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Die Entwicklung der Herrschaft der Athener im Ersten Delisch-Attischen Seebund von der Gründung bis zur Verlegung der Bundeskasse nach Athen (478/77 v. Chr. bis 454 v. Chr.)

Examensarbeit 2010 80 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Vorgeschichte bis zur Gründung des Ersten Delisch- Attischen Seebundes
2.1. Der Hellenenbund und die Stellung Athens bei dessen Gründung
2.2. Ereignisse des Perserkrieges im Spiegel der inneren Vorgänge im Hellenenbund
2.2.1. Die Wiederaufnahme des Perserkrieges
2.2.2. Artemision und Salamis
2.2.3. Schlachten bei Plataiai und Mykale
2.3. Athens Alleingang weg von der Isolierung und neue Formierung innerhalb des Hellenenbundes
2.3.1. Die Konferenz von Samos im Herbst 479 v. Chr
2.3.2. Der Zug gegen Sestos
2.3.3. Byzantion und Cypern
2.3.4. der Prozess der Übernahme der militärischen Führung durch Athen
2.3.5. Zusammenfassung: Athens politische Stellung um 478/77 v. Chr

3. Gründungsjahre des Ersten Delisch- Attischen Seebundes
3.1. Gründung des Seebundes
3.2. Organisation und Aufbau des Seebundes
3.2.1. Gründungsmitglieder und ihre Interessenlage
3.2.2. Phoroi und Schiffe- die Beiträge der Mitglieder
3.2.3. Die Eidesformel
3.2.4. Delos als Versammlungsort und Bundesheiligtum
3.2.5. Athens Stellung im Seebund- Ein Übergewicht?
3.3. Ziele des Seebundes und Motive Athens
3.4. Vergleich des Seebundes mit den bestehenden Bündnissystemen im Jahr 477 v. Chr

4. Beginn der Modifizierung des Seebundes (476- 462 v. Chr.)
4.1. Erste Unternehmungen der neuen Kampfgemeinschaft
4.1.1. Eion
4.1.2. Skyros
4.1.3. Karystos
4.2. Der Abfallversuch von Naxos
4.3. Kleinasienfeldzug: Die Doppelschlacht am Eurymedon
4.4. Der Abfallversuch von Thasos und die Folgen
4.5. Zusammenfassung: Neue Herrschaftsmittel Athens

5. Sicherung und offizielle Konstituierung der Vormachtstellung Athens im Seebund
(462- 454 v. Chr.)
5.1. Athens Beziehungen zu Sparta vor dem Hintergrund der Ereignisse seit der
Gründung des Seebundes
5.2. Die Ägyptische Expedition und die Folgen ihres Scheiterns
5.3. Die Verlegung der Bundeskasse von Delos nach Athen
5.4. Rückblick und Ausblick
5.4.1. Zusammenfassung: Der Seebund um 454 v. Chr
5.4.2. Ausblick: Die weitere Modifizierung des Seebundes
5.5. Hat Athen schon seit der Gründungsphase das Ziel verfolgt, Alleinherrscher im Seebund zu werden?

6. Schlussbetrachtung

7. Literaturverzeichnis
7.1. Primärquellen
7.2. Sekundärquellen

8. Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

In der vorliegenden Arbeit soll die Entwicklung der Herrschaft der Athener innerhalb des Ersten Delisch- Attischen Seebundes im zeitlichen Rahmen von der Gründung bis zur Verlegung der Bundeskasse untersucht werden. Dazu gliedert sich die Arbeit in mehrere Schwerpunkte, die sich in Form von übergreifenden Fragestellungen manifestieren und die es in 4 Kapiteln zu untersuchen gilt, um schließlich die erhaltenen Ergebnisse in einer abschließenden Betrachtung noch einmal zusammenzufassen.

Es wäre verfehlt, direkt bei der Gründung des Seebundes um 478/77 v. Chr. einzusetzen, denn vielerlei Faktoren, die bei der Darstellung der Entwicklung der Herrschaft der Athener in dieser Symmachie eine Rolle spielen, finden ihren Ursprung in den Jahren zuvor, während des Perserkrieges und während der Zeit des Hellenenbundes, dessen Mitglied auch Athen gewesen war. Aus diesem Grund erstreckt sich das erste Kapitel auf den Zeitraum von der Gründung des Hellenenbundes 481 v. Chr. bis zu den Gründungsjahren des Seebundes 478/77 v. Chr. Um die politische Stellung Athens bei der Gründung des Seebundes nachvollziehen und damit einen Entwicklungsstand für dessen herrschaftliche Macht herleiten zu können, ist es zunächst von Nöten, das erste Kapitel unter dem primären Gesichtspunkt der Entwicklung der politischen Stellung Athens innerhalb der Hellenensymmachie zu legen, wobei dieser stets in Hinblick auf die geschichtlichen Ereignisse des Perserkrieges gestellt werden. Hierbei dienen die Ausführungen von K.- W. Welwei (1999), H. D. Meyer (1963) und K. E. Petzold (1993) neben den später ausführlich zu besprechenden Primärquellen als Untersuchungsgrundlage.

Nachdem die Vorgeschichte des Seebundes unter den entsprechend der Untersuchung dienlichen Schwerpunkten besprochen wurde, sollen im nächsten Kapitel der Aufbau und die Organisation des Seebundes besprochen werden. Da die Funktionsweise des Seebundes letztlich auf dessen Organisation beruht und diese somit die Grundlage für die weitere Untersuchung für die Herrschaft der Athener in der Symmachie bildete, steht sie im Zentrum der Arbeit und nimmt auch den Großteil der Untersuchung ein. Einer ausführlichen Betrachtung der Struktur des Seebundes folgen weitere Betrachtungen von dessen Zielen und von den Motiven Athens, da diese ein wichtiger Indikator für die weitere Entwicklung Athens im Seebund sind. Hauptsächlich dienen die Ausführungen von M. Steinbrecher, H. D. Meyer, K.- W. Welwei (1999) und F. Kiechle als Interpretationsgrundlage für die entsprechenden Texte der Primärliteratur.

Das sich anschließende Kapitel beschäftigt sich mit der Herausstellung der Modifizierung des Seebundes und zeigt neue Elemente, bzw. neue Herrschaftsmittel Athens auf, welche sich in dem Zeitraum von 476- 462 v. Chr. herauskristallisieren. Ziel dieses Untersuchungsabschnittes soll es sein, die Wechselwirkungen von Aktionen des Seebundes und internen Vorgängen, die vor allem die athenische Herrschaft betreffen, aufzuzeigen, um am Ende dieses Kapitels eine genaue Darstellung der Ereignisse dieses Zeitraumes zu erhalten und die neuen Herrschaftsmittel Athens aufzuzeigen. Besonders häufig wird Bezug auf die Monografie von M. Steinbrecher und die Aufsätze von K.- E. Petzold (1994) und H. D. Meyer (1991) genommen, deren Ausführungen neben den Primärquellen auch als Grundlage für die Diskussion über die Chronologie der Ereignisse dienen.

