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Qualitative Spielbeobachtung 2.0

Ein qualitativ-evaluatives Verfahren zur Verbesserung der Kommunikationsbedingungen im Handball unter dem Fokus der Generierung optimaler Vermittlungsstrategien für taktische Informationen und einer Wirksamkeitsüberprüfung der Methode

Doktorarbeit / Dissertation 2009 431 Seiten

Gesundheit - Sport - Sportarten: Theorie und Praxis

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Trainingswissenschaft als Integrationswissenschaft
1.2 Sportspielforschung zwischen Diagnostik und Intervention . . .
1.3 Wissenschaftstheoretische Einbettung der Arbeit
1.4 Gliederung der Arbeit

2 Forschungsstand
2.1 Forschungsstand Handballspielbeobachtung
2.1.1 Generelle Aussagen zu Spielbeobachtungsverfahren . .
2.1.2 Handballspezifischer Forschungsstand
2.1.3 Abgrenzung der Qualitativen Spielbeobachtung
2.1.4 Beobachtung aus sozialwissenschaftlicher Perspektive
2.2 Geltungsbegründung im qualitativ-interpretativen Paradigma .
2.2.1 Qualitative versus Quantitative Methodologie
2.2.2 Qualitative Sozialforschung
2.2.3 Wissenschaftsphilosophischer Exkurs
2.2.4 Zusammenfassung der qualitativen Ansätze
2.2.5 Gütekriterien in der Sportspielforschung
2.2.6 Validierungsvorschlag Wirksamkeit
2.3 Geltungsbegründung für eine evaluative Forschungsstrategie
2.3.1 Geschichte der Evaluationsforschung
2.3.2 Erkenntnistheorie und Methode der Evaluationsforschung
2.3.3 Wirkung, Kosten und Nutzen
2.4 Subjektwissenschaftliche Fundierung des Lernansatzes
2.4.1 Holzkamps Ansatz der Theorieentwicklung
2.5 Werbung und Qualitative Spielbeobachtung
2.5.1 Theorien zu Recall und Recognition
2.6 Generelle Fragen der Wirksamkeit
2.6.1 Schlüsselkonzepte der Medienwirkungsforschung
2.6.2 Modellvorstellungen zu Medienwirkungen
2.6.3 Entwurf eines trimodalen Wirkungsmodells der QSB
2.7 Sozialer Zugang zum System
2.8 Zentrale Zielstellungen der Arbeit

3 Methode
3.1 Sozialer Zugang zur A-Jugendnationalmannschaft des DHB .
3.2 Qualitative Spielbeobachtung im Handball
3.3 Generierung von Vermittlungsstrategien
3.4 Triangulative Methode der Wirksamkeitsprüfung
3.4.1 Qualitative Interviews
3.4.2 Videotraining
3.4.3 Strategie-Taktik-Abgleich

4 Ergebnisse
4.1 Ergebnisse des sozialen Zugangs
4.2 Praktische Maßnahmen und Erfahrungen
4.3 Ergebnisse der qualitativen Interviews Teil 1
4.3.1 Ergebnisse der Spielerinterviews
4.3.2 Ergebnisse der Trainerinterviews
4.4 Ergebnisse der qualitativen Interviews Teil 2
4.4.1 Ergebnisse der Spielerinterviews
4.4.2 Ergebnisse der Trainerinterviews
4.5 Ergebnisse der qualitativen Interviews Teil 3
4.5.1 Ergebnisse der Spielerinterviews
4.5.2 Ergebnisse der Trainerinterviews
4.5.3 Kommunikative Validierung der Trainer- und Spieler- aussagen
4.6 Ergebnisse der Einzelvideotrainings
4.6.1 Formal-verbale Auswertung
4.6.2 Inhaltlich-taktische Auswertung
4.6.3 Auswertung von Einzelspielerprofilen . .
4.7 Ergebnisse des Strategie-Taktik-Abgleichs

5 Diskussion
5.1 Sozialer Zugang
5.2 Generierung von Vermittlungsstrategien
5.3 Wirksamkeitstriangulation
5.4 Diskussion der Ergebnisse aller Methoden
5.5 Trainingslehre der QSB im Handball

6 Zusammenfassung und Ausblick

A Qualitative Interviews

B Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Literaturverzeichnis

Zusammenfassung

Die vorliegende Arbeit fasst ein qualitativ-evaluativ angelegtes trai- ningswissenschaftliches Projekt (BISp-Nr: IIA1-070802/07-08) zusam- men. In der Kooperation mit dem Deutschen Handballbund wurde die männliche A-Jugendnationalmannschaft der Jahrgänge 1990 und 1991 im Bereich der Spielanalyse, Spielbeobachtung und Vermittlung takti- scher Informationen begleitet. Dafür wurde die Methode der Qualitati- ven Spielbeobachtung (QSB) in die Sportart Handball implementiert. Kernpunkte der vorliegenden Arbeit sind das methodische Generieren von optimalen Vermittlungsstrategien innerhalb eines konkreten sozia- len Systems sowie das Führen eines Wirksamkeitsnachweises des Ein- satzes der QSB. Für beide Zielstellungen wurden vor allem andere Wis- senschaftsbereiche wie die Kommunikationsforschung oder die Markt- forschung rezipiert, um Wissen für die Trainingswissenschaft zu generie- ren. Neben dem Forschungsstand werden in der Arbeit das methodische Vorgehen, die Ergebnisse des Projektes sowie praktische Erfahrungen niedergeschrieben. Die Arbeit wagt am Schluss einen Ausblick auf das zukünftige Forschungsfeld der Spielbeobachtung und Spielanalyse sowie die Durchführung von Videotrainings.

Danksagung

Anna Dreckmann, Prof. Dr. Antony Unwin, Bernd Köhler, Bernd Schröder, Bundesinstitut für Sportwissenschaft, CCC Leipzig, Dr. Clau- dia Augste, Dr. Chris Armbruster, Christian Klüßendorf, David Koch, Johannes Koch, Detlef Rüthers, Dieter Görsdorf, Deutscher Handball- bund, Dominik Schwedt, Enrico Prochnow, FC Augsburg, Felix Ma- gath, Frank Hansel, Frank Krüger, Frank Maukel, Georg Froese, Ger- hard Stauch, Gert Adamski, Dr. Gunnar Hansen, Prof. Dr. Helmut Altenberger, Helmut Kurrat, Holger Kretschmer, Ilka Dreckmann, In- geborg Görsdorf, Jan Oliver Jochum, Katrin Köhler, Prof. Dr. Klaus Bredl, Klaus-Dieter Petersen, MAGIX, Malte Siegle, Manuela Köhler, Prof. Dr. Martin Lames, Martin Heuberger, Matthias Bause, Matthi- as Bunge, Nancy Moeller, Nationalspieler Jahrgang 1990/91, Natio- nalspieler Jahrgang 1988/89, Nationalspieler Jahrgang 1986/87, Olav Gerlach, Ole Cordes, Philipp Riebler, Prof. Dr. Ralf Brand, Rapha- el Kurzawa, PD Dr. Rolf Brack, Stefan Armbruster, Steffen Görsdorf, Stephan Redlich, Thorsten Langtim, Universität Augsburg, Universität Rostock, Uwe Otto, Werner Dreckmann, Wolfgang Sommerfeld.

Gemeinschaftliche Dissertation nach §5, Abs. 3 APromO

Die vorliegende Inauguraldissertation zur Erlangung des Grades Doktor phil. wurde im Zeitraum von März 2006 bis April 2009 gemeinschaftlich von uns, Karsten Görsdorf und Christoph Dreckmann, erarbeitet. Es handelt sich dabei um ein Drittmittelprojekt mit dreijähriger Förderungsdauer unter der Leitung von Prof. Dr. Martin Lames. Als Projektmitarbeiter vom Bundesinstitut für Sportwissenschaft (K.G.) und wissenschaftlicher Mitarbeiter der Universität Augsburg (C.D.) sprachen dabei gleich mehrere Gründe für dieses Modell, welche nachfolgend angeführt werden sollen. An die Begründung schließt sich die Aufteilung der jeweils bearbeiteten Kapitel an.

In formaler Hinsicht nutzten wir beide im Projektzeitraum die Forschungs- strategie der Evaluationsforschung, indem wir als Spielbeobachter und C- Lizenz-Inhaber im Feld über zwei Jahre eine wissenschaftliche Unterstützung für die A-Jugendnationalmannschaft des Deutschen Handballbundes lieferten. Innerhalb dieser Doppelfunktion nutzten wir gemeinsam das Methodenspek- trum der Evaluationsforschung, um den zentralen Zielstellungen der Disserta- tion in umfangreichem Maß gerecht zu werden und gleichzeitig eine intensive Betreuung des Verbandes zu gewährleisten. Es zeigte sich in der Nachbetrach- tung an zahlreichen Stellen, dass diese Form der Doppelbetreuung, bei allen Problemen, sowohl in wissenschaftlicher als auch in praktischer Hinsicht qua- litativ hochwertig, objektiver sowie zeitökonomisch von Vorteil war.

Die inhaltlichen Schwerpunkte der Dissertation bestanden darin, die Me- thode der Qualitativen Spielbeobachtung im sozialen System der A-Jugend- nationalmannschaft zu implementieren, Kommunikationsverbesserungen zwi- schen den Akteuren (Trainer, Spieler, Spielbeobachter) zu erreichen, optima- le Vermittlungsstrategien zu generieren und die Wirksamkeit dieser sozialen Intervention nachzuweisen. Erstens bestand für eine erfolgreiche Realisation dieser Kernaufgaben aus unserer Sicht eine dringende Notwendigkeit darin, die Projektziele durch zwei wissenschaftliche Mitarbeiter anzugehen. Zweitens wird deutlich, dass die Vermittlung strategisch-taktischer Informationen von Trainern und Spielbeobachtern an die Spieler und die Effektivitätsprüfung dieses Vorgehens unzertrennlich miteinander verbunden sind. Eine isolierte Behandlung der jeweiligen Themenstellungen in einzelnen Dissertationen hät- te zu massiven inhaltlichen und qualitativen Verlusten geführt, da sich die Konstrukte Vermittlungsstrategie und Wirksamkeit bedingen und eng mit- einander verzahnt sind. Um diesen wissenschaftlichen Substanzverlust zu ver- meiden, haben wir die Entscheidung getroffen, zwei Dissertationen in einem Gesamtprojekt aufzuarbeiten. Trotzdem ist den Abs. 2 und 8, Abs. 3, Satz 2 im Sinne einer „eigenständigen, wissenschaftlichen Leistung und einem Beitrag zum Fortschritt der Wissenschaft“sowie einer individuellen Leistung, die deutlich abgrenzbar und bewertbar ist, genüge getan.

Letztlich existieren zumindest in der amerikanischen Forschungstradition einige prominente Beispiele für Gemeinschaftsprojekte. Die Arbeit setzt damit ein Zeichen für gemeinsame Forschungsarbeiten im Sinne von Guba und Lincoln sowie Rossi und Freeman.

