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Bindungstheorie und Bindungsstörung

Nach John Bowlby und Mary Ainsworth

Hausarbeit 2011 24 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Psychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. John Bowlby und die Ursprünge der Bindungstheorie

3. Grundlagen der Bindungstheorie
3.1. Definition des Begriffes „Bindung“
3.2 Merkmale von Bindungsverhalten
3.3. Innere Arbeitsmodelle
3.4. Feinfühligkeit
3.5. Sichere Basis

4. Die Fremde Situation nach Mary Ainsworth
4.1. Muster von Bindungsverhalten
4.1.1. Kategorie B: Sicher gebundene Kinder
4.1.2. Kategorie A: Unsicher- vermeidend gebundene Kinder
4.1.3. Kategorie C: Unsicher- ambivalent gebundene Kinder
4.1.4. Kategorie D: Kinder mit unsicher- desorganisiertem/ desorientiertem Verhaltensmuster
4.2. Bindungsrepräsentation
4.2.1. Formen der Bindungsrepräsentation
4.3. Weitere Faktoren für die Bindungssicherheit

5. Ungünstige Bindungserfahrungen und spätere Psychopathologie

6. Bindungsstörung
6.1. Typen der Bindungsstörungen im Kindesalter

7. Kritik an der Bindungstheorie
7.1. Ursprung und Hintergrund der Bindungsqualität
7.2. Kontinuitätsannahme
7.3. „ Fremde Situation“ (Laborsituation)
7.4. Bindungshierarchie

8. Fazit

Literaturverzeichnis

Quellenverzeichnis

1. Einleitung

„Bindung kann definiert werden als das gefühlsmäßige Band, welches eine Person oder ein Tier zwischen sich selbst und einem bestimmten anderen knüpft, ein Band, das sie räumlich verbindet und das zeitlich andauert." (Ainsworth u.a. 1974, zit. n. Grossmann/Grossmann 2003, S. 243)

Der Mensch ist ein soziales Wesen und kann ohne zwischenmenschliche Kontakte nicht leben. Solche Bindungen entstehen schon in der Schwangerschaft und werden hier durch die Gefühle der Mutter entscheidend geprägt. Die Einstellung der Mutter gegenüber dem im Mutterleib heranwachsenden Kind ist ausschlaggebend für die späteren Verhaltensweisen. Die Art und Weise der frühkindlichen emotional- affektiven Erlebnisse entscheiden darüber, ob es bei einem Kind zur Ausprägung des Urvertrauens oder Urmisstrauens kommt. Das Neugeborene kann seine Bezugsperson nur über den Geruchs- und Tastsinn (Körperkontakt) wahrnehmen, also durch Riechen, Schmecken und Fühlen. Die emotionale Zuwendung erzeugt beim Kind eine Atmosphäre der Geborgenheit. Diese Atmosphäre beinhaltet das erzeugte Selbstvertrauen, das Vertrauen zu seinen Mitmenschen und zur Umwelt. Dieses ist auch nötig, um Mut dafür aufzubringen, sich auf neue unbekannte Dinge einzulassen. Das Urvertrauen ist also eine positive Einstellung zu sich selbst, basierend auf früheren Erfahrungen - auch im Mutterleib – und sie ermöglicht es den Menschen, sich mit ihrer Umwelt und sich selbst konstruktiv auseinander zu setzen. Nicht nur Umweltfaktoren sondern auch genetische Einflüsse spielen eine große Rolle bei der Persönlichkeitsentwicklung des Einzelnen. Der psychische Zustand eines Menschen ist stark davon abhängig, wie seine zwischenmenschlichen Beziehungen sind. Verlaufen sie harmonisch, so ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass diese Person ausgeglichen und glücklich ist und in der Lage, mit auftretenden Problemen fertig zu werden.

