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Pulp Fiction - Komödie oder Gewaltverherrlichung?

Seminararbeit 2012 17 Seiten

Filmwissenschaft

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Gewaltdarstellung
2.1. Gewalt im Kino/Film
2.2. Gewalt bei Tarantino – Das Blut wird fließen

3. Die Zelebration der Gewalt als Komik
3.1. Der rote Faden aus Blut – Erzählstrukturen
3.2. Pulp Fiction – Eine schwarze Komödie

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Potenzial der Gewalt liegt von je her in ihrer schockierenden Wirkung. Ob psychisch oder physisch – sie wirkt. Sie zerstört, schockiert, traumatisiert und überwältigt den Menschen. Paralysiert blickt der Betrachter auf das Gesehene. Gleichzeitig aber löst das Betrachten von Gewalt auch eine Ambivalenz beim Publikum aus. Neben der Schockwirkung setzt sie Akzente, erregt Aufsehen. Der Rezipient im Kino erfährt sogar einen Lustgewinn durch das Betrachten von Gewalt. So stellt sich die Frage wo das Potenzial von Gewalt in Filmen liegt und welche Rolle sie dabei spielt. Unterschiedliche Filme stellen Gewalt auf unterschiedlichste Arten dar. So zeichnen sie sich teils durch besonders blutige oder auch realistische Szenen aus, können aber auch durch das bloße Erahnen von Brutalität einen psychischen Schock auslösen. Andere Genres bedienen sich gar einer Parodie von Gewalt. „Die Feier der Gewalt im Kino scheint [aber] noch immer ein Tabuthema zu sein. Der Regisseur Quentin Tarantino bricht dieses Tabu in jedem seiner Filme.“[1] Eine ausführliche Auseinandersetzung mit Gewaltexzessen in allen Tarantino-Filmen würde an dieser Stelle zu viel Raum beanspruchen. Deswegen wird sich die vorliegende Arbeit auf den Aspekt der Gewalt in seinem Klassiker Pulp Fiction[2] beschränken. Dabei soll zunächst die Rolle der Darstellung derselben im Film wie auch die Frage nach der Komik bei Tarantino behandelt werden. Im weiteren Verlauf sollen anschließend Stilmittel im Film untersucht werden. Sie sind besonders wichtig, um den Verlauf der Gewalt zu sehen und werden uns letztendlich zeigen wie die besondere Umsetzung der Gewalt in Pulp Fiction dazu beigetragen hat den Film zu einem Klassiker seiner Zeit werden zu lassen.

2. Gewaltdarstellung

Gewalt übt eine Macht aus. Und diese Macht bietet vor allem dem Medium Film ein erhebliches Potenzial an. Das Kino bildet einen Ort, an dem der Gewalt Raum geboten wird. Sie kann auf jede erdenkliche Art und Weise dargestellt werden. Verwerfliches, Abartiges und Grausames wird aus seinem Rahmen gehoben und in neue Kontexte gesetzt. Die Fiktion der Brutalität setzt sich über die Grenzen unserer Vorstellung hinweg und eröffnet dabei teilweise eine ganz andere Wahrnehmung von Gewalt. Diese Tatsache lässt einen bizarren Gedanken aufkommen: Gewalt kann auch schön sein. Ob es sich in einem solchen Fall um Gewaltverherrlichung handelt, darüber lässt sich streiten. Jedoch sollen die vorliegenden Ausführungen zeigen, ob Gewalt nicht tatsächlich auch Spaß machen kann und wenn ja, warum?!

2.1. Gewalt im Kino/Film

„Gewalt in Filmen gibt es, seitdem es Filme gibt.“[3]

