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Das Kino Babylon in Berlin-Mitte

Ein lebendiges Denkmal

Hausarbeit 2010 16 Seiten

Kunst - Architektur, Baugeschichte, Denkmalpflege

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Geschichte erinnern, Geschichte erleben

2. Ein Kino in Berlin-Mitte
2.1. Profil
2.2. Die Spandauer Vorstadt - prominente Lage
2.3. Der Rosa-Luxemburg-Platz - wechselvolle Geschichte
2.4. Das Scheunenviertel - unbeendete Neuordnung eines Stadtraumes

3. Außenbeschreibung

4. Das Kino Babylon in Berlin-Mitte
4.1. Umgestaltungen

5. Innenbeschreibung
5.1. Kassenhalle und Foyer
5.2. Großer Kinosaal
5.3. Kinoorgel

6. Fazit

7. Literatur

1. Einleitung

1.1. Geschichte erinnern, Geschichte erleben

In diesen Tagen der Wende- und Einheitsfeierlichkeiten aktueller denn je, tritt die Frage nach dem Umgang mit Orten der Geschichte hervor. Es geht um Geschichte als Prozess, dessen verschiedene Schichten sich an einem Ort nach und nach ablagern, wieder gefunden und sichtbar gemacht werden können. Besonders Stadträume und Bauwerke können vergangene Zeit sinnlich erlebbar machen und verfügen über viele verschiedene Erinnerungswerte, die gepflegt werden müssen.

Das Kino Babylon in Berlin-Mitte und seine unmittelbare Umgebung, der Rosa- Luxemburg-Platz, die Volksbühne und das Karl-Liebknecht-Haus, bergen zahlreiche Geschichten aus über hundert Jahren Berliner und deutscher Geschichte gleichermaßen. Namen und Ereignisse haften den Gebäuden an, deren Wandel durch Entwurfsideen, Umgestaltung, Zerstörungen, Wiederaufbau und Erneuerung davon erzählt. Das Kino bezieht seinen Denkmalwert jedoch nicht nur aus dem historischen Wert seiner Geschichte und der seiner im direkten Bezug zu ihm stehenden Umgebung, sondern auch aus seiner künstlerischen Qualität, die es vor allem dem bedeutenden Architekten Hans Poelzig zu verdanken hat. Zusätzlich dazu ist es mit seiner originalen und funktionsfähigen Kinoorgel auch ein wertvolles Zeugnis der Stummfilmzeit und der Berliner Kinoarchitektur der 1920er Jahre. Darüber hinaus ist das Babylon als Kino ein öffentlicher, kultureller Ort, der seit seiner Erbauung ständig als solcher genutzt wurde und somit von sozial- und kulturwissenschaftlichem Interesse sein kann. Das Kino hat seine längste Nutzung bisher zu Zeiten der DDR erfahren und ist für deren Film- und Kulturgeschichte, so wie für die Probleme der Identitätsstiftung kurz nach der Wende ein aufschlussreiches Dokument der Zeit.

Als das Kino nach der Wende 1989 und ab 1993 aus Sicherheitsgründen umfassend in Stand gesetzt werden musste, wurde diskutiert welche der vielen historischen, künstlerischen und kulturellen Ebenen erhaltungswürdig sind. Die Frage nach der Wiederherstellung des Entwurfes von Poelzig oder der Erhaltung der Umgestaltung aus DDR-Zeiten stand im Mittelpunkt der denkmalpflegerischen Überlegungen. Überdies musste die technische Modernisierung denkmalgerecht bewältigt werden. 2001 eröffnete das Kino Babylon wieder und vereinte mit einem Konzept der Vielschichtigkeit Poelzig, die DDR und eine Modernisierung nach heutigen Qualitätsansprüchen. Letztendlich hat im Kino Babylon der Gebrauchswert die höchste Priorität bekommen. Durch die inhaltliche Ausrichtung des Programms selbst werden etwa mit originalgetreuen Stummfilmaufführungen und DEFA-Filmen vergangene Zeiten der eigenen und allgemeinen Geschichte erfahrbar gemacht.

Es stellt sich die Frage, ob die Idee einer Erfahrbarmachung der Vielfalt aus Geschichte, Architekturgeschichte und Kultur, so wie der Bezug zum umliegenden Stadtraum mit der tatsächlichen Umsetzung vermittelt werden kann oder sich in einem Gebäude dessen Innenräume nicht einheitlich, sondern aus verschiedenen Epochen zusammengesetzt sind, Unübersichtlichkeit und das Verfehlen des gewünschten Ziels einstellt. Mit einer Außen- und Innenbeschreibung soll nachvollzogen werden, wie die gewählte Vielschichtigkeit umgesetzt wurde. Da Geschichte, Umbau, Nutzung und Programmgestaltung die Werte des Hauses ausmachen, sollen diese Aspekte im Folgenden dargestellt werden.