Das primäre Anliegen des letzten Kapitels arbeitet in Anlehnung an den begrenzten Zeitrahmen dieser Untersuchung auf einen Abschluss, eine Zäsur der Untersuchung hin, die im Jahre 454 v. Chr. gemacht wird: Die Überprüfung, ob bzw. wie sich die Herrschaft Athens im Seebund bis zu dieser Zäsur weiter entwickelt hat und die Klärung der Frage, ob Athen denn schon seit der Gründung des Seebundes eine Alleinherrschaft innerhalb der Symmachie angestrebt hatte. Da vor allem zum Ende des Untersuchungszeitraumes hin neben den erneut aufkommenden Auseinandersetzungen zwischen den Persern und dem Seebund die Beziehungen zwischen Sparta und Athen dieses die weitere Modifizierung des Seebundes beeinflussen, letzteres aber in geringerem Maße von Relevanz für das Hauptanliegen dieser Arbeit ist, wird zu Beginn dieses fünften Kapitels ein Abriss über die Entwicklung der Beziehung zwischen Sparta und Athen im Spiegel der Entwicklung des Seebundes gegeben. Dabei wird außerdem ein kurzer Einblick in die innenpolitische Entwicklung Athens gegeben. Da - wie gesagt - die Auseinandersetzungen zwischen Sparta und Athen in der Zeit von 461 v. Chr. bis 454 v. Chr. für diese Untersuchung nur von sekundärer Bedeutung sind, werden sie zwar der Vollständigkeit halber an der ein oder andern Stelle erwähnt, aber keineswegs zentral behandelt. Im Mittelpunkt dieses letzten Themenkomplexes stehen die Ereignisse der Ägyptischen Expedition und der Verlagerung der Bundeskasse nach Athen, welche unter den bereits besprochenen Gesichtspunkten betrachtet werden. Bei dieser Betrachtung dienen vor allem die Ausführungen von W. Schuller (1974), K.- E. Petzold (1993/94) und H. Nesselhauf. Nach einer Zusammenfassung der getätigten Ausführungen soll dem Leser ein Ausblick auf die weitere Entwicklung des Seebundes gegeben werden, ohne dabei eine Sprengung des Rahmens dieser Arbeit anzustreben.

Nachdem nun der Aufbau und die Zielstellungen der vorliegenden Arbeit vorgestellt wurden, sollen nun noch einige Angaben über die Quellenlage, über die Primärliteratur getätigt werden. Insgesamt werden für die Arbeit die Werke von den Geschichtsschreibern Thukydides, Herodot, Diodor, Plutarch und Aristoteles als primärer Bezugspunkt für die Untersuchungen herangezogen.

Als wichtigste Quelle stellt sich das Geschichtswerk von Thukydides, die „Geschichte des Peloponnesischen Krieges“, heraus. Aufgrund der Tatsache, dass Thukydides einen geringen zeitlichen Abstand[1] zu den Ereignissen, über die er schreibt hat, kann man von einer relativ hohen Authentizität seines Geschichtswerkes sprechen. Zuweilen stellt sich Thukydides sogar als einziger Autor für die Beschreibung diverser Ereignisse oder Prozesse zur Verfügung und muss mit der notwendigen kritischen Betrachtung zur Diskussion der jeweiligen Ereignisse als einziges Zeugnis zur Verfügung stehen. Seine Darstellung der Pentecontaetie darf allerdings nicht mit dem Anspruch an eine vollständige, detaillierte, chronologische Geschichtsschreibung betrachtet werden, da keinesfalls die Tatsache außer Acht gelassen werden darf, dass Thukydides nicht eine Geschichte der Jahrzehnte nach dem Ende der Kampfhandlungen gegen die Perser um 478 v. Chr. beschreibt, sondern dass seine Ausführungen lediglich einen Einschub innerhalb des Vorwortes zur eigentlich von ihm beabsichtigen Beschreibung des Peloponnesischen Krieges bedeuten.[2] So wie sein Anliegen an nicht fehlverstanden werden sollte, sollte auch Thukydides´ Wahl der relativen Reihenfolge der Ereignisse nicht zu Ansprüchen an eine Chronologie führen, die in seinem Werk nicht vorhanden ist und die deswegen für die folgenden Datierungsversuche der zu besprechenden Ereignisse zu immer neuen Auffassungen in der Forschung führen. So formuliert schon Badian über die erwähnten Ereignisse bei Thukydides: „(…) they are lines in time and not points , so that there is inevitably considerable overlap.”[3] Ein Versuch einer Chronologie der Ereignisse wird unter Heranziehung der Sekundärliteratur im Laufe der Arbeit unternommen.

Besonders für die Beschreibungen der Ereignisse des Perserkrieges und der Vorgänge innerhalb des Hellenenbundes wird das Werk von Herodot, die „Historien“, herangezogen. In der weiteren Untersuchung wird vor allem an den Stelle auf Herodot Bezug genommen, an welchen es um Ereignisse vor der Gründung des Seebundes geht, schließlich beendet Herodot sein Geschichtswerk genau an der Stelle, wo die Gründung des Seebundes ansteht.

Durch seine „Parallelbiografien“ der Athener Aristeides, Themistokles und Kimon vermittelt Plutarch tiefe Einblicke in deren Peron und Wirkung. An vielerlei Stellen geht der Autor auf das geschichtliche Geschehen rund um seine „Helden“ ein und dient damit als gute Ergänzung zu mancherlei zu besprechenden Ereignissen.

Zwar nimmt Aristoteles in seinem Werk „Der Staat der Athener“ primär Bezug auf die inneren politischen Vorgänge der Großmacht, allerdings können seine Beschreibungen- ähnlich wie die des Plutarch- ergänzend zur weiteren Primärliteratur herangezogen werden. Dies gilt vor allem für die Überlieferung der geschworenen Eidesformel der Mitglieder des Seebundes.

Das Werk des Diodor, die „Griechische Weltgeschichte“ ist in vielerlei Hinsicht von der Forschung in seiner historischen Glaubwürdigkeit angezweifelt und diese Richtigkeit mancher von Diodor beschriebenen Ereignisse auch tatsächlich widerlegt worden. Aufgrund dieser Tatsache wird das Werk des Diodor in dieser Arbeit zwar stets in die Betrachtungen an geeigneten Stellen mit einbezogen, allerdings kann es keinesfalls als primäre Bezugsquelle einen höheren Stellenwert einnehmen.

