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Mikrokosmos Kommunikationswissenschaft und Makrokosmos Mensch

Magisterarbeit 2000 133 Seiten

Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

TEIL I - MAKROKOSMOS MENSCH

1. EINHEIT
1.1. Das Ganze
1.2 Der Teil
1.3. Jedes System hat seine Umwelt

2. DAS SYSTEM „MENSCH"
2.1. Die Konstruktion unserer persönlichen Welt
2.2. Lernen mittels unserer Sinnesorgane
2.3. Die verfälschte Wirklichkeit
2.4. Erkenntnisgewinnung durch Wahrnehmung
2.5. Was ist Erkenntnis?

3. DAS UNBEGREIFLICHE BZW. UNWISSENSCHAFTLICHE
3.1. Intuition versus Analyse
3.1 Kommunikationswissenschaft und Intuition
3.2. Die Sehnsucht nach klarer Struktur und Ordnung
3.3. Systemtheoretisches Denken
3.4. Der kybernetische Mikrokosmos Mensch
3.5. Mensch und Umwelt als Symbiose

4. INTRAPERSONELLE KOMMUNIKATION
4.1. Das Ich
4.2 Über-Ich, Ich, Es
4.3. Die Erziehung des "Ichs" bzw. Egos durch das Sozialinstrument Schule
4.4 Phantasie und Kreativität

5. Phantasie und Kreativität
5.1 Besitzt jeder Mensch Kreativität und Phantasie?
5.2 Kreatives Denken = Fragen
5.3 Der Mut Fehler machen zu wollen
5.4. Alles in allem

6. KUNST
6.1. Jeder Mensch ist ein Künstler
6.2 Selbst das Leben ist Kunst

7. ICH
7.1 Der Prozeß
7.2. Exploration des Ichs

TEIL II - MIKROKOSMOS KOMMUNIKATIONSWISSENSCHAFT

8. OBJEKTIVITÄT
8. 1. Die Notwendigkeit zu Staunen
8.2. Wir werden bestaunt!
8.3. Das "Glasturz-Denken"
8.4. Komplikationen

9. DAS ENTDECKEN DES ENTDECKENS
9.1 Karl Jaspers Philosphische Logik
9.2. Die Sprache als Manifest unseres Denkens
9.3. Der private Journalist

10. PHILOSOPHIE ALS NÄHRBODEN VON ALLEM
10. 1. Renaissance des philosophischen Denkens, als Essenz

11. KOMMUNIKATIONSWISSENSCHAFTLICHE RELEVANZ
11.1. Die Funktion der Kommunikationsmedien und Steuerungsmedien
11.2. Die Unmöglichkeit Kommunikation auf ein Modell zu reduzieren
11.2.1 Totale Theorien
11.2.2. Das Mechanistische Sender-Empfänger Modell
11.2.3 Jenseits des Modelldenkens

12. WIR LEBEN IN EINER KONSTRUIERTEN WELT
12.1. Der Empfänger als künstliches projiziertes Phänomen

NACHWORT

Einleitung

Die Humanwissenschaften, in diesem Falle die Kommunikationswissenschaft, sind verglichen mit der Komplexität des Menschen (Körper-Geist-Seele) und des Lebens an sich, mit ihren Modellen nicht auf dieselbe komplexe Stufe zu stellen d. h., daß sie mittels ihrers Methodik die Komplexität des Lebens nicht erfassen bzw. begreifen kann, wie es beispielsweise der Philosophie gelingt. Es besteht kein Zweifel, daß die Wissenschaften für die menschliche Weiterentwicklung nicht wegzudenken sind, jedoch muß das Faktum akzeptiert werden, daß die Modelle mit denen geforscht wird, zwar einen Einblick in die Materie ermöglichen, jedoch die dynamischen Vorgänge mittels ihrer Etikettierungen und Schubladisierungen, eine Parternerschaft mit dem linearen Denken eingehen und daher das Mehrdimensionale bagattelisiert wird. Der Versuch alles wissenschaftlich zu ordnen stellt sich dem "kosmischen" Unordnungen quer. Dieses Denken impliziert eine gewisse intuitivistische Lebensauffassung die die vorwiegend Rationale depossediert.

Der Mensch, also die menschliche Psyche, die als Basis jeglicher kreativer Schöpfungen, also Sprache, Denken, Kunst usw. "funktioniert", muß als Netz angesehen werden, und jede Verbindungsstelle stellt ein für sich zwar souverän funktionierendes Kraftwerk dar, daß aber in ständiger Kooperation mit anderen Kraftwerken interagiert; eine gut funktioniernde Interaktion sorgt für eine intakte, gesunde Psyche. Veranschaulichend dargestellt: In einem Unternehmen müssen die einzelnen Abteilung, die als Kraftwerke fungerieren, interagieren, sodaß sich daraus ein gut funktionierndes Ganze herauskristallisieren kann. Dieser Vergleich mag sehr weit hergeholt sein, sollte jedoch sehr wohl einen wissenschaftlichen Betrachtungspunkt darstellen, wenn die Dynamik der einzelnen Phänomene in eine sich dynamisch entwickelnde Wissenschaft eingebettet werden soll und um der Mannigfaltigkeit des Unvorhergesehen gerecht zu werden bzw. Parole bieten zu können. Damit meine ich, daß die Kommunikationswissenschaft als Humanwissenschaft geltend, auch dem nichtlinearen Leben, Denken, Fühlen usw. gerecht werden muß, d. h. sie muß sich von ihrem monokausalen Forschen verabschieden um als kompetent und vor allem als realitätstreu bezeichnet zu werden. Der Mensch funktioniert nicht wie eine Maschine, die zum Unterschied des Menschen ja nicht synthetisch "lebt". Kernthese dieser Arbeit lautet demnach, daß die Kommunikatioswissenschaft in ihrem Konstukt gefangen ist, und es nicht schafft inter/intrapersonelle Probleme zu lösen, die allein die Philosophie (im speziellen die Metaphysik) zu lösen imstande ist. Damit soll postuliert werden, daß die Kommunikationswissenschaft sich das Kleid der Metaphysik bzw. des Existentialismus anziehen muß, wenn sie den Dingen auf den Grund gehen möchte.

Die vorliegende Arbeit aufgespalten in zwei Teile (Teil I Makrokosmos Mensch, Teil II Mikrokosmos Kommunikationswissenschaft) veranschaulicht die Komplexität des Menschen und unserer stark reduzierenden Disziplin. Der erste Teil, zeigt eingangs mittels systemtheoretischer Erkenntnisse, die Komplexität des Lebens, die zu Beginn veranschaulichen soll, wie die jeweiligen (kognitiven) Welten in der der Mensch lebt, zu erklären sind. Diese Welten können für die menschliche Wahrnehmung als Essenz angesehen werden, da er sie durch seine eigene persönliche Wahrheit kreiert. Einblicke in die Psychologie (Selbstanalyse, Kreativität usw.) sollen unterstützend wirken. Um das Thema der Arbeit ausfüllen zu können, bin ich auch pragmatisch und themenübergreifend vorgegangen, um zu zeigen, daß beispielsweise Kommunikation nicht lediglich als leerer Begriff zu betrachten ist, sondern die Wurzeln in den verschiedensten Teilbereichen liegen und auch von diesen hervorgeht, daß der Mensch der Schöpfer seiner (kommunikativen) Welt ist, d.h die Qualität hängt von seinem Inneren ab. Um das Agieren des Menschen begreifen bzw. verstehen zu wollen, darf Nichts unberücksichtigt und unerforscht bleiben. Aus diesen Gründen bin ich in diesem Teil in den Bereich der Pädagogik, Kunst und alle Teile dieser Arbeit überspannend philosophisch vorgegangen, da ich der Ansicht bin, daß alles in der Philosphie wurzelt. Nichts ist ohne Philosophie, denn ohne sie ist alles mit einem Baum ohne Blätter zu vergleichen. Pointiert formuliert kann gesagt werden, daß der Mensch erst einmal kommunizieren lernen muß, d.h. sein Selbst erforschen und somit die Mißlichkeiten in unserem gesellschaftlichen System klar werden. Es kristallisert sich während dieses Vorganges heraus, wie nichtlinear bzw. wie komplex der Mensch funktioniert bzw. funktionieren kann, letzteres sei auf den Verdrängungsmechanismus eines jeden Menschen gezielt. Sinn dieses ersten Teiles ist zu zeigen, daß der Mensch um (störungsfrei) kommunizieren zu können, sich um Disziplinen wie beispielsweise Lebensweisheiten intuitiv sorgt und sich mit diesen auch befassen muß und, ich bezeichne diese als esoterisch (damit sei aber sehr wohl Schamanismus ausgeklammert), hypothetisch betrachtet, sie bei erlernen dieser "Dinge", auch beweist, daß Kommunikation im Zuge dessen primitiver und pointierter wird; der Mensch wird somit ein synthetisches Wesen. Zum Ausdruck gebracht werden soll,daß es die Aufgabe der Kommunikationswissenschaft ist, der intrapersonellen Kommunikation mehr Beachtung zu schenken, jedoch nicht nur diagnostizierend vorgehen sollen, sondern sehr wohl auch präventiv und intuitiv.

