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Der Wandel der japanischen Familie von 1945 bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts aus sprachwissenschaftlicher Sicht

Hausarbeit 2012 24 Seiten

Orientalistik / Sinologie - Japanologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der Wandel der japanischen Familie
2.1 Die japanische Familienstruktur um 1945
2.2 Gründe für die Entwicklung der Kernfamilie
2.3 Probleme der japanischen Familie zu Beginn des 21. Jahrhunderts

3 Der Sprachwandel der japanischen Gesellschaft
3.1 Der Ausdruck von Hierarchien durch Sprache
3.2 Lockerung von hierarchischen Sprachkonventionen seit 1945
3.3 Prognose

4 Der familiale Sprachwandel als Ergebnis des Familienwandels
4.1 Anredeformen in der Familie
4.2 Veränderung der familiären Anredeformen
4.3 Sprachlicher und sozialer Kompetenzverlust

5 Schluss

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die japanische Sprache wird von vielen Sprachwissenschaftlern als besonderes kulturelles Merkmal Japans gesehen, da sie mehr als europäische Sprachen die Möglichkeit zu starker sozialer Differenzierung biete. Dies betreffe nicht nur Verbformen und Nominalpräfixe, sondern auch eine Vielzahl verschiedener Anredeausdrücke, die vom sozialen Stand des Sprechers und der Person, mit der oder über die gesprochen wird, abhängen. (Itakura 2001: 12, Kasai 2002) Auch unabhängig von wissenschaftlichen Untersuchungen gehören diese Anredeformen zu den Dingen, die dem einen oder anderen Europäer beim Sehen von japanischen Filmen oder Lesen japanischer Bücher auffallen, da sie sich völlig von europäischen Gewohnheiten unterscheiden. Die Kenntnis japanischer Sprachkonventionen ist aber trotz oder gerade wegen dieser Andersartigkeit essentiell für das Verstehen der japanischen Kultur, da Sprache in Japan in enger Beziehung mit der Gesellschaftstruktur stehe (Kasai 2002: 131).

Um Anredeformen verstehen zu können, ist es deshalb meines Erachtens notwendig, die Struktur der japanischen Gesellschaft, in der diese Formen zur Anwendung kommen, zu untersuchen, was hier auf Ebene der Familie geschehen soll. Die japanische Familie ist vor allem seit 1945 ein häufig diskutiertes Thema unter japanischen, aber auch europäischen und amerikanischen Autoren. Großen Einfluss hatte dabei Takeyoshi Kawashima (1985), der die japanische Familie 1948 als sehr patriarchal charakterisierte und dieses Merkmal auf die Gesamtgesellschaft übertrug. Zum Wandel vom autoritär gesehenen Drei-Generationen-Haushalt zur heutigen Kernfamilie existieren zahlreiche Untersuchungen (z. B. Kleiber 1997, Mathias 1998, Ronald/Alexy 2011). In besonderem Maße wird in diesen Werken auf die veränderte Stellung der Frau und die Eltern-Kind-Beziehung eingegangen. In dieser Arbeit soll der Familienwandel jedoch auch aus sprachwissenschaftlicher Sicht untersucht folgender Frage nachgegangen werden: Wie äußert sich der Wandel der japanischen Familie seit Ende des Zweiten Weltkriegs in den familialen Anredeformen?

Zur Beantwortung dieser Frage, werden im ersten Teil der Arbeit anhand sozialwissenschaftlicher Literatur und Statistiken der Wandel der japanischen Familie sowie dessen Gründe dargestellt. Im Folgenden soll der gesellschaftliche Sprachwandel anhand sprachwissenschaftlicher Literatur gezeigt werden, um im letzten Teil zu untersuchen, inwieweit sich dieser im kleinen gesellschaftlichen Umfeld der Familie, insbesondere in den familiären Anredeformen, äußert.

2 Der Wandel der japanischen Familie

2.1 Die japanische Familienstruktur um 1945

Das stereotype japanische Familienmodell ist der patriarchale Drei-Generationen-Haushalt, der auch als Ie bezeichnet wird, was so viel wie Haus oder Familie bedeutet (Carroll 2006: 111). Das Ie schloss alle Menschen ein, die im selben Haus lebten und zusammen arbeiteten und das unabhängig von Blutsverwandtschaft (Coulmas 1993: 74-75). Trotz dieser Tatsache bezeichnete man alle zum Ie Gehörenden als eine Familie, was sich vom heutigen Verständnis einer Gemeinschaft blutsverwandter Menschen oder zweier (verheirateter) Menschen mit Kind(ern) (Duden Online 2012) unterscheidet. Die Struktur des Ie wird meist mit konfuzianistischem Gedankengut in Verbindung gebracht, das eine strenge Hierarchie mit der Unterordnung der Frau unter den Mann – zuerst ihrem Vater, nach der Heirat den Ehemann und schließlich nach dem Tod des Ehemannes den Sohn – fordert (Reischauer/Jansen 1995: 175), was auch gesetzlich festgeschrieben war (Coulmas 1993: 75). Frauen wurden nur für das Gebären von Kindern und die Haushaltsführung als wichtig erachtet (Reischauer/Jansen 1995: 176). Ihre unterwürfige Rolle äußerte sich auch darin, dass sie Männern gegenüber respektvolle Sprache verwendeten, sich tiefer als sie verbeugten und in der Öffentlichkeit nur in einiger Entfernung hinter ihnen gehen durften (Itakura 2001: 8). Frauen hatten im Ie folglich eine sehr untergeordnete und rechtlose Rolle.

Die Niederlage Japans im Zweiten Weltkrieg, die darauf folgende Besatzung durch die Amerikaner und die neue Verfassung, die 1947 in Kraft trat, werden von vielen Japanforschern als Grundlagen für den auf sie folgenden Wandel der japanischen Gesellschaft gesehen (Hall 2009, Mathias 1998, Weber 1998, Kleiber 1997). Der Begriff „Gesellschaft“ bezieht sich in dieser Arbeit auf die Definition des Dudens (2012) als „Gesamtheit der Menschen, die zusammen unter bestimmten politischen, wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen leben“. „Gesellschaftlicher Wandel“ beschreibt folglich Veränderungen dieser Verhältnisse, wobei ich hier vor allem auf soziale Veränderungen eingehen werde. Die neue Verfassung, die 1947 in Kraft trat, sollte die Gleichheit aller Japaner und Japanerinnen garantieren (Hall 2009: 346-347) und das Ie -System und seine konfuzianistischen Strukturen abschaffen, doch trotz dieser rechtlichen Grundlagen, sei es nicht sofort zum Umdenken und dem Verschwinden traditioneller japanischer Gesellschafts- und Familienstrukturen gekommen (Carroll 2006: 111, Kleiber 1997: 81, Kawashima 1985). Stattdessen habe laut Kawashima das Familiensystem der Vorkriegszeit auch nach dem Krieg noch viele Jahre weiterexistiert. Er beschreibt die Familie des Ie als starke hierarchische Ordnung, in der die Beziehungen auf Autorität des Familienoberhauptes und Loyalität der anderen Familienmitglieder ihm gegenüber beruhten. (Kawashima 1985)

An dieser Stelle sei der Begriff „Hierarchie“, auf den die meisten Japananalytiker ihre Theorien aufbauen, kurz aus der sozialwissenschaftlichen Sicht von Gerhard Schwarz erklärt (Schwarz 2007). Hierarchie ist nach Schwarz eine autoritäre Vorgesetzten-Untertanen-Struktur mit einem einzigen Oberhaupt an der Spitze. Für ihn ist der Begriff der Autorität besonders wichtig, da man höher in der Hierarchie stehe, je mehr man Autorität besitze. Demzufolge hat das Oberhaupt die meiste Autorität und herrscht über die Untertanen, die sich ihm gegenüber loyal verhalten. Schwarz behauptet außerdem, dass Aussagen der Autoritätsperson nicht angezweifelt, sondern unabhängig von tatsächlicher Wahrheit oder der eigenen Meinung akzeptiert werden. (Schwarz 2007: 108-115) Die Kulturanthropologin Chie Nakane beschreibt mit genau solchen auf Autorität und Loyalität beruhenden Vorgesetzten-Untergebenen-Strukturen die bei ihr als vertikal bezeichnete japanische Gesellschaft (Nakane 1993) und auch die Familienstruktur nach Kawashima mit dem autoritären Mann als Familienoberhaupt passt ins Bild dieses Hierarchiebegriffes, obwohl Schwarz völlig unabhängig von diesen beiden Japanforschern argumentiert. Nach Nakane (1985: 194-195) hat die Autoritätsperson vor allem die Aufgabe, die Gruppe, die sie anführt, zusammenzuhalten. Nakane sieht die Gruppenexistenz gefährdet, wenn die Autoritätsperson als Bindeglied nicht mehr vorhanden sei. Kawashima (1985: 28) fügt hinzu, dass das Familienoberhaupt seinen Untergebenen alle Entscheidungen abnehme, wodurch diese zwar keine Verantwortung übernehmen müssen, aber auch keine Chance auf Individualität haben.

