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Mögliche Berufsausbildungswege für gehörlosen Jugendlichen mit Rehabilitationsantrag und unterschiedlichen Schulabschlüssen

Bachelorarbeit 2010 53 Seiten

Pädagogik - Berufserziehung, Berufsbildung, Weiterbildung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2. Gesetzliche Grundlagen

3. Begriffsbestimmungen
3.1 Rehabilitation, Rehabilitationseinrichtungen und Rehabilitationsberater
3.2 Gehörlos
3.3 Berufsbildungswerk (BBW)
3.4 Berufsvorbereitungsjahr (BVJ)
3.5 Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahmen (BvB)
3.6 Arbeitserprobung/ Berufsfindung

4. Erste Schritte zur Berufswahl
4.1 Berufswahlunterricht bzw. Berufsorientierung an den Schulen
4.2 Berufsberatung

5. Die fünf Schemata zur Darstellung der Berufsbildung von Gehörlosen mit Rehabilitationsantrag und unterschiedlichen Schulabschlüssen
5.1 BVJ und Eignungsfeststellung
5.2 Wege in die Ausbildung für Gehörlosen ohne Schulabschluss
5.2.1 Häufigere Ausbildungswege
5.2.2 Seltenere Ausbildungswege
5.2.3 Theoriereduzierte Ausbildung
5.3 Wege in die Ausbildung für Gehörlosen mit Förderschulabschluss und gleichwertigen Abschlüssen
5.4 Wege in die Ausbildung für Gehörlosen mit Hauptschulabschluss
5.4.1 Häufigere Ausbildungswege
5.4.2 Seltenere Ausbildungswege
5.4.3 Ausbildungswege, die nicht möglich sind oder unwahrscheinlich
5.5 Wege in die Ausbildung für Gehörlose mit Realschulabschluss
5.6 Wege in die Ausbildung oder ins Studium für Gehörlose mit Abitur
5.6.1 Wege in die betriebliche Ausbildung für Gehörlose mit Abitur

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis
7.1 Monographien
7.3 Internetquellen
7.4 Interview

8. Anhang

1.Einleitung

Eine wichtige Entscheidung für den zukünftigen beruflichen Werdegang trifft der Jugendliche nach seiner schulischen Ausbildung. Es gibt je nach Schulabschluss verschiedene Möglichkeiten. Ich werde mich diesbezüglich auf die beruflichen Ausbildungsmöglichkeiten nach der Schule von gehörlosen jungen Menschen mit Rehabilitationsantrag beziehen.

Mich interessiert das Thema, weil ich auf Grund des Berufes meines Vaters und auf Grund von eigenen Erfahrungen früh Interesse für die Gehörlosenpädagogik entwickelte. Das Studium und die Spezialisierung auf dem Gebiet der Berufsbildung ermöglichen mir, dieses Interesse wissenschaftlich zu vertiefen. Des Weiteren warf es für mich die wichtige Frage auf, welche Bildungswege eigentlich Gehörlose haben, die mit unterschiedlichen Schulabschlüssen und mit Hilfe der Rehabilitation in die Arbeitswelt integriert werden wollen.

Wenn in diesem Zusammenhang von „Rehabilitation“ gesprochen wird, handelt es sich nicht um die Eingliederung von Kriminellen in die Gesellschaft, sondern es handelt von gehörlosen Jugendlichen, die ohne die Hilfe der Arbeitsagentur, in der für sie doch befremdlichen hörenden Arbeitswelt, nicht integriert werden könnten. Dies wird jedoch noch ausführlicher im Kapitel 3.1 erläutert.