Aufteilung der Arbeit gemäß §8, Abs. 2 APromO

Christoph Dreckmann zeichnet sich für folgende Abschnitte der Arbeit verantwortlich:

1.1 Trainingswissenschaft als Integrationswissenschaft
1.2 Sportspielforschung zwischen Diagnostik und Intervention
2.1 Forschungsstand Handballspielbeobachtung
2.3 Geltungsbegründung für eine evaluative Forschungsstrategie
2.6 Generelle Fragen der Wirksamkeit
3.4 Triangulative Methode der Wirksamkeitsprüfung
4.6 Ergebnisse der Einzelvideotrainings
4.7 Ergebnisse des Strategie-Taktik-Abgleiches
5.3 Diskussion Wirksamkeitstriangulation

Karsten Görsdorf zeichnet sich für folgende Abschnitte der Arbeit verant- wortlich:

1.3 Wissenschaftstheoretische Einbettung der Arbeit
2.3 Geltungsbegründung im qualitativ-interpretativen Paradigma
2.4 Subjektwissenschaftliche Fundierung des Lernansatzes
2.5 Werbung und Qualitative Spielbeobachtung
2.7 Sozialer Zugang zum System
3.1 Sozialer Zugang zur A-Jugendnationalmannschaft des DHB
3.3 Generierung von Vermittlungsstrategien
4.1 Ergebnisse des sozialen Zugangs
4.3 Ergebnisse der qualitativen Interviews Teil 1
4.4 Ergebnisse der qualitativen Interviews Teil 2
4.5 Ergebnisse der qualitativen Interviews Teil 3
5.1 Diskussion sozialer Zugang
5.2 Diskussion Generierung von Vermittlungsstrategien

Für folgende Abschnitte der Arbeit zeichnen sich beide Autoren verant- wortlich:

1.4 Gliederung der Arbeit
2.8 Zentrale Zielstellungen der vorliegenden Arbeit
3.2 Qualitative Spielbeobachtung im Handball
4.2 Praktische Maßnahmen und Erfahrungen
5.4 Diskussion der Ergebnisse aller Teilmethoden
5.5 Trainingslehre QSB
6 Zusammenfassung und Ausblick B Literaturverzeichnis
A Anhang, Interviews
B Anhang, Abkürzungsverzeichnis

Kapitel 1 Einleitung

Seit Jahrzehnten spielt die Identifikation von Wettkampfleistungen im Lei- stungssport eine gewichtige Rolle. Insbesondere im Bereich der Spielsportar- ten wird die diagnostische und analytische Bedeutung spezifischer Beobach- tungssysteme weder in Theorie noch Praxis bestritten. Die vorliegende Arbeit soll dazu genutzt werden, die Methode der Qualitativen Spielbeobachtung (QSB) als Beobachtungsvariante zur Trainings- und Wettkampfsteuerung im Spitzensport anhand der männlichen A-Jugendnationalmannschaft im Hand- ball (Jahrgang 1990/91) vorzustellen (Dreckmann, Görsdorf & Lames, 2008b). Hinsichtlich des Spielbeobachtungskonzeptes wurde das qualitative Paradigma genutzt, weil die Aufgaben der Spielanalyse sowohl aus theoretischer als auch aus praktischer Perspektive nur mit dieser Herangehensweise erfüllt werden können. Denn die Hauptmerkmale des qualitativen Vorgehens im Allgemei- nen sind die Rekonstruktion und Interpretation von sozialen Interaktionen. Aus diesen Merkmalen heraus können wissenschaftliche und praktische Frage- stellungen in einer engmaschigen Vernetzung bearbeitet werden.

Der Forschungsprozess war aus diesem Grunde durch ein qualitativ-evalu- atives Projekt (BISp-Nr: IIA1-070802/07-08) gekennzeichnet, das eine aktive Teilnahme der Forscher am und im sozialen Leben der Beforschten durch Be- obachtungen, Interviews und Interventionen über einen Zeitraum von zwei Jahren beinhaltete. Im Speziellen wurde die QSB in das soziale System der Mannschaft unter spezifischen Gesichtspunkten implementiert. Dabei diente die qualitative Forschungsmethodologie als Grundlage zur Generierung op- timaler Vermittlungsstrategien aus Analyseerkenntnissen der genannten Spielbeobachtungsmethode sowie einer Wirksamkeitsüberprüfung dieser Interventionsmaßnahme. Beide Schwerpunkte waren für das Projekt von zen- traler Bedeutung, da sie bis dato im trainingswissenschaftlichen Forschungs- interesse kaum reflektiert wurden.

Die QSB wurde erstmalig von Hansen & Lames (2001) anhand der Sportart Beach-Volleyball theoretisch fundiert und sollte durch das Forschungsprojekt und diese Dissertationsschrift methodologisch sowie forschungspraktisch weiter entwickelt werden.

Übergeordnet handelt es sich beim Thema Spielbeobachtung, das vor Al- lem in den 1990er Jahren durch ein großes Forschungsinteresse geprägt war, um einen essentiellen Bestandteil des umfassenden Trainingssystems im Lei- stungssport. Das vorliegende Projekt verfolgte u.a. das Ziel einer wissenschaft- lichen Fundierung der QSB in der Sportart Handball. Implizit stößt das Pro- jekt daher u.a. auf folgende praxisrelevante Fragestellungen: Wie können wis- senschaftlich gewonnene Erkenntnisse transparenter für die Praxis gestaltet werden? Welche Schlüsse bzw. welchen Nutzen können Trainer und Spieler in trainings- und wettkampfpraktischer Konsequenz aus qualitativen Spielana- lysen ziehen? Welche bisher unberücksichtigten Potentiale birgt eine gekop- pelte und eng miteinander verzahnte Kooperation zwischen Wissenschaft und Praxis? Kann der viel zitierte Theorie-Praxis-Graben mit dem vorliegenden Projekt anteilig überwunden werden?

Diese Fragestellungen können aus Autorensicht nur durch die Forschungs- strategie der Evaluationsforschung in Verbindung mit dem Zugriff auf Me- thoden eines qualitativen Methodenspektrums beantwortet werden. Die Wahl für das qualitative Paradigma ergibt sich aus den Aufgaben der praktischen Leistungsdiagnostik. Im Unterschied zur theoretischen Leistungsdiagnostik be- steht diese Richtung der Trainingswissenschaft zum Zweck der Trainingssteue- rung oder des Coachings. Es geht um Implementation von Innovationen, die eine umfassende und ganzheitliche Diagnostik, die Kopplung von Training und Wettkampf sowie Trainingsinterventionen als soziale Prozesse zum In- halt haben. Die Forschungsstrategie der Evaluationsforschung wurde gewählt, weil sie sich durch „die systematische Anwendung wissenschaftlicher Metho- den zur Bewertung des Konzeptes, der Implementation, der Wirksamkeit und der Effektivität einer Intervention“ (Hohmann, Lames & Letzelter, 2007, S. 35) legitimiert, was als optimale Lösung für die Arbeit mit Sportspielmann- schaften auf Leistungs- und Hochleistungsniveau angesehen wird. Anders als grundlagen- und anwendungsorientierte Forschungsprojekte, die Hintergrund- wissen sowie technologische Regeln produzieren sollen, haben die Stakeholder die Möglichkeit, durch die evaluativ angelegte Vorgehensweise in ihrem natür- lichen Umfeld zu bleiben. Auf dieser Basis können Aussagen getroffen werden, die in der konkreten Anwendungssituation im Sinne ökologischer Validität Gültigkeit für sich beanspruchen.

In der nachfolgenden Einleitung soll zunächst Raum für elementare Standpunkte der Arbeit innerhalb des Wissenschaftskontextes gegeben werden, um daraus die Zielstellungen des Vorgehens zu entwickeln. Die Einleitung endet mit einer kurzen Vorschau auf die folgenden Kapitel.

1.1 Trainingswissenschaft als Integrationswissenschaft

Die Trainingswissenschaft ist naturgemäß eng mit der Praxis gekoppelt. Aus ihrem Selbstverständnis heraus hat sie den Anspruch, praktisches Handeln wis- senschaftlich zu fundieren. Um diesem Charakter gerecht zu werden, weisen schon Perrez & Patry (1982) auf die Berücksichtigung ethischer Legitimier- barkeit, technologischer Regeln, des Grundlagenwissens und der Aufwand- Nutzen-Relation hin. Diese vier Kriterien bilden demnach das Grundgerüst für real wissenschaftlich fundiertes Handeln. Da sich die Trainingswissenschaft als fachübergreifende Wissenschaftsdisziplin versteht, interagiert sie zum einen mit der Trainingspraxis, zum anderen mit weiteren Teildisziplinen sowie mit Basiswissenschaften. Die nachfolgende Abbildung 1.1 soll das verdeutlichen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1.1: Modell zur Veranschaulichung der Integrationspotentia- le der Trainingswissenschaft im Wissenschaftskontext (Hohmann, Lames & Letzelter, 2007, S. 20)

Es sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass die Trainingswissenschaft als einzige originäre Disziplin ohne Basiswissenschaft unter dem Dach der Sportwissenschaft gelten kann. Sie stellt faktisch eine unabhängige Organisati- onseinheit dar, die sich mit den drei Konstrukten Training, Leistungsfähigkeit und Wettkampf beschäftigt, ohne sich auf eine Mutterdisziplin beziehen zu können, wie beispielsweise andere Teildisziplinen (z.B. Sportsoziologie - Soziologie; Sportpsychologie - Psychologie; Sportmedizin - Medizin). Trotzdem bedient sie sich durch die Vielzahl an Schnittmengen mit anderen Wissenschaftsgebieten unterschiedlicher Perspektiven, um trainingswissenschaftliche Phänomene zu ergründen und empirisch zu belegen.

Innerhalb der vorliegenden Arbeit wurden deshalb auch Konzepte und Me- thoden aus den Bereichen der Werbe- und Kommunikationswissenschaft sowie der Psychologie genutzt, weil diese einen höheren Erkenntnisgrad erwarten ließen. Werden die drei Gegenstandsbereiche der Trainingswissenschaft be- trachtet, wird deutlich, dass hiermit ein umfassender und vollständiger theo- retischer Rahmen für die Erfassung eines Sportspiels geleistet wird. Letzteres ist als hoch komplexes Gebilde zu begreifen, so dass ein monodisziplinärer Untersuchungsansatz als zu einseitig gelten kann. Hohmann & Lames (2005, S. 133) fordern daher berechtigter Weise im Sinne des trainingswissenschaftlichen Selbstverständnisses:

„ein interdisziplinäres Methodeninstrumentarium [. . . ], bei dem die Verfahren, die zur Beantwortung einer theoretischen Frage oder zur Lösung eines praktischen Problems geeignet erscheinen, auch aus anderen beitragsfähigen Wissenschaftsdisziplinen herangezo- gen werden.“

Besonders interessant erscheint es im trainingswissenschaftlichen Lager, die Wechselwirkungsprozesse (siehe Abbildung 1.2) zwischen den Gegenstandsbe- reichen zu untersuchen. Dieses aufwendige und multivariate Unterfangen stellt sich zwar als eine anspruchsvolle Aufgabe dar, muss aber letztlich zur Be- antwortung der Kernfragen der Trainingswissenschaft herangezogen werden. „Wie muss ich trainieren, um die Leistungsfähigkeit nachhaltig zu beeinflus- sen? Wie wichtig sind die Komponenten der Leistungsfähigkeit für den Wett- kampf?“ (Hohmann, Lames & Letzelter, 2007, S. 29). Für die Beantwortung dieser Fragestellungen sind Handreichungen zwischen Wissenschaft und Pra- xis hilfreich und vorteilhaft. Hossner & Roth (1997, S. 14) sprechen in diesem Zusammenhang von „dispositionell theorieinfizierten Trainern und dispositio- nell praxisbegeisterten Wissenschaftlern“. Diese beiden Seiten zueinander zu bringen und ihre Kooperationen zu moderieren und zu evaluieren, kann Zu- kunftsaufgabe der Trainingswissenschaft sein.

