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Das Internatswesen in Deutschland von 1889 bis 1945

Ein Vergleich zu heutigen Internaten unter der Beachtung des Lebens von Herrmann Lietz

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 21 Seiten

Pädagogik - Geschichte der Päd.

Leseprobe

I. Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Begriffsklärung
1.2 Hermann Lietz - ein biographischer Überblick

2 Die Zeit von 1889 bis 1945
2.1 1889 - 1900 - Die Idee der Landerziehungsheime
2.2 1900 bis 1919 - Verbreitung und Stabilisierung des Konzeptes
2.3 1919 - 1933 - Die Landerziehungsheimbewegung in der Weimarer Republik
2.4 1933 - 1945 - Der Lietz‘sche Gedanke und das Schulwesen zur Zeit des Nationalsozialismus
2.4.1 Die Nationalpolitische Erziehungsanstalt (NPEA)
2.4.2 Die Reichsschulen der NSDAP
2.4.3 Die Adolf - Hitler - Schulen

3 Das Internatswesen im 21. Jahrhundert
3.1 Staatliche Internate
3.2 Private Internate
3.3 Konfessionelle Internate

4 Fazit

II. Literaturverzeichnis

III. Internetquellen

IV. Verweise

1 Einleitung

In dieser Hausarbeit möchte ich die historische Entwicklung des deutschen Internats- wesens im Zeitraum von 1900 bis 1945 aufzeigen und im Anschluss ausgewählte Inter- nate (staatlich, privat, konfessionell) unserer Zeit vergleichen. Dies soll unter der be- sonderen Berücksichtigung des Schaffens des Reformpädagogen Hermann Lietz ge- schehen.

1.1 Begriffsklärung

Das Alumnat (Alumneum, lat. „ alumnus “: Zögling, Pflegling, Sohn) bezeichnet eine hö- here Schul- und Erziehungseinrichtung, die auf den mittelalterlichen Klosterschulen ba- siert. Der Begriff Alumnat beschreibt die heute mit Schulheimen verbundenen Gymna- sien, dessen Schüler heute noch als Alumnen bezeichnet werden.1 Das Wort Internat (lat. internus: im Inneren befindlich, vertraulich) hat seine Wurzeln im 19. Jahrhundert und ist in seiner Bedeutung weitestgehend dem Begriff Alumnat gleichzusetzen.2,3

Ein Kolleg ist eine durch den Staat getragene Bildungsinstitution, welche es bereits berufstätigen Erwachsenen ermöglicht in zweieinhalb bis drei Jahren die allgemeine Hochschulreife auf dem zweiten Bildungsweg nachzuholen.4 Als Beispiel ist hier das Hansa-Kolleg in Hamburg zu nennen.5

Ein Konvikt entspricht einem Studienhaus oder einem auf Stiftungen beruhenden Institut für kirchliche Schüler oder Studenten.6 Ein Beispiel dafür ist das Internat „Stiftung Louisenlund“ in der Nähe von Schleswig, welches 1949 von Herzog Friedrich zu Schleswig-Holstein gegründet wurde.7

Der Reformpädagoge Hermann Lietz (1868 - 1919) prägte den Begriff der Landerzie- hungsheime (LEH), das erste gründete er im Jahre 1898. Zerlegt man den Begriff in die einzelnen Substantive, dann kann man die Besonderheiten dieser Einrichtungen schnell ergründen. Land - Die LEH befinden sich absichtlich auf dem Land, meist in be- sonders geprägten Landschaften, da Lietz der Überzeugung war, dass es wichtig ist in welcher Umgebung ein Mensch lernt und aufwächst. Erziehung - LEH sind Internate, die nicht die intelektuelle Bildung als ihre Hauptaufgabe sehen, sondern die Persönlich- keitsbildung. Heim - Die LEH sehen die Unterbringung der Schüler nicht als nötiges Übel an, sondern sind speziell darauf ausgelegt, dafür zu sorgen, dass sich die Schüler in dem gebotenen Umfeld heimisch fühlen, was während dem dort verbrachten Le- bensabschnitt besonders wichtig ist.8

