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Krankheits- und Ungeziefermetaphern als Mittel der Feindbildkonstruktion im Faschismus am Beispiel Joseph Goebbels

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 28 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Metapherntheorien
2.1 Vergleichstheorie
2.2 Substitutionstheorie
2.3 Interaktionstheorie
2.4 Kognitionstheorie

3. Metaphern und Politik
3.1 Die Funktion der politischen Metapher
3.2 Zum Begriff des Feindbildes

4. Die Ideologiesprache der Faschisten
4.1 Die Metapher und der Faschismus
4.1.1 Tier- und Krankheitsmetaphern bei Joseph Goebbels

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Es ist eine altehrwürdige Tradition des politischen Diskurses seinen Feind bzw. politischen Gegner mit Ungeziefern aller Art zu vergleichen. Wir erinnern uns hier beispielsweise nur an den CSU-Politiker Franz-Joseph Strauß, der im Jahre 1978 diejenigen deutschen Intellektuellen, „die es wagten, konservative Politiker öffentlich und lautstark zu kritisieren“1, als „Ratten und Schmeißfliegen“ beschimpfte2, oder auch an SPD-Politiker Franz Müntefering, der die internationalen Finanzinvestoren als „Heuschreckenschwärme“ bezeichnete.3 Doch die metaphorische Kennzeichnung als Schädling oder Ungeziefer geht sogar mindestens bis in die Antike zurück, in der es gang und gäbe war, den ungebetenen Gast als Parasiten zu bezeichnen.4 Es ist zu bemerken, dass Vertreter fast jeder politischen Ideologie sich ähnlicher Metaphern bedien(t)en, um ihre Feinde zu diskreditieren. So wurde im Marxismus bspw. ebenfalls der Feind als Parasit oder Bakterie bezeichnet. Auch im Faschismus finden sich solche Metaphern wieder, die vor allem mit dem Ziel der Dehumanisierung der Juden verwendet wurden.5 Ein solcher Sprachgebrauch lässt sich auch in neonazistischen Medien wiederfinden, in denen - nicht nur Juden, sondern vor allem auch linksradikale - dehumanisiert werden, indem sie als Natterngezücht, Ratten, Zecken, Schmarotzer, Läuse o.ä. bezeichnetwerden.6

Eine weitere bewährte Methode um ein Feindbild zu konstruieren und gleichzeitig eine Legitimierung dafür zu finden, seinen Feind zu vernichten, ist die Verwendung von Krankheitsmetaphern. So werden destruktive Einflüsse oder auch einzelne Personengruppen nicht nur in nationalsozialistischen Publikationen, sondern auch in Veröffentlichungen einzelner neonazistischen Gruppen beispielsweise als

Pestbeulen, Geschwüre, Krebsmetastasen, Eiterblasen, Viren und Bazillen bezeichnet.7 Neben dieser Krankheitsmetaphorik wird gleichzeitig auch zu einer dringend angebrachten Therapie des Volkskörpers geraten, wodurch eine polare Situtation konstruiert wird: Die Erkrankung des Volkskörpers kann entweder akzeptiert werden (somit müsste dann auch der daraus resultierende Tod akzeptiert werden) bekämpft werden, um den drohenden Tod zu verhindern. So wird also schnell von den Krankheitsmetaphern zur Idee der Therapie übergeleitet, wobei das Volk selbst als Kollektivpatient fungiert, als auch gleichzeitig als diejenige Instanz, die dann den Eingriff vornehmen soll. Man kann also sagen, dass quasi eine Selbsttherapie angestrebt wird. Die Gestalt, die hier das Volk repräsentiert, ist der jeweilige Führer, der eben auch dafür verantwortlich ist, die Krankheit zu beseitigen, sozusagen im übertragenen Sinne die Rolle eines Arztes, Therapeuten bzw. Chirurgen einzunehmen.8 So war auch Benito Mussolini als, wie er sich selbst titulierte, „Chirurg des Staates“9 bekannt, sowie Adolf Hitler als „erster Arzt“10.

