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Kontinuierlicher Entwicklungsprozess oder nicht? - Zur Frage nach der inneren Entwicklung der Protagonistin Doris in Irmgard Keuns Roman "Das kunstseidene Mädchen"

Hausarbeit 2012 20 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Die Entwicklung einer Person im Jugendalter

2 Ausgangssituation der Protagonistin Doris zu Beginn der Romanhandlung

3 Zentrale Stationen der Protagonistinim Romanverlauf
3.1 Die mittlere Stadt
3.2 Die große Stadt
3.3 Der Wartesaal

4 Fazit

Literatur

Einleitung

In ihrem zweiten Roman Das kunstseidene Mädchen (1932)erzählt Irmgard Keuneinen Auschnitt aus der bewegten Lebensgeschichte der 18jährigen Stenotypistin Doris gegen Ende der Weimarer Republik. Keuns Werk wurdein der Erstrezeption, neben der Einordnung als Zeitroman, häufig auch als Entwicklungsromanbezeichnet.[1] In der neueren Sekundärliteratur finden sich diesbezüglich jedoch gegensätzliche Positionen. Einerseits gibt es Autoren, wie Volker Sack[2] oderKerstin Haunhorst[3] , die von einer inneren Entwicklung der Protagonistin Doris schreiben, andererseits finden sich auch Autoren, welche die Ansicht vertreten, dasskeine Entwicklung zu erkennen ist.Vor allem Irene Loriska betont nachdrücklich, Das kunstseidene Mädchen sei „kein Ent­wicklungsroman, in dem sich die Protagonistin vorwärts entwickelt, geläutert wird, sich verändert“.[4] Im Gegenteil, sie schreibt über die Hauptfigur: „sie bleibt sich gleich, bleibt von der ersten bis zur letzten Seite dieselbe Doris“.[5] Die Tatsache, dass auch weitere Autoren eine Entwicklung der Titelfigur weitestgehend ausschließen[6] , belegt, dass diese Frage nicht abschließend geklärt ist und gibt Anlass, den Entwicklungsaspekt im Ro­man kritisch zu hinterfragen. Eine ausführliche Begründung für die These deraus­bleibendenEntwicklung findet bei Loriska und den anderen Autoren jedoch nicht statt.Daher wird in der vorliegenden Arbeit eine systematische Untersuchung vorgenommen, um herauszufinden, ob und wenn ja, inwieweit eine innere Entwicklung bei der Pro­tagonistin Doris nachweisbar ist.

Zunächst ist in Kapitel 1 zu klären, was unter einer inneren Entwicklung zu verstehen ist, d.h. welche verschiedenen Aspekte zur inneren Entwicklung einer Person gehören und welche Einflussfaktoren zur persönlichen (Weiter-)Entwicklung beitragen können.Neben allgemein Einflussfaktorenwerden besonders solche Faktoren betrachtet, die zur Zeit der Weimarer Republik für die Entwicklung einer jungen Frau relevant waren.Im Kapitel 2 wird die Ausgangssituation der Protagonistin betrachtet.Dabei werden Doris grundlegende Charakterzüge und Werte zu Beginn des Werkes herausgearbeitet. Die Entwicklung einer Person wird geprägt von Ereignissen und Begebenheiten, die ihr wiederfahren.[7] Daher werden in Kapitel 3 zentrale Stationen in Doris Geschichte be­trachtet.Um eine mögliche Entwicklung im Romanverlauf nachvollziehbar zu machen,erfolgt diese Betrachtung in chronologischer Reihenfolge. Abschließend wird im Rah­men einer vergleichenden Betrachtung diskutiert, ob und wenn ja inwieweit eine Ent­wicklung der Hauptfigur nachzuweisen ist (Kapitel 4).