Vergleicht man nun die linearen Modelle der Kommunikationswissenschaft die natürlich Phänomene einfangen wollen, degradieren diese den Menschen zu einer funktionierenden Maschine, daß dafür eindeutigste für diese Thematik ist das Sender-Empfänger Modell dar, das Erklärungen lediglich an der Oberfläche sucht und die Antinomien des Lebens nicht inkludiert. . Die Probleme des menschlichen Lebens sind auch die Probleme der Wissenschaft, da jeder Forscher sich aus demselben Problemeintopf entwickelt hat (es herrschen natürlich individuelle Unterschiede vor), aber prinzipiell muß davon ausgegangen werden, daß wir uns alle im gleichen Boot befinden, und somit mehr oder weniger dieselben Ängste usw. wie unsere Mitmenschen besitzen. Damit soll gesagt werden, daß die Produktivität in unserem Leben in erster Linie von unserer Psyche abhängt. Grob formuliert: Wir müssen zuerst lernen unsere Leistungen zu optimieren, wenn wir verlangen, daß die Wissenschaft realitätsfreundliche Modelle entwickelt.

Da ich ein Vertreter des vernetzten Denkens bin, habe ich es auch als essentiell erachtet, die verschiedensten Kuriositäten und abstrusesten Themen, die vielleicht beim ersten Betrachten keine Berechtigung haben in dieser Arbeit erwähnt zu werden, zu behandeln, da Alles mit Allem kohäriert und interagiert. Die Kommunikationswissenschaft, dessen Hauptaugenmerk die Kommunikation ist, muß sich dessen bewußt werden, daß zwar Wissenschaft Wissen liefert, aber dennoch in ihrem Konstrukt gefangen ist, da gewisse Grenzen existieren, die mittels ihrer Methoden nicht überschritten werden können. Nur die Philosphie (Existenzphilosophie, Metaphysik) ist in der Lage über diese Grenzen hinauszublicken und somit starre Modelle auf ihren engen Horizont hinweisen.

Im Teil I wird gezeigt mit welchen "Dingen" der Mensch zu kämpfen hat, d. h. sein katalytisches Wesen muß zuerst erkannt bzw. formuliert und gelehrt werden, um eine mikrokosmisch-orientierte Kommunikationswissenschaft zu einer Makrokosmischen aufsteigen zu lassen. Weiters ist Ziel dieses Teils den pragmatischen Menschen zu erklären und somit zu zeigen, daß der Mensch in seiner Vielfalt mit einer starrdenkenenden Wissenschaft nicht erfaßt werden kann, denn gezeigt werden können mittels dieser nur Oberflächlicheiten. Das Leben besteht aus Antinomien und um eine "realitätsbezogene" Kommunikationswissenschaft zu entwickeln, muß antinomiefreundlich geforscht werden.

Der zweite Teil zieht die uns prägende Umwelt, vor allem die Medienwelt, in das Thema mit ein, da meines Erachtens unser Leben, Denken, Kommunizieren nicht mit einem abgegrenzten Bereich erklärt bzw. erforscht werden kann und habe auch Parallele immer wieder - auch im Teil I - auf die Notwendigkeit des philosophischen Denken hingeleitet, denn wenn der Mensch einfach ein sich berieselndes (von den Medien usw.) Dasein fristet, genügen lineare Modelle nur diese befriedigen ja nicht.

Schlußfolgernd wird klar, daß der Mensch wenn er aus seinen linear denken Leben heraustreten möchte (der Beweis dieses Bestrebens liegt darin, daß das Angebot an Kreativitätseminaren usw. sehr beträchtlich ist), muß die Kommunikationswissenschaft mehr auf die Bedürfnisse des Mensch eingehen, d. h. sie muß philosophische (existentielle und metaphysische Modelle) anbieten und auch in diesem Bereich forschen, und darf sich somit bezogen auf nichtwissenschaftliche Themen keine Grenzen setzen, d. h. sie muß ein offenes System sein, da sie ja auch ein kreiertes System, des Systems Mensch ist.

Die Kommunikationswissenschaft ist eine der interdisziplinarsten Disziplinen und müßte sich dessen bewußt werden, daß alles Kommunikation ist.

Der Leitgedanke meiner Diplomarabeit ist, nichts außeracht zu lassen. Der Fluß Heraklits in diese Arbeit fließt ein, jeder Aspekt der menschlichen Existenz wird einbezogen und am Schluß dieser Arbeit der Kreis dieses Faszinosums geschlossen.

Aus diesem Grund bin ich im Teil I mehr auf das Innenleben, also auf die Entwicklung der Persönlichkeit eingegangen und zeige, beispielswese mit Hilfe von Marc Aurel auch auf, daß der Mensch ein moralisches Ideal braucht, um Orientierungshilfen zu bekommen, da seine konstruierte Welt ein Spiegelbild seines Inneren ist, aus diesen Gründen sollte er die Bereiche der Selbstfindung, der Moral und Ethik als Nährboden unser Kultur sehen.

Nondualität, Dynamik anstatt Starrheit, sind Begrifflichkeiten die einer gründlichen Untersuchung bedürfen, da sie möglicherweise auf verborgene Welten hinweisen und somit unser rationales Denken von seiner Allmacht befreit. Als ablösendes Element könnte ein sogenanntes ganzheitliches Denken dienen, das im Gegensatz zu unserem herkömmlichen fragmentierten Denken, auf universelle Symbiosen aufmerksam macht bzw. machen könnte.

Monokausales Denken, das nicht auf Vernetzungen der einzelnen kulturellen Apparate und der Natur zielt, bietet die Basis, wie schon vorhin erwähnt, universelle Zusammenhänge zu übersehen. Somit wird die Gegenüberstellung des Makrokosmos mit dem Mikrokosmos versimplifiziert und fungiert mit diesem Vorgehen als Stiefkind.

Eine Gegenüberstellung zwischen der Dynamik Mensch und der aus dem Leben des Menschen abstrahierte Kommunikationswissenschaft die mittels ihrer Methoden nicht einmal annähernd, an dieses Phänonem herankommt, da das Leben lebt und die Wissenschaft auf dem Papiere steht bzw. vom Leben lediglich abgeleitet wird. Hingewiesen wird, daß die Kommunikationswissenschaft um die Herrlichkeit und Widersprüchlichkeit des Menschen erfassen zu können, "Lebensnahe" werden muß, d. h. der philosophische Geist muß sich über unsere Modelle kleiden.