Die emotionale Fundierung entsteht durch ausreichende emotionale Zuwendung. Durch sie wird der soziale Lebensmut geprägt, der für die geistige, soziale und emotionale Entwicklung des Kindes von hoher Bedeutung ist. Wenn man sich nicht auf seine Bezugspersonen verlassen kann, wird der soziale Pessimismus erzeugt, der sich auf die emotionale Entwicklung des Kindes hemmend auswirken kann. Ein Gegenstand der Bindungsforschung ist der Aufbau und die Veränderung enger Beziehungen im Verlauf des Lebens. In meiner Hausarbeit möchte ich auf die starke Bindung zwischen Kind und Bezugsperson eingehen und versuchen es anhand der Bindungstheorie von John Bowlby näher zu erläutern. Anschließend daran werde ich die Bindungsstörungen und die Typen von Bindungsstörungen erörtern und am Ende die Bindungstheorie kritisch zu beleuchten versuchen.

2. John Bowlby und die Ursprünge der Bindungstheorie

Die Bindungsforschung ist ein relativ junges Forschungsfeld innerhalb der Psychologie.
Die Bindungstheorie beschäftigt sich vorrangig mit dem Bindungsverhalten - und der daraus resultierenden Bindungsqualität - dass ein Säugling zu seiner direkten Bezugsperson (Mutter oder Vater) entwickelt. Als grundlegender Zeitraum, in dem sich die Bindungsqualität ausprägt, gilt das erste Lebensjahr des Säuglings. Nach diesem Jahr kann das Bindungsverhalten eines Säuglings bereits als sicher, unsicher oder desorganisiert eingestuft werden (siehe 3.1.).

Obwohl die Bindungsforschung mittlerweile seit einigen Jahrzehnten existiert, hat sie in ihren Anfängen doch ein eher stiefmütterliches Dasein gefristet. Erst in den letzten Jahren hat sie auch in der Psychoanalyse wachsendes Interesse erregt. Dornes führt diese Entwicklung auf ein "Gefühl der Desorientierung in einer unübersichtlich gewordenen Welt" (Dornes 2000, S. 37) zurück, dass Begriffe und Zustände wie Bindung und Sicherheit wieder in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rücken lässt. So scheint die Bindungstheorie einen "zentralen Affekt und eine zentrale Besorgnis des heutigen Menschen zu thematisieren" (ebd., S. 38).

Als Begründer und einer der wichtigsten Vertreter der Bindungstheorie gilt John Bowlby (1907-1990). Er begann als junger Mann ein Medizinstudium, dass er aber bald zugunsten einer Hospitation an einer Schule für verhaltensgestörte Kinder abbrach. Hier machte er erste Erfahrungen in der Beobachtung von Kindern und Jugendlichen, die seinen weiteren Lebensweg maßgeblich beeinflussten. Er beobachtete, dass frühkindliche Deprivation nicht zwangsläufig eine Persönlichkeit unwiderruflich prägen musste, sondern dass trotz der frühkindlichen Erfahrung eine abweichende Persönlichkeitsentwicklung möglich war.

Hierauf ging Bowlby nach London, beendete dort sein Medizinstudium und ließ sich u.a. von Melanie Klein zum Erwachsenenpsychiater ausbilden. In den folgenden Jahren arbeitete er an der Tavistock Clinic als Psychiater und baute dort zusammen mit Esther Bick ein Ausbildungsprogramm für Kinderpsychotherapie auf.

1951 wurde Bowlby beauftragt, im Namen der World Health Organisation (WHO) einen Bericht "über die Situation der vielen heimatlosen und verwaisten Kinder in der Nachkriegszeit zu verfassen" (Brisch 1999, S. 32). Durch die Folgen des Krieges waren die Kinder von ihren Eltern getrennt worden und wiesen teilweise ausgeprägte Persönlichkeitsstörungen auf, für welche zunächst keine zufriedenstellenden Erklärungen gefunden wurden. Bowlby veröffentlichte die Ergebnisse der Untersuchung in populärer Fassung als Buch unter dem Namen "Mütterliche Fürsorge und seelische Gesundheit" und wurde damit schnell zu einem bekannten und fachlich respektierten Mann. Das Buch verkaufte sich allein in englischer Sprache 500 000 Mal und wurde in 10 Sprachen übersetzt. In dieser Monographie beschreibt Bowlby die „nachteiligen Folgen, die entstehen, wenn Kinder ohne ihre Mütter in Institutionen aufwachsen, in denen ihre emotionalen und kognitiven Bedürfnisse nur unzureichend befriedigt werden" (Dornes 2000, S.41). Die Ergebnisse aus diesem Bericht ermutigten ihn, seine Theorie weiter zu verfolgen und zu differenzieren (vgl. Brisch 1999, S. 32 f.).