Nach Angaben des deutschen Gehörlosen-Bundes leben knapp 80.000 gehörlose Menschen in Deutschland, wobei die Zahl der Schwerhörigen weitaus höher ist (vgl. Schulz 2009, S. 28). Obwohl die Gehörlosen zu einer eher kleinen Gruppe der Menschen mit Handicap gehören, sollte die Wissenschaft auch hier tätig sein. Tatsache ist jedoch, dass es seit zwanzig Jahren keine wissenschaftlichen Studien über diese Personengruppe in der Arbeitswelt gibt. Vetter bezeichnet es daher auch als “Stiefkind der Bildungsreform” (Vetter 1982, S. 5). Des Weiteren bemängelt er den fehlenden Stellenwert, den die Wissenschaft der beruflichen Bildung Behinderter zukommen lässt und die Unterstützung der Bedeutung die berufliche Bildung für die Lebensgestaltung der Behinderten (vgl. Vetter 1982, S. 6). Hier zeigt sich eine große Forschungslücke, wie man auch an den wissenschaftlichen Quellen erkennen kann, die vor mehr als zwanzig Jahren veröffentlicht wurden. Mein persönlicher Kontakt zu Sonderschullehrern und den Berufsbildungswerken (BBW) bestätigt meine Vermutung, dass es durchaus Forschungsbedarf gibt, vor allem im Bereich der Berufsbildung. Dies zeigt sich an den mangelhaften und veralteten Quellen zu diesem Thema. Die große Nachfrage bei den zu meist hörenden Eltern über die Möglichkeiten ihres gehörlosen Kindes nach der Schule spricht zusätzlich für diese Notwendigkeit. Demnach besitzen die gehörlosen Schüler und ihre Eltern eine schlechte Orientierung in Sachen Bildungswege. Jedoch welche Möglichkeiten haben gehörlose Jugendliche nach ihren Schulabschlüssen? Welche Ansprüche sie haben und welche Möglichkeitsstruktur sie besitzen, soll der Inhalt dieser Arbeit sein. Dabei werden selbst entwickelte Schemata verwendet, die es den Betroffenen einfach machen sollen, die unterschiedlichen Bildungswege von Gehörlosen nach den Schulabschlüssen nachzuvollziehen. Die eingeschränkte freie Wahl des Ausbildungsweges nach der Schule, lässt nichts desto trotz unterschiedlichen Möglichkeiten offen, die sich von Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahmen (BVB) über Arbeitserprobung, Berufsorientierung, Berufsbildungswerke und weiterführende Schulen erstrecken können und in eine berufliche Ausbildung münden. Dies hängt jedoch von den Schulabschlüssen, der persönlichen Eignung, dem Charakter und der Ausbildungsreife ab.

Anders als bei nicht gehörlosen Jugendlichen, die im Begriff stehen nach dem Schulabschluss in ein Arbeitsverhältnis zu gehen, müssen gehörlose Jugendliche dabei unterstützt werden. Sie benötigen diese Hilfe, da Gehörlose ihre eigene Kultur haben, jedoch in der „hörenden“ Welt arbeiten sollen. Dies stellt sie zu Meist vor eine Aufgabe, die unmöglich alleine bewältigt werden kann. Diese Unterstützung, die sie erhalten können, wird Rehabilitation genannt.

Doch bevor überhaupt eine Rehabilitationsmaßnahme in Kraft treten kann, müssen die notwendigen Voraussetzungen stimmen, die in Gesetzen festgeschrieben wurden. Gleichzeitig befinden sich in diesen Gesetzen Regelungen zur Unterstützung für behinderte Menschen, die in das Arbeitsleben integriert werden sollen. Bevor die gesetzlichen Grundlagen nicht erwähnt und beschrieben wurden, kann keine Erläuterung der Ausbildungswege und Rehabilitation von Gehörlosen in die Arbeitswelt erfolgen. Demnach wird im Kapitel zwei ein kurzer Auszug aus den wichtigen gesetzlichen Grundlagen folgen.

