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Sozialisation und Entwicklung sozialer Kompetenzen von Einzelkindern – wie bedeutend sind Geschwister als Entwicklungsressource?

Hausarbeit 2012 25 Seiten

Psychologie - Entwicklungspsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Demographische Entwicklung / Statistischer Überblick

3. Grundlegende Konzeptionen der sozialen Entwicklung
3.1 Sozialisation
3.2 Soziale Kompetenz und Sozialverhalten
3.3 Soziale Entwicklung aus lerntheoretischer und psychoanalytischer Sicht

4. Erkenntnisse aus der Geschwisterforschung
4.1 Merkmale von Geschwisterbeziehungen
4.2 Geschwisterrivalität
4.3 Bewältigung bei Veränderung der elterlichen Paarbeziehung

5. Funktionen von Geschwisterbeziehungen

6. Die Lebenswelt von Kindern ohne Geschwister
6.1 Die Lebensverhältnisse von Einzelkindern
6.2 Einzelkinder im Erwachsenenalter

7. Soziale Beziehungen zu Gleichaltrigen

8. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Familiäres und familienähnliches Zusammenleben findet heute in immer vielfältigeren Formen statt. Die Familie als Ort primärer Sozialisation und dessen besondere Bedeutung ist unumstritten. Das Familiensystem beinhaltet mehrere Subsysteme, u. a. die Geschwisterbeziehung. Lange Zeit wurde der Geschwisterbeziehung jedoch wenig Aufmerksamkeit geschenkt, ist deren Bedeutung aber für die individuelle Persönlichkeitsentwicklung und Sozialisation doch evident. Geschwister verbringen viel Zeit miteinander, teilen Geheimnisse, helfen einander und solidarisieren sich gemeinsam gegen die Eltern. Geschwister wirken aufeinander ein und beeinflussen damit gegenseitig ihre Entwicklung. (vgl. Teubner 2005, S. 64f.)

In dieser Arbeit werden zwei zentrale Lebensbereiche von Kindern beschrieben und auf entwicklungsrelevante Unterschiede geprüft: die Familie mit dem Schwerpunkt der Einzel- und Geschwisterkinder und die Beziehung zu Gleichaltrigen. Dahinter steht die Frage, ob Geschwister einen entwicklungsrelevanten Einfluss besitzen, also als Ressource dienen, die Einzelkindern vorenthalten bleibt. Hierfür werden diese kindlichen Umfelder beschrieben und Unterschiede zwischen Einzel- und Geschwisterkindern aufgezeigt, um damit die unterschiedlichen Ausgangsbedingungen zu deren Entwicklung darzustellen. Somit soll die Frage geklärt werden, ob es Einzelkindern schwerer fällt, Freundschaften zu schließen, sich in Gleichaltrigengruppen zu integrieren und ob ihre soziale Entwicklung und der Erwerb sozialer Kompetenzen, im Vergleich zu Kindern mit Geschwistern, erschwert ist.

Einzelkinder sind in der Öffentlichkeit immer noch mit starken Vorurteilen defizitären Charakters belastet; sie seien verwöhnt, kontaktscheu, egoistisch und könnten nicht teilen. (vgl. Zimmermann 2006, S. 104) Sie wurden lange Zeit als introvertiert und insgesamt unsozialer angesehen. Dies wurde zum einen durch die „Übermacht“ der Eltern und dadurch begründet, „dass Einzelkindern der alltägliche, weitgehend gleichberechtigte Kontakt mit Gleichaltrigen fehle und sie deshalb Entwicklungsnachteile gegenüber Geschwisterkindern hätten, was sich in einem geringen Einfühlungsvermögen und Anschlussbedürfnis äußere.“ (Teubner 2005, S. 71)

Rund 30 Prozent der Kinder wachsen in Deutschland ohne Geschwister auf. (vgl. Bertram 2009, S. 107) Einzelkinder werden in den meisten Familien nicht geplant, sondern sind das Ergebnis bestimmter gesellschaftlicher und privater Lebensumstände und Erfahrungen ihrer Eltern. Während in der Volksrepublik China Ein-Kind-Familien verordnet werden, sind sie in unserer Gesellschaft das Resultat familiärer und außerfamiliärer Verhältnisse und Lebensbedingungen und entwickelten sich im Laufe der letzten Jahrzehnte in Deutschland von der Ausnahme zum Regelfall. (vgl. Kasten 2007, S. 9)