Ein Gegenstandsbereich der Trainingswissenschaft ist die Sportspielfor- schung. Deren theoretischen Grundzüge und zwei Anwendungsbeispiele sollen anschließend einen kurzen Einblick in die Vielfältigkeit dieser Forschungsrich- tung gewähren.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1.2: Wechselwirkungen der drei trainingswissenschaftlichen Gegenstandsbereiche (Hohmann, Lames & Letzelter, 2007, S. 29)

1.2 Sportspielforschung zwischen Diagnostik und Intervention

„Welche Konsequenzen zog die Sportspielforschung aus den skiz- zierten beobachtbaren Tendenzen? Keine. Wir haben darüber rä- sonniert, wie haben sie - voreilig - kritisiert. Und wir haben - gehorsam dem Prinzip „my method my castle“ - getrennt dieses oder jenes beobachtet, gemessen, analysiert, am einzelnen Spie- ler oder an der einzelnen Gruppe (Mannschaft). Der Physiologe hatte das Signalsystem der Laktatwerte und der Katecholamine, der Biomechaniker hatte das Muskelspiel im Visier. Der Psycho- loge drang durch die beobachtbare Erscheinungsebene in die Tiefe der Motive, der Soziologe zur gruppendynamischen Steuerung vor. Kybernetiker und Ökonom generalisierten und verglichen Sollwert und Istwert, der eine am kognitiv geregelten, der andere am wirt- schaftlich funktionierenden System. Immer waren es eigentlich die- selben handelnden Spieler, die hier aber wie völlig andere, einander gänzlich fremde, ja außerwirkliche Wesen erscheinen. Sie wurden eigentlich von jedem Sportspielforscher neu erfunden als homun- culus ludens, der das Spiel der Spielforschung spielen musste. Und die Spielforschung der Zukunft? Sie werden sich „vernetzen“, der Physiologe und Biomechaniker mit dem Psychologen, dem Sozio- logen, und werden - vereinigt mit Kybernetiker und Ökonom im „Netz“ - das Sportspiel der Zukunft in allen Belangen seiner ge- sellschaftlichen Praxis - einschließlich seiner Ethik - optimieren.“ (Hagedorn, 1997, S. 41)

Mit diesen sehr klaren und kritischen Worten schildert Hagedorn vor be- reits über zehn Jahren den Ist-Zustand der Sportspielforschung und wagt ein Räsonnement über ihre Zukunft. Darin erhofft er sich einen kreativen und elitären Kreis von Sportspielforschern, die durch die Wissenschaft gefördert werden und dadurch „die wissenschaftlichen Playmaker, die Quarterbacks der Forschung“ darstellen. (ebd, S. 43). Dieses Szenario hat sich bisher nicht be- wahrheitet und bleibt daher nach wie vor eine Utopie. Die Zunkunftsvisionen Hagedorns lassen sich neben physiologischen, psychologischen, kybernetischen, ökonomischen oder soziologischen Disziplinen ohne die Trainingswissenschaft nur schwerlich realisieren. Dabei wäre gerade die Trainingswissenschaft als in- tegrative Wissenschaftsdisziplin dazu in der Lage, solche Kooperationen ein- zelner Teilgebiete zu forcieren.

Konzentrieren sich Forschungsvorhaben auf eine trainingswissenschaftli- che Analyse spezifischer Sportspiele, müssen dabei unbedingt Merkmale des permanenten Interaktionsgeschehens beider Parteien berücksichtigt werden. Das klassische Sportspiel lebt vom dynamischen Interaktionsprozess (Lames, 1991) zwischen zwei Parteien, bei denen jede Seite versucht, ihr eigenes Spiel- ziel anzustreben und dasjenige der anderen Partei zu unterbinden. Dies ge- schieht vor dem Hintergrund sportartspezifischer Reglementierungen und ist laut Hohmann & Lames (2005, S. 136) zudem stark von „sozialen, psychischen und physischen Rückkopplungsprozessen zwischen den Akteuren“ abhängig. Der Interaktionscharakter innerhalb des Spielverhaltens ist im Vorfeld nicht vollständig determinierbar, da zu viele Einflussfaktoren tatsächliches Spielver- halten limitieren. Von diesem Standpunkt geht auch Hagedorn (1997, S. 33) aus, wenn es um die quantitative Erfassung von Trainings- und Wettkampflei- stungen geht: „Und nur wer unheilbar am Zahlen-Glauben erkrankt ist, sucht weiter zu messen, was letztlich unmessbar ist.“ Somit ist der Spielausgang bei Mannschaftssportarten oftmals trotz unterschiedlicher Leistungsniveaus unge- wiss.

Um die Komplexität von Sportspielwirklichkeit detailliert untersuchen zu können, bedienen sich viele Forschungsgruppen quantitativer Zugänge. Laut Hossner (1998, S. 75) scheinen die qualitativen Methoden innerhalb der Trai- ningswissenschaft ein „eher randständiges Dasein zu fristen.“ Zwar weist er da- bei auf mehrere qualitativ angelegte Projekte innerhalb der Sportwissenschaft hin, kritisiert aber die trainingswissenschaftliche Komponente, die nicht bzw. nur marginal in den Fragestellungen der Forschungsvorhaben ersichtlich wur- de. Dies bewegt ihn zu der Aussage, dass qualitative Methoden faktisch „einen weißen Fleck auf der trainingswissenschaftlichen Forschungslandkarte“ abge- ben (1998, S. 76). Dieser Fehlentwicklung soll im vorliegenden Projekt durch eine gezielte Anwendung qualitativer Methoden innerhalb der Trainingswis- senschaft entgegengewirkt werden.

Die Auswertung wird, orientiert an der Evaluationsforschung und dem qua- litativen Charakter der Arbeit, in großen Teilen auf quantitative Ergebnisdar- stellungen verzichten. Die qualitative Forschungsmethodologie stellt hingegen vor Allem eine Denkrichtung, einen Denkstil dar, der nach Mayring (1996) „auch in einem anderen Gegenstandsverständnis fußt, der immer streng am Gegenstandsbereich orientiert ist“. Daher liegt der Fokus innerhalb dieses qua- litativ-evaluativ angelegten Projekts auf Begrifflichkeiten wie etwa Offenheit, Respekt, Kommunikation, Einzelfallbezogenheit, Rekonstruktion oder Inter- pretation, die hier zunächst nur stichwortartig genannt sein sollen und in der weiteren Arbeit entmystifiziert werden.

Neben dem Interaktionscharakter und der Unvorhersagbarkeit von Wett- kampfleistungen existiert als drittes Merkmal der so genannte Nullsummen- Charakter eines Sportspiels. Aus spieltheoretischer Perspektive ergibt sich ein Random Walk, da sich Siege und Niederlagen im Wettkampf durch die An- häufung von Toren, Punkten oder Sätzen ergeben, was für Tor-, Mal- und Korbspiele zutrifft. Das Spiel beginnt in einem Zustand (0:0), der sich in Ba- lance befindet. Mit zunehmender Spieldauer häufen die gegeneinander spie- lenden Teams Erfolge oder Misserfolge an, die sich schließlich im Endergebnis widerspiegeln. Die nachfolgende Abbildung 1.3 skizziert einen solchen Ran- dom Walk im Handball, wobei die Ballbesitzphasen der Mannschaften auf der X-Achse, die erzielten Tore auf der Y-Achse dargestellt sind.

Einen noch gezielteren Zugang zur Modellierung eines Handballspiels er- laubt die Phasendiagnostik. Das Ziel der Phasendiagnostik besteht generell darin, den Verlauf eines Handballspiels abbilden zu können. Grundelement ist hierbei der Ballbesitz. Dieser sei definiert als die Phase von der Erlangung über die Ballkontrolle (Ball mit einer oder beiden Händen gesichert) bis zu deren willkürlichem (Torwurf, Pass) oder unwillkürlichem (technischer Fehler, Regelfehler, Auszeit) Verlust einer Partei. Aufgrund diverser Spielregeln ist es einer Partei weiterhin möglich, innerhalb eines Angriffs in mehrere Ballbe- sitzphasen einzutreten (z.B. Einwurf, 9-m, usw). Daher besteht zwischen den Kontrahenten gleichsam ein voneinander unabhängiges Ballbesitzbild. So kön-

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1.3: Akkumulation von Punkten dargestellt als Random Walk am Beispiel eines WM-Spiels im Seniorenbereich zwi- schen Deutschland und Kroatien 2001; (Hohmann & La- mes, 2005, S. 136)

nen durchaus auch Phasen im Spiel auftreten, in der keine Mannschaft über die vollständige Ballkontrolle verfügt.

Die entsprechende Angriffseffektivität ergibt sich aus der Anzahl geworfener Tore durch die Anzahl der Ballbesitze.

Aus der Diagnostik von positivem und negativem taktischen Spielverhal- ten lassen sich gezielte Rückschlüsse auf die Trainingssteuerung ziehen. Aus wissenschaftlicher Perspektive wird interessant sein, welche Spielmuster ein solcher Phasenverlauf bei 100 und mehr Spielen zeigt und in welchen Phasen bestimmte Muster möglicherweise gehäuft auftreten (z.B. Torflauten zwischen Minute 25 und 30, etc.). Bisher konnten zwei typische Muster in einem Hand- ballspiel diagnostiziert werden:

Rule of Dominance Eine Mannschaft ist ihrer Gegnermannschaft stark über- legen, was sich entsprechend im Phasenverlauf wiederspielgelt.

Back into game Eine Mannschaft schafft es nach einem Rückstand, das Spiel zu drehen und wieder in die Partie zurückzufinden.

Innerhalb dieser Muster sind bisher vier Verlaufsstrukturen aufgefallen:

Stair-Process Eine oder beide Mannschaften erzielen ihre Tore in Zyklen, den man sich wie einen Treppenverlauf vorstellen kann: Tor, kein Tor, Tor, kein Tor. Diese Zyklen können auch größer sein: Tor, Tor, kein Tor, kein Tor.

Slackness Eine oder beide Mannschaften werfen über einen längeren Zeit- raum kein Tor, es herrscht eine ein- oder beiderseitige Torflaute.

Short-Burst Einer Mannschaft gelingt es durch eine schnelle Torfolge, sich von der anderen Mannschaft abzusetzen, ähnlich einem Zwischenspurt.

Climax Das Spiel spitzt sich zum Ende der Begegnung zu und beide Mann- schaften erzielen alternierend Tore oder keine Tore. Diese Spiele enden entweder mit einem Unentschieden oder einem 1-Tor-Vorsprung.

