Lade Inhalt...

Ein Überblick über Lese-Rechtschreib-Störungen und bewährte Therapiemodelle

Ausarbeitung 2010 17 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Psychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Eine Definition der Lese-Rechtschreib-Störung

3. Kern- und Sekundärsymptomatik

4. Psychodiagnostische Untersuchung

5. Bewährte Therapiemodelle
a. Lautgetreue Rechtschreibförderung nach Reuter-Liehr
b. Kieler Lese- und Rechtschreibaufbau mit Lautgebärden (Hackethal und Dummer-Smoch)
c. Rostocker Modell nach Kossow

6. Gegenüberstellung

7. Fazit

8. Literatur

1. Einleitung

Immer mehr Kinder leiden an einer Lese-Rechtschreib-Störung, das bedeutet häufig schlechte Noten in Deutsch und später auch in anderen Fächern, damit einhergehend Schwierigkeiten in der Schule und zu Hause und einen großen Leidensdruck bei allen Beteiligten. Lese-Rechtschreib-Probleme sind oft sehr stabil, beeinflussen wesentlich die persönliche, emotionale und soziale Entwicklung des Kindes und können unbehandelt sogar an Schwere zunehmen. Daher ist es äußerst wichtig, früh mögliche Symptome zu erkennen und eine geeignete Therapieform in Anspruch zu nehmen, um dem Kind eine erfolgreiche schulische und berufliche Zukunft zu ermöglichen.

Ich möchte zunächst einen kurzen Einblick in die Lese-Rechtschreib-Störung, ihre Symptomatik und Diagnostik geben, um anschließend drei bewährte Therapieverfahren vorzustellen und einander gegenüber zu stellen.

2. Eine Definition der Lese-Rechtschreib-Störung

In der Literatur findet man, wenn man sich mit dem Thema Lese-Rechtschreib-Störungen beschäftigt, unterschiedliche Begriffe wie „Legasthenie“, „Lese-Rechtschreib-Störung“ und „Lese-Rechtschreib-Schwäche“ oder „LRS“. Da nicht alle Autoren die Begriffe synonym verwenden, kommt es häufig zu Definitionsproblemen.

Gemäß dem internationalen Klassifikationsschema ICD-10 der Weltgesundheitsorganisation (WHO) werden die Begriffe „Lese-Rechtschreib-Störung“ (F 81.0) und „isolierte Rechtschreibstörung“ (F 81.1) voneinander unterschieden.

Das Hauptmerkmal der Lese- und Rechtschreib-Störung ist „eine umschriebene und bedeutsame Beeinträchtigung in der Entwicklung der Lesefertigkeiten, die nicht allein durch das Entwicklungsalter, Visusprobleme oder unangemessene Beschulung erklärbar ist. Das Leseverständnis, die Fähigkeit, gelesene Worte wieder zu erkennen, vorzulesen und Leistungen, für welche Lesefähigkeit nötig ist, können sämtlich betroffen sein. Bei umschriebenen Lesestörungen sind Rechtschreibstörungen häufig und persistieren oft bis in die Adoleszenz, auch wenn einige Fortschritte im Lesen gemacht werden. Umschriebenen Entwicklungsstörungen des Lesens gehen Entwicklungsstörungen des Sprechens oder der Sprache voraus. Während der Schulzeit sind begleitende Störungen im emotionalen und Verhaltensbereich häufig.“ (ICD-10, WHO-Ausgabe Version 1.3, zit. nach www.dimdi.de)

Bei der Isolierten Rechtschreibstörung handelt es sich um eine „Störung, deren Hauptmerkmal in einer umschriebenen und bedeutsamen Beeinträchtigung der Entwicklung von Rechtschreibfertigkeiten besteht, ohne Vorgeschichte einer Lesestörung. Sie ist nicht allein durch ein zu niedriges Intelligenzalter, durch Visusprobleme oder unangemessene Beschulung erklärbar. Die Fähigkeiten, mündlich zu buchstabieren und Wörter korrekt zu schreiben, sind beide betroffen.“ (ICD-10, WHO-Ausgabe, Version 1.3, zit. nach www.dimdi.de)

Die Lese-Rechtschreib-Störung ist somit eine anerkannte Entwicklungsstörung schulischer Fertigkeiten, die einer qualifizierten Therapie bedarf. (Brandenburger, Klemenz, 2009, S. 3f).

3. Kern- und Sekundärsymptomatik

Häufig wird angenommen, dass es „typische Legasthenikerfehler“ gebe, wie z.B. das Vertauschen von ´d´ und ´b´. Das Klinikum für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der Universität München hat in einer eigenen Untersuchung anhand einer sehr großen Stichprobe den Zusammenhang zwischen der Fehlerzahl und einer bestimmten Fehlerkategorie untersucht und konnte diese Behauptung nicht bestätigen. Es fand heraus, dass schlechte Rechtschreiber einfach mehr Fehler machen als gute Rechtschreiber, wobei es allerdings individuell betrachtet schon sein kann, dass bestimmte Menschen eine bestimmte Fehlerart (z.B. Verstöße gegen die Groß-/Kleinschreibung) besonders häufig begehen. Rechtschreibprobleme sind häufig gekennzeichnet durch eine hohe Fehlerzahl bei ungeübten Diktaten, Schwierigkeiten beim Abschreiben von Texten, Grammatik- und Interpunktionsfehler, Ersetzen von Wörtern durch ein semantisch ähnliches Wort und durch eine unleserliche Schrift.

