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Anwendbarkeit „Über Mehrsprachigkeit“ von Christ auf die Deutsche Gebärdensprache

Neue Argumente für einen bilingualen Unterricht für Gehörlose?

Hausarbeit 2012 21 Seiten

Pädagogik - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Grundlagen
2.1 Gehörlosigkeit
2.2 Sprache
2.3 Die Gebärdensprache
2.4 Gehörlosenkultur

3. Personen und ihre Sprache (erste Betrachtung Christ)
3.1 Muttersprache
3.2 Regularität
3.3 Der Gebrauch von Sprachen

4. Sprachkontakt und Sprachkonflikt (zweite Betrachtung Christ)
4.1 Sprachen in der Gesellschaft
4.2 Interkomprehension

5. Sprachpolitik und Ökonomie der Sprachen (dritte Betrachtung Christ)
5.1 Flexibilität
5.2 Auswärtige Sprachpolitik
5.3 Sprachpolitik im Inneren

6.) Fazit

7.) Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In meinem Seminar: „Interkulturalität als erziehungswissenschaftliches Forschungsfeld: Sprache(n) in der Diskussion: Theoretische Grundlagen und ein bildungspraktisches Problem in der Weltgesellschaft“ wurde die weltweit geführte Diskussion um Bildungssprachen aufgegriffen. Es ging dabei unter anderem um den Erhalt der Sprachen in einem multikulturellen Umfeld und um den Abbau von Bildungsbarrieren. Dabei wurden viele Beispiele und Problemkonstellationen vorgestellt. Wenn von Mehrsprachigkeit und Herkunftssprachen die Rede ist, wird dies zumeist mit Migranten in Verbindung gebracht. Mecheril und Quehl betrachten die Sprache beispielsweise unter dem Aspekt „Sprache und Macht“ (vgl. Mecheril/Quehl 2006, S. 355- 381). Dabei halten sie die Aussagen großteils allgemein und beanspruchen somit eine Gültigkeit für alle Sprachen, obwohl sie anhand von Beispielen auf Migranten hinweisen. Herbert Christ diskutiert in seiner Ausführung „Über Mehrsprachigkeit“ mit Blick auf verschiedene Zusammenhänge, ob personale Mehrsprachigkeit ein weiterführender Weg angesichts der faktischen Vielsprachigkeit der Gesellschaft ist. In seiner Argumentationsstruktur scheint ebenfalls kein Zweifel an der allgemeingültigen Anwendung zu bestehen und er bezieht seine Aussage auf. Ich persönlich bezweifle, dass die Autoren in ihren Ausführungen jegliche Sprache in Betracht gezogen haben. Es gibt noch andere, die in dieser multikulturell geprägten Gesellschaft existieren und auf Grund ihrer Minderheit unbeachtet bleiben. Sind gehörlose Menschen, die sich mit Hilfe von Gebärden unterhalten, nicht auch Teil der Gesellschaft und „sprechen“ und kommunizieren sie nicht ebenfalls in eine für uns fremde Sprache? Lassen sich die Aussagen von Christ auch auf die Sprache der Gehörlosen übertragen?

In der Gehörlosenpädagogik wird aktuell viel darüber diskutiert, ob ein bilingualer Unterricht, wie es im Hamburger Schulversuch[1] beschrieben wird, sinnvoll ist. Dabei wird ein jahrzehntelang geführter Methodenstreit[2] aufgegriffen, in dem es um die Frage nach der besten Kommunikationsform für Gehörlose geht. Dabei stehen Befürworter der Lautsprachmethode den Verfechtern der Gebärdensprache gegenüber.

Ich gehe davon aus, dass ich in meiner Arbeit Aspekte darstellen kann, die auch bezüglich dieses Streitfalls Lösungsansätze darstellen kann. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen beziehe ich mich bei der Gebärdensprache nur auf die anerkannte Deutsche Gebärdensprache (DGS).

