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Die faschistische Machterlangung im Hinblick auf historische, wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen

Aufstieg des Faschismus als Folge der Krise des Nationalstaates?

Hausarbeit 2010 19 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Zeitalter Weltkriege

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Krisenverschärfende Rahmenbedingungen
2.1 Grundprobleme des italienischen Nationalstaates 1861-1922
2.1.1 Geburtsfehler und Probleme des jungen Nationalstaates S.4 2.1.2 Folgen des Ersten Weltkriegs
2.2 Problematische wirtschaftliche Rahmenbedingungen und die Krise
2.3 Strukturfehler und Fehlentwicklungen der italienischen Politik S.8 2.3.1 Das politische System und die Stellung des Königs S.8 2.3.2 Die bevölkerungsferne politische Kultur Italiens
2.3.3 Die Praxis des Trasformismo S.9 2.3.4 Die Zerrissenheit und die Kompromisslosigkeit der politischen Lager und Parteien
2.4 Die gespaltene Gesellschaft und das biennio rosso

3. Faschistisches und squadristisches Vorgehen bis zur Machterlangung
3.1 Benito Mussolini und die Entwicklung der faschistischen Bewegung
3.2 Die Ideologie der Gewalt und der Squadrismus
3.3 Die fiacheggiatori und der Marsch auf Rom

4. Zusammenfassung

5. Inhaltsverzeichnis
5.1 Quellen
5.2 Sekundärliteratur

1. Einleitung

Die zentrale Gestalt des italienischen Faschismus – Benito Mussolini – wurde am 30. Oktober 1922 von König Vittorio Emanuele III. zum Ministerpräsident des italienischen Königreiches ernannt[1] . In seiner ersten Regierungserklärung machte der charismatische Führer und spätere Diktator den Abgeordneten unmissverständlich klar, was er vom Parlament und im übertragenen Sinne von der Demokratie an sich hielt: „Ich hätte aus dieser grauen Aula ein Biwak [Feldlager[2] ] für meine Milizen machen können, ich hätte das Parlament zumachen und eine Regierung ausschließlich von Faschisten bilden können […]“[3] . Wie konnte eine Person – die offensichtlich eine so große Abneigung gegen das parlamentarische Regierungssystem hegte – zum Amt eines Ministerpräsidenten gelangen? Diese Paradoxie wurde noch dadurch verstärkt, dass das Parlament Mussolini durch eine Abstimmung die verfassungsmäßige Vollmacht erteilte, ein Jahr lang mithilfe von Verordnungen am Parlament vorbei zu regieren. Die Machterlangung der Faschisten beendete nach der Einteilung Wolfgang Schieders und Robert Paxtons die Phase der Bewegung, die sich von der Gründung der Fasci Italiani di Combattimento am 23. März 1919 in Mailand bis hin zum Marsch auf Rom Ende Oktober 1922 und der damit verbundenen Machterlangung erstreckte[4] . Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich zunächst mit der Frage, welche historischen, wirtschaftlichen und politischen sowie gesellschaftlichen Rahmenbedingungen diese Machterlangung der Faschisten erst ermöglichten. Das zweite Kapitel beschäftigt sich daher mit den Geburtsfehlern im Zusammenhang mit der italienischen Staatsgründung sowie deren außen- und innenpolitischen Folgen. Des Weiteren werden die Folgen des einschneidenden Ersten Weltkriegs beleuchtet. Anschließend werden separat die Strukturprobleme sowie die krisenverschärfenden Elemente in den Bereichen Wirtschaft, Politik und Gesellschaft analysiert. Der zweite Teil der vorliegenden Arbeit setzt sich mit der Frage auseinander, inwiefern das Vorgehen Mussolinis und das der Faschisten selbst zur Machterlangung beitrug. Dazu wird auf den Beginn der faschistischen Bewegung sowie deren Entwicklung eingegangen. Ein besonderes Augenmerk wird auf die anschließende Analyse der faschistischen Squadren gelegt sowie deren Verhältnis zu politischer Gewalt erläutert. Gegen Ende wird auf die Sympathisanten des Faschismus und auf den Marsch auf Rom 1922 eingegangen. In der abschließenden Zusammenfassung werden die Leitfragen beantwortet sowie die wichtigsten Thesen nochmals erläutert.

2. Krisenverschärfende Rahmenbedingungen

2.1 Grundprobleme des italienischen Nationalstaates 1861-1922

2.1.1 Geburtsfehler und Probleme des jungen italienischen Nationalstaates

Mit der italienischen Nationalstaatsgründung von 1861 – welche erst 1870 mit der Einnahme Roms abgeschlossen wurde[5] – stand das zu den „verspäteten Nationen“[6] gehörende junge italienische Königreich vor riesigen inneren Integrationsproblemen. Sowohl räumlich als auch kulturell schienen sich die teilweise Jahrhunderte lang von auswärtigen Kräften abhängigen Gebiete eher fremd zu sein, sodass der mündlich tradierte Regionaldialekt in den verschiedenen Regionen weitaus verbreiteter war, als die gemeinsame italienische Hochsprache. Des Weiteren erschwerte die hohe Analphabetenrate – im Jahr 1861 betrug diese etwa 75% - ein kulturelles Einswerden der heterogenen Landesteile[7] .

Bezeichnend für die inneren Gegensätze war der eklatante Nord-Süd-Gegensatz, der sich sowohl in der gemeinsamen Kultur als auch in den Bereichen Wirtschaft und Gesellschaft niederschlug. Während im Norden eine Modernisierung der Landwirtschaft und ab den 1880er Jahren eine allmähliche Industrialisierung einsetzte, war der Mezzogiorno (Süden) geprägt von einer rückständigen Landwirtschaft, welche von Großgrundbesitzern kontrolliert wurde. Dies erzeugte eine große Armut in den riesigen Berufsgruppen der Tagelöhner und Halbpächter, was sich unter anderem in einer riesigen Emigrationswelle[8] und einem um sich greifenden Brigantentum niederschlug. Bezeichnenderweise sah sich der italienische Staat in den 1860er Jahren dazu veranlasst, sowohl den Belagerungszustand auszurufen als auch Ausnahmegesetze zu erlassen. Symptomatisch für die geographische, politische und kulturelle Unverbundenheit Italiens war die Tatsache, dass der zu Beginn des 20. Jahrhunderts regierende Giuseppe Zanardelli der erste Ministerpräsident war, der den Mezzogiorno besuchte[9] .

Ähnlich problematisch sah es mit der Integration der vatikantreuen Katholiken und den Unterschichten aus. Aufgrund der Einverleibung des ehemaligen Kirchenstaates und der Einnahme Roms 1870 stand der Vatikan dem neuen Nationalstaat äußerst feindlich gegenüber, sodass Papst Pius IX. im Jahr 1874 in Form des päpstlichen Dekrets „Non expedit“ allen italienischen Katholiken jegliche politische Partizipation am neuen Nationalstaat verbot[10] . Zwar lockerten die Päpste Leo XIII. und Pius X. mit ihren Enzykliken das Verbot und ermöglichten damit eine schrittweise Einbindung in die neue Gesellschaft, doch zu einer endgültigen Lösung der Römischen Frage sollte es erst 1929 kommen[11] . Bei den Unterschichten stand insbesondere die Lösung der Sozialen Frage im Mittelpunkt ihrer Interessen. Vor allem die Landarbeiter und weite Teile der aufkommenden Industriearbeiterschaft waren bettelarm und standen dem zeitweise mit äußerst repressiven Mitteln agierenden Staat größtenteils feindlich gegenüber.

Neben weiteren Problemen Italiens im Innern bestand ebenso das Bewusstsein einer nach außen hin „unfertigen Nation“[12] , was sich vor allem in der nationalistischen Vorstellung des Irredentismus niederschlug, der die „Erlösung“ der von Italienern bewohnten Gebiete, die unter der Herrschaft Österreich-Ungarns standen, propagierte. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts – im Zuge des Fin de siècle – nahm der bis dahin relativ liberale Nationalismus aggressiv-autoritäre Züge an, was unter anderem als ein Ausdruck der Überforderung der Gesellschaft mit der nahezu alle Bereiche erfassenden Modernisierung und den damit einhergehenden Veränderungen gesehen werden kann. Ein Produkt jener Kulturkrise war beispielsweise der gewaltverherrlichende Futurismus. Die Charakteristika des neuen Nationalismus waren gekennzeichnet durch einen übersteigerten Patriotismus, der die nationale Gemeinschaft sowie den Wert der Nation in den Mittelpunkt rückte und sowohl gegen innere als auch äußere scheinbare Feinde allmählich chauvinistische Wesenszüge annahm. Der aggressiv-autoritäre Nationalismus nahm schon bald expansionistische bzw. imperialistische Charakterzüge an und schwelte auch trotz der im Jahr 1896 im äthiopischen Adua erlittenen verheerenden Niederlage in nationalistisch-konservativen Kreisen weiter an[13] . Gegen die eher linksliberale Reformpolitik Giovanni Giolittis formierte sich mit der Zeit sowohl innerhalb als auch außerhalb des liberalen Lagers ein äußerst heterogener konservativ-nationalistischer Block, der erstmals mittels Propaganda weite Teile der Bevölkerung – besonders das Bildungsbürgertum und weite Teile der Mittelschicht – für ein expansionistisches Projekt gewinnen konnte[14] . Durch diese erstmalige Massenmobilisierung wurde der langjährige Ministerpräsident Giolitti sowohl politisch als auch teils gesellschaftlich in den Libyenkrieg 1911/1912 gegen das Osmanische Reich getrieben. Dieser Krieg hatte weitreichende innenpolitische Auswirkungen, da der kooperative Teil des sozialistischen PSI (Partito Socialista Italiano) – nämlich die Reformsozialisten um Turati – im Jahr 1912 ins Abseits gedrängt wurde und eine Fortsetzung der Reformpolitik Giolittis unmöglich machte. Der konservativ-nationalistische Block innerhalb des liberalen Lagers gewann durch den Erfolg in Libyen noch mehr Einfluss – sodass Giolitti sich im Februar 1914 dazu genötigt sah – zurückzutreten[15] .

[...]


[1] Vgl. Philip Morgan: Italian Fascism. 1915-1945 (The Making of the Twentieth Century), New York 22004, S.75.

[2] Zitiert nach Denis Mack Smith: Mussolini. Eine Biographie, übersetzt von Michael Grendacher und Thomas Kolberger,

München und Wien 1983, S.103.

[3] Zitiert nach Wolfgang Schieder: Der italienische Faschismus. 1919-1945 (Beck’sche Reihe), München 2010, S.33f. (im

Folgenden zitiert als „Schieder, Faschismus“).

[4] Vgl. Stanley Payne: Geschichte des Faschismus. Aufstieg und Fall einer europäischen Bewegung, München 2001,

S.148 (im Folgenden zitiert als „Payne, Geschichte des Faschismus“); Schieder, Faschismus, S.7.

[5] Vgl. Laura Roman del Prete: Art. „Indipendenza (Guerre d’I.)“, Italien Lexikon, 1995, S.409f.

[6] Wolfgang Schieder: Das faschistische Italien als Krise der bürgerlichen Gesellschaft, in: Nation und Gesellschaft in

Deutschland. Historische Essays. Festschrift Hans-Ulrich Wehler, hrsg. von Manfred Hettling und Paul Nolte,

München 1996, S.305-318, S.305 (im Folgenden zitiert als „Schieder, Krise der bürgerlichen Gesellschaft“).

[7] Vgl. ebd., S.305f.

[8] Vgl. Hans Woller: Geschichte Italiens im 20 Jahrhundert (Europäische Geschichte im 20. Jahrhundert), München 2010,

S.19-25 (im Folgenden zitiert als „Woller, Italien“).

[9] Vgl. Lutz Klinkhammer: Staatliche Repression als politisches Instrument. Deutschland und Italien zwischen

Monarchie, Diktatur und Republik, in: Deutschland und Italien 1860-1960. Politische und kulturelle Aspekte im

Vergleich (Schriften des Historischen Kollegs. Kolloquien 52), hrsg. von Christof Dipper und Elisabeth Müller-

Luckner, München 2005, S.133-157, S.136ff. (im Folgenden zitiert als „Klinkhammer, Repression“); Woller, Italien,

S.40.

[10] Vgl. Schieder, Krise der bürgerlichen Gesellschaft, S.308; Adolf Hampel: Art. „Non expedit“, Italien Lexikon, 1995,

S.533.

[11] Vgl. Woller, Italien, S.19-27; Adolf Hampel: Art. „Patti Lateranensi“, Italien Lexikon, 1995, S.569f.; Tiziana Di Maio:

Zwischen Krise des liberalen Staates, Faschismus und demokratischer Perspektive. Die Partito Populare Italiano

1919-1926, in: Christdemokratie in Europa im 20. Jahrhundert (Historische Forschungen. Arbeitskreis Europäische

Integration), hrsg. von Michael Gehler u.a., Wien u.a. 2001, S.122-142, S.123 (im Folgenden zitiert als „Di Maio,

PPI“).

[12] Schieder, Krise der bürgerlichen Gesellschaft, S.305.

[13] Vgl. Payne, Geschichte des Faschismus, S.52-93; Woller, Italien, S.20f.

[14] Vgl. Wolfgang Schieder: Die Geburt des Faschismus aus der Krise der Moderne, in: Deutschland und Italien

1860-1960. Politische und kulturelle Aspekte im Vergleich (Schriften des Historischen Kollegs. Kolloquien 52), hrsg.

von Christof Dipper und Elisabeth Müller-Luckner, München 2005, S.159-179, S.171 (im Folgenden zitiert als

„Schieder, Krise der Moderne“).

[15] Vgl. Schieder, Krise der bürgerlichen Gesellschaft, S.311f.

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