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Analyse der Wechselwirkungen von Leistungsbilanzsalden, Währungspolitik und Staatsverschuldung

Masterarbeit 2012 52 Seiten

VWL - Finanzwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Einordnung von Leistungsbilanzsalden
2.1 Leistungsbilanzsalden im Zahlungsbilanzkontext
2.2 Leistungsbilanzsalden im Kreislaufzusammenhang
2.3 Theorie des Verschuldungszyklus
2.4 Bewertung von Leistungsbilanzdefiziten
2.5 Bewertung von Leistungsbilanzüberschüssen

3. Einfluss der Währungspolitik
3.1 Feste Wechselkurse
3.2 Flexible Wechselkurse
3.3 Zusammenhang von Wechselkurs und Leistungsbilanz
3.3.1 Abwertungseffekte
3.3.2 Aufwertungseffekte
3.4 Beispiele für die Folgen falscher Wechselkurse
3.4.1 Deutschland im Euro
3.4.2 Sterilisierungspolitik Chinas

4. Einfluss der Staatsverschuldung
4.1 Zwillingsdefizit-Hypothese
4.2 Wirkung auf Kapitalbilanz und Wechselkurs
4.3 Bedeutung von Verschuldungsherkunft und -verwendung

5. Schlussbetrachtung

Anhang

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Alles tiefere Verständnis der Erscheinungen der internationalen Handelsbilanzen muß von der Tatsache ausgehen, daß Güterströme, die ein Land dem anderen sendet, im internationalen Verkehr endgültig und auf die Dauer wieder nur durch Güterströme ausgeglichen werden können und müssen – nicht durch Geld. [1]

Eugen von Böhm-Bawerk (1914)

1. Einleitung

Die weltwirtschaftliche Situation der Gegenwart ist gekennzeichnet durch teils erhebliche Salden in den nationalen Leistungsbilanzen.[2] Umstritten ist die Frage, ob und auf welche Weise diese globalen Ungleichgewichte[3] beseitigt oder verringert werden müssen.[4] Im öffentlichen und politischen Diskurs dominiert das Problem der staatlichen Verschuldung, obwohl für den Zustand einer Volkswirtschaft auch der Privatsektor von außerordentlicher Bedeutung ist. Die Leistungsbilanz ist insofern ein aussagekräftigerer Parameter, als sie den Finanzierungssaldo der gesamten Volkswirtschaft widerspiegelt.

Bei der Ursachensuche gelangt man zu der Erkenntnis, dass ein wesentlicher Teil der globalen Ungleichgewichte auf Staaten mit Währungen zurückzuführen ist, deren Wechselkurse entweder manipuliert oder teilweise fixiert sind: Dies betrifft zum einen China insbesondere im Verhältnis zu den USA und zum anderen die Länder der Eurozone, die sich mit einem festen Binnenwechselkurs konfrontiert sehen.[5] Da die Auf- und Abwertungen ein wichtiges wirtschaftspolitisches und marktwirtschaftliches Anpassungsinstrument für die preisliche Wettbewerbsfähigkeit darstellen, erfordert die Analyse von Leistungsbilanzsalden ein hinreichendes Wissen über Wechselkurseffekte.

Die Grundlage dieser Masterarbeit bildet eine Darstellung der saldenmechanischen Zusammenhänge von Leistungsbilanzsalden im außenwirtschaftlichen (zahlungsbilanz-technischen) und binnenwirtschaftlichen Kontext. Im Anschluss daran werden sowohl Exportüberschüsse als auch -defizite einer Bewertung unter Nachhaltigkeits- und Wohlfahrtsaspekten unterzogen. Es folgt im dritten Teil zunächst eine Erläuterung des Zahlungsbilanzausgleichs im Regime fester sowie flexibler Wechselkurse, bevor die Zusammenhänge zwischen dem Wechselkurs und der Leistungsbilanz eingehend analysiert werden. Der vierte Teil befasst sich mit dem unter dem Begriff der „Zwillingsdefizite“ vermuteten Einfluss der Staatsverschuldung auf den Leistungsbilanzsaldo, wobei auch die umgekehrte Wirkungsrichtung beleuchtet wird. Es offenbart sich, dass auch hier der Wechselkurs einbezogen werden muss und dabei die Erwartungshaltung der Kapitalanleger eine wichtige Rolle spielt. In der Schlussbetrachtung werden schließlich die gewonnenen Erkenntnisse zusammengefasst.

Obwohl diese Arbeit vorwiegend theoretischer Natur ist, werden an geeigneten Stellen immer wieder aktuelle Bezüge hergestellt. Damit soll nicht nur die Relevanz des Themas unterstrichen, sondern auch eine bessere Anschaulichkeit erreicht werden. Vor allem in Deutschland herrscht eine oft unreflektierte Exportgläubigkeit, die in dieser wissenschaftlichen Reflexion eine kritische Würdigung erfährt.

2. Theoretische Einordnung von Leistungsbilanzsalden

In diesem Kapitel werden Leistungsbilanzsalden im Zahlungsbilanz- und Kreislaufzusammenhang verständlich gemacht und anschließend ihre Ursachen und Wirkungen einer Überprüfung unterzogen.

2.1 Leistungsbilanzsalden im Zahlungsbilanzkontext

Die Leistungsbilanz umfasst vier Teilbilanzen: (a) Die Handelsbilanz (HB) erfasst die Importe und Exporte von Waren. (b) Die Dienstleistungsbilanz (DB) enthält die Importe und Exporte von Dienstleistungen wie Tourismus oder Transport. (c) Die Bilanz der Erwerbs- und Vermögenseinkommen umfasst neben den Arbeitseinkommen aus dem bzw. in das Ausland vor allem die grenzüberschreitenden Kapitalerträge aus Dividenden oder Zinsen für Kredite und Wertpapiere. (d) Die Bilanz der laufenden Übertragungen enthält wiederkehrende Transaktionen wie Zahlungen an die EU und UN oder Heimatüberweisungen von Gastarbeitern.[6] Der Saldo aus dem Waren- und Dienstleistungsverkehr entspricht dabei weitgehend dem Außenbeitrag in der Verwendungsrechnung des BIP (X – M).[7] Dieser Außenbeitrag kann als Primärleistungsbilanz (PLB) bezeichnet werden[8]:

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Vernachlässigt man die Bilanz der laufenden Übertragungen und erfasst die Bilanz der Erwerbs- und Vermögenseinkommen vereinfacht durch das mit einem einheitlichen Zinssatz r versehene Nettoauslandsvermögen (B­-1)[9], folgt für den Leistungsbilanzsaldo (LB):

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Demnach kann ein Leistungsbilanzdefizit auch bei einem positiven Außenbeitrag auftreten, sofern ein betragsmäßig höheres Defizit bei den Faktoreinkommen durch hohe Zinszahlungen an das Ausland besteht.[10]

Bestandteil der Zahlungsbilanz ist darüber hinaus die Kapitalbilanz. Sie ist faktisch der finanzielle Gegenposten zur Leistungsbilanz und erfasst alle Änderungen in den Beständen der geldlichen Forderungen und Verbindlichkeiten gegenüber dem Ausland. Ein Kapitalimport liegt dann vor, wenn es zu einer Zunahme der Verbindlichkeiten oder zu einer Abnahme der Forderungen gegenüber dem Ausland kommt. Dementsprechend geht ein Kapitalexport mit einer Zunahme der Forderungen oder einer Abnahme der Verbindlichkeiten gegenüber dem Ausland einher. Kapitalimporte kommen beispielsweise durch den Import ausländischer Waren auf Ziel oder den Erwerb von Staatsanleihen durch Ausländer zustande. Kapitalexporte entstehen etwa durch Warenexport mit Kreditvergabe an das Ausland oder durch den Erwerb ausländischer Anlagen durch Inländer.[11]

Die Kapitalbilanz im engeren Sinn (KB) umfasst Direktinvestitionen, Wertpapieranlagen, Finanzderivate sowie den übrigen Kapitalverkehr. Darüber hinaus gibt es die Devisenbilanz (DB), welche die Transaktionen der Zentralbank mit den Währungsreserven (Devisen, Sorten, Sonderziehungsrechte und Gold) ausweist.[12] Da auch Währungsreserven Forderungen gegenüber dem Ausland darstellen, könnte man sie der Kapitalbilanz (KB) zurechnen. Der Grund für die gesonderte Ausweisung der Devisenbilanz liegt darin, dass sich öffentliche Zentralbanken von anderen Beweggründen leiten lassen als die privaten Akteure, deren Transaktionen in der Kapitalbilanz erfasst werden.[13]

Nimmt man noch die Bilanz der Vermögensübertragungen hinzu, die einmalige Zahlungen wie den Schuldenerlass für Entwicklungsländer aufnimmt, sowie den Saldo der statistisch nicht aufgliederbaren Transaktionen (Restposten), so erhält man die Zahlungsbilanz (ZB):

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Die Zahlungsbilanz erfasst alle ökonomischen Transaktionen zwischen In- und Ausländern in einer bestimmten Periode und ist somit eine Stromgröße. Da gemäß der doppelten Buchführung immer Leistung und Gegenleistung verbucht werden, muss die Zahlungsbilanz formal stets ausgeglichen sein.[14] Wenn trotzdem von einer unausgeglichenen Zahlungsbilanz gesprochen wird, ist ein Überschuss oder Defizit lediglich in einer Teilbilanz gemeint.[15]

Vernachlässigt man die mit dem Restposten berücksichtigten statistischen Erfassungsmängel sowie die quantitativ unbedeutenden Vermögensübertragungen, nähert man sich einer vereinfachten Zahlungsbilanzsystematik an. Eine positive Leistungsbilanz bedeutet die Zunahme privater und/oder zentralbanklicher Forderungen. Aus

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wird ersichtlich, dass sowohl die Zunahme der privaten (Netto-)Forderungen als auch die Zunahme der Währungsreserven in den Bilanzen mit einem Minus verbucht werden.[17] Einem Leistungsbilanzüberschuss steht also immer eine identische Summe aus privatem Nettokapitalexport (NKX) und Nettozunahme der Auslandsaktiva der Zentralbank (NAZ) gegenüber[18]:

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Während es noch in Zeiten von Bretton Woods die Zentralbank war, die durch Devisenmarktinterventionen für den jederzeitigen Ausgleich der Zahlungsbilanz sorgte, ist im gegenwärtigen Währungsregime der Wechselkurs jenes Instrument, das bei stark gesunkener Bedeutung der Zentralbankreserven die notwendige Übereinstimmung von Leistungs- und Kapitalbilanz sicherstellt.[19]

Der Leistungs- und mit ihm der Kapitalbilanzsaldo[20] bestimmt die Änderung des Nettoauslandsvermögens (B), auch Nettoauslandsposition, zwischen zwei Perioden:

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Damit wird deutlich, dass ein Leistungsbilanzüberschuss mit einem Aufbau von Auslandsaktiva oder einer Verringerung von Auslandsverbindlichkeiten einhergeht.[21]

Das Nettoauslandsvermögen ist eine Bestandsgröße und setzt sich aus den Leistungsbilanzsalden der Vergangenheit (Stromgrößen) zusammen[22]:

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Die Verzinsung des Nettoauslandsvermögens wird dabei in der Leistungsbilanz verbucht, wie bereits Gleichung (2) gezeigt hat. Bei der Beurteilung der internationalen Liquiditätslage eines Landes spielt die Nettoauslandsposition eine wichtige Rolle. Vor allem eine entsprechend hohe Verschuldung in fremder Währung oder bei festen Wechselkursen muss als kritisch angesehen werden.[23]

2.2 Leistungsbilanzsalden im Kreislaufzusammenhang

Bisher wurden die außen wirtschaftlichen Bezüge der Leistungsbilanz im Rahmen einer Zahlungsbilanzanalyse dargestellt. Der Leistungsbilanzsaldo liefert aber auch wichtige Informationen über die binnen wirtschaftliche Situation eines Landes.[24] Hierzu ist ein Blick auf die Verwendungsseite des Bruttoinlandsprodukts (Q) notwendig, welches auf den privaten Konsum (C), die privaten Investitionen (I), den öffentlichen Konsum einschließlich der öffentlichen Investitionen (G) sowie für Exporte (X) verwendet werden kann. Die Importe (M) müssen abgezogen werden, da sie in den anderen Komponenten bereits enthalten sind.[25]

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Für das Bruttonationaleinkommen (Y) muss dem Bruttoinlandsprodukt (Q) noch das Faktoreinkommen aus der übrigen Welt hinzugefügt werden:

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wobei (9b) aus (9a) unter Berücksichtigung von (8) und (2) hervorgeht.

Möchte man das verfügbare Einkommen des privaten Sektors YP darstellen, muss man die staatlichen Transfers und Subventionen (TR) hinzurechnen sowie die Steuern und Sozialabgaben (T) subtrahieren:

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Dieses verfügbare Einkommen kann entweder konsumiert (C) oder gespart (S) werden:

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Durch Gleichsetzen von (10) und (11), Berücksichtigung von (9b) und Auflösen nach LB erhält man schließlich:

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Demnach ergibt sich der Leistungsbilanzsaldo aus der Differenz von privater Ersparnis und Investition im Inland sowie dem staatlichen Finanzierungssaldo.[26] Durch Kreditaufnahme im Ausland kann beispielsweise das Budgetdefizit höher sein als das noch verfügbare interne Sparaufkommen. Aber auch die inländischen Investitionen können durch Kapitalimporte die Ersparnisse übersteigen. Salden können also gleichermaßen auf international divergierende Zeitpräferenzraten im Konsum als auch auf unterschiedliche Investitionsmöglichkeiten hindeuten.[27]

Es gibt eine weitere Möglichkeit, den Leistungsbilanzsaldo aus binnenwirtschaftlichen Komponenten heraus zu erklären. Hierzu wird die Summe aus Konsum und Investition im privaten und staatlichen Sektor, d.h. die Gesamtausgaben der Inländer, als inländische Absorption (A) bezeichnet:

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Unter Berücksichtigung von (9b) folgt damit für die Leistungsbilanz:

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Daraus kann man ableiten, dass Länder mit einem Leistungsbilanzdefizit mehr ausgeben (absorbieren), als sie an Einkommen erwirtschaften, während Überschussnationen Konsum- und Investitionsmöglichkeiten ungenutzt lassen. Diese Erkenntnis ist das Fundament für die wertende Aussage, wonach defizitäre Länder „über ihre Verhältnisse leben“ und vice versa.[28] Damit ruft der Absorptionsansatz eine deutlich negative Konnotation im Vergleich zur Kennzeichnung einer defizitären Leistungsbilanz als Investitionsüberhang hervor. Trotzdem sind beide Deutungen äquivalent und durch obige saldenmechanische Zusammenhänge miteinander verbunden.[29]

Ein anschauliches Beispiel für die vielfältigen Interpretationsmöglichkeiten von Leistungsbilanzsalden bietet der von der OPEC ausgelöste Ölpreisschock im Jahr 1973. Die Folge waren große Überschüsse der Ölexportländer einerseits und spiegelbildliche Defizite der Industrieländer andererseits. Diese Defizite können mit der geringen Preiselastizität der Importnachfrage erklärt werden. Da Rohöl kurzfristig nicht substituiert werden konnte und sich der Importwert durch den steigenden Weltmarktpreis erhöhte, geriet die Leistungsbilanz ceteris paribus ins Defizit. Sofern man jedoch die Kapitalbilanz als Triebfeder der Leistungsbilanz betrachtet, rücken die Kapitalimporte als Ursache in den Vordergrund. Demnach legten die OPEC-Länder ihre Überschüsse in Form von Wertpapieren oder Beteiligungen in den Industrieländern an und induzierten dort damit ein Leistungsbilanzdefizit. Eine weitere Erklärung greift die saldenmechanische Differenz von Ersparnis und Investition auf. Auf der Suche nach Substitutionsmöglichkeiten für Rohöl leiteten die Industrieländer enorme Investitionen in die Wege, die das interne Sparaufkommen überstiegen und auch damit ein Defizit in der Leistungsbilanz bewirkten.[30] Obwohl für eine Beurteilung von Leistungsbilanzsalden fallweise Untersuchungen unerlässlich sind, existiert eine Theorie, welche die Salden als Ausdruck ökonomischer Effizienz interpretiert. Sie wird im folgenden Abschnitt dargestellt und diskutiert.

2.3 Theorie des Verschuldungszyklus

Die Theorie des Verschuldungs- bzw. Leistungsbilanzzyklus[31] zeichnet – aufbauend auf den Wachstumsprozess einiger Industrienationen in der Vergangenheit – die Entwicklung eines jungen Schuldnerlandes zu einem reifen Gläubigerland idealtypisch nach.[32] Demnach beschaffen sich aufholende Länder aus dem Ausland Kapital, um über ihre internen Ersparnisse hinaus Investitionen tätigen zu können. Die zum Aufbau einer industriellen Basis benötigten Güter wie Maschinen werden importiert und passivieren damit die Handelsbilanz. Die infolge der Auslandskredite entstehenden Nettozinszahlungen erhöhen das Leistungsbilanzdefizit zusätzlich. Sofern der Wachstums- und Industrialisierungsprozess erfolgreich verläuft, entwickelt sich das Land zu einem reifen Schuldnerland. Der geschaffene Exportgütersektor und eine nachlassende Investitionstätigkeit sorgen für einen Handelsbilanzüberschuss, der zunächst noch nicht die Nettozinszahlungen zu kompensieren vermag. Im Zeitverlauf kann aber die Auslandsschuld verringert werden. Bei positiver Leistungsbilanz erfolgt der Übergang zum jungen Gläubigerland. Die wachsenden Nettozinszahlungen aus dem Ausland ermöglichen einen Konsumzuwachs, durch den die Handelsbilanz in ein Defizit gerät, bis die Leistungsbilanz ausgeglichen ist. Dann ist die Phase des reifen Gläubigerlandes erreicht.[33]

Das beschriebene Szenario ist effizient, weil das Kapital in Länder mit geringer Kapitalintensität fließt. Dort werden die Wachstumschancen genutzt, während die Industrieländer von höheren Investitionserträgen und wachsenden Absatzmärkten profitieren. Das Welt-Bruttoinlandsprodukt wird durch eine optimale internationale Kapitalallokation maximiert.[34] In der Realität gibt es jedoch nur wenige Fallbeispiele, die der Theorie des Verschuldungs- bzw. Leistungsbilanzzyklus entsprechen. Häufig werden die USA in ihrer mustergültigen Entwicklung im 19. und 20. Jahrhundert zur Weltwirtschaftsmacht herangezogen.[35] Der Wechsel von der Schuldner- zur Gläubigernation im Jahr 1917 muss jedoch vor dem Hintergrund des Ersten Weltkriegs gesehen werden, der die USA zu einem immensen Güter- und Ressourcentransfer nach Europa zur Kriegsunterstützung zwang.[36] Auch die aktuelle Defizitposition der USA oder die chronischen Überschüsse Chinas widersprechen der Theorie. Sie weist unterschiedliche Mängel auf:

Zunächst gibt es keinen Grund, warum sich eine Nettoschuldnerposition langfristig in eine Nettogläubigerposition verwandeln muss, solange die Zinszahlungen an das Ausland über einen Handelsbilanzüberschuss finanziert werden können.[37] Außerdem ist es ein Trugschluss, wenn von einer geringen Kapitalintensität unmittelbar auf eine hohe Kapital produktivität geschlossen wird.[38] Ein niedriges Bildungs- und Qualifikationsniveau der Bevölkerung oder das Fehlen eines wirksamen Schutzes des Eigentumsrechts stellen gewichtige Investitionshemmnisse dar und verhindern damit Kapitalzuflüsse in arme Länder. Abgesehen davon erscheint es ohnehin fraglich, ob die Entwicklungsländer tatsächlich unter einem Kapitalmangel leiden, der sie zur Außenfinanzierung von Investitionen zwänge. Vielmehr weisen sie konstante Sparquoten von selten unter 5% auf.[39] Jedoch mangelt es dort an Institutionen, die vorhandene Ersparnisse zuverlässig in produktive Investitionen umwandeln. Stattdessen werden Devisenreserven angehäuft, die entweder Inflation bringen oder als totes Kapital brachliegen.[40] Somit wäre der Aufbau eines leistungsfähigen Finanzsektors ein wichtiger Schritt in der Entwicklung armer Länder.[41]

Darüber hinaus ist die saldenmechanische Schlussfolgerung falsch, wonach ein Kapitalimport das Investitionsniveau anhebt, denn Kapitalzuflüsse bedeuten abnehmende Sparzwänge und mehr Güter im Verfügungsbereich der Inländer, die zu Mehrkonsum verführen.[42] Es findet also unter Umständen ein Crowding-Out inländischer Investitionen durch Direktinvestitionen des Auslands statt, der dazu führt, dass diese Länder „zu einem integralen Bestandteil der Bewirtschaftungszone der Gläubigerländer“[43] werden. Vermögenswerte werden via Kapitalimport an das Ausland verkauft, während kurzfristig der Konsum erhöht wird. Der saldenmechanische Zusammenhang, wonach bei einem Leistungsbilanzdefizit I – S > 0 gilt, bleibt gültig. Es kann aber nicht nur durch ein steigendes I, sondern auch durch ein sinkendes S zustande kommen.

Diese skeptische Haltung gegenüber Kapitalimporten scheint sich im Falle der Verschuldungskrise der PIGS zu bestätigen. So war für die zunehmende Auslandsverschuldung Griechenlands und Portugals eine rückläufige gesamtwirtschaftliche Spartätigkeit verantwortlich und ermöglichte damit einen höheren Konsum. Lediglich in Spanien und Irland stiegen die Investitionen.[44] Zudem zeigt sich für den Zeitraum von 1970 bis 2009, dass bei einer Bruttoauslandsverschuldung ab 60% das Wirtschaftswachstum von Entwicklungsländern um etwa 2 Prozentpunkte sinkt und sich ab einer Verschuldung von 90% sogar halbiert.[45]

2.4 Bewertung von Leistungsbilanzdefiziten

Da Leistungsbilanzdefizite zusätzliche Konsummöglichkeiten eröffnen, die auf Dauer die nationale Produktivität überfordern können, ist für deren Beurteilung entscheidend, ob mit der wachsenden Auslandsverschuldung auch die inländischen Produktionsmöglichkeiten steigen. Einerseits kann ein Nettokapitalimport auf eine hohe Präferenz für Gegenwartskonsum (niedriges S), andererseits auf relativ günstige Investitionsbedingungen im Inland (hohes I) zurückzuführen sein. Es herrscht Einigkeit darüber, dass die Verwendung der externen Ressourcen für Konsumzwecke negativ zu werten ist.[46] Problematisch ist es, wenn die unmittelbare Verwendung des ausländischen Kapitals für die Beurteilung eines Leistungsbilanzdefizits herangezogen wird. So werden Direktinvestitionen aus dem Ausland häufig positiv gewertet. Dabei ist einzig das aggregierte Investitionsniveau von Relevanz. Denn wie bereits gezeigt, können Auslandskredite an die Stelle inländischer Ersparnisse und damit auch Direktinvestitionen an die Stelle von Investitionen durch Inländer treten. Zudem gilt es, genauer auf die Natur von Direktinvestitionen zu schauen. Zumindest zwischen OECD-Ländern handelt es sich dabei überwiegend um bloße Eigentümerwechsel.[47] Nur insoweit die erzielten Einnahmen der Alteigentümer in neues Realkapital investiert werden, wirken Direktinvestitionen investitionssteigernd.[48] Kritisch sind darüber hinaus Direktinvestitionen im Wohnungsbau, welcher entgegen der Kategorisierung in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) eher dem langlebigen Konsum zuzurechnen ist, weil er mittel- und langfristig keine outputerhöhende Wirkung erzielt. Stattdessen entziehen Wohnungsbauinvestitionen anderen Wirtschaftssektoren Ressourcen und haben häufig Wohnungspreisblasen zur Folge.[49]

Von mancher Seite wird betont, dass sich Leistungsbilanzsalden in eine Vielzahl von individuellen Tausch- und Kaufakten auflösen lassen und damit aus den individuellen Optimierungskalkülen der privaten Haushalte und Unternehmen resultieren. Daher sei es nicht sinnvoll, nach einer gesonderten makroökonomischen Rationalität solcher Entscheidungen zu fragen.[50] Mit dieser Begründung soll die aus makroökonomischer Perspektive geäußerte Kritik an Ungleichgewichten zerstreut werden. „Der Schluss von der mikroökonomischen Rationalität auf makroökonomische Stabilität ist jedoch unzulässig“, so Priewe.[51] Einzelne Wirtschaftsaktivitäten mögen zwar gewinnträchtig sein, aber in ihrer Gesamtheit kann eine wachsende Nettoauslandsverschuldung zu einer übergroßen Belastung für die Volkswirtschaft werden und Anpassungskrisen auslösen.

Jedes Land[52] unterliegt einer intertemporalen Budgetbeschränkung, nach welcher der abdiskontierte Wert des aggregierten Konsums dem abdiskontierten Wert des Einkommens abzüglich der Investition entsprechen muss.[53] Dies ist nur möglich, wenn sich die Leistungsbilanzsalden langfristig ausgleichen. Illustrierbar ist diese Erfordernis anhand eines einfachen Zwei-Perioden-Modells, welches jedoch unterstellt, dass eine Generation über ihre Verhältnisse lebt und die nächste Generation bestrebt oder gezwungen ist, die Verschuldung wieder zurückzuführen.[54] Dieses Szenario ist nicht sonderlich realistisch. Doch auch im Mehr-Perioden-Fall, bei dem es keine zur Rückzahlung bestimmte Endperiode gibt, müssen in der Zukunft Handelsüberschüsse erzielt werden, wenn ein Ponzi-Spiel ausgeschlossen wird, das von den Finanzmärkten dauerhaft nicht akzeptiert würde.[55]

[...]


[1] Böhm-Bawerk (1914), S. 505.

[2] Einen Überblick über die Ausmaße bieten die Abb. 1 und 2 (Anhang).

[3] Zur begrifflichen Klarstellung sei darauf hingewiesen, dass mit einem „Ungleichgewicht“ lediglich ein Saldo in der Leistungsbilanz gemeint ist und keine Störung des Marktgleichgewichts in der Terminologie der Wirtschaftswissenschaft. In der englischen Sprache werden diese unterschiedlichen Bedeutungen sauber getrennt durch die Begriffe „imbalance“ und „disequilibrium“. Vgl. Dullien (2010), S. 7 Fn. 1.

[4] Vgl. o.V. (2010a).

[5] Schnabl (2011b), S. 2f. identifiziert insgesamt vier Generationen von globalen Ungleichgewichten, die zu verschiedenen Zeitpunkten entstanden sind und bis in die Gegenwart fortwirken: Die Ungleichgewichte in der Leistungsbilanz (1) zwischen Japan und den USA, (2) zwischen China und den USA, (3) die Überschüsse der erdölexportierenden Länder sowie (4) die Ungleichgewichte innerhalb der Eurozone.

[6] Vgl. Grömling (2005), S. 233f.

[7] Vgl. Brümmerhoff (2007), S. 202.

[8] Vgl. Busch/Grömling/Matthes (2011), S. 10.

[9] Mehr zum Begriff des Nettoauslandsvermögens siehe unten.

[10] Vgl. Busch/Grömling/Matthes (2011), S. 10. Die Zinsabflüsse aufgrund einer Nettoauslandsverschuldung erzwingen also eine Überschussproduktion von realen Werten (Gütern und Dienstleistungen), wenn die Verschuldung konstant gehalten werden soll.

[11] Vgl. Brümmerhoff (2007), S. 204f.

[12] Vgl. ebd., S. 206.

[13] Vgl. Caspers (2002), S. 22.

[14] Vgl. Rübel (2002), S. 5.

[15] Welche Teilbilanz herangezogen wird, hängt vom verwendeten Zahlungsbilanzkonzept ab. Einen Überblick über die wichtigsten Konzeptionen bieten Rose/Sauernheimer (2006), S. 16ff.

[16] Diese Gleichung leitet sich aus (3) ab, wenn man die Vermögensübertragungen und Restposten vernachlässigt und berücksichtigt, dass ZB = 0 ist.

[17] Vgl. Brümmerhoff (2007), S. 205ff.

[18] Entsprechend ist ein Leistungsbilanzdefizit identisch mit der Summe aus privaten Nettokapitalimporten und einer Nettoabnahme der Auslandsaktiva der Zentralbank. Vgl. Rübel (2002), S. 12.

[19] Mehr dazu in Abs. 3.2.

[20] Unter Einschluss der Änderung der Währungsreserven oder im Falle DB = 0.

[21] Umgekehrtes gilt für Leistungsbilanzdefizite. Vgl. Sachs/Larrain (1995), S. 199.

[22] Vgl. Rübel (2002), S. 3.

[23] Vgl. Brümmerhoff (2007), S. 214.

[24] Vgl. Busch/Grömling/Matthes (2011), S. 10.

[25] Deshalb darf aus der Gleichung nicht gefolgert werden, dass Importe das Bruttoinlandsprodukt schmälern. Dies ist nur dann der Fall, wenn Importe an die Stelle von Eigenproduktion treten, wie Konrad (1979), S. 23 nachdrücklich darlegt.

[26] Oder, einfacher ausgedrückt, aus der Differenz der gesamten volkswirtschaftlichen Ersparnis und Investition. Vgl. Busch/Grömling/Matthes (2011), S. 12.

[27] So Rübesamen (1996), S. 298, der den Ersparnis-Investitions-Ansatz auf Grundlage von individuellen intertemporalen Optimierungskalkülen mathematisch modelliert.

[28] Vgl. Busch/Grömling/Matthes (2011), S. 12.

[29] Vgl. Sachs/Larrain (1995), S. 212.

[30] Vgl. Rübel (2002), S. 45.

[31] Wie aus (7) hervorgeht, sind Auslandsverschuldung und Leistungsbilanzsalden zwei Seiten einer Medaille. Bei ersterem handelt es sich um die Bestands-, bei letzterem um die Stromgrößenbetrachtung.

[32] Vgl. Gundlach/Scheide/Sinn (1990), S. 23ff.

[33] Eine graphische Darstellung dieser Theorie findet sich in Abb. 4 (Anhang). Genau genommen muss hier die Rede von der Primärleistungsbilanz statt der Handelsbilanz sein. Denn selbstverständlich kann sich ein Land auch beispielsweise auf den Tourismus spezialisieren, der eine Entwicklung der Dienstleistungs bilanz mit sich bringt.

[34] Vgl. Gundlach/Scheide/Sinn (1990), S. 2.

[35] Dargestellt etwa in Sachs/Larrain (1995), S. 747f. oder Gundlach/Scheide/Sinn (1990), S. 25f.

[36] Vgl. Stadermann (1996), S. 48f.

[37] Vgl. Gundlach/Scheide/Sinn (1990), S. 26f.

[38] Vgl. Sachs/Larrain (1995), S. 748.

[39] Vgl. Hankel/Isaak (2011), S. 179.

[40] Mehr dazu in Abs. 3.1.

[41] Vgl. Hankel/Isaak (2011), S. 146f. sowie Stadermann (1996), S. 63.

[42] Vgl. Stadermann (1996), S. 50.

[43] Ebd., S. 50.

[44] Vgl. Deutsche Bundesbank (2010), S. 21. Weshalb der Investitionsanstieg in Spanien und Irland vor dem Hintergrund eines Immobilienbooms kritisch gesehen werden muss, wird im folgenden Abs. 2.4 erläutert. Mehr dazu vgl. auch Dullien (2010), S. 15ff.

[45] Vgl. Reinhart/Rogoff (2010), S. 16ff. Die Erstellung einer entsprechenden Langzeitstudie für Industrie länder war den Autoren mangels Daten nicht möglich.

[46] Vgl. etwa Caspers (2002), S. 203 oder Rübel (2002), S. 45.

[47] Vgl. Priewe (2011), S. 29.

[48] Genau genommen handelt es sich bei dem Eigentümerwechsel aus Sicht des Inlands um eine Disinvestition, wie Stadermann (1996), S. 62 festhält, denn die Erträge aus dem Vermögenswert fließen künftig ins Ausland ab. Ein Profit entsteht nur dann, wenn das einströmende Kapital so eingesetzt wird, dass die Rendite aus der neuen Investition die abfließenden Erträge überkompensiert.

[49] Vgl. Priewe (2011), S. 29. Eine Wohnungspreisblase ist beispielsweise ursächlich für die Verschuldungsprobleme des spanischen Staates, der infolge ausfallender oder notleidender Kredite zahlreiche Banken zu stützen hat. Zudem sorgt die Krise der aufgeblähten Bauindustrie für rezessive Tendenzen der spanischen Wirtschaft.

[50] So beispielsweise Gundlach/Scheide/Sinn (1990), S. 28.

[51] Priewe (2011), S. 21. Ähnlich dazu Schröder (1989), S. 509: „Mit dem Bild atomistisch strukturierter Märkte im Hintergrund ist der dabei entstehende Fehler zu vernachlässigen.“ Die mikroökonomische Fundierung ist ein hilfreicher Erklärungsansatz für Salden, kann aber nicht ihre Beurteilung ersetzen.

[52] Abgesehen von den USA, die im Besitz der Weltanlagewährung sind und insofern keinem „Diktat der Zahlungsbilanz“ unterliegen, wie Priewe (2011), S. 20 die Budgetrestriktion durch den notwendigen Zahlungsbilanzausgleich nennt. Mehr dazu im Abs. 3.4.2.

[53] Vgl. Sachs/Larrain (1995), S. 219.

[54] Die Nettoverschuldung sowohl am Beginn als auch am Ende der Betrachtung liegt folglich bei null. Vgl. Busch/Grömling/Matthes (2011), S. 14.

[55] Vgl. Sachs/Larrain (1995), S. 222ff.

Details

Seiten
52
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656312055
ISBN (Buch)
9783656312819
Dateigröße
716 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v202939
Institution / Hochschule
Universität Rostock
Note
1,5
Schlagworte
analyse wechselwirkungen leistungsbilanzsalden währungspolitik staatsverschuldung

Autor

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Titel: Analyse der Wechselwirkungen von Leistungsbilanzsalden, Währungspolitik und Staatsverschuldung