Der Einzug von metaphysichen, existenzphilosophischen, systemtheoretische Überlegungen in die Kommunikationswissenschaft wären notwendig, um das Wesen der Kommunikation zu erfassen, das heißt selbst Spiritualität dürfe nicht banalisiert werden. Mit diesem Denken könnte unser Institut eines der "wahres" Philosophie (ein Denken, das aus sich selbst hervorgeht) förderliches werden und somit ein Innovatives hervorbringen (universelle Modelle).

Kurz: das Ziel der vorliegenden Arbeit ist es aufzuzeigen, daß die Kommunikations-

wissenschaft nicht in der Lage ist, Lebensrealitäten adäquat erfassen zu können bzw. die Ganzheitlichkeit mißachtet.

Teil I

1. Einheit

1.1. Das Ganze

Was ist das Ganze? Die systemtheoretische Erklärung lautet: Am Anfang war der Urstoff und dieser wird als Chaos oder Entropie bezeichnet und diese Erklärung dient als Verkörperung des Ganzen. Im Urstoff sind alle Elemente enthalten, d. h. es gibt keinerlei Differenzierung und somit keine Grenzen; alles ist in diesem Stoff enthalten. Die Möglichkeit bestünde, dieses als Gott zu bezeichnen. Denn das Bild von Gott wird geprägt von etwas Unendlichem, und diese Eigenschaften besitzt der Urstoff. Bezeichnet könnte dieses Faszinosum natürlich auch als das „Nichts.” werden.

Stellen wir uns also zusammenfassend vor, daß am Anfang nur der Urstoff existierte. Wie schon vorhin erwähnt, gibt es keinerlei Differenzen und keine Grenzen, also ist er auch nicht geformt.

„Wir können ihn nach dem atomistischen Modell als aus unendlich vielen gleichförmigen Elementen bestehend denken, die völlige Freiheit haben, Verbindung miteinander einzugehen. Im Urstoff ist alles gleich. Es gibt keine Unterschiede. Auch zwischen den Elementen kann man eigentlich nicht unterscheiden, da sie alle gleich sind.”1

Keine dualistischen Züge haben demnach in diesem Stoff ihre Berechtigung, d. h. es besteht die Möglichkeit vollkommene Abstraktionen und Reduktionen vorzunehmen, denn dieser Stoff dient als Nährboden um Differenzierungen vorzunehmen.

„Alte Völker glaubten, die Kräfte des Chaos und der Ordnung seien Teil einer unbehaglichen Spannung, kaum eine Harmonie zu nennen. An Chaos dachten sie als an etwas Unermeßliches und Kreatives.” 2

In diesem Zitat liegt die Legitimation anzunehmen, daß in dieser Ebene bzw. Sphäre Nichtlinearität oder vielleicht präziser ausgedrückt Universaliät vorherrscht, und als Spiegel von Mulitdimensionalität und Mulitdisziplinarität angesehen werden kann.

Das Ganze, Chaos, Urstoff oder Entropie dient also nach systemtheoretischen Aspekten als

Fundament des Hervorgehenden, als systemloser Zustand, aus dem sich unser System ent-

wickelt.

1.2 Der Teil

Aus dem Chaos oder Ganzen, in dem jedes Element enthalten ist und somit absolute Komplexität vorherrscht, wird der Teil durch Reduktion hervorgebracht und ein System gebildet, daß aus Differenzierungen gebildet wird, und als weniger komplex als das Chaos gilt. Man kann also sagen, daß ein System als eine Reduktion von Komplexität entsteht. Bevor dies aber ein geordnetes und organisiertes System wird, müssen die Teile fixierte Relationen und Beziehungen untereinander eingehen, denn sonst würde sie nichts von anderen unterscheiden. Herauskristallisiert betrachtet ist somit ein System eine Unterscheidung, eine Abgrenzung, d. h. Elemente die in dem Chaos oder Urstoff gleich sind, müssen aus dem Ganzen ausgegliedert werden und in einer gewissen Art und Weise zusammengestellt werden. Ein System ist somit ein etwas Zusammengefügtes bzw. Zusammengestellte und vergleichbar mit einem Mosaik.. Zusammenstellung heiß im Griechischen to systemon und aus dieser Deklaration, kann das System als ein geordnetes Ganzes angesehen werden

Prinzipiell muß aber darauf verwiesen werden, daß um eine Unterscheidung machen zu können, aus der Gesamtheit Elemente selektiert und diese Elemente untereinander relationiert werden müssen. Ein System kann also nur als existent betrachtet werden, wenn diese Vorgänge vollzogen werden.

1.3. Jedes System hat seine Umwelt

Das System, das ja aus einer Unterscheidung geschaffen wurde, muß sich von irgend etwas anderem unterscheiden. Alles was nicht zu dem System gehört, was außerhalb dieses „Ganzen” liegt, gehört zu seiner Umwelt. Das System unterscheidet sich somit von der Umwelt, da es seine eigenen Elemente einschließt und damit die Umwelt

ausschließt. Daraus resultiert, daß es keine Umwelt an sich geben kann, da sie nur charakerisiert werden kann, wenn es ein System existiert. Die Umwelt eines System kann also als Co-existent angesehen werden und gehören somit zueinander. Es ist also absurd zu denken, daß ein System ohne Umwelt und eine Umwelt ohne System geben kann.

Humberto Maturana erklärt es wie folgt:

„Da sich lebende Systeme und ihre Umwelt gemeinsam entwickeln, kann ihre Übereinstimmung nicht überraschend sein, sondern ergibt sich von selbst aus diesem Wechselspiel.”3

Luhmann schreibt in bezug auf die Umwelt:

„Die Umwelt erhält ihre Einheit erst durch das System und nur relativ

zum System. Sie ist ihrerseits durch offene Horizonte, nicht jedoch durch

überschreitbare Grenzen umgrenzt; sie ist selbst also kein System. Sie

ist für jedes System eine andere, da jedes System nur sich selbst aus seiner

Umwelt ausnimmt. Entsprechend gibt es keine Selbstreflexionen und erst

recht keine Handlungsfähigkeit der Umwelt”4

Demnach muß die größere Komplexität der Umwelt gegenüber dem System registriert werden, wie es auch Luhmann bestätigt, und somit eine Einheit angenommen werden, die keine Grenzen mehr hat.

Zusammenfassend gesagt: Umwelt ist immer systemrelativ und somit wird die alleinige Existenz dieses „Elementes” negiert, da es nur eine Umwelt eines Systems geben kann. Man kann demnach von drei Komplexitäten sprechen: 1. Die Weltkomplexität (Chaos/Entropie/Urstoff), 2.

Umweltkomplexität und 3. Systemkomplexität. Diese Komplexität sieht nun dargestellt folgendermaßen aus:

Umwelt-1 (Weltkomplexität)

|

Umwelt-2 (Systemkomplexität)

|

System

Abb.15

Umwelt-1 steht für das Ganze/Chaos/Entropie und stellt die Welt aller möglichen Systeme dar, Umwelt-2 ist die sich von der Umwelt-1 abgrenzende und fungierende Welt des jeweiligen Systems.