Die nachfolgende Abbildung 1.4 stellt den Phasenverlauf anhand eines Spiels der Jugendnationalmannschaft dar, in der sich einige der eben angesprochenen Phasen wieder finden lassen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1.4: Phasenverlauf eines Freundschaftsspiels im Jugendbe- reich zwischen Deutschland und Russland, März 2009

Die Phasendiagnostik kann auch für die Praxis von Nutzen sein, wenn die entsprechenden Spielabschnitte mit Videobildern gekoppelt werden. So können Trainer direkt nach dem Spiel anhand einer Abbildung in ihre Wettkampfnach- bereitung gehen.

Nach den modellhaften Darstellungen des Handballspiels sollen die grund- legenden wissenschaftstheoretischen Züge der vorliegenden Arbeit dargelegt werden.

1.3 Wissenschaftstheoretische Einbettung der Arbeit

Da im vorliegenden Projekt die QSB als Kernmethode für die Kopplung von Training und Wettkampf im Handball eingesetzt wurde, ist der einzuschlagen- de Weg des metatheoretischen Paradigmas vorgezeichnet. Der qualitative For- schungsprozess als solches ist als ein primär induktiver Vorgang zu betrachten, der im qualitativ-interpretativen Paradigma zur Erkenntnislogik führt (vgl. Kelle, 2005). Innerhalb dieses Forschungsprozesses werden empirische Daten erhoben, für die ex post theoretische Erklärungen formuliert werden, was so- wohl die Charakterzüge des Symbolischen Interaktionismus sowie dem daraus resultierenden Forschungsstil der Grounded Theory als theroriefindendes Ver- fahren in sich trägt.

„Unter dieser handlungstheoretischen Perspektive kann die Erfor- schung sozialer Lebensformen nur mit Hilfe von Verfahren gelingen, welche es erlauben, Sichtweisen und Interpretationsmuster der Un- tersuchten in Erfahrung zu bringen, ohne vorher exakt spezifizier- te und präzise operationalisierte Hypothesen formuliert zu haben.“ (Kelle, 2005, S. 54)

Die Inhalte von Kelle finden sich zu Teilen auch im QSB-Projekt wieder, da gerade Handlungen und Entscheidungen von Nationalspielern und -trainern in ihrer natürlichen Lebenswelt zunächst evaluativ begleitet und anschließend durch Interventionsmaßnahmen positiv beeinflusst werden sollen.

Mit der Entscheidung für das qualitative Paradigma, was im Kern das Sinn- verstehen, die Rekonstruktion sozialer Realität und deren Interpretation zum Gegenstand hat, ergeben sich per se auch kritische Perspektiven. Beispielswei- se wird qualitativen Forschungsmethoden unterstellt, dass ihre Stichproben- größen für Generalisierungen zu klein und dass ihre Resultate nicht zuletzt deswegen unzuverlässig sind. Aufgrund dessen habe der Sozialforscher eine un- strukturierte Ergebnismasse, die nur ungenaue und vielschichtige Deutungen zulässt. Diese Kritik hinsichtlich methodologischer Defizite lässt quantitativ orientierte Forscher aber nicht vor qualitativen Zugängen zurückschrecken.

„Oft wird vorgeschlagen, qualitative Verfahren im Rahmen von Vorstudien als Generierung von Hypothesen zu nutzen und ihre methodologischen Mängel durch die Systematisierung und Standardisierung qualitativer Datenerhebung und -auswertung zu überwinden.“ (Kelle, 2005, S. 40)

Solche Überlegungen wurden und werden in den 50er Jahren bis heute vertreten, da die Forscher den qualitativen Studien lediglich Anhaltspunkte für statistische Zusammenhänge zumuteten.

Auf der anderen Seite existieren starke Forderungen nach qualitativer For- schung, wobei die Argumentation dahin geht, dass der quantitativ Forschende nur noch selten „in Berührung mit dem, was er zu verstehen“ (Filstead, 1979, S. 32) meint, kommt. Filstead führt ferner aus, dass quantitative Methoden nicht soziale Realität erforschen, sondern im Gegenteil versuchen, „die empirische soziale Welt so lange zu biegen, umzuformen und zu verdrehen, bis sie auf das Modell paßte, daß zu ihrer Erforschung verwendet wurde.“

Der Fokus der vorliegenden Arbeit soll nicht schwerpunktmäßig auf eine Auseinandersetzung zwischen dem Diskurs qualitative versus quantitative Me- thodologie gerichtet werden. Es soll jedoch darauf hingeweisen werden, dass völlig unterschiedliche Argumentationen beider Forschungsausrichtungen in radikaler Weise aufeinander treffen und zudem eine gegenseitige Kritikunemp- fänglichkeit zu spüren ist. Die Hauptkritikpunkte bleiben beidseitig konstant: Quantitative Forschung besitzt nur eine mangelhafte Praxisrelevanz und kei- ne zufriedenstellende inhaltliche Validität. Qualitative Forschung bewegt sich am Rande der Unwissenschaftlichkeit, wird oftmals als Vorstufe richtiger For- schung angesehen und weist nur eine eingeschränkte Reliabilität auf. Ein Zitat von Kelle (2005, S. 49) verdeutlicht, unter welchen Bedingungen seiner Mei- nung nach konstruktive qualitative Sozialforschung geleistet werden kann:

„Sozialwissenschaftler sind nur dann in der Lage, angemessene Theorien über eine soziale Lebensform vor dem Kontakt mit dem Gegenstandsbereich, d.h. vor der empirischen Phase des Forschungs- prozesses zu formulieren, wenn ihnen die entsprechenden Wissens- vorräte der dort Handelnden zur Verfügung stehen, also in der Regel nur dann, wenn sie selber im Rahmen dieser Lebensform sozialisiert wurden. Weder die Konstruktion von Messinstrumen- ten (Fragebögen, Skalen etc.) noch die Klassifikation und Kate- gorisierung sozialer Phänomene durch soziologische Beobachter ist denkbar, ohne daß diese permanent auf ihr eigenes common-sense Wissen zurückgreifen.“

Im Zitat wird das vorstudienhafte Verständnis Kelles deutlich. Die vorliegende Arbeit versucht zu belegen, dass es durchaus möglich ist, qualitative Methoden als Hauptaspekt der Forschungsarbeit zu nutzen.

Nach wie vor besteht eine dringende Notwendigkeit für eine verstärkte In- tegration und Anwendung der Evaluationsforschung neben der Nutzung qua- litativer Methoden in der Trainingswissenschaft. Die Grundlagen hierfür sind bei Guba & Lincoln (1989) sowie Rossi & Freeman (1993) zu finden. Aus ihrem Selbstverständnis heraus stellt sich nach Lames (1998, S. 49) die Trainingswissenschaft als eine „Wissenschaft der Interventionen im/durch Sport“ dar. Der Interventionsbegriff legt nahe, dass Individuen innerhalb ihrer ökologischen und sozialen Umwelt betrachtet werden. Ferner fußen Interventionen stets auf Säulen der Planung, Implementation und Überprüfung, die gleichsam Themenstellungen der Trainingswissenschaft darstellen.

Durch die Maxime der Evaluationsforschung wird es möglich, wissenschaft- lich durchgeführte Interventionen zu dokumentieren und zu bewerten. Die- se wissenschaftlichen Methoden bieten ein breit gefächertes Spektrum, mit denen sich Erfahrungen aus praktischen Interventionen aggregieren lassen. Der Evaluationsbegriff ist quasi gleichzusetzen mit einer prozessbegleiten- den Trainings- und Wettkampfforschung inklusive wissenschaftsorientierter Betreuung (Martin, 1998). Damit wird deutlich, dass es sich hierbei um ei- ne natürliche Praxisrelevanz handelt, bei dem die Zielstellung darin besteht, Praxiswissen systematisch zu belegen und zu deklarieren. Insbesondere im Leistungs- und Hochleistungssport erscheint es mehr als ungünstig, „mit un- zureichenden Mitteln der Experimentalstatistik zu arbeiten“ (Martin, 1998, S. 61). Stattdessen sollten auch aus Sicht der Autoren dieser Arbeit zukünftig verstärkt evaluativ angelegte Konzepte in Betracht gezogen werden, die dazu fähig sind, nah am Gegenstand zu operieren und sukzessive reales, kein la- borgeneriertes Wissen anzuhäufen. Lames (1998, S. 61) warnt ebenfalls davor, Ergebnisse aus Trainings- und Laborexperimenten als unmittelbar handlungs- relevant zu bezeichnen.

„Schließlich ist der Ruf nach mehr Grundlagenforschung in der Trainingswissenschaft nicht ganz verständlich, wenn man die vie- len vom Design her eindeutig zur Generierung allgemeiner Gesetz- mäßigkeiten konzipierten Studien den wenigen Studien gegenüber- stellt, die tatsächlich konkrete Trainingsprozesse zum Gegenstand haben.“

Die bisher nur marginal genutzte Evaluationsforschung im Einsatzgebiet trainingswissenschaftlicher Interventionen birgt einen großen Pool an Möglich- keiten bei der Untersuchung sozialer Systeme und ihrer Funktionalität, dem Finden von Konzepten sowie Strategien zur Optimierung eben dieser. Die Forschungsstrategie der Evaluationsforschung stellt bedauerlicherweise in der deutschen Trainingswissenschaft bis dato selbst ein Forschungsdesiderat dar. Aufgrund des Forschungsgegenstandes und der Eignung der Evaluationsfor- schung durch ihre spezifischen Eigenschaften wurde sich gegen ein Grundlagen- oder Anwendungsforschungs-Design entschieden. Auf die Geltungsbegründung und einen kurzen historischen Abriss zu diesem Thema geht Kapitel 2.3 ein. Innerhalb der evaluativen Forschungsstrategie stellte die Methode der QSB den Kern der Vorgehensweise des Projekts dar. Sie sollte zum einen zur Kopp-lung von Trainings- und Wettkampfprozessen eingesetzt werden. Hier bildet die von Hansen & Lames (2001) entwickelte Methodologie den Hintergrund. Aufgrund der Implementation der QSB in eine große Mannschaftssportart eröffnete sich ein weiteres Einsatzgebiet der QSB: Im sozialen System der A-Jugendnationalmannschaft für die Verbesserung der Kommunikationsbe-dingungen zwischen den Stakeholdern zu sorgen. Diesen Kernbereich in der Vermittlung taktischer Informationen zwischen Trainern und Spielern metho-disch abgesichert zu unterstützen, wurde mithilfe des theoretischen Hinter-grunds des kommunikationswissenschaftlichen Wirkungsmodells von Merten (1994) realisiert.

Um die Kommunikationsverbesserungen auf der taktischen Ebene zu ver- bessern, bedurfte es optimaler Vermittlungsstrategien. Diese wurden generisch aus unterschiedlichen Bausteinen zusammensetzt. Den theoretischen Hinter- grund bilden hier die kognitiv-instruktiven, insbesondere die selbstorganisie- rend-expansiven Lernformen, werbepsychologische Ansätze sowie mediendi- daktische Konzepte.

Die angestrebte Wirksamkeitsprüfung der QSB im Hinblick auf ihre Effek- te sowohl auf die Kopplung von Trainings- und Wettkampfprozessen als auch die Verbesserung der Kommunikationsbedingungen auf der taktischen Ebene durch den Einsatz generischer Vermittlungsstrategien wird durch eine forma- tive Evaluation umgesetzt. Dafür wird ein triangulatives Verfahren genutzt, das aus:

a) qualitativ-halbstrukturierten Interviews (Flick, 2007; Lamnek, 1995; Glä- ser & Laudel, 2006)
b) Einzelvideotrainings auf der Grundlage von Werbewirkungskonstrukten (Gardiner & Java, 1993; Eysenck & Keane, 2000) und
c) einem trainingswissenschaftlich orientierten Strategie-Taktik-Abgleich (Hohmann, Lames & Letzelter, 2007; Dreckmann, Görsdorf & Lames, 2008a) besteht.