Um ein einheitliches Vorwissen für das Verständnis zur Arbeit zu schaffen, werden im Kapitel drei die Begriffe der „Rehabilitation“ (mit „Rehabilitationseinrichtungen“ und „Rehabilitationsberater“), „Gehörlos“, „Berufsbildungswerke“, „Berufsvorbereitungsjahr“, „Arbeitserprobung“ mit „Berufsfindung“ und „Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahmen“ genauer beschrieben. Dabei ist es wichtig, diesen Definitionen eine große Bedeutung zukommen zu lassen. Es wird jeweils nicht nur der Begriff erklärt, sie enthalten ferner bereits wichtige Zusammenhänge, die für die Betrachtung der anschließenden Schemata notwendig sind.

Wie die ersten Schritte in die Arbeitswelt getätigt werden, die noch nicht zu den eigentlichen Rehabilitationsmaßnahmen zählen, ist ebenfalls von Bedeutung. Diese schulischen Maßnahmen überschneiden sich teilweise schon mit denen der Agentur für Arbeit und sollten, bei reibungslosem Ablauf, in eine Rehabilitationsmaßnahme der Agentur fließend übergehen.

Nachdem die Grundlagen in den vorherigen Kapiteln bereits gelegt wurden, soll mit dem Kapitel vier der Berufswahlunterricht und die Berufsberatung des Rehabilitationsberaters genauer beschrieben werden. Es ist für die gehörlosen Jugendlichen von großer Bedeutung, sich früh mit der “hörenden” Arbeitswelt zu befassen, da sie in dieser „hörenden“ Welt leben und ihr Lebenseinkommen dort bestreiten sollen. Gehörlose neigen dazu, sich in ihrer eigenen Welt zurück zu ziehen. Sie leben quasi in der Gehörlosenwelt mit ihrer eigenen Kultur und parallel in der „hörenden“ Welt. Damit sie sich so wenige wie möglich in die Gehörlosenwelt zurückziehen, muss der Berufswahlunterricht den Schülern die große Bedeutung des Arbeitens in der „hörenden“ Welt aufzeigen.

Im Kapitel fünf wird ausführlicher, anhand von selbst entworfenen Bildungswegschemen, die Möglichkeiten aufgezeigt, die jugendliche Gehörlose mit Rehabilitationsantrag nach ihrer Schulzeit und abhängig von ihren Schulabschlüssen, haben, um in das Arbeitsleben integriert zu werden. Um ein einheitliches Verständnis zu erreichen wird jedes dieser Schemata genauer erläutert. Es handelt sich hier um das Hauptthema und den Kernpunkt dieser Arbeit. Gerade weil es bisher keine aktuellen Forschungen gibt, wird dieses Kapitel die ersten Schritte in Richtung Forschung gehen und wird daher einen sehr hohen Stellenwert einnehmen.

In diesem Kapitel wird weiterhin ausführlicher auf die Aufgaben und Gebiete der Berufsbildungswerke eingegangen, die einen sehr großen Anteil an der Ausbildung von gehörlosen Jugendlichen haben.

Um eine vollständige Übersicht zu geben, werden weiterhin die Bildungswege erwähnt, die unter verschiedenen Umständen in der Rehabilitation vorkommen und beachtet werden müssen, jedoch von der Agentur selbst nicht gefördert oder unterstützt werden. Dazu zählen zum Beispiel Gehörlose, die ihre Vollzeitschulpflicht noch mit einer BVJ-Maßnahme (Berufsvorbereitungsjahr) erfüllen müssen, die ihr Abitur machen wollen oder ein Studium beginnen.

Im Kapitel sechs werden alle wichtigen Erkenntnisse zusammengefasst und zu einem Fazit formuliert. Dieses Fazit soll jedoch nicht das Ende der wissenschaftlichen Forschung werden, sondern anregen, sich mehr mit diesem Thema zu befassen und dafür zu sorgen, dass die Berufsbildung von Gehörlosen keine Grauzone der Wissenschaft bleibt.

2. Gesetzliche Grundlagen

Im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland steht unter der Überschrift der Grundrechte im Artikel 3 Absatz 3, dass niemand „ wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.