Dazu beginne ich zunächst mit einem Kapitel, in dem ich mehre so Begriffe definiere, wie ich sie auffasse und wie ich sie zum Gegenstand der folgenden Diskussion mache. Ich halte dieses Kapitel für notwendig, da allein auf dieser Grundlage schon Uneinigkeit herrscht und in wissenschaftlichen Kreisen unter verschiedenen Definitionen diskutiert wird. Um einem Widerspruch entgegenzuwirken, werde ich klären, mit welchen Definitionen von „Gehörlosigkeit“, „Sprache“, „ Die Gebärdensprache“, und „Gehörlosenkultur“ in dieser Arbeit agiert wird. Die Gehörlosenkultur nimmt dabei einen besonderen Status ein. Zunächst soll erläutert werden, was sie beinhaltet und welche Komponenten sie so wertvoll machen. Die Diskussion um die „richtige Lehrmethode“ kann man ohne diesen Hintergrund nicht führen, da wir Hörenden uns sonst anmaßen würden, eine fremde Kultur ausreichend zu kennen. Wir liefen Gefahr, diese fremde Kultur mit der unseren gleichzusetzen.

Nachdem die Begriffe geklärt sind, werde ich in den Text „Über Mehrsprachigkeit“ einsteigen und entlang seiner Gliederung auf Personen und ihre Sprache eingehen. Innerhalb dieses Rahmens werden die Bedeutung der Muttersprache, die sprachliche Regularität und der Gebrauch von Sprache nach Christ mit der Sprache der Gehörlosen verglichen. Methodisch werde ich Kapitelweise vorgehen, den Inhalt von Christ' s Aussagen zusammenfassen und auf die Gebärdensprache assoziieren.

Im vierten Kapitel geht es um den Sprachkontakt und den Sprachkonflikt. Dabei spricht Christ die Sprache der Gesellschaft an, die sprechende Umgebung, die Sinnhaftigkeit der Sprachenteiligkeit und der Anwendbarkeit von Interkomprehension. Nachdem das kurz erläutert wurde, gehe ich abermals auf die Anwendbarkeit dieser Ausführungen auf die Gebärdensprache der Gehörlosen ein.

Im letzten von Christ angesprochenen Unterpunkt geht es um Sprachpolitik und um Ökonomie der Sprachen. Dabei kritisiert er die nur scheinbar vorhandene Flexibilität der Regierung. Zusätzlich beschreibt er Sprachpolitik im Inneren und auswärts. Anschließend diskutiert er die Ökonomie von Sprachen, die ich ebenfalls mit der Ökonomie der Gebärdensprache vergleichen werde.

Im Fazit werde ich die Anwendbarkeit der Aussagen von Christ auf die Gebärdensprache auswerten. Innerhalb der einzelnen Kapitel wurden Teile seiner Aussagen bereits überprüft und kritisiert. Diese gilt es im Fazit zusammenzufassen und ein Resümee zu ziehen. Dabei steht im Fokus, ob die erhoffte Wirkung der stärkeren Konturenschaffung für die Diskussion des bilingualen Unterrichts für Gehörlose, eingetroffen ist.

Die Literaturlage gestaltete sich umfangreich. Nicht zuletzt dank den Veröffentlichungen von wissenschaftlichen Arbeiten auf der Internetseite taubenschlag.de. Der Vergleichstext von Herbert Christ wurde zunächst im Unterricht besprochen und von der Dozentin zur Verfügung gestellt. Die Anzahl der aktuellen Literatur im Buchband ließ jedoch zu wünschen übrig.

2. Grundlagen

Wie bereits erwähnt, werden folgende Definitionen für ein einheitliches Grundverständnis sorgen. Im Fall der Gehörlosenkultur ist es besonders wichtig, das Verständnis besonders zu schärfen. Ein Hörender vermag es von sich aus nicht zu begreifen, welchen hohen Stellenwert diese eigene Kultur für die Gehörlosen hat. Nur hier wird der hörende Mitbürger Antwort auf die Frage finden, warum ausschließlich die Gebärdensprache ein vollwertiges Kommunikationsmittel für gehörlose Menschen sein kann. Nur hier wird er begreifen können, dass der Zwang zum Erlernen der Lautsprache den Zugang zum Wissen und somit zur Gesellschaft für gehörlose Menschen regelrecht verhindert. Leider ist es im engen Rahmen der Arbeit nicht möglich, diese sehr interessanten Fakten weiter zu thematisieren.