Um auf dieser Klaviatur der Metatheorie, der theoretischen Konstrukte sowie der Modelle zu spielen, bedarf es klarer Zielstellungen. Diese sollen im Anschluss an den Forschungsstand expliziert werden, da sich daraus methodische Entscheidungen und Zielorientierungen ergeben.

1.4 Gliederung der Arbeit

Im weiteren Verlauf der Arbeit soll zunächst der Forschungsstand zur Spielbeobachtung im Allgemeinen und speziell im Handball anhand wichtiger Entwicklungen aufgearbeitet werden (2.1).

Im Anschluss daran werden Geltungsbegründungen für das qualitative Pa- radigma (2.2) sowie für die Anwendung der Evaluationsforschung (2.3) in die- sem Projekt erarbeitet. Dabei wird in der qualitativen Geltungsbegründung ein eigener Vorschlag zur Validierung der Qualitativen Spielbeobachtung als soziale Intervention entwickelt. Kapitel 2 wird fortgesetzt mit der subjekt- wissenschaftlichen Fundierung des Lernkonzeptes, das in dieser Arbeit einen wesentlichen theoretischen Anteil für die Implementation unterschiedlicher so- zialer Konfigurationen des Videotrainings hat. An diese Ausführungen schließt sich in Hinführung auf den Wirksamkeitsbegriff ein Gleichnis zwischen Qua- litativer Spielbeobachtung und Werbung an 2.5. Die medienwissenschaftliche Denkrichtung wird in 2.6 aufgegriffen und damit der Zugang zu einem Wirk- samkeitsverfahren im Bereich der Spielbeobachtung bereitet. Die Reformulie- rung und Neugestaltung eines Wirkunsmodells aus der Massenkommunikati- on für den Bereich sportlicher Mannschaftssysteme steht hier im Zentrum der Überlegungen. Den Abschluss des Forschungsstandes bilden Theorien zum so- zialen Zugang zu Systemen (2.7). Im Abschnitt 2.8 werden die im Forschungs- stand aufgeworfenen Fragestellungen als Zielstellungen und Konsequenzen für das Projekt zusammengefasst.

Kapitel 3 erläutert das methodische Vorgehen für den sozialen Zugang zum System (3.1) sowie die Anwendung der Qualitativen Spielbeobachtung im Handball (3.2). Unmittelbar mit dem vorherigen Punkt verbunden ist die Generierung optimaler Vermittlungsstrategien auf theoretischer und prakti- scher Ebene (3.2). Zudem wird im dritten Kapitel der Arbeit der triangulative Ansatz zum Wirksamkeitsnachweis methodisch dargelegt (3.3).

Der vierte Gliederungspunkt der Arbeit widmet sich zunächst den Ergeb- nissen des sozialen Zugangs (4.1) sowie den praktischen Maßnahmen und Er- fahrungen der QSB im Handball während des Projektzeitraumes (4.2). Im An- schluss werden die Ergebnisse der qualitativen Interviews aus den einzelnen Vermittlungsstrategien aufeinanderfolgend dargestellt (4.3 - 4.5). Die Ergeb- nisdarstellung wird durch die Ergebnisse aus den Einzelvideotrainings (4.6) sowie dem Strategie-Taktik-Abgleich (4.7) abgerundet, wodurch sich die Zu- sammensetzung der gewählten Vermittlungsstrategien und ihre Wirksamkeit dokumentierten.

Die Ergebnisse werden im Diskussionsteil (5) kritisch hinterfragt und anhand der Zielstellungen zueinander geführt.

Im 6. Kapitel der Arbeit werden die Erkenntnisse zusammengefasst. Dabei wird ein Ausblick in die Entwicklungsfelder der Spielbeobachtung gewagt. Es schließt sich das Literaturverzeichnis und der Anhang an. Letzterer wurde aufgrund der umfangreichen qualitativen Interviews auf einer beilie- genden Daten-DVD fixiert. Hier findet sich auch exemplarisch bereitgestelltes Videomaterial für Einzel-, Kleingruppen- sowie Mannschaftsvideotrainings.

Kapitel 2 Forschungsstand

In diesem Kapitel soll der theoretische Hintergrund für die Bereiche des sozia- len Zugangs, der Medienwirkungen, der Lerntheorie, der Evaluationsforschung, des qualitativen Paradigmas sowie der Spielbeobachtung dargelegt werden. Dazu erfolgt zunächst ein kurzer Überblick über die Entwicklungen im Rah- men der Spielbeobachtung im Handball, aber auch in anderen Sportspielen unter der besonderen Berücksichtigung qualitativer Spielbeobachtungsansät- ze.

2.1 Forschungsstand Handballspielbeobachtung

2.1.1 Generelle Aussagen zu Spielbeobachtungsverfahren

Die deutsche Sportspielforschung kann bereits auf eine lange Historie zurück- blicken. Entsprechende Verfahren zur Spielbeobachtung lassen sich bis in die 70er Jahre zurückverfolgen (vgl. Stiehler, 1962; Schmidt, 1976; Hagedorn, 1983; Augustin, 1998). Bereits in den frühen Jahren der Sportspielforschung stellt Hagedorn (1971, S. 17) fest, dass Spielbeobachtung keine „spielentschei- dene, das heißt jurisdizierende Funktion“ besitzt. Im Hinblick auf leistungsdia- gnostische Gesichtspunkte unterstreicht Czwalina (1984, S. 52) diesen Stand- punkt, da er spielbeobachtenden und analysierenden Verfahren „einen notwen- digen, aber noch nicht hinreichenden Beitrag“ bescheinigt. Es kann überge- ordnet festgehalten werden, dass Spielbeobachtungskonzepte nicht Tabellen- stände und Ergebnisse generieren, weil die Methoden diesem Anspruch nicht gerecht werden können. Im Autorenverständnis sind Spielbeobachtungsmetho- den für eine effektive Kopplung von Training und Wettkampf verantwortlich.

Dies bestätigt auch Alpheis (1984), indem er auf die Funktionen und Gren- zen einer Sportspielbeobachtung aufmerksam macht. Was gewährleistet wer- den kann, ist eine gezielte Stärken- und Schwächendiagnostik in einzelnen Leistungsbereichen der Technik, Taktik und Kondition mit Hinweisen zur Trainingssteuerung. Jedem Spielbeobachter sollte von vornherein klar sein, was Spielbeobachtung im Kern will. Hier kann Hagedorn nicht widerspro- chen werden, wenn er davon spricht, dass „Sportspielbeobachtung [. . . ] jene den Spielverlauf und den Spielausgang mitbestimmende Strukturen erhellen“ kann Hagedorn (1971, S. 17).

Wedekind (1979) deutet auf weitere strukturelle Parameter hin, die im Bereich der Sportspielbeobachtung auftreten. So stellt sie als Hauptproblem einer funktionierenden Kooperation den personellen und finanziellen Aufwand heraus, auf den sich später auch Hansen (2003) intensiv bezieht.

Einen weiteren ‚Boom‘erlebt die Spielbeobachtung in den 1990er Jahren (u.a. Hein, 1993, 1995, 1999; Hossner & Roth, 1997; Lames, 1991, 1994, 1999; Remmert & Steinhöfer, 1998; Sass, 1992). Trotzdem sind im internationalen Vergleich nur wenige Beiträge zum Thema Spielbeobachtung erschienen. Das hängt auch mit einem abnehmenden Forschungsinteresse in diesem Bereich zu- sammen. Eine Erklärung für diese Entwicklung liefert Hansen (2003, S. 127): „Dies könnte u.a. damit zusammenhängen, dass Analysen zur individuellen Betreuung eines Trainings- und Wettkampfprozesses nur von geringem allge- meinem Interesse sind.“

Für viele Mitglieder der scientific community stellen die Sportspiele einen attraktiven Forschungsgegenstand wegen der großen Öffentlichkeitswirkung dar, um auf eigene theoretische Ansätze zu verweisen. Zudem besteht aber auch die Gefahr, in den Ruf einer praxisfixierten Turnhose zu gelangen. Nicht zuletzt deswegen versteht sich diese Arbeit auch als Impuls der deutschen Sportspielforschung in Richtung der Überbrückung des Theorie-Praxis-Grabens. Insbesondere die Trainingswissenschaft kann hier einen maßgeblichen Anteil an der Identifikation von Wettkampfleistungen, der Strategieplanung für Wett- kämpfe sowie der Trainingsoptimierung- und dokumentation leisten. Dazu kann sie ihrem transdisziplinären Charakter gerecht werden und sich benach- barter oder externer Wissenschaftsdisziplinen bedienen, um sportwissenschaft- liche Forschung auf eine breitere Basis zu stellen. Sie ist ebenfalls in der Lage, Praxis- und Lehrmeinungen empirisch zu belegen oder zu widerlegen sowie zur wissenschaftlichen Fundierung der sportlichen Praxis beizutragen. Das kann auch modellhaft dargestellt werden. Durch die Charakteristika der Modellbil- dung bedingt (Perl, Lames & Glitsch, 2002), treten Komplikationen bei der Darstellung dynamischer Systeme auf. Die Wissensbestände zwischen Trai- ningswissenschaft, Trainingslehre und Sportpraxis sind nachfolgend als stati- sche Mengen illustriert (Abbildung 2.1), während es eigentlich für die Trai- ningswissenschaft darum geht, immer mehr Wissen aus Trainingslehre und Sportpraxis wissenschaftlich abzusichern, also die Schnittmenge zu vergrößern. In diesem Sinne wären Aussagen aus Trainingslehre und Sportpraxis als potenzielle Hypothesen aufzufassen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2.1: Wissensbestände von Trainingswissenschaft, Trainings- lehre und Sportpraxis (Hohmann, Lames & Letzelter, 2007, S. 25)

In dieser Schnittmenge agieren auch die Forschungsprojekte im Bereich der Spielbeobachtung. Die Systeme wurden und werden im Leistungs- und Hoch- leistungssport angewendet und thematisiert (z.B. Fröhner, 1995a; Hansen & Lames, 2001; Lames, 1994; Pfeiffer, 2001; Leser, 2007) um etwa technisch- taktische Potentiale auszuschöpfen oder dokumentaranalytisch zum weiteren Verständnis des jeweiligen Sportspiels beizutragen. Viele dieser Beobachtungs- systeme vereint jedoch zwei Problemkreise. Auf der Praxisseite wird aus Er- fahrungen geschöpft und damit oftmals unwissentlich methodisch, aber nicht theoretisch fundiert vorgegangen. Auf der Sportwissenschaftsseite werden oft- mals nur Untersuchungen aus grundlagenwissenschaftlicher Perspektive be- trieben und keine aktive Vernetzung mit der Praxis initiiert. Dabei stellen sich übergeordnete strukturelle Probleme ein.

