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Agrartreibstoffe in Brasilien

Was bedeutet dies für das dialektische Verhältnis von Gesellschaft und Natur?

Bachelorarbeit 2012 49 Seiten

Sozialwissenschaften allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Theoretischer Hintergrund: Die Wissenschaft der Sozialen Ökologie
1. Entstehung einer neuen Wissenschaft
2. Die Nichtidentität der Natur
3. Naturbeherrschung
4. Regulation gesellschaftlicher Naturverhältnisse
5. Zwischenfazit

III. Agrartreibstoffe in Brasilien
1. Ethanol aus Zuckerrohr
2. Agrardiesel
3. Zwischenfazit

IV. Sozial-Ökologische Folgen der Agrartreibstoffproduktion in Brasilien
1. Soziale Folgen
1.1. Arbeitsbedingungen 3
1.2. Landkonflikte 3
1.3. Nahrungsmittelsicherheit 3
2. Ökologische Folgen
2.1. Monokultur und Biodiversität 3
2.2. Klimabilanz

V. Fazit

Literatur- und Quellenverzeichnis

I. Einleitung

Heutzutage stammt mehr als 80 Prozent des weltweiten Energieverbrauchs aus fossilen Rohstoffen.[1] [2] Die Begrenztheit dieser Energiequellen jedoch stellt die heutige Gesellschaft vor neue Herausforderungen. Mit dem Aufkommen der ökologischen Krise in den 80er Jahren erkannte man, dass die globalen Aneignungsformen über die Natur, verbunden mit der kapitalistischen Ausbeutung der fossilen Rohstoffe im Fordismus nicht auf Dauer weitergehen konnte. Ein strukturelles Umdenken in der Energienutzung war deswegen dringend erforderlich.

Eine Folge der ökologischen Krise war das exponentielle Ansteigen der Ölpreise. Dadurch entstand ein weltweiter Boom für die Agrartreibstoffindustrie.[3] Die europäische Union setzte sich beispielsweise zum Ziel, dass ab dem Jahr 2020 mehr als 20 Prozent des gesamten Energieverbrauchs und mehr als 10 Prozent der Energie im Transport- und Verkehrswesen aus erneuerbaren Energiequellen stammen muss.[4] Mit dieser Expansion der Agrartreibstoffe soll laut Franco et al. die Energiesicherheit gewährleistet sein, Treibhausgasemissionen (THG-Emissionen) reduziert werden und die Entwicklung ländlicher Regionen gefördert werden.[5] Doch längst ist klar, dass Agrartreibstoffe alleine den Klimawandel nicht aufhalten können und auch keinesfalls das fossile Benzin komplett substituieren können. Die aktuelle Dürre in den USA, Russland oder Indien ist ein gutes Beispiel für die Problematiken der Agrartreibstoff-

Produktion. Es werden Einbußen von bis zu 17 Prozent bei Grundnahrungsmitteln erwartet, was die Lebensmittelpreise an sich schon steigen lässt.[6] Hinzu kommt, dass beispielsweise in den USA bis zu vierzig Prozent der Maisernte für die Agrartreibstoff­produktion gedacht ist, was den Nahrungsmittelengpass weiter zuspitzen und die Preise noch weiter steigen lassen würde, wenn diese Ziele umgesetzt werden. Hieran erkennt man deutlich, dass der pflanzliche Treibstoff kein verlässliches Substitutionsprodukt für fossile Energiequellen ist.

Damit die Energie- und Lebensmittelsicherheit langfristig gewährleistet ist, muss folglich das Produktionsvolumen gesteigert werden. Dies kann durch eine Expansion der Kultivierungsflächen geschehen, oder durch eine Ertragsmaximierung durch technologischen Fortschritt. Dabei stellt sich allerdings die Frage, ob dieser Prozess auf eine nachhaltige Art und Weise möglich ist, so dass die Balance zwischen Natur und Gesellschaft ausgeglichen bleibt, oder ob dies zur Lasten der Natur geht. Ziel dieser Arbeit ist es die sozialökologischen Folgen der Agrartreibstoffproduktion unter dem Aspekt der Beziehung zwischen Gesellschaft und Natur zu analysieren. Dazu bietet das Konzept der gesellschaftlichen Naturverhältnisse einen guten Orientierungsrahmen, da es versucht den historischen Dualismus von Naturwissenschaften und Gesellschaftswis­senschaften zu überwinden, um daraus die neue Wissenschaft der Sozialen Ökologie zu bilden. Demnach ist nicht nur die Gesellschaft abhängig von der Natur, sondern die Natur auch abhängig von der Gesellschaft.[7]