Leseschwierigkeiten dagegen zeigen sich nicht immer an der Zahl der Lesefehler, sondern an der Zeit, die zum Lesen eines Textes benötigt wird. Sie sind gekennzeichnet durch Auslassen, Ersetzen oder Hinzufügen von Wörtern oder Wortteilen, geringe Lesegeschwindigkeit, Ersetzen von Wörtern oder Wortteilen durch ein semantisch ähnliches Wort, Verlieren der Zeile im Text und durch mangelndes Lesverständnis (d.h. Unfähigkeit, aus dem Gelesenen den Sinn zu entnehmen).

Durch das andauernde schulische Versagen, zu Beginn nur im Deutschunterricht, später zwangsläufig auch in anderen Fächern, kann es in der Folge zu emotionalen Sekundärsymptomen kommen. Dazu gehören beispielsweise Schulangst und -unlust, Bauchschmerzen etc. (besonders vor Diktaten), Einnässen, Schulschwänzen, Unruhe und Hyperaktivität.

Es können jedoch noch andere Störungen vorhanden sein, die nicht als Folge der Lese-Rechtschreib-Störung aufzufassen sind. So konnte gezeigt werden, dass Menschen, die später eine Lese-Rechtschreib-Störung entwickelten, bereits im Vorschulalter eine erhöhte Zahl von Verhaltensauffälligkeiten aufwiesen. Häufig berichtet wurden Störungen der rezeptiven und expressiven Sprachentwicklung. Zudem geht die Lese-Rechtschreib-Störung vermehrt zusammen mit Hyperaktivität und Aufmerksamkeitstörungen einher (Klinikum für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der Universität München).

4. Psychodiagnostische Untersuchung

In der testpsychologischen Untersuchung werden einerseits bestimmte Behinderungen, von denen die Lese-Rechtschreib-Störung nicht abgeleitet werden kann (Seh- und Hörbehinderungen, minimale Hirnschädigungen wie Hyperaktivität, Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom, Impulsivität und primäre emotionale Probleme) ausgeschlossen, andererseits die Kriterien, die nach der Theorie der umschriebenen Lese-Rechtschreib-Störung im Erscheinungsbild, in der Kombination mit anderen psychologischen Variablen und, wenn möglich, auch im Einklang mit den Ursachen vorhanden sein müssen (Fehlhörigkeit, mangelnde phonologische und morphologische Bewusstheit, syntaktische und semantische Defizite, Merkschwächen, Erblichkeit neuromorphologischer Defizite) bestimmt. Darüber hinaus wird die verzögerte oder gestörte Lese- und Rechtschreibentwicklung selbst untersucht. Durchgeführt werden:

(1) Intelligenztests

Zu den Faktoren der Intelligenz gehören räumliches Vorstellungsvermögen, die Fähigkeitsfaktoren Sprachverständnis und Rechenfertigkeit, Wort- und Ausdrucksflüssigkeit und logisches Denken. In den sprachnahen Leistungen sind aufgrund des Störungsbildes von vornherein Defizite zu erwarten, daher erscheinen Tests, die den Faktor „logisches Denken“ in den Mittelpunkt rücken, am besten geeignet. Unter Umständen müssen bei anderen Verfahren die mit Teilleistungsschwächen konfundierten Untertests geringer gewichtet werden. Gängige Testverfahren sind der Hamburg-Wechsler Intelligenztest für Kinder (HAWIK-R), die Kaufmann Assessment Battery for Children (K-ABC) und der Culture Fair Intelligence Test (CFT).

(2) Diagnose zentraler Störungen der auditiven Sprachwahrnehmung

Informationen zur Aufmerksamkeitssteuerung oder zur Selektivität des Hörens kann man durch die systematische Befragung der Eltern und Lehrer erhalten. Die direkte Untersuchung zentraler Hörfunktionen durch Mess- und Testverfahren steht jedoch im Mittelpunkt. Getestet werden die phonologische Bewusstheit (Bielefelder Screening (BISC)), das auditive Gedächtnis (z.B. Mottiertest im Zürcher Lesetest), das Lautheitsempfinden, dichotisches Hören, die Selektivität (z.B. Binaural Intelligibility Level Difference-Test (B.I.L.D.-Test)), die Lautdifferenzierung (z.B. Mottier), die phonologische Automatisierung (Psycholinguistischer Entwicklungstest (PET)) und die morphosyntaktische Automatisierung (Heidelberger Sprachentwicklungstest (HSET)).