Wenn Sportwissenschaftler mit Praxispartnern im Leistungs- und Hoch- leistungsbereich zusammenarbeiten, besteht des Öfteren seitens der Spitzen- sportverbände Unmut. Speziell zeitnahe Veröffentlichungen stehen in der Kri- tik. Dabei wird seitens der Praxis nicht beachtet, dass die momentane Qua- lifikation des wissenschaftlichen Nachwuchses, die den Hauptteil der Projekt- arbeit trägt, fast ausschließlich über internationale Publikationen mit hohem Impact-Faktor realisiert wird. So entscheiden sich immer weniger Nachwuchswissenschaftler in ihrer Qualifikationszeit für den Weg der Kooperation mit Spitzensportverbänden.

Eine weitere Schwierigkeit ergibt sich mit Spielbeobachtungsformen, die bereits seit Jahren in vielen Vereinen und Verbänden auf unterschiedlichen Alters- und Leistungsniveaus eingesetzt werden. Ihnen muss unterstellt werden, dass sie weder ausreichende Konzeptionen, adäquate Modelle zur Erfassung von Determinanten, noch ausreichende empirische Evidenz besitzen. Nicht selten werden diese Interventionen frei von wissenschaftlichen Herangehensweisen und nur durch die Praxis selbst realisiert. Eine Evaluation des Vorgehens findet nicht statt. Hier liegen die Potentiale für zukünftige Kooperationen zwischen Sportpraxis und Sportwissenschaft.

Um den Themenkomplex möglichst umfassend abbilden zu können, soll im Anschluss der handballspezifische Forschungsstand zur Sportspielbeobachtung in Deutschland dokumentiert werden. Internationale Publikationen sind aktuell u.a. im osteuropäischen Raum (u.a. Hianik, 2007; Ignateva, Patreceva & Gusev, 2001) zu finden. Sie werden am Ende des Forschungsstandes in den neuen Entwicklungen der Handballspielbeobachtung rezipiert.

2.1.2 Handballspezifischer Forschungsstand

Handballspielbeobachtung in der Nachkriegszeit

Der Handballsport wurde erst mit den beginnenden 50er Jahren zunehmend in Hallen etabliert, während dieser Sport vorher auf dem Handball-Großfeld ausgetragen wurde, was der Größe eines heutigen Fußballfeldes entspricht. Der Forschungsstand bezieht sich daher fast ausschließlich auf den Hallenhandball.

Pionierarbeit auf dem Gebiet der Systematischen Spielbeobachtung leisten in Deutschland zunächst Grengg (1949) im Feldhandball sowie Stiehler (1962) und Kreisel (1964) im Hallenhandball. Grengg (1949) nähert sich der spezifischen Spielanalyse dadurch, dass er technische und taktische Komponenten sowie allgemeines Spielverhalten auf dem damaligen Großfeld identifiziert. Es werden Symbole für herausragende Leistungen und individuelle Fehler einzelner Spieler per Zeichnung in eine Liste übertragen.

Stiehler (1962) stenographiert taktisches Verhalten und technische Fertigkeiten von Spielern mit Hilfe von Symbolen und Strichlisten. Er versucht darüber hinaus, sportartübergreifende Kriterien zur Beobachtung unterschiedlicher Ballsportarten zu generieren und weiterzuentwickeln. Beachtenswert ist sein Ansatz zur Verwendung von Filmmaterial.

Kreisel (1964) stellt Beobachtungen im Rahmen einer Handball-Weltmeist- erschaft in der CSSR an, bei denen sein Fokus nicht auf generellen spiel- strategischen Schwerpunkten, sondern eher auf quantitativen Details liegt. Zu seinen Beobachtungsinhalten zählen unter anderem Wurfarten, Wurfeffektivitäten oder anteilige Fehlangriffe.

Spielbeobachtung in der Deutschen Demokratischen Republik

Parallel hält die Anwendung computergestützter Wettkampfanalysen im Deut- schen Handball Verband (DHV) der DDR Einzug. Bereits frühzeitig beschäf- tigen sich hier vereinzelt Trainer mit dem Thema Spielbeobachtung und lassen in den 60er Jahren erste statistische, aber nicht standardisierte Analysen anfer- tigen (vgl. Krauspe, 1991). Ein weiteres Mittel zur Erfassung von Spielleistun- gen in der DDR sind Tonbandaufzeichnungen, die während eines Wettkamp- fes Kommentare der Beobachter aufnehmen. Zu beobachtende Konstrukte sind so genannte motorisch-technische sowie technisch-taktische Leistungsfaktoren. Diese sind allerdings nicht im Sinne einer definitorischen Erklärung spezifisch voneinander abgegrenzt. Parallel arbeiteten dazu in der Bundesrepublik an der Deutschen Sporthochschule Köln Weber, Kollath & Schmidt (1991, S. 27) an einem „Baukastensystem, in welchem die unterschiedlichen und jeweils be- vorzugten Auswertungsergebnisse abrufbar sind“. Das Ziel der Wissenschaftler ist, den gesamten Spielverlauf zu reproduzieren. Diese Aufgabe in ihren Ein- zelheiten vollständig zu lösen, erscheint vor dem Hintergrund des komplexen Sportspiels Handball nicht gewinnbringend im Sinne einer effektiven Kopp- lung zwischen Training und Wettkampf. Die Tatsache, dass die Interaktionen aller auf dem Feld befindlicher Spieler erfasst werden sollen, ist mit einem er- heblichen Bearbeitungsaufwand verbunden. Dazu stellt sich die Frage, ob die Daten in der Praxis zu nutzen sind. Weber, Kollath & Schmidt (1991, S. 29) sieht weitere Probleme, die sich hinsichtlich des Gütekriteriums Objektivität ergeben könnten.

„Um eine möglichst hohe Objektivität bei der Erfassung der Wett- kampfdaten zu erzielen, war es notwendig, alle im Handballspiel angewendeten Elemente des Angriffs und der Abwehr sowie weitere mit dem Spielverlauf in Verbindung stehende taktische Möglichkei- ten und spielrelevante Begriffe konkret zu definieren.“

Insgesamt stellt sich dieser frühe Ansatz Systematischer Spielbeobach- tung als sehr aufwendig und technisch limitiert dar. Auffallend ist, dass zu dieser Zeit keine Dokumentation in den wissenschaftlichen Artikeln stattfin- det, die über Rückkopplungen der Erkenntnisse in den Trainingsprozess be- richtet. Dies verwundert bei dem stark praxisorientierten Ansatz der DDR- Sportwissenschaft. Hier müssen Überlegungen im Rahmen des Kalten Krieges eine Rolle gespielt haben.

Später finden in der Handball-Oberliga der DDR Zeichensysteme, Schätz- skalen und Beobachtungsbögen ihre praktische Anwendung durch Trainer und Sportwissenschaftler. Auf diese geht der nächste Abschnitt grenzübergreifend ein.

Zeichensysteme, Schätzskalen und Beobachtungsbögen

In den 70er Jahren gewinnen Beobachtungsbögen an Popularität, die später auch in Verbindung mit Videoaufnahmen gekoppelt werden. Zöll (1974) und Pollany (1978) nutzen solche Beobachtungsbögen während Europa- und Weltmeisterschaften intensiv, um z.B. Wurfarten, Wurfhäufigkeiten, Treffereffizienzen oder technische Fehler zu quantifizieren. Die Beobachtung erfolgt dabei durch Referenten des Bundesausschusses Leistungssport und durch Ersatzspielerinnen. Das wirft die Frage nach der Objektivität sowie der vollständigen Erfassung der singulären Ereignisse im Spiel auf. Das Procedere etabliert sich auf nationaler Ebene im Bereich von Regionalliga- und Oberligamannschaften, wie etwa Bastian & Kreher (1978) dokumentieren.

Neben stenographierten Beobachtungen, Strichlisten und Symboliken nimmt zunehmend der Einsatz von Video-Bildmaterial Einfluss auf die Entwicklung der Spielbeobachtung. Diesbezüglich unterscheiden Forschergruppen in der Vergangenheit Muster des Videoeinsatzes. Es werden unter anderem Aufzeichnungen zur späteren oder sofortigen Analyse (Rollett & Weltner, 1971), Verwendung des Videorekorders als „Lehrmaschine“ (Daugs, Blischke, Güldenpfennig, Hümmellink & Ungerer, 1974) und der Videorekordereinsatz im Training von Spitzensportlern integriert (Hagedorn, 1971).

Müller (1976) legt sein Konzept der genauen Auseinandersetzung mit Zie- len, Stärken und Schwächen der eigenen sowie der gegnerischen Mannschaft dar.

„Genauer auseinandersetzen heißt, durch planmäßiges, systemati- sches und diszipliniertes Beobachten genauere Aussagen über die Ursachen von Erfolg und Leistung allgemein und über die Gesetz- mäßigkeiten des Spiels machen zu können.“ (Müller, 1976, S. 10)

An dieser Stelle wird ein systematisches Spielbeobachtungskonzept deklariert. Der Beobachtungsgegenstand wird innerhalb des Wettkampfes generiert und durch den Beobachter verinnerlicht sowie optimiert. Dazu werden mehrere Beobachtungssituationen in den Prozess integriert. Schritt für Schritt entstehen auf diese Weise nach Müller (1976, S. 10) vielfältige Analysemöglichkeiten der inneren Struktur des Sportspiels Handball:

- Die Beobachtung ermöglicht die Bestimmung des augenblicklichen Lei- stungsstandes des einzelnen Spielers oder der Mannschaft in konditio- neller und/oder technisch-taktischer Hinsicht.
- Die Beobachtung ermöglicht eine Kontrolle der Trainingsarbeit und gibt Hinweise für eine weitere Gestaltung.
- Die kontinuierlich durchgeführten Beobachtungen erlauben Aussagen über die Entwicklung bzw. Beständigkeit eines Spielers oder der Mannschaft.
- Die Beobachtung ermöglicht, den Spieler zu einer kritischen Beurteilung seiner individuellen Leistung im Mannschaftsverband zu führen und ihn für spezielle Trainingsarbeit zu motivieren.
- Die Beobachtung gibt Auskunft über die Stärken und Schwächen des Gegners, über sein taktisches Konzept und ermöglicht eine bessere Ein- stellung der eigenen Mannschaft auf den Gegner.
- Die Beobachtung kann Einfluss nehmen auf die psychische Stabilität der Mannschaft (Mannschaftsbesprechung, Einstellung auf Gegner, Selbst- bewusstsein).

Müller (1976) schreibt der reinen Beobachtung eine hohe Bedeutung zu. Er unterscheidet verschiedene Arten der Beobachtung. Dazu gehören für ihn die freie, die schriftliche, die grafisch gebundene, die akustisch gebundene und die filmisch gebundene Spielbeobachtung. Zu letzterer äußert er sich wie folgt:

„Der größte Vorteil besteht darin, dass das Film- oder Videore- korderbild zur Auswertung beliebig oft betrachtet werden kann, wodurch die Fehlerquote gering gehalten werden kann. Außerdem ist es vom methodischen Gesichtspunkt in vielen Bereichen der Technik- und Taktikschulung instruktiver, den Bewegungsablauf statt in einer Beschreibung in Form eines Bildes vor sich zu se- hen.“ (Müller, 1976, S. 13)

Interessant erscheint die Tatsache, dass Müller eine kritische Szenenbeur- teilung einzelner Spieler vor der gesamten Mannschaft vorstellt. Dieses Vor- gehen lässt sich klassischer Weise als Videobeweis beschreiben, was nicht im Sinne der individuellen Ausbildung des Spielers stehen kann. Aber dennoch wird dieses Vorgehen bis dato in der Praxis in den Vordergrund gestellt.