1 Die Entwicklung einer Person im Jugendalter

Unter derinneren Entwicklung einer Person wird im Allgemeinen deren geistige, seelische und moralische(Weiter-)Entwicklung verstanden.Ein wichtiger Einfluss­faktor und Auslöser für die individuelle Entwicklung einer Person sind äußere Anstöße, d.h. Ereignisse, die einem Menschen wiederfahren oder Konflikte, mit denen er kon­frontiert wird.[8] Die eigene individuelle Auseinandersetzung mit diesen äußeren Ein­flüssen und deren Verarbeitung führen häufig zu einer persönlichen Entwicklung in Form eines Reifeprozesses.[9]

Die (Weiter-)Entwicklung einer Person vollzieht sich neben der Reflektion und Verarbeitung einschneidender Ereignisseauch durch die Auseinandersetzung mit an­deren Personen. Insbesondere Familie, Freunde und Liebesbeziehungen spielen dabei eine wesentliche Rolle.Im Jugendalter nehmen darüber hinaus auch die Schulzeit, also die Mitschüler und Lehrkräfte, Einfluss auf die persönliche Entwicklung.Da junge Frauen zur Zeit der Weimarer Republik häufig berufstätig waren,stellten zunehmend auch der ausgeübte Beruf, der Arbeitsplatz und die Arbeitskollegen einen äußeren Ein­flussfaktor auf die persönliche Entwicklung dar.[10]

Weiterezentrale Einflüsse gingen in den 1920er und 1930er Jahrender Film- und Kinokultur aus.[11] Filmschauspielerinnenwurden zu Vorbildern für die Mädchen und Frauen zu der damaligen Zeit und verbunden mit der Popularität der Filmschauspielerinnen,wurde auch die Mode zu einem großen Thema für die deutschen Frauen.Zentrum dieser Entwicklungen war besonders die Großstadt Berlin, aber auch in anderen Städen, wie Frankfurt oder Köln, waren diese Einflüsse zu beobachten.[12]

Wie sich gezeigt hat, wird die innere Entwicklung einer Person maßgeblich angestoßen durch äußere Einflüsse, Ereignisse, Menschen im unmittelbaren Umfeld sowie der persönlichen Auseinandersetzung damit. Zu erwähnen ist aber darüber hinaus, dass auch der eigene innere Antrieb zur Weiterentwicklung und die Auseinandersetzung mit sich selbst dabei eine Rolle spielen.

Neuenschwander betont außerdem, dass die innere Entwicklung einer Person häufig einhergehtmit einer Veränderung des Äußeren bzw. einer körperlichen Veränderung.[13] Daher erscheint es, auch wenn in der vorliegenden Arbeit die innere Entwicklung im Zentrum steht, dennoch zielführend, zusätzlich auch die äußerliche Entwicklungder Protagonistin Doris zu betrachten.

Inwieweit die hier beschriebenen Entwicklungsaspekte und Einflüsse bei der Prota­gonistin Doris vorhanden sind, wird im Folgenden erörtert. Dadurch, dass Das kunstseidene Mädchen in Form einer Ich-Erzählung geschrieben ist, wird dem Leser Doris inneres Erleben offenbart. Das bietet den Vorteil, dass neben dem beobachtbaren Verhalten auch Doris Gedanken und Gefühle, über die sie häufig redet, zur Analyse und Beurteilung ihres Persönlichkeitsbildes herangezogen werden können.

2 Ausgangssituation der Protagonistin Doris zu Beginn der Romanhandlung

Zu Beginn des Werkes tritt die Protagonistin Doris als lebenshungrige junge Frau in Erscheinung. Sie liebt das schöne Leben, geht gerne aus und amüsiert sich.[14] Obwohl sie erst 18 Jahre alt ist, hat Doris schonfeste Vorstellungen von dem, was sie im Leben erreichen will.Um Doris Lebensentwurf und ihre Zielenachzuvollziehen, ist es wichtig, auch ihre Vergangenheit zu betrachten. Zwar setzt die Handlung des Werkes erst ein als Doris bereits 18 Jahre ist, aber durch ihre eigenen Schilderungen von Erinnerungen, erfährt der Leser einige wesentliche Informationen über Doris Kindheit und Jugend.