Die Ausführungen der Primärquellen stehen in der vorliegenden Arbeit stets in Verbindung bzw. in reflektierender Wechselbeziehung zu den Interpretationsansätzen und Ausführungen der im Literaturverzeichnis angeführten Autoren. Neben den zitierten Monografien und Aufsätzen finden sich in diesem Verzeichnis auch Werke wieder, die nicht explizit in der Arbeit erwähnt werden, jedoch einen wichtigen Beitrag für die nun folgende Untersuchung und die weitere Beschäftigung mit der Thematik leisten.

2. Vorgeschichte bis zur Gründung des Ersten Delisch- Attischen Seebundes

Hauptuntersuchungspunkt dieses Kapitels soll es sein, zu klären, wie sich die Position Athens innerhalb der Kampfgemeinschaft des Hellenenbundes seit 481 entwickelt hat. Am Ende dieses Untersuchungsabschnitts soll eine Bewertung der Herrschaftsstellung Athens um 478/77 v. Chr. erfolgen.

Im ersten Unterpunkt wird die Thematik der Gründung des Hellenenbundes behandelt, um im anschließenden zweiten Abschnitt den Perserkrieg in seinen Ausprägungen in Bezug auf die inneren Vorgänge im Hellenenbund behandeln zu können. Dabei wird vor allem auf die Ereignisse der Schlachten bei Artemision und Salamis, bei Plataiai und Mykale eingegangen. Zwischendurch findet immer wieder eine Überprüfung des Entwicklungsstandes der Position der Athener im Hellenenbund statt.

Der letzte Untersuchungspunkt stellt ähnlich wie der vorhergehende die Ereignisse des Krieges gegen die Perser dar und beschäftigt sich vor allem mit der Hellenenbundkonferenz von Samos. Hier werden nun auch schon die alleinigen Unternehmungen Athens innerhalb seiner modifizierten Stellung näher betrachtet, damit schlussendlich durch eine Zusammenfassung über dessen neue Position eine Bewertung dieser Entwicklung abgegeben werden kann.

2.1. Der Hellenenbund und die Stellung Athens bei dessen Gründung

Die Gründung des „Hellenenbundes“ fällt in eine Zeit, in welcher die Gefahr des Einfalls der Perser auf das griechische Gebiet allgegenwärtig im Bewusstsein der Griechen war- hatten diese schließlich bereits über ein Jahrzehnt der Auseinandersetzungen mit dem persischen Großkönig und dessen Expansionsbestrebungen hinter sich.[4] Also kristallisierte sich die große antipersische Bewegung in den zwei Hauptzentren, Athen und Sparta, und ließ somit eine neue griechische Eidgenossenschaft, den Hellenenbund, im Jahre 481[5] entstehen.[6] Dieser wurde als unmittelbare Reaktion auf die vergangenen Vorgänge als völkerrechtliche Schwurgenossenschaft geschlossen, die sich aus diversen Staatspersönlichkeiten (u.a. Sparta und Athen) zusammensetzt.[7] Petzold definiert diese Hellenensymmachie als „(…) eine Kampfgemeinschaft…mit dem zeitlich und inhaltlich begrenztem Ziel des Widerstandes gegen den zu erwartenden persischen Angriff.“[8]

Im Herbst des besagten Gründungsjahres versammelten sich verschiedene Repräsentanten der attischen Gemeinwesen auf dem Isthimos von Korinth und leisteten den Eidschwur, den Kampf gegen die Perser gemeinsam zu führen.[9] Herodot führt weiter über die Beschlüsse auf der Gründerversammlung aus, dass die Bündner sich dazu verpflichteten, alle Kriege bzw. Feindschaften untereinander einzustellen, dies betraf zum Beispiel Athen und Aigina. Des Weiteren sollten Kundschafter nach Asien ausgesendet werden mit der Aufgabe, das Machtpotenzial der Flotte und des Heeres des persischen Königs Xerxes auszuspähen.[10]

Innerhalb dieser Schwurgenossenschaft wurde die Position des Hegemons an Sparta, welches bereits die Führung im Peloponnesischen Bunde inne hatte, übertragen. Allerdings sei an dieser Stelle bereits erwähnt, dass sich der Begriff der Hegemonie im Hellenenbund ausschließlich auf die militärische Führung[11] im Krieg gegen die Perser beschränkte. Politische und wirtschaftliche Interessenvertretungen nehmen an dieser Stelle keinen Platz unter den Kompetenzen des Hegemons im Bunde ein.[12] Man kann sogar davon ausgehen, dass das Oberkommando über die Truppen des Hellenenbundes bereits vergeben war, bevor noch „(…) der Kreis der Verbündeten endgültig feststand.“[13] H.D. Meyer stellt weiterhin zur Problematik des Hegemons im Hellenenbund fest, dass wesentliche Einfluss den Sparta innerhalb dessen besaß, nichts mit „(…) seiner Rolle als Hegemon dieses Bundes zutun hatte, sondern sich aus seiner Hegemonie im Peloponnesischen Bunde ergab.“[14] Ergänzend fügt er hinzu, dass sich offenbar das Maß der Befugnisse von Fall zu Fall danach bestimmte, was die „(…) Verbündeten von ihrer Selbstständigkeit abzutreten bereit waren.“[15] Im Rahmen seiner Ausführungen schließt Meyer bezüglich der Ausgansbasis, die den Athenern nur durch diese Fakten äußerst begrenzt zur Verfügung stand, dass diese sich innerhalb dieses eingeschränkten Radius nur zu bewegen möglich sahen und im ersten Ansatz ihr Ziel „völlig verfehlten“.[16]

Denn bereits zu diesem Zeitpunkt unternahm Athen erstmalig den Versuch, ebenfalls in die Führungsposition zu innerhalb des Hellenenbundes zu kommen. Herodot führt weiter aus, dass eine Übernahme des Kommandos zur See durch athenische Führungskräfte von den Mitgliedern der Hellenensymmachie abgelehnt wurde: Diese weigerten sich, Athen als zweite Führungsmacht neben Sparta anzuerkennen und hätten andererseits ihre Teilnahme am anstehenden Feldzug zurückgezogen. So mussten sich die Athener dem Kommando des Spartaners Eurybiades fügen, denn sie standen mit ihrer Forderung allein da. Denn feststeht, dass der Hellenenbund von Beginn an zu einer großen Mehrheit auf Mitgliedern des Peloponnesischen Bundes bestand, die „(…) ihre militärische Führung beizubehalten wünschten.“[17] Wobei es nicht unnatürlich war, dass sich die Athener um eine vielleicht noch zu vergebene Stelle bewarben, schließlich waren sie es ja auch, die eine unbestreitbar hohe Qualifikation zur Leitung des Oberkommandos zur See mit sich brachten.[18] Herodot erklärt sich das Nachgeben der Athener in diesem Punkt mit deren Einsicht, auf die Bundesgenossen angewiesen zu sein.[19]