Da Brasilien der zweitgrößte Ethanolhersteller für nachwachsende Rohstoffen ist und das Land schon auf eine fast vierzigjährige Erfahrung in der Agrartreibstoffproduktion zurückblickt, bietet das Land gute Voraussetzungen, um einen möglichen Wandel der gesellschaftlichen Naturverhältnisse auf Grund der expandierenden Agrartreibstoffpro­duktion zu analysieren. Deswegen soll im Folgenden insbesondere die These erörtert werden, ob es einen Zusammenhang zwischen der zunehmenden Expansion der Agrartreibstoffindustrie und dem Verhältnis von Gesellschaft und Natur gibt. Außerdem soll gezeigt werden, dass ökologische Ziele, wie Klimaschutz oder Erhalt der Biodiversität den ökonomischen Zielen der Agrartreibstoffindustrie untergeordnet sind. Dabei ist auch zu hinterfragen, ob sich Brasilien inzwischen das postfordistische Regulierungsmodell angeeignet hat, oder ob noch immer die grenzenlose Ausbeutung der Natur, wie es im Fordismus der Fall war, praktiziert wird. Weiter soll geklärt werden, welche Bevölkerungsgruppen von den Folgen der Agrartreibstoffexpansion betroffen sind.

Der Hauptteil dieser Arbeit gliedert sich in drei Blöcke. Zunächst wird in Kapitel II das Konzept der gesellschaftlichen Naturverhältnisse vorgestellt, welches den theoretischen Rahmen bilden soll. Im dritten Kapitel wird die historische Entwicklung der Agrartreibstoffproduktion in Brasilien dargestellt. Sowohl das nationale Programm zur Alkoholherstellung von 1975 wird thematisiert, als auch die neuere Entwicklung der Dieselproduktion aus ölhaltigen Agrarpflanzen, wie Soja, Rizinus oder Sonnenblumen. Daran angeknüpft werden im nächsten Block (Kapitel IV) die sozialökologischen Folgen debattiert. Hierbei soll besonderes Augenmerk auf einen Wandel der gesellschaftlichen Naturverhältnisse gelegt werden.

II. Theoretischer Hintergrund: Die Wissenschaft der Sozialen Ökologie

Als theoretischer Rahmen und Bezugspunkt dieser Arbeit soll die vom Frankfurter Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE) weiterentwickelte Wissenschaft der Sozialen Ökologie mit ihrem epistemischen Objekt der gesellschaftlichen Naturverhält­nisse dienen. Grundlage für den neueren Forschungsansatz spielt das aus der Kritischen Theorie stammende Werk von Max Horkheimer und Theodor Adorno Dialektik der Aufklärung. Weiterführend ist es in den 90er Jahren Egon Becker und Thomas Jahn zu verdanken, dass sich die Soziale Ökologie als eigenständige und transdisziplinäre Wissenschaft etablierte, indem sie eine Verbindung zwischen Naturwissenschaften und den Sozialwissenschaften zu schaffen versuchten. Auch Christoph Görg und Markus Wissen prägten diese Theorie ausschlaggebend; besonders bezogen auf die Regulation gesellschaftlicher Naturverhältnisse in modernen, kapitalistischen Ökonomien und die daraus entstehenden lokalen und globalen Krisen und Probleme.

1. Entstehung einer neuen Wissenschaft

Wie die Natur begrifflich in den verschiedenen Wissenschaften definiert wird, ist sehr unterschiedlich. Spätestens in den 70er Jahren - mit dem Aufkommen der sogenannten ökologischen Krise - erkannte man, dass Gesellschaft und Natur in einem dialektischen Verhältnis zueinander stehen müssen:

„Jeder Versuch, die Krise der gesellschaftlichen Naturverhältnisse zu begreifen, zwingt dazu, das Verhältnis von Gesellschaft und Natur zum Thema zu machen. Wissenschