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Können „Remittances“ aufgrund von Migration zur Maximierung der positiven Einflüsse in Herkunfts- und Aufnahmegesellschaft beitragen?

Mit Fokus auf den Hilfsverein Baileke (HIBA) in Linz

Bachelorarbeit 2012 60 Seiten

Soziologie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffserklärungen
2.1. Migration
2.1.1. Typologie Raumlichkeit
2.1.2. Typologie der Dauer
2.1.3. Typologie der Freiwilligkeit
2.1.4. Typologie des Umfangs
2.2. Remittances = Geldüberweisungen

3. Zur Theorie
3.1. Der Ansatz von H.-J. Hoffmann.Nowotny
3.2. „Brain-Drain“ und „Brain-Gain“.

4. Rücküberweisungen von MigrantInnen
4.1. Quellen und Daten
4.2. Trends in den Entwicklungsländern
4.3. Wechselbeziehungen
4.4. Einflüsse auf Geldüberweisungen
4.4.1. Altruismus als Handlungsmotiv
4.4.2. Eigeninteresse als Handlungsmotiv
4.4.3. Abkommen innerhalb der Familien
4.4.4. Geldüberweisungen als Zukunftsvorsorge

5. Praxis der Remittances
5.1. Die häufigsten Transferkanäle
5.2. Weitere Arten von Transferkanälen
5.3. Western Union und Moneygram
5.4. Nutzen der Geldtransfers für die Aufnahmegesellschaft?

6. Auswirkungen und nachhaltige Entwicklung
6.1. Wirtschaftliche Aspekte
6.1.1. Einkommensverteilung
6.1.2. Wirtschaftswachstum
6.1.3. Stabilisierung der Zahlungsbilanzen
6.1.4 Wirtschaftlicher Impact auf die Aufnahmegesellschaft
6.1.5. (effektiverer) Ersatz für staatliche Entwicklungshilfe?
6.2. Transnationale und transkulturelle Aspekte
6.3. Ausblick

7. Die Diaspora
7.1. Rolle und Funktion der Diaspora
7.2. Der Diaspora-Verein „Hilfsverein Baileke (HIBA)“
7.2.1. Gründung und Ziele
7.2.2. Das Schulprojekt in Bai Bikom
7.2.2.1. Projektvorhaben
7.2.2.2. Zielsetzung des Hilfsvereins „Baileke“
7.2.2.3. Interkultureller Austausch
7.2.2.4. Praktikum in Bai Bikom
7.2.2.5. Projektplanung

8. Schlussfolgerungen/Fazit

9. Literaturverzeichnis

10. Anhang

„ Menschen sind eine migrierende Spezis “ (Massey u.a. 1998:1)

„ Remittances ( … ) to developing countries are three times the size of official development assistance and ( … ) are expected ( … ) to exceed $593 billion by 2014, of which $441 billion will flow to developing countries ( … ) ” (Vgl . Worldbank: 2012)

1. Einleitung

Migration beziehungsweise Wanderung war und ist ein globales Phänomen. Einzelne Menschen, Gruppen von Menschen oder ganze Stämme (Völkerwanderung) haben zu allen Zeiten – jahrtausendelang zu Fuß – ihre Herkunftsregionen verlassen und sich in anderen Gebieten niedergelassen. Seit Menschen auf diesem Planeten leben, zeigen sie Tendenzen zu Wanderbewegungen aus den unterschiedlichsten Gründen: Beispiele: Chinesische Familien wandern ins kanadische Vancouver aus, ägyptische Intellektuelle suchen Arbeit in Frankreich, US-Amerikaner afrikanischer Herkunft suchen Arbeit in Südafrika, deutsche Männer suchen in Thailand oder auf den Philippinen nach einer Ehefrau, Mosambikaner kehrten nach Ende des Bürgerkriegs in ihr Land zurück, Kameruner fliegen nach Österreich, um weiter zu studieren und so weiter (Vgl. Treibel 2011: 11). Laut Weltbank lebten im Jahr 2010 mehr als 215,8 Millionen MigrantInnen weltweit und belegen damit circa 3,2% der Weltbevölkerung (Vgl. Dalip/Ratha et al 2011). Allein 73 Millionen MigrantInnen aus Entwicklungsländern leben in Industrieländern (Tabelle 1).

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“About 60 percent of the world's migrants live in developed countries, making migrants 10 percent of developed country residents. The countries with the most migrants are the United States, with 43 million migrants in 2010; Russia (12 million); Germany (11 million); and Saudi Arabia, Canada, and France (about 7 million each). These six countries included 87 million migrants, or 40 percent of the total” (Vgl. Martin/Zuecher 2008).

Es besteht kein Zweifel, dass im Zuge der Industrialisierung, Technisierung und Verstädterung in immer größeren Teilen der Welt die Wanderungen quantitativ und qualitativ betrachtet, eine neue Dimension erhalten haben (Vgl. Treibel 2011: 11). Viele unterschiedliche Gründe und Ursachen liegen vor, warum die Menschen wandern und sich in anderen Teilen der Welt niederlassen und dort entweder temporär oder langfristig leben. Diese Form der Wanderung oder Migration, wie der anglo-amerikanische Terminus lautet, spielt eine besondere Rolle sowohl in den Aufnahme- als auch in den Herkunftsgesellschaften der MigrantInnen (Vgl. Treibel 2011: 11). Denn MigrantInnen, die auswandern, um in der Aufnahmegesellschaft einer Erwerbstätigkeit nachgehen und dort Geld verdienen, überweisen meist einen Teil dieses Einkommens zurück in ihre Herkunftsgesellschaft in Form von „Remittances“ (Geldüberweisungen). Diese Geldüberweisungen machen einen nicht unbeachtlichen Teil des internationalen Kapitalflusses aus.

Vor allem in vielen Gesellschaften südlich der Sahara sind diese Geldüberweisungen Zukunftsinvestitionen von entscheidender Bedeutung und somit ein wichtiger Bestandteil für die künftige Entwicklung eines wirtschaftliche schwachen Landes. Die Frage, inwieweit diese Geldüberweisungen aufgrund von Migration zu einem positiven Einfluss sowohl in der Herkunfts- als auch in der Aufnahmegesellschaft beitragen können, ist Gegenstand dieser Bachelorarbeit.

Im Folgenden wird zunächst auf die Definition von Migration und „Remittances“ und dann auf die Einflüsse sowohl auf die Aufnahme- als auch auf die Herkunftsgesellschaft eingegangen sowie auf die Theorie von „Brain Drain zum Brain Gain“ und den theoretischen Ansatz von H.J. Hoffmann Notvotny.

Die Arbeit konzentriert sich nicht nur auf die Wichtigkeit der Migration und der „Remittances“ sondern beschreibt diese als wesentliche Bestandteile der internationalen Migration und als eine Möglichkeit, durch zirkuläre Migration zu einer Veränderung der Lebensbedingungen vor allem in wirtschaftlich schwachen Regionen zu gelangen.

Im Zuge der Betrachtungen werden dabei die Aktivitäten des Entwicklungsarbeits-Hilfsvereins (HIBA) mit Sitz in Linz, gegründet im Jahr 2012 von Eddy Bruno Esien, dem Autor dieser Arbeit, beschrieben.

Ebenfalls wird eine Darstellung der wirtschaftlichen Auswirkungen von Remittances erfolgen und wie Brain-Drain durch Brain-Gain ersetzt werden kann. Dabei geht es darum, dass durch die Transfers von Wissen und Know-How, das von den MigrantInnen in der Aufnahmegesellschaft erworben worden ist, dieses dem Herkunftsland zugute kommen kann.

Im Anschluss an diese Status-Quo-Betrachtung werden einige Projekte des Hilfsvereins zur Nutzung von Remittances in Bezug auf Entwicklungszusammenarbeit dargestellt. Nach deren Vorstellung werden Geldüberweisungen der MigrantInnen als Vorteil sowohl für die Aufnahme- als auch für die Herkunftsgesellschaft zu verstehen sein.

2. Begriffserklärungen

„ Wer freiwillig und aus wirtschaftlichen Gründen geht, ist ein Einwanderer, und wer unfreiwillig und aus politischen Gründen geht, ist ein Flüchtling. Diese Begriffsbildung ist jedoch in vielerlei Hinsicht problematisch. “ (Suhrke/Zolberg 1992: 39)

2.1. Migration

Migration beziehungsweise Wanderungsbewegungen sind komplexe Prozesse, die nicht nur die wandernden Menschen/MigrantInnen beeinflussen sondern auch die Gesellschaften und Regionen zwischen denen diese Menschen sich bewegen (Vgl. Treibel 2010: 17). Die gesamte Menschheit wird entweder direkt oder indirekt von solchen Prozessen tangiert, weil die ganze Welt inzwischen zu einer globalen Gesellschaft, einer Art „globales Dorf“ geworden ist. Aufgrund der Komplexität des Themas Migration greift diese Thematik in die unterschiedlichsten Bereiche der Gesellschaft ein.