Anmerkungen

1 Krieger, J. David, Einführung in die allgemeine Systemtheorie, Wilhelm Fink Verlag GmbH &

Co. KG. 2. Aufl. 1998, S. 11

2 Briggs, John, Peat, F. David, Die Entdeckung des Chaos, Eine Reise durch die Chaos-Theorie,

Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG. München, 5. Aufl. S. 21

3 Maturana, Humberto, Was ist erkennen?, R. Piper GmbH & Co. KG. München, 1994, S. 88

4 Krieger, J. David, Einführung in die allgemeine Systemtheorie, Wilhelm Fink Verlag GmbH &

Co. KG. 2. Aufl. 1998, S. 13

5 a.a.O. S. 16

2. Das System „Mensch”

2.1. Die Konstruktion unserer persönlichen Welt

Wie schon in Abb. 1 gezeigt wird, steht die Umwelt-1 für die absolute Komplexität und

Umwelt-2 und das System für die reduzierte Komplexität. Diese Abstraktion des - wenn man es so verstehen möchte - Universums, kann für verschiedene Phänomene als Veranschaulichung bzw. Erklärung dienen. Diese System/Umwelt-Konstrukt soll als Untermauerung einer meiner Hypothesen „Die qualitativ hochwertige Funktionalität der intrapersonellen Kommunikation hängt von der prozentuellen Fähigkeit eines nichtlinearen bzw. ganzheitlichen Denkens ab”, gelten. Homogenität bzw. Nondualität herrscht nur in der Umwelt-1 vor, den in dieser Ebene sind alle Elemente enthalten, die zu einer Systemgründung unabläßlich sind.

Es gibt eine Menge Systeme in unserem gesellschaftlichem System, beispielsweise das System der Industrie, der Wirtschaft, der Landwirtschaft usw. und jedes hat auch seine eigene Umwelt. Ich möchte mich aber auf das System „Mensch” und seiner Umweltkreation beschränken. Es hat sich gezeigt, daß die Umwelt systemrelativ ist, und aus dieser Erkenntnis könnte der Vermutung Ausdruck verliehen, werden, daß sie das Manifest des menschlichen Denkens ist, da der Mensch als System gilt. Demnach konstruiert der Mensch seine eigene Umwelt, die für ihn die absolute Weltkomplexität darstellt bzw. darstellen könnte. Seine Sinnesorgane liefern ihm ein klares Bild von seiner Welt bzw. Umwelt. Kurz gesagt: Unsere Seele steht in Interaktion mit seiner Umwelt. (Auch die Kommunikationswissenschaft ist als System anzusehen, sie ist aber eine kreierte Umwelt des Menschen, demnach muß die Seele des Menschen sich erforscht werden, um adäquat zu werden.) Konfrontiert mit diesem Ergebnis wird der Glaube vertreten , es handelt sich um die Umwelt-1, jedoch tritt er in Kontakt mit Umwelt-2, die als systemeigen gilt.

„Das Auge, das Ohr kann getäuscht werden. Was man zu sehen glaubt - ein gebrochener Stab im Wasser etwa -, stimmt mit der Wirklichkeit nicht überein: der Stab ist noch ganz. Oder die Erfahrung, daß das, was ich zu sehen glaube, von einem anderen Menschen ganz anders gesehen und gedeutet wird.”1

Man stellt sich nun die Frage, ob die Welt, wie sie von meinen Sinnen wahrgenommen wird, wirklich so ist, wie man glaubt.

2.2. Lernen mittels unserer Sinnesorgane

Nehmen wir als Beispiel das Lernen eines Babys: Es kommt als ein Lebewesen auf die Welt

und benötigt die Hilfe seiner Eltern um sich in unserer Welt orientieren lernen zu können, es absorbiert Wissen und hat somit die Fähigkeit, sich selber zu bilden. Die Unbeholfenheit bzw. Unfähigkeit mit seinen Sinnesorganen oder grob ausgedrückt mit seinem Körper umzugehen, also seine noch nicht ausgebildetete Sensomotorik, läßt es in einen benachteiligenden Status gegenüber jeden Erwachsenen setzen. Jedoch hat das Baby dem erwachsenen Menschen gegenüber einen sehr großen Vorteil: Es ist sich zwar seines Vorteil im unklaren, also nicht bewußt, aber um es systemtheoretisch auszudrücken, sein System und demnach seine Umwelt sind noch nicht formiert worden. Der Begriff „Tabula-rasa” kann im Bezug auf jene „unbefleckte” Seele verwendet werden kann und daraus ableitend kommt man zur Erkenntnis, daß der Geist und das Ich-Bewußtsein erst ausgebildet und geformt werden müssen. Trivial ausgedrückt liegt ein ledigliches „Dasein”, vor - wie schon vorhin hingewiesen, da der geistige Prozeß sich erst in den Anfangsstadien befindet.. Karl Jaspers schreibt erklärend zu Geist und Dasein:

„Das Wort „Dasein” bedeutet im Sprachgebrauch das, was als ein bestimmtes Etwas in Raum und Zeit vorkommt. Dasein in diesem Sinn ist ausgezeichnet vor einem nur gedachten Sein der Wesenheiten (es ist existentia - Dasein - gegenüber der essentia - dem Wesen). Dasein in diesem Sinne ist alles, was in der Welt mir leibhaftig begegnet, alles mir gegenüberstehende Andere, die seienden Dinge, die Kräfte, das übermächtig mich Bestimmende oder das als Stoff sich mir Anbietende.”2

Und zum Geist meint er:

„Geist scheint schon die Vollendung des Menschsein zu bringen. (...) Geist ist auf dem Wege des Ganzwerdens durch Begabung und Fähigkeiten, ist als Medium der Ideen schaffendes Genie.”3

Und genau jene Fähigkeit gilt es erst zu erlernen bzw. kennenzulernen, um sein eigenes „Ich” beginnen zu entwickeln.

Karl Popper meint dazu, daß lange bevor wir Bewußtsein und Kenntnis über uns selbst gewinnen, wir uns anderer Personen (unserer Eltern) bewußt geworden sind. Junge Säuglinge halten die schematische Darstellung eines Gesichts längere Zeit fest, nämlich als eine ähnliche, doch „bedeutungslose” Darstellung. Dieses Erkenntnis läßt vermuten - so Popper -, daß die Kleinen ein Interesse an anderen Personen und eine Art von Verstehen anderer entwickeln. Es liegt nahe, daß sich das Bewußtsein des Ich durch das Medium anderer Personen seine ersten Entwicklungen vornimmt.

"Das Kind lernt, seine Umwelt zu erkennen; Personen aber sind die wichtigsten Dinge in seiner Umwelt; und durch deren Interesse an ihm - und dadurch, daß es etwas über seinen

eigenen Körper lernt - lernt es mit der Zeit, daß es selbst eine Person ist. (...) Das Ich ist also teilweise Ergebnis der aktiven Erkundung der Umwelt und des Erfassens eines üblichen Zeitablaufs, der auf dem Tag- und Nacht-Zyklus beruht."4

Es geht klar hervor, daß das Neugeborene von seiner Umgebung lernt bzw. lernen muß und zwar mittels seiner Sinnesorgane und sich im Zuge unseres Heranwachsens und der Sozialisation sich unser Ich verändert.

Unsere Sinnesorgane haben die Aufgabe Objekte und Zustände zu erkennen, anhand dieser Informationen lernen wir uns in der äußerlichen Welt zurechtzufinden. Durch das Schmecken, Riechen, Sehen, Hören wird unsere Welt zu einem Ganzen geformt, d. h. daß wir ohne diese „Hilfsmittel” keinen Eindruck von der äußeren Umgebung mitbekommen würden. Banal ausgedrück, könnte von einer Arbeitsteilung zwischen den einzelnen Sinnesorganen gesprochen werden, die eine bestimmte Aufgabe erfüllen müssen, nämlich uns ein Bild von der Welt draußen zu liefern.

2.3. Die verfälschte Wirklichkeit

Der heranwachsende bzw. erwachsene Mensch nimmt also gerechtfertigterweise an, daß er aufgrund des gelieferten Material, er mit der "wahren" Wirklichkeit konfrontiert wird. Der

Mensch lebt also sein Leben mit dem Glauben stets der Wirklichkeit gegenübergestellt zu agieren. Da erst der Prozeß der Reflexionen einsetzen muß, um sich dessen bewußt zu werden, d. h. er muß philosophisch werden, um die Welt der Dinge nicht als von der Natur geschaffen anzusehen.