Betrachtet man Kawashimas Familientheorie von 1948 und aktuellere Untersuchungen zur japanischen Familie, z. B. von Kleiber (1997) oder Ronald und Alexy (2011), so kommt man zu dem Ergebnis, dass Einigkeit darüber herrscht, dass die traditionelle japanische Familie erstens auf konfuzianistischer Grundlage (Unterordnung der Frau unter den Mann) hierarchisch strukturiert war und dass sie zweitens auch einige Jahre nach 1945 noch aus mehreren Generationen mit einem männlichen Oberhaupt an der Spitze und – zwar nicht mehr gesetzlich rechtlosen, aber in der Praxis – untergeordneten Frauen bestand. Die folgenden Kapitel werden jedoch zeigen, dass sich die Familie in den mehr als 60 Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg aber tatsächlich gewandelt hat, wenn auch nicht sofort mit Kriegsende.

2.2 Gründe für die Entwicklung der Kernfamilie

Obwohl mit der neuen Verfassung von 1947 kein sofortiges Umdenken stattfand, so wird doch sowohl von Sprach- als auch von Sozial- und Geschichtswissenschaftlern davon ausgegangen, dass sie mit der rechtlichen Grundlage den Anstoß für die Modernisierung Japans in den folgenden Jahrzehnten darstellte (Weber 1998: 421, Hall 2009: 346). Kleiber (1997: 81) betont vor allem das sehr fortschrittliche Familienrecht, das seiner Zeit voraus gewesen sei, da es die Würde des Einzelnen und die Gleichheit der Geschlechter festschrieb. Außerdem existierte das Ie per Gesetz nicht länger und jedes neu verheiratete Paar wurde als von älteren Generationen unabhängige Kernfamilie registriert (Ronald/Alexy 2011: 5). Diese zunächst nur formale Änderung wurde ab Mitte der 1950er Jahre durch das starke Wirtschaftswachstum mit der Entstehung vieler neuer städtischer Betriebe schrittweise zur Realität. Japan sei zu einer „Gesellschaft der Angestellten“ geworden, was Umsiedlungen in Ballungszentren zur Folge gehabt habe (Ochiai 1998: 37-38). Coulmas beschreibt den Trend ab Mitte der 1950er Jahre folgendermaßen:

Große Häuser in ländlichen Gemeinden, deren Mitglieder einander alle kennen und durch die Kolokalität von Wohnung und Arbeitsplatz eng miteinander verbunden sind, lösen sich durch die Landflucht der jungen Generation auf, um in der Stadt durch kleinere Haushalte ersetzt zu werden. (Coulmas 1993: 77)

Er sieht die Umsiedlung vom Land in die Stadt als Grund für die Auflösung von Mehr-Generationen-Haushalten und hohe Bodenpreise und zu enge Wohnungen in der Stadt als Gründe dafür, dass sich in der Stadt kaum neue Mehr-Generationen-Haushalte bilden konnten (Coulmas 1993: 77). Ochiai (1998: 47) weist in diesem Zusammenhang aber darauf hin, dass es wegen dieser Entwicklungen nicht zum völligen Zerfall der Mehr-Generationen-Familie kam, sondern lediglich zu einer steigenden Zahl an Kernfamilienhaushalten. Wie Abbildung 1 zeigt, liegt sie mit dieser Annahme durchaus nicht falsch. Drei-Generationen-Haushalte sind auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts nicht verschwunden, doch gleichzeitig lässt sich ein Trend zu immer weniger solchen Haushalten und zu einer großen Anzahl verschiedener Formen der Kernfamilie feststellen. Neben der am weitesten verbreiteten Haushaltsform der Kernfamilie steigt aber auch die Anzahl an Ein-Personen-Haushalten.