Bowlby stand gleichermaßen den physikalischen Erklärungsversuchen des Behaviorismus, für den sich jedes beobachtbare Verhältnis in ein Reiz- Reaktionsschema einordnen lässt, kritisch gegenüber, wie auch den empirisch, nicht verifizierbaren Versmutungen der Psychoanalyse (vgl. Schleiffer 2007, S. 17). Hinsichtlich fehlender Antworten entwickelte John Bowlby die Bindungstheorie, „ein Konzept der personenbezogenen tiefen emotionalen Beziehung des Kleinkindes an (zunächst) seine Mutter bzw. Hauptpflegeperson“ (Stahlmann 2007, S. 50). Durch die Verknüpfung von „entwicklungspsychologischem, klinisch- psychoanalytischem und evolutionsbiologischem Wissen“, ist es Bowlby gelungen, die Bedeutung der Bindung eines Kindes an seine Mutter (bzw. an seine primäre Bezugsperson) herauszuarbeiten (Stahlmann 2007, S.50). Bowlby integrierte in seine Theorie die Erkenntnisse von René Spitz, dass eine alleinige Befriedigung von körperlichen Bedürfnissen bei der Versorgung von Kindern im Krankenhaus nicht für deren Überleben und Wohlergehen ausreicht, und die Ergebnisse von dem bekannten Experiment von Harry F. Harlow, dessen Rhesusaffen die Wichtigkeit der emotionalen Bedürfnisbefriedigung zeigten, indem sie in Versuchen die weiche Mutterattrappe der Versorgungsattrappe aus Metall bevorzugten (vgl. Rittelmeyer 2005, S. 49ff.). John Bowlby ist aber nicht der einzige den man mit der Bindungstheorie in Verbindung bringen muss, auch weitere Wissenschaftler haben sich mit der Bedeutung von Bindungsbeziehungen auseinandergesetzt- unter anderem Mary Ainsworth. Anfangs war sie Studentin von John Bowlby in London, bis sie seine langjährige Arbeitskollegin wurde und sich für geeignete empirische Umsetzungen der Ideen seiner Theorie einsetzte (vgl. Wilkening/Freund/Martin 2009, S.68) Sie trug auch durch die Berücksichtigung individueller Unterschiede und den Begriff der sicheren Basis wesentlich zu ihrer Erweiterung bei. Darum werden auch ihre Erkenntnisse in dieser Arbeit mit einbezogen. Unterschiedliche Begrifflichkeiten wie z.B. die „sichere Basis“ oder die „Feinfühligkeit“ sind eng mit der Bindungstheorie verbunden. Diese Begriffe werden in dieser Arbeit noch genauer erläutert, sowie das innere Arbeitsmodell, um die von John Bowlby und Mary Ainsworth entwickelte Bindungstheorie, besser begreifen zu können.

3. Grundlagen der Bindungstheorie

Um eine konkretere Vorstellung in die Bindungstheorie zu bekommen, werden im Folgenden die wesentlichen Kernpunkte dieses Konzepts vorgestellt. Nach einer kurzen Definition des Begriffes „Bindung“ werden die Grundlagen der Bindungstheorie und die damit verbundenen Begrifflichkeiten erörtert.

3.1. Definition des Begriffes „Bindung“

Neben Nahrungsaufnahme und Sexualität, wird der Wunsch Bindungen einzugehen, als primäres, angeborenes Grundbedürfnis eines Menschen angesehen. Der Begründer der Bindungstheorie John Bowlby, schreibt hierzu folgendes:

„Die Ethologie betrachtet die Neigung, starke emotionale Bindungen zu spezifischen Individuen aufzubauen, als eine grundlegende Komponente der menschlichen Natur, welche im Keim bereits beim Neugeborenen vorhanden ist und die bis zum Erwachsenenalter und hohen Alter bestehen bleibt“ (Spangler/ Zimmermann 2002, S. 20f.).