Nach Treibel (2010: 18) wird Migration oder Wanderung von zahlreichen Wissenschaftern unterschiedlich definiert. Diese Definitionen gehen von einem weiten Begriffsverständnis bis hin zu einem engeren Verständnis. Die folgenden Beispiele des Begriffsverständnisses richten sich nach dem Ordnungsparameter Allgemeinheitsgrad. Laut Hoffmann-Novotny (1970: 107) gilt „(…) jede Ortsveränderung von Personen“ als Wanderung. Heberle (1955: 2) definiert Migration dadurch, dass “(…) jeder Wechsel des Wohnsitzes, und zwar des de- facto-Wohnsitzes, einerlei ob freiwillig oder unfreiwillig, dauernd oder vorübergehend“ Migration bedeutet. Nach Castles (1993: 1) sind „(…) Menschen, die dauerhaft oder für längerer Zeit außerhalb ihres Herkunftslandes leben“ der Definition nach MigrantInnen. Einen ähnlichen – noch weiteren – Ansatz verfolgt Wagner (1989: 26), und beschreibt als Migration „(…) jeden Wechsel des Hauptwohnsitzes einer Person“. Im Gegensatz dazu erklärt Eisenstadt (1954: 1) Migration ist „(…) der Übergang eines Individuums oder einer Gruppe von einer Gesellschaft zu einer anderen“.

Demnach ist zu erkennen, dass es eine vielfältige Unterscheidung in der Begriffsdefinition gibt und eine Definition von Migration im engeren Sinn sowie eine im weiteren Sinn auszumachen ist. Allen Ansätzen gemein ist, dass Migration zunächst in der Überwindung einer gewissen Entfernung im Sinne einer Ortsveränderung zu verstehen ist. Einzig Eisenstadt spricht von Migration erst dann, wenn eine Wechsel im Sinne einer gesellschaftlichen Veränderung stattfindet. Wagner und Castle geht es in erster Linie um prinzipielle und um direkte Aspekte der Ortsveränderung sowie um Elemente der Dauerhaftigkeit. Dazu wies Jakson (1969) darauf hin, dass zur Definition von Migration zentrale Elemente des Wechsels und der Bewegung erforderlich sind, da Bewegung zu jeder menschlichen Erfahrung dazu gehört. Demnach bewege sich jeder Mensch ein- oder mehrmals im Leben, sei es aus individuellen oder kollektiven Gründen.

Um den Begriff Migration zu untermauern bzw. differenzieren zu können, wurden mehrere Typologien von Migration entwickelt (Vgl. Treibel 2011: 20)

2.1.1. Typologie der Räumlichkeit:

Nach räumlichen Gesichtspunkten im Hinblick auf Zielrichtung und Distanz der Wanderung wird unterschieden zwischen Binnen- oder interner Wanderung (häufig Abwanderung von ländlichen Gebieten in die Städte) und internationaler und/oder externer Wanderung. Die internationalen oder externen Wanderungen werden nochmals unterteilt in kontinentale oder interkontinentale Wanderungen.

- Tabelle 2: Zuwanderung nach Deutschland in den Jahren 1988-1996 (in Tausend); Aussiedler im Sinn von „ Deutscher Volkszugehörigkeit “ sind ein deutsches Spezifikum. Unter den genannten Ländern sind Polen, Rumänien und die Nachfolgestaaten der Sowjetunion die Hauptherkunftsländer der Aussiedler. 1989 stellten die Personen aus Polen mit 250.340 die größte Gruppe dar.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Vgl. Treibel 2011: 32)

2.1.2. Typologie der Dauer:

Darin wird zwischen zeitlich begrenzter oder temporärer Wanderung (beispielsweise Saisonarbeiter oder Auslandsstudenten) und dauerhafter oder permanenter Wanderung (Ein- oder Auswanderung mit anschließender Niederlassung im Aufnahmegebiet) unterschieden.

