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Günther Grzimek - Architekt des Demokratischen Grüns

Der Münchner Olympiapark als zeitlose Gebrauchslandschaft

Masterarbeit 2012 169 Seiten

Landschaftsarchitektur, Landespflege, Gartenbau

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Zielsetzung und Methodik der Arbeit

3 Landschaftsarchitektur und Geschichtsbewusstsein

4 Das Leben und Wirken des Günther Grzimek

5 Entschichtung des Olympiaparks
5.1 Das Olympiagelände
5.2 Lage und Gliederung
5.3 Geschichte
5.4 Olympische Spiele 1972
5.5 Der Olympiapark
5.6 Rahmenbedingungen
5.7 Arbeitsmittel
5.7.1 Infrastruktur
5.7.2 Denkmalschutz
5.7.3 Vegetationsverwendung
5.7.4 Topographie
5.7.5 Wasser
5.7.6 Sichtbeziehungen
5.7.7 Bezug zur Architektur
5.7.8 Formensprache
5.7.9 Nutzungen und Funktionen

6 Günther Grzimek als Vordenker
6.1 Theoretische Ansätze
6.2. Formal-ästhetische Ansätze

7 Kritische Reflektion
7.1 Günther Grzimek - einer der fortschrittlichsten Landschaftsarchi­ tekten seiner Zeit
7.2 Günther Grzimeks Gestaltungsrepertoire ist von einer Qualität, die zeitlos gültig ist. Seine Ansätze sind heute noch anwendbar.
7.3 Günther Grzimek - Sozialarbeiter der Landschaft

8 Quellen
8.1 Literatur
8.2 Internetquellen
8.3 Filme und Hörbücher

9 Abbildungsverzeichnis

10 Danksagung

11 Anhang

Abstrakt

Die gegenwärtige Gesellschaft zeichnet sich durch Komplexität und ständigen Wandel aus. Veränderungen des Sozialgefüges durch demo­graphische Prozesse und die auseinanderklaffende Schere zwischen arm und reich sind nur zwei Beispiele für den aktuellen Strukturwandel, der uns in vielfältiger Weise beeinflusst. Der Landschaftsarchitekt wird zum Generalisten für die Bewältigung zahlreicher Problemstellungen, da Grünflächen als Sozialräume enorm an Bedeutung gewinnen

Die Wiederentdeckung des sozialen Aspekts von Freiräumen birgt die Möglichkeit einzelne Gegenwartsaufgaben unserer pluralistischen Gesell­schaft in eben diesen zu bewältigen. Als Ort der Entfaltung, der Mehrge­nerationenbegegnung und der Integration können wertvolle Stadträume entstehen. Für die Bewältigung dieser anspruchsvollen Planungsauf­gaben muss kein neuer Parktypus entworfen werden, wie aktuelle Aus­schreibungen fordern. Es kann mit bewährten Methoden reagiert werden. Die genauere Betrachtung gut funktionierender, bereits bestehender Grünräume ermöglicht einen Erkenntnisgewinn, der Lösungsansätze für aktuelle Entwicklungen beherbert. „Aus Geschichte lernen“ als legitime Praktik kann auch in der Landschaftsarchitektur angewandt werden

In diesem Fall wird das Leben und Wirken des Kasseler Landschaftsar­chitekten Günther Grzimek am Beispiel seiner Planung des Münchner Olympiaparks genauer untersucht. Günther Grzimek als Architekt des Demokratischen Grüns war, trotz seiner geringen Prominenz, nicht nur einer der fortschrittlichsten Landschaftsarchitekten seiner Zeit, sondern auch Sozialarbeiter für Mensch und Landschaft

Das Gestaltungsrepertoire wird am Beispiel des Münchner Olympia­parks auf seine zeitlose Gültigkeit und Einsetzbarkeit hin überprüft. Die Entschichtung des Münchner Grünraums erlaubt ein Herausarbeiten der Grzimekschen Gestaltungsprinzipien. Diese werden in den zeitlichen Kontext gesetzt, auf ihre Ursprünge untersucht und bewertet. Was lässt sich anhand der singulären und dialektischen Betrachtung der spezifi­schen Aspekte des Olympiaparks eruieren? Sind die Grundprinzipien Grzimeks auch heute noch anwendbar?

Trotz zahlreicher Veröffentlichungen und Vorträge genoss Grzimek nicht den selben Bekanntheitsgrad wie andere Zeitgenossen seiner Profes­sion. Dennoch ist er einer der wichtigsten Vertreter der Landschaftsar­chitektur der Nachkriegszeit und setzte als Reformer neue Maßstäbe in Praxis und Theorie seines Fachs. Als Vertreter des sozial-pragmatisch orientierten Lagers bereitete er den Weg für eine nutzerorientierte, funk­tionale und objektivierte Planung. Durch ein verändertes Gesellschafts­bild, neues Stadt-Land-Verständnis und die anwaltschaftliche Vertretung der Bürger bei Neugestaltungen, entwickelte er den nutzerbezogenen Funktionalismus, der zur Grundlage aller Grzimekschen Planungen wurde. Der Kasseler Landschaftsarchitekt setzte sich für „die Besitzer­greifung des Rasens“ mithilfe der Leitbilder des „Leistungsgrüns“ und der „Gebrauchslandschaft“ ein. Genannte Modellentwürfe beherbergen Antworten auf gegenwärtige Herausforderungen der Stadtentwicklung. Diese Lösungsansätze werden herausgestellt, Hintergründe aufgezeigt und dem Leser in strukturierter Form präsentiert

1 Einleitung

„Der Olympiapark war immer als ein humaner Ge­brauchsgegenstand für eine demokratische Ge­sellschaft gedacht. Im Grünen dieses Parks sollen die Stadtbewohner und die Gäste der Stadt spielen und sich wohlfühlen.“1

Günther Grzimeks demokratisches Grün - wer ist dieser Kasseler Landschaftsarchitekt und welchen Einfluss übt er auf die aktuelle Landschaftsarchi­tektur aus? Was kann man von ihm lernen? Diese Fragen sind Gegenstand der vorliegenden Arbeit.

Der Beruf des Landschaftsarchitekten unterliegt einem ständigen Wandel. Unsere gebaute und unbebaute Umwelt verändert sich rasend schnell. Gleich einer Evolution entwickelt sich der Auf­gaben- und Einsatzbereich analog zu unserer anthropogen überformten Umwelt. Anpassung, Reaktionsfähigkeit und innovative Herangehens­weisen sind heute bezeichnend. Einem Planer stellt unsere heutige Zeit zahlreiche Herausforderungen. In unserer heutigen, vielschichtigen Gesellschaft steht ein Gestalter vor vielseitigen Ansprüchen und Bedürfnissen, die es bei einer Planung zu berück­sichtigen gilt. Die Zusammensetzung der Sozietät änderte sich laufend und infolge unterschiedlichster Einflussfaktoren. Die demographische Entwick­lung, sowie der eben beschriebene Strukturwandel werden die Gesellschaft und deren Zusammenset­zung spürbar verändern.

Deutschlands demographischer Wandel beschreibt eine Tendenz der Strukturveränderung, für die man gestalterisch und planerisch eine Lösung finden muss. Diese Tatsache stellt eine aktuelle und zukünftige Problemstellung dar. Das Statistische Bundesamt berechnete den Schrumpfungspro­zess der BRD, welcher besagt, dass sich bis 2050 die Bevölkerung um sieben Millionen auf fünfund­siebzig Millionen Menschen reduziert. Die Folgen einer derartigen Dezimierung sind erkennbar, in der stadtstrukturellen Planung muss darauf reagiert werden.

Der irreversible Alterungsprozess unserer Bevölke­rung als Kern dieses Wandlungsprozesses wird zu gravierenden Veränderungen in der Gesellschaft und somit auch in Politik, Wirtschaft und Planung führen. Intelligente Anpassungskonzepte, abge­stimmt auf den demo-sozialen Prozess, der sich in

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb 01: Alterspyramide Deutschlands

Die demographische Alterung ist eine Verschiebung der Zahlenverhältnisse in der Altersverteilung der Bevölkerung zugunsten der alten Jahrgänge. Die beschriebene Überalterung bedingt Veränderungen in den Familien- und Haushaltsstrukturen, und somit in der Stadtstruktur. Eine besondere Berück­sichtigung bei der Gestaltung von Freiräumen und umsetzbare Lösungsmodelle für diese Gegebenheit sind zu erforschen und einzusetzen.

Zu diesem Umstand kommt die Vergrößerung der Kluft zwischen arm und reich hinzu. In den ver­gangenen zwei Jahrzehnten ist die Einkommens­divergenz in Deutschland stärker gewachsen als in anderen Industrienationen. Dieses Missverhältnis birgt auch soziale und gesellschaftliche Folgen, die den Freiraum betreffen.

Die gesamte Sozialstruktur aller Bevölkerungs­schichten modifizierte sich überdies zu einer multikulturellen Gesellschaft. Die Nutzung eines Grünraums wird in verschiedenen Kulturen unter­schiedlich zelebriert. Je nach Lebensweise ist die Nutzung des Grüns grundverschieden. Heutzu­tage stehen die Planer vor der Aufgabe für diese vielschichtige Gesellschaft einen demokratischen Freiraum, der für alle gleichermaßen nutzbar ist, zu entwerfen.

„Der öffentliche Raum ist die umfassendste kultu­relle Einrichtung der Stadt.“2 Somit vermag er auch zahlreiche Aufgabenstellungen in seiner Kom­plexität beherbergen. Bei der gesamten sozialen Entwicklung, die bereits zu verzeichnen ist oder in Zukunft eintritt, gewinnen Freiflächen als Sozial­räume an Bedeutung. Die Wiederentdeckung des sozialen Aspekts von Grünräumen, als „Bühne der Gesellschaft“, impliziert neue planerische Aufgaben. Öffentlicher Raum wird zum zentralen sozialen Ort der Stadtgesellschaft. Zugleich stellt sich die Frage, wie macht man Freiräume in sozialer Hinsicht leistungsfähiger? Wie passt man diese optimal unseren heutigen Gegebenheiten an?

Die Wettbewerbsausschreibung des Flughafenge­ländes Berlin Tempelhof zeigt die hohen Anforde­rungen an die Planer: es wird die Entwicklung eines neuen Parktyps gefordert. Integration soll geför­dert, Kriminalität verhindert und die Verknüpfung unterschiedlicher sozialer Milieus bewerkstelligt werden. Insgesamt wird der öffentliche Raum eine vielschichtige Vermittlungsfunktion in räumlicher, sozialer und ästhetischer wie auch in ökologischer und wirtschaftlicher Sicht einnehmen. Zudem werden neue, prozessorientierte Herangehens­weisen gefordert, die die Eigeninitiative der Bürger ermöglichen und begünstigen.3

Bei der Ausschreibung der Umgestaltung des Tempelhofs wird weiterhin erläutert: „Ein neuer Typus einer städtischen Parklandschaft soll ent­stehen, welcher dem Bedürfnis nach Natur in der Stadt, dem Anspruch nach Raum für Bewegung und Begegnung, aber auch neuen Ansprüchen an öffentlichen Raum gerecht werden. Die Parkland­schaft ist Ort der Integration einer multikulturellen, sozial durchmischten und älter werdenden Stadtge­sellschaft. Dabei können sich Teilgruppen Bereiche aneignen, dennoch muss der Park öffentlich und für alle benutzbar bleiben. Öffentliche Mittel für den Unterhalt werden immer weiter reduziert. Deshalb sind neue Konzepte der Bewirtschaftung erforder­lich. Diese Ansprüche werden ganz neue Bilder einer urbanen Parklandschaft generieren.“4

- eine eierlegende Wollmilchsau, wie man in Bayern sagt, wird hier erwartet. Die historische Entwicklung des Berufsstandes und seiner Aufgaben- und Einsatzbereiche änderte sich während seiner dokumentierten Zeit unzählige Male. Die Landschaftsarchitektur muss auf jegliche soziale, technische, ökonomische und ökologische Dynamik durch veränderte Planungen und Konzep­tionen postwendend reagieren. Heute so sehr wie noch nie, denn wir leben in bewegten Zeiten.

Heute ist der Planer nicht länger nur Gärtner, er ist Generalist. Bereits im Studium der Landschaftsar­chitektur werden unterschiedliche Wissensansätze aus Bereichen der Kulturwissenschaften, Natur­wissenschaften, Geisteswissenschaften und der Sozialwissenschaften vermittelt.

Als Universalisten dürfen wir also nicht nur auf die fachspezifischen Probleme eingehen, sondern müssen anpassungs- und lernfähig sein und durch unsere Planung komplexe Aufgabenstellungen lösen, beispielsweise soziale Prozesse positiv zu unterstützen.

Neue Herausforderungen bedürfen jedoch nicht immer neuer Wege. Aus bestehenden, gut funktio­nierenden Grün- und Freiräumen kann man lernen. Kann Günther Grzimek als Vorbild für unsere aktuellen Planungen herangezogen werden? Ist es möglich von seinen Gestaltungsprinzipien zu lernen, oder sind diese sogar unverändert weiterhin gültig und aktuell?

Trotz zahlreicher Veröffentlichungen und Vorträge genoss Grzimek nicht den selben Bekanntheits­grad, wie andere Zeitgenossen seiner Profession. Die Dokumentation der Geschichte und bekannter Vertreter der Landschaftsarchitektur weist große Lücken auf. Veröffentlichte Literatur reicht bis in die zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhun­derts. Ein Anstieg der schriftlichen Behandlung aktueller Problemstellungen ist auszumachen, das Dokumentationsloch ab circa 1920 bleibt jedoch vorerst bestehen. In der existierenden Literatur lassen sich über die Person Grzimek nur Fragmente seines Lebens und Wirkens finden. Dieser Land­schaftsarchitekturreformer ist lediglich in der 1996 entstandenen Diplomarbeit von Andreas König Hauptperson des Interesses. Grzimek wurde, im Gegensatz zu seinem Zeitgenossen Hermann Mat- tern, zu keinem zentralen Gegenstand einer einge­henden, wissenschaftlichen Betrachtung.

Bei genauer Recherche stellt man fest, dass sich Verfasser unterschiedlichster Wissenschaftsbe­reiche mit Teilaspekten Grzimeks und seines Wir- Günther Grzimek - Architekt des Demokratischen Grüns kens, meist im Zusammenhang mit gesellschaftlich oder kulturhistorisch bedeutsamen Institutionen, beschäftigten. Als Beispiel ist die Untersuchung von Kulturhistorikern und Historikern mit der Ulmer Hochschule für Gestaltung zu nennen.5

Münchner Olympiapark als Hauptthema

Nun drängt sich unweigerlich die Frage auf, warum hier der Münchner Olympiapark behandelt wird und nicht ein anderer Entwurf Grzimeks. Die Olym­pische Parklandschaft ist nicht nur weltbekannt, vielmehr wird sie von den Bürgerinnen und Bürgern Münchens seit fast vierzig Jahren angenommen und intensiv als Naherholungsraum vor der Haustür genutzt.

Der Olympiapark entwickelte sich mit der Zeit zur meist frequentiertesten olympischen Anlage der Welt.6 Die Erholungs-, Sport- und Freizeitlandschaft erhält durch Veranstaltungen zusätzliche positive Impulse, die in die gesamte Stadt strahlen.7 Die affirmative Wahrnehmung und dauerhafte Aneignung des Olympiaparks ist auf die große Bandbreite seiner Nutzungsmöglichkeiten zurück­zuführen.

Wie selbstverständlich können neue Nutzungen und Nutzungsgruppen in das bestehende En­semble integriert werden und der Park funktioniert dennoch.

Da die Münchner Olympialandschaft als bekanntes Beispiel einer gelungenen Landschaftsarchitektur bislang noch nicht in einer derart intensiven Ausei­nandersetzung analysiert wurde, bietet sich diese Thematik als Arbeitsgrundlage an. Ziel dieser Betrachtung ist es, Gestaltungsgrundsätze eines gelungenen Beispiels der Freiraumplanung abzu­leiten und herauszufinden, ob sich folgende Thesen bewahrheiten oder negieren lassen.

1 Günther Grzimek war einer der fortschritt­lichsten Landschaftsarchitekten zu seiner Zeit.
2 Günther Grzimeks Gestaltungsrepertoire ist von einer Qualität, die zeitlos gültig ist. Seine Ansätze sind heute noch anwendbar.
3 Günther Grzimek, ein Sozialarbeiter der Land­schaft.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb 02: Panoramablick vom Olympiaberg

2 Zielsetzung und Methodik der Arbeit

Der Olympiapark entstand unter der Federführung des Landschaftsarchitekten Günther Grzimek. In dieser Arbeit sollen seine landschaftsarchitektoni­schen Grundsätze, Methoden und Herangehens­weisen, die in dem Münchner Park Verwendung fanden, sowie seine grundlegende Haltung zum Themenkomplex Landschaftsarchitektur, einge­hend analysiert und dargestellt werden. Welche Grundgedanken liegen der Gestaltungsphilosophie des Kasseler Landschaftsarchitekten zugrunde? Sind diese heute noch sichtbar und in der aktuellen Landschaftsarchitektur einsetzbar oder teilweise veraltet?

Diese Masterthesis lässt sich in fünf Hauptbestand­teile untergliedern.

1 Landschaftsarchitektur und Geschichtsbewusst­sein (Kapitel 3)
2 Das Leben und Wirken des Günther Grzimek (Kapitel 4)
3 Entschichtung des Olympiaparks (Kapitel 5)
4 Günther Grzimek als Vordenker (Kapitel 6)
5 Kritische Reflektion (Kapitel 7)

Im ersten Überkapitel „Landschaftsarchitektur und Geschichtsbewusstsein“ erhält der Leser einen Einblick, welche Bedeutung die Vergangenheit für die Profession hat. In „Grzimeks Leben und Wirken“ wird sein biographischer und beruflicherWerde­gang prägnant umrissen und dem Leser zur spä­teren Einordnung des Landschaftsarchitekten und seiner Werke nahe gebracht. Der Grundgedanke ist, die Person und ihre Planungen im geschicht­lichen und biographischen Kontext zu betrachten und somit die erstaunliche berufliche Entwicklung Grzimeks und seine besondere Rolle in der Nach­kriegszeit zu erschließen.

Eine Einordnung Grzimeks Wirken in allen Be­reichen erfolgte bereits in der Diplomarbeit von Andreas König. Die vorliegende Arbeit verfolgt eine spezifizierte Betrachtung der Gestaltungs­grundsätze Grzimeks am Beispiel des Münchner Olympiaparks. Hierfür wird dieser als solches, seine Rahmenbedingung, Entstehung und Planer vorge­stellt.

Anhand einer „Entschichtung des Olympiaparks“ in seine Einzelbestandteile sollen die zugrunde gelegten Prinzipien des Entwerfers im dritten Teil der Thesis dargelegt werden. Auf der Grundlage der Bestandsaufnahme werden die Arbeitsmittel Infrastruktur, Vegetationsverwendung, Topogra­phie, Wasser, Sichtbeziehungen, Bezug zur Ar­chitektur, Nutzungen, Funktionen, Denkmalschutz und die Formensprache genauer betrachtet. In der anschließenden Untersuchung der verwendeten Konzepte sowie Arbeitsmittel erfolgt die Analyse der Parkelemente und deren Einordnung in einen fachlich vergleichenden Kontext.

Sind die Ansätze des Landschaftsarchitekten Günther Grzimek heute noch zeitgemäß und trag­beziehungsweise einsetzbar? Diese und bereits genannte Fragestellungen werden anhand einer Entschichtung des bekanntesten Werkes Grzimeks und eingehender Quervergleiche mit anderen namhaften Landschaftsarchitekten und deren Pla­nungen erforscht.

Im Kapitel „Grzimek als Vordenker“ erhält der Leser einen tieferen Einblick in Grzimeks theoretische und formal-ästhetische Ansätze. Die „Kritische Reflektion“ diskutiert die formulierten Thesen und trägt die Resultate der Arbeit zusammen. Im abschließenden Fazit der Entschichtung sollen die bereits gewonnenen Erkenntnisse mit der Arbeits­weise und den Planungsgrundsätzen Grzimeks verglichen werden. Ziel dieser Arbeit ist es, die Arbeitsweise des Landschaftsarchitekten Günther Grzimek zu analysieren und hinsichtlich ihrer Aktua­lität und Anwendbarkeit zu überprüfen. Mit Hilfe von fachlich internen Quervergleichen soll her­ausgefunden werden, welche Grundsätze speziell Günther Grzimek zuzuordnen sind und welche aus dem Einfluss der damaligen Zeit oder durch seine Planungspartner entstanden. Das Spezifische der Grzimekschen Planung wird herausgearbeitet und eingängig offen gelegt.

3 Landschaftsarchitektur und Ge­schichtsbewusstsein

Wozu braucht ein Landschaftsarchitekt Ge­schichtsbewusstsein? Wie in anderen, meist kreativen Professionen, ist eine Rückbesinnung auf vergangene Größen und eine Orientierung an deren Werke als positiv zu werten. Die bereits genannten Herausforderungen erwarten einen praktizierenden Landschaftsarchitekten heute. In dieser Zeit, in der fortwährend nach neuen Innovationen verlangt wird, ist es nicht ungewöhnlich, sich die Wurzeln des Berufsstandes in Erinnerung zu rufen. Gab es nicht bereits sehr gut funktionierende öffentliche Flächen? Nach welchen Grundkonzeptionen, wel­chen Ansätzen sind diese gestaltet? Beinhalten ihre zugrunde liegenden Prinzipien die Antworten auf unsere heutigen Fragestellungen? Oder lassen sich die Erkenntnisse aus bestehenden Projekten für unseren heutigen Bedarf so modifizieren, dass sie unseren aktuellen Ansprüchen entsprechen?

Gefordert wird eine zeitlose, polyvalente Planung. Doch ist es in unserer heutigen, schnelllebigen Ge­sellschaft noch möglich, zeitlos und für jede Gesell­schaftsschicht zu gestalten? Viele aktuelle Entwüfe unterliegen sogenannten „Trends“, was häufig ein kompromissloses Planen nach dieser Vorgabe und ohne Berücksichtigung der Beplanten mit sich bringt. Die Besinnung auf die geschichtliche Entwicklung und die daraus hervorgegangenen Vorbilder zählt als eine legitime Art zu lernen und neuen Problemstellungen sowie Herausforderungen entgegenzutreten. Bereits Konfuzius stellte fest: „Der Mensch hat dreierlei Wege, klug zu handeln: erstens durch Nachdenken, das ist der edelste; zweitens durch Nachahmen, das ist der leichteste; drittens durch Erfahrung, das ist der bitterste.“8

Die allgemein anerkannte und bewiesene These, dass der Mensch aus Geschichte lernt, wird vom deutschen Historiker Hans-Ulrich Wehler in seiner Veröffentlichung „Aus Geschichte lernen?“ einge­hend beschrieben. Die Geschichte sei das Lernma­terial, aus dem die Menschen lernen können und tatsächlich auch ständig lernen. Tatsache sei, dass das zukünftige Handeln eines Menschen durch die historische Erfahrung oder kollektive Erinnerung bestimmt wird.9

Aus einer kritischen Auseinandersetzung mit der Historie eines Fachbereichs geht oft ein Teil der Theoriebildung hervor. So sieht Andreas König die fehlende Aufarbeitung äußerst bedenklich: „Da der Beruf nicht auf festen wissenschaftlichen Axiomen aufbaut, sondern eine Synthese von natur- und ingenieurwissenschaftlichen Fragmenten in Ver­bindung mit gesellschaftspolitischen und gestalte­rischen Aspekten darstellt, muß das Fehlen einer entsubjektivierten und überindividuellen Projektion und Interpretation von der Vergangenheit deshalb als fatal für eine gemeinsame Berufsauffassung und eine zielgerichtete, innovative Entwicklung der problemorientierten Inhalte gesehen werden.“10

Die Theoriebildung der Landschaftsarchitektur erfolgt meist mit Hilfe der lückenlos dokumentierten Architektur- und Städtebaugeschichte.

Die Aufarbeitung und genaue Betrachtung des bekanntesten Werks Grzimeks, sowie die damit ver­bundenen Hintergrundinformationen, ermöglichen letztendlich eine konsistentere Aufzeichnung der Grünplanungsgeschichte und leistet ihren Beitrag zur vereinfachteren Theoriebildung.

Erstaunlicherweise ist eine Analogie in der Aufar­beitung der Geschichte der Nachkriegszeit sowohl im historischen als auch im landschaftsarchitekto­nischen Bereich festzustellen. Eine selbstkritische Auseinandersetzung mit dieser Zeit fand oder findet nur in sehr geringem Maße statt.11 Die Besetzung der Siegermächte brachte viele Veränderungen mit sich, auf die man sich einstellen musste. Ebenso lebhaft stellt sich die Geschichte der Landschaftsarchitektur zur gleichen Zeit dar. Eine umfassende Reformbewegung ist im Ent­stehen und Wachsen. Die Rolle der Landschaftsar­chitektur in der Nachkriegszeit und den Anfängen der Moderne ist eher selten Gegenstand einer Aufarbeitung und Dokumentation. Doch nur eine kritische Betrachtung und Aufzeichnung fängt die positiven wie negativen Erkenntnisse dieser Zeit ein und erhält sie für die Nachwelt.12

4 Das Leben und Wirken des Günther Grzimek

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb 03: Günther Grzimek

Günther Grzimek wurde 1915 als drittes von sechs Kindern von Emmy Jansen und Günther Grzimek sen. in Köln am Rhein geboren.13 Der Vater war ein bekannter Jurist und Politiker, seine Mutter die Tochter eines Kaufmanns. Günther Grzimek Juniors Kindheit verbringt die Familie Grzimek bis zu ihrem Umzug 1924 nach Berlin zunächst in Rastenburg, dann in Königsberg/Ostpreußen.

Im Jahr 1925 wird der junge Grzimek in der Volks­schule Königsberg eingeschult. Danach folgt der Wechsel in das Mommsen-Gynmasium und im Anschluss der Besuch des Real-Falk-Gymnasiums in Berlin.14 Bereits als Schüler, im Jahr 1930, setzte er die ersten Arbeiten im elterlichen Wochenend­garten um.15 Nach dem vorzeitigen Verlassen des Gymnasiums in der Obersekunda entschied sich Günther Grzimek 1934 für eine Lehre als Gärtner unter der Leitung des Gartenbaudirektors Timm bei der Staatlichen Tiergartenverwaltung in Berlin, im Schloss Bellevue. Im September 1936 erhält er seinen Gesellenbrief. Währenddessen holte er an der Abendschule das Abitur nach und studierte anschließend im Zeitraum von 1937 bis 1942 als Schüler von Herinrich Wiepking-Jürgensmann Garten- und Landschaftsarchitektur an der Fried- rich-Wilhelms-Universität in Berlin. Dieses Studium war stark von der doktrinären Ideologie des Dritten Reichs geprägt.16 Die Ehe mit Ingeborg Dittmann (1942-1979) wurde 1953 und 1979 erneut ge­schieden. Aus ihr gingen vier Kinder hervor.

Nach dem Vorexamen wird Grzimek 1939 zum Militär eingezogen, wobei er in Holland, Italien und Polen eingesetzt wurde. In einem Studienurlaub 1942 legte er das Staatsexamen als Dipl. rer. hort ab. Seine anschließende Kriegsgefangenschaft von 1945 bis 1947 nutzt Grzimek für das Studium der Philosophie und Ethnologie, des weiteren war er der Hausgeber einer Lagerzeitung.

Nach der Rückkehr aus zweijährigem französi­schem Gewahrsam arbeitete Grzimek als selbst­ständiger Gartenarchitekt in Ravensburg und gründete das erste freie Büro als „Landschafter und Gartenarchitekt“. Sein beruflicherAnfang wies kaum moderne Ansätze auf, was überwiegend auf die ideologische Belastung Grzimeks durch seine Ausbildung während des Dritten Reichs zurück­zuführen ist. Statt dessen orientierte sich der Landschaftsarchitekt an planerischen Traditionen. Mangelnde Berufspraxis, wenig Ansehen in der Fachwelt und fehlendes festes Klientel, bezeichnen die Schwierigkeiten, die der Planer zu Beginn seiner freiberuflichen Tätigkeit zu bewältigen hatte.

Der Schritt der Bürogründung steht für sein beruf­liches Engagement und seine große Entschlossen­heit.

Die Ulmer Phase in Grzimeks Berufsleben gilt als die Zeit, in der er einen Zugang zur Modernen Landschaftsarchitektur entwickelte. 1947 übernahm er, vorgeschlagen von dem Stadtbaudirektor Max Guther, die Leitung des Ulmer Gartenamtes. Der Stadtbaudirektor verfolgte reformerische Ansätze für den Wiederaufbau der im zweiten Weltkrieg stark zerstörten Stadt Ulm und versprach sich in Grzimek einen interdisziplinär veranlagten, koope­rativen und engagierten Planer. Gunther verfolgte ein modernes Konzept: die Vision der aufgelo­ckerten und gegliederten Stadt. Die Denkweise Grzimeks befreite sich mit der Zeit von der im Studium vermittelten, anti-modernen Ausrichtung und entwickelte sich weg von der reinen Ästhetik, hin zur Bewältigung der essentiellen Bedürfnisse der Bewohner Ulms. Sein Engagement und die Befürwortung von Bürgerbeteiligungen zeigte er im Verein für Kinderspielplätze e.V. in Ulm. Bei der Elterninitiative „Aktion Sandfloh“ wirkte Grzimek beim Bau von Spielplätzen und der Entwicklung von Spielgeräten mit.17

Zum Gartenamt kam 1949 die Leitung des Fried­hofamtes in Ulm hinzu. In dieser Zeit engagierte sich der Landschaftsarchitekt auch als Kursleiter und Referent der Volkshochschule Ulm (1949­1954), zeitgleich arbeitete der Landschaftsarchitekt einen Grünflächenplan für Ulm aus. Dieser sah den Ausbau öffentlicher Freiflächen wie Parks, Spiel- und Sportplätzen sowie Friedhöfen und Gärten vor.18 Das Ulmer Gartenamt wurde unter seiner Leitung von einer verwaltenden in eine planende und gestaltende Behörde reformiert. Zudem betrieb der Landschaftsarchitekt als Nebentätigkeit sein Ravensburger Gartenarchitekturbüro weiterhin.

Seit dem Jahr 1950 verbindet Grzimek eine enge Freundschaft mit dem bekannten deutschen Desi­gner Otl Aicher. Im Zeitraum von 1953 bis 1968 war er Mitglied im Geschwister-Scholl-Stiftungsrat als Träger der Ulmer Hochschule für Gestaltung.19 Ab 1952 war er zudem Honorarprofessor für Gar­tenarchitektur an der TH Aachen.

Die erste Veröffentlichung, gemeinsam mit Otl Ai­cher und Heinz Ellenberg erfolgte 1954. Sie befasst sich mit der Grünplanung in Ulm. (Siehe Literatur­verzeichnis) 1958 wir der Stadt Ulm die höchste Auszeichnung beim Wettbewerb unter Gemeinden über Planung und Ausbau von Kinderspielplätzen verliehen.

Im Jahre 1960 legte er aufgrund von Angriffen gegen seine Person und seine Amtsführung die Leitung des Gartenamts nieder und gründete ein eigenes Ingenieurbüro für Grünplanung in Ulm und Neu-Ulm. Gemeinsam mit Otl Aicher erstellte er zwischen 1960-1963 ein Gutachten zum Ausbau eines übergeordneten Grünflächensystems in Darmstadt, woraus 1965 seine Publikation „Grün­planung Darmstadt“ entstand. (Siehe Literatur­verzeichnis) Durch wiederholte Zusammenarbeit zwischen 1962 und 1970 mit dem Büro Behnisch knüpften Grzimek und Behnisch eine enge Verbin­dung.20 Die Jahre 1961 bis 1964 sind geprägt durch die Planung und Erweiterung der Stadtfriedhöfe in Biberach/Riss und Weingarten.

In den kommenden Jahren, bis 1967, nahm Grzimek seine städtebaulichen Arbeiten und die Fortführung der Grünflächenpläne für Ulm, Biberach, Darm­stadt, Aschaffenburg, Ludwigsburg und Giessen wieder auf. Hierbei erfolgte eine mehrjährige Zu­sammenarbeit mit den Professoren G. Albers, M. Guther, K.H. Schächterle, E. May und den Stadt­baudirektoren Rabeler, Assmann, Hauschild und Schulz-Harder.

Seine vielseitigen Tätigkeiten beinhalteten auch die Nachfolge des Professors für Landschaftskultur Hermann Mattern an der Hochschule der Bildenden Künste in Kassel von 1965 bis 1972. Zudem war Günther Grzimek Mitglied im Rat der „dokumenta IV“, einer bedeutenden internationalen Kunstaus­stellung. Gleichzeitig erfolgte der Umzug seines Büros von Neu-Ulm nach Lohfelden bei Kassel und später nach Kassel.

Gemeinsam mit Kollegen und Studenten gründete er schließlich 1969 „das Büro EGL zur Entwicklung und Gestaltung von Landschaft als gesellschaftlich und fachlich innovative Arbeitsform.“21 Die Büroge­meinschaft besteht bis heute mit sieben regionalen Zweigstellen. Die Gestaltungen des Botanischen Gartens der Marburger Phillips-Universität (1965­1970) und des Allwetterzoos in Münster (1968-1970) in Zusammenarbeit mit Harald Deilmann bewältigte Grzimek zudem. Zum Zwecke des Studiums unter­nahm er von 1965-1967 Reisen nach Italien, Frank­reich, England, Holland und Dänemark. Darüber hinaus reagierte Grzimek auf die Studentenunruhen 1968 und startete eine revolutionäre Ausbildungs­reform: Die Gründung des Vereins „Entwick­lungsgruppe für Landschaftskultur“ ermöglichte es den Studenten, gemeinsam mit den Dozenten praktische Erfahrungen bei der Bearbeitung realer Projekte zu sammeln.

In dieser turbulenten Zeit entwarf der Landschafts­architekt den Münchner Olympiapark , um „eine optimale Grünversorgung für alle Schichten der Bevölkerung“22 zu gewährleisten. Von 1968 bis 1972 arbeitete Grzimek gemeinsam mit dem Büro Behnisch und Partner an der Gestaltung des Ober­wiesenfelds. Der Olympiapark stellte damals einen neuen Parktypus, eine Innovation dar. So beschrieb der Landschaftsarchitekt seine Grünplanung wie folgt: „Die Olympialandschaft unterscheidet sich von traditionellen Parks nicht nur in ihrem Pro­gramm und nicht nur in ihren einzelnen Grünele- menten. Sie beabsichtigt und verträgt die visuelle Einbeziehung der Stadt. Sie provoziert ein urbanes Lebensgefühl.“23

1970 erfolgte die Aufnahme Grzimeks in die Aka­demie für Städtebau und Landesplanung. Zur Eröffnung der Münchner Olympiade 1972 zog Grzimek nach München und trat die Nachfolge Ludwig Schreibers als Professor am Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur an der Technischen Univer­sität an. Grzimek setzte in der Lehre weitgreifende Neuerungen um. Zunächst änderte er den Namen des Lehrstuhls Garten- und Landschaftsgestaltung in die heute noch gültige Bezeichnung Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur. Die Erfahrungen aus seinen bisherigen Lehrtätigkeiten an der Ulmer Hochschule für Gestaltung und der Hochschule der Bildenden Künste in Kassel setzte er an der TU Weihenstephan mithilfe von Reformen um. Ein von ihm entwickeltes „Demokratisierungsmodell der studentischen Mitverantwortung“ wurde hier angewendet. Eine praxisorientierte Ausbildung sollte durch sozialwissenschaftlich ausgerichtete Vorlesungen und den Einsatz von Projekten zur Einübung interdisziplinärer Arbeitsweisen erreicht werden. Dieses Prinzip wurde durch die eigens für die Studenten gegründeten Büros unterstützt. Eine Ausweitung der Zusammenarbeit mit anderen Fakultäten, beispielsweise Landwirtschaft und Gar­tenbau, blieb leider unerreicht.

„Grzimek gelang es, die Vertiefungsrichtung Land­schaftsarchitektur strukturell und inhaltlich umfas­send zu reformieren.“24

Dies gelang nicht zuletzt aufgrund seiner neuen Herangehensweise an die Thematik. Statt purem Entwerfen befürwortete und förderte Grzimek das analysierende Planen in interdisziplinärer Zusam­menarbeit, um sich für den „Erhalt und die Er­stellung von nutzbaren Freiflächen“ einzusetzen. Hierbei standen - erstmalig - die Bedürfnisse der Nutzer im Vordergrund.

Im Jahr 1973 gründete der Landschaftsarchitekt gemeinsam mit den Gesellschaftern Kellinghaus und Krauss das Büro Grünplan GmbH in Freising nach dem demokratischen Prinzip - die Ange­stellten werden Gesellschafter der GmbH. Zur glei­chen Zeit befasste Grzimek sich mit der Konzeption der Ausstellung „Demokratisches Grün“.

Im Jahr 1980, kurz vor seiner Emeritierung 198125, richtete Grzimek einen zweiten Lehrstuhl für Land­schaftsarchitektur in Weihenstephan ein, der das gewachsene Interesse und den damit verbundenen Bewerberansturm auf das Studienfach bewältigen sollte. Aufgrund fehlender finanzieller Ausstattung wurde dieser Lehrstuhl nur durch eine Assistenz- und eine Sekretariatsstelle besetzt, Inhaber wurde der Stuttgarter Landschaftsarchitekt Christoph Valentien. Aktuelle Besetzung dieses Lehrstuhls für Landschaftsarchitektur und öffentlichen Raum, und Nachfolgerin Valentiens im Jahr 2005, ist Regine Keller.26

Nach der Emeritierung übernahm Grzimek die kommissarische Lehrstuhlleitung des Zentralins­tituts für Raumordnung und Umweltschutz.27 Den Friedrich-Ludwig-von-Sckell-Ehrenring, die höchste Auszeichnung im Bereich der Landschaftsplanung, erhielt Günther Grzimek 1972 von der Bayerischen Akademie der Schönen Künste für seine Verdienste rund um den Olympiapark. Gemeinsam mit dem Architekten Günther Behnisch wurde Grzimek 1977 mit dem Architekturpreis der Stadt München aus­gezeichnet, was die außerordentliche, auch interna­tionale Anerkennung unterstrich.

1979 gründete Grzimek die Niederlassung der Entwicklungsgesellschaft EGL in München und ehelichte im gleichen Jahr Juliana Menzel, eine langjährige Mitarbeiterin aus der EGL. Kurz da­rauf, 1980, erfolgte der Umzug nach Landshut. Ab 1983 hatte er eine federführende Funktion bei der Konzeption und Ausarbeitung der Ausstellung „Besitzergreifung des Rasens“ inne und verfasste zugleich das gleichnamige Buch zur Ausstellung. Seine darin verfassten Thesen regten die Fachwelt zu einer regen Diskussion an. 1987, sechs Jahre vor Beendigung seiner Bürotätigkeit in der Arbeits­gemeinschaft mit der EGL Landshut im Jahr 1993, erhielt Grzimek den Fritz-Schumacher-Preis. Am 8. Mai 1996 starb Günther Grzimek in Biberach an der Riß mit einundachtzig Jahren und wurde auf dem dortigen Friedhof, den er selbst entworfen hatte, beigesetzt.28

5 Entschichtung des Olympiaparks

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb 04: Lages des Olympiaparks im Stadtgebiet

Ziel dieser Entschichtung ist es herauszufinden, welche gestalterischen Grundsätze dem Park zu Grunde liegen und diese anschließend zu bewerten. Hierfür ist eine ausführliche Bestandsaufnahme und ein Vergleich mit der ursprünglichen Gestalt des Parks kurz nach seiner Umsetzung durchzuführen. Dadurch erhält man den Einfluss dervierten Dimen­sion: der Zeit. Diese verfälscht oder verändert an vielen Stellen oft die ursprünglichen Gestaltungs­ideen, die hier offen gelegt werden sollen.

Im Laufe der letzten Jahrzehnte veränderten sich die Anforderungen und Nutzungsansprüche, die an die Parklandschaft gestellt werden. Neue Elemente etablierten sich von selbst oder wurden bewusst ergänzt. Diese Betrachtung schließt nicht nur die ursprüngliche Konzeption des Olympiaparks, son­ dern auch die Spuren der Zeit mit ein. Die Frage, ob der Freiraum heute noch den Grundgedanken Grzimeks entspricht, ist neben anderen zu beant­worten.

Die Sezierung der Anlage wird anhand einer klas­sischen Herangehensweise durchgeführt und listet so alle geläufigen Gestaltungsmittel auf, die auch heute noch eingesetzt werden. Die Art der Ver­wendung mag sich jedoch zuweilen unterscheiden. Dies gilt es durch Quervergleiche mit aktuellen, aber auch zeitgenössischen Landschaftsarchitek­turbeispielen im folgenden herauszufinden.

5.1 Das Olympiagelände

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Abb 05: Panorama des Olympiaparks in München

München, eine der wenigen Großstädte Deutsch­lands, die sich mit der beträchtlichen Zuwanderung und dem dadurch bedingten Wachstum der Stadt auseinandersetzen muss. Aktuelle Stadt- und Grü­nentwicklungsstrategien setzen sich vor allem mit der Innenentwicklung und der Vernetzung vorhan­dener Grünflächen auseinander.

Um dem Motto „kompakt, urban, grün“ gerecht zu werden, wird seit einigen Jahren verstärkt die Innenentwicklung der Stadt vorangetrieben. Die mit viertausendeinhundert Einwohnern pro Quadratki­lometer dichteste Stadt Deutschlands leidet zudem anhaltend unter akutem Wohnungsbedarf. So ist es verständlich, dass aus den durch die Stadt neu erworbenen Brachflächen hauptsächlich städtische Wohnquartiere für die obere Mittelschicht Mün­chens mit einigen München-Modell-Wohnungen hervorgebracht wurden. Aus der in letzter Zeit erworbenen Gesamtfläche von einhundertvierund­siebzig Hektar entstanden nach Angaben der Stadt München sechshunderttausend Quadratmeter Wohneinheiten, siebenhunderttausend Quadrat­meter Misch-, Kern- und Gewerbegebiete und siebzig Hektar Grünflächen.29 Umso bedeutender wird der Erhalt und die Pflege der bestehenden Grünanlagen in München. Die Landeshauptstadt weist nicht nur eine gute Abde­ckung des Grünbedarfs pro Bürger auf, sondern kann mit seinen hochwertigen, ausladenden und bedeutsamen Freiräumen auch qualitativ punkten.

Um eine Vorstellung zu erhalten, wieviel Grün- und Freiflächen im Stadtgebiet der dichten Bebauung entgegensteht und welchen Stellenwert der Olym­piapark dabei einnimmt, wurde diese Fragestellung eingehend analysiert. Zunächst stellt sich jedoch die allgemeine Frage: Welche Arten der Freiflächen gibt es in München?

Der Erholungsflächenbedarf Münchens teilt sich in drei Ebenen ein, die Nachbarschaftsversorgung, die Wohngebietsversorgung, sowie die Stadtteil­versorgung. Die Erstere wird von kleineren Plätzen oder Grünflächen abgedeckt, die in näherer Um­gebung (bis zweihundertfünfzig Meter) zu finden sind und eine maximale Größe von einem Hektar aufweisen. Als Wohngebietsversorgung werden kleine Stadtparks mit einer Maximalgröße von zehn Hektar gesehen. Diese sollten in einem Umkreis von fünfhundert Metern erreichbar sein.

Die Stadtteilversorgung wird von größeren Parkan­lagen mit bis zu vierzig Hektar Größe übernommen. Der Einzugsbereich des Olympiaparks erstreckt sich beispielsweise auf einen Radius von circa eintausend Metern des Stadtgebiets. Historisch bedeutende Parkanlagen wie der Nymphenburger Park und das Olympiagelände oder auch ökolo­gisch und landschaftlich wertvolle Grünflächen wie die Isar, besitzen ein Zwei-Stufen-Einzugsgebiet. Das engere Einzugsgebiet bezieht sich auf die An­wohner in näherer Umgebung.

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Der gesamte Einzugsbereich dieser bekannten Grünflächen erstreckt sich jedoch erfahrungs­gemäß auf das ganze Stadtgebiet. Nahezu jeder Münchner nutzt diese etablierten und lang bestehenden Freiflächen.

Nun zur Frage der Grünflächenversorgung und dem Stellenwert des Olympiaparks im Stadtge­biet. Seit der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts kam es aufgrund starker Zunahme der Einwohnerzahlen zu einem erhöhten Frei­raumbedarf in München. Diesem wurde mit der Anlage des Westparks, Ostparks und des Olympiaparks entsprochen. Die Parklandschaft entstand also nicht nur aufgrund des interna­tionalen Sportereignisses 1972, sondern auch infolge eingehender Bedarfsanalysen. Das hebt den immensen Wert des Parks damals, und in Anbetracht steigender Bevölkerungszahlen, auch heute hervor. Wie bereits erwähnt wurde das Wachstum Münchens in die Außenbereiche im Wesentlichen beendet und die Leitlinie der Innenentwicklung wird aktuell verfolgt. Auch die bestehenden Freiräume Anden hier Beach­tung und werden in Flächennutzungsplänen mit integrierte Landschaftsplanung gesichtert und weiterentwickelt.30 Aufgrund der Bedeutungs­ebene und des hohen Nutzungswertes wird der Olympiapark hoch frequentiert und besitzt eine weitreichende Strahlkraft. Die Parkverwaltung, Münchner Olympiapark GmbH, bestätigt, dass seit seiner Entstehung 1972 über einhundert­zweiundachtzig Millionen registrierte, das heißt zahlende, Besucher zu verzeichnen sind. Die Zahl der nicht zahlenden Nutzer, die die Frei-

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zeit- und Parklandschaft zum Spazierengehen, Radeln, Joggen oder Ähnlichem verwendet, liegt um ein vielfaches höher.31 Als eine der weltbe­kanntesten Grünflächen bringt der Olympiapark nicht nur dem Einzelnen Nutzen, sondern etab­lierte sich mit seiner Gesamtanlage als eines der Wahrzeichen Münchens.

„Ich will aus München eine Stadt machen, die Teutschland zur Ehre gereichen soll, dass keiner Teutschland kennt, wenn er nicht München gesehen hat.“32

Dieses Zitat von König Ludwig I. wurde zwi­schenzeitlich ergänzt: „Und keiner kennt Mün­chen, wenn er nicht im Olympiapark gewesen ist.“33 Münchens bewegte Geschichte hinterließ im Stadtbild ablesbare Spuren. Als eines der größten Vermächtnisse entstand der Olympia­park im Rahmen der Olympischen Spiele 1972. Münchens Olympiapark gilt als weltweit gelun- gendstes Beispiel der Um- und Nachnutzung eines Olympiastandortes mit seinen Einrich­tungen. Das olympische Dorf ist auch heute noch als Wohnort sehr gefragt. Der Olympiapark und seine Gebäude erfreuen sich außerordent­licher Beliebtheit und einer bezeichnenden Nutzerfrequenz. Durch eine vorteilhafte Image­kampagne und eine hohe Auslastung mit di­versen Events bleibt derweitläufige Grünraum in den Köpfen und den Herzen der Münchner und seiner Besucher.

5.2 Lage und Gliederung

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Abb 08: Lageplan Olympiapark

Der Olympiapark entstand auf dem etwa vier Kilometer vom Stadtzentrum Münchens entfernten Gelände. Das knapp drei Quadratkilometer große Areal im Norden der Stadt wurde als „stadtglie­dernde Freifläche“ von 1968 bis 1972 umgesetzt.34 Das Ensemble von geschichtlicher, künstlerischer und städtebaulicher Bedeutung wird im Osten durch die Lerchenauerstraße, im Norden durch die Moosacher Straße, im Westen durch die Lands- huter Allee und im Süden durch den Nymphen­ burger-/Biedersteiner-Kanal und die Ackermann­straße umschlossen. Die Zweiteilung in Nord- und Südteil erfolgt in Ost-Westrichtung durch den Georg-Brauchle-Ring. Im nördlichen Teil befinden sich die Unterkünfte mit dem Olympiaschen Dorf, im südlichen Bereich die eigentliche Parkanlage mitsamt den Sportstätten.Zudem lässt sich das Olympiaareal in vier Hauptbereiche untergliedern: Das Olympiagelände mit dem Areal der Sport­stätten, dem Olympiastadion, der -halle und dem -turm bilden den ersten Bereich.

Der zweite besteht aus dem Olympischen Dorf, der dritte wird als Olympische Pressestadt bezeichnet und ist heute ein Wohngebiet mit dem Olympiaein­kaufszentrum im Stadtteil Moosach. Der letzte Be­reich ist der Olympiapark, er befindet sich südlich des Olympiageländes und umfasst die Parkland­schaft sowie den Olympiaberg.35

Der Olympiapark selbst wird durch das ost-westlich verlaufende Verkehrsband des Mittleren Rings räumlich scharf in zwei Großkomplexe unterteilt.

Im Süden bilden die Hauptsportstätten Stadion, Sporthalle und Schwimmhalle das architektonische HerzstückderAnlage. Im Norden befindet sich das als Wohnanlage nachgenutzte Olympische Dorf.

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Abb 09: Luftbild mit dem Blick in den Münchner Westen

5.3 Geschichte

Die Entstehung des Oberwiesenfelds liegt etwa zehntausend Jahre zurück. In der letzten Würmis- zeit entstand eine mit Geröllablagerungen über­deckte, klar abzugrenzende flache Schotterebene mit ihren kargen Böden.36 Das Oberwiesenfeld wurde während der vergan­genen Jahrhunderte vielseitig instrumentalisiert.

Die erste Dokumentation über eine Kultivierung des Gebiets ist auf 1260 datiert.

1790 entsteht der als „Wiesenfeld“ bekannte Landsitz des kurfürstlichen Kammerrats Domi­nikus Schwaiger. Durch biwakierende französische Soldaten wurde der kultivierte Garten 1796 zerstört und im Anschluss am südlichsten Eck der zu den Gemeinden Neuhausen, Moosach, Milbertshofen und Schwabing gehörenden Heidelandschaft wie- deraufgebaut.37

Die Nutzung als Weidefläche für die Viehwirtschaft erfolgte bereits seit dem dreizehnten Jahrhundert. Nach der Säkularisation 1803 wurde das Gebiet unter dem Besitz des Klosters Schäftlarn, durch die umliegenden Dörfer Neuhausen und Feldmoching, kultiviert. Diese parzellierten Gebiete wurden bis zum Anfang des neunzehnten Jahrhunderts an die Münchner Bürger verpachtet.

Vom fünfzehnten bis zum achzehnten Jahrhundert war das Oberwiesenfeld Schauplatz der Jakobidult Pferderennen, ab 1682 nutzte Kurfürst Max Ema­nuel die Fläche gleichzeitig als Exerzierfläche. Der „Rennweg“ des „Scharlachrennens“ befand sich bereits seit dem achzehnten Jahrhundert auf dem Verlauf der heutigen Schleißheimer Strasse.38 Der Bau des von Osten nach Westen verlaufenden Nymphenburger-Biedersteiner-Kanals startete 1701 und trennte das vor den Toren Münchens gelegene Oberwiesenfeld.39

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Abb 10: München 1826

Geschichte

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Abb 11: Ausschnittreproduktion aus einer Flurkarte des frühen 19. Jahrhunderts. An der vom damaligen Ludwigsplatz, dem heutigen Stiglmaierplatz, wegführenden Landstraße nach Dachau ist auf der östlichen Seite der Schwaiger´sche Garten „Wiesenfeld“ eingezeichnet

Der Fluss gehört einem über geordeneten Achsen­system bestehend aus Alleen, Sichtachsen und Wasserläufen an, die zur barocken Machtdemons­tration erbaut wurden und das Landschaftsbild zu dieser Zeit entscheidend prägen.

Die Namensgebung Oberwiesenfeld erfolgte 1790 durch den zu dieser Zeit entstandenen Land­sitz „Wiesenfeld“ des kurfürstlichen Kammerrats Dominikus Schwaiger. Aufgrund seiner topogra­phischen Beschaffenheit wurde das Areal bereits im neunzehnten Jahrhundert als „Oberwiesenfeld“ bezeichnet. Zwischen 1890 und 1913 erfolgte eine stückweise Eingemeindung dieses Areals nach München.40

1794 wurde das Gelände durch die „Königliche Bairische Artillerie“ als Exerzierplatz und Artille­riegelände vereinnahmt. Die steigenden Anforde­rungen an das Militär und der damit einhergehende wachsende Platzbedarf verursachte mehrere Erweiterungen des Militärbereichs im Laufe der Jahre.

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Abb 12: München 1891

Es entstanden diverse militärische Infrastrukturen, beispielsweise Erdwälle für den Kugelfang bei Schießübungen.

Als 1861 die „Max- II-Kaserne“ er­richtet wurde, belief sich die militärische Nutzung des Areals bereits auf die südliche Hälfte des Oberwiesenfelds bis zum Kanal. Der weitere Ausbau des Militärs bewirkte eine Ausdehnung auf das gesamte Areal seit den siebziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts.41 Im Zuge der Industrialisierung siedelten sich be­reits in der zweiten Hälfte des neun­zehnten Jahrhun­derts zahlreiche

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Abb 13: Plan der militärischen Anlagen auf dem Oberwiesenfeld, ca. 1912

Gewerbebetriebe um das Oberwiesenfeld an, unter anderem auch Militärproduktionsstätten wie die „Königlich Bayerischen Artilleriewerkstätten“. Wäh­rend des Ersten Weltkrieges war um das Oberwie­senfeld ein Zentrum der Rüstungsindustrie heran­gewachsen, dessen Umstellung in der Friedenszeit auf die Produktion von motorisierten Vehikeln erfolgte und unter anderem das Werk der Knorr Bremse entstand. Durch den Einsatz von Frauen, KZ-Häftlingen und Zwangsarbeitern konnte während des Zweiten Weltkrieges die Auftragsflut in den auf reinen Rüstungsbetrieb umgestellten Werken bewältigt werden. In der Nachkriegszeit erfolgte eine Umnutzung durch die Autoindustrie, vor allem BMW expandierte seit 1948 zu einem Weltunternehmen.

Ende des neunzehnten Jahrhunderts war das Gebiet auf circa zwei Quadratkilometer ange­wachsen und offiziell in ‘Truppenübungsplatz Oberwiesenfeld’ umbenannt. Es war umgeben von der Eisenbahnkaserne, der Luftschifferkaserne und der Prinz-Leopold-Kaserne.42 Zwischen 1896 und 1968 kannte man das Oberwiesenfeld vor allem als „Mekka der Sportfliegerei“.43 1890 startete von

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Abb 14: Ausschnittreproduktion aus einem Stadtplan von 1932. Auf der nörlichen Hälte des Oberwiesenfeldes befindet sich das Flughafengelände

hier aus der erste Ballon zu Aufklärungszwecken, es wurden Erfahrungen mit Ballonaufstiegen und -landungen gemacht.44 Die Landung des Graf Zeppelin mit seinem Luftschiff „L1“ war Auslöser für den Ausbau des Oberwiesenfelds zum Flughafen ab dem Jahr 1909. Die Idee, das Flugzeug als Ver­kehrsmittel einzusetzen, war geboren.

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Abb 15: Ein Zeppelin landet auf dem Oberwiesenfeld

Das Bild des Oberwiesenfelds wurde vor dem ersten Weltkrieg maßgeblich durch die stark gewachsene Münchner Garnison geprägt. Die Niederlage in diesem Krieg brachte kurz darauf drasti­sche Veränderungen des Militär­wesens in Bayern mit sich. Der südlich des Kanals gelegene Teil des Oberwiesenfelds reichte nun aus, um alle in München statio­nierten Truppen unterzubringen.

Da nach dem Ersten Weltkrieg ausschließlich zivile Luftfahrt er­laubt war, wurde 1919 ein Kurier­flugdienst (München-Fürth-Bam- berg-Würzburg) installiert. Bereits 1920 starteten und landeten auf dem vollwertigen Flughafen regel­mäßig zivile Flugzeuge.

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Abb 16: München 1917

Die Expansion des Münchner Militärs wurde durch die 1935 ge­gründete Wehrmacht und die all­gemeine Wehrpflicht bedingt. Auf dem Oberwiesenfeld entstanden zwei neue Kasernen, die nach der völligen Entmilitarisierung Deutschlands nach dem Krieg als Notunterkünfte genutzt wurden. Nach der Neugründung der Bundeswehr 1955 wurden einige erhaltene Kasernen reaktiviert, im Zuge der Standortaufgaben jedoch inzwischen bis auf zwei Kasernen im gesamten Stadtge­biet der Konversion unterzogen.45 Parallel zum Militärbetrieb diente das Oberwiesenfeld verstärkt als Flugfeld, was zu diversen Nut­zungskonflikten führte.

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Abb 17: München 1928

Mit der Planierung der Start- und Landebahn, der Errichtung der Flugzeughalle und des Flughafen­gebäudes nach den Plänen des Architekten K.J. Moßner, entstand 1931 der erste Münchner Flug­hafen. Bis ins Jahr 1968 wurde diese Nutzung beibehalten, verlor jedoch durch den Neubau

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Abb 18: Das Oberwiesenfeld vor Baubeginn (1968)

des Riemer Flughafens 1939 seine Bedeutung als Flughafen, weil der Flugverkehr überwiegend nach Riem verlegt wurde.46 Während des Zweiten Welt­krieges wurde der Flugbetrieb am Oberwiesenfeld zu militärischen Zwecken wieder aufgenommen, bis ab 1955 die Sport- und Privatfliegerei erneut vorherrschte. Allmählich umschloss die Bebauung der Stadt das Flugareal und die Beschwerden der Anwohner häuften sich. Letztendlich wurde der Flugbetrieb im März 1968 endgültig eingestellt.

Kurz nach der Sprengung des ehemaligen Flugha­fengebäudes im August 1968 wurde mit dem Bau des zweihundertneunzig Meter hohen Fernseh­turms begonnen.47

Die Beendigung der Flug- und Militärnutzung beendete auch die Unannehmlichkeiten, die damit verbunden waren, wie Lärmbelästigung, Flur­schäden, Umweltbelastungen durch Emissionen und Wegebeschränkungen. Insgesamt mehr als zwei Millionen Kubikmeter Trümmerschutt der Luft­angriffe wurde bis 1951 mit der „Bockerlbahn“48, einem eigens geschaffenen Kleinbahnsystem, aus München abtransportiert und im Oberwiesenfeld, im Luitpoldpark und in Neuhofen als Schuttberge gesammelt.

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Abb 19: Abladen des Bauschutts der Weltkriegsruinen auf dem Schuttberg Oberwiesendeld (1956)

Diese Gebiete wurden nach einiger Zeit als Rodel­oder Aussichtsberge genutzt, das stellte eine völlig neue Nutzung innerhalb der ebenen Münchener Landschaft dar.49 Im November 1963 erfolgte schließlich die äußere Erschließung des Geländes.50 Die Sport- und Privatfliegerei, die 1955 startete, wurde 1968 aus Sicherheitsgründen endgültig eingestellt. Die Sprengung des Flughafengebäudes erfolgte bereits 1968. Zur gleichen Zeit verdichtete sich die Stadt München, überwiegend in Form von Industrie- und Wohngebäude, um das Ober­wiesenfeld. Unter den damals neu entstandenen Bauwerken befinden sich städtebauliche Akzente, die heutzutage unter Denkmalschutz stehen. Als Beispiel ist hier die 1929, östlich der Dachauer Strasse entstandene Mustersiedlung Borstei des Architekten Bernhard Borst zu nennen.51

Auf diese bewegte Historie folgten weitere große Veränderungen: die Umwandlung des Oberwiesen­felds zum Olympiapark. Im Flächennutzungsplan von 1965 war dieser Teil des Oberwiesenfelds als Erholungszone ausgewiesen, zunächst entstanden jedoch nur einzelne, planlos verteilte Bauwerke.52 Bereits ab 1965 wurden die ersten noch heute be­stehenden Bauten errichtet, zunächst der Fernseh­turm (Architekt: Sebastian Rosenthal), der mit den XX. Olympischen Spielen zu deren Wahrzeichen wurde und in Olympiaturm umbenannt wurde. 1967 folgte die formal anspruchslose Eissporthalle von Rolf Schütze.

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Abb 20: Der Olympiapark in der Entstehungsphase (1968-1972) kurz vor den olympischen Sommerspielen

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Abb 21 : Ausschnittreproduktion aus einem Stadtplan der siebziger Jahre. Das Oberwiesenfeld ist in den Olympiapark umgewandelt.

Mit der Zusage für die Austragung der Olympischen Sommerspiele begannen 1966 die Planungen und der Start für einen gewaltigen Umbau.53 Die Maßnahme, eine vielseitige Freizeitstätte an dieser Örtlichkeit einzurichten wurde bereits 1919 in der Denkschrift einer „Freien Vereinigung zur Wahrung der Interessen des nordwestlichen Stadtbezirks von München“ festgeschrieben und mehrmals abgelehnt. Heutzutage gilt der Park als gelungenes Nachnutzungsprojekt und Europas größte Sport- und Erholungsanlage.

Für die Vergabe der Olympischen Spiele nach München waren vor allem die guten Eigenschaften des Geländes entscheidend. Positive Faktoren, wie eine offene Verfügbarkeit einer weitläufigen Fläche sowie die innenstadtnahe Lage beeinflussten die Wahl in großem Ausmaß. Im Gegenzug bedeutete die Gewinnung der Spiele für die Stadt München fehlende Infrastruktureinrichtungen zu ergänzen und einen allgemeinen Aufschwung zu erfahren.

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Abb 22: Olympiapark 2012

5.4 Olympische Spiele 1972

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Abb 23: Panorama 1972

„Fast könnte man sagen, die Stadt sei zu Olympi­schen Spielen gekommen wie die Jungfrau zum Kind. Noch im Frühherbst 1965 ahnte niemand etwas davon...“54

Bereits 1965 bewarb sich München für die Ausrich­tung der Olympischen Spiele 1972. Die Idee, Mün­chen als Austragungsort für die XX. Olympischen Spiele vorzuschlagen, wurde vom Präsidenten des Nationalen Olympischen Komitees, Willi Daume an den damaligen Oberbürgermeister, Hans-Jochen Vogel, herangetragen.

Deutschland wollte sich der Weltöffentlichkeit als tolerantes und freiheitliches Land - heiter, offen und demokratisch präsentieren. Um sich international um Vertrauen zu bemühen, startete im Frühjahr 1966 eine halbjährige Werbekampagne für die Münchner Bewerbung. Dabei waren drei Leitsätze der Ausschreibung besonders prägend und in idealer Weise im Olympiaensemble verkörpert:55 „Spiele der kurzen Wege“, „Spiele im Grünen“ und die „Spiele der Musen und des Sports“.56 Weitere Motive wie „Leichtigkeit, kühne Eleganz, Einheit von Landschaft und Natur und Möglichkeit der Nutzung der Anlagen auch nach dem olympischen Ereignis“57 ergänzten das Konzept Münchens.

Die Entscheidung für München und gegen die Mit­bewerber Montreal, Detroit und Madrid fiel im April 1966 in Rom. Als Sieger aus dem 1967 ausgelobten Architekturwettbewerb für die Sportstätten ging das Büro Behnisch und Partner hervor. Die techni­sche Machbarkeit des gewagten Zeltdachentwurfs war zwar nicht gesichert, dennoch wurde dieser radikal moderne Entwurf bevorzugt.

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Abb 24: Wettbewerbsentwurfsplan

Als Der Zuschlag an München erteilt wurde, star­tete sogleich die Planung. Von 1968 bis 1972 entwarfen die Planer ein Gesamtkunstwerk, eine olympische Landschaft.58 Die Idee der leichten, improvisierten, unpathetischen und flexiblen Münchner Spiele wurde in interdisziplinärer Zusam­menarbeit umgesetzt.

Organisatoren

Die gesamte Vorbereitung und Durchführung der Spiele wurde auf zwei Organisationen aufgeteilt: das Organisationskomitee für die XX. Olympiade München 1972 und der Olympiabaugesellschaft.

Der symbolische Grundstein wurde am 14.7.1969 gelegt und bereits weniger als drei Jahre später, am 29.6.1972 wurden die fertiggestellten Anlagen an des Organisationskomitee übergeben.59

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Abb 25: Grundsteinlegung 1969 mit Willy Daume Willi Daume (rechts vom Bauarbeiter links), damals Präsident des deutschen Nationalen Olympischen Komitees, Franz-Josef Strauß und Münchens Oberbürgermeister Hans Jochen Vogel

Das ebene, kahle und unwirtliche Gelände wurde bis 1968 lediglich von der sechzig Meter hohen Landmarke Schuttberg gekennzeichnet. Diese überragte eine undifferenzierte, wenig abwechs­lungsreiche Ebene mit bewegter Geschichte und steht gleichsam als Zeitzeuge und Zeichen der Reminiszenz an den Zweiten Weltkrieg. Die Um­gebung des Gebiets setzte sich aus Industrie-, Gewerbe- und Wohnbebauung zusammen, sodass ein uneinheitlicher, indifferenter Eindruck vermittelt wurde. Der Norden Münchens, der ohne Charakter, gerne als „terra incognita“60 bezeichnet wurde, sollte durch ein visuelles Gesamtkonzept für das kommende Großereignis an die Stadt angeknüpft werden und diese gleichzeitig in ihren Funktionen ergänzen. Bereits während der Neuplanung der bisher baumlosen Schotterebene erfolgte die Aus­führung.61

Beteiligte

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Abb 26: Team um Prof. Behnisch. Von Links: Carlo Weber, Günther Behnisch, Fritz Auer, Erhard Tränkner, Winfried Büxel

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Abb 27: Team um Grzimek

Hierbei hatten die Architekten Behnisch und Partner die künstlerische Gesamtleitung inne. Dieses Team setzte sich aus Fritz Auer, Carlo Weber, Winfried Büxel, Jürgen Joedicke und Erhard Tränkner zusammen. Die Landschaftsarchitekten Wolfgang Miller und Hans Luz gestalteten die Außenanlagen des Hochschulsportgeländes und die im Olympischen Dorf. Des weiteren waren der Landschaftsarchitekt Günther Grzimek, der Ulmer Designer Otl Aicher sowie Karl-Heinz Weber, Bert Maecker und Peter Prinz beteiligt.62

Grzimek hatte das Büro Behnisch & Partner be­reits während des Wettbewerbs beraten. Aus­führungen und technische Gesamtleitung für die Außenanlagen wurde von der Stadtgartendirektion übernommen, was sich als besonders positiv her­ausstellte, da sie mit den Münchner Verhältnissen wie Bodenstruktur, Klima, Baustoffe, Firmen und anderen Eckdaten vertraut waren. Circa sechshun­dert Architekten und Ingenieure, vierhundert Bau­firmen mit fünfundzwanzigtausend Handwerkern und Bauarbeitern arbeiteten gemeinsam mit dem Kurzzeitpersonal an der Ausführung des Olympia­geländes.63

Nach den Zielvorstellungen der Planer sollte auf dem Oberwiesenfeld eine Parklandschaft ent­stehen, die die olympischen Bauten symbiotisch und harmonisch „mit der Landschaft verzahnt.“64 Ähnlich wie die beiden bestehenden großen Park­anlagen, der Nymphenburger Park und der Engli­sche Garten, sollte der Olympiapark das Besondere Münchens widerspiegeln.65

Bei der Planung wurden Vorgefundene Elemente, wie beispielsweise die bewegte Topographie, der Kanal, der Fernsehturm, aufgegriffen und zum Cha­rakteristikum des Olympiageländes erhoben.

Als Gebrauchslandschaft sollte das Olympiaen­semble eine artifizielle, aber organische, natürliche Landschaft nach dem Vorbild des Alpenvorlandes darstellen und dennoch pflegeleicht sein. Maxi­maler Nutzwert durch die Besucher war bereits in der Planung integriert und beläuft sich auf die Bereiche Spiel, Sport, Freizeit und Erholung.66 „Wir haben alles aufgenommen, was von rechts und links kam und haben das, was von uns dazu kam, dazu geflochten. Man kann sich das Bild so vorstellen, dass es ein Teppich ist, der ein Loch hatte, in den nun ein besonders schönes Muster eingewoben wird.“67 Zahlreiche, für das Spor­tevent relevante, Veranstaltungsräumlichkeiten sollten geplant und realisiert werden. Südlich des Mittleren Rings befinden sich das Olympiastadion sowie seine Nebenanlagen, die Olympiahalle, die Olympiaschwimmhalle, das Eissportzentrum, das Olympiaradstadion und der Olympiaturm.

Olympiastadion

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Abb 30: Olympiastadion

Eingelassen in eine Bodenmulde im Westhang am zentralen Coubertinplatz befindet sich das sechs­undfünfzigtausend Quadratmeter große Olympia­stadion. Die nahezu kreisrunde Anlage liegt vier Meter unter dem Niveau des Olympiasees und wird im westlichen Teil vom spektakulärsten Teil des Zeltdachs überspannt. Die Arena des Stadions ist mit seinen achzehntausend Quadratmetern im Vergleich mit der Fläche des Marienplatzes etwa zweieinhalb mal so groß.67

Die Werner-von-Linde-Halle

Als Nebenanlage des Olympiastadions diente die Werner-von-Linde-Halle ursprünglich als Auf­wärmhalle. 2006 wurde die Halle neu erbaut und beherbergt das leistungsorientierte Leichtathletik­Trainingszentrum.

Der Aufwärmplatz

Südlich derWerner-von-Linde-Halle befndetsich der Aufwärmplatz des Olympiastadions, der der Größe des Spielfelds und der Laufbahnen im Sta­dion entspricht. Heutzutage wird der Platz für das leichtathletische Sommertraining sowie zahlreiche Fußballspiele von Firmen- und Behördenmann­schaften genutzt.

Olympiahalle

Die Sport- und Mehrzweckhalle befindet sich am zentralen Platz des Olympiaparks. Zwischen Stadion und Schwimmhalle gelegen, wird hier durch das Zeltdach eine optische Gebäudeeinheit gebildet. In die Landschaft eingebettet, tritt das Gebäude nur zum Mittleren Ring als Hochbau in Erscheinung. Das Oval, die immense Raumhöhe und die Leichtigkeit der umlaufenden Glasfassade vermitteln dem Besucher ein Gefühl von Leichtig­keit und Freiheit und bietet mehr als elftausend Gästen Sitzplätze. Mittlerweile wird der Bau als Mehrzweckhalle und Veranstaltungsort für unter­schiedlichste Events vermarktet.

Olympiaschwimmhalle

Ausgelegt auf eine nacholympische Nutzung und die Verwendung als olympische Austragungsstätte entstand der verglaste Schwimmbau, der zum südöstliche Teil der olympischen Anlage aufgrund der Glasfassade offen wirkt. Für die Wettkämpfe wurden eigens provisorische Tribünen installiert und nach Spielende wieder rückgebaut. Mit einer Wasserfläche von insgesamt zweitausendzweihun­dert Quadratmetern in fünf Becken ist die Olympia­schwimmhalle heute als öffentliches Bad in Betrieb. Die im Osten angrenzende dreizehntausendfünf­hundert Quadratmeter große Liegewiese sowie eine Sauna, ein Fitnessstudio und ein Solarium runden das öffentliche Angebot ab.

Olympiaradstadion

Das Olympiaradstadion befindet sich im südwestli­chen Teil des Olympiaparks und entstand nach den Plänen Herrmann Schürmanns. Ende der neunziger Jahre wurde es zur Erlebniswelt Olympic Spirit um­gebaut, die jedoch kurz darauf wegen mangelnder Rentabilität schloss. Gegenwärtig wird der ovale Betonbau als Eventarena für Veranstaltungen aller Art vermarktet.

Eissportstadion

Der Stahlskelettbau des Eissportstadions entstand bereits im Jahr 1967, gemeinsam mit dem Fern­sehturm. Das Eissportstadion stellt den ersten Sportbau auf dem Oberwiesenfeld dar.

Durch zahlreiche Umbauten und Erweiterungen, unter anderem das Eislaufzelt von Architekt Kurt Ackermann, entstand das heutige Eissportzentrum, das als eines der größten Eislaufzentren Europas gilt. Heutzutage wird es vom örtlichen Eishockey­verein EHC München zum Training und für die Austragung von DEL Spielen genutzt, sowie für den Publikumslauf. Das Eislaufzelt wurde als Hallenfuß­ballanlage umgenutzt.68

Der knapp zweihundertneunzig Meter hohe Olym­piaturm kennzeichnete bereits zu Planungsbeginn das Oberwiesenfeld, entworfen nach den Plänen von Sebastian Rosenthal und 1965 erbaut. Als höchstes Bauwerk Münchens ist er nahezu dreimal so hoch wie die Türme der Frauenkirche oder des benachbarten BMW Zylinders. Ursprünglich errich­tete man den Fernsehturm zum Ausbau des Richt­funknetzes der Bundespost.

Der Turm beherbergt zwei Funktionen: er ist be­liebte Aussichtsplattform mit Drehrestaurant für Münchner und Touristen, sowie nationale und internationale Funkverbindungsstelle für Radio und Fernsehen. Ideale Witterungsverhältnisse ermög­lichen von den beiden Besucherplattformen aus einen umfassenden Blick auf die Alpenkette vom Salzkammergut bis zu den Allgäuer Alpen. Im nörd­lichen Teil des Olympiageländes entstanden für die Olympischen Spiele 1972 das Olympische Männer­und Frauendorf, die Volleyballhalle, der Funk- und Fernsehturm, diverse Trainingsplätze,

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Abb 38: Olympisches Dorf

der Gärtnerhof, die Pressestadt mit dem Pres­sezentrum sowie die Anschlüsse an das S- und U-Bahnnetz.69

Das Dach

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Abb 39: Zeltdachlandschaft

Das punktgestützte Hängedach bildet das Marken­zeichen der Olympiabauten. Durch seine innovative Erscheinung und technische Einzigartigkeit stellt es einen hohen Wiedererkennungswert dar. Die Dach­konstruktion überspannt die Westtribüne des Olym­piastadions, Olympiahalle, Olympiaschwimmhalle und die dazwischen liegenden Bereiche. Durch diese raumübergreifende Bewegung verschmelzen die Einzelbauten zu einer architektonischen Einheit. Mit knapp vierundziebzigtausendachthundert Qua­dratmetern ist das Dach nur um rund elftausend Quadratmeter kleiner als der gesamte Olympiasee. Durch seine Stahlkonstruktion bewältigte der Ingenieur Frei Otto Spannweiten von bis zu vierhun­dertfünfzig Metern mit Hilfe einer vorgespannten Seilnetzkonstruktion. Das aus einhundertneunund- zwanzigtausend Knoten am Boden geflochtene Seilnetz entstand aus vierhundertsechunddreißig Kilometern Drahtseil, das anschließend hochge­zogen wurde. Einhundertneunundsechzig Fun­damente verankern die Hauptlasten, die auf das Seilnetz mit der Maschenweite von fünundsiebzig mal fünfundsiebzig Zentimetern, wirken. Auf dem großen Randseil über dem Stadion und den zwölf

Hauptpylonen ist eine Zugkraft von viertausend­fünfhundert Tonnen messbar. Zur Aufrechterhal­tung der Statik wirken außerdem sechsunddreißig kleinere Masten sowie zehn mit Seilbündeln unter­spannte Luftstützen mit. Ein vier Millimeter starkes, vorgespanntes Acrylglas erzielt die lichtdurchläs­sige Wirkung der Dachhaut. Diese drei mal drei Meter großen Elemente ermöglichen gute Lichtver­hältnisse für Fernsehübertragungen.

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Abb 40: Arbeiter beim Seilknüpfen

Olympische Spiele 1972

Die „Inszenierung der Leichtigkeit“70 wurde durch zahlreiche Pressevertreter in die gesamte Welt hinausgetragen und als Botschaft verbreitet. So war beispielsweise in der Daily News (USA) zu lesen: „'Flower Power' verkündeten die Münchener Kinder - sie sind der Geist der Münchener Spiele, der Geist eines neuerstandenen Deutschlands.“71 Die Wirkung der XX. Olympischen Spiele lässt sich nicht nur auf den baulichen Rahmen reduzieren, denn „keine Architektur und kein Design können Menschen oder Gesellschaften verändern, wohl aber beeinflussen, Voraussetzungen schaffen, Wege ebnen, stimulieren“72. Dennoch prägte der Gesamteindruck der Feierlichkeiten das Image Deutschlands und insbesondere Münchens nach­haltig positiv. Aus den Leitgedanken „Olympiade, Fest der Musen und des Sports“, „Olympiade im Grünen“ und „Olympiade der kurzen Wege“, kristal­lisierten sich die wichtigsten Gesichtspunkte für die Gestaltung. Man verfolgte die Idee, den menschli­chen Maßstab trotz der Dimension der Bauten, zu wahren. Außerdem schuf man durch den Entwurf einen Rahmen, der heitere Spiele und eine gelöste Atmosphäre ermöglichte.

Bereits in der Planung wurde die Nachnutzung berücksichtigt. Es sollte eine neue städtebauliche Komponente geschaffen werden, die eine hohe kulturelle und städtebauliche Bedeutung hat und der des Englischen Gartens und des Nymphen­burger Parks entspricht. Der Olympiapark sollte eine Initialzündung für die umliegenden, städte­baulich indifferenten Stadtteile sein.73 Die Stadt München setzte von Anfang an einige Thesen fest, unter anderem, dass die Planung „ein in die Zu­kunft gerichteter Beitrag zur Infrastruktur und zur Urbanität der ganzen Stadt werden“74 soll. Schon in der Planungsphase fanden die Olympischen Spiele Münchens internationales Interesse. Das innovative Konzept, sowie die organisatorischen und bauli­chen Ausführungen, wurden von circa dreitausend Journalisten aus aller Welt bereits vor 1972 do­kumentiert und verbreitet. Zweifel an der termin­gerechten Fertigstellung gingen um, Georg Vine entgegnete diesen 1970: „Aber selbstverständlich. Erstens ist 1972 ein Schaltjahr. Das gibt uns einen ganzen Tag mehr. Und zweitens werden die Spiele am 26. August erst nachmittags eröffnet.“75

Um es mit den Worten Werner Göhners 1978 zusammenzufassen: „Die Spiele des Jahres 1972 sind Vergangenheit. Aber sie haben im Gewebe der Stadt ein olympisches Element hinterlassen.“76 Unterhalt und Verwaltung der Olympiabauten gingen an die Stadt München, das Studentenwerk und den Freistaat Bayern,über. Die Wohnungen des Olympischen Männerdorfes wurden in Wohn- eigentum umgewandelt, das Dorf der Frauen in ein Studentenwohnheim umgenutzt. Das Berufsbil­dungszentrum fand Platz im ehemaligen Pressezen­trum und die Wohnungen der Olympiapressestadt werden vermietet. Die 1970 als Tochtergesellschaft der Stadt München gegründete „Münchner Olym­piapark GmbH“ übernahm die Verantwortung und die Organisation der nahezu kompletten Sportan­lagen und des Parks.77

Im Oberwiesenfeld entstadt ein eigenständiges neues Stadtviertel mit guter Infrastruktur. Der Olym­piapark gilt heute als viel genutzte Freizeitstätte, immer noch lebendig und pulsierend. Die Kombi­nation aus nichtkommerziellem und kommerziellem Angebot stellte sich als erfolgreiches Nachnut­zungskonzept heraus. Seit dem Großereignis 1972 verzeichnete der Olympiapark einhundertzweiund- achzig Millionen zahlende Besucher. Zahlreiche Veranstaltungen, wie Konzerte, Sportereignisse, das Sommertollwood, das Sommerfest oder das Theatron locken Jahr für Jahr bis zu fünf Millionen Menschen in den Olympiapark. Diese gigantische Zahl beinhaltet nicht die vielen nichtkommerziell orientierten Nutzer, wie beispielsweise die Spazier­gänger, Jogger, BMXer, et cetera.78

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb 41: Freizeit im Olympiapark

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1 Günther Grzimek in: Gollwitzer, Gerda (1972), S.11

2 Zentrales Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (2009)

3 Sammer, Christian (2012 i)

4 ebd. S.6

5 ebd. S. 7

6 Münchner Olympiapark GmbH (1982), S. 63

7 mahl gebhard konzepte (2011), S.7

8 O. Verf. (2012 e)

9 Wehler, Hand-Ulrich (1988), S. 11

10 König, Andreas (1996), S. 11

11 Zeit Online (2004)

12 König, Andreas (1996), S. 3

13 Brockhoff, Evamaria (2012), S.42

14 Eiband, Benjamin, et al. (2008), S. 52 ff.

15 Grzimek Günther; Grzimek Waldemar (1967), S.6 ff.

16 König, Andreas (1996), S. 24 ff.

17 Garten und Landschaft (2003 b), S.14

18 Grzimek Günther; Grzimek Waldemar (1967), S.7 ff.

19 Eiband, Benjamin, et al. (2008), S. 53 ff.

20 Mader,Günther (1999), S. 158

21 Brockhoff, Evamaria (2012), S. 43 ff.

22 Neumann-Adrian, Michael (2009), S. 243

23 Brockhoff, Evamaria (2012), S.43

24 Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur und industrielle Land­schaft (2011)

25 ebd.

26 ebd.

27 Eiband, Benjamin, et al. (2008), S. 52 ff.

28 Garten und Landschaft (2003 b), S.14

29 Muenchen.de (2011 a)

30 Muenchen.de (2011 b), S .9

31 Olympiapark GmbH (2012 h)

32 Ludwig I. König von Bayern in: O. Verf. (2011 h)

33 Münchner Olympiapark GmbH (1982), S. 66

34 Deutsche Akademie für Städtebau und Landesplanung Lan­desgruppe Bayern (1984), S.89

35 Pres, Werner (2007), S.8

36 Münchner Olympiapark GmbH (1982), S.23

37 Münchner Olympiapark GmbH (1982), S.23

38 Angermair, Elisabeth (1994), S. 5 ff.

39 Pres, Werner (2007), S.9

40 Lauterbach, Burkhart (2001), S.130 ff.

41 Angermair, Elisabeth (1994), S.10ff.

42 Neumann-Adrian, Michael (2009), S. 245

43 Münchner Olympiapark GmbH (1982), S.25

44 Pres, Werner (2007), S.9

45 Angermair, Elisabeth (1994), S. 11 ff.

46 Marschik, Matthiaset al. (2005), S. 157

47 Angermair, Elisabeth (1994), S. 11 ff.

48 Brockhoff, Evamaria (2012), 2010

49 Kachelmann, Jakob; Obermeier, Claus (2005), S.152 f.

50 Münchner Olympiapark GmbH (1982), S.158

51 Angermair, Elisabeth (1994), S.20 ff.

52 Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege (2012)

53 Lauterbach, Burkhart (2001), S.130 ff.

54 Walter Maria Skarba in: Münchner Olympiapark GmbH (1982), S.15

55 Mader, Günther (1999), S. 158

56 Brockhoff, Evamaria (2012), S.2 f.

57 Radtke, Armin et al. (2005), S.15

58 Brockhoff, Evamaria (2012), S.42 f.

59 Angermair, Elisabeth (1994), S. 25 ff.

60 Angermair, Elisabeth (1994), S. 3

61 Landeshauptstadt München (2005 a), S. 28

62 Grzimek, Günther (1970 a), S. 301

63 Gollwitzer, Gerda (1972), S. 36

64 Günther Grzimek in: Grzimek, Günther (1993), S.35

65 Marschik, Matthias et al. (2005), S.155

66 mahl gebhard konzepte (2011), S.10

67 Günther Behnisch in: Landeshauptstadt München (2005 a), S. 28

68 Münchner Olympiapark GmbH (1982), S. 127 ff.

69 ebd.

70 ebd. S.122 ff.

71 Schall, Ulrich (o. Jahr)

72 Bittner, Werner (2007)

73 Heinrich August Winkler in: Zeit Online Kultur (2011)

74 Harbeke, Carl Heinz (1972), S.32

75 Gerhard Meighörner in: Meighörner, Gerhard (1978), S.162

76 Georg Vine in: Münchner Olympiapark GmbH (1982), S.31

77 Werner Göhner in: Göhner, Werner (1978), S.158

78 Angermair, Elisabeth (1994), S. 28 f.

Details

Seiten
169
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656332176
ISBN (Buch)
9783656332398
Dateigröße
14.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v201990
Institution / Hochschule
Technische Universität München
Note
1,7
Schlagworte
Olympiapark München

Autor

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Titel: Günther Grzimek - Architekt des Demokratischen Grüns