Dies bedeutet demnach, dass behinderte Menschen und somit auch Gehörlose, die Möglichkeit bekommen sollen, sich in die Arbeitswelt der „Hörenden“ zu integrieren und das das Handicap nicht benachteiligt sind. Wenn es ihnen auf Grund der Behinderung die Integration alleine nicht möglich ist, müssen Maßnahmen ergriffen werden, die es ihnen zumindest ermöglichen. Diese Hilfe bekommen gehörlose Menschen unter anderem über die Agentur für Arbeit in Form einer Rehabilitationsmaßnahme.

Um eine umfangreiche Rehabilitation von Gehörlosen zu gewährleisten, sind gesetzliche Grundlagen von Nöten. Darin festgelegt sind ebenfalls Unterstützungen für Gehörlose, die sich auf dem Weg oder bereits im Arbeitsleben befinden. Darunter ist das 9. Sozialgesetzbuch eines der einschlägigsten Gesetze. Es lässt sich in zwei Bereiche teilen. Im ersten Teil befindet sich das Behindertenrecht, welchen in acht Kapiteln die Regelung für Behinderte und die von Behinderung bedrohte Menschen beinhalten. Im zweiten Teil des 9. Sozialgesetzbuches befinden sich in vierzehn Kapiteln die Regelungen für die Teilhabe von Schwerbehinderten. Dieser zweite Teil ersetzt das frühere Schwerbehinderten-Gesetz (Abkürzung: SchbG) (vgl. Marks 2010, S. 2 Zeile: 41-45).

Der erste Paragraph, der genauer erörtert wird ist der Paragraph 2 des 9. Sozialgesetzbuches. In diesem Abschnitt wird erst einmal festgelegt was Behinderung eigentlich bedeutet. Dies bildet die Grundlage der weiteren Hilfen. Wenn dieser Paragraph nicht zutrifft, kann keine weitere Rehabilitationsmaßnahme zum Tragen kommen (vgl. Marks 2010, S. 2 Zeile: 48-51). Darin heißt es im Abs. 1:

Menschen sind behindert, wenn ihre körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweichen und daher ihre Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt ist. Sie sind von Behinderung bedroht, wenn die Beeinträchtigung zu erwarten ist (BIH, S. 14).

Das bedeutet, dass ein Mensch als behindert gilt, wenn er körperlich, geistig oder seelisch geschädigt ist und es für sein alter untypisch ist. Diese Behinderung hindert ihn, zum Beispiel am Arbeitsleben, teilzunehmen.

Für diese schriftliche Arbeit gilt demnach, dass es gehörlose Jugendliche sind, die länger als sechs Monate mit der Fehlfunktion des Körpers, dem Ohr, leben müssen. Wenn dies zutrifft, gilt diese Person als behindert und darf die Hilfe der Rehabilitation in Anspruch nehmen.

Im zweiten Teil des Sozialgesetzbuches 9 ist unteranderem auch die Regelung des Integrationsfachdienstes und der Agentur für Arbeit festgelegt (§§101-115).

Ein weiterer wichtiger Paragraph ist ebenfalls im Sozialgesetzbuch 9 zu finden. Es handelt sich hierbei um §33, der sich mit den „Leistungen zu Teilhabe am Arbeitsleben“ gefasst (vgl. BIH, S. 45).

Zur Teilhabe am Arbeitsleben werden die erforderlichen Leistungen erbracht, um die Erwerbsfähigkeit behinderter oder von Behinderung bedrohter Menschen entsprechend ihrer Leistungsfähigkeit zu erhalten, zu verbessern, herzustellen oder wiederherzustellen und ihre Teilhabe am Arbeitsleben möglichst auf Dauer zu sichern (BIH, S.45).

Die „Leistung zur Teilhabe am Arbeitsleben“ dient laut Definition demnach dazu, die Beeinträchtigung der behinderten Menschen durch Hilfen des Integrationsfachdienstes aufzuwiegen, so dass sie gemäß ihrer Fähigkeiten am Arbeitsleben weiter teilhaben können.