(3) Untersuchung der visuellen Informationsverarbeitung

Eine komplette Augenuntersuchung beinhaltet, dass sehr differenziert mit den unterschiedlichsten Tests das ein- und beidäugige Sehen in Ferne und Nähe und die Blicksteuerung geprüft wird. Hierzu gehört beispielsweise die Prüfung der Sehschärfe, der Augenbeweglichkeit und der optischen Verhältnisse bzw. Fehlsichtigkeiten sowie die Untersuchung der Fixation und Reflexhemmung und der Aufmerksamkeitssteuerung.

(4) Untersuchung sensomotorischer Wahrnehmungsfunktionen

Neben den Hör- und Sehfunktionen sollten auch Teilleistungen anderer, für die Sprachwahrnehmung bedeutsamer Sinnesmodalitäten überprüft werden, da Sprachauffassung und Sprachanwendung nur dann störungsfrei und altersadäquat erfolgen, wenn sich alle dafür notwendigen neuropsychischen Teilfunktionen zu leistungsfähigen funktionellen Systemen zusammenschließen können. Dazu kommen Spezialverfahren aber auch Untertests aus der Intelligenzdiagnostik zur Anwendung. Untersucht werden die visuelle Diskrimination (z.B. Entwicklungstest der visuellen Wahrnehmung (FEW)), die visuelle Figur-Grund-Wahrnehmung (FEW), visuell-räumlich-perzeptive und konstruktive Funktionen (z.B. K-ABC) und das visuelle Gedächtnis (z.B. PET).

(5) Lese- und Rechtschreibtests

Die verwendeten Tests sind individuell und klassenstufenweise normiert, sodass jeder Schüler anhand seines Testergebnisses relativ zur Gesamtheit der Schüler aller Klassen der gleichen Stufe eingeordnet werden kann. Die inhaltliche Interpretation des individuellen Ergebnisses erfolgt auf einer Skala mit den Stufen durchschnittlich, über- und unterdurchschnittlich. Gängige Rechtschreibtests sind der Deutsche Rechtschreibtest (DERET), die Hamburger Schreibprobe (HSP) und der Weingartener Grundwortschatz Rechtschreibtest (WRT). Zur Überprüfung der Lesefähigkeit werden der Salzburger Lese- und Rechtschreibtest (SLRT) und der Hamburger Lesetest (HAMLET) herangezogen. (Beckenbach, 2000, S. 194-214).

5. Bewährte Therapiemodelle

Wenn eine Lese-Rechtschreib-Störung eindeutig festgestellt wird, ist eine qualifizierte Behandlung dringend anzuraten, um eine Verfestigung der Problematik mit entsprechenden emotionalen Schäden zu vermeiden.

Drei umfassende Therapiemodelle, die sich unter den jeweils spezifischen Rahmenbedingungen über viele Jahre als erfolgreich bewährt haben, sollen im Folgenden vorgestellt werden.

a. Lautgetreue Rechtschreibförderung nach Reuter-Liehr

Die Lautgetreue Rechtschreibförderung nach Reuther-Liehr ist eine zertifizierte Therapie zur Behandlung der Lese-Rechtschreib-Störung. Sie wurde in einem Forschungsprojekt der Göttinger Universität nach über zehnjähriger Erfahrung in der Arbeit mit legasthenen Kindern im Rahmen eines schulischen Förderunterrichts zusammengestellt, weiterentwickelt und empirisch überprüft. Mehrere unabhängige Studien bestätigen kurzfristige sowie langfristige Erfolge insbesondere in der Einzeltherapie. Zudem konnte ein Zusammenhang mit positiver Schul- und Berufentwicklung ermittelt werden: Schüler wechselten nach Abschluss der Therapie gehäuft zu höheren Schulformen.

Das vorrangige Ziel der Lautgetreuen Rechtschreibförderung ist, das legasthene Kind Schritt für Schritt zu befähigen, gezielt hilfreiche Lese- und Rechtschreibstrategien einzusetzen, um so selbständig mit Problemen in der Schriftsprache umgehen zu können. Die Vermittlung einer langfristigen, sicheren Lese-Rechtschreibkompetenz, die nur durch eine systematische Arbeit am Schriftsprachenerwerbsprozess erreicht werden kann, steht hierbei im Vordergrund. Wie bereits angeklungen, ist das konzeptionelle Vorgehen konsequent schriftsprach- und entwicklungsorientiert, d.h. die sprachsystematische Abfolge des Aufbaus richtet sich nach dem normalen Entwicklungsprozess beim Lesen und Schreibenlernen. So kann die gesamte deutsche Orthographie nochmals aufgearbeitet und schließlich als ein komplexes, weitgehend logisches System verstanden werden.

[...]

Details

Seiten
17
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783668325289
ISBN (Buch)
9783668325296
Dateigröße
465 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v202660
Institution / Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung)
Schlagworte
überblick lese-rechtschreib-störungen therapiemodelle

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Ein Überblick über Lese-Rechtschreib-Störungen und bewährte Therapiemodelle