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"Sport mit allen Sinnen“ - eine Unterrichtsstunde für die 2. Jahrgangsstufe zur schwerpunktmäßigen Förderung der taktilen und akustischen Wahrnehmung

Sport in der Grundschule

Unterrichtsentwurf 2012 14 Seiten

Didaktik - Sport, Sportpädagogik

Leseprobe

1. Bedingungsanalyse:

Bei der für die vorliegende Teilnehmerstunde zur Verfügung stehenden Turnhalle handelt es sich um eine große Dreifachturnhalle. Da zu jedem Hallenteil ein eigener Bestand an Spiel- und Turngeräten gehört, kann die Ausstattung als gut bezeichnet werden. Für den im Folgenden beschriebenen Stationenbetrieb werden viele der in der Halle vorhandenen Materialien und Geräte notwendig sein. Mit Blick auf die Größe der Halle lässt sich das Arbeiten an Stationen problemlos bewältigen, da genug Platz vorhanden ist, damit sich die Teilnehmer an den einzelnen Lernangeboten nicht gegenseitig behindern.

2. Adressatenanalyse (fiktive Lerngruppe):

Die nachfolgend beschriebe Lernsequenz zum Thema Wahrnehmung ist für eine zweite Jahrgangsstufe (Grundschule) konzipiert. Die Zusammensetzung der Lerngruppe besteht aus Jungen und Mädchen im Alter von sieben bis acht Jahren. Die (fiktive) Lerngruppe zeichnet sich durch große Lernbereitschaft und einer positiven Grundeinstellung gegenüber dem Schulsport aus.

3. Ziele der Stunde:

Der Schwerpunkt der vorliegenden Unterrichtsstunde besteht darin, dass die Schülerinnen und Schüler sich – differenziert nach ihrem jeweiligen Leistungsstand – anhand der verschiedenen Stationen ihres eigenen Körpers und dessen Aktionsmöglichkeiten bewusst werden sollen. Im Rahmen des Stationsbetriebs sollen die Schülerinnen und Schüler spielerisch und darüber hinaus kooperativ die Grenzen ihrer sinnlichen Wahrnehmung erfahren und reflektieren. Durch das selbstständige Lernen an den Stationen in Kleingruppen werden sowohl Selbst- als auch Sozialkompetenz gefördert. Im Folgenden sollen die Lernziele der vorliegenden Stunde nach den Bereichen kognitiv, sozial und motorisch weiter differenziert werden:

Die Schülerinnen und Schüler sollen...

a) ... über die Stimulierung der unterschiedlichen Wahrnehmungsebenen in der Weiterentwicklung motorischer Lernprozesse unterstützt werden.[1] (motorische Ebene)
b) ... ihre Sinneswahrnehmung erweitern und deren Bedeutung für den Bewegungsvollzug reflektieren.[2] (motorisch-kognitive Ebene)
c) ... sollen für den Stellenwert der unterschiedlichen Wahrnehmungskanäle im Zuge der Orientierung in der Lebenswelt sensibilisiert werden und darüber hinaus erfahren, wie der menschliche Körper den (temporären) Ausfall eines Sinneskanals zu kompensieren vermag. (kognitive Ebene)
d) ... sollen die Arbeitsanweisungen an den Stationen eigenständig erschließen und umsetzen. (kognitive Ebene)
e) ... ihre individuelle Lernvoraussetzungen innerhalb einer Kleingruppe einbringen und hierbei Vertrauen zu den anderen Gruppenmitgliedern aufbauen. (soziale Ebene)
f) ... sollen Empathie für die in ihrer Sinneswahrnehmung eingeschränkten Gruppenmitglieder entwickeln und ggf. Hilfestellung leisten. (soziale Ebene)

4. Begründung der Themenwahl:

In unserer alltäglichen Lebenswelt werden sowohl Kinder als auch Erwachsene von einer Vielzahl an Wahrnehmungen beeinflusst. Diese werden gleichsam von Kindern und Erwachsenen gedeutet und interpretiert.[3] Daher ist es von außerordentlicher Wichtigkeit, dass Kindern in der Schule und im Sport ausreichende Erfahrungssituationen für das Wahrnehmungssystem geboten werden, um im Alltag adäquat auf auftretende Reize oder Situationen zu reagieren. Leider werden die opportunen Erfahrungsfelder von Kindern, in denen sie Sinneserfahrungen machen können, immer weiter durch Computerspiele, Fernsehen und „sinnlose“ Erfahrungsfelder auf Spielplätzen eingegrenzt. Aus diesem Grund haben wir unsere Lehrprobe an „sinnvollen“ Erfahrungssituationen orientiert.

5. Analyse des Unterrichtsgegenstandes:

Unter Wahrnehmung versteht man den Prozess der Aufnahme und Verarbeitung von Umwelt- und Körperreizen durch Rezeptoren sowie deren Weiterleitung, Koordination und Verarbeitung im Gehirn.[4] Beeinflusst wird dieser Vorgang durch individuelle Erfahrungen, Erlebnisse und subjektive Bewertungen. Der Aufnahme und Verarbeitung von Reizen folgen Reaktionen in der Motorik oder im Verhalten, die wiederum zur neuen Wahrnehmungen führen. Wahrnehmen ist somit als aktiver, kreisförmiger Prozess zu verstehen, der niemals völlig abgeschlossen ist.[5] Zur Wahrnehmungsverarbeitung stehen dem Menschen sieben Sinne zur Verfügung, die in Nah- und Fernsinne unterteilt werden. Während die Nahsinne – auch Basissinne genannt – dem Menschen Auskunft über sich selbst geben können, geben die Fernsinne Auskunft über die Umwelt.[6] Je nach Literaturquelle werden bis zu 13 Sinne unterschieden. In Anlehnung an Renate Zimmer sollen im Folgenden jedoch nur die sog. sieben Grundwahrnehmungsbereiche berücksichtigt werden

Zu den Nahsinnen sind der vestibuläre Sinn (Gleichgewichtssinn), der kinästhetische Sinn (Bewegungssinn), der taktile Sinn (Tastsinn), der gustatorische Sinn (Geschmackssinn), sowie der olfaktische Sinn (Geruchssinn) zu zählen; der visuelle Sinn (Sehsinn) und der akustische Sinn (Hörsinn) werden hingegen als körperferne Sinne bezeichnet.[7] Das für die Verarbeitung von Umwelt- und Körperreizen erforderliche Zusammenwirken der gerade genannten sieben Sinnessysteme wird als sensorische Integration bezeichnet.[8] Im Folgenden sollen die o.g. Grundwahrnehmungsbereiche kurz charakterisiert werden:

1)Die visuelle Wahrnehmung: Durch das visuelle System erhält der Mensch die meisten Sinneseindrücke von seiner Umwelt; das entsprechende Sinnesorgan ist das Auge. Die Aufgabe der visuellen Wahrnehmung besteht in der Erkennung von Farben und Formen, der Unterscheidung von Mustern und der Vermittlung von Raum-Lage-Informationen von Lebewesen und Objekten in unserer Umwelt. Mit Hilfe dieser Informationen kann sich der Mensch im Raum orientieren, seine Haltung kontrollieren, seine Fortbewegung steuern (visumotorische Koordination) und Reizquellen lokalisieren (Figur-Grund-Diskrimination).[9]
2)Die auditive Wahrnehmung: Die auditive Wahrnehmung ist die Fähigkeit, akustische Reize jeglicher Art differenziert wahrzunehmen bzw. auch selbst zu produzieren. Mit Hilfe der auditiven Wahrnehmung gelingt die Orientierung im Raum auch ohne visuelle Kontrolle.
3)Die vestibuläre Wahrnehmung: Das Organ zur Aufrechterhaltung des Gleichgewichts, der Vestibulärapparat befindet sich im Innenohr. Er liefert dem Gehirn Informationen darüber, in welcher Lage sich unser Körper im Raum befindet, welche Auswirkungen die Schwerkraft auf die Körperlage hat und wie schnell wir uns bewegen. Der Gleichgewichtssinn ermöglicht also einerseits die Aufrechterhaltung des Körpers und andererseits die Orientierung im Raum.[10]
4)Die taktile Wahrnehmung: Die taktile Wahrnehmung reagiert auf Informationen, die über die Haut empfangen werden. Sie ist das größte sensorische Organ des Körpers und ein wichtiges Kommunikationsorgan.[11] Der Tastsinn steht u.a in enger Verbindung mit dem visuellen System – die taktile Wahrnehmung wird uns erst richtig bewusst, wenn wir das visuelle System ausschalten.
5)Die kinästhetische Wahrnehmung: Die kinästhetische Wahrnehmung umfasst die Lage- und Bewegungsempfindung, die nicht durch das Sehen vermittelt wird. Sie ist für die Kontrolle der Eigenbewegung wichtig und erfolgt meist unbewusst.[12] Die Reize entstehen hierbei im eigenen Körper (den Muskeln, Sehnen, Bändern und Gelenkkapseln) und geben beispielsweise Aufschluss über die Stellung der Glieder zueinander, die Muskelkoordination oder den Spannungsgrad der Muskulatur. Aus dieser Eigenwahrnehmung entwickelt sich das Körperschema: Kinder können die Grenzen des eigenen Körpers erfassen und eine Vorstellung über den eigenen Körper entwickeln.

[...]


[1] Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.): Rahmenvorgaben für den Sport. Frechen/Düsseldorf, 2003, S.XXVII.

[2] Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.): Richtlinien und Lehrpläne für die Grundschule in Nordrhein-Westfalen. Frechen/Düsseldorf, 2008, S. 115.

[3] Vgl. Biermann, Ingrid: Spiele zur Wahrnehmungsförderung, S. 7.

[4] Vgl. Leyendecker: Motorische Behinderungen, S. 53: Als Rezeptoren werden hier Sinnesorgane bezeichnet, die zur Aufnahme von Reizen aus der Umwelt (Exterozeptoren) oder aus dem Körper selbst (Propriozeptoren) dienen.

[5] Vgl. Zimmer: Handbuch der Sinneswahrnehmung, S. 32.

[6] Vgl. Biermann, Ingrid: Spiele zur Wahrnehmungsförderung, S. 11.

[7] Vgl. Zimmer: Handbuch der Sinneswahrnehmung, S. 58.

[8] Vgl. Ayres: Bausteine der kindlichen Entwicklung, S. 13.

[9] Vgl. Hoffmann: Förderdiagnostik: Motorik und Körperwahrnehmung, S. 6.

[10] Vgl. ebd.

[11] Vgl. Biermann, Ingrid: Spiele zur Wahrnehmungsförderung, S. 12.

[12] Vgl. Hoffmann: Förderdiagnostik: Motorik und Körperwahrnehmung, S.7.

Details

Seiten
14
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656365631
ISBN (Buch)
9783656366379
Dateigröße
661 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v202629
Note
1,0
Schlagworte
Sinne Sport 2. Schuljahr 1. Schuljahr 3. Schuljahr taktil akustisch Wahrnehmung Stationen kooperativ Stationslernen Erfahrungsfelder Blind Stationslauf Achtsamkeit Kooperieren Gruppenarbeit

Autor

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