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Die professionelle Pflegebeziehung – eine persönliche Beziehung?

Anwendung eines soziologischen Konzepts auf den stationären Altenpflegebereich

Hausarbeit 2012 21 Seiten

Gesundheit - Pflegewissenschaft - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Persönliche Beziehungen als Forschungsgegenstand der Soziologie

3. Alte Menschen und persönliche Beziehungen

4. Phasen einer Pflegekraft-Patienten-Beziehung
4.1 Modell nach Peplau
4.2 Modell nach Oehmen
4.3 Modell nach Travelbee

5. Die (harmonisierte?) Pflegebeziehungen – normative Ansprüche an das Gelingen aus der Literatur

6. Die Pflegekraft-Bewohner-Beziehung in stationären Einrichtungen der Altenpflege – eine persönliche Beziehung?
6.1 Institutionelle Besonderheiten der stationären Altenpflege bei der Beziehungsarbeit
6.2 Beziehungsgestaltung zwischen Pflegepersonal und Bewohner – ein Balanceakt

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die wissenschaftliche Diskussion über professionelle Beziehungen, darunter die Pflegebeziehung, entstanden in den Gesundheitsberufen als diese nicht mehr ausschließlich durch Autoritätsverhältnisse bestimmt waren (vgl. Großmaß 2009: 545). In der Literatur finden sich vor allem Beiträge über die Spezifität sowie Bedeutsamkeit einer Arzt-Patienten-Beziehung, sowie einer therapeutischen Beziehung zwischen Psychotherapeut und Klient. Die Übertragbarkeit dieser Theoriekonzeptionen auf die berufliche Pflegebeziehung ist zu hinterfragen. Ein unter anderem auf professionelle Dyaden anwendbares soziologisches Konzepts ist das der ‚Persönlichen Beziehungen’, welches durch die Professur für Mikrosoziologie an der Technischen Universität Dresden, Prof. Dr. Karl Lenz, in den deutschen Wissenschaftsdiskurs eingebracht wurde. Im Zentrum dieser Arbeit steht die Anwendbarkeit dieses Konzepts der ‚Persönlichen Beziehung’ auf die Beziehung zwischen einer Pflegekraft und einem pflegebedürftigen alten Menschen in stationären Altenpflegeeinrichtungen. Betrachtet werden dabei als Beziehungspartner lediglich diejenigen alten Menschen, die aufgrund ihres Gesundheitszustandes kognitiv in der Lage sind, eine gegenseitige Beziehung zu führen und zu gestalten. Demenzkranke in mittleren bis hohen Stadien fallen hier beispielsweise heraus. Eine Pflegebeziehung zwischen einem Demenzkranken, der die täglich anwesende Pflegekraft, die ihm bei der Bewältigung des Alltags behilflich ist, nicht erkennt und ihr in seinem Verhalten derart distanziert entgegentritt, als wären die beiden Personen Fremde, scheint von vornherein als keine persönliche Beziehung gelten zu können.

Nachdem in das soziologische Konzept der Persönlichen Beziehungen eingeführt wird, sollen alten Menschen und ihre persönlichen Beziehungen besprochen werden. Es folgen drei Phasenmodelle über den Aufbau einer Pflegekraft-Patienten-Beziehung aus der Pflegewissenschaft. Harmonisierende Vorstellungen über professionelle Pflegebeziehungen werden im nächsten Kapitel referiert und reflektiert. Es schließt sich ein Kapitel an, in dem das Konzept der persönlichen Beziehungen auf den Kontext des Pflegeheims übertragen wird. Die Arbeit endet mit einem Fazit.

Als Literaturquelle diente primär der WebOpac der SLUB. Dabei benutzte der Autor Schlagwörter und Wortgruppen wie: ‚Pflegebeziehung’, ‚persönliche Beziehung’, ‚Pflegekraft-Patienten-Beziehung’, ‚professionelle Pflegebeziehung’, ‚personal relations’, ‚Personal relationships’. Von gefundenen Büchern in der SLUB, sowie der Bereichsbibliothek Erziehungswissenschaft, wurde das Schneeballverfahren angewendet, um zu weiterer Literatur zu gelangen. Diese Suche stellte sich für mich als effektiv heraus. Ebenso konnte ich auf Online-Ressource-Artikel durch die Suche im WebOpac, aber auch in der Datenbanksuche der SLUB im Fachbereich Medizin (u.a. Springer e-Books, Cinahl) Zugriff bekommen. Google Books ermöglichte mir mit o.g. Schlagworten zusätzlich Einblick in einige Bücher. Bei der Literaturauswertung stieß ich jeweils durch Verweise der Autoren auf Primärliteratur.

