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Willy Brandt und der amerikanisierte Wahlkampf

Hausarbeit 2012 16 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Neuere Geschichte

Leseprobe

1. Einleitung

Im vergangenen Jahrhundert hat sich weltweit und ganz besonders in Deutschland politisch viel gewandelt. Die Deutschen sind aus einer konstitutionellen Monarchie über den Versuch einer letztlich instabilen Demokratie in eine menschenverachtende Gewaltdiktatur gestolpert, um sich danach sowohl geographisch als auch politisch in zwei Lager zu teilen, wobei sich jedes Lager gemäß seiner Vorstellung von demokratischer Herrschaft neu strukturierte. Während der östliche Teil Deutschlands, die DDR, sich stark an der Politik der UdSSR orientierte, suchte der Westteil, die BRD, die Integration in den Westen. Mit Beginn der 60er Jahre „schwappen“ immer größere Teile der politischen Kultur der USA in die BRD über - ein neues Verständnis von Politikvermittlung entsteht. Moderne Wahlkampfkampagnen und politische Generationswechsel haben mit John F. Kennedy ein neues Gesicht erhalten - ein lachendes überdies, welches in die ganze Welt ausstrahlt. Die vorliegende Hausarbeit stellt nun die Frage nach dem Ausmaß des Rinflusses politischer Kommunikationsstrategien aus den USA auf die BRD - wie weit reicht der Rinfluss Kennedys? Welche methodischen Neuerungen sind es, die in die Wahlkämpfe der BRD Rinzug halten? Ist eine zu starke Orientierung an der Wahlkampagne Kennedys dafür verantwortlich, dass Willy Brandt bei zwei Bundeskanzlerkandidaturen den jeweiligen Gegnern aus CDU/CSU unterliegt? Zur Beantwortung dieser aufgeworfenen Fragen habe ich mich auf Literatur aus dem Bereich der Geschichte, Politik- und Kommunikationswissenschaft, sowie auf aktuelle und zeitgenössische Zeitungsartikel gestützt und versucht, anhand dieser Themengebiete logische und nachvollziehbare Rrklärungen zu finden.

2. Amerikanisierung oder Modernisierung?

Das 20. Jahrhundert gilt als „the American century“, also als das Jahrhundert, welches vor allem von der amerikanischen Kultur, Politik und Wirtschaft dominiert wurde. Besonders die 50er Jahre gelten als die Jahre, in denen sich der „American Dream“, also die Rrfüllung von Wohlstand, Glück und Freiheit, manifestierte. Im Verlauf der 50er steigt das amerikanische Bruttosozialprodukt um 75 Prozent, angekurbelt von der weißen Mittelschicht, die den Traum von der Freiheit im Rigenheim mit Fast Food und blitzenden Haushaltsgeräten, Fernsehapparaten und neuen Autos feiert.1 Die Vereinigten Staaten scheinen einer homogenen Kleinstadt zu gleichen, in der jedoch Schriftsteller wie Jack Kerouac, Schauspieler wie James Dean und Musiker wie Rlvis Presley der heilen Welt der Amerikaner einen rebellischen Anstrich zu verpassen drohen. Gegen Rnde der 50er befinden sich die USA also in einer Phase des Aufbruchs, in der Vorstadtidylle und gesellschaftliches Aufbegehren nebeneinander existieren2, und was auf kultureller Seite in die Wahrnehmung von „Joe und Jane Lunchbucket“ drängt, vollzieht sich auf politischer Rbene mit dem Rrscheinen des jungen und dynamischen Demokraten John F. Kennedy, dessen frisches, fortschrittliches Image von Anfang an in der ganzen Welt wahrgenommen wird.

Auch in der BRD beginnt der politische Wind seine Richtung zu drehen, allerdings tritt diese Entwicklung hierzulande viel langsamer und mit einiger Verzögerung ein. Wenn sie dann aber in Form der neu erstarkenden SPD und ihres Kanzlerkandidaten Willy Brandt endlich Gestalt annimmt, erinnern viele Elemente an die politischen Wahlkampfstrategien des „großen Bruders“ Amerika - wie genau dies passiert, soll später noch genauer erläutert werden. Fürs erste bleibt festzuhalten, dass die deutsche Politik, und ganz speziell der deutsche Wahlkampf, der amerikanischen Version immer ähnlicher wird. Es stellt sich nun also die Frage ob diese Entwicklung als eine natürliche politische Evolution zu sehen ist, oder ob sie bewusst von Parteistrategen forciert wurde.

Fest steht, die BRD hat Amerika gern; besonders die West-Berliner fühlen sich durch die Unterstützung der USA in Zeiten der Berlin-Blockade von 1948/49 auf ewig mit den USA verbunden.3 Für die Amerikaner hingegen stellt West-Berlin auch eine Chance dar. Während des Kalten Krieges, in dessen Verlauf das politische Image der betroffenen Länder immer mehr an Bedeutung gewinnt und dementsprechend mehr Augenmerk auf die Wirksamkeit politischer Propaganda gelegt wird, gerät West-Berlin mehr und mehr zur Leinwand für „Amerikas Mission in der Welt“4. Wechselseitige Beziehungen zwischen den beiden Ländern sind daher intensiv. Auch deswegen scheint es, als ob deutsche Politiker zu den Amerikanern aufblicken und versuchen - besonders im Wahlkampf - die US-Politiker zu imitieren.

Seit dem Ende des 2. Weltkrieges gibt es auch in Deutschland eine Medienpolitik. Ein öffentlich­rechtliches Rundfunksystem wird eingeführt, wobei die Parteien- und Gesinnungspresse nun zugunsten der unabhängigen überparteilichen Presse zurücktritt.5 Trotzdem stecken strategisch ausgeklügelte Wahlkampfkampagnen noch in den Kinderschuhen. Echte Wahlkämpfe in denen Regierungs- und Oppositionsparteien gleichberechtigt zu Wort kommen, hat es in Deutschland - zumindest wenn man sie mit den Wahlkämpfen der Amerikaner vergleicht - bisher nur ansatzweise gegeben; in der Monarchie sind sie nicht wirklich gefragt und in Hitlers Diktatur wurden sie vor allem zu Propaganda- und Verhetzungzwecken genutzt. Seit der Befreiung Deutschlands von der Nazidiktatur hat sich das Volk an der (Groß-)Vaterfigur Adenauers festgehalten und „Keine Experimente!“6 gewagt. Konrad Adenauer stand für Stabilität und Sicherheit7 und war damit quasi die Personifizierung seiner eigenen Botschaft.8

Die USA hingegen sind die im Volksmund „älteste Demokratie der Welt“ und somit im Wahlkampf erprobt. Inszenierungen von politischen Symbolen sowie ihre möglichst weite öffentliche Vermittlung haben im amerikanischen Wahlkampf Tradition. Nimmt man nun noch die Vorbildrolle Amerikas für Deutschland mit ins Bild, entsteht leicht der Eindruck, dass sich die deutschen Wahlkampfstrategen an den amerikanischen Mustern bedient haben könnten. Wer also von der „Amerikanisierung deutscher Wahlkämpfe“ spricht, meint damit die gezielte Übernahme moderner Wahlkampftechniken und -strategien aus den USA. Hiermit sind z.B. das politische Marketing, „negative advertising“ und der personalisierte Wahlkampf gemeint.9 Allerdings ist die „Amerikanisierung“ begrifflich gar nicht genau abgesteckt - eine korrekte Definition eines amerikanisierten deutschen Wahlkampfes muss also verwaschen ausfallen - daher ist heute der Begriff der „Modernisierung“ für dieses Problem weitaus gebräuchlicher.10 Eine echte „Amerikanisierung“ wäre auch gar nicht möglich, da die Gestaltung des Wahlkampfes logischerweise immer vomjeweiligen Wahlsystem abhängig ist.

Die USA wird nach dem Prinzip der präsidentiellen Demokratie regiert. Der Präsident ist das Staatsoberhaupt, der Regierungschef und der militärische Oberbefehlshaber in einer Person und wird nach dem Prinzip der Mehrheitswahl, also „winner takes all“, gewählt.11 12 Dies führt dazu, dass der Wahlkampf stark personalisiert ist; die Strategien zur Stimmengewinnung sind folglich so konzipiert, dass der Präsidentschaftskandidat beim Volk als möglichst sympathischer und zukunftsweisender Hoffnungsträger ankommt. In der BRD muss dieses Prinzip, wenn es denn übernommen werden soll, an das hier bestehende Koalitionsregierungsmodell der deutschen parlamentarischen Demokratie angepasst werden. Da in der BRD das Kabinett die zentrale Institution im Regierungssystem ist - also eine Zusammenstellung von Ministern derjenigen Parteien, die die meisten Stimmen im Wahlkampf für sich verbuchen konnten - haben die von den Bundeskanzlerkandidaten vertretenen Parteien weitaus mehr Gewicht im eigentlichen Wahlkampf 12, als es in den USA der Fall ist. Um den deutschen Wahlkampf zu personalisieren, braucht es also sowohl eine Imagekampagne für den Spitzenkandidaten als auch für die Partei.

Um einen Wahlkampf außerhalb der Vereinigten Staaten zu „amerikanisieren“, werden infolgedessen strategische Innovationen aus den USA, die meistens mit technischem Fortschritt einhergehen, in das betreffende Land „transportiert“, und dann den dortigen Gegebenheiten angeglichen. Da technische - überwiegend medienbezogene - Wahlkampfinnovationen ihren Ursprung größtenteils in den USA haben und hier auch zuerst angewendet wurden, entsteht der Eindruck, dass importierte Vorgehensweisen per se „amerikanisch“ seien.13

Die Strategien, die den deutschen Wahlkampf der frühen 60er Jahre also erstmals vermeintlich „amerikanisierten“, modernisierten ihn im Grunde jedoch nur. Nach der „Modernisierungsthese“ sind die USA demnach nicht die „Quelle der Veränderungen, sondern nur mögliches Vorbild“14, da sie durch ihre kulturelle, wirtschaftliche und politische Vorreiterrolle im 20. Jahrhundert anderen Gesellschaften gegenüber in ihren medienpolitischen Entwicklungen einen zeitlichen Vorsprung hatten.

Unsere heutige Mediendemokratie hat ihren Anfang mit der beginnenden Medienpolitik der 40er Jahre genommen. Über die Jahrzehnte haben die Medien einen immer größer werdenden bis hin zu einem bestimmenden Einfluss auf die Politik genommen. Der stetige Wandel in Politik, Gesellschaft und Medien hat in den modernen Wahlkämpfen durchaus Strukturen geschaffen, die jenen in den USA gleichen: Kommunikationswissenschaftler bezeichnen dies als „Labilisierung, Individualisierung, Fragmentierung und Technologisierung traditioneller politischer Öffentlichkeit“.15 Die Komponenten die hierbei einen „amerikanisierten“ oder „modernisierten“ Wahlkampf auszeichnen, sind die mediale Konzentration auf den Spitzenkandidaten, wobei die Betonung auf dem Image, dem Stil und der Persönlichkeit liegt, sowie eine ganze Bandbreite an politischen Symbolen, wie Wahlkampfreisen, TV-Auftritte und -Spots sowie politische Meinungsumfragen. Diese Strategien finden sehr bald auch ihren Eingang in die deutsche Politik und werden vor allem in die Wahlkämpfe der frühen 60er Jahre integriert, wobei erstmals eigene Wahlkampfbüros - nach amerikanischem Vorbild - eingerichtet werden, in denen u.a. professionelle Werbefachleute die Ausarbeitung des gewünschten Images der Spitzenkandidaten übernehmen. Inspirationen für die Gestaltung wählerfreundlicher Charakterbilder gibt es genug - und wieder einmal kommen sie meistens aus den USA.

Amerikanische Politiker kamen und kommen bis heute in der BRD gut an. Bei der Reise des US- Außenministers Christian Herter nach Berlin jubeln ihm geschätzte 130.000 Menschen zu.16 Auch der Besuch Lyndon B. Johnsons 1961 in Berlin und Bonn geht als Triumph in die Geschichte der Bundesrepublik ein. Besonders die Berliner jubeln ihm frenetisch zu, durchbrechen Absperrungen und überreichen dem Vize-Präsidenten Blumen.17 Johnson präsentiert sich als Freund des Volkes, geht direkt auf die Menschen zu, trinkt mit ihnen Berliner Weisse aus der Flasche18 und erkundigt sich beim Regierenden Bürgermeister Willy Brandt, wo er dessen Schuhe nachkaufen könne. Diese vermeintlichen Schwächen im Protokoll stärken das persönliche Bild des Politikers und gelten als geglückte Propaganda19, die sich auf eine geschickte Platzierung politischer Symbole, also auf „sinnliche und metaphorische Handlungen und Äußerungen, die eine politische Aussage treffen“20 stützt. Hierzu zählen u. a. Aussagen, Gestiken, Bilder und Reisen - alles Dinge zur Inszenierung von Politik, die ihre beste Wirkung entfalten, sobald sie von so vielen Menschen wie möglich

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1 Jörg-Uwe Albig: „The American Dream“, in: Geo Rpoche Nr. 40 „John F. Kennedy“, 2009, S. 38.

2 Albig, 2009, S. 39 und S. 42.

3 Andreas W. Daum: „Kennedy in Berlin“, Paderborn, 2003, S. 7.

4 Ebd., S. 8.

5 Daniela Münkel: „Bemerkungen zu Willy Brandt“, Berlin, 2005, S.79.

6 „Keine Experimente!“ hieß der Wahlslogan im Bundestagswahlkampf der CDU von 1957..

7 Http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-43366013.html. Spiegel 37/1961, „Heldnach Maß“, S. 31.

8 Jochen W. Wagner: „Deutsche Wahlwerbekampagnen made in USA? Amerikanisierung oder Modernisierung bundesrepublikanischer Wahlkampagnen“, Wiesbaden, 2005, S. 232.

9 Ebd., S. 37.

10 Ebd., S. 37 und S. 38.

11 Ebd., S. 106.

12 Ebd., S. 128 und S. 129.

13 Wagner, 2005,S.40.

14 Wagner, 2005,S.39.

15 Ebd., S. 39.

16 Daum, 2003, S. 48.

17 Ebd., S.51.

18 Ebd., S. 50.

19 Ebd., S. 52.

20 Ebd., S. 13.

Details

Seiten
16
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656273776
ISBN (Buch)
9783656277101
Dateigröße
427 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v201446
Institution / Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald – Instotute of History
Note
2,0
Schlagworte
willy brandt wahlkampf

Autor

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