Welche besonderen Leistungen dabei gewährleistet werden, ist im Kapitel 33 Absatz drei des 9. Sozialgesetzbuches umfassend beschrieben. Jedoch wird auf Grund des ausschweifenden Umfanges dieser Leistungen, hier auf eine Aufzählung verzichtet.

Das Sozialgesetzbuch 9 ist das übergeordnete Gesetzbuch und wird durch nachgeordnete Sozialgesetzbücher erfüllt. In einem Abschnitt des Interviews mit dem Rehabilitationsberater in Hamburg, wird deutlich, dass das Arbeitsförderungsrecht im Sozialgesetzbuch 3 ebenfalls eine wichtige Rolle spielt (vgl. Marks 2010, S. 8 Zeile 278-286). Dieses Arbeitsförderungsrecht befasst sich mit den Ausbildungszuschüssen.

Zum Schluss dieses Kapitels wird das Sozialgesetzbuch 12 noch einmal kurz erwähnt, welches die Unterstützung des Fachamtes für Eingliederungshilfe beinhaltet. Es befasst sich mit der Grundsicherung, die vorrangig alle bekommen, die nicht arbeitsfähig sind, in Frührente gehen oder Sozialrentner sind. Zusätzlich unterstützt dieses jedoch auch den schulischen Bereich, bei dem die Zuständigkeit der Agentur für Arbeit endet. Alle schulischen Laufbahnen werden nicht von der Agentur gefördert. Jedoch greift an dieser Stelle die Hilfe der Fachämter für Eingliederungshilfe (vgl. Marks 2010, S. 1 Zeile: 15-21).

3. Begriffsbestimmungen

Hintergrundinformationen für diese Arbeit sind unablässig und Voraussetzung für einen guten Überblick. Daher werden hier die wichtigen Begriffe kurz zusammengefasst und ein Basiswissen geschaffen, welches das Verständnis dieser Arbeit schärfen soll.

3.1 Rehabilitation, Rehabilitationseinrichtungen und Rehabilitationsberater

Rehabilitation beschreibt einen langwierigen und in mehreren Phasen aufgeteilten und übergreifenden Ablauf. Eine Phase ist die schulische Rehabilitation, bei dem Kindern mit Handicap, gemäß ihren Fähigkeiten Wissen vermittelt werden soll. Eine weitere Phase ist die soziale Rehabilitation, die die Eingliederung in die Gesellschaft ermöglichen soll. Die Phase der medizinisch-beruflichen Rehabilitation ist jene, auf der das Augenmerk der Arbeit liegt und soll neben einer medizinischen Rehabilitation, mit Maßnahmen “ zur Teilhabe am Arbeitsleben begonnen werden“ (Herdmann 2004, S. 33). Das Ziel einer beruflichen Rehabilitationsmaßnahme ist es, die Behinderten, mit Hilfe von arbeits- und berufsfördernden Maßnahmen in die Arbeitswelt zu integrieren (vgl. Herdmann 2004, S. 33). In die Rehabilitationsmaßnahme wird nur derjenige aufgenommen, der auf Grund, der Art und der Schwere der Behinderung besondere Hilfe benötigt und hier gefördert wird.

Rehabilitation meint somit alle Tätigkeiten, die notwendig sind, um Behinderte in das Berufsleben einzugliedern (vgl. Schuler 2008, S. 18).

Um eine finanzielle Unterstützung über die Arbeitsagentur zu erhalten, ist jedoch von Nöten einen „Antrag auf Leistung zu Teilhabe am Arbeitsleben“ zu stellen. Dieser Antrag wird umgangssprachlich auch als Reha-Antrag bezeichnet. Die Ämter, die über diesen Antrag entscheiden, werden Reha-Träger genannt, welche bei jugendlichen Behinderten mit Ausbildungsplatzsuche, zu meiste die Arbeitsagenturen sind (Herdmann 2004, S. 29).