Zu Beginn der vorliegenden Arbeit wird der Begriff „Einzelkind“ für den Gebrauch in dieser Arbeit definiert und ein kurzer demographischer und statistischer Überblick in die Einzelkindthematik gegeben. Im Anschluss werden die grundlegenden Konzeptionen der sozialen Entwicklung erörtert, um Begrifflichkeiten wie Sozialisation und soziale Kompetenzen zu besprechen. Im Hauptteil werden diese mit den Erkenntnissen über die Unterschiede in der Entwicklung von Einzel- und Geschwisterkindern, gewonnen aus vorliegenden Studien der Geschwisterforschung, und den Funktionen der Geschwisterbeziehungen in Bezug gesetzt. Ein weiteres Kapitel betrachtet die familialen und außerfamilialen Lebensverhältnisse von Kindern ohne Geschwister. Es werden eine Reihe von wichtigen Merkmalen der Lebenssituation von Einzelkindern aufgeführt und Merkmalen der Lebenssituation von Kindern mit Geschwistern gegenübergestellt. Mit Blick auf die Lebenswelt und die Entwicklung von Kindern ohne Geschwister sollen Antworten auf folgende Fragen gefunden werden:

Wie wachsen Kinder ohne Geschwister auf? Unterscheiden sich geschwisterlose Kinder von Kindern, die mit Geschwistern aufwachsen? Gibt es die typische Einzelkindpersönlichkeit? Worin liegen die Vor- bzw. Nachteile des Aufwachsens ohne Geschwister?

Durch Informationen und Erkenntnisse aus der Entwicklungspsychologie und der Geschwisterforschung sowie verschiedener Studienergebnisse über die sozialen Beziehungen zu Gleichaltrigen soll als Ergebnis dieses Theorieprojektes folgende Frage beantwortet werden: Entstehen Einzelkindern Nachteile oder Erschwernisse bezüglich ihrer Sozialisation und Entwicklung sozialer Kompetenzen aufgrund der fehlenden entwicklungsrelevanten Ressource der Geschwisterbeziehungen?

2. Demographische Entwicklung / Statistischer Überblick

Mit der Bezeichnung „Einzelkinder“ werden häufig negativ ausgerichtete Annahmen verknüpft. Der Begriff „einzel(n)“ wird im täglichen Sprachgebrauch mit Bedeutungen wie einsam und Einzelgänger assoziiert. (vgl. Kasten 2007, S. 9) Neutraler, im alltäglichen Sprachgebrauch jedoch weniger geläufig, sind die Bezeichnungen „geschwisterlose Kinder“ oder „Kinder ohne Geschwister“, die im Vergleich zu dem Begriff „Einzelkinder“ keine vereinsamte oder vereinzelte Lebenssituation oder sogar Defizite andeuten. Die wertneutrale Bezeichnungen „Kinder ohne Geschwister“ und „geschwisterlose Kinder“ werden in dieser Arbeit mit dem Begriff der Einzelkinder gleichgesetzt. Kasten benennt Einzelkinder als Kinder, „die lange Jahre oder ihre gesamte Kindheit und Jugend ohne Geschwister aufwachsen“. (Kasten 2007, S. 9) Die vorliegende Arbeit erweitert den Blick auf diejenigen, die auch im Erwachsenenalter ohne Geschwister bleiben. Denn diese Familienform hat auch Auswirkungen auf die Gestaltung des weiteren Lebens. Dies wird vor allem deutlich, wenn die Versorgung oder sogar der Umgang mit dem Tod der eigenen Eltern zum Thema wird. Hartmut Kasten definiert Einzelkinder weiter als Kinder, „die eine Zeitdauer von mindestens sechs Jahren in einem – wie auch immer beschaffenen – Haushalt ohne Geschwister aufgewachsen waren.“ (Kasten 2007, S. 25) Im Gegensatz zu Erstgeborenen, die unter Umständen nach Vollendung des sechsten Lebensjahres ein Geschwisterkind bekommen, meint diese Arbeit Einzelkinder als Kinder, die ihr gesamtes Leben ohne Geschwister aufwachsen und verbringen.