2.1.3. Typologie der Freiwilligkeit:

Bei dieser Unterscheidung geht es um die Ursache der Wanderung bzw. um die persönlichen Entscheidungsgründe der MigrantInnen. Freiwillige Migration kann bsw. Arbeitsmigration sein während erzwungene oder unfreiwillige Migration meist durch Flucht oder Vertreibung hervorgerufen wird.

2.1.4. Typologie des Umfangs:

Je nach Anzahl und Umfang der MigrantInnen aus einem Land bzw. aus einer Region wird zwischen Einzel- bzw. Individualwanderung und Gruppen- oder Kollektivwanderung unterschieden.

Die Begriffsbestimmungen anhand dieser Typologien lassen erkennen, dass es sich beim Thema Migration um eine komplexe Angelegenheit handelt, die sowohl in der Aufnahme- als auch in der Herkunftsgesellschaft eine wesentliche Rolle spielt. Die Migrationsvolumina und die Aktivitäten der MigrantInnen in einer Gesellschaft bestimmen den Einfluss der MigrantInnen auf beide Gesellschaften. Im Zuge dieser Wanderbewegungen werden Menschen häufig in eine andere Gesellschaft aufgenommen, als die in der sie sich bisher befunden haben. Aufgrund dieser Veränderungen passieren erhebliche Veränderungen in fast allen Lebensbereichen der MigrantInnen. Häufige Veränderungen im Leben der MigrantInnen spielen sich auf wirtschaftlicher Ebene im Sinne von finanzieller Veränderung ab. Viele MigrantInnen verlassen die Herkunftsgesellschaft aus dem Grund, um in ihrer Herkunftsgesellschaft eine wirtschaftliche oder auch kulturelle Veränderung herbeizuführen. Dies geschieht häufig auch mit dem Ziel, Geldüberweisungen von der Aufnahme- in die Herkunftsgesellschaft zu tätigen.

Die internationale Migration sowie die Bewegung von Menschen über internationale Grenzen hinweg, hat enorme wirtschaftliche, soziale und kulturelle Implikationen sowohl in den Herkunfts- wie auch in den Aufnahmeländern. Nicht unerheblich dabei ist der Einfluss von Geldüberweisung durch die MigrantInnen direkt von einer Gesellschaft in eine andere. Vielfach werden wirtschaftliche Beziehungen zweier – oft unterschiedlichster Länder – einzig durch Geldüberweisungen von MigrantInnen an deren Herkunftsfamilien getätigt. Dies führt in weiterer Folge dazu, dass diese Geldtransfers sowohl auf Armut und Migration wirken, aber auch Wohlfahrts- und Investitionsentscheidungen ermöglichen und die Folgen des Brain-Drain („Gehirn-Abfluss“) und des Brain-Waste (Nicht-Nutzung von Qualifikationen) hin zu einem Brain-Gain („Gehirn-Gewinn“) auszugleichen vermögen.

2.2. „ Remittances “ = Geldüberweisungen

Der Begriff „Remittances“ meint jene Geldflüsse, die von MigrantInnen, die in einem anderen Land leben, stammen und in das Herkunftsland der MigrantInnen fließen. Meist sind dies kleinere oder größere Bargeld-Beträge, die von MigrantInnen an deren Familien oder Verwandtschaft nach Hause geschickt werden. Diese Geldflüsse werden als „Migrant Remittances“ bezeichnet.

„ Migrant Remittances aind „ the sum of workers remmitances, compensation of employees, and migrants` transfer “ (Worldbank Factbook 2011: Xvi). „ ( … ) workers Remittances, as defined by International Monetary Found (IMF) in the balance of Payment Manual, 6th edition (IMF 2010a), are current private transfer from migrant workers who are considered residents of the host country to recipients in the workers country of origin. If the migrants live in the host country for one year or longer, they are considered residents, regardless of their immigration status. If the migrants have lived in the host country for less than one year, their entire income in the host country should be classified as compensation of employees. “

Migrant Remittances sind die Transfers von Vermögenswerten, die durch MigrantInnen von einem Land zu einem anderen Land im Zeitraum der Migration (für einen Zeitraum von mindestens einem Jahr) übertragen werden. Wenn die Anzahl der ArbeitsmigrantInnen ansteigt, erhöhen sich auch die Vermögenstransfers durch MigrantInnen.