Das oben erwähnte Zitat legt den Grundbaustein für das Interesse an Gewalt im Film. So erwähnt bereits Daniel Kothenschulte in seinem „Aufsatz „Lohn der Angst“ […], dass das Kino schon in seinen ersten Anfängen […] jene Affinität zur Gewalt [entdeckte], die bis heute andauert."[4] Während die Darstellung fiktiver Gewalt in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts sowohl eine hohe Schockwirkung als auch Angst und Panik bei den Zuschauern auslöste, entwickelte sich im Laufe des vergangenen Jahrhunderts ein Lustgewinn an diesen Darstellungen. Der Kick des Verbotenen, Abartigen und auch Absurden ließ eben diesen Lustgewinn zu. Wo die Phantasie des Zuschauers versagte, zeigte das Kino das Unvorstellbare. Die Notwendigkeit Gewalt im Film und in den Medien aufzuarbeiten, entstand aber vor allem auch, weil die reale Gewalt in den siebziger Jahren enorm zunahm. Die Bilder aus den Nachrichten erforderten eine ständige Konfrontation mit der Thematik. Dies trifft insbesondere auf die Aufarbeitung im amerikanischen Kino zu. „Die unaufhörliche Präsenz des Krieges und deren reale Gewalt im amerikanischen Fernsehen erhöhte eine Nachfrage an fiktiver Gewalt im Kino. Diese fiktive Gewalt musste so übersteigert wie möglich dargestellt werden. Nur so konnte eine Distanz zur realen Gewalt geschaffen werden.“[5] Orientierungslosigkeit, Unsicherheit und Werteverfall der amerikanischen Gesellschaft forderten ihre Konsequenzen ein und prägten die jungen Regisseure dieser Zeit. Die Gewalt wurde zum neuen Kernstück des modernen amerikanischen Kinos.

„Filme und Fernsehen dienen wie Träume […] als Ersatzbefriedigung und erfüllen eine wichtige Ventilfunktion für real nicht auslebbare Bedürfnisse: Liebe für den Einsamen, Lachen für den Traurigen, Genugtuung für den Übervorteilten. Rache schlummert in uns allen. […] [D]ie Strategien, seine Aggressionen abzubauen, sind verschieden, aber nicht einfach. Zermalmt von den Mühlen der Bürokratie oder des teuren Justizapparates schrumpfen die Möglichkeiten zum Ausgleich, und der Hass auf Unbestimmtes, das System, auf die ‚da oben‘ wird größer. Die Wut wächst und entlädt sich auch durch den Konsum von Gewaltfantasie auf der Leinwand.“[6]

Das Kino erlebte damit gewissermaßen eine Macht, der sich der Rezipient nicht entziehen konnte. Sobald die Leinwand den Film abspielte, konnte er sich den Bildern und deren Wirkung nicht mehr enthalten. Er war gefangen in einer anderen Welt, vollkommen eingenommen von der Flut an Eindrücken, die er über sich ergehen lassen musste und wollte. Allerdings muss hier beachtet werden, dass die Abfolge von Bildern keine reale Gewalt darstellen. Durch das Prinzip der Montage entwickelt der Film eine eigene Sprache, setzt das Gesehene in einen Kontext und kann so die Wirkung des Gesehenen auf den Rezipienten beeinflussen. Wie schon Korinna Barthel in ihrem Buch erwähnt, handelt es sich bei der abgebildeten Gewalt um eine psychische, die auf den Zuschauer ausgeübt wird. Die abgebildeten Szenen haben nichts mit realer oder personaler Gewalt zu tun. Sie sind lediglich nachgespielt, teilweise ausnahmslos übertrieben dargestellt und wirken nur auf der Leinwand. Der Körper des Rezipienten wird nur indirekt in Mitleidenschaft gezogen. So kann sich die psychische Gewalt durch einen leichten Schock oder durch eine Adrenalinausschüttung bemerkbar machen. Und selbst diese Reaktion ist doch schon bemerkenswert, geht man von der Annahme aus, dass das gerade Gesehene lediglich ein fiktives Abbild von Gewalt ist. Und eben dieser Kick bildet den Lustgewinn, der den Zuschauer immer wieder in das Kino lockt. Er empfindet Vergnügen, da ihm das Kino eine Art Machtgefühl verleiht. Im Hinblick auf dieses Lustempfinden bei der Gewaltdarstellung im Film ist es von besonderem Interesse die Filme Quentin Tarantinos zu begutachten. Der Moment, in dem die Gewalt in seinen Filmen dargestellt wird, ist dabei von besonderem Interesse. Sich mit allen Filmen Tarantinos an dieser Stelle zu beschäftigen, würde hier zu viel Raum einnehmen. Deswegen bezieht sich die vorliegende Arbeit auf seinen 1994 erschienenen Kultfilm Pulp Fiction. Der Film ist im Gegensatz zu anderen Filmen des Regisseurs zwar nicht kontinuierlich von Gewalt durchzogen. Doch es gilt zu untersuchen, ob die filmische Darstellung nicht sogar über ein Lustempfinden hinausgeht, sondern beim Rezipienten auch für reines Vergnügen sorgt. Und wenn dies der Fall ist, wie kommt diese Komik dann zustande?

2.2. Gewalt bei Tarantino – Das Blut wird fließen

„Quentin Tarantinos Filme sind gewaltig. Und sie polarisieren. Entweder wird er für seinen Humor geliebt oder für seine Gewalt gehasst.“[7] Der Regisseur selbst versteht Gewalt als eine rein ästhetische Angelegenheit, die nicht sonderlich ernst genommen werden dürfe. Demnach sind alle seine Werke überwiegend von Gewalt und Brutalität gekennzeichnet. Er bewegt sich dabei gerne in den Milieus der Kleinkriminellen und Gangster. Dabei vermag Tarantino die Ästhetik der Gewalt als eine reine Nebensächlichkeit darzustellen. Diese Darstellung wird in den Alltag der Protagonisten eingebaut und erhält dadurch eine Komik, die kennzeichnend für sein Kino ist. Durchbrochen wird diese Art der Komik aber dennoch immer wieder von Schockmomenten, grausamen Begebenheiten und Darstellungsweisen, die beim Zuschauer Ekel und Schrecken auslösen können. Doch diese Ambivalenz erzeugt die enorme Affinität für Gewalt in den Filmen des Regisseurs.

„Tarantino und Gewalt sind Synonyme in den Köpfen vieler Konsumenten, und es sollte betont werden, dass sich niemand seine Werke ansehen muss. Wer die Filme allerdings genauer analysiert, wird gestehen müssen, dass der Kultregisseur auch sehr unterhaltsamen Pop-Trash fabriziert. Man darf ihn nur nicht zu ernst nehmen und schon gar nicht zu“ wichtig.“[8]