Auch Singer (1978) thematisiert Spielbeobachtungen im Handball. Die fa- vorisierten Methoden bestehen in der Verwendung eines Formblattes sowie der Beobachtung von Ligaspielen. Beobachtet werden individuelle technische, tak- tische Handlungen und die konditionelle Leistung der Spieler aus den eigenen Reihen sowie der Gegner. Für Singer besteht die Erkenntnis der Spielbeobach- tung darin, sie zu einem Bestandteil des Trainingsprozesses werden zu lassen: „Sie verfolgt den Zweck, Stärken und Schwächen der eigenen und gegnerischen Mannschaft festzuhalten und trainingsmäßig auszuwerten.“ (1978, S. 1). Sei- ne schriftlich gebundene Spielbeobachtung basiert auf subjektiven Eindrücken des Beobachters, erfordert eine schnelle Auffassungsgabe und verlangt ein ho- hes Maß an Zuverlässigkeit. Die subjektiv gewonnenen Daten werden in ein Formblatt übertragen. „Die Eintragungen erfolgen in Form von Strichen, Sym- bolen oder unter Verwendung von Code-Tafeln“ (1978, S. 1). Ergebnisse, Me- thodenkritik oder Probleme bei der Durchführung werden nicht thematisiert. Über konkrete Auswertungsschritte werden keine Aussagen gemacht, was die Nachvollziehbarkeit dieses Ansatzes nicht gewährleistet.

Beginnender Videoeinsatz und Interaktive Videosysteme

In den 80er Jahren ist es u.a. Matschoss (1984), der sich der Spielbeobach- tung speziell im Handball widmet. Sein Ansatz besteht in der Planung des Trainings auf der Basis von Spielanalysen. Die zentralen Absichten von Mat- schoss legitimieren sich in der „Leistungssteigerung von Spielern in technischer und taktischer Hinsicht“ (1978, S. 7). Aus methodischer Perspektive liegen vorgefertigte Bögen zugrunde, die von zwei Beobachtern bearbeitet werden. Dabei ist einer für die eigene Mannschaft zuständig, während der zweite die Spielhandlungen der gegnerischen Mannschaft analysiert. Matschoss generiert mehrere Items, die als Datenmatrix dienen und auf jeden einzelnen Spieler an- gewendet werden sollen. Es werden Fehlwürfe, Ballgewinne, technische Fehler, Abwehrfehler sowie Auftakt- und Abschlusshandlungen erfasst. Diese wesent- lich konkretere Vorgehensweise im Vergleich zu vorangegangen Ansätzen ist mit einem enormen Aufwand verbunden. Bei den Beobachtungstechniken ori- entiert sich Matschoss an denen seiner Vorgänger und trennt gleichsam in freie, schriftliche, grafisch gebundene, akustisch gebundene und filmisch ge- bundene Varianten. Es ist deutlich zu erkennen, dass Matschoss in Richtung einer Systematischen Spielbeobachtung arbeitet. Dabei ist seine methodolo- gische Herangehensweise nicht genau umrissen oder abgrenzt. Zudem deutet sich hinsichtlich der Auswertung eine sehr aufwendige Detailarbeit an. Das Ziel der Leistungssteigerung der Spieler scheint bei Matschoss zu stark von der Analyse abzuhängen, berücksichtigt jedoch z.B. nicht die Trainingsarbeit sowie externe und interne Faktoren, die aber die Spielleistung entscheidend mit beeinflussen und letztlich determinieren. Zudem wird mit keinem Wort die Vermittlung von Analyseerkenntnissen erwähnt.

Mit dem Interaktiven Videosystem (IVS) (siehe Abbildung 2.2) stellen Freibichler & Steiner (1983) ein apparatives Instrument vor, welches in den Anwendungsbereichen Training, Wettkampf und Ausbildung eingesetzt wer- den soll. Es kann den Trainer beispielsweise bei Fehleranalysen, Sofort- und Spätinformationen, Beobachtungs- und Führungsverhalten unterstützen. Die- ses System stellt eine Videorecorder-Computer-Kopplung dar, die vor Allem ökonomischer im Sinne von eingebundenem Personal funktioniert. Es ist tech- nologisch ausgereifter als frühere Beobachtungssysteme. Im Kern des interak- tiven Videosystems wird eine über den Computer und die Videoschnittstelle gesteuerte Szenenakquise ermöglicht. Damit wird es möglich, Beobachtungs- daten zu visualisieren und reale Videoszenen statt Strichlisten und Beobach- tungsbögen zu generieren.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2.2: Anwendungsstufen des IVS (Freibichler & Steiner, 1983, S. 9)

Dieser Ansatz stellt zu diesem Zeitpunkt eine innovative Konzeption dar. Die Umstellung von einem analogen auf digitales Video stellt einen enormen Sprung in der Praktikabilität der Spielbeobachtung dar. Denn hiermit fällt das leidige Spulen zu Szenen weg. Hansen (2003) nutzte dann diesen Fortschritt intensiv und konnte durch MPEG-Codierungen einen weiteren technischen Vorsprung durch das Ablegen von Videoszenen in Datenbanken etablieren. Heute ist durch die technologische Entwicklung mit spezifischen Softwarepro- dukten (z.B. utilius vs., dartfish, simi-scout) die Möglichkeit gegeben, Schnellinformationen schon während des Wettkampfes zu liefern. Freibichler & Steiner (1983) klammern bei ihrer Beschreibung des Ansatzes aus, wie das generierte Szenenmaterial genutzt wird. Es finden sich keine Verweise darauf, welche Szenen dem Athleten präsentiert werden. Ferner gibt es keine Informa- tionen über die didaktische Visualisierung (Zeitlupen, Standbilder, etc.) und zum Einsatz des Videosystems vor oder nach Trainings- und Wettkampfpha- sen.

Nach dem IVS-Ansatz werden aus der Sportinformatik heraus für den Be- reich der Spielbeobachtung weitere interaktive Videosysteme wie beispielswei- se TeSSy (Tennis-Simulations-System), RiSSy oder TiSSy erarbeitet, die in der Lage sind, „mathematisch-statistische Simulationsprozesse durch die Präsen- tation beliebiger Szenen und Handlungen des Sportspiels in direkter Abfolge zu unterstützen“ (Hansen, 2003, S. 115). Damit gewinnen die Spielbeobach- tungsansätze deutlich an Methodik, Konzeption und Qualität im Hinblick auf die Trainings- und Wettkampfunterstützung (vgl. Boguschewski, Meiberth & Perl, 1994; Groß, 1997; Lames, Perl, Schröder & Uthmann, 1990c; Oberst, 1993). Anfang der 90er Jahre entwickelt die Projektgruppe „Sportinformatik“ an der Universität Mainz um Perl das Handball-Analyse-System „HanSy“. Nachfolgend wird der zeitliche Verlauf des Projektes zusammengefaßt.

Januar 1990 In einem „Round-Table-Gespräch“ erörtern die Arbeitsgruppe Perl, der BA-L und der OSP die Möglichkeiten, das Konzept TeSSy (Tennis-Simulations-System) auf andere Sportarten zu übertragen.

März 1991 Das Interesse des Deutschen Handballbundes ist geweckt. Es kommt zu einem ersten Treffen in Mainz, an dem die AG Perl, der DHB under OSP beteiligt sind.

August 191 Das Projekt HAnSy entsteht. Das Institut in Mainz hat einen entsprechenden Forschungsantrag beim BISp gestellt. Es werden wesent- liche Arbeiten der Modellbildung (in Abstimmung mit dem DHB) im Rahmen einer Dissertationsschrift abgedeckt. Die weiteren Projektko- sten tragen der BA-L (Software) und der OSP Rhein-Ruhr (Video- und Computerhardware).

Juli 1992 Der „Stapellauf des Systems“ erfolgt anläßlich der Olympischen Spiele in Barcelona.

November 1992 Nach eingehender kritischer Auseinandersetzung mit dem System wird ein Nachbesserungskatalog erstellt, der die Grundlage für das Erreichen einer noch höheren Benutzerfreundlichkeit sowie einer hundertprozentigen Systemsicherheit schaffen soll.

September 1993 Das Projekt wird abgeschlossen. Anläßlich des Bundesli- gaspiels TV Niederwürzbach - TV Großwallstadt erfolgt im Beisein der Vertreter von BISp, BA-L und OSP die offizielle Übergabe an den Deut- schen Handballbund.

November 1993 Während der Weltmeisterschaft der Frauen in Norwegen kann der erste ernsthafte Test des Systems erfolgen.

Winter 1993/94 Es werden die ersten Handball-Fachleute für die Datener- fassung geschult 1994-1995 Ausgewählte Spiele der WM 1993 und EM 1994 der Frauen sowie der WM 1995 der Männer werden erfaßt und analysiert.

In Zusammenarbeit mit dem DHB und OSP Rhein-Ruhr wurden Frauen- und Männermannschaften bei internationalen Wettkämpfen begleitet. Die theo- retische Position von HanSy kann hier nur stark vereinfacht wiedergegeben werden. Diese Errungenschaft innerhalb der Systematischen Spielbeobachtung hat den Zweck der technologischen Unterstützung der Spielbeobachtung. Es hat den Anspruch eines vielschichtigen, komplexen und interaktiven Informa- tionssystems. Hintergrund der Entwicklung von „HanSy“ war die bis dato un- wissenschaftliche Verarbeitung statistischer Daten, die einzeln aus dem Hand- ballspiel gefiltert wurden. Ferner hatte „HanSy“ den Anspruch, alle taktischen Verhaltensweisen, Spielzüge und Abschlusshandlungen im Angriff zu erfassen. Diese Vorgehensweise ist Ausdruck einer wissenschaftlich angelegten, quanti- tativen und deskriptiven Analyse im Handball. Die Beobachtungsmerkmale im Angriff sind individual-, gruppen- und mannschaftstaktischen Ursprungs, die auf Grundlage aller Spielinteraktionen beobachtet werden. Des Weiteren zählen Torwürfe sowie das Pass- und Stoßverhalten zu den Items.

Das Projekt endete nach der Übergabe nur eines Spielprotokolls aus unterschiedlichen Gründen:

- Der Anspruch der vollständigen Aufzeichnung der Spielinteraktionen bringt einen Vorteil im Verständnis der Systematik des Sportspiels, lie- fert aber eben kaum nützliche Informationen für die Kopplung zwischen den Trainings- und Wettkampfprozessen.
- Sowohl seitens der Praxis als auch der Theorie wurde von abweichenden Zielstellungen und Erwartungen ausgegangen.
- Auf Seite der Praxis war zum Teil kein Vorverständnis vorhanden bzw. kaum Bereitschaft zur Öffnung für sportinformatorische Werkzeuge vor- handen.
- Der hohe Aufwand stand in keinem Verhältnis zum praktikablen Nutzen.

So verlief das Projekt nicht wie gewünscht.