1.2 Hermann Lietz - ein biographischer Überblick

Der Pädagoge Hermann Lietz wurde am 28. April 1868 in Dumgenevitz auf der Insel Rügen geboren und lebte mit seinen Eltern auf dem kleinen Gut der Familie im selben Ort. Dort verbrachte er eine unbeschwerte Kindheit und wurde durch das Landleben nachhaltig positiv geprägt. Er besuchte bis zum Jahre 1888 das Gymnasium in Greif- swald und Stralsund, ab 1888 nahm er das Studium der Theologie, Philosophie, Ger- manistik und Geschichte in Halle und Jena auf. Seine Referendarzeit absolvierte er ab 1893 in Putbus auf Rügen und bekam im Anschluss Stellen als Oberlehrer an einer U- niversitäts-Übungsschule von Wilhelm Rein und als stellvertretender Direktor an einer Privatschule in Kötzschenbroda bei Dresden. Über Wilhelm Rein lernte er den britischen Lehrer Dr. Cecil Reddie kennen und blieb von 1896 bis 1897 in dem von Reddie gegründeten Internat in Abbotsholme9, England. Nach seiner Rückkehr nach Deutsch- land veröffentlichte er eine Programmschrift mit dem Titel „Emlohstobba - Roman oder Wirklichkeit?“. Bei diesem Titel handelt es sich um das Anagramm des Ortsnamens Ab- botsholme, in dem er Kritik an den normalen Schulen und dem Schulsystem in Deutsch- land übt. Hermann Lietz kritisierte deutlich den zu intensiv gesetzten Schwerpunkt der Schulen auf intelektuelle Leistungen und entwarf zeitgleich ein Schulmodel, welches die Schüler lehrt zu leben. Am 28. April 1898 folgte als Maßnahme die Gründung des ersten Landerziehungsheimes in Ilsenburg am Harz. Genau 3 Jahre später (28. April 1901) gründete er die zweite Einrichtung dieser Art in Haubinda und noch im selben Jahr promovierte er in Jena. Da die Landerziehungsheime sich guter Resonanz erfreuten, gründete er am 28.4.1904 das dritte Heim in Bieberstein. Die nächsten Jahre konzentrierte sich Hermann Lietz auf die Stabilisierung seiner Einrichtungen bis er im April 1914 in Veckenstedt am Harz ein Landwaisenheim für Waisenkinder und Arme gründete. Hermann Lietz diente ab 1914 für 2 Jahre als Kriegsfreiwilliger in einem Infanterieregiment, dann erkrankte er an Anämie (Blutarmut) und starb am 12. Juni 1919 in Haubinda. Sein Nachfolger Alfred Andreesen übernahm die Oberleitung der Landerziehungsheime, sein Werk „Das Landerziehungsheim“ (Leipzig, 1926) nutzte ich intensiv für diese Arbeit, da er von Lietz angeleitet und inspiriert wurde.10

2 Die Zeit von 1889 bis 1945

2.1 1889 - 1900 - Die Idee der Landerziehungsheime

Die Idee so genannte „Landerziehungsheime“ zu gründen hatte Hermann Lietz nicht allein, sie hatte ihre Wurzeln in England. Wie in der Kurzbiographie unter 1.2 bereits angedeutet, gründete der englische Sekundarschullehrer Dr. Cecil Reddie im Jahr 1889 ein Jungeninternat in Abbotsholme, Staffordshire, England. Hermann Lietz verweilte ab 1896 für ein Jahr in Abbotsholme und erhielt dort die Eindrücke, die seine zukünftige Arbeit in Deutschland entscheidend prägten.11