Dies ergibt sich wie schon ausgeführt bereits aus den Intentionen des Regisseurs selbst. Gewalt erschließt sich hier wie ein Dominoeffekt. Sie kommt einfach ins Spiel, sobald der Film ins Rollen gerät. Ihr wird dabei keine besondere Stellung zugewiesen. Unfälle und Morde ergeben sich beinahe beiläufig. Ihnen wird kein dramatischer Höhepunkt eingeräumt. Häufig enttarnen sie sich eher als ein unglückseliges Malheur, als Affekthandlung, die dann von einer Figur beseitigt werden muss, welche alleine zu diesem Zweck erscheint und genauso schnell wieder verschwindet. Fakt ist, es wird Blut fließen und das in nicht allzu geringem Ausmaß. Eine Tatsache, die zum Markenzeichen bei Tarantino geworden ist. Dieses Versprechen lockt Fans ins Kino. Sie erwarten, dass der Regisseur ihres Vertrauens eine Orgie aus Blut, Witz und Absurditäten schafft. Was Kritiker als Trash und Gewaltverherrlichung beanstanden, bedeutet für die Rezipienten den maximalen Lustgewinn. „Wir als lädierte Wohlstandsgesellschaft sehnen uns insgeheim nach dem Vakuum, das den immergleichen Alltag, die Bedeutungslosigkeit des Daseins im unüberschaubaren System, in der Bürokratie, in der Globalisierung und Vermarktung durchbricht, nach der Stille der Schrecksekunde, die die rasanten Aktienkurse, Nachrichten, Lohnkürzungen, Frühbucherpreise und sonstigen Angebote anhält, stoppt, ausblendet. […] Wir gieren nach Schreckensmeldungen, nach dem Ereignis, das die ersehnte Lösung mit sich bringt.“[9] Dieser Lustgewinn ist lediglich durch die besondere Montage von Tarantinos Filmen möglich. Nur so kann der Regisseur, die für ihn so charakterisierende Art des Erzählens produzieren und seine Geschichte in die Form eines Filmes bringen. Was die Gegner der Tarantinischen Ästhetik angeht, so empfinden sie jenen Lustgewinn durch Gewalt als eine Perversion. Eine Verherrlichung von Grausamkeit. Der Mann liebt nun einmal die Gewalt, ohne sich dabei um die Ernsthaftigkeit dieser zu scheren. Während nun der Kritiker lediglich Blut und Grausamkeit sieht, übersieht er jedoch die unglaubliche Überspitzung des Dargestellten. Dadurch kippt die zur Schau getragene Gewalt häufig ins Unrealistische ab. Dieser Aspekt wird dabei gerne ignoriert. Beim Betrachten des Tarantinischen Kinos sollte also eine Sensibilität für das Ungesehene vorhanden sein. So gewaltverherrlichend wie es scheint, ist es nämlich häufig nicht. Dem Regisseur ist es vielmehr ein Anliegen Gegebenheiten, die an anderer Stelle mit Ernsthaftigkeit und Dramatik behandelt werden, auf den Arm zu nehmen. So entsteht auch die in Tarantinos Filmen so häufig herausragende Situationskomik. Demnach ist es besonders wichtig, die Gewalt in den Filmen Tarantinos immer in ihrem Kontext zu betrachten. Zum einen erfordert eine dargestellte Aktion natürlich eine Reaktion, die einen bestimmten Zweck erfüllt und damit weitere Maßnahmen heraufbeschwört. Zum anderen wird das Gemetzel in den blutigen Kultfilmen passend zum Sound und gespickt mit Pop-Kult-Zitaten inszeniert. Ein Blutbad im Diskofieber sozusagen. Harter Stoff für Fans von Liebeskomödien. Zu bedenken sei jedoch, dass diese teils ironische Darstellung von Gewalt nichts mit Zukunftsvisionen unserer Wirtschaft, der Realität unseres Alltags oder natürlichen Begebenheiten unseres Lebensraums zu tun hat. Es ist also offensichtlich, dass Tarantinos Werk nicht nur oberflächlich betrachtet werden kann. Um das Prinzip zu entschlüsseln, muss man immer den Gesamtkontext sehen. Dieser ausführliche Diskurs über Gewalt im Kino generell und die Darstellung von Gewalt bei Tarantino hat ergeben, dass der Regisseur Gewalt gezielt einsetzt. Sie spielt in seinen Filmen eine große Rolle. Wie allerdings auch tendenziell deutlich wurde, taucht sie häufig in einer symbiotischen Verbindung mit Ironie auf. Doch was hat es damit auf sich und wie entsteht diese Ironie im Tarantinischen Film? Da es an dieser Stelle zu umfangreichend wäre, alle Filme des Regisseurs zu betrachten, wird sich diese Arbeit, wie schon angesprochen, lediglich mit der Umsetzung der Gewalt als ironischem Aspekt in seinem Kultfilm Pulp Fiction beschäftigen. Nicht umsonst hat deren Darstellung dazu beigetragen, dass dieses Meisterwerk des Filmes zu einem der Kultfilme unserer Gesellschaft avanciert ist.

[...]


[1] Barthel, Korinna: Das Quentchen Gewalt. Heiße und Kalte Gewalt in den Filmen Quentin Tarantinos. Marburg 2005. S.5.

[2] Film: Pulp Fiction. Directed Quentin Tarantino. 1994. 149 min.

[3] Barthel, Korinna: Das Quentchen Gewalt. Heiße und kalte Gewalt in den Filmen Quentin Tarantinos. Marburg 2005. S. 15.

[4] Ebd.

[5] Ebd. S.18.

[6] Grabowski, Cäcilie: Gewalt als Stilmittel. Warum fließt in Kill Bill soviel Blut? Saarbrücken 2007. S. 5.

[7] Ebd. S. 3.

[8] Ebd. S. 3.

[9] Ebd. S. 4.

Details

Seiten
17
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656268604
ISBN (Buch)
9783656269069
Dateigröße
528 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v200775
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Filmwissenschaft
Note
1.0
Schlagworte
Pulp Fiction Gewalt Komödie Tarantino Gewaltverherrlichung schwarzer Humor Blut Gesellschaftskritik Lustgewinn Fiktion Erzählstruktur shock transition John Travolta Uma Thurman Morgan Freeman Grausamkeit Utopie Träume Kult Witz Kill Bill Inglourious Basterds

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Titel: Pulp Fiction - Komödie oder Gewaltverherrlichung?