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Inter- und intragenerationelle Gerechtigkeit

Interdependenz oder Konflikt?

Essay 2012 20 Seiten

Theologie - Systematische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Generationengerechtigkeit

3. Intragenerationelle Gerechtigkeit

4. Intergenerationelle Gerechtigkeit

5. Interdependenz oder Konflikt

6. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Themenkomplex der inter- bzw. intragenerationellen Gerechtigkeit wurde in der Vorlesung „Ökologische Ethik“[1] insbesondere in den Abschnitten „um­weltethische Argumentationsfiguren“ sowie „Nachhaltigkeit als umweltethi­scher Schlüsselbegriff“ behandelt und wird in dieser Ausarbeitung bezüglich einer möglichen Interdependenz oder eines Konfliktes erörtert.

Die Aktions- bzw. Interaktionsebenen der jeweiligen Generationen können in unterschiedlichen sozialen sowie temporalen Dimensionen differenziert wer­den, so dass von inter- oder intragenerationellen Wirkungen und Beziehungen gesprochen werden kann.[2] Das Essay schränkt diesen sehr vielfältigen Bezie­hungsrahmen auf das Themenfeld der Gerechtigkeit ein und betrachtet in ei­nem kurzen Umriss die inter- und intragenerationelle Gerechtigkeit unter den unterscheidenden Aspekten der Interdependenz oder eines möglichen Kon­fliktpotentiales. Um die Thematik für die Ausarbeitung weiter einzuschränken werden die grundlegenden genutzten Beispiele auf die Schwerpunkte des Kli­mawandels und der Solidaritätszahlung fokussiert.

VOGT führt einleitend in seinem Aufsatz, „natürliche Ressourcen und interge­nerationelle Gerechtigkeit“, als Gefährdung des Anspruchs der intergeneratio­nellen Gerechtigkeit, neben dem stetig steigenden Ressourcenverbrauch, auch das Gefährdungspotential der Umweltverschmutzung sowie den resultierenden Klimawandel an.[3] Hierbei stehen insbesondere die langlebigen Nachwirkungen im Fokus, welche sich auf mehrere Generationen verlagern und sozusagen wei­tervererbt werden. In diesem Bezug muss berücksichtigt werden, dass keine ausschließlich einseitige Nutzung im Sinne eines generationsspezifischen Ego­ismus eintritt, sondern vielmehr eine faire Ressourcenverteilung angestrebt werden sollte.

Nach VEITH wird der Begriff der Generation im alltäglichen Sprachgebrauch äußerst unterschiedlich genutzt, wobei folgende Items mit diesem Begriff häu­fig genutzt und z. T. nicht eindeutig in ihrer systematischen Bedeutung unter­schieden werden:[4] „Lebensalter und Lebensstufe, sowie Kohorte, Altersgruppe, Altersklasse, Altersschicht, Altersstufe, Altersreihe“.[5] In diesem Essay wird eine simplifizierte Begriffsdefinition der Generation genutzt, welche im Fol­genden aufgeführt wird.

Die aktuell lebenden Generationen, welche auch schematisch vereinfacht mit einem dreistufigen Generationenkomplex von Kindern, Eltern und Großeltern dargestellt werden können, leben in einer gegenseitigen Abhängigkeit.[6] In einer klassischen Argumentation, welche auf ein traditionelles Familienverständnis fokussiert ist, wird diese Abhängigkeit beispielsweise wie folgt deutlich: Die Kinder sind von ihren Eltern abhängig und werden von ihnen versorgt, als her­anwachsende Erwachsene versorgen sie sich selbst und später u. a. ihre nicht mehr erwerbstätigen Eltern. Diese Art der Tauschgerechtigkeit wird auch als Eltern-Kinder-Vertrag oder Generationen-Vertrag bezeichnet und beinhaltet gegenseitige, z. T. temporal verschobene, Unterstützungsleistungen.[7] Das Sozi­alsystem in Deutschland visualisiert diesen Vorsorgeprozess u. a. durch das Rentensystem, wodurch auch kinderlose Paare inkludiert werden. Eben diese kinderlose Paare und Einzelpersonen fallen im eigentlichen Sinne aus der zu­vor angeführten klassischen Argumentation heraus, wonach ihre fehlenden Nachkommen keinen Beitrag hinsichtlich der phasenverschobenen Altersvor­sorge leisten. Der hieraus resultierende Bruch innerhalb der Versorgung wird durch das staatliche Sozialsystem aufgefangen und müsste eigentlich durch Steuern o. ä. gegenüber Personen mit Kindern angeglichen werden.[8] Hier las­sen sich die Konsequenzen einer generationellen Beziehung noch relativ zeit­nah nachvollziehen, wohingegen andere Themenkomplexe, wie im Diskurs um die Nachhaltigkeit, einen größeren Zeitraum umfassen.