2. Ein Kino in Berlin-Mitte

2.1. Profil

Am 11. 04. 1929 eröffnete das Babylon als Uraufführungskino für Stummfilme mit einer Ballettvorführung und dem Film „Fräulein Else“.1 Bald drauf konnten auch Tonfilme aufgeführt werden. Weiterhin fanden Varieté-Abende und jüdische Kulturveranstaltungen auf der Bühne des Kinosaals statt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Kino auf Beschluss der SMAD zu einem repräsentativen Premierekino für Ostberlin ausgerüstet und blieb ein solches, bis 1981 der Filmverleih Camera einzieht und dort das einzige Ostberliner Programmkino, ein bei Cineasten beliebtes „Kunstkino“, etabliert.2 Direkt nach der Wende zeigte man hier verbotene DEFA-Filme und „ bediente [...] vor allem ö stliche Nachholbed ü rfnisse, (es) zeigte Klassiker der Filmkunst: Godard, Kubrick, Fassbinder.“3. Das vielseitige und alternative Programm wird bis heute gepflegt: Stummfilme, Dokumentarfilme, Retrospektiven, DEFA-Filme, Diskussionen, Ausstellungen und Konzerte, sowie der stete Bezug auf die eigene Geschichte gestalten das Kinoprofil.

2.2. Die Spandauer Vorstadt - prominente Lage

Das Kino Babylon steht in der Mitte Berlins, in unmittelbarer Nähe zum Alexanderplatz, im ehemaligen Ostteil der Stadt. Es ist Teil des Denkmalsensembles Spandauer Vorstadt. Die Spandauer Vorstadt ist als vielschichtiger, geschichtsträchtiger Ort relativ gut erhalten, restauriert, konserviert oder wiederhergestellt. Hier lässt sich verdichtet und exemplarisch die Architektur-, Bau- und Stadtgeschichte Berlins aus über 300 Jahren bis heute nachvollziehen. Das Ensemble gilt trotz vieler Neubauten als eine Altstadt Berlins. Selbst das heutige Straßennetz ist denkmalgeschützt, denn es entspricht dem Stand von 1900 bis 1913, mit darin enthaltenen viel älteren Straßenzügen aus dem 18. Jahrhundert. Eine Entwicklung des Gebietes von Feldmark, Gartenland, über Vorstadt zum immer stärker ins urbane Gefüge eingebundenen und späteren Teil einer Großstadt lässt sich damit vergegenwärtigen. Es sind vor allem diese Werte der Erlebbarmachung Berliner Stadtgeschichte und deren Einbindung in den Lebensalltag von Bewohnern, sowie Berlinbesuchern, die dem denkmalpflegerischen Umgang mit der Spandauer Vorstadt zu Grunde liegen.

2.3. Der Rosa-Luxemburg-Platz - wechselvolle Geschichte

Der Rosa-Luxemburg-Platz, an dem sich das Kino Babylon befindet, ist Beispiel eines ersten modernen Stadterneuerungsprojektes in Berlin, der Umstrukturierung des berüchtigten Scheunenviertels in den 1910er Jahren und war nicht selten Schauplatz der wechselvollen deutschen Geschichte. Zwischen den beiden Weltkriegen war er etwa Austragungsort der Feindschaft von Kommunisten und Nationalsozialisten, Arbeitern und Polizei und als Teil des Scheunenviertels ohnehin Ort krimineller Umtriebe, die Alfred Döblin in seinem 1929 veröffentlichtem Roman „Berlin Alexanderplatz“ beschrieben hat. Ein Verbrechen aus der Zeit der Weimarer Republik wurde berühmt und Teil der Kinogeschichte. Am 9. August 1931 wurden zwei Polizisten vor dem Kinoeingang erschossen, was mehrere Demonstrationen und Ausschreitungen nach sich zog. Einer der beiden Schützen war Erich Mielke, der spätere DDR-Minister für Staatssicherheit. Er wurde 1993 zu sechs Jahren Freiheitsstrafe verurteilt.