2. Persönliche Beziehungen als Forschungsgegenstand der Soziologie

Persönliche Beziehungen innerhalb der Soziologie gehören zum Gegenstandsbereich der Mikrosoziologie. Untersucht werden die verschiedenen Arten von seelisch tiefgehenden Verhältnissen zwischen zwei Menschen (vgl. Fuchs-Heinritz 2010: 97). Das Alltagsleben eines jeden ist ein Geflecht von persönlichen Beziehungen eingebettet (vgl. Lenz 2008: 681). Der Mensch als soziales Wesen ist sogar auf die Sozialität und die soziale Integration durch persönliche Beziehungen angewiesen (vgl. Lenz und Nestmann 2008: 9).

Im angloamerikanischen Raum hat sich ein interdisziplinär ausgerichteter Forschungsbereich der ‚personal relations’ herausgebildet, der im deutschsprachigen Raum nahezu ausschließlich in der Psychologie aufgegriffen wurde (vgl. Lenz 2008: 685). Innerhalb der Soziologie hat sich nach Lenz noch keine eigenständige Soziologie persönlicher Beziehungen herausgebildet (vgl. Lenz 2009: 28). Der Begriff der ‚Persönlichen Beziehung’ wird häufig innerhalb des Forschungsgegenstandes überhaupt nicht verwendet, obwohl er Thema ist (vgl. Lenz und Nestmann 2008: 16ff.).

‚Persönliche Beziehungen’ können auf verschiedene Arten von Beziehungen zwischen zwei Personen zutreffen. Damit kann eine Paarbeziehung gemeint sein. Ebenso können Beziehungen im Familienkontext, darunter Eltern-Kind-Beziehungen oder auch Geschwisterbeziehungen diesem Typus zugeordnet werden. Jenseits des Familienkontexts finden sich persönliche Beziehungen am Arbeitsplatz sowie in Freundschaften. Auch innerhalb professioneller Rollen, z.B. einer Lehrer-Schüler-Beziehung, kann man möglicherweise von persönlichen Beziehungen sprechen (vgl. Lenz und Nestmann 2009: 22ff.). Persönliche Beziehungen können verschiedene Formen annehmen. Im Idealfall haben sie für die beteiligten Mitglieder fördernde, schützende und hilfreiche Wirkungen. Eine persönliche Beziehungen kann allerdings auch für einen oder gar beide Partner vorübergehend oder dauerhaft einschränkende, schädigende und belastende Auswirkungen haben (vgl. Lenz und Nestmann: 9). Verknüpft eine Person alle ihre persönlichen Beziehungen zu einem sozialen Beziehungssystem, so stellt dies ein persönliches Netzwerk dar (vgl. ebd.: 13, Lenz 2008: 685). Dabei ist stets der prozessuale Charakter zu betonen, denn Beziehungen sind kein starres Gebilde, sondern verändern sich ständig (vgl. Lenz 2009: 32).

Lenz bemerkt, dass ‚Persönliche Beziehungen’ weder auf der Individual-, noch auf der Makroebene umfassend erfassbar sind (vgl. Lenz 2008: 686). Das an der Beziehung beteiligte Paar handelt „immer anders als jeder Einzelne allein oder wenigstens - bei starkem Überwiegen eines Partners - als der eine von beiden - der Passivere - allein handeln würde“ (Lenz 2008: 686), so Lenz.

‚Persönliche Beziehungen’ besitzen zahlreiche Gemeinsamkeiten mit den soziologischen Begriffen Organisation, Interaktion sowie Gruppe (vgl. Lenz 2009: 37ff.). Als deutliche Abgrenzung gegenüber einer Interaktion bestehen persönliche Beziehungen weiterhin auch nachdem die Beziehungspersonen räumlich getrennt sind (vgl. ebd.: 38). Eine Kontinuität und relative Dauer, der eine ‚Unendlichkeitsfiktion’ unterstellt wird, sind kennzeichnend (vgl. ebd.: 42). Im Unterschied zu Organisationen und vielen Gruppen bestehen persönliche Beziehungen nach dem Ausscheiden einer an der Beziehung beteiligten Person nicht weiter fort. Zudem sind persönliche Beziehungen in ihrer Eindeutigkeit der Zusammengehörigkeit klarer bestimmbar als dies bei Gruppen der Fall ist (vgl. ebd.: 40f.).