Überträgt man diese Tatsachen nun auf den Zusammenhang, innerhalb dessen in diesem Abschnitt der Versuch unternommen werden soll, eine Bewertung der politischen Stellung Athens innerhalb des Hellenenbundes in dessen Gründungszeit zu geben, stellen sich ZAHL Punkte heraus: Aufgrund der Tatsache, dass der Großteil der Mitglieder des Peloponnesischen Bundes auch zu den Verbündeten in der Hellenensymmachie zählte, war deren Wahl auf Sparta als Hegemon insofern nachvollziehbar, als dass dieses ebenfalls im Peloponnesischen Bund die Führung inne hatte. Demnach waren die Rollen schon präjudiziert, bevor dies überhaupt zur Sprache gekommen war. So mochte Athen die entsprechenden Qualifikationen als Seemacht mit den meisten Trieren innerhalb des Bundes und gute Führungspersönlichkeiten[20] vorweisen können, nur konnte es keinen Rückhalt bei den Peloponnesiern, deren Meinung die Position des Hegemons im Hellenenbund bestimmte, finden. Auf Grundlage der Ausführungen lässt sich für Athens Stellung im Herrschaftsgefüge von 481 keine positive Wertung abgeben, denn die Dominanz in der Führung lag klar bei Sparta, und sie wurde gestützt von den Bundesgenossen.

2.2. Ereignisse des Perserkrieges im Spiegel der inneren Vorgänge im Hellenenbund

2.2.1. Die Wiederaufnahme des Perserkrieges

Im Frühsommer des Jahres 480 sollte ein an den Hellenenbund gerichteter Hilferuf der Thessalier den Beginn eines längeren Kanons an Kampfhandlungen gegen die Perser einleiten. Diese baten die Hellenen um die Sicherung der Pässe am Olymp, sodass die Perser nicht in Thessalien einfallen könnten. Der Bund reagierte und schickte „etwa zehntausend Hopliten“[21], hierbei war der Führer der athenischen Kontingente Themistokles, den Oberbefehl über die gesamte Streitmacht hatte allerdings der Spartaner Eurybiades inne. Welwei stellt bezüglich der Organisation der Feldzüge des Hellenenbundes fest, dass dessen Mitglieder vor Beginn dieses Feldzuges keine gemeinsamen Manöver unternommen hatten und somit das ganze Unternehmen den Eindruck erweckt, als wären auf der Gründungsversammlung keine verbindlichen strategischen Pläne entworfen worden[22], da „(…) eine klare strategische Gesamtkonzeption der Griechen und eine nüchterne Einschätzung der Kräfteverhältnisse … nicht zu erkennen [sind].“[23] Diese Tendenz sollte sich durch die ganzen Kampfhandlungen des Hellenenbundes ziehen.

Diodor weiß zu berichten, dass Ende Juni heftige Diskussionen[24] über die weitere Kriegführung innerhalb des Kriegsrates ausbrachen, als sich die griechischen Streitkräfte aus Thessalien zur Isthmos zurückgezogen hatten. In den heftigen Gesprächen über die Weiterführung des Perserkrieges gerieten Athen und Sparta erstmalig aneinander, wobei sich das Themenfeld dieser Gespräche nur auf die Perserkriegsführung, nicht aber auf die Hegemonieforderung der Athener bezog.[25] Aus dieser Diskussion ging der Beschluss hervor, das Heer in den Thermophylen zu positionieren um dem persischen Großkönig den Weg nach Hellas zu versperren und die Flotte nach Artemision an die Nordspitze von Euboia zu senden.[26] Eine Weiterführung der Isolation Athens war die unmittelbare Folge.

Jedoch sollte die nächste Problematik, diesmal allerdings wirklich mit der Hegemonieforderung verbunden war, unmittelbar folgen: Die athenischen Truppen forderten das Oberkommando für Themistokles mit der Begründung, die Athener haben mehr Schiffe als der Rest der Verbündeten zusammengenommen. Themistokles seinerseits soll die Situation souverän gemeistert haben und die Truppen zum Gehorsam gebracht haben mit der Aussicht, durch große Kriegsleistungen eines Tages die übrigen Bundesgenossen freiwillig auf ihre Seite ziehen zu können, denn dieser Versuch, die Verbündeten unter Druck zu setzen, misslang.[27] Dies war die erste Krise im Hellenenbund, die durch Athen herbeigeführt und die dadurch hervorgerufen wurde, dass eine „(…) längst getroffene Entscheidung rückgängig gemacht werden sollte.“[28] H. D. Meyer stellt anhand der uns zur Verfügung stehenden Quellen von Herodot, Diodor und Thukydides fest, dass das Streben Athens nach Hegemonie das einzige sei, was an den Quellen abgelesen werden können.[29] Weitere Motive und Bestrebungen, die Athen dazu gebracht haben können, es der Führungsposition wegen derart auf einen Streit mit den Verbündeten ankommen zu lassen, sind nicht nachweisbar. Im Hinblick auf die Isolierung Athens zu dieser Zeit sieht Meyer nur zwei Bedingungen, die den „(…) Spielraum der athenischen Politik bestimmten“[30]: Das Festhalten an der Seepolitik war die einzige Konzeption, die noch in Frage kam. Den Rahmen für diese Politik gab der Hellenenbund vor, außerhalb dessen sich Athen aufgrund seiner Isolation bewegungsunfähig sah.[31]

2.2.2. Artemision und Salamis

Als es dann schließlich zum Kampf kam, leistete die Flotte bei Artemision erfolgreich Widerstand[32] gegen die persischen Streitkräfte, wobei Herodot besonders den athenischen Trieren Großen Anteil an diesem Siege zuspricht.[33] Dennoch konnte Xerxes weiter nach Mittelgriechenland vordringen, wo dieser auf dem Höhepunkt seines Erfolges Athen einnahm. Wäre an dieser Stelle der Kampfhandlungen die Führung durch interne Streitigkeiten gespalten gewesen, wären die folgenden Kampfhandlungen nicht so positiv für die Hellenensymmachie ausgegangen. So konstatiert auch Welwei, dass der „(…) Erfolg der Griechen schließlich dadurch möglich [wurde], daß sie nach dem Vorstoß der Perser bis Athen trotz aller Kontroversen die Kriegführung unter einheitlichem Kommando fortsetzten.“[34] Gegen Ende September des Jahres 480 wurde der persische Großkönig in der sog. Entscheidungsschlacht bei Salamis von den griechischen Flottenkontingenten geschlagen, wobei auch hier wieder ein großer Teil des Verdienstes der Konzeption des Atheners Themistokles[35] zugesprochen wird, der sich einer Defensiv-Strategie vor der Schlacht bedient habe soll. So war ein wichtiges Kriegsinstrument der Perser, die Flotte, ausgeschaltet und damit wiederrum war die persische Kombinationsstrategie von Flotte und Heer gescheitert.[36]