Bezüglich des Klimawandels wird häufig in Dokumentationen oder Produkt­werbungen appelliert, das eigene Leben hinsichtlich umweltfreundlicher Pro­duktserien zu verändern, welche u. a. durch sogenannte Green- bzw. Bio- Zertifikate gekennzeichnet werden. In der Tat liegt hier häufig ein wirtschaftli­cher Motivationsfaktor zu Grunde, da durch den Appell an moralische Vorstel­lungen der Kunde animiert wird, sogenannte umweltfreundliche Produkte zu erwerben. Doch woher rührt diese Argumentationsbasis?

Zwar merken die aktuell lebenden Generationen den, durch verschiedene For­schungsmeinungen proklamierten, Klimawandel, was dazu animieren könnte, für seine eigene Generation verantwortlich zu handeln, um durch eine fort­schreitende Umweltverschmutzung sein eigenes Lebensumfeld nicht zu beein­trächtigen. Doch ist das gewählte Beispiel des Klimawandels ein langwieriger Prozess, welcher im eigentlichen negativen Sinne nur bedingt die derzeitigen Generationen betrifft. Daher wird häufig im Rahmen der Nachhaltigkeit argu­mentiert, dass die aktuellen Generationen etwas gegen den Klimawandel unter­nehmen sollen, um die Schöpfung bzw. die Lebensverhältnisse für die zukünf­tigen Generationen zu erhalten. Der Klimawandel betrifft jede Gesellschafts­schicht, nur eben meistens unterschiedlich stark. Durch verschiedene Medien wird daher zu einem gemeinschaftlichen und globalen Umdenken appelliert, da häufig der ärmere Teil der Bevölkerung den Klimawandel verstärkt erfährt.

Im Folgenden wird das Handeln bezüglich des Klimawandels sowie der Solida­ritätszahlung im Hinblick auf die Gerechtigkeitsfrage betrachtet und hinsicht­lich einer Generationengerechtigkeit spezifiziert. Hierbei wird zwischen einer inter- und intragenerationellen Gerechtigkeit unterschieden um abschließend den Diskurs zwischen einer möglichen Interdependenz oder eines Konfliktes zu skizzieren.

2. Generationengerechtigkeit

Wie stark verbreitet ist eigentlich die von der Werbung argumentativ aufgegrif­fene fakultative Bedeutung der Generationengerechtigkeit? Vor knapp 10 Jah­ren wurde von Trendforschern prognostiziert, dass der Begriff Generationenge­rechtigkeit in den nächsten Jahren ein Schlüsselbegriff werden solle.[9] Einige Jahre später wird 2004 erhoben, dass ca. 85 Prozent der Deutschen mit dem Begriff etwas anfangen können, wohingegen die Resonanz gegenüber dem

Begriff der Nachhaltigkeit nur bei ca. 28 Prozent liege.[10] Meinem individuellen Empfinden nach verhält sich diese Verteilung nun aktuell spiegelverkehrt, ins­besondere in den alltäglichen Medien sowie Produktplatzierungen werden Ver­braucher eher mit dem Begriff der Nachhaltigkeit konfrontiert. Bei einer simp­len Google-Suche nach den Item-Zusammenhang „Werbung + (Generationen-) Gerechtigkeit“ und „Werbung + Nachhaltigkeit“ ergibt sich ein Verhältnis von 1:33 bei der Häufigkeit[11]. TREMMEL führt in seinem Artikel über die Genera­tionengerechtigkeit die politische Nähe dieses Begriffes auf, zum Beispiel widmeten die Grünen 2002 ein Unterabschnitt in ihrem Grundsatzprogramm eben diesem Begriff.[12] Bei der Literaturrecherche zu diesem Essay sowie der groben Auswertung meiner Verteilungsuntersuchung bei Google Suchanfragen wird deutlich, dass der Begriff der Generationengerechtigkeit insbesondere in der Forschung sowie Fachliteratur genutzt wird, jedoch der Begriff der Nach­haltigkeit in anderen Medien häufiger auftaucht. Dies ist zum Teil dadurch nachvollziehbar, dass sich die Begriffsdefinitionen hinsichtlich ihrer Komple­xität unterscheiden. So scheint der Begriff der Nachhaltigkeit verständlicher zu sein, was jedoch zum Teil auch daher rührt, dass es sich mit diesem Begriff bei Produktbeschreibungen einfacher werben lässt. In der Tat kann der Begriff der Nachhaltigkeit im Werbejargon häufig zeitgleich mit Attributen bzw. Adjekti­ven wie eco, bio, grün sowie umweltschonend miteinbezogen werden. Dabei steht häufig der Bezug zum Kunden bzw. der Lebensumwelt desselben im Vordergrund. Der Kunde soll sozusagen ein Produkt erwerben, um damit sein persönliches Umfeld zu schützen bzw. dadurch das Gefühl erhalten, etwas Gu­tes zu tun. Hinsichtlich der Ernährung wird der Umfang dieses Schutzes auf zumindest eine weitere Generation ausgedehnt. So sollen Eltern ihre (Klein- )Kinder mit Bioprodukten ernähren, um ihnen so ein gesundes Leben zu er­möglichen, wobei in diesem Kontext die Bezeichnung Bio prinzipiell eher mit gesundem Leben als mit Nachhaltigkeit verknüpft wird. Neben Einsparmaß­nahmen, welche dem Kunden suggerieren Kosten einzusparen und dabei etwas

Gutes zu tun, wie zum Beispiel Wasser zu sparen oder Eco Automobile mit geringerem Verbrauch zu erwerben, stehen zum Teil auch Maßnahmen an, welche in ihren Auswirkungen die aktuellen Generationen als solche kaum betreffen, wie zum Beispiel der Atomausstieg oder der verstärkte Gebrauch von recycelbaren Produkten. Diese verschiedenen generationellen Einflüsse werden im folgenden Unterkapitel näher behandelt.

Simplifiziert könnte man den Begriff der Generationengerechtigkeit auch als generationengerechtes Handeln oder als Verantwortung gegenüber den Mit­menschen und nachfolgenden Generationen umschreiben. Thomas JEFFER­SON verwies zum Beispiel im Hinblick auf die Staatsverschuldung auf die Verpflichtung der aktuell lebenden Generationen gegenüber ihren Nachkom- men.[13] Dennoch ist in diesem Kontext ebenfalls darauf zu verweisen, dass so­genannte Generationenbilanzen hinsichtlich inländischer Staatsverschuldungen nicht zwingend innerhalb einer Generationendauer ausgeglichen werden müs­sen, da zumal teilweise öffentliche Investitionen eine relativ langfristige Le­bensdauer haben, so dass eben diese Kosten auch z. T. auf nachfolgende Gene­rationen verteilt werden, welche ebenfalls von den Investitionen profitieren können.[14]

Die heutigen Generationen sollen demnach gegenüber den nachfolgenden Ge­nerationen nicht verantwortungslos handeln, gemäß dem Leitspruch „was du nicht willst, dass man dir tut das füg auch keinem andern zu“. Prinzipiell soll jede Generation nicht nur die „Errungenschaften der Kultur und Zivilisation und die erreichten gerechten Institutionen bewahren, sondern auch stets eine angemessene Kapitalakkumulation betreiben“[15]. Natürlich unterliegt auch das Wort Gerechtigkeit einer „Vielzahl miteinander konkurrierender Normen, z. B. die Gerechtigkeit durch Zuschreibung [...], die Vertragsethik [...], das Leis­tungsprinzip [...], das Bedürfnisprinzip [...] oder der Egalitarismus“[16]. Ein

[...]