2.1 Gehörlosigkeit

Auf der Internetseite vom Deutschen Gehörlosen Bund e.V. wird Gehörlosigkeit zweierlei definiert. Zunächst aus medizinischer Sicht und dann auch Sicht der Gehörlosengemeinschaft. Medizinisch gesehen ist die Gehörlosigkeit über den Grad des jeweiligen Hörverlustes definiert. Gehörlos ist demnach ein Mensch, der im Bereich von 125Hz (Hertz) und 250Hz einen Hörverlust von mehr als 60dB (Dezibel), sowie im übrigen Frequenzbereich von mehr als 100 dB hat. Betrachtet man das aus der Sicht der Gehörlosengemeinschaft und somit aus der Sicht der Gehörlosen selbst, definiert sich die Gehörlosigkeit eher sprachlich und kulturell. Hörgeschädigte sind Hörbehinderte, dazu zählen Schwerhörige, Ertaubte und Cochlea Implantat-Träger (vgl. Leonhardt 1999, S. 20), die sich bevorzugt in Gebärdensprache miteinander unterhalten und sich zur Gehörlosenkultur zugehörig fühlen (vgl. Deutscher Gehörlosen Bund: Onlinequelle).

Meiner Ansicht nach ist die erste Definition zu sehr rein auf Funktionsstörung des Gehörs ausgerichtet und die Definition der Gehörlosengemeinschaft zu subjektiv abgrenzend ausgedrückt. Ich bevorzuge daher eine Beschreibung nach der Ausarbeitungen von Krüger (vgl. Krüger 1982, S. 20f.).

Demnach werden diejenigen Menschen als gehörlos bezeichnet, die auf Grund einer Schädigung des Hörsinn's, selbst mit Schallverstärkung durch Hörhilfen, keine oder nur begrenzte akustische Signale wahrnehmen können. Demnach zählen auch Menschen dazu, die noch über Resthörvermögen verfügen. Gehörlosigkeit beinhaltet, dass die Sprache nicht auf akustischem Weg aufgenommen werden kann, sondern optisch oder/und erfühlend wird (vgl. Krüger 1982, S. 20f.).

Personen, die von Geburt an taub sind, nennt man prälingual Ertaubte. Personen, die nach dem Erwerb der Lautsprache ertaubten, werden als postlingual Ertaubte oder spät Ertaubte bezeichnet (vgl. Jann 1991, S. 16f.).

2.2 Sprache

Bei dieser Definition beziehe ich mich auf das dict.md medical Dictionary, welches sich auch mit meinem persönlichen Verständnis der Definition von Sprache deckt.

„Sprache […] das Vermögen, die allgemeine Fähigkeit zu sprechen, sich zu verständigen; der Informationsträger mündlicher oder schriftlicher Kommunikation (= langage, Sprachvermögen/Sprachfähigkeit) [2] ein System von Einheiten und Regeln, das den Mitgliedern einer Sprachgemeinschaft als Mittel der Verständigung dient (= langue, Einzelsprache) [3] eine Varietät von [2], fachlich, regional, sozial,... bedingt […]“ (Dict.md Medical Dictionary: Onlinequelle).

Dabei wird im Moment darüber gestritten, ob die Gebärdensprache als Muttersprache die Kommunikationsform einer sprachlichen Minderheit ist oder ob sie nur künstlich und auf Grund der Behinderung entstanden ist. Hierzu eine weitere Definition, die eine deutliche Trennung der beiden Begriffe vornimmt. Sie ermöglicht auch den Einstieg in das folgende Kapitel und bietet die entsprechende Diskussionsgrundlage:

„natürliche Sprache Definition: [1] Linguistik: alle Sprachen, die als Muttersprachen jemals gelernt wurden, gleich, ob diese Sprachen schon ausgestorben sind oder noch verwendet werden. "Natürliche Sprache" ist ein Gegenbegriff zu Plansprache, Welthilfssprache und formale Sprache und betont, dass es sich nicht um künstlich entwickelte, sondern um historisch gewachsene Sprachen handelt“ (Dict.md Medical Dictionary: Onlinequelle).