Zur Förderung der Rehabilitation gibt es einige Rehabilitationseinrichtungen. Reha-Einrichtungen sind die Werkstätten für behinderte Menschen, die Berufsförderungswerke, die Berufsbildungswerke und eine Vielzahl andersartiger Reha-Einrichtungen (vgl. Herdmann 2004, S. 33). Das Bildungsangebot dieser Einrichtungen muss den Handicaps und Voraussetzungen der Behinderten entsprechen und zusätzlich auf die ständigen Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt eingehen (vgl. Herdmann 2004, S. 33). Die ganzheitliche Betreuung gewährleisten die Fachdienste (medizinisch, psychologisch, sozialpädagogisch).

Berufsberater der Agentur für Arbeit, die auf die Betreuung und Beratung von Jugendlichen mit Behinderung spezialisiert sind, nennt man Rehabilitationsberater oder auch Reha-Berater (vgl. Schuler 2008, S. 18). Sie haben die Aufgabe, bei der Ausbildungsplatzsuche zu helfen und beraten. Meistens gehen diese Rehabilitationsberater im Auftrag der Agentur an die Sonderschulen oder Integrationsschulen in der 8. und /oder 9. Klasse. Selbstverständlich können auch Beratungstermine bei ihnen gemacht werden, bei denen dann der betroffene Jugendliche, die Eltern und auch der Lehrer teilnehmen können. Bei diesen Gesprächen sollen Fähigkeiten und Interessen des behinderten Jugendlichen fokussiert werden, die wiederum in die Ausbildungsvorschläge einbezogen werden (können).

Wichtig ist, dass sie die Wünsche abwiegen, da nicht jeder Ausbildungswunsch mit ihren Fähigkeiten und Handicaps möglich ist. Dennoch sollte versucht werden, dem Wunsch so weit wie möglich gerecht zu werden. In der Regel beauftragt der Rehabilitationsberater den medizinischen oder psychologischen Dienst ein Gutachten über den behinderten Jugendlichen zu erstellen (vgl. Schuler 2008, S. 18).

3.2 Gehörlos

Selbst in der Fachliteratur zeichnen sich Probleme der genauen Abgrenzung von „hörgeschädigt“, „hörsprachbehindert“, „taub“, „prälingual und postlingual ertaubt“, und „schwerhörig“ ab, die eine genaue Definition nicht zulassen.

Diese Begriffe werden als Synonym verwendet und beschreiben lediglich den Grad und Zeitpunkt des Hörverlustes genauer. Die genauere Einteilung gestaltet sich aufgrund der fließenden Übergänge zwischen den Gruppen schwierig.

Für diese Arbeit soll die Definition nach Jusse verwendet werden, die die Bundesanstalt für Arbeit in ihrer Beschreibung gleichermaßen gebraucht.

Als gehörlos geltende Menschen, die infolge einer hochgradigen Schädigung ihres Gehörs vollständig taub sind oder nur über geringe Hörreste verfügen (Herv.i.Org) (Rausch 2002,zit.n. Jussen 1994, S. 93).

Basierend auf einer funktionalen Erkenntnis bezeichnet der Begriff „gehörlos“, auf Englisch „deaf“, eine beim Menschen begrenzte auditive Wahrnehmung.

Diese fehlende oder stark verminderte Aufnahme von Lautsprache über das Ohr und der eventuellen frühen Höreinschränkung vor dem Erwerb der Lautsprache sorgt dafür, dass die natürliche Sprachentwicklung stark beeinträchtigt oder verhindert wird (vgl. Schulz 2009, S. 28).

Dennoch ist anzumerken, dass es sich hierbei nicht um einen kompletten Verlust der Hörfähigkeit handelt, die jedoch für die übliche Sprachentwicklung nicht ausreicht. Gehörlose Menschen sind für die Verständigung somit auf die Zeichensprache angewiesen, die auch Gebärdensprache genannt wird (vgl. Schulz 2009, S. 28).