Kennzeichnend für jede persönliche Beziehung sind für Lenz folgende Merkmale:

-Personelle Unersetzbarkeit: Jede persönliche Beziehung ist unwiederbringlich an die sie konstituierenden Personen gebunden (vgl. Lenz 2009: 41). Sie lässt keinen Personalwechsel zu und kann nur durch eine neue persönliche Beziehung ersetzt werden (vgl. Lenz 2008: 688).
-Fortdaueridealisierung: Kennzeichnend ist das pragmatische Motiv der Beteiligten, dass die Beziehung, so wie sie ist, auf absehbare Zeit fortgesetzt wird (vgl. Lenz 2008: 689).
-Vorhandensein eines persönlichen Wissens: Die Mitglieder einer Beziehung besitzen nicht nur ein Wissen über den anderen, sondern auch ein Wissen über deren Beziehung (vgl. Lenz 2008: 689). Es ist eine Art Rezeptwissen, wie die beteiligten Personen mit ihrer Beziehung umzugehen haben (vgl. Lenz 2009: 42). Sie legen ein beziehungskonformes, aufeinander eingestelltes soziales Handeln an den Tag (vgl. Mewes 2010: 22) Im Weberschen Sprachgebrauch findet innerhalb der Dyade ein sinnhaftes aufeinander beziehen statt (vgl. ebd.: 21). Die Individuen stehen sich als „Vollpersonen“ (ebd.: 23) gegenüber. Ein Mitberücksichtigen von Besonderheiten des anderen findet statt (vgl. ebd.: 23). Es fallen viele Vorleistungen innerhalb dieser persönlichen Beziehung weg, die in Interaktionen mit Fremden erst zu erbringen sind.
-Emotional fundierte gegenseitige Bindung: Die Beziehungspersonen teilen sich positive und negative Emotionen und stehen einander nahe (vgl. Lenz 2009: 43).
-Besonders ausgeprägte Interdependenz: Veränderungen der Person A wirken sich immer auf die Beziehung und auch auf die Person B aus (vgl. Lenz 2008: 690). Das Luhmannsche ‚etwas voneinander lernen’ spielt hier eine Rolle (vgl. Mewes 2010: 21).

Die zugeschriebene Qualität der persönlichen Beziehung hängt stark davon ab, wie breit gefächert die Themen und Handlungsfelder innerhalb der Dyade sind (vgl. ebd.: 690). Prinzipiell ist allerdings alles thematisierbar; die Orte an denen sich die Individuen austauschen sind nicht festgelegt (vgl. Mewes 2010: 23). Eine realitätskonstruierende Wirklichkeit wird zwischen den Beziehungspartnern aufgebaut (vgl. Lenz 2009: 36). Die entstandene Einheit zwischen zwei oder mehrere Menschen, welche in Wechselwirkung zueinander treten, ist je nach Art dieser von anderen sozialen Gebilden empirisch abgrenzbar (vgl. Mewes 2010: 20).

Mewes, der den Gegenstandsbereich der ‚Persönlichen Beziehungen’ im Rahmen von sozialer Ungleichheit untersucht, zählt zu jenen Beziehungen alle die Dyaden, die „im tatsächlichen Verhalten wie in den involvierten Orientierungen und Emotionen zumindest nicht ausschließlich über von außen gesetzte Anforderungen formaler Organisationen und Arbeitsformen bestimmt sind, sondern Elemente einer persönlichen Stellungnahme zum anderen“ (ebd.: 25) zum Inhalt haben. Diese Definition verdeutlicht ein breiteres Verständnis als das von Lenz.

In Abgrenzung zur Rollenbeziehung wird von persönlicher Beziehung dann gesprochen, wenn die persönliche und nicht die soziale Identität innerhalb der Beziehung zentral ist (vgl. Lenz 2009: 44). Mewes verwendet für den Begriff der Rollenbeziehung den Begriff der ‚unpersönlichen Beziehung’, wo die wechselseitig bestehenden Erwartungen der Beziehungspartner nicht durch eine bestehende Individualität der beteiligten Personen gestört werden (vgl. Mewes 2010: 22f.).

Da nun die begrifflichen Grundlagen gelegt sind, wird nachfolgend über alte Menschen und deren persönliche Beziehungen gesprochen.

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Details

Seiten
21
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656284628
ISBN (Buch)
9783656284789
Dateigröße
508 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v202189
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Institut für berufliche Fachrichtungen
Note
2,0
Schlagworte
Pflegebeziehung professionelle Pflege Altenpflege Pflegekraft-Patient-Beziehung Personal-Bewohner-Beziehung Persönliche Beziehung

Autor

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Titel: Die professionelle Pflegebeziehung – eine persönliche Beziehung?