Laut den aktuellen Daten des Statistischen Bundesamtes (vgl. Pötzsch 2012) ist die durchschnittliche Kinderzahl von Müttern in Deutschland verhältnismäßig stabil und, abhängig vom Geburtsjahrgang, auf einem Niveau von 1,9 bis 2,1 Kindern pro Mutter. Daneben sind die Anteile der Mütter mit unterschiedlicher Kinderzahl ebenfalls relativ stabil. Etwa 30% der Mütter haben in Deutschland ein Kind, beinahe jede zweite Mutter hat zwei und jede fünfte drei oder mehr Kinder. Die regressive Entwicklung der Kinderzahl pro Frau wird vornehmlich durch den sinkenden Anteil der Mütter, beziehungsweise den steigenden Anteil von Frauen ohne Kind beeinflusst. (vgl. Statistisches Bundesamt 2012, S. 26f.)

Die allgemeine Geburtenquote ist in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten stetig gesunken und hat sich bei ca. 1,35 Kindern pro Frau im gebärfähigen Alter eingependelt.

Die Bedeutung der Geschwister für die Sozialisation wird evident, wenn man die im Haushalt lebenden Kinder und nicht den Haushalt als Einheit zugrunde legt. Vergleichbare Statistiken kommen demzufolge zu dem Ergebnis, dass rund 30 Prozent der Kinder auf hundert Familien ohne Geschwister aufwachsen. (vgl. Bertram 2009, S. 107)

Generell wurde durch regelmäßige, statistische Erhebungen deutlich, dass sich die Anteile der Frauen nach der Kinderzahl deutlich verschoben haben. Der Anteil der Familien mit drei und mehr Kindern ist stark zurückgegangen und erhöhte den Anteil der Zwei-Kind-Familien. Der Anteil der Ein-Kind-Familien ist durch die Verteilung stabil geblieben, während die Kinderlosigkeit stark angestiegen ist. (vgl. Peuckert 2008, S. 104)

Während sich für Kinder mit Geschwistern kaum Unterschiede bezüglich der Familienformen zeigen, wachsen Einzelkinder etwa doppelt so oft bei Eltern auf, die eine nichteheliche Lebensgemeinschaft führen und etwa dreimal so häufig bei alleinerziehenden Müttern oder Vätern. Ein weiteres wichtiges Merkmal zur Charakterisierung der Familiensituation von Kindern ist die Erwerbssituation der Eltern, insbesondere der Mütter. Mütter von Einzelkindern sind deutlich häufiger erwerbstätig als Mütter von mehreren Kindern, wobei die Erwerbstätigkeit mit der Zahl der Kinder stetig abnimmt. Dieser Zusammenhang ist bei vollzeiterwerbstätigen Müttern besonders stark. (vgl. Teubner 2005, S. 73f.) Der soziale Status ist eine der zentralen Variablen zur Bestimmung der Position von Menschen in hierarchisch strukturierten Gesellschaften. Er setzt sich aus Bildungsaspekten (Schulbildung, berufliche Stellung) und der familiären Finanzsituation zusammen. Es besteht ein signifikanter Zusammenhang zwischen der Kinderzahl und dem sozialen Status, erklärt, dass sowohl Familien mit einem Kind wie auch mit mehr als drei Kindern häufiger aus niedrigeren sozialen Schichten stammen, während Familien mit drei Kindern besonders oft höheren Schichten angehören. Familien mit zwei Kindern verteilen sich dagegen proportional über die verschiedenen Schichten. (vgl. Teubner 2005, S. 75f.)

3. Grundlegende Konzeptionen der sozialen Entwicklung

3.1 Sozialisation

Sozialisation gilt inzwischen als ein zentraler Begriff der Sozial- und Erziehungswissenschaft und erlangte seine klassische Bestimmung vom französischen Soziologen Emile Durkheim (1973), „der mit diesem Begriff den Vorgang der Vergesellschaftung des Menschen, d. h. den Einfluss der gesellschaftlichen Bedingungen auf die Entwicklung der Heranwachsenden kennzeichnen wollte.“ (Zimmermann 2006, S. 9)