Abbildung 1: Verteilung der Haushalte nach Haushaltsstruktur 1975-2007

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle: Ministry of Health, Labour and Welfare)

Auch in Bezug auf die Anzahl der Kinder hat sich die Gestalt der japanischen Familie verändert. Wie Tabelle 1 zeigt, lag die Geburtenrate 1970 noch bei 3,65 Kindern pro Frau, während sie bis 2010 auf 1,39 Kinder pro Frau zurückging.

Tabelle 1: Bevölkerungsstatistik 1950-2010

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle: Ministry of Health, Labour and Welfare)

Die sinkende Geburtenrate sei einerseits Ergebnis der beengten Wohnsituation in den Städten (Coulmas 1993: 77), andererseits aber auch Resultat der hohen Ausbildungskosten in Japan, die ein Kind schlichtweg zu teuer machen (Coulmas 1993: 79-80). Ein weiterer Grund ist, dass Frauen immer später oder gar nicht heiraten, da sie in der Ehe die Beschneidung ihrer Freiheit sehen und nicht davon ausgehen, dass ihre Ehemänner ihnen im Haushalt oder bei der Kindererziehung helfen würden (Ronald/Alexy 2011: 16). Außerdem sind Frauen heute finanziell meist nicht mehr von einem Mann abhängig, wodurch die Notwendigkeit, sich durch eine Hochzeit abzusichern wegfällt. Tabelle 2 zeigt, dass Frauen im Alter von 25 bis 60 Jahren immer mehr am Arbeitsmarkt teilnehmen und sich folglich selbst versorgen können.

Tabelle 2: Teilnahme am Arbeitsmarkt in Prozent nach Alter und Geschlecht 1960-2000

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle: Statistical Bureau, Population Census)

Es zeigt sich nicht nur der äußerliche Wandel zur Kleinfamilie, sondern auch eine Veränderung im Denken der Frauen, die sich nicht mehr ausschließlich als Hausfrau und Mutter wahrnehmen. In Japan habe seit den späten 1970er Jahren ein Umdenken stattgefunden, insofern, als sich das Ideal gefestigt habe, dass eine Partnerschaft auf Liebe beruhen sollte (Mathias 1998: 34). Das Leben der Frauen hänge nicht mehr völlig von den Entscheidungen ihrer Familien ab, was sich daran erkennen lasse, dass Frauen ihren Partner selbst wählen und die Zahl arrangierter Hochzeiten, wie sie im Ie üblich gewesen seien (Coulmas 1993: 75), stetig abnehme (Reischauer/Jansen 1995: 77). Zwar komme es noch vor, dass Eltern ein erstes Treffen mit einem möglichen Ehepartner arrangieren (Reischauer/Jansen 1995: 77), doch letztendlich seien nicht mehr wirtschaftliche Interessen der Familie ausschlaggebend für eine Hochzeit, sondern der persönliche Wunsch der Heiratswilligen, die ihren Partner vorrangig auf emotionaler Basis wählen (Kleiber 1997: 85). Dies und die Tatsache, dass, wie Abbildung 1 zeigt, die häufigste Familienform die Kernfamilie ohne elterlichen Einfluss ist, seien Gründe dafür, dass die Beziehung zwischen Ehemann und Ehefrau horizontaler geworden sei (Coulmas 1993: 82).

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Details

Seiten
24
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656285168
ISBN (Buch)
9783656285083
Dateigröße
885 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v202275
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – Institut für Politikwissenschaften und Japanologie
Note
1,0
Schlagworte
Japanologie Familie Familienwandel Wandel Sprache Anrede Hierarchie Japan Kultur Sprachwissenschaft Familienstruktur Respekt Bildung Frauen Jugendliche Kinder Konfuzianismus Großfamilie Kernfamilie Erziehung soziale Unterschiede

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