2.3 Die Gebärdensprache

Die Gebärdensprache ist eine Verständigungs- und Kommunikationsform mit Hilfe von Gebärden, Gestik, Mimik und Körpersprache. Es existiert keine global gültige Gebärdensprache. Selbst die Deutsche Gebärdensprache (DGS) beinhaltet regionale (vgl. Kybur 2004, S. 2). Dennoch ähneln sich ländertypische Gebärdensprachen mehr als die unterschiedlichen Lautsprachen der Welt. Durch sich ähnelnde Gebärden und durch identische Elemente aus den Bereichen der Mimik und Gestik, können sich gebärdensprachkomponente Personen nach kurzer Eingewöhnungszeit in der Regel schnell und sicher auf der ganzen Welt miteinander verständigen. Es kommt auch vor, dass die Gehörlosen in Gebärdensprache träumen und denken. Die DGS ist nicht nur eine eigenständige Sprache, sie weist auch eine eigenständige Grammatik auf. Es existieren in der Gebärdensprache keine Höflichkeitsformen, der Satzbau ist anders als im gesprochenen Deutsch und es gibt nur drei Zeiten (Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft) (vgl. Kybur 2004, S. 5 und Geier 2006, S. 18). Die Gebärdensprache ist pragmatisch angelegt. Es wird nur das Wichtigste gebärdet und auch das noch in der Reihenfolge der Relevanz. Die Sprache der Gehörlosen ist in weiten Bereichen sehr viel effektiver im Sinn der allgemeinen Zielstellung von Kommunikation, als es die deutsche Lautsprache ist.

Der Körper des Menschen verfügt über mehrere selbstverständliche Möglichkeiten, um optisch zu kommunizieren zu können. Selbst in der hörenden Welt wird das Gesagte mit Gesten und Mimik unterstrichen (vgl. Geier 2006, S. 17). Entgegengesetzt der Meinung einiger Kritiker, kann die Gebärde somit doch nicht künstlich sein. Versucht nicht jeder Mensch zu kommunizieren, selbst wenn Sinne beeinträchtigt sind? Wieso sollten die natürlich mitgegebenen Fertigkeiten, die uns die Mimik und Gestik liefern, künstlich sein? Auch die Lautsprache der hörenden Bewohner eines Landes ist von künstliche geschaffenen Regeln geprägt.

2.4 Gehörlosenkultur

Vergleichbar mit der Fremdsprache „Türkisch“ und dieser eigenen Kultur, kann man auch den Gehörlosen mit ihren Gebärden als eine eigene Kultur unterstellen. Eine Kultur ist gekennzeichnet durch eine eigene Sprache (Deutsche Gebärdensprache ist seit 2002 rechtlich als eigenständige Sprache anerkannt, wie im Behindertengleichstellungsgesetz § 6 BGG festgehalten), durch eigene Organisationen (deutscher Gehörlosen-Bund e.V, Sportvereine), spezifische Umgangsformen (fremdartige Höflichkeitsformen, fehlendes Ausschmücken von Fakten), Kunstarten (Gehörlosentheater) , einen eigenständigen Humor und eine eigenständige Geschichte (von dem Glauben „dumm“ zu sein, über Unterdrückung hin zur Eigenständigkeit). Alles was eine Kultur ausmacht, kann die Gehörlosenkultur vorweisen und bietet so den Gehörlosen einen Raum der Selbstverwirklichung und der Kommunikation mit Gleichgesinnten in einer Welt der Hörenden (vgl. Kybur 2004, S. 5).

[...]


[1] Günther, Klaus B. (1999): Bilingualer Unterricht mit gehörlosen Grundschülern: Zwischenbericht zum Hamburger Bilingualen Schulversuch. Theorie und Praxis 3. Hamburg: hörgeschädigte Kinder.

[2] Vogel, Helmut (1999): Gebärdensprache und Lautsprache in der deutschen Taubstummenpädagogik im 19. Jahrhundert. Magisterarbeit.URL: http://www.taubenschlag.de/cms_pics/Gebaerdensprache%20und%20Lautsprache%20in%20der%20deutschen%20Taubstummenpaedagogik%20im%2019.%20Jahrhundert%20%28Magisterarbeit%20von%20Helmut%20Vogel%29.pdf [Stand: 28.01.2012].

Details

Seiten
21
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656292944
ISBN (Buch)
9783656294658
Dateigröße
523 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v203196
Institution / Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg – Helmuth-Schmidt-Universität
Note
2,3
Schlagworte
Mehrsprachigkeit christ Gebärdensprache bilingualer Unterricht

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