Mit eben diesen beiden Metaphernfeldern möchte ich mich hier in dieser Arbeit näher beschäftigen. Dazu werde ich zunächst vier verschiedene Metapherntheorien vorstellen und anschließend den Zusammenhang zwischen Metapher und politischer Ideologie herstellen sowie den damit zusammenhängenden Feindbildbegriff erläutern.

In einem weiteren Abschnitt werde ich dann die Ideologiesprache der Faschisten skizzieren, wobei ich hier vor allem die auf Verwendung von Metaphern eingehen möchte, um dann im Anschluss daran einige dieser Metaphern, speziell Krankheits­und Ungeziefermetaphern, anhand kurzer Auszüge aus Joseph Goebbels' Schriften und Reden genauer zu untersuchen.

2. Metapherntheorien

Metapherntheorien behandeln vor allem die Frage, was Metaphern genau aussagen und wie sie es tun.11 Zu dieser Frage existieren mehrere Ansätze, wovon hier lediglich vier übergeordnete präsentiert werden sollen.

Die Unterschiede der verschiedenen Ansätze mögen auf den ersten Blick gering und wenig relevant erscheinen. Spätestens jedoch bei der Analyse spezieller Metaphern im vierten Teil dieser Arbeit wird klar, dass es z.B. einen großen Unterschied macht, ob wichtige Metaphern des Faschismus als verkürzte Vergleiche betrachtet werden oder doch als etwas, was das Denken und das daraus folgende Handeln konstituiert.

2.1 Vergleichstheorie

Die traditionelle Rhetorik beschreibt unter Berufung auf Aristoteles und Quintilian die Metapher als verkürzten Vergleich, da eine bestehende Ähnlichkeit die Voraussetzung für die Metapher ist. Demnach kann die Metapher in drei Bestandteile eingeteilt werden, die da wären: „Der eigentliche Ausdruck, der durch das Bild veranschaulicht werden soll; der veranschaulichende uneigentliche, also bildliche Ausdruck; der Vergleichspunkt beider (tertium comparationis), in dem eigentlicher Ausdruck und Bild übereinstimmen und der ihre Ähnlichkeit erst hervorbringt.“12

Wie sich aus vielen Beispielen Aristoteles' entnehmen lässt, werden meist nur kurze Ausdrücke oder einzelne Wörter als Metaphern betrachtet. Nach Aristoteles ist es die Aufgabe der Metapher, „die Banalität der begrifflichen Sprache zu durchbrechen.“13 Er betonte gleichzeitig, dass der wörtliche Ausdruck, also das „übliche Wort“, der Metapher vorzuziehen sei, da die Metapher eine täuschende und wirklichkeitsverzerrende Wirkung haben könne. Die Metapher sei lediglich in ihrer katechresischen Funktion unersetzbar, sie werde dann als „tote Metapher“ bezeichnet, da sie nicht mehr als Metapher erkennbar sei, weil sie relativ schnell ins Lexikon einer Sprache übernommen und im Alltag verwendet werde.14

Obwohl Aristoteles u.a. sowohl bei Max Black als auch bei Searle als Vertreter der Vergleichstheorie angesehen wird, darf nicht außer Acht gelassen werden, dass auch die Position existiert, dass Aristoteles Vertreter der Substitutionstheorie ist. So kritisiert Eckard Rolf in seinem Buch „Metapherntheorien: Typologie, Darstellung, Bibliographie“, dass Aristoteles oft als Vertreter der Vergleichstheorie apostrophiert wird. Eckard sieht dagegen Cicero als Vertreter dieser Theorie an.15

2.2 Substitutionstheorie

Jene Metapherntheorien, die unter dem Begriff Substitutionstheorie zusammengefasst sind, weisen ein zentrales Begriffspaar auf, nämlich das des „eigentlichen“ und „uneigentlichen Ausdrucks“.