Obwohl die Rahmenbedingungen klar definiert wären, sammeln die meisten Länder ihre Daten basierend auf den Zugehörigkeiten der ausländischen Beschäftigten „migrant workers“ statt basierend auf ihren Staatsbürgerschaften. Vielfach werden die Daten der Geldüberweisungen kategorisiert als „compensation of employees or worker remittances“, obwohl diese beiden Kategorien voneinander getrennt zu betrachten und zu analysieren wären. Die Unterscheidung zwischen diesen beiden Kategorien erscheint willkürlich zu sein je nach Land, Steuergesetzgebung und Verfügbarkeit von Daten. Als weitere Schwierigkeit stellt sich allgemein die Sammlung und Analyse der internationalen Daten heraus, denn die Geldtransfers erfolgen in der Regel über private Geldtransporteure. Auch veröffentlichen viele Staaten ihre Remittances nicht beim IMF, andere Länder, am häufigsten die Länder der „developing countries“ verweigern dem IMF gänzlich, Angaben über ihre Geldzuflüsse aufgrund von Migrant Remittances zu machen. Zu diesen Ländern gehören beispielsweise Afghanistan, Kuba, Turkmenistan, Usbekistan oder Zimbabwe (Vgl. Worldbank Factbook 2011: XVII). Aber auch Staaten der „high income countries“ insbesondere Kanada, Katar, Singapur oder die Vereinigten Arabischen Emirate geben ihren Ausfluss von Remittances dem IMF nicht bekannt, obwohl gerade diese Staaten wichtige Einwanderungsländer und somit kräftige „Vermögensexporteure“ wären. Eine genaue Erhebung und Analyse der Daten und Zahlen ist aus diesen Gründen aber auch aufgrund der Komplexität und Internationalität der Materie nicht möglich. Global gesehen ist aber festzustellen, dass die weltweiten Geldüberweisungen von MigrantInnen aus Industriestaaten in ihre Herkunftsländer das Dreifache dessen betragen, was von staatlichen Stellen für Entwicklungshilfe geleistet wird. Laut Factbook (2011: VII) der Weltbank „(…) there are more than 215 million international migrants in the world. Recorded remittances received by developing countries, estimated to be US $325 billion in 2010, far exceed the volume of official aid flows and constitute more than 10% of gross domestic product (GDP) in many developing countries “ .

Demnach zeigt sich, dass Migration und die damit verbundenen Geldüberweisungen in der Lage sind, in den Herkunftsgesellschaften Armut zu reduzieren. Remittances können zu steigendem Investment im Bereich Gesundheit oder Bildung führen, aber es kann auch zu Verbesserungen im kleinunternehmerischen Bereich kommen.

Auf der anderen Seite führt vermehrte Auswanderung (auch Auswanderung zum Zweck von Remittances) dazu, dass es in den Auswanderungsgesellschaften zu negativen Entwicklungen im Sinne eines Brain-Drain durch die Auswanderung von qualifizierten Personen kommen kann. Die ausgewanderten Personen eines Staates bilden demnach eine Diaspora. Dieser Diaspora – insbesondere der Diaspora der „developing countries“ – kommt in der Leistung von „Entwicklungshilfe“ in diesen Ländern eine wesentliche Rolle zu. Der Diaspora kommt dabei die Funktion eines doppelten Brückenbaus zwischen der Herkunfts- und den Aufnahmegesellschaften zu. In der der Diaspora finden sich die meisten finanziellen Ressourcen, die in der Herkunftsgesellschaft zu Investment und Wirtschaftstätigkeit benutzt werden können.

Die Volumina dieser Überweisungen wachsen immer schneller und stellen einen nicht unbedeutenden Faktor im Bereich Wirtschaftswachstum der Herkunftsländer, Integration und Entwicklungszusammenarbeit dar.

3. Zur Theorie

Die meisten soziologischen Migrationstheorien beschäftigen sich entweder mit den Folgen oder den Ursachen von Migration. Einerseits geht es um die Frage, warum Menschen wandern und ihr Handeln sich durch soziale Ordnungssysteme erklären lässt und auf der anderen Seite geht es um die Untersuchung der Etablierung der Zuwanderer in der Aufnahmegesellschaft (Vgl. Oswald 2007: 85-86). Diese komplexe Ausgangs- und Zielsituation stellt eine herausfordernde Arbeit der soziologischen Aufklärung dar. Es hat in den letzten Dekaden eine Vielzahl von Arbeiten gegeben, die genau diese Thematik der Migration insbesondere Folgen und Ursachen, die die sich oft im Brain-Drain sowie Brain-Gain auswirken, bearbeiteten. Seit den 1970er Jahren stellt sich die Migrationstheorie von H.-J. Hoffmann Novotny als sehr erfolgreich und einflussreich dar, weil sich dessen Theorie grundsätzlich stetig weiterentwickeln und in andere Theorien integrieren lässt (Vgl. Oswald 2007: 87).