Ebenfalls zur Geschichte des Kinos gehört die des Kinovorführers Rudolf Lenau, der 1933 Zusammenkünfte einer antifaschistischen Widerstandsgruppe im Hause organisieren konnte. 1934 wurde er verhaftet und verschwand gegen Ende des Zweiten Weltkrieges endgültig. An ihn und somit das nationalsozialistische Kapitel der deutschen Geschichte erinnert eine Gedenktafel im Foyer des Kinos.4

2.4. Das Scheunenviertel - unbeendete Neuordnung eines Stadtraumes

Das Scheunenviertel befand sich im westlichen Teil der Vorstadt und war hauptsächlich von jüdischen Einwanderern, Arbeitern und sozialen Randgruppen bewohnt. Um 1900 strebten Bauverwaltung und Politiker die Aufwertung des zwielichtigen Viertels durch eine repräsentative Umstrukturierung des Stadtraumes an, die sich über zwei Jahrzehnte hinzog. Zunächst wurden sämtliche Bauten des Viertels, angekauft, entmietet und abgerissen. 1908 entstand die Straßengabelung, welche die Kaiser-Wilhelmstraße (heute Rosa- Luxemburgstraße) aus der Stadt mit den beiden wichtigen Ausfallstraßen Schönhauser Allee und Prenzlauer Allee verbindet. Der charakteristische dreieckige Platz innerhalb dieser neuen Verkehrsregulierung hieß nun Bülowplatz. Bis in den Anfang des ersten Weltkrieges hinein werden der Platz und die umliegenden Grundstücke allmählich bebaut. Auf einem leeren Grundstück an der Weydingerstraße entsteht ein Fabrikgebäude, welches 1926 zum Sitz der KPD umfunktioniert wird. Der Platz bekommt eine der ersten Berliner U-Bahn Stationen und die Freie Volksbühne errichtet dort zentral ihr von Oskar Kaufmann entworfenes Theatergebäude. Durch den Krieg und die darauf folgende Inflation bleibt das Gebiet nur temporär genutztes Brachland, bis zu einem ersten städtebaulichen Ideenwettbewerb 1925, der jedoch ohne Folgen bleibt.

Ein zweiter Wettbewerb wird 1927 initiiert, an dem nur vier Architekten, darunter der über Berlin hinaus bekannte Architekt Hans Poelzig, teilnahmen. Zu diesem Zeitpunkt hatte Poelzig schon zusammen mit dem befreundeten Architekten Martin Wagner, welcher seit 1926 Stadtbaurat Berlins war, an einem Konzept für das Messegelände in Charlottenburg gearbeitet.5 Wagner stellte sich für das ehemalige Scheunenviertel ein Stadtteilzentrum mit Mietwohnungen, Läden, Stadtbibliothek, Verwaltungsgebäuden und einem Lichtspieltheater vor.6 Nach wie vor erhoffte man sich durch die Neugestaltung eine Aufwertung und den Zuzug von besser situierten Bürgern.

[...]


1 Hanisch, Michael: „Das Babylon: Geschichten um ein Berliner Kino - mit Abschweifungen“ , 1. Auflage, KDD Gmbh [Drucker], Berlin, 2002. S. 9-10

2 Vogt, Christina: „Berlin-Mitte“, In: Hänsel, Sylvaine [Hrsg.]: „Kinoarchitektur in Berlin 1895 - 1995“, Reimer, Berlin, 1995. S. 103

3 Westphal, Anke: „Geheimnis hinter der Tür“, In: Berliner Zeitung vom 30.April 2001.

4 Hanisch, Michael: „Das Babylon: Geschichten um ein Berliner Kino - mit Abschweifungen“ , 1. Auflage, KDD Gmbh [Drucker], Berlin, 2002. S. 15-29

5 Posener, Julius: „Hans Poelzig - Sein Leben, sein Werk“, Vieweg, Braunschweig, 1994. S. 224

6 Hambrock, Heike: „Zwischen Kunstanspruch und Zeitgeschmack - Projekte von Hans und Marlene Poelzig - Der Kunstaufbruch in der Architektur zu Beginn des 20. Jahrunderts“ S.61 - 102, In: Christian Phillip Müller: „Im Geschmack der Zeit - Das Werk von Hans und Marlene Poelzig aus heutiger Sicht“, (Katalog zur Austellung, 3. Oktober bis 20. Dezember 2003, Berlin) , Verein zur Förderung von Kunst und Kultur am Rosa-Luxenburg-Platz e.V., Berlin, 2003. S. 74

Details

Seiten
16
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656298656
ISBN (Buch)
9783656300854
Dateigröße
506 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v203674
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Kunsthistorisches Institut
Note
1,3
Schlagworte
Architektur Kino Hans Poelzig Rosa-Luxemburg-Platz Kino Architketur Kino Babylon Denkmalpflege Spandauer Vorstadt Scheunenviertel Architekturbeschreibung DEFA Berlin-Mitte

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Titel: Das Kino Babylon in Berlin-Mitte