Dabei besagt diese Theorie, dass der eigentliche Begriff, der nicht metaphorisch ist, durch einen uneigentlichen metaphorischen ersetzt, also „substituiert“, wird. Durch das Substituieren kommt es zu einer Abweichung von der sprachlichen Norm, die dadurch wieder korrigiert wird, dass versucht wird den Ausdruck zu verstehen und Assoziationen herzustellen.16

Searles Theorie wird als klassische Ausformung der Substitutionstheroie aufgefasst, er wendet sich gegen die Vergleichstheorie. Seiner Ansicht nach zeichnet sich die Metaphorik dadurch aus, dass „die Äußerung eines Ausdrucks mit seiner wörtlichen Bedeutung und den zugehörigen Wahrheitsbedingungen - auf verschiedene, für Metaphern kennzeichnende Weisen - an eine andere Bedeutung mit den zugehörigen Wahrheitsbedingungen erinnern kann.“17 Der Zuhörer versteht also Searle zufolge eine andere Bedeutung als die wörtlich formulierte. Sobald der Zuhörer erkannt hat, dass es eine Abweichung gibt, folgt daraufhin die Suche nach dem eigentlich Gemeinten und die darauf folgende Zuordnung von Gemeintem und Geäußertem.18 Vertreter des substitutionstheoretischen Paradigmas stellen also die These auf, dass jedes Wort in uneigentlicher Verwendung (also jede Metapher) durch eine eigentliches Wort ersetzbar ist.

Die Kritik an dieser Theorie begründet sich vor allem darin, dass eine Metapher erst durch ihren Gebrauch entsteht (vgl. Wittgenstein), sie ist also nicht von vornherein existent und kann somit auch nicht von einer „eigentlichen“ Bedeutung abgegrenzt werden.19

2.3 Interaktionstheorie

Die Interaktionstheorie wird von I.A. Richards vertreten, der die Metapher als „Doppeleinheit“ versteht. Die beiden Teile dieser Einheit werden als „tenor“ und „vehicel“ bezeichnet, zwischen denen es unterschiedliche Arten der Interaktion geben kann, die primär einen „Austausch und Verkehr von Gedanken darstellen“. Laut Richards geht Denken vergleichend vor und ist demnach metaphorisch, es „leiten sich (also) die Metaphern der Sprache ab“20 · Metaphern besitzen demnach zwei Teile: einen, der eine Vorstellung zum Ausdruck bringt, der dem Sachverhalt zugrunde liegt, und einen, der eine quasi „geliehene“ Vorstellung ausdrückt· Die Metapher entspricht also nicht, im Gegensatz zur Substitutionstheorie, der Bedeutung des eigentlichen Wortes, denn es gibt für die Metapher kein eigentliches Wort.

Pörksen beschreibt das interaktionstheoretische Paradigma so, dass die Metapher lediglich im Kontext untersucht werden kann. Dabei springe man zwischen der Metapher und dem Kontext hin und her, wobei die metaphorische Bedeutung als ein Ergebnis dieser Interaktion (nämlich zwischen Wort und Kontext) verstanden wird. Ohne Kontext eines Wortes kann es also keinen metaphorischen Gehalt geben.21

Obwohl diese Auffassung in Richtung der späteren Kognitionstheorie weist, löst sie sich nicht ganz von der Vorstellung eines Vergleiches.

2.4 Kognitionstheorie

Die vierte Theorie, die hier angesprochen werden soll, ist die sogenannte Kognitionstheorie. Zu den wichtigsten Vertretern dieser Theorie werden auch Lakoff, Johnson und Mac Cormac gezählt, wobei Lakoff und Johnson eine spezielle Art der Kognitionstheorie vertreten, die auch unter dem Begriff „Konzeptualisierungstheorie der Metapher“ bekannt ist.22

Die Kognitionstheorie geht davon aus, dass ein Ausgangsschema, welches dem Sprecher vertraut ist, auf ein ein Zielschema, das ihm weniger vertraut ist, übertragen wird. Sie besagt also, dass „Metaphern das Ergebnis eines Übertragungsvorgangs sind“23. Während dabei die Ausgangspunkte meistens konkrete und einfache Sachverhalte sind, handelt es sich bei den Zielpunkten eher um komplexe und abstrakte Sachverhalte. Der Übertragungsvorgang ist demnach kognitiv motiviert.24