Ein Vorschlag des Themistokles, die persische Flotte bis nach dem Hellespont zu verfolgen, um dort die Verbindungsbrücken zu zerstören, wurde allerdings im anschließenden Kriegsrat von dem Spartaner Eurybiades abgelehnt.[37] An dieser Stelle des Berichts Herodots wird das Kriegsziel der Hellenensymmachie durch Eurybiades deutlich: Der „Krieg gegen die Barbaren“ in deren eigenen Land.[38] Die Meerengen nicht zu sperren war in Anbetracht der Tatsache, dass es dadurch nur zu einem persischen Teilrückzug kam und demnach persische Besatzungen in Boiotien und den Thermophylen zurückblieben, eine bedeutsame Entscheidung. Dies implizierte wiederrum, dass sich Mittelgriechenland auch nach dem Sieg des Hellenenbundes über die Perser bei Salamis Ende 480 weiterhin der Gefahr von erneuten Angriffen ausgesetzt sah.[39]

2.2.3. Schlachten bei Plataiai und Mykale

So zogen sich Teile der persischen Armee zunächst in das Winterlager nach Thessalien zurück.[40] Im folgenden Jahr nahm der persische Großkönig seine Offensive gegen die Griechen wieder auf: Nach einem erneuten Vordringen der persischen Truppen bis nach Athen fand im Sommer 479 die entscheidende Landschlacht zwischen Persern und Griechen bei Plataiai statt[41] - die „größte Hoplitenschlacht der damaligen Zeit (…)!“[42]. Hierbei ist die außergewöhnlich starke Kampfkraft der Spartaner und die souveräne Führung durch den Feldherrn Pausanias, wodurch schließlich der Sieg für die Griechen errungen werden konnte, hervorzuheben.[43]

Allerdings stellte sich nach den Schlachten im Sommer 479 erstmalig die Frage, ob nun überhaupt eine Fortsetzung des Kriegs gegen die Perser anstehen würde, oder ob man nun, da die Perser besiegt schienen, das Ziel des Hellenenbundes als erreicht ansehen konnte.[44] Fest steht, dass, wollte Athen eines Tages die Hegemonie in der Hellenensymmachie übernehmen, es verhindern musste, dass das Ziel des Bundes erreicht wurde bzw. als erreicht proklamiert wurde. Eine Folge daraus wäre nämlich gewesen, dass die Verbündeten das weitere Bestehen des Hellenenbundes als solches in Frage gestellt hätten.[45] Vermutlich mit diesem Hintergedanken soll Aristeides auf dem Kongress bei Plataiai vorgeschlagen haben, ein stehendes Bundesheer zu bilden, welches aus Schiffen, Fußtruppen und Reiterei gebildet würde.[46] Meyer bewertet diesen Plan der athenischen Diplomatie als absolut erwartungsgemäß entsprechend der Lage Athens, denn die Fortsetzung des Perserkrieges sei impliziert, würde eine solche Ausgestaltung des Bundes angeregt werden.[47] Laut Plutarch drang dieser Plan durch, allerdings erhebt Meyer in Anbetracht der Unternehmungen der folgenden Zeit Bedenken daran. Sicher sei nur, dass, „(…) wenn Athen sich die Fortsetzung des Seekrieges erhoffet hatte, …diese Hoffnung vergeblich [war].“[48]

Einen Nachweis dafür, dass Sparta zu diesem Zeitpunkt nach wie vor unangefochten als Ansprechpartner im Mutterlande galt, findet Meyer in dem Verlauf der Unternehmung, die auf das Bitten um einen Befreiungsfeldzug der Chier[49] nach Ionien bei der im Frühjahr 479 bei Aigina liegenden griechischen Flotte folgte: Zwar brach die griechische Flotte auf, fuhr allerdings nicht zur ionischen Küste, sondern stoppte in Delos. Herodot begründet dies mit der Furch der Hellenen, sich in eine unbekannte Gegend zu wagen. Fest steht, dass sich die Chier mit ihrer Bitte nicht an Athen gewandt hatten, sondern an Sparta. Außerdem kommt hier schon ein Wesenszug in der spartanischen Führung zum Ausdruck, der bis zur Gründung des Ersten Delisch- Attischen Seebundes zukünftig öfters in Erscheinung treten sollte: Die Abneigung Spartas gegen die Option, Krieg in Ionien zu führen.[50] Laut Petzold stehe fest, dass bei Sparta und den Peloponnesiern „(…) keine Neigung bestanden [hat], den Krieg auf Ionien auszudehnen und aggressiv weiterzuführen.“[51]

Wenn auch Themistokles mit seinem Vorschlag, die Brücken niederzureißen, keine Zustimmung erhielt, so war er doch die treibende Kraft bei den Forderungen von Zahlungen, die einige Inselpoleis (u.a. Andros, Paros und Karystos)[52], als Strafe dafür, dass sie sich auf Seiten der Perser gestellt hatten, zahlen sollten. Die Betroffenen glaubten aufgrund des hohen Ansehens, welches Themistokles genoss, dass dieser im Namen der Symmachie handele und waren größtenteils bereit, zu zahlen.[53] Unter Drohung weiterer Belagerung soll Themistokles auf diese Weise laut Herodot große Summen erpresst haben.[54]

Bereits an dieser Stelle zeigt sich, ein Problem, welches die „(…) Bereitstellung der Mittel für die Unterhaltung einer für griechische Verhältnisse ungewöhnlich großen Flotte(…)“[55] nach sich zieht: Die erhaltenen Beiträge, der Zahlungen als „Strafe“, wurden zur Finanzierung der griechischen Flottenmannschaften benötigt. Letztlich wurde somit die athenische Flotte mit den Mitteln, die sie selbst einbrachte, finanziert.[56]

Meyer vermutet das erste kleine Sonderunternehmen Athens hinter dieser von Herodot beschriebenen Hellenenbundunternehmung des Einziehens von Strafgeldern.[57] Allerdings ist diese Forderung nicht als selbstständiger Emanzipationsversuch des Themistokles raus aus der Entscheidungsgewalt des spartanischen Oberkommandierenden zu werten. Erst nach dem Sieg bei Mykale trat sein Nachfolger, Xanthippos als selbstständig Handelnder athenischer Truppenführer erstmalig auf.[58] Zu diesem Zeitpunkt allerdings waren die Athener gegenüber dem spartanischen Oberkommando loyal. Für Petzold kann nicht überzeugender als die Textstelle in Herodots Bericht (9, 46, 3) „(…) verdeutlichen, daß die Athener die spartanische Hegemonie bedingungslos akzeptierten (…).“[59]

Im Vergleich zur Stellung Athens von 481 hatten sich für die Polis keine Fortschritte ergeben. Im Gegenteil ist im Vergleich zu den Vorjahren Ende des Sommers 479 sogar eine zunehmend isolierte Stellung Athens innerhalb der Hellenensymmachie zu bemerken, denn die erneute Weigerung der Verbündeten auf dem Kongress auf Plataiai, Athen mit der Führung im Seekrieg zu betrauen, drängte Athen weiter ins politische Abseits.[60]

Im Gegensatz zu den Chiern hatte eine Gesandtschaft aus Samos mehr Erfolg, als sie im Namen der Ionier in Delos zum zweiten Mal die griechische Flotte aufforderte, das ionische Gebiet in einem Krieg gegen die Perser zu befreien.[61] Dass Leotychidas sich bereit erklärte, nach Samos zu kommen, erklärt sich H.D. Meyer mit dem Sieg bei Plataiai kurze Zeit zuvor, welcher wohl den Spartaner „zu einem Vorstoß ermutigt habe“[62], stellt aber gleichzeitig die Unmöglichkeit der Nachprüfbarkeit dieser Vermutung in Aussicht, weshalb er sich zu der einfachen Annahme, „(…) Leotychidas habe sich dem Drängen der Ionier nicht länger entziehen können(…).“[63] Nun war genau das eingetreten, was „(…) Sparta zu Beginn des ionischen Aufstandes entschieden verhindert hatte(…): Man war in einen Krieg weitab von der Basis im Mutterlande verwickelt.“[64] Also begann er den Krieg in Ionien, über die Reaktion der Bundesgenossen über diese Entscheidung schweigen die Quellen. Eine kombinierte See- und Landschlacht wurde bei Mykale durchgeführt, wobei die griechische Flotte von dem spartanischen König Leotychidas befehligt wurde.[65] Er führte also das Oberkommando, während Xanthippos, der Stratege des Jahres 480/79, vollkommen loyal gegenüber den Spartanern die athenische Flotte kommandierte.[66]

Letztlich hatte der Hellenenbund nun genau das getan, was Athen zuvor vergeblich versucht hatte: Der Krieg gegen die Perser wurde weiter geführt und die Hellenensymmachie blieb demnach bestehen, da sie ihre Aufgabe noch nicht erfüllt sah. Der errungene Sieg beschleunigte die Abfallbewegungen fast aller ionischer Städte von den Persern. Allerdings musste sich nun eine Frage stellen, die die folgende Konferenz von Samos im Herbst 479 maßgeblich beschäftigen sollte: Welche Maßnahmen sollten nun ergriffen werden, um das befreite ionische Gebiet vor erneuten Übergriffen durch die Perser zu schützen?[67]

2.3. Athens Alleingang weg von der Isolierung und neue Formierung innerhalb des Hellenenbundes

Wodurch veränderte sich die Situation so rapide, dass die Athener das Kommando über die Flotte erhielten?

2.3.1. Die Konferenz von Samos im Herbst 479 v. Chr.

Einen hinreichenden Bericht über den Verlauf und die Inhalte der Konferenz von Samos gibt Herodot (9, 106), eine Ergänzung wird von Diodor (11,37) geliefert. Ersterer soll zur Grundlage der Interpretation der Geschehnisse herangezogen werden, nicht zuletzt deswegen, weil der Bericht von Diodor Ungenauigkeiten und Irrtümer beinhaltet und teilweise „(…) eklatante Diskrepanzen zwischen Herodots und Diodors Darstellung der Beratungen …[bestanden].“[68] Auf Samos trafen alle Eidgenossen zusammen, die an dem Bundesfeldzug des Sommers 479 teil genommen hatten.[69] Besonders die athenische Verhandlungstaktik und ihre Motive werden in diesem Bericht Herodots beleuchtet und sollen auch den Kern der Untersuchung in diesem Abschnitt bilden.

Herodot weiß zu berichten, dass Hauptpunkt der Konferenz auf Samos die Frage einnahm, welche Präventivmaßnahmen am besten zum dauerhaften der Schutz der ionischen Gemeinden vor den Persern zu ergreifen wären.[70] Dazu habe man erwogen, wo am besten die Ionier in Hellas angesiedelt werden könnten, da man Ionien den „Barbaren“[71] überlassen werde, schließlich sei ein ständiger Schutz der Ionier, welcher eine dauerhafte Präsenz der Hellenen in Kleinasien bedeuten würde, unmöglich. Die peloponnesischen Führer fassten dazu einen Umsiedlungsplan für die Ionier ins Auge, ihre neue Heimat sollten die Gebiete sein, aus denen die handeltreibenden perserfreundlichen Hellenenstämme vertrieben würden.[72] An dieser Stelle der Konferenz meldeten sich erstmals explizit die Athener zu Wort, indem sie diesen Plan kategorisch ablehnten mit der Begründung, die Peloponnesier dürften gar nicht über das Schicksal der Ionier bestimmen, da diese Gemeinden „athenische Pflanzstädte“ seien. Als Ergebnis der Konferenz wurden die Inselgemeinden Samos, Lesbos, Chios und noch einige andere in den Hellenenbund aufgenommen, welchem sie sich durch Leistung eines Eides zu Treue verpflichten mussten.

H.D. Meyer revidiert einige Formen der Interpretationen der Geschehnisse der Konferenz, da er überzeugt ist, dass die Ansicht der Vorschlag des Umsiedlungsplanes sei von Sparta ausgegangen und alles sei letztlich an Athens Widerstand gescheitert, eine „vereinfachende und zum Teil unzutreffende Auslegung der Quellenberichte(…)“[73] ist. So sei es zum Beispiel nicht überliefert, ob der Vorschlag der Umsiedlung tatsächlich von den Spartanern ausging. Bezüglich des Umsiedlungsplanes als solchen ist aber zu vermuten, dass vor Beginn der Konferenz bereits Einigkeit unter den Verbündeten darüber geherrscht hatte, dass dem Umsiedlungsplan zugestimmt werden würde. So bildete nicht die Entscheidung darüber, ob er angenommen würde, den Ausgangspunkt der Gespräche, sondern die Frage danach, wie er durchgeführt würde.[74] D.H. Meyer sieht in der Tatsache, dass man bereits „(…) zur Klärung der damit verbundenen Einzelheiten(…)“[75] übergegangen war, die Bestätigung für seine Auslegung. Kiechle deutet Herodots Bericht so, dass die Vorschläge der Spartaner von der Annahme ausgingen, dass die Freiheit für die Ionier nur durch „(…) dauernden massiven militärischen Schutz seitens des griechischen Mutterlandes erhalten werden könnte.“[76] So war für die Peloponnesier keinesfalls die Tatsache abzustreiten, dass eine dauernde Wache vor der Künste Ioniens nötig schien, nachdem in den vergangenen Jahren soviele persische Übergriffe auf das Gebiet stattgefunden hatten. Also sahen sie neben dieser Möglichkeit des Schutzes der ionischen Gemeinden nur noch die Option der Umsiedlung, wenn sie nicht gewillt waren, dauerhaft auf ionischem Gebiet militärisch aktiv zu sein. Eine positive Folge des Umsiedlungsplanes schien außerdem, dass sich den Peloponnesiern zusätzlich die Möglichkeit bot, die Perserfreunde im Mutterland zu bestrafen.[77]

