Präsident den sowjetischen Außenminister Gromyko - unter Zurückhaltung der Informationen über die Vorgänge in Kuba. Der sowjetische Außenminister leugnete, dass auf Kuba Raketen stationiert seien oder stationiert würden. Gromyko war einer der wenigen sowjetischen Diplomaten, der über die Stationierung der Kurz-und Mittelstreckenraketen auf Kuba informiert wurde.26 Am 22. Oktober 1962 unterrichtete Präsident Kennedy die Bevölkerung von den Vorgängen auf Kuba und den Reaktionen der Vereinigten Staaten: Das „ExComm“ hatte sich für die Verhängung einer partiellen Seeblockade mit Gültigkeit ab dem 24. Oktober, 10 Uhr (partiell deshalb, weil man zivile Frachter passieren ließ) gegen Kuba entschieden, die bis zum Abzug der Raketen andauern sollte.27 Die Seeblockade wurde bewusst als „Quarantäne“ kommuniziert, um eine Erinnerung an die „Berlin-Blockade“ zu vermeiden. Am Vormittag des 24. Oktober wurde zudem die Alarmbereitschaft für das Strategische Luftwaffenkommando SAC auf DEFCON-2 erhöht.28 Die sowjetischen Schiffe erreichten um die Mittagsstunde die Sperrzone von 500 Meilen, von denen als erstes ein panamaischer Frachter kontrolliert wurde, „um auf diese Weise die amerikanische Entschlossenheit zu unterstreichen, ohne dabei unnötige Risiken einzugehen.“29 Chruschtschow gab Befehl die am 25. Oktober eintreffenden Schiffe umkehren zu lassen. Einerseits verbreitete diese Nachricht große Erleichterung, andererseits hinterließ sie eine ungelöste Frage über die bereits stationierten Raketen. Zeitgleich verhärtete sich die Kommunikation zwischen den beiden Blöcken.

[...]


1 Münger, Christof, S. 202

2 Vgl. Potthoff, S. 14

3 Ebda., S. 16

4 Vgl. ebda., S. 16

5 Vgl. Münger, S. 19

6 In Schlenke, S. 574

7 Potthoff, S.13; Münger, S. 20

8 Münger, zitiert nach Conze, Eckart, S. 20

9 Vgl. ebda., S. 19

10 Kennedy am 21.8.1961 in Münger, S. 19

11 Vgl. ebda., S. 19

12 Vgl. Schertz, S. 154

13 Vgl. Münger, S. 21

14 Vgl. Steininger, S. 131

15 Vgl. Greiner, S. 24;

16 Vgl. Potthoff, S. 14

17 Vgl. Steininger, S. 132

18 Vgl. ebda., S. 133

19 Vgl. Judt, S. 310

20 In Steininger, S. 32

21 Vgl. Greiner, S. 24; Anmerkung ebda.: „An diesem 23. August fielen noch keine endgültigen Entscheidungen. Aber die Stoßrichtung war klar vorgegeben. Das ‚Problem Kuba‘ sollte so schnell wie möglich und gewaltsam aus der Welt geschafft werden. Von politisch-diplomatischen Initiativen ist im Beschlussprotokoll mit keinem Wort die Rede. Eindeutig war ein Wendepunkt in der amerikanischen Kuba-Politik erreicht. Von diesem Zeitpunkt an kam es zu einer Radikalisierung und Militarisierung. Sieben Wochen vor den ersten Luftaufnahmen und drei Wochen vor dem Entladen der ersten Raketen in kubanischen Häfen begann der ‚Countdown‘“.

22 Vgl. Abel, S. 32

23 Vgl. Münger, S. 202

24 Vgl. Judt, S. 311

25 Anmerkung Judts hierzu: „Die Protokolle der Diskussionen, von Kennedy heimlich auf Tonband aufgenommen, liegen, von Ernest R. May und Philip D. Zelikow sorgfältig transkribiert und mustergültig ediert, nunmehr vor.

26 Vgl. Münger, S. 203

27 Vgl. Judt, S. 313; Münger, S.203

28 Vgl. Steininger, S. 135; Anm.: dieses Kommando blieb einzigartig in der amerikanischen Geschichte. DEFCON- 1 ist jene Stufe, die ausgerufen wird, wenn ein Atomkrieg begonnen hat

29 Judt, S. 314

Details

Seiten
28
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656268642
ISBN (Buch)
9783656269199
Dateigröße
515 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v200768
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn – Politische Wissenschaft und Soziologie
Note
1.7
Schlagworte
Cold War Kalter Krieg Berlinpolitik Außenpolitik USA Bundesrepublik Kennedy Adenauer Chruschtschow 1962 Berlin Kubakrise Deutschlandpolitik

Autor

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Titel: Tage am Abgrund - Die Berlin-Politik in Zeiten der Kuba-Krise und des Atomteststoppvertrags