3. Metaphern und Politik

Metaphern spielen in der Politik zweifelsohne eine sehr große Rolle und sind dort gehäuft anzutreffen. Doch wie genau lässt sich der Begriff „politische Metapher“ definieren, was genau ist darunter zu verstehen? In ihrem Buch „Die Macht und ihre Metaphern - über die sprachlichen Bilder der Politik“ beschäftigt sich Rigotti mit dieser Frage und schlägt dabei folgende Definition vor:

„Eine politische Metapher ist nichts anderes als ein Fall konkreter Anwendung auf eine Disziplin, die Politik, die ihrerseits eigene Regeln und Mechanismen aufweist, die den politischen Metaphern bestimmte Nuancierungen und Kennzeichen geben (...)“25

Welche Funktionen politische Metaphern haben können, warum sie also auch in der Politik so beliebt sind, soll in diesem Kapitel erläutert werden.

Weiterhin möchte ich hier im zweiten Unterkapitel auch auf den Begriff „Feindbild“ eingehen, da sich diese Arbeit im Kernteil speziell mit jenen Metaphern beschäftigt, durch die der politische Feind diskreditiert wird und dadurch eine Art Feinbild konstruiert wird. Was nun genau mit dem Begriff Feindbild gemeint ist, soll hier also geklärt werden.

[...]


1 http://shiftingreality.wordpress.com/2008/09/23/ratten-und-schmeisfliegen/

2 Vgl. ebd.

3 Vgl. http://www.focus.de/politik/deutschland/muentefering-heuschrecken-sind-jetzt- hopper_aid_355857.html

4 Vgl. http://www.coforum.de/7809

5 Vgl. Rigotti, F.: Die Macht und ihre Metaphern, 1994, S. 204 ff.

6 Vgl. Pörksen, B.: Die Konstruktion von Feindbildern, 2000, S. 185 ff.

7 Vgl. ebd., S. 181 f.

8 Vgl.Pörksen, B.: Die Konstruktion von Feindbildern, 2000, S. 181 ff.

9 Vgl. allgemein Rigotti, F.: Der Chirurg des Staates. Zur politischen Metaphorik Mussolinis, 1987

10 Lifton, R.: Ärzte im Dritten Reich, 1998 , S.122

11 Vgl. http://ifpp.fk14.tu-

dortmund.de/fileadmin/faecher/ifpp/Philosophie/Huber/Forschung_zum_Ausprobieren/sb.metapher.pdf

12 Ueding G./ Steinbrink, B.: Grundriß der Rhetorik. Geschichte - Technik - Methode, 1986., S. 295

13 Knauß, Stefanie: Drachenfrau und Geistfeuer: Neue Metaphern für Gott in der jüdischen feministischen Theologie und Praxis, 2002, S.16

14 Vgl. ebd, S. 16

15 Vgl. Rolf, E.: Metapherntheorien, 2005, S. 21

16 Vgl. Baldauf, Ch.: Metapher und Kognition. Grundlagen einer neuen Theorieder Alltagsmetapher, 1996, S.14

17 Searle, J. R.: Ausdruck und Bedeutung. Untersuchungen zur Sprechakttheorie, 1982, S. 106

18 Vgl. ebd. S. 127ff.

19 Vgl. Nöth, W. : Handbuch der Semiotik, 2000, S. 344 f.

20 Ueding, G. (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Rhetorik, 2001, S. 1159

21 Vgl. Pörksen, B.: Die Konstruktion von Feindbildern, 2000, S. 173

22 Vgl. Rolf, E.: Metapherntheorien, 2005, S. 10

23 Kegel, J.: „Wollt ihr den totalen Krieg?“ Eine semiotiche und linguistische Gesamtanalyse der Rede Goebbels' im Berliner Sportpalast am 18. Februar 1943, 2006, S. 333

24 Vgl. Leithäuser, T. u.a. (Hrsg.): Sozialpsychologisches Organisationsverstehen, 2009, S. 189

25 Rigotti, F.: Die Macht und ihre Metaphern, 1994, S. 18

Details

Seiten
28
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656285779
ISBN (Buch)
9783656288053
Dateigröße
522 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v202464
Institution / Hochschule
Universität Bayreuth
Note
1,0
Schlagworte
krankheits- ungeziefermetaphern mittel feindbildkonstruktion faschismus beispiel joseph goebbels

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