Einen weiteren Vorstoß zur Nutzung des Mediums Video unternimmt die Arbeitsgruppe um Daugs, Blischke, Marschall & Müller (1990, 1991). Sie nut- zen das Medium Video zum Feedback, zur Instruktion sowie zur Observati- on von Athleten. Als Videofeedback wird dabei eine zeitnahe und objektive Rückmeldung von technischen Bewegungsabläufen deklariert. Mit der Videoinstruktion, einer Variante zur Intervention vor Trainingsmaßnahmen, sollen „Soll-Istwert-Differenzen“ präsentiert werden.

„Erhalten die Athleten aufbereitetes Videomaterial zur eigenstän- digen, individuellen Vor- und Nachbereitung von Training oder Wettkampf, wird die Anwendungssituation als Observatives Trai- ning bezeichnet.“ (Daugs, Blischke, Marschall & Müller, 1991, S. 51)

Der umfassende Ansatz dieser Formen des Videotrainings konzentriert sich dabei auf rein technische Aspekte der Bewegungsausführung mit Berücksichti- gung didaktischer Prinzipien zur Ausbildung eines „mündigen Video-Athleten“ (1991, S. 51). Es sind allerdings keine Hinweise darauf zu finden, dass Feld- bedingungen die Videotrainings limitieren können. Ebenfalls wird das in den Sportspielen vorherrschende „Primat der Taktik“ (Lames, 1991) nicht the- matisiert. Daugs et al. (1991, S. 12) weisen zwar darauf hin, dass bisherige Videotrainings nicht evaluiert worden sind, „so daß ihre Wirksamkeit stets nur vorwissenschaftlich in praktischen Erfahrungsberichten beschrieben wur- de“, stellen jedoch kein eigenes Verfahren vor, mit dem Interventionseffekte im Bereich des Feedbacks, der Instruktion sowie der Observation nachzuweisen wären.

Hinsichtlich sensomotorischer Aspekte einerseits und taktischen Lernver- haltens andererseits wird bei Dannenmann (1981) von einem Interdependenz- verhältnis beider Bereiche ausgegangen. Er nimmt sich gegenseitig beeinflus- sende Lernvorgänge an, die zusätzlich durch einen Video-Einsatz forciert wer- den können. Dem muss widersprochen werden, denn es ist von unterschiedli- chen Zugängen beim Erlernen von motorischen Bewegungen und taktischen Aspekten eines Spiels auszugehen. Hier muss dann auch neueren Ansätzen in diesem Bereich (u.a. Hodges & Franks, 2004) widersprochen werden, die nicht in der Vermittlung technischer Fertigkeiten und taktischer Fähigkeiten unterscheiden. Dem muss entgegengehalten werden, dass hierbei sehr wohl auf unterschiedliche Strategien zurückgegriffen werden muss. Die Unterschiede bestehen in der anzuwendenden Lerntheorie. Beim Erlernen von technischen Fertigkeiten wird in der Praxis zumeist auf kognitiv-instruierende Lernformen zurückgegriffen (im Gegensatz zum Bewegungslernen auf brasilianischen Stra- ßen, Stichwort GINGA-Fu ß ball). Dies muss natürlich Niederschlag bei der Vermittlung mithilfe des Mediums Video finden. Selbstorganisierend-expan- sive Lernstrategien empfehlen sich dagegen eher bei der Vermittlung takti- scher Aspekte (Dreckmann, Görsdorf & Lames, 2008b). Auch die soziale Kon- figuration ist eine andere. Während technische Fertigkeiten zumeist einzelnen Spielern näher gebracht werden, herrscht in den Mannschaftsspielen zumeist die Mannschaftsvideoanalyse vor. Zudem sind völlig andere mediendidaktische Konzepte u.a. in Bezug auf die Verwendung von Standbildern und Zeitlupengeschwindigkeiten oder Kameraperspektiven zu beachten. Zudem spielt das Verhältnis von Demonstration und verbaler Instruktion (vgl. Cordes, Dreckmann & Görsdorf, 2002) eine entscheidende Rolle. Hier muss es Unterschiede zwischen der Vermittlung von technischen Fertigkeiten und taktischen Fähigkeitskomplexen geben. Das bezieht sich auf eine geblockte oder randomisierte Vermittlung, das Verhältnis zwischen internalem und externalem Feedback sowie Aspekte des Frage-Antwort-Vorgehens.

Im Anschluss an diesen Exkurs soll nachfolgend im Sinne des Forschungs- standes auf die Abgrenzung der QSB von anderen Beobachtungsmethoden eingegangen und ihre Vorteile hervorgehoben werden. Dabei werden auch die neueren Entwicklungen im Bereich der Handballspielbeobachtung berücksich- tigt.

2.1.3 Abgrenzung der Qualitativen Spielbeobachtung

Insgesamt werden in der Trainingswissenschaft vier voneinander unabhängige Methoden der Spielbeobachtung (Lames, 1994; Hansen & Lames, 2001; Hansen, 2003) unterschieden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2.1: Methoden der Spielbeobachtung nach Lames (1994)

1. Bei der Subjektiven Eindrucksanalyse (2.1) werden Eindrücke sowie flexible Merkmale ohne Systematik fixiert. Durch die Subjektivität des Betrachters, der über eine Reihe von Hintergrundinformationen des zu beobachtenden Gegenstandes verfügt, können die nicht klar definierten Begriffe wie Ballgefühl, Durchsetzungsvermögen oder Spielwitz verwen- det werden. Da die Eindrücke vor dem individuellen Hintergrund des Beobachters registriert werden, kann für die subjektive Eindrucksana- lyse nur eine geringe Zuverlässigkeit angenommen werden. Ein weiterer Nachteil besteht in der mangelnden Systematik. Der Beobachter betrach- tet keine festen Systeme, sondern lenkt seine Aufmerksamkeit subjektiv auf bestimmte Kernelemente (Lames, 1994). Subjektive Eindrucksana- lysen bieten sich für gezielte Interventionen im Leistungssport nicht an, da viele Störquellen den Beobachtungsprozess beeinträchtigen. Zudem unterliegen die Beobachtungen keiner systematischen Vorgehensweise.

2. Eine weitere Methode ist die Systematische Spielbeobachtung (La- mes, 1994). Sie bildet den Gegenpart zur subjektiven Eindrucksanalyse. Es handelt sich hier um Beobachtungen nach genau festgelegten Merk- malen mit einer systematischen Fixierung. Vorteil dieser Methode ist ih- re Systematik und Objektivität. Der Nachteil besteht hingegen in ihrem beschränkten Zuständigkeitsbereich. Eine systematische Spielbeobach- tung generiert lediglich quantitative Spieldaten, mit denen eine Rekon- struktion des Wettkampfgeschehens nur eingeschränkt, eine Kopplung von Training und Wettkampf nicht zu realisieren ist. Hingegen liefert die Systematische Spielbeobachtung eine quantitative Vorstrukturierung für den nachfolgenden qualitativen Interpretationsprozess. Die Systemati- sche Spielbeobachtung eignet sich zudem für die journalistische Bericht- erstattung, im Sinne von derzeit im angloamerikanischen Raum sehr populären stats.

3. Das Scouting als spezielle Beobachtungsmethode fokussiert aus ihrer Definition (Lames, 1994) heraus gegnerische Spielmuster und hat sowohl Anteile der subjektiven Eindrucksanalyse als auch der Systematischen Spielbeobachtung. In diesem Zusammenhang existieren unterschiedliche Schwerpunktbereiche, wie etwa individuelle oder mannschaftsbezogene Analysen. Zudem wird in der Sportpraxis unter dem Scoutingbegriff auch die Spieleranalyse verstanden, die vor durchzuführenden Transfers getätigt wird. Für die Sportspielforschung besteht an dieser Stelle ein lukratives Betätigungsfeld, das bisher kaum genutzt wurde.

4. Als dazu orthogonal existierende Methode, die sich aus den Bestand- teilen der anderen zusammensetzt, ist die Qualitative Spielbeobachtung. zu betrachten. Die Definition der QSB von Hansen (2003, S. 210) liest sich wie folgt:

„Qualitative Spielbeobachtung ist eine Variante der Sport- spielbeobachtung, die speziell für die Kopplung von Training und Wettkampf entwickelt worden ist. Ziel ist die Ableitung von individuellen Hinweisen zur Trainings- und Wettkampf- steuerung durch die gemeinsame Beschreibung und Analyse der eigenen bzw. gegnerischen Stärken und Schwächen unter explizitem Bezug zur qualitativen Methodologie. Charakteri- stische Merkmale dieser Vorgehensweise sind die quantitati- ve Vorstrukturierung und deren nachfolgende interpretative Hauptanalyse sowie die enge Kommunikation zwischen Beob- achter, Spieler und Trainer.“

Die QSB ist mithin geprägt durch sowohl festgelegte, als auch flexi- ble Beobachtungsmerkmale des Wettkampfverhaltens, die von wissen- schaftlicher Seite beschrieben und interpretiert werden. Für das auf In- tervention angelegte Evaluationskonzept (Guba & Lincoln, 1989) ist die gleichberechtigte und offene Kommunikation zwischen „Stakeholdern“ (Trainer, Spieler, Spielbeobachter) eine der Grundvoraussetzungen. Für eine Überbrückung des Theorie-Praxis-Grabens ist das sportartspezifi- sche Know-how auf wissenschaftlicher Seite essentiell. Die übergeordne- te Zielstellung der QSB ist eine effektive und zeitnahe Kopplung von Training und Wettkampf, die durch eine direkte Intervention im For- schungsfeld in Form der Lieferung trainingspraktischer Hinweise erreicht werden soll. Die Methode der QSB hat sich im Beachvolleyball (Hansen & Lames, 2001) und im Jugendhandball (Dreckmann & Görsdorf, 2006; Dreckmann, Görsdorf & Lames, 2007b,c,a, 2008a,c) bewährt. Deshalb wurde sie als spezielle Spielbeobachtungsmethode im Rahmen der zwei- jährigen Betreuung der Jugendnationalmannschaft genutzt.

Wegen des Fokusses der Arbeit auf die Methode der Qualitativen Spielbe- obachtung soll nun verstärkt auf diejenigen anderen deutschen Forschungsan- sätze verwiesen werden, die eben diesen Begriff für sich in Anspruch nehmen. Im englischsprachigen Raum wird die Methode als Qualitative Game Analysis bezeichnet.

Qualitative Spielbeobachtungen sind unter dieser Bezeichnung auch im Fußball vorgenommen worden. Es sind Bremer, Schneider & Staudt (1987), die Spielsituationen dahingehend interpretieren, dass Hypothesen hinsichtlich des taktischen Spielverhaltens formuliert werden. Das Verfahren gestaltet sich der- art, dass zwischen Erfolg und Misserfolg differenziert wird. Ziel nach Bremer ist die Formulierung einer allgemeinen „zukünftigen Spielauffassung“ (1987, S. 5).

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Details

Seiten
431
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656627142
ISBN (Buch)
9783656627128
Dateigröße
2.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v201083
Institution / Hochschule
Universität Augsburg – Institut für Sportwissenschaft
Note
Magna cum laude
Schlagworte
qualitative spielbeobachtung verfahren verbesserung kommunikationsbedingungen handball fokus generierung vermittlungsstrategien informationen wirksamkeitsüberprüfung methode

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Titel: Qualitative Spielbeobachtung 2.0