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Vergangenheitsbewältigung - Deutschland und Italien im Vergleich

Seminararbeit 2001 13 Seiten

Soziologie - Kultur, Technik und Völker

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

Einleitung

Vergangenheitsbewältigung in Deutschland

Vergangenheitsbewältigung in Italien

Vergleich Deutschland – Italien

Schlussbetrachtung

Literaturliste

Einleitung

Nachdem der zweite Weltkrieg ausgewütet hatte und sich erzwungener Friede in Europa breit machte, waren die Verlierer mit schweren Bürden belastet. Eine dieser Bürden war die Verpflichtung ihrer Vergangenheit schonungslos in das erschreckende Antlitz zu schauen und den Versuch zu unternehmen, diese in irgendeiner Form ansatzweise zu „bewältigen“. Der Begriff Vergangenheitsbewältigung wurde für diesen Umstand in Deutschland geprägt.

Was Vergangenheitsbewältigung im Einzelnen bedeutet und welche Ausformungen dieses Konzepts sich feststellen lassen, darüber soll diese Arbeit einige Auskünfte geben. Ziel der Arbeit wird sein, nach einer einführenden, grob skizzierten Darstellung der stattgefunden und immer noch stattfindenden Vergangenheitsbewältigung in Deutschland und Italien in zwei getrennten Teilen, letztendlich eine zusammenführende Betrachtung der zwei Länder und ihrem Umgang mit der Vergangenheit in einem vergleichenden Abschnitt zu leisten.

Voranstellen möchte ich einige begriffstheoretische Gedanken: Das Wort Vergangenheitsbewältigung als Bezeichnung für den ethisch-moralischen Umgang mit der Vergangenheit des Nationalsozialismus wurde in den 50er Jahren in der Bundesrepublik eingeführt und wurde Anfangs ausschließlich von Historikern im Wissenschaftsbetrieb verwendet. Inzwischen hat der Begriff eine umfangreiche Popularisierung in sämtlichen Teilsystemen der Gesellschaft erfahren und ist in den Alltagswortschatz eingegangen. Auch seine Definition wird heute allgemeiner gefasst: Vergangenheitsbewältigung wird nicht mehr ausschließlich bezüglich der deutschen NS-Vergangenheit und ihrer Gräueltaten verwendet und ist zu einer „Sammelbezeichnung für jene Aktivitäten geworden, mit denen sich demokratische und auf die Menschenrechte verpflichtete politische Systeme und Gesellschaften mit ihren durch Diktatur und Verbrechen gekennzeichneten Vorgängersystem auseinandersetzen.“[1] Insofern ist die Anwendung des Begriffs auch auf die italienische Situation gerechtfertigt.

Erwähnenswert ist die Tatsache, dass es eine Vielzahl von terminologischen Alternativvorschlägen gab und gibt. Der von Reichel vorgeschlagene Begriff der Erinnerungskultur erlangte ebenfalls eine starke Verbreitung, zielt aber eher auf das kulturelle Teilsystem und die ästhetisch-kulturellen Medien der Vergegenwärtigung von Vergangenheit ab. Im Bildungs- und Erziehungsbereich hat die von Adorno eingeführte Formel einer „Aufarbeitung der Vergangenheit“ immer noch einen gewissen Popularitätsgrad. Auch von einem „Umgang mit der Vergangenheit“ ist manchmal die Rede. All diesen Alternativen ist eine Kritik an dem angeblich finalen Charakter des Konzepts einer „Bewältigung“ eigen, die allerdings an der beobachtbaren Realität vorbei geht. Vergangenheitsbewältigung ist nicht im Sinne von „Abhandlung der Vergangenheit“ zu verstehen, sondern als ein fortwährender Prozess, der zu keinem schnellen Ende kommen wird und ein Spektrum politischer, kultureller, juristischer, wissenschaftlicher, pädagogischer und religiöser Handlungsdimensionen umfasst. Auch findet ein selbstreflexiver Wissenschaftsdiskurs statt, das Thema Vergangenheitsbewältigung ist zu einem „normalen“ zeitgeschichtlichen und sozialwissenschaftlichen Forschungsfeld geworden.[2]

Vergangenheitsbewältigung in Deutschland

Der folgende Abschnitt wird eine Beschreibung der Geschichte der Ver-gangenheitsbewältigung der BRD und der DDR sein, die am Ende kurz auf die Situation im wiedervereinten Deutschland eingeht.

Die BRD ist der Staat, in dem der Begriff Vergangenheitsbewältigung geprägt wurde und wohl das einzige Land, das sein Fremd- und Selbstbild über fünf Jahrzehnte hinweg vom Umgang mit seiner Vergangenheit maßgeblich geprägt wusste. Nachdem der Krieg verloren war setzte als eine von vielen Strafmassnahmen der Alliierten der Zwang ein, sich mit der eigenen Ver-gangenheit zu konfrontieren. Absicht der Alliierten war es, das Land und seine Bewohner von Faschismus und Militarismus zu befreien mit dem erklärten Ziel, eine Wiederholung dieser Vergangenheit unmöglich zu machen und gleichzeitig einen wirklichen politischen Neubeginn zu forcieren. Zu diesem Zweck wurde die gesamte deutsche Bevölkerung unter den Verdacht des politischen Fehlverhaltens gestellt und mit der Entnazifizierung begonnen. Die Methode bestand aus drei Elementen: Strafverfahren, Disqualifizierung belasteter Personen und Aufklärung.[3] Zu Beginn standen in der BRD politische und juristische Entscheidungen im Mittelpunkt, die gleichzeitig immer wieder Impulse für öffentliche Diskussionen gaben. Inzwischen ist der Bereich der materiellen und entscheidungsbezogenen Politik in den Hintergrund getreten, wichtiger sind nun die diskursiven und symbolischen Dimensionen der Ver-gangenheitsbewältigung.

Welche Entwicklungslinie lässt sich seit 1945 beobachten und was sind wichtige Stationen im Prozess der Bewältigung der NS-Vergangenheit? Zu Beginn lässt sich ein ambivalentes Modell beschreiben, welches zwischen „lernen“ und „schweigen“ oszillierte. Man musste lernen, welch grausames Ausmaß der eigene Wahn angenommen hatte, und in den meisten Fällen resultierte das in Schweigen. Dem kollektiven Trauma wurde mehrheitlich mit Verdrängungstendenzen begegnet, gleichzeitig belegte man sich im poli-tischen Feld gegenseitig mit dem Faschismus- oder Kommunismusvorwurf. Die Frage die sich stellte war, wie ein moralisch komplett diskreditierter Staat in der Lage sein sollte, mit der selben Bevölkerung ein neues und glaubwürdiges Staatswesen aufzubauen. Bewältigungsstrategie war die Produktion einer Fiktion eines Neubeginns (Wiederaufbau und Zukunftsversprechen) und eine Einführung der Differenz von (Ver-)Führern und der Masse der Verführten. Abgesehen von den von Seiten der Sieger aufdoktrinierten juristischen Prozesse und Entschuldigungen wurde ein gemeinsames Beschweigen der Vergangenheit praktiziert.[4]

[...]


[1] König/Kohlstruck/Wöll (Hg.): Vergangenheitsbewältigung am Ende des zwanzigsten Jahr-hunderts, Wiesbaden 1998, S. 7.

[2] Vgl. König/Kohlstruck/Wöll: Einleitung, in: König/Kohlstruck/Wöll (Hg.): Vergangenheits-bewältigung am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts, Wiesbaden 1998, S. 7-10.

[3] Vgl. Helmut König: Von der Diktatur zu Demokratie, in: König/Kohlstruck/Wöll (Hg.): Vergan-genheitsbewältigung am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts, Wiesbaden 1998, S. 371-374.

[4] Vgl. Werner Bergmann: Kommunikationslatenz und Vergangenheitsbewältigung, in: Leviathan, Heft 18/1998, S. 393-404.

Details

Seiten
13
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638112352
ISBN (Buch)
9783638801591
Dateigröße
510 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v2013
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Sozialwissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
Vergangenheitsbewältigung Deutschland Italien

Autor

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Titel: Vergangenheitsbewältigung - Deutschland und Italien im Vergleich