Nach dem Vorbild von Abbotsholme gründete Hermann Lietz schließlich am 28. April 1898 sein erstes deutsches Landerziehungsheim in Ilsenburg am Harz. Er versuchte die angestrebten Ideale des englischen Internats ebenso auf seine Schule zu übertra- gen und legte dabei „[...] besonderes Gewicht auf die Selbstständigkeit und Männlich- keit, die Initiative und die Aktivität, die Tapferkeit und Abhärtung der Jugend [...]“12. Ob- wohl Lietz das englische Internat als Vorbild hatte konnte er es nicht eins zu eins in Deutschland umsetzen, weil dies durch die soziologischen, politischen und pädagogi- schen Faktoren gar nicht möglich war. Da er durch seine Kindheit sehr stark vom Länd- lichen geprägt war, floss diese Prägung in die Standortwahl für seine Internate mit ein, denn er versuchte stets besondere landschaftliche Gegebenheiten als direkte Umwelt zu seinen Internaten zu haben. Die Vorteile der Internate auf dem Land beschreibt Alfred Andreesen in Bezug auf Lietz folgendermaßen: „[...] Sie [die Internate] meiden die Großstadt mit ihren wesentlich erziehungsfeindlichen Kräften, der verwirrenden und widerspruchsvollen Fülle ihrer Eindrücke und der Aufdringlichkeit, die den Blick nur auf das Naheliegende des Augenblicks lenkt und die Weite des Horizonts verbaut. [...]“13 Diese Ansicht wird unter anderem durch die Idee des Klassenkampfes von Karl Marx geprägt, da die Großstadt das Symbol für die unerwünschte Unterteilung von geistig und körperlich arbeitenden Menschen ist. Deshalb lag ein weiterer wichtiger Fokus der Landerziehungsheime weniger auf der intellektuellen Gelehrsamkeit seiner Zöglinge, sondern auf der spezifischen Charaktererziehung der Schüler. In seiner Lehre waren kulturkritische Ansätze sehr willkommen: Kritik gegenüber der Großstadtkultur, den Klassengegensätzen, dem Genussleben und dem Standpunkt, dass die Familie die ausschließiche Stätte der Erziehung sei.

Hermann Lietz versuchte Ausgleiche zu diesen Faktoren zu schaffen, sei es Land- schafts- und Naturbewusstsein als Kontrast zur fortschreitenden Großstadtkultur, Ein- führung von Handarbeitsstunden für die Schüler als Ausgleich zur rein schulischen Denkarbeit und um Respekt gegenüber handwerklichen Berufsgruppen zu schaffen. Die Familie war nach Hermann Lietz‘ Auffassung nicht die einzige Stätte in der Erzie- hung stattfindet, sondern vielmehr die Schule. Das Familiensystem wurde in die Land- erziehungsheime integriert, indem Schüler in Gruppen eingeteilt wurden und diese ei- nen „Familienvater“ zugewiesen bekamen. Die Lebensweise im Heim wurde klar defi- niert: Lietz schreibt, dass sie „[...] ihre Insassen [...] zu selbstständigen, einfachen, sozi- al empfindenden und handelnden, gesunden, abgehärteten, leistungsfähigen Men- schen, die die Dinge und Menschen sehen können wie sie sind; die Mut und Kraft ha- ben, sich eine eigene Menung zu bilden und diese zu vertreten [...]“14 erziehen wollen. Wie schon bei Andreesen zu lesen15, übte die Idee der „Pädagogischen Insel“ auf prak- tizierende Pädagogen, als auch auf Erziehungstheoretiker einen enormen Reiz aus. Schon Lietz war von dieser Idee sehr angetan - ihm anvertraute Schüler sollten nicht weltfremd erzogen werden, obwohl diese abseits der normalen Außenwelt aufwuchsen, sondern die Möglichkeit bekommen geschützt vor den schädlichen Einflüssen des Staa- tes oder der Familie aufzuwachsen, um schließlich als kritisch gebildeter Mensch in dieser Welt bestehen zu können.16 Wie bereits erwähnt setzte Hermann Lietz diese Idee auch erfolgreich im Jahre 1898 um. Der Erfolg dieser Einrichtung sprach für sich und so wurde das Projekt „Landerziehungsheim“ ausgeweitet.

2.2 1900 bis 1919 - Verbreitung und Stabilisierung des Konzeptes

Die Ausweitung umfasste drei weitere Neugründungen (1901, 1904 und 1914): Die In- ternate Haubinda, Bieberstein, sowie das Landwaisenheim Veckenstedt wurden ins Le- ben gerufen. Danach konzentrierte sich Hermann Lietz ausschließlich auf die Stabilisie- rung seiner Einrichtungen und auf das Ausfeilen seiner pädagogischen Handlungen in- nerhalb der Internate. Während dieser Zeit kam es in Deutschland zu diversen Neu- gründungen von ähnlichen Bildungseinrichtungen, einige sind auch aus Abspaltungen zu Hermann Lietz hervorgegangen, hier sei dessen Schüler Gustav Wyneken erwähnt.17 Dieser gründete mit Paul Geheeb 1906 die „Freie Schulgemeinde Wickersdorf“.18 Nach einer gemeinsamen Zeit überwarf sich Wyneken mit Geheeb, so dass Paul Geheeb Wickersdorf verließ und gemeinsam mit seiner Ehefrau Edith Ge- heeb-Cassirer im Jahre 1910 die heute noch existierende „Odenwaldschule“ gründete.19,20 Obwohl Wyneken und Geheeb sich von Lietz abspalteten, blieben sie größtenteils seiner Grundidee treu. Vor allem Paul Geheeb setzte in der Odenwaldschu- le die identischen Ideale von Lietz um, er wollte den Mensch in geschützter Umgebung „[...] zu wahrem Menschentum entwickeln [...]21, damit dieser schließlich als Kämpfer in die Welt hinaus geht und bereit ist gegen den Strom zu schwimmen.

Basierend auf der Lietzschen Idee gab es in Deutschland zahlreiche weitere Neugrün- dungen von Schulen, die sich bis heute geschichtlich noch als Träger und Nachkomme dieser Gedanken sehen.

[...]


1 vgl. Emmerich, Hans-Heinrich: Alumnat - Definition, Onlinefassung

2 Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Internat

3 Bibliographisches Institut - Duden online: http://www.duden.de/rechtschreibung/Internat, 2012

4 vgl. Wirtschaftslexikon Gabler online: http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Definition/institut-zur-erlangung-der-hochschulreife.html?referenceKey wordName=Kolleg

5 zur Einsicht unter hwww.hansakolleg.de

6 Wikipedia:http://de.wikipedia.org/wiki/Konvikt

7 zur Einsicht unter www.louisenlund.de

8 Ferenschild, Hartmut: „Die Deutschen Landerziehungsheime“ online, vgl. http://www.internate-portal.de/landerziehungsheime__0021.html

9 zur weiteren Information: http://www.abbotsholme.co.uk/

10 Badry, Elisabeth: „Lietz, Hermann“, in: Neue Deutsche Biographie 14, 1985, S. 542-544 [Onlinefas- sung] vgl. http://www.deutsche-biographie.de/pnd118728229.html

11 vgl. Andreesen, Alfred: „Das Landerziehungsheim“, Leipzig, 1926, S. 1 f.

12 in: Andreesen, Alfred: Das Landerziehungsheim, Leipzig, 1926, S. 2 / 3

13 in: Andreesen, Alfred: „Das Landerziehungsheim“, Leipzig, 1926, S. 10, Abs. 2

14 vgl. Lietz, Hermann: „Die ersten drei Deutschen Land-Erziehungs-Heime“,Veckenstedt, 1918, S. 22

15 in: Andreesen, Alfred: „Das Landerziehungsheim“, Leipzig, 1926, S. 10, Abs. 2

16 vgl. Grunder, Hans-Ulrich: „Das schweizerische Landerziehungsheim zu Beginn des 20. Jahrhunderts“, Frankfurt am Main, 1987, S. 9

17 vgl. Andreesen, Alfred: „Das Landerziehungsheim“, Leipzig, 1926, S. 4

18 vgl. Jahr, Caroline: Hausarbeit „Gustav Wyneken - Biografie“, 2002, Onlinefassung

19 vgl. Näf, Martin: „Biographie von Paul und Edith Geheeb-Cassirer“, 1997, Onlinefassung

20 zur Einsicht: Onlineauftritt der Odenwaldschule: www.odenwaldschule.de/

21 vgl. Geheeb, Paul: Vortrag in Halle an der Saale „Die Odenwaldschule im Lichte der Erziehungsaufgaben der Gegenwart“, 2.6.1930, Onlinefassung

Details

Seiten
21
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656288572
ISBN (Buch)
9783656290254
Dateigröße
574 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v202843
Institution / Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg
Note
1,7
Schlagworte
Hermann Lietz Internatswesen Internat Landerziehungsheim NPEA Adolf-Hitler-Schule Alumnat Kolleg Konvikt

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