Die konstruktivistische Erkenntnis läßt uns an dieser "sinnlichen" Welt zweifeln, denn die aufgestellte - bisher unbestrittene - Hypothese, daß unsere Sinnesorgane uns nur mit Abbilder, die für uns die Lieferanten der Objektivationen bzw. auch die Stützpfeiler unserer Weltbilder dienen, versorgen, läßt unsere bisherige Weltanschauung erschüttern und ins Wanken geraten. Die Konstruktivisten folgern aus diesen Ergebnissen, daß wir unsere Wirklichkeit nicht finden, sondern erfinden und Demokrit schrieb bereits zu dieser Problematik:

„Wir können nicht erkennen, wie in Wirklichkeit ein jedes Ding beschaffen oder nicht beschaffen ist.”5

Verlassen wir uns nur auf das Sehen, also auf gelieferte Bilder der Außenwelt, so erkennen wir lediglich Objekte. Dieses konstruierte Bild stellt seine Effetkivität und Essenz im Zuge unserer Fortbewegung und Orientierung unter Beweis, d. h. wir sehen nur Dinge und mit den Worten von

Aristoteles formuliert:

„ Ein Ding existiere nur bis zu dem Grade, bis zu dem seine Rohsubstanz von der Gattung geprägt war.6

2.4. Erkenntnisgewinnung durch Wahrnehmung

Das Denken, so Rudolf Arnheim, Professor für Kunstpsychologie an der Harvard University, auf den ich mich in diesem Kapitel hauptsächlich beziehe, ist ein wesentlicher Bestandteil der Wahrnehmung; bermerkbar wird dieses durch Funktionen wie aktives Erforschen, Analyse, Ergänzen, Korrigieren, Vergleichen, Aufgaben, Unterscheiden. Diese Vorgänge sind die Art und Weise, wie die menschliche Psyche alles Erkenntnismaterial behandelt. Unter Erkennen versteht Arnheim, alle seelischen bzw. psychischen Tätigkeiten, die bei der Sinneswahrnehmung im Spiel sind, also das Denken, das Gedächtnis und das Lernen.

Mit dieser Erkenntnis möchte Rudolf Arnheim postulieren, daß zwischen Wahrnehmung und Denken keine getrennt zu sehenden Vorgänge zu glauben sind (wie es die beispielsweise Aristoteles festgestellt hat), sondern diese beiden Funktionen als fusioniert bzw. als symbiotisch fungierend anzusehen sind.

Mit dieser Erkenntnis möchte Rudolf Arnheim, die Trennung zwischen Wahrnehmen und Denken postulieren und plädiert für den Begriff "Denken in der Wahrnehmung" da man lange an dem von der Außenwelt deponierten Abbild in der Seele, dessen Abbild nur als Rohmaterial gilt und erst durch Denken interpretiert und verarbeiten werden muß, festhielt.

„Es scheint keine Denkprozesse zu geben, die nicht wenigstens im Prinzip in der Wahrnehmung anzutreffen sind. Anschauen ist anschauliches Denken.”7

Einerseits ist die Annahme, daß Denken und Wahrnehmen getrennte Vorgänge sind gerechtfertigt, denn wenn ein menschliches oder tierisches Auge exstirpiert wird, kann man auf dem Augenhintergrund ein kleines, aber identes Abbild der Außenwelt sehen, auf die das Auge gerichtet ist. Das trägt aber nichts zu der Gesichtswahrnehmung zum Erkennen bei, denn das seelische/psychische Bild der Außenwelt unterscheidet sich wesentlich von der Projektion auf der Retina. Diese Unterschiede sind laut Rudolf Arnheim darauf zurückzuführen, daß man Vorgänge dafür verantwortlich macht, die stattfinden, nachdem der Vorgang des Sehens beendet ist.

Sehr wohl besteht aber im Wahrnehmungsakt ein Unterschied zwischem passiven Empfangen und aktiven Auffassen. Zum Beispiel: Öffne ich meine Augen, dann sehe ich eine mir vorgegebene Welt, die ihr ganzheitliches Konstrukt durch die ausstattende Funktion der Elemente des Himmels, der Häuser, der Bäume, der Menschen etc. bekommt. Diese Konstrukt ähnelt dem Projektionsbild auf dem Augenhintergrund, d. h. ich brauche keine bewußten Anstrengungen zu diesem Zustandekommen unternehmen, es ist einfach da. Diese Tätigkeit ist eigentliches „Sehen”, denn der Focus des Blickes richtet sich nach meiner Aufmerksamkeit.

Unsere Sinne erzeugen Signale und deren vollkommene Nutzung hängt von unserer Aufmerksamkeit ab, durch die wir eine kleine Anzahl auswählen und sie durch die

Vergegenwärtigung erinnerter Wahrnehmungen je nach Bedarf ergänzen, durch - die ja wie vorhin schon erwähnt - das Denken mit der Wahrnehmung korreliert. Ernst von Glasersfeld meint dazu:

„Der „Bedarf” wird dabei durch den Zusammenhang des Handelns bestimmt, in dem wir uns befinden; und dieser jeweilige Zusammenhang erforder nie, daß wir die „Umwelt” so sehen, wie sie „in Wirklichkeit” ist (was wir ja ohnedies nicht könnten), sondern er verlangt nur, daß das, was wir wahrnehmen, uns zu erfolgreichem Handeln befähigt." 8

Wir müssen also unser Wahrgenommenes interpretieren und somit auch über jenes reflektieren, um mental fortzuschreiten und nicht nur, das die Funktion des Sehens ist, uns fortzubewegen und im Raum zu orientieren.

Jedes Sinnesorgan hat im Ganzen gesehen den selben signifikanten Stellenrang, denn wenn die - bei gesunden Menschen - harmonsiche Kooperation zwischen den einzelnen durch eine nicht intakte Information in Mitleidenschaft gezogen wird, so zeigen sich seelische/psychische Funktionsstörungen. Die Auswirkungen dieser Disharmonie machen auf sich in Störungen des Gleichmutes, der Denkfähigkeit und dem Sozialverhalten aufmerksam. Jene Betroffenen versuchen dann denn den Verlust der Wahrnehmungsreize durch Erinnerungsbilder und Phantasievorstellungen zu kompensieren. Daraus resultiert, daß diese künstlich herbeigeführten Bilder an Vehemenz gewinnen und halluzinatorisches Verhalten ausbricht. Diese herbeigeführte

Weiters meint Glasersfeld, daß es irrelevant sei, ob seine Vorstellungen von der Umwelt ein "wahres" Bild liefern, sondern die alleinige Essenz liegt darin, sich orientieren zu können und an sein Ziel zu kommen.

Obligatorisch muß davon ausgegangen werden, daß die Tätigkeit der Sinne wertvolle Vorkehrungen für den Kampf ums Dasein sind. Daher wird jenes selektiert, was entweder ein Hindernis oder eine Beförderung für das Leben darstellt. Aus diesen Gründen hat die

Wahrnehmung eine selektive und zielstrebige Funktion und somit wird das Sehen als eine höchst aktive Beschäftigung erlebt. Dank dieser selektiven und interpretatorischen Funktion kann der Mensch eine schnellere und zuverlässigere Reaktion zum Vorschein bringen. Wir nehmen also Formen wahr, d. h. der Mensch lernt von klein auf Strukturformen zu erfassen. Psychologen haben festgestellt, daß die Wahrnehmung Dinge zuerst mit einem verschwommenen, undifferenzierten Ganzen, das sich ausbildet und ändert, aufnimmt. Präziser formuliert bedeutet dies: „Die Versuchssituation machte allen Versuchspersonen deutlich, daß das, was wir populär