Nach Aussagen John Bowlbys ist Bindung „jede Form von Verhalten, das durch das Suchen oder Aufrechterhalten von Nähe zu einer anderen Person entsteht, die in der Lage zu sein scheint, besser mit der Welt zurecht zu kommen“ (Bowlby 1988, S. 26f. sinngemäß übersetzt). Somit bedeutet Bindung, die Neigung eines Menschen, enge, von tiefen und intensiven Gefühlen getragene Beziehungen zu anderen spezifischen Personen zu suchen und beizubehalten, die ihm subjektiv ein Gefühl von psychischer und/oder physiologischer Sicherheit vermitteln.

In Wechselbeziehungen zum Bindungsverhalten stehen die komplementären Bedürfnisse eines Kindes nach Exploration und autonomen Verhalten. In der Praxis bedeutet dies, dass sichere Bindungen mit Bezugspersonen eine wesentliche Voraussetzung für Kinder sind, um sich von diesen zu lösen und selbstständige Erkundungen unternehmen zu können (vgl. Spangler/Zimmermann 2002, S. 21).

3.2 Merkmale von Bindungsverhalten

Um die Besonderheiten seiner Bindungstheorie hervorzuheben und um sie von der Abhängigkeitstheorie der Psychoanalyse zu distanzieren, ordnet Bowlby dem Bindungsverhalten verschiedene Merkmale zu. Diese Merkmale habe ich bisher noch nicht genannt und erklärt, möchte sie aber hier kurz zusammenfassen.

In der Regel ist Bindungsverhalten auf eine oder einige wenige Personen gerichtet und unter ihnen besteht eine klar definierte Rangfolge (Bindungshierarchie). Bindungen erstrecken sich meist über eine längere Zeit. Frühe Bindungen bestehen oft bis ins Erwachsenenalter. Sie können sich aber auch ändern oder ersetzt werden. Prozessen, die mit Bindung zusammenhängen, wie Trennung oder Wiedervereinigung sind häufig mit intensiven Gefühlen wie Trauer, Wut oder Freude verbunden. In den unterschiedlichsten Umgebungen können Bindungen sich entwickeln und sie sind relativ unabhängig von Belohnung oder Bestrafung. Das Bindungsverhalten verändert sich im Laufe des Lebens einer Person. Zu Beginn des Lebens mit einem einfachen Antwortsystem bis hin zu einem komplexen Verhaltenssystem im zunehmenden Alter, welches konkrete Arbeitsmodelle der eigenen Person und auch der Bindungsperson(en) beinhaltet. Durch bestimmte Umweltbedingungen, wie Hunger, Angst oder Müdigkeit werden Bindungsverhaltenssysteme aktiviert und können durch den Kontakt zur Mutter und/oder durch Interaktion mit ihr wieder beendet werden (vgl. Grossmann/Grossmann 2003, S. 23ff.).

3.3. Innere Arbeitsmodelle

Das Konzept der inneren Arbeitsmodelle ist sehr wichtig, da es „derzeit das plausibelste Erklärungsmodell“ dafür ist, „dass sich frühe Bindungsstrategien im weiteren Entwicklungsverlauf von Kindern in ihrem Erleben und Verhalten fortsetzen“ (Ziegenhain, Die Bedeutung der frühen Bindung, S.106). Bei diesem Konzept der inneren Arbeitsmodelle geht man davon aus, dass die Entwicklung des Bindungsverhaltens eines Kindes primär durch gewohnte Bindungserfahrungen mit seinen Hauptbezugspersonen geprägt wird. Die Entstehung von inneren Arbeitsmodellen wird von John Bowlby folgendermaßen beschrieben:

„Das Individuum schafft sich Vorstellungsmodelle von der Welt und von sich selbst (…), mit deren Hilfe es Ereignisse wahrnimmt, die Zukunft vorhersieht und seine Pläne macht. Ein Schlüsselmerkmal des Versuchsmodells von der Welt, das sich jeder schafft, ist die Vorstellung von dem, wer seine Bindungsfiguren sind, wo er sie finden kann und wie sie wahrscheinlich reagieren“ (1986, S.247).

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Details

Seiten
24
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656293668
Dateigröße
566 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v202824
Institution / Hochschule
Universität Trier
Note
1,3
Schlagworte
bindungstheorie bindungsstörung nach john bowlby mary ainsworth

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Titel: Bindungstheorie und Bindungsstörung