In Hinblick auf die andere Option des Schutzes konstituiert Petzold jedoch, dass die Spartaner von einer militärischen Bindung auf unabsehbare Zeit zurückschreckten.[78] Dieses Prinzip verfolgten die Spartaner schon seit der Gründung der Hellenensymmachie und daraus ergibt sich letztlich ihr auffallendes Desinteresse bei dem kommenden Unternehmen am Hellespont, den Perserkrieg weiter zu führen.[79] Im Gegensatz zu ihnen verpflichteten sich die Athener gegenüber den ionischen Gemeinden zu dauerhaftem militärischen Schutz.[80] Letztlich unterschied die Athener von den Spartanern nicht die Beurteilung der Situation, sondern die Entscheidung für die durchzuführenden Maßnahmen.[81]

H.D. Meyer geht im Gegensatz zu Petzold davon aus, dass die Athener zunächst für eine Umsiedlung eingetreten sind, dann aber plötzlich ihre Haltung geändert hätten.[82] Hierbei hat Meyer vermutlich die Stelle in Diodors Bericht vor Augen, in welcher dieser schreibt, Xanthippos sei ursprünglich für den Umsiedlungsplan eingetreten und erst nach einem Stimmungsumschwung hätten die Athener schließlich dem Plan widersprochen. Bemerkenswert ist, dass im Gegensatz dazu Herodot den Athenern von Anfang an den Widerspruch gegen den Umsiedlungsplan zuschreibt.[83] Tendenziell ist aufgrund der zu Beginn bewerteten historischen Glaubwürdigkeit der Quellen eher dem Bericht Herodots zu folgen, nicht zuletzt auch deswegen, da Smarczyk ebenfalls zu dem Ergebnis kommt, dass die „(…) Stichhaltigkeit der genannten Elemente bei Diodor …starken, sachlich begründeten Zweifeln [unterliegt].“[84]

Besonders hervorzuheben ist- vor allem in Bezug auf Athens Entscheidung für die ionischen Gemeinden den Umsiedlungsplan betreffend- noch einmal das besondere Verhältnis der Athener zu den ionischen Gemeinden, welches im Wesentlichen mitbestimmend für die auf der Konferenz gefallene Entscheidung war. Athen widersprach dem Umsiedlungsplan laut Herodot mit der Begründung, die Peloponnesier hätten nicht über das Schicksal der Ionier zu beraten, weil die ionischen Gemeinden „athenische Pflanzstädte“ seien. Smarczyk konstatiert, dass der Anspruch der Athener darauf, Mutterstadt der Ionier zu sein, früher zurück ginge als zur zeit der Gründung des Seebundes. Der Glaube an eine Herkunft von Athen trage Wurzen in der während „(…) der Archaik geläufigen Tradition über eine Besiedlung der kleinasiatischen Westküste durch die Griechen.“[85] Bereits nach der Schlacht am Artemision ist im Bericht Herodots Hinweise dazu zu finden, dass sich die Athener der Stammesverwandtschaft zu den Ioniern bewusst waren und diese ihnen gegenüber auch offen bekundeten.[86]

Fest steht, dass sich die Athener mit dieser Aussage als Mutterstadt der Ionier darstellten. Aus dieser Tatsache ziehen sie die Legitimation für ihr eingelegtes Veto[87] auf der Samoskonferenz, denn nicht zuletzt hätte die Durchführung dieser Umsiedlung bedeutet, dass „(…) Sparta als Hegemon der vereinigten Griechen anstelle Athens zur Metropolis der ionischen Kolonisten geworden [wäre].“[88] Denn betrachtet man die Denkweise, mit welcher scheinbar an den Umsiedlungsplan bei der Ausarbeitung herangegangen war, fällt hierbei besonders das Kategorie denken in Form von Koloniegründungen auf, welche letztlich ja auch die Lösung des Problems sein sollten.[89]

[...]


[1] Thukydides lebte von ca. 460/50 v. Chr. bis ca. 400 v. Chr.

[2] Vgl. Badian, E.: From Plataea to Potidaea. Studies in the History and Historiography of the Pentecontaetia, Baltimore, London 1993, 75.

[3] Badian, 76.

[4] Welwei, K.- W.: Das klassische Athen. Demokratie und Machtpolitik im 5. und 4. Jahrhundert, Darmstadt 1999, 82.

[5] Hier und im Folgenden immer vor Christus.

[6] Welwei (1999), 54; Vgl. Bengtson, H.: Die Staatsverträge des Altertums, Bd. 2, München, Berlin 1962, 29.

[7] Vgl. dazu Hdt. 7, 148; ebenso Heuß, A.: Stadt und Herrscher des Hellenismus in ihren staats- und völkerrechtlichen Beziehungen, Klio Beiheft 39, Leipzig 1937 (Neudruck Aalen 1963), 8: Für Heuß ist es des Weiteren „unbestreitbar“, dass „(…) die völkerrechtliche Grundlage des attischen Seebundes an dem Hellenenbund von 480 abzulesen [sei].“ ( Vgl. Heuß (1963), 10).

[8] Petzold, K.- E.: Die Gründung des Delisch- Attischen Seebundes I, in: Hist. 42 (1993), 418- 443, 426 und siehe dazu auch Hdt. 7, 148.

[9] Siehe Hdt. 7, 145, 2 und dazu Welwei (1999), 54.

[10] Hdt. 7, 145; Vgl. dazu auch Brunt, P. A.: Hellenic League Against Persia, in: Hist. 2 (1953/54), 135-163, 136.

[11] Vgl. dazu Petzold (1993), 426.

[12] Heuß (1963), 9.

[13] Vgl. Meyer, H. D.: Vorgeschichte und Begründung des Delisch- Attischen Seebundes, in: Hist. 12 (1963), 405- 446, 407; siehe weiter dazu Brunt, 138 f.

[14] Meyer, H. D. (1963), 407.

[15] Ebd., 408.

[16] Meyer, H. D. (1963), 408 f.

[17] Vgl. Petzold (1993), 427.

[18] Meyer, H. D. (1963), 407.

[19] Hdt. 8, 2, 2- 3, 1; siehe dazu auch 24, 54. und Meyer, H. D. (1963), 405.

[20] Parallel zu den Ereignissen rund um die Gründung des Hellenenbundes vollzog sich im Frühsommer des Jahres 480 in Athen ein entscheidendes Ereignis: Aufgrund des Mangels an wirklich qualifizierten Führungspersönlichkeiten zum Kampf gegen die Perser beschloss die athenische Volksversammlung, verbannte und ostrakisierte Bürger (außer der Peisistratiden) zu amnestieren. So kehrten denn auch Aristeides und Xanthippos auf die politische Bühne zurück (Vgl. dazu Welwei (1999), 56).