„Wahrnehmungserkenntnisse nennen, keine einfache und unmittelbare rein sensuelle Wiederspiegelung ist, sondern etwas, das in einem Prozeß von mannigfach wechselwirkend verschlungenen, seligierenden, abstrahierenden und selbstproduktiven, gestaltenden „Akten” erst entsteht; in einem Prozeß, der entweder organisch oder kompliziert, zwiespältig und oft zickzackartig verläuft und die Möglichkeit in sich schließt, daß die „Phantasie” dem Gegebenen entschwebt, der aber, wenn er organisch verläuft, durch eine Folge auseinander hervorgehender, je eigengesetzlicher, spezifischer Phasen- und Qualitätenbereiche zu einstellungsgeforderten Ziele führt.”9

Wahrnehmung und Denken sind die zwei Arten, die zur Erkenntnis beitragen. Wir erfahren durch Erfahrung und Erlebtes und durch diese beiden Vorgänge, also das Erschauen von Dingen und Reflektieren über Erschautes - und wie schon vorhin erwähnt können diese beiden Tätigkeiten nicht voneinander getrennt betrachtet werden; sie stehen also zu einander in Wechselbeziehung. Der Mensch nimmt also etwas wahr, durchdenkt es in seiner Bedeutung und zieht daraus seine Schlüsse. Man könnte somit behaupten, daß Erkenntis als Emergent anzusehen ist, nämlich von Unwissen zu Wissen.

In diesem Kapitel wurde ersichtlich, wie relevant Wahrnehmung für unsere geistige Entwicklung ist und es kann auch der Schluß daraus gezogen werden, daß diese Fähigkeit erst erlernt werden muß bzw. man sich sein gesamtes Leben im Lernprozeß befindet bzw. befinden muß, wenn er das Ziel hat, seine Erkenntnisfähigkeit zu verbessern.

2.5. Was ist Erkenntnis?

Wir haben den Wunsch die Wirklichkeit zu erkennen und befinden uns in einem Irrtum wenn wir annehmen, daß unsere Sinnesorgane uns zu diesem Ziel führen. Tiefes Vertrauen stecken wir in unsere „Sensoren” und sind zutiefst enttäuscht, wenn sich Gegenteiliges ergiebt. Von Sinnestäuschungen zu sprechen wäre irrelevant, denn dieses wäre ein neuropsychologisches Problem, das hier nicht zur Debatte gestellt werden soll. Es geht um das Phänomen „Wahrheit”, das uns vor die Tatsachen stellt, uns als unzulängliches und fehlerhaftes Wesen zu erfassen. Was ist Wahrheit? Diese Frage ist nicht eindeutig zu beantworten, jedoch kann ohne Zweifel behauptet werden, daß wir in einem Raum, der einer Subjekt-Objekt Spaltung unterzogen wurden leben und uns während des Reflektierens auf eine Meta-Ebene begeben bzw. auch müssen, um wenigstens "wahrheitsgemäß" denken zu können, und die uns erlaubt, den zu beobachtenden Pol kognitiv zu erfassen. Wenn wir die Fähigkeit besitzen uns auf diese Meta-Ebene zu transzendieren, nehmen wir einen vollkommen objektiven Standpunkt ein. Wir sind also keine Funktion der Funktion mehr, sondern besitzen die Kraft die Situation von einer höheren Ebene aus zu beobachten und somit zu objektivieren. Metaphorisch ausgedrückt, könnte behauptet werden, daß wir das zu Beobachtende von einer Vogelperspektive aus wahrnehmen. Karl Jaspers beispielsweise, weist darauf hin, daß das - so von ihm formulierte - denkende Betrachten dem denkenden Tun gegenübergestellt werden muß. Im denkenden Betrachten liegt ein Gegenstand vor auf dem sich derjenige bezieht, während er sich selbst gleichgültig ist, somit wird von Objektivität gesprochen, da mit dieser Haltung die subjektive Erfassung als irrelevant und nicht als essentiell zu erachten ist. Um es mit Jaspers Worten zu formulieren:

„Vielleicht entstehen im denkenden Zusehen Gefühle und Stimmungen in mir: ich halte sie für die Sache gleichgültig, aber ich darf sie genießen, un im verbindlichen ästhetischen Anschauen kann ich schwärmen, ohne mich zu ändern. Ich selbst bin nie eigentlich dabei, sondern bin nur ein Ort des Stattfindens abstrakter oder anschaulicher Wahrnehmungen, beliebiger Gefühle und ästhetischer Rauschzustände. Ich agnosziere die Dinge, ohne sie zu durchdringen oder anzueignen.”10

Das Subjekt nimmt sich nicht wahr, erachtet sich somit nicht mehr als „Protagonist”, sondern nimmt eine Position ein, die ein Akzeptieren des Beobachteten zu läßt; die Subjekt-Objekt Spaltung hat sich in Nichts aufgelöst. Jaspers meint zu dem denkenden Tun, daß etwas geschieht durch das Denken:

„Ich selber wachse und verwandle mich, indem ich erkenne.”11

Das denkende Betrachten, und somit das Nichteinbeziehen des eigenen Selbst, also in jenem Moment, nicht als existierend gedachte Selbst, erfordert die Einnahme der Position der Meta-Ebene. Denn funktioniert dieser transzendelle Vorgang nicht, besteht keine Objektivität mehr, da das dualistische Weltbild wieder vertreten wird.

Mit Hilfe der Systemtheorie könnte man es auch wie folgt formulieren: Der sich nicht wahrnehmende Beobachter transzendiert in den Urstoff/Chaos/Entropie, d. h. er operiert mit einem ganzheitlichen bzw. intuitiven Denken und positioniert das analytische Denken unter diesem. Begründen läßt sich diese Hypothese durch die Tatsache, daß jedes System seine eigene Umwelt besitzt und diese durch das System wiederum beeinlußt bzw. „Formen” annimmt und somit konstruiert wird. Und aus diesem Grund nehme ich an, daß bei einwandfreien funktionieren die Ebene des denkenden Betrachtens, bzw. ganzheitlichen Denkens, das einen hohen Abstraktionsgrad mitsichbringt, Manipulationen seitens der System/Umwelt-Interaktion präventiv entgegengetreten werden kann und somit glaube ich, das eine funktionierende intrapersonelle Interaktion für dieses prophylaktische Vorgehen als fundamental und als Voraussetzung zu gelten hat. Mit anderen Worten wir müssen lernen unsere geistigen, seelischen und körperlichen Kapazität erstmal kennenzulernen und nutzen, um das nicht Reduzierte fassen bzw. fühlen und leben zu können.

Vor allem liegt jedoch erkennen im Verifizieren und Falsifizieren von Hypothesen, also in der Kritik, denn die oberste Priorität liegt darin, daß Philosophie, Wissenschaft und rationales

Denken beim Alltagsverstand anfangen muß. Thesen werden aus diesem gebildet, welcher zwar als subjektiv gilt bzw. sehr vage, jedoch verhilft das kritische Vorgehen den Pfad der Erkenntnis bzw. Wahrheit zu gehen. Descartes schlug die Methode des Zweifels vor, denn erkennbar wird nur was klar deutbar bzw. unzweifelbar ist.12