[1] Vgl. Wiemeyer, Joachim: Paper zur Vorlesung Ökologische Ethik (Master of Education Mo­dul C),ß2010, Ruhr-Universität Bochum.

[2] Vgl. Veith, intergenerationelle Gerechtigkeit, S. 153-154.

[3] Vogt, Markus: Natürliche Ressourcen und intergenerationelle Gerechtigkeit, in: Heimbach­Steins, M. (Hg.): Christliche Sozialethik. Ein Lehrbuch, Band 2, Regensburg 2006, S. 137. (Im Folgenden zitiert als: Vogt, intergenerationelle Gerechtigkeit).

[4] Vgl. Wiemeyer, Joachim: Gerechtigkeit zwischen Generationen als wirtschaftsethisches Problem, in: ETHICA 12 (1/2004), S. 72. (Im Folgenden zitiert als: Wiemeyer, Gerechtigkeit zwischen Generationen).

[5] Veith, Werner: Intergenerationelle Gerechtigkeit. Ein Beitrag zur sozialethischen Theoriebil­dung, Stuttgart 2006, S. 25-26. ( Im Folgenden zitiert als: Veith, intergenerationelle Gerechtig­keit).

[6] Vgl. Leist, Anton: Intergenerationelle Gerechtigkeit, in: Kurt Bayertz (Hg.): Praktische Philo­sophie, Reinbeck 1991, S. 322-360.

[7] Vgl. Veith, intergenerationelle Gerechtigkeit, S. 161-167.

[8] Vgl. Wiemeyer, Gerechtigkeit zwischen Generationen, S. 86-91.

[9] Opaschowski, Horst: Bindung auf Dauer ist nicht mehr im Trend, in: General Anzeiger vom 04.01.2000, S. 6.

[10] Bülow, Marco: Generation Zukunft. Plädoyer für ein verantwortungsbewusstes Handeln, Berlin 2004, S. 81.

[11] Stand: 25.11.2011

[12] Tremmel, Jörg: Generationengerechtigkeit - eine Ethik der Zukunft (2005), S. 1, http://hbrary.fes.de/pdf-files/akademie/online/03581.pdf (Im Folgenden zitiert als: Tremmel, Generationengerechtigkeit).

[13] Vgl. Ehmke, Horst: Grenzen der Verfassungsänderung, Berlin 1953, S. 129 und vgl. Wie­meyer, Joachim: Gerechtigkeit zwischen Generationen als sozialethische Herausforderung http://www.ruhr-uni-bochum.de/downloads/Generationengerechtigkeit.doc, S. 4. (Im Folgen­den zitiert als: Wiemeyer, sozialethische Herausforderung).

[14] Vgl. Wiemeyer, Joachim: Die solidarischen Verpflichtungen der älteren Generation gegen­über Kindern und Jugendlichen, in: Intergenerationalität zwischen Solidarität und Gerechtig­keit. Festgabe für Christopher Frey zum 70. Geburtstag, hrsg. v. Johannes Eurich, Heidelberg 2008, S. 135- 140. (Im Folgenden zitiert als: Wiemeyer, solidarische Verpflichtung).Und vgl. Wiemeyer, Gerechtigkeit zwischen Generationen, S. 75.

[15] Veith, intergenerationelle Gerechtigkeit, S. 118.

[16] Tremmel, Generationengerechtigkeit, S. 9.

Details

Seiten
20
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656295082
ISBN (Buch)
9783656295303
Dateigröße
551 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v203394
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
2,0
Schlagworte
intragenerationell intergenerationell Gerechtigkeit Konflikt Generartionen Generationengerechtigkeit Rente Ökologische Ethik Ethik Interdependenz Umwelt Umweltschutz Nachhaltig Nachhaltigkeit Klimawandel Ressourcen Generation Tauschgerechtigkeit Werbung

Autor

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Titel: Inter- und intragenerationelle Gerechtigkeit