[21] Laut Hdt. 7, 172 f.

[22] Welwei (1999), 54; Vgl. auch Brunt, 58.

[23] Welwei (1999), 56.

[24] Diod. 11, 2- 11/ 26, 2.

[25] Meyer, H. D. (1963), 410.

[26] Hdt. 7, 175 f.

[27] Arist. Ath. Pol. Them. 7.

[28] Vgl. Meyer, H. D. (1963), 406 f.

[29] Ebd., 408.

[30] Ebd., 410.

[31] Meyer, H. D. (1963), 410. Besonders deutlich wurde später dieser Kurs Athens, als diese das persische Bündnisangebot (nach Salamis) ablehnten (Vergleiche dazu Hdt. 8, 140 ff.).

[32] Da der Schwerpunkt der vorliegenden Arbeit nur auf der Darstellung der Ereignisse, deren Verlauf und Ergebnisse entscheidende für die Fragestellungen sind, liegt, soll an dieser Stelle auf eine ausführliche Darstellung des Kriegsverlaufes nach den Schlachten bei Artemision und den Thermophylen verzichtet werden.

[33] Hdt. 8, 42.

[34] Welwei (1999), 63.

[35] Petzold (1993), 425.

[36] Hdt. 8, 96.

[37] Petzold (1993), 427.

[38] Hdt. 8, 108; Vgl. dazu auch Petzold, Karl- Ernst: Die Gründung des Delisch- Attischen Seebundes II, in: Hist. 43 (1994), 1- 31, 4.

[39] Vgl. Welwei (1999), 67.

[40] Hdt. 8, 97.

[41] Hdt. 9, 25 ff.

[42] Vgl. Schubert, C.: Athen und Sparta in klassischer Zeit, Stuttgart 2003, 46.

[43] Hdt. 9, 15- 85.

[44] Vgl. ATL III, 187 f.

[45] Meyer, H. D. (1963), 411.

[46] Plut. Arist. 21.

[47] Vgl. Meyer, H. D. (1963), 412; Des Weiteren sieht Meyer in der Wiederaufnahme und Weiterführung des Krieges gegen die Perser zur See einen geplanten Weg Athens zur Macht (siehe Seite 410).

[48] Meyer, H. D. (1963), 412.

[49] Vgl. auch Raaflaub, K.: Beute, Vergeltung, Freiheit? Zur Zielsetzung des Delisch- Attischen Seebundes, in: Chiron 9 (1979), 1- 22, 13.

[50] Meyer, H. D. (1963), 412 f.

[51] Meyer, H. D. (1963), 413.

[52] Hdt. 8, 111 ff.

[53] Petzold (1993), 425.

[54] Hdt. 8, 111-112.

[55] Vgl. Welwei (1999),66 und Kiechle, F.: Athens Politik nach der Abwehr der Perser, HZ 204 (1967), 265- 304, 271 f.

[56] Vgl. Meyer, H. D. (1963), 410; Kiechle, 241 geht davon aus, dass sich Themistokles dessen bewusst war, dass „(…) die von ihm geschaffene Flotte nach 480 nur durch Heranziehung der Finanzkraft anderer bestehen bleiben konnte.“

[57] Meyer, H. D. (1963), 410.

[58] Petzold (1993), 425.

[59] Ebd. (1993), 426.

[60] Meyer, H.D.: Abfall und Bestrafung von Bündnern im Delisch- Attischen Seebund, in: HZ 191 (1961), 497- 509, 498.

[61] Raaflaub, 13.

[62] Meyer, H. D. (1963), 413 , auch so McGregor, M. F. /Meritt, B.D. /Wade- Gery, H. T.: The Athenian Tribute Lists (ATL) , Bd. 3, Cambridge (Mass.), Princeton 1950, 187.

[63] Meyer, H. D. (1963), 413 f.

[64] Ebd., 414.

[65] Hdt. 8, 131 ff.

[66] Petzold (1994), 23.

[67] Meyer, H. D. (1963), 414 f.

[68] Smarczyk, B.: Untersuchungen zur Religionspolitik und politischen Propaganda Athens im Delisch- Attischen Seebund, Quellen und Forschungen zur Antiken Welt, Bd. 5, München 1990, 414; Petzold (1993), 432.

[69] Smarczyk (1990), 407.

[70] Smarczyk (1990), 407.

[71] Gemeint sind mit dieser Bezeichnung die Perser.

[72] Siehe dazu auch Petzold (1994), 29.

[73] Meyer, H. D. (1963), 416.

[74] Vgl. Ebd., 416.

[75] Ebd., 416.

[76] Hdt. 9, 106, 2; Kiechle, 267.

[77] Smarczyk (1990), 408.

[78] Petzold (1993), 432; Vgl. dazu auch Larsen, J. A. O.: The Constitution and Original Purpose of the Delian League, HStClPh 51 (1940), Studies Ferguson, 175- 213, 181.

[79] Zur Haltung der Peloponnesier beim Hellespontunternehmen siehe Petzold (1993), 433.

[80] Meyer, H. D. (1991), 498.

[81] Kiechle, 268.

[82] Meyer, H. D. (1963), 416 ff.; Petzold (1993), 432: Petzold geht also davon aus, dass die Athener von Anfang an nicht mit dem Umsiedlungsplan einverstanden gewesen seien.

[83] Diod. 11, 37, 1 ff.; im Gegensatz dazu siehe Hdt. 9, 106, 3.

[84] Vgl. Smarczyk (1990), 414; siehe dazu auch Seite 416, wonach Smarczyk erneut zu dem Ergebnis kommt, dass Diodors „tendenziöse Dramatisierung der Ereignisse“ dessen Bericht weniger glaubwürdig erscheinen lässt.

[85] Vgl. Smarczyk (1990), 371 f.

[86] Hdt. 8, 22, 1.; Vgl. dazu auch Smarczyk, B.: Religion und Herrschaft: Der Delisch- Attische Seebund, in: Saeculum 58 (2007), 205- 228, 208.

[87] Smarczyk (1990), 407.

[88] Vgl. Petzold (1993), 429 und Diod. 11, 37, 3.

[89] Petzold (1993), 429.

Details

Seiten
80
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656320005
ISBN (Buch)
9783656320524
Dateigröße
942 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v203128
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden
Note
2,0
Schlagworte
Athen Seebund Delisch- Attischer Seebund Athen Bundeskasse

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Titel: Die Entwicklung der Herrschaft der Athener im Ersten Delisch-Attischen Seebund von der Gründung bis zur Verlegung der Bundeskasse nach Athen (478/77 v. Chr. bis 454 v. Chr.)