3.3 Berufsbildungswerk (BBW)

Berufsbildungswerke sind Rehabilitationseinrichtungen, die die berufliche Erstausbildung für Kinder und Jugendliche übernehmen, die auf besondere Hilfe angewiesen sind (auf Grund des vorhandenen Handicaps) (vgl. Vetter 1982, S. 33). Es gibt Berufsbildungswerke für Lernbehinderte, Sinnesbehinderte, Körperbehinderte, psychisch Behinderte und Mehrfachbehinderte (vgl. Bundesministerium für Arbeit und Soziales 2008, S. 13). Eine Anmeldung erfolgt nur über den Rehabilitationsberater der Arbeitsverwaltung, welcher für dieses Kind zuständig ist. Dieser Berater gehört meist zu der Agentur für Arbeit, der am jeweiligen Wohnort des Kindes einen Sitz hat (vgl. Bundesministerium für Arbeit und Soziales 2008, S. 13). Wichtig ist, dass diese Ausbildungsmöglichkeit in den Berufsbildungswerken nur möglich ist wenn die Art und Schwere der Behinderung die besonderen Hilfen einer Rehabilitationseinrichtung erfordert (vgl. Herdmann 2004, S. 37). Für eine Aufnahme benötigt man außerdem einen Eingliederungsvorschlag des Arbeitsamtes, ein ärztliches und psychologisches Gutachten, Schulzeugnisse, Lebenslauf und eine Kostenübernahmeerklärung des Reha-Trägers (vgl. Herdmann 2004, S. 37). Es wird in den Berufsbildungswerken in knapp 190 Berufen in industriellen, kaufmännischen, handwerklichen, landwirtschaftlichen oder hauswirtschaftlichen Bereichen ausgebildet (vgl. Bundesministerium für Arbeit und Soziales 2008, S. 12 und 14). Mit der Unterstützung und regelmäßigen Betreuung von den dort angestellten medizinischen, psychologischen und pädagogischen Mitarbeitern, die rund um die Uhr betreuen, gilt es, einen angestrebte Abschluss nach den Bestimmungen des Berufsbildungsgesetzes (BBiG) zu erhalten (vgl. Schulte 1985, S. 49-50).

Je nach Art und Schwere der Behinderung gelten entweder die regulären Ausbildungsordnungen für anerkannte Ausbildungsberufe (§§25BBiG/HwO) oder die besonderen Ausbildungsregelungen für junge Menschen mit Behinderungen (§66BBiG/§42m HwO) (Bundesministerium für Arbeit und Soziales 2008, S. 7).

Dadurch soll gewährleistet werden, dass behinderte Menschen, trotz ihres Handicaps nicht daran gehindert werden eine Ausbildung abzuschließen, zukünftig am Arbeitsleben teilzunehmen und nicht durch ihre Behinderung einen Nachteil erhalten.

Jedem der über 50 Berufsbildungswerke in Deutschland ist eine Berufsschule zugeordnet oder angegliedert (vgl. Herdmann 2004, S. 35-36). Durch diese Zusammenlegung von Werkstätten und Berufsschule, findet juristisch gesehen eine Art duale Ausbildung in den Berufsbildungswerken statt (vgl. Schulte 1985, S. 49-50). Das bedeutet, dass in den Berufsbildungswerken der Betrieb und die Berufsschule unter einem Dach sind (vgl. Vetter 1982, S. 33). Somit ist es möglich, dass die Lehrer und Ausbilder ihren Unterricht und Ihre Lehren aufeinander abstimmen (vgl. Vetter 1982, S. 33). Berufsbildungswerke sind gemeinnützige Rehabilitationseinrichtungen und erwirtschaften somit keinen Gewinn Das bedeutet wiederum, dass keine Ausbildungsvergütung stattfindet (vgl. Vetter 1982, S. 35). Daher fördert die Agentur für Arbeit diese Ausbildung und bezahlt sogar eine Ausbildungsvergütung (vgl. Bundesministerium für Arbeit und Soziales 2008, S. 12). Zusätzlich bieten die Berufsbildungswerke je nach Schulabschluss auch Maßnahmen zur Abklärung von beruflichen Eignungen an, Arbeitserprobung und berufsvorbereitende Förderungen (vgl. Franke 2001, S. 565).