"Alle Wissenschaft und alle Philosophie sind aufgeklärter Alltagsverstand"13

Anmerkungen

1 Liessmann Konrad, Zenaty, Gerhard, Vom Denken. Einführung in die Philosophie, Wilhelm Braumüller, Universitäts-Verlagsbuchhandlung Ges.mbH. 1996, S. 22
2 Jaspers, Karl, Von der Wahrheit, R. Piper & Co. Verlag München. 4. Aufl. 1991, S. 53
3 a.a.O. S. 80
4 Popper, R. Karl, Eccles, C. John, Das Ich und sein Gehirn, R. Piper & Co. Verlag, München, 6. Aufl. 1997, S. 145 f.
5 Hrsg. Gumin, Heinz, Meier, Heinrich, Einführung in den Konstruktivismus, R. Oldenburg Verlag GmbH. München, 4. Aufl. 1998, Buchrücken
6 Arnheim Rudolf, Anschauliches Denken, DuMont Buchverlag, Köln, 7. Aufl. 1996, S. 23
7 a.a.O. S. 24
8 Hrsg. Gumin, Heinz, Meier, Heinrich, Einführung in den Konstruktivismus, R. Oldenburg Verlag GmbH. München, 4. Aufl. 1998, S. 22
9 Arnheim Rudolf, Anschauliches Denken, DuMont Buchverlag, Köln, 7. Aufl. 1996, S. 29
10 Jaspers, Karl, Von der Wahrheit, R. Piper & Co. Verlag München. 4. Aufl. 1991, S. 311
11 a.a.O. S.311
12 Vgl. Popper, Karl, Objektive Erkenntnis. Ein evolutionärer Entwurf.Hoffmann und Campe
Verlag, 4. Aufl. 1998
13 a.a.O. S. 34

3. Das Unbegreifliche bzw. Unwissenschaftliche

3.1. Intuition versus Analyse

Dieses Phänomen birgt Geheimnisse in sich, die mit dem herkömmlichen analytischen Verstand nicht erfaßt bzw. begriffen werden können. Wir werden von klein auf erzogen rational vorzugehen bzw. zu leben, denn das Irrationale gilt als nicht greifbar und somit wird es nicht für notwendig erachtet zu berücksichtigen, denn mit der Analyse wird kreiert und geschaffen und wir gewinnen sicheren Boden unter den Füßen. Jedoch wird vergessen, daß jeder Kreation Phantasie und Ideen vorhergehen, aus der der noch nicht faßbare und greifbare Stoff fühlbar ist. Wenn über dieses faszinierende Ereignis reflektiert wird, so kommen wir zu der unrealistischen Annahme, daß es uns einfach eingegeben wurde.

Der französische Philosoph Henri Bergson --wies mit seiner Lehre des Intuitionismus darauf hin, daß die Intuition als eine Dauer anzusehen ist, die keinerlei Linearität unterworfen ist.

"Die Intuition, von der wir sprechen, bezieht sich (...) vor allem auf die innere Dauer. Sie erfaßt eine Aufeinanderfolge, die keine Nebeneinanderstellung ist, ein Wachstum von innen her, die ununterbrochene Verlängerung in eine Gegenwart hinein, die ihrerseits in die Zukunft eingreift. Es ist die Schau des Geistes durch den Geist. Nichts schiebt sich mehr dazwischen, keine Brechung der Strahlen durch das Prisma, dessen eine Fläche der Raum und dessen andere die Sprache ist. An Stelle von starren Zustände, die sich nur äußerlich berühren und einer Reihe von nebeneinander gesetzten Worten entsprechen, tritt hier die unteilbare und daher substantielle Kontinuität des inneren Lebensstromes. Intuition bedeutet also zunächst Bewußtsein, eine direkte Schau, die sich kaum von dem gesehenen Gegenstand unterscheidet, eine Erkenntnis, die Berührung und sogar Koinzidenz ist. Es ist zu dem ein erweitertes Bewußtsein, das gleichsam die Schranken des Unterbewußten vorübergehend durchbricht und in rascher Folge von Erhellung und wiederkehrendem Dunkel uns dieses Unterbewußte inne werden läßt."1

Intuition ein unerklärliches Phänomen oder etwas profanes? Esoteriker meinen jeder Mensch habe die gleichen Fähigkeiten, man brauche sie nur zu entwickeln, schulen und zu

sensitivieren. Aber wie?

“Erst wenn Körper und Geist zur Ruhe gekommen sind und das Feuer heller brennt, kann wirkliches Denken entstehen und die Fähigkeit sinnvolle Entscheidungen zu treffen. Auch der schöpferische Funke jeder Art entsteht aus diesem Feuer.” 2

Auch Heraklit spricht von einem Feuer, aus dem alles entsteht.

“Der Kosmos wurde nicht von den Göttern geschaffen, sondern vom Feuer, das, wie alle wissen, nach Maßgabe gewisser Umläufe aufflammt und wieder verlischt.” 3

Der ewige Kampf zwischen den Gegensätzen, sei es zwischen Gut und Böse oder zwischen dem männlichen und weiblichen Prinzip etc., bringt immer etwas Neues hervor. Aus diesen Thesen ist ableitbar, daß ein dynamischer und somit schöpferischer Prozeß und keine Statik vorherrscht. Sie erfaß Dynamisches Denken bedeutet “lebendiges Denken”, nur aus diesem Tun, kann “Wahres” entstehen. Alles in der Natur geschieht in Harmonie, nur das menschliche Denken versucht sich mittels vieler Begrifflichkeiten in ein “lebloses” Konstrukt hineinzukatapultieren, die nur einen Mechanismus widerspiegeln, und nicht seine Seele. “Wenn ich an ein elastisches Band denke, das man auszieht, an eine Feder, die sich spannt oder entspannt, vergesse ich den Reichtum des Kolorits, das der erlebten Dauer eigen ist, um nur noch die einfache Bewegung zu sehen, in der das Bewußtsein von einer Nuance zur anderen übergeht. Das innere Leben ist all das gleichzeitig, eine Mannigfaltigkeit von Qualitäten, ein kontinuierlicher Fortschritt, eine Einheit in der Richtung. Man kann sie nicht durch Bilder darstellen. Aber man würde sie noch weniger durch Begriffe darstellen können, d. h. durch abstrakte oder allgemeine oder einfache Ideen. Ohne Zweifel vermag kein Bild ganz das ursprüngliche Gefühl wiederzugeben, das ich von dem Erlebnisstrom in mir habe. Aber es ist auch nicht nötig, daß ich versuche, es wiederzugeben.

"Demjenigen, der nicht fähig wäre, die sein eigenes Wesen aufbauende Dauer intuitiv selbst zu erfassen, würde man sie weder durch Begriffe noch durch Bilder vermitteln können.” 4

Die Intuition als eine Gabe zu verstehen die in unserem Innersten vorhanden ist, die durch eine innere Schau, erfaßt werden kann. Diese innere Schau ist nichts anderes, als ein meditativer Vorgang, den die Buddhisten oder Yogis, schon seit Jahrtausenden anwenden um zu einem “wahrhaften” Weltbild zu gelangen. Sie beschäftigen sich also mit einer Welt, die für unsere Sinneswahrnehmung als nicht existent gilt. Es soll aber nicht zur Diskussion gestellt werden, ob diese Art der Wahrnehmung, nämlich die der Buddhisten oder Yogis, für wissenschaftlich korrekt, fundiert oder plausibel gilt. Betont werden muß aber, daß der moderne Mensch von diesen alten Philosophien lernen kann und sogar auch dazu verpflichtet ist, wenn er ein intuitiveres Leben führen möchte.

“Beim Üben geht es immer mehr darum, die Fiktion dieser ausschließlichen Identifikation zu durchschauen, die Denkkrankheit, die unser Handeln beherrscht. Beim zen-zen-Übungsweg haben wir die kostbare Gelegenheit, uns selbst wirklich zu erkennen und die Natur des falschen Denkens zu durchschauen, die die Illusion eines vereinzelten, abgesonderten Selbst erschafft." 5

Die Analyse zergliedert hingegen das Ganze in kleine Teile und erforscht somit Fragmente die aus dem Zusammenhang des "Universellen" gerissen sind. Symptome werden untersucht und als essentiell angesehen, die aber lediglich den Kausalitätsgesetzen unterworfen sind. Befähigen wir uns aber das Ganze als die Quintessenz anzusehen, die nur mittels der Intuition erfahren werden kann, können wir das Wesen der Dinge erfassen und somit die Widersprüchlichkeiten, die die Analyse ausklammert, da sie eine klare Struktur und Ordnung will, philosphisch erfassen. Das Raum-Zeit-Kontinuum wird als nichtig erfahren, da dieses "Denken" als Transzendenz zu etikettieren ist, d. h. das eingrenzende anlaytische Denken wird überschritten, und das Territorium des "Geistes" wird betreten; die Dauer wird erfahren.