Doris wird als uneheliche Tochter in einem kleinbürgerlichen Umfeld geboren und wächst in einer mittleren Stadt, die in der Sekundärliteratur eindeutig als die Stadt Köln identifiziert wurde, auf.[15] Das Verhältnis zur Mutter ist gut, während das Verhältnis zum Stiefvater als sehr angespanntbezeichnet werden kann. Der arbeitslose Stiefvater ist häufig betrunken und die Familie leidet unter seinen massiven Wutausbrüchen:

Und nach Hause gehen habe ich geradezu Angst, ich kenne meinen Vater als ausgesprochen unangenehmen Menschen ohne Humor, wenn er zu Hause ist. Man kennt das – daß Männer, die am Stammtisch und in der Wirtschaft italienische Sonne markieren […] – daß die zu Haus in der Familie so sauer sind, daß man sie am Morgen nach einer versoffenen Nacht nur ansehen braucht und spart einen Rollmops.[16]

Als sie ihre Mutter danach fragt, warum sie einen solchen Mann geheiratet hat, er­wiedert die nur: „irgendwo muss man doch einmal hingehören.“[17] Doris versteht das, aber es macht sie dennoch traurig, dass ihre Mutter, die sie als „Klassefrau“[18] bezeichnet, solch einen „Popel“[19] geheiratet hat. Angesichts dessen beschließt Doris für sich selbst, kein solches Leben führen zu wollen.

[...]


[1] Sack, Volker: Zeitstück und Zeitroman in der Weimarer Republik. 1.Aufl. Stuttgart 1985. S. 25ff. u. S. 32f. Im Folgenden wird das Werk mit „Sack, 1985“ abgekürzt.

[2] Sack, 1985, S. 25ff.

[3] Haunhorst, Kerstin: Das Bild der neuen Frau im Frühwerk Irmgard Keuns. 1. Aufl. Hamburg 2008.

[4] Lorisika, Irene: Frauendarstellungen bei Irmgard Keun und Anna Seghers. 1. Aufl. Frankfurt 1985. S. 70. Im Folgenden wird das Werk mit „Loriska, 1985“ abgekürzt.

[5] Marchlewitz, Ingrid: Irmgard Keun. Leben und Werk. 1. Aufl. Würzburg 1999, S. 70.Im Folgenden wird das Werk mit „Marchlewitz, 1999“ abgekürzt.

[6] Marchlewitz, 1999, S. 95ff.

[7] Esselborn-Krumbiegel, Helga: Der „Held“ im Roman. Formen des deutschen Entwicklungsromans des frühen 20. Jahrhunderts. 1. Aufl. Darmstadt 1983, S. 17f. Im Folgenden wird das Werk mit „Esselborn-Krumbiegel, 1983“ abgekürzt.

[8] Esselborn-Krumbiegel, 1983, S. 17f.

[9] Esselborn-Krumbiegel, 1983, S. 16ff.

[10] Rosenstein, Doris: Irmgard Keun: das Erzählwerk der dreißiger Jahre. Frankfurt am Main 1991, S. 13.

[11]

Helduser, Urte: Sachlich, seicht, sentimental. Gefühlsdiskurs und Populärkultur in Irmgard Keuns Romanen Gilgi, eine von uns und Das kunstseidene Mädchen. In: Arend, S. & Martin, A.: Irmgard Keun 1905/2005. Deutungen und Dokumente. 1. Aufl. Bielefeld 2005. S. 13-28. Hier S. 23.

[12] Rosenstein, Doris: „Mit der Wirklichkeit auf du und du“? Zu Irmgard Keuns Romanen „Gilgi, eine von uns“ und „Das kunstseidene Mädchen“. In: S. Becker & C. Weiß: Neue Sachlichkeit im Roman. Neue Interpretationen zum Roman der Weimarer Republik. 1. Aufl. Weimar 1995. S. 273-290. Hier S. 286. Im Folgenden wird das Werk mit „Rosenstein, 1995“ abgekürzt.

[13] Neuenschwander, Markus P.: Entwicklung und Identität im Jugendalter. 1. Aufl. Bern 1996. S. 24.

[14] Keun, Irmgard: Das Kunstseidene Mädchen. 9. Aufl. München 1999. , S. 5. Im Folgenden abgekürzt mit „KM, 1999“.

[15] Marchlewitz,1999, S. 95.

[16] KM, 1999, S. 17.

[17] KM, 1999, S. 21.

[18] KM, 1999, S. 21.

[19] KM, 1999, S. 21.

Details

Seiten
20
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656280392
Dateigröße
589 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v202140
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
2,0
Schlagworte
Weimarer Republik; Frauenbild; Literatur; Entwicklungsroman; Irmgard Keun;

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