Unter dem Dach der Berufsbildungswerke befindet sich neben dem Ausbildungsbereich (Berufsschulen und Ausbildungswerkstätten) und Fachdiensten (ärztlicher, psychologischer und sozialer Dienst), auch ein Wohnbereich (Internat, Wohngruppen) und ein Freizeitbereich mit Sportstätten und Freizeitangeboten. Diese Angebote sind notwendig, da eine Ausbildung in den Berufsbildungswerken meistens einen Ortswechsel nach sich zieht (vgl. Herdmann 2004 S. 36).

Die Berufsbildungswerke, die sich auf Gehörlose spezialisiert haben, befinden sich in Winnenden, Nürnberg, München, Leipzig, Neuwied, Husum und Neckargemünden (vgl. Reuchlein 2002). Eine Ausnahme bildet das Landesbildungszentrum in Hildesheim. Es wird nicht in der Liste der Berufsbildungswerke aufgezählt, da es auf Grund von Besonderheiten als Landesbildungszentrum geführt wird, dennoch ebenfalls Erstausbildungen von Gehörlosen vornimmt.

3.4 Berufsvorbereitungsjahr (BVJ)

Das Berufsvorbereitungsjahr wird meist nur als BVJ bezeichnet und ist eine klassische Form der schulischen Berufsausbildungsvorbereitung (vgl. BMBF 2006, S. 52).

Ziel ist es, die Jugendlichen in Berufsschulen oder Berufsbildungswerken auf die eigentliche Berufsbildung vorzubereiten. Für die Gestaltung dieses Berufsvorbereitungsjahres sind die einzelnen Bundesländer zuständig und unterscheiden sich dementsprechend (vgl. Vetter 1982, S. 26). An dieser Maßnahme nehmen behinderte Jugendliche teil, die die Hauptschulpflicht noch nicht erfüllt haben, die keinen Ausbildungsplatz gefunden haben, die nicht die Voraussetzung für die Berufsfachschule erfüllen, diejenigen die keinen Hauptschulabschluss haben, die sich persönlich nicht in der Lage fühlen, die eine weiterführende Schule zu besuchen oder die die andere schwerwiegende Probleme haben (vgl. BMBF 2006, S. 52). Sie werden hier in einem 10.Schuljahr unterrichtet (vgl. Vetter 1982, S. 26). Sie lernen in verkleinerten Klassen in einem Mix aus Theorie und Praxis, einige Berufsfelder kennen und können dort sogar ihren Hauptschulabschluss nachholen und in selteneren Fällen den Realschulabschluss (vgl. BMBF 2006, S. 53). Meist dauert das Berufsvorbereitungsjahr ein Jahr, jedoch haben einige Bundesländer auch zwei Jahre dafür geplant. Allgemein gesagt, ist das Berufsbildungsjahr dafür gedacht, dass Jugendliche mit Handicap ihre Ausbildungsreife erreichen (vgl. BMBF 2006, S. 52-53).

Teilweise ist diese Maßnahme umstritten, vor allem weil die BVJ-Teilnehmer als Schüler gesehen werden

weshalb sie, anders als die Teilnehmenden berufsausbildungsvorbereitender Bildungsmaßnahmen der Bundesagentur für Arbeit, keinen Anspruch auf die finanzielle Förderung (wie z.B. die Berufsausbildungsbeihilfe für Teilnehmende in BvB der Bundesagentur) haben (BMBF 2006, S. 53).

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Details

Seiten
53
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656305132
ISBN (Buch)
9783656307006
Dateigröße
769 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v203191
Institution / Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg
Note
2,2
Schlagworte
mögliche berufsausbildungswege jugendlichen rehabilitationsantrag schulabschlüssen

Autor

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