Als Hauptgegenstand, beinhaltet Sozialisation die Frage, wie aus einem Neugeborenen ein autonomes, gesellschaftliches Subjekt wird, verbunden mit der sozialen Bedingtheit der Persönlichkeitsentwicklung. Laut Zimmermann (ebd., S. 12) ist die Interaktion zwischen Kindern und erziehenden Erwachsenen ein wichtiger Teil des Sozialisationsprozesses, da für ihn Erziehung als Hilfe und Unterstützung dient, um heranwachsenden Kindern die Möglichkeit zu bieten, sich mit der objektiven Wirklichkeit auseinanderzusetzen und sich die bestehenden Erfahrungen aneignen zu können. Zimmermann versteht Sozialisation „als Prozess der Entstehung und Entwicklung der Persönlichkeit in wechselseitiger Abhängigkeit von der gesellschaftlich vermittelten sozialen und materiellen Umwelt. Die Akzentuierung bei sozialisationstheoretischen Fragestellungen liegt im Mitglied-Werden in einer Gesellschaft“. (ebd., S. 15)

Sozialisation gilt als lebenslanger, individueller Lernprozess und Voraussetzung zur kompetenten Lösung von Entwicklungsaufgaben. Diese sind in einer individualisierten Gesellschaft für die steigenden Anforderungen an Selbststeuerung und Identitätssicherung nötig. Erziehung als Teil der Sozialisationsprozesse wird als geplante, zielgerichtete Sozialisation verstanden, die Kinder und Jugendliche bewusst beeinflusst. (vgl. Ecarius/ Köbel/ Wahl 2011, S. 9)

3.2 Soziale Kompetenz und Sozialverhalten

In seiner ursprünglichen und allgemeinsten Bedeutung umfasst soziales Verhalten in Verbindung mit sozialer Effizienz die Fähigkeit, sich wirkungsvoll mit seiner sozialen Umwelt auseinander zu setzen. Soziale Akzeptanz kommt hier als zweites Kriterium dazu und meint, dass diese Wirkungen in einer sozial akzeptierten Weise erreicht werden müssen. Soziale Kompetenz beinhaltet folglich die Fähigkeit, durch die verschiedenen Sozialisationsinstanzen (z. B. Familie, Spielgruppe) akzeptierte Verhaltensweisen zu zeigen, um eine große Anzahl sozialer Effekte oder Erfolge zu erzielen.

Diese sozialen Erfolge sind:

- Initiierung und Aufrechterhaltung von Kontakten
- Gewinnen der Aufmerksamkeit anderer
- Erlangung von Zuneigung, emotionaler Zuwendung, Lob, Hilfe und Information
- Geben desselben
- Beteiligung am gemeinsamen Spiel
- Aufrechterhaltung und Fortführung von Gesprächen
- Finden von Lösungen bei Auseinandersetzungen
- Gründung und Aufrechterhaltung von Freundschaften.

(vgl. Schmidt-Denter 2005, S. 70)

Diese Kategorien sind für exakte Verhaltensbeobachtungen sind laut Malti und Perren (2008) jedoch zu allgemein. Stattdessen werden spezifische und konkrete Merkmale sozial-kompetenten Verhaltens in Komponenten sozialer Kompetenz zusammengefasst. In Kanning (2003, S. 22ff.) werden die Begriffe der sozialen Kompetenz folgendermaßen abgegrenzt:

Soziale Intelligenz als Teilmenge sozialer Kompetenzen, bezogen auf kognitive Aspekte, z. B. die Fähigkeit zur Interpretation nonverbaler Informationen des Gegenübers.

Emotionale Intelligenz, die sich auf emotionale Aspekte, wie die Fähigkeit, die eigenen Emotionen und die anderer zu erkennen und zur Steuerung des eigenen Verhaltens einzusetzen, bezieht.

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Details

Seiten
25
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656304159
ISBN (Buch)
9783656306009
Dateigröße
521 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v203531
Institution / Hochschule
Fachhochschule Koblenz - Standort RheinAhrCampus Remagen – Sozialwesen
Note
1,0
Schlagworte
Einzelkinder Geschwister Sozialisation Entwicklungspsychologie Sozialverhalten Geschwisterivalität

Autor

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Titel: Sozialisation und Entwicklung sozialer Kompetenzen von Einzelkindern – wie bedeutend sind Geschwister als Entwicklungsressource?