3.1. Der Ansatz von H.-J. Hoffmann-Nowotny

Nach Oswald (2007: 87) ist der Ausgangspunkt von Hoffmann-Nowotnys Therorie darin zu sehen, dass MigrantInnen grundsätzlich deshalb auswandern, weil sie ihre Lebensbedingungen verbessern wollen. Soziologisch betrachtet ist der Maßstab für „gut“ oder „besser“ entweder ökonomisch oder aufgrund individueller Motivation an sich nicht plausibel. Eine solche Beurteilung muss etwa von außen (durch die Wissenschafter) oder durch die Betroffenen selber erfolgen. Hoffmann-Nowotny (1970) weist darauf hin, dass sowohl objektive Gegebenheiten als auch subjektive Motivlagen systematisch miteinander zu verknüpfen und sowohl makrosoziologische und -ökonomische Aspekte auf mikrosoziale, individuelle Entscheidungssituation zu beziehen sind (Vgl. Oswald 2007: 87).

Hoffmann-Nowotny (2007: 26ff) verfolgt weiters den Ansatz, dass „Macht“ und „Prestige“ eine wesentliche Rolle bei der Entscheidung zur Wanderung spielen. Dabei geht es um in erster Linie um Ausgleich, denn „Macht“ steht für die Möglichkeit eines Akteurs seinen Anspruch auf Teilhabe der sozialen Werte durchzusetzen, während „Prestige“ darauf gerichtet ist, inwiefern die Teilhabe als legitim gilt. Dazu zeigt er mögliche Beispiele von „Macht“ auf, wie soziale Positionen, Einfluss, Status und Höhe des Einkommens, während „Prestige“ auf individuelle Eigenschaften und Fähigkeiten wie etwa Ausbildungs- und Berufsqualifikationen gerichtet ist (Oswald 2007: 87).

Häufig kommen für MigrantInnen diese beiden Dimensionen aber nicht zur Deckung, insbesondere dann, wenn ein großer Anteil der Bevölkerung über eine gute Ausbildung verfügt und die entsprechenden Arbeitsplätze besetzt sind (Oswald 2007: 88).

Nach der Theorie Hoffmann-Nowotnys kann jedoch Abwanderung auf beiden Seiten von Vorteil sein: „(…) Für die MigrantInnen selbst, sofern diese eine ihrer Qualifikationen entsprechende und eine eine Aufwärtsmobilität ermöglichende Arbeit finden und für das Herkunftsland, weil Protestpotential vermindert und der Arbeitsmarkt entlastet wird sowie mit nennenswerten Rücksendungen an zurückgebliebene Familienmitglieder gerechnet werden kann und somit Spannungsabbau erfolgt. Weiters für das Zielland, weil es Stellen mit Personen besetzen kann, in deren Ausbildung nicht investiert werden musste“ (Oswald 2007: 88).

Ein weiterer Punkt, in dem Inhalt und Form der Hoffmann-Novotnyschen Theorie typischerweise zusammenzukommen, ist die Formulierung seiner Theorie ursprünglich „(…) vor dem Hintergrund der Migration aus Entwicklungsländern in Industriegesellschaften“ (Oswald 2007: 88). Ebenso zeigt es sich, dass Migration empirisch als ein Ausweg aus Entwicklungsblockaden sein kann, wodurch eine bessere Verkehrs- und Kommunikationstechnik ermöglicht wird, die eine Begleiterscheinung der Globalisierungsprozesse ist (Vgl. Oswald 2007: 88).

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Details

Seiten
60
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656308478
ISBN (Buch)
9783656310983
Dateigröße
1.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v202992
Institution / Hochschule
Johannes Kepler Universität Linz – Abteilung für Theoretische Soziologie und Sozialanalysen
Note
1
Schlagworte
können remittances migration maximierung einflüsse herkunfts- aufnahmegesellschaft fokus hilfsverein baileke hiba linz

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