3.1 Kommunikationswissenschaft und Intuition

Die Kommunikationswissenschaft hat sich den Schwerpunkt Mensch gesetzt. Demnach sollten wir versuch, das Leben unserer Spezies zu erforschen und die Erkenntnisse nicht durch starre Begriffe unzugänglich machen. Unsere Modelle sind Konstrukte, die nur das Materialisierte oder anders ausgedrückt, für uns Wahrzunehmende bzw. Grobstoffliche verzeichnen. Das Feinstoffliche hingegen, beispielsweise kosmische Energie, astrologische Zusammenhänge oder Weisheiten von Feng Shui u.v.a., wird in seiner Relevanz außerachtgelassen. Universelle Zusammenhänge sind für unser Ratio schwer zu begreifen, jedoch mit Unterstützung der Metaphysik wären möglicherweise diese Paradoxien und Faszinosa leichter durchschaubar. Zur näheren Erläuterung eine kurze Parabel von Luciano des Crescenzo:

“Könige verstehen bekanntlich wenig oder nichts vom menschlichen Dasein, und alles, was sie nicht verstehen, verwirrt sie nur. Ein Mächtiger dieser Welt befahl eines Tages einem Maler, ihm ein Bild zu malen. Dieser nahm den Auftrag unter der Bedingung an, daß der König das Bild erst nach seiner Vollendung sehen dürfe. Es vergingen viele Jahre, ohne daß der Künstler das Bild ablieferte, bis der König schließlich die Geduld verlor und ihn an den Hof befahl.

“Ist das Bild bereit?” fragte er.

“Jawohl, es ist bereit, und zwar schon lange”, erwiderte der Meister. “Nur du bist noch nicht bereit.”

“Wozu bereit?”

“Das Bild zu verstehen.”

“Das werde ich ja wohl selber entscheiden!” Jedenfalls will ich jetzt sofort das Bild sehen!”

Also führte ihn der Maler in den Raum, in dem das Bild sich befand. Es war wundervoll und zeigte eine weite Landschaft mit wolkenverhangenen Bergen und Tälern, soweit das Auge reichte, und wirkte nicht zwei-, sondern dreidimensional.

“Herrlich” rief der König aus. “Aber was soll denn daran so schwer zu verstehen sein? Merkwürdig ist vielleicht nur dieser Weg auf halber Höhe, hier an der Gebirgsseite. Wohin führt er denn?”

Der Meister antwortete nicht, er begab sich einfach auf diesen Weg und verschwand.

Dank dieser Geschichte können wir verstehen lernen, daß die unsichtbare Harmonie schöner ist als die sichtbare. Genauso ist es auch bei den Menschen, deren besserer Teil in den Falten der Seele verborgen ist. Die Natur liebt es nämlich, sich zu verbergen, und wir müssen sie aufspüren und ans Tageslicht bringen.” 6

Ich möchte mit dieser Passage zur Diskussion stellen, ob es nicht vorteilhafter wäre, unsere Modelle, flexibler anzufertigen und metaphysischen Modellen anzunäheren. Das “Leben”, oder wie es Henri Bergson ausdrückt, die “Dauer” läßt sich nicht funktional und mechanistisch darstellen, denn uns fehlt der Bezug zur Veränderung, und diese verlangt, daß sich auch unser Denken und somit auch unsere Modelle ständig modifizieren. Eine Wissenschaft dessen Schwerpunkt das Phänomen Kommunikation ist, sollte sich mit der Essenz des Lebens beschäftigt, sollte die Flexibilität und Dynamik, die uns das Leben in allen Situationen beweist, in ihr hantieren und experimentieren fest verankern. Ein intuitives Denken würde uns das Lösen, das ja mit der “Dauer” eng verwandt ist, das Lösen vieler kommunikationswissenschaftlicher und alltäglicher Probleme erleichtern.

Der Versuch, mit herkömmlichen wissenschaftlichen Methoden die Komplexität des für uns Mysteriösen, zu klären, läßt uns nur mit großer Mühe vorwärtskommen. Wir räumen unseren Begrifflichkeiten die lediglich die Räumlichkeiten, und nicht die Dauer die psychischer Natur ist, beschreiben einen höheren Stellenwert ein.

3.2. Die Sehnsucht nach klarer Struktur und Ordnung

Der Mensch im Mittelalter hatte noch zum Ziel im Einklang mit der Natur zu leben und sie zu verstehen, ab dem 17. Jahrhundert wurde diese durch Innovationen des menschlichen Geistes, durch Innovationen im Bereichen der Technik, Medizin, Kommunikation usw. uns zum Untertan gemacht. Durch diese Errungenschaften konstruierten wir uns eine künstliche und kulturelle Welt, die ihre eigenen Regeln aufstellte und klare Strukturen und Ordnung brachte. Irgendwie mußte sich ja im Zuge desse eine Orientierung offenbaren und diese wurde durch eine „Philosophie der Verdinglichung”, die uns Dinge wie Lebewesen erscheinen läßt. Die Problematik liegt darin, daß wir dabei vergessen, daß diese künstlichen „Dinge” von uns kreiert wurden, d. h. daß der Mensch Herr und Meister über die Welt ist. Der Vorteil bei diesem Denken der „Verdinglichung” liegt jedoch darin, daß wir in einem klar strukturierten, monokausalen System leben und keine unvorhergesehenen Veränderungen für Überraschungen sorgen können, denn alles ist ja mehr oder weniger geplant und strukturiert. Einerseits befriedigt uns diese Starrheit, andererseits erachten wir sie als langweilig und berechenbar, da der Mensch, bekanntlich immer durch Unzufriedenheit angetrieben, nach etwas Neuem bzw. Innovativen sucht. Wir genießen zwar, daß Vertrautes und Gewohntes uns die Illusion vermittelt, die Welt bzw. das Leben kontrollieren zu können, dennoch macht uns der Drang alles zu kontrollieren und nach unserem Willen formen zu können, blind vor, für uns nicht Essentielles, beispielsweise der Schönheit der Natur.7

Klare Strukturen, sind für uns orientierungsnotwendig um prognostizieren zu können bzw. Erwartungen haben zu können, die wiederum von anderem Faktoren ableitbar sind. Also, systemtheoretisch ausgedrückt: Ordnung ergibt sich für uns in einer Reduktion von Komplexität, d. h. der Urstoff oder Chaos wird in Stücke zerschnitten und diese werden Kategorien zugeordnet und somit wird das Unfaßbare in Teilaspekten fast annähernd faßbar. Wie schon eingangs erwähnt, wird das Chaos in dem alle Elemente enthalten sind, für uns brauchbar gemacht, indem wir reduzieren. Aber aus welchen Gründen reduzieren wir überhaupt, um alles kontrollieren zu können? Die weiterführende Frage lautet: Warum geben wir uns nicht einfach dem Lauf der Dinge hin und teilen die Natur in Subnaturen ein? Die Antwort lautet: Wir verbannen das Chaos, denn es macht uns Angst, wenn wir das Gefühl haben, uns in einem „Nichts” oder in einem Terrain zu bewegen, wo keine Ordnung, das vertrautes Gefühl mitsichbringt, vorherrscht.

[...]

Details

Seiten
133
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783638101509
Dateigröße
701 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v203
Institution / Hochschule
Universität Wien – Publizistik & Kommunikationswissenschaft
Note
gut
Schlagworte
Mensch - Wissenschaft (Philosophie) - Leben

Autor

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Titel: Mikrokosmos Kommunikationswissenschaft und Makrokosmos Mensch