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Paradoxien in Robert Walsers "Jakob von Gunten"

Seminararbeit 1997 26 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Jakob von Gunten: Ein Anti-Bildungsroman ?

3. Untersuchung der Paradoxien
3.1. Paradoxien im sprachlichen Bereich
3.2. Paradoxien im inhaltlichen Bereich

4. Erklärungsversuche
4.1. Mögliche Beweggründe Walsers für die Wahl der Paradoxien als beabsichtigtes Strukturelement
4.2. Paradoxie als Teil des Schreibprozesses

5. Schlußbetrachtung

Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit widmet sich dem Werk „Jakob von Gunten”, welches Robert Walser 1908 in Berlin geschrieben hat.

Bevor ich auf den zentralen Punkt meiner Arbeit, die Untersuchung der Paradoxien, eingehe, überprüfe ich, ob es sich hier um einen Anti-Bildungsroman handelt oder nicht. Anschließend folgt eine Auseinandersetzung mit den Paradoxien in „Jakob von Gunten”. Vorerst beschränke ich mich dabei auf die reine Darstellung der Erscheinungsformen der Widersprüche. Zu fragen wäre hier, ob die Paradoxien eine Struktur erkennen lassen, das heißt auf welcher Ebene sie schwerpunktmäßig zu Tage treten, auf sprachlicher Ebene oder auf inhaltlicher Ebene ?

Im dritten Teil der Arbeit liefere ich verschiedene Erklärungsansätze für die para-doxe Darstellungsweise Walsers. Letztendlich ist dieser Teil der Schlüssel für die zentrale Fragestellung meiner Arbeit: Warum schrieb Walser den Tagebuchroman „Jakob von Gunten” in einer so wiedersprüchlichen Form ? Liegt diese Darstellungsweise allein in der Persönlichkeit des Dichters verankert, oder hat er bewußt die Paradoxie als Stilmittel verwendet ?

Um überhaupt Überlegungen zu der Schreibweise Walsers anzustellen, ist es notwen-dig, die Erscheinungsformen der Paradoxien in „Jakob von Gunten” zu beleuchten. Aus diesem Grunde habe ich dem entscheidenden Abschnitt meiner Arbeit, wo ich zwischen mehreren Erklärungsansätzen für das Auftreten der Paradoxien als Form des Schreibens, ob vom Dichter beabsichtigt oder nicht, abwäge, die Behandlung der reinen Erscheinungsformen bzw. die Darstellung der Paradoxien in „Jakob von Gunten” vorangestellt.

Das in „Jakob von Gunten” Paradoxien vorhanden sind, zeigte die zeitgenössische Literaturkritik. Den meisten Lesern der Jahrhundertwende erschien das Werk deshalb nur schwer zugänglich. So schrieb Josef Hofmiller im Jahre 1909: „Solch kraft- und saftloses Geschreibe in den Tag hinein ist nicht zum Aushalten.”1

Die Behandlung der Paradoxien in „Jakob von Gunten” gestaltet sich schwierig, da kaum Quellen zum Verfasser und nur wenig Sekundärliteratur zu diesem Thema vor-handen sind.

Im Bereich der Quellen ist der Roman selbst das aussagekräftigste Schriftgut. Daneben bietet auch das Gesamtwerk Walsers wertvolle Informationen.

Die Beiträge von Agnes Cardinal, Widerspruch und kulturelle Paradoxien in Walsers Werk; Dieter Borchmeyer, Dienst und Herrschaft; Ferruccio Masini, Robert Walsers Ironie und nicht zuletzt die Untersuchung des Romans von Gerhart Mayer, Robert Walser veröffentlicht in, Der deutsche Bildungsroman, wählte ich aus, um zu hinter-fragen, ob es sich um einen Bildungsroman handelt oder um einen Anti-Bildungs-roman.

Die Monographien von Dagmar Grenz, Die Romane Robert Walsers und Dieter Borchmeyer, Dienst und Herrschaft sowie die Aufsätze von Agnes Cardinal, Widerspruch und kulturelle Paradoxien in Walsers Werk; Hans H. Hiebel, Robert Walsers Jakob von Gunten. Die Zerstörung der Signifikanz im modernen Roman; Ferruccio Masini, Robert Walsers Ironie, enthalten wichtige Informationen über die Erscheinungsformen der Paradoxien in „Jakob von Gunten”.

Die Werke von Hans Holderegger, Robert Walser. Eine Persönlichkeitsanalyse anhand seiner drei Berliner Romane und von Dagmar Grenz, Die Romane Robert Walsers sowie die Untersuchungen von Ernst Osterkamp, Commis, Poet, Räuber. Eigengesetzlichkeit und Selbstaufgabe bei Robert Walser von Agnes Cardinal, Widerspruch und kulturelle Paradoxien in Walsers Werk von Hans H. Hiebel, Robert Walsers Jakob von Gunten. Die Zerstörung der Signifikanz im modernen Roman und von Ferruccio Masini, Robert Walsers Ironie, nutzte ich für die Entwicklung von Er-klärungsansätzen bezüglich der zentralen Fragestellung dieser Arbeit: Warum schrieb Walser seinen zweiten Roman in einer so widersprüchlichen Form ?

Daneben fließen noch diverse Beiträge anderer Art, die nicht spezifisch „Jakob von Gunten” als Gegenstand ihrer Darstellung beinhalten und auch nicht die Paradoxien im Roman berücksichtigen, jedoch Elemente zur befaßten Thematik wiedergeben, in diese Arbeit ein.

Um zu der Frage zurückzukehren, ob „Jakob von Gunten” der Gattung der Bildungs-romane angehört oder nicht, so herrscht weitgehend Einhelligkeit in der Sekundär-literatur. So urteilt Cardinal: „Die zuversichtlichen Maximen des Bildungsromans der deutschen Tradition: Erkenne die Welt, Erkenne dich selbst und Entwickle dich, werden in diesem Roman, eine wie die andere zum sinnlos lächerlichen Imperativ.”2 Ausgehend von dieser Position werde ich im folgenden die Strukturmerkmale in „Jakob von Gunten” mit denen des herkömmlichen Bildungsromanes im einzelnen vergleichen.

2. Jakob von Gunten: Ein Anti-Bildungsroman ?

Mayer bestätigt die Annahme von Cardinal: „Jakob von Gunten ist ein Anti-Bildungs-roman, weil er die invariante Grundstruktur des herkömmlichen Bildungsromans parodistisch destruiert.”3 Einzig „[...] die auf eine Zentralgestalt bezogene Figuren-konstellation [...]”4 erfährt keine Veränderung. Darüber hinaus fehlt der didaktisch-motivierte Erzähler des zeitgenössischen Bildungsromans. Durch die Wahl der Tage-buchform ersetzte Walser ihn durch den „[...] monologisierenden Tagebuch-schreiber.”5 Hilfreiche Kommentare des Erzählers sucht man daher vergeblich.

Die üblicherweise im Bildungsroman propagierte Idee „Erkenne die Welt” bleibt anfangs in „Jakob von Gunten” in ihrer Grundstruktur erhalten, da der Protagonist zu Beginn noch als optimistischer „wissensdurstiger Jüngling” in die Welt zieht, das heißt sich von seinem Elternhaus trennt, um etwas Wissenswertes zu erfahren, und zu sich selbst zu finden. Im weiteren Verlauf dieses Romanes entwickelt sich die anfäng-liche Anlehnung an den herkömmlichen Bildungsroman jedoch als entgegengesetzt. Der Protagonist verweilt hinter der Abgeschiedenheit der Institutsmauern und hat nur gelegentlich die Möglichkeit, dem tristen Alltag der Dienerschule zu entfliehen. „Das Verhältnis zum klassischen Bildungsroman [wird] [...] geradezu auf den Kopf gestellt.”6 „Während im klassischen Bildungsroman der Held durch die Begegnung mit der Welt zu sich selbst findet, gelangt Jakob von Gunten umgekehrt durch die Aus-schaltung der Welt zur Unterdrückung des Selbst.”7 So schreibt Jakob: „Ich respek-tiere mein Ich gar nicht, ich sehe es bloß, und es läßt mich ganz kalt.”8 Das verherr-lichte Ideal der Selbstfindung „Erkenne dich selbst” wird durch vorliegendes Zitat nicht einfach negiert sondern umgekehrt. Die üblicherweise errungene Selbstfindung des Helden wird hier zum totalen Verlust personaler Identität.

Da Jakob schon in seiner ersten Eintragung ins Tagebuch schreibt: „Seit ich hier im Institut Benjamenta bin, habe ich es bereits fertiggebracht, mir selbst zum Rätsel zu werden.”9 und damit die grundlegende Konstante „Erkenne dich selbst” auflöst, zeigt sich, daß die Auflösung des Selbst ein Kerngedanke des Werkes ist, da der Prota-gonist sie bereits früh thematisiert und schließlich bis zur totalen Aufgabe personaler Identität steigert.

Ein weiteres zentrales Gestaltungsmerkmal des Entwicklungsromans „Entwickle dich” wird direkt durch eine Eintragung im Tagebuch getilgt. Es heißt: „Ich entwickle mich nicht.”10

Weiterhin werden die beiden Grunddeterminanten des klassischen Bildungsromans „Entwickle dich” und „Erkenne dich selbst” durch die Erziehungsmethoden des Instituts destruiert. Grenz bezeichnet diese als „[...] groteske Übersteigerung sol-datischen Drills.”11 Die Eleven werden im Institut zum bloßen Werkzeug der ihnen erteilten Aufträge reduziert. Der einzige pädagogische Grundsatz des Instituts stellt das Prinzip „vorbehaltloser Subordination” und „bloße[r] funktionelle[r] Brauchbar-keit”12 dar. So berichtet Jakob: „Was wir Zöglinge tun, tun wir, weil wir müssen, aber warum wir müssen, daß weiß keiner von uns recht. Wir gehorchen, ohne zu über- legen, was aus all dem gedankenlosen Gehorsam eines Tages werden wird.”13 Es liegt auf der Hand, daß solche Erziehungsmethoden den verkörperten Idealen des Entwik-klungsromans wie der Selbstentfaltung und der Selbstentwicklung zutiefst wider-streben.

Hinzu kommt die Gestaltung des Unterrichts der Knabenschule: „Es gibt nur eine einzige Stunde und die wiederholt sich immer. Wie hat sich der Knabe zu benehmen ? Um diese Frage herum dreht sich im Grunde genommen der ganze Unterricht. Kennt-nisse werden uns keine beigebracht.”14 „Die pädagogischen Grundsätze unterscheiden sich fundamental von den traditionellen Erziehungsprinzipien. In der Knabenschule werden keine Kenntnisse im Sinne bürgerlicher Bildung vermittelt, sondern der Unter-richt kreist fast ausschließlich um die Frage, wie der Zögling sich zu benehmen hat.”15 Die Wissensvermittlung des Instituts reduziert sich, entgegen bürgerlicher Erziehungs-prinzipien, auf die reine Einübung von Benehmensregeln sowie Gehorsam und Disziplin in ständig wiederholender Form. Borchmeyer spricht von einer bewußten satirischen Pervertierung des traditionellen Bildungsbegriffs.16 Diese Umkehrung des klassischen Bildungsweges taucht oftmals im Werk Walsers auf. Parallel zum „Gehülfen”17 wird in „Jakob von Gunten” geradezu in contra-diktorischer Absicht zum Bildungsroman und auch zum bürgerlichen Bildungsweg davor gewarnt, die Vervollkommnung der eigenen Moralität, die eigene Verfeinerung und die Überwin-dung der Unkenntnis und Grobheit zu erlangen. Dagegen wird dazu aufgerufen, „[...] wild und unerzogen und ungeschliffen zu bleiben.”18 Letztlich wird der anfäng-liche Wissensdurst des Helden, einerseits durch die Erziehungsmethoden und die Ge-staltung des Unterrichts andererseits durch das Ergebnis seiner eigenen Selbst-reflexion, durch eine Eintragung schon im zweiten Drittel des Tagebuchs ausgelöscht: „Ein Schlag wird mich eines Tages treffen, so ein recht vernichtender Schlag, und dann wird alles, werden all diese Wirnisse, diese Sehnsucht, diese Unkenntnis, dies alles, diese Dank- und Undankbarkeit, diese Lügen und Selbstbetruge, dies Wissen-Meinen und dieses Doch-nie-etwas-Wissen zu Ende sein.”19

„Jakob von Gunten” ist zwar im erprobten Muster eines Bildungsromans geschrieben, weist jedoch kaum Übereinstimmungen mit den Berührungspunkten zu diesem auf. Dagegen werden sämtliche Maximen des Entwicklungsromans wie „Erkenne die Welt”, „Erkenne dich selbst” und „Entwickle dich” und alles andere, was noch allge-mein unter Entwicklung, Bildung und Werdegang eines Helden verstanden werden kann, nicht nur negiert sondern zu Anti-Phrasen erhoben. Aus diesen Gründen ist „Jakob von Gunten” kein Bildungsroman. Die Bezeichnung Anti-Bildungsroman trifft den Kern des vorliegenden Werkes.

3. Untersuchung der Paradoxien

„Jakob von Gunten” enthält zahlreiche Paradoxien. Diese sind sowohl auf sprachlicher als auch auf inhaltlicher Ebene angesiedelt. Vorerst werde ich die Widersprüche im sprachlichen Bereich untersuchen, um anschließend die Widersprüche inhaltlicher Art im Roman zu analysieren.

3.1. Paradoxien im sprachlichen Bereich

Zunächst gilt es die „offenkundigen Paradoxien”20 und die versteckten Paradoxien, das heißt die „Mystifikationen”21, zu unterscheiden.

Das Tagebuch wird bereits am Anfang durch eine vereinfachte Form der Paradoxie eingeleitet: „Nein, ich finde das, was Fräulein Benjamenta uns lehrt, beherzigenswert. Es ist wenig, und wir wiederholen immer, aber vielleicht steckt ein Geheimnis hinter all diesen Nichtigkeiten und Lächerlichkeiten. Lächerlich ? Uns Knaben vom Institut Benjamenta ist nie lächerlich zumut.”22 Der Protagonist stellt hier eine Aussage auf, hebt diese dann auf, indem er darauf hinweist, daß die Zöglinge nichts mehr lächerlich finden können, da ihnen das Lachen vergangen sei. Diese Form der Paradoxie, die „Selbstaufhebung”23, ist im gesamten Roman enthalten und nimmt auch Züge der Ironie an.

[...]


1 Hofmiller: Jakob von Gunten. Gedichte 1909, S. 51

2 Cardinal: Widerspruch und kulturelle Paradoxien in Walsers Werk, S.83

3 Mayer: Der deutsche Bildungsroman, S. 212

4 ebd.

5 ebd.

6 Borchmeyer: Dienst und Herrschaft, S. 28

7 ebd.

8 Walser: Jakob von Gunten, S. 144

9 J.v.G., S.7

10 J.v.G., S. 144

11 Grenz: Die Romane Robert Walsers, S. 92

12 Mayer: Der deutsche Bildungsroman, S. 210

13 J.v.G., S. 36

14 J.v.G., S. 9

15 Pleister: Utopie oder Resignation, S. 88

16 vgl. Borchmeyer: Dienst und Herrschaft, S. 28

17 Walser: Der Gehülfe. „Der Gehülfe” war Walsers dritter Roman

18 Masini: Robert Walsers Ironie, S. 147

19 J.v.G., S. 97

20 Hiebel: Robert Walsers Jakob von Gunten, S. 260

21 ebd.

22 J.v.G., S. 9

23 Hiebel: Robert Walsers Jakob von Gunten, S. 259

Details

Seiten
26
Jahr
1997
ISBN (eBook)
9783638241052
ISBN (Buch)
9783638646512
Dateigröße
515 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v20135
Institution / Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg – Institut für Germanistik
Schlagworte
Paradoxien Robert Walsers Jakob Gunten

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Titel: Paradoxien in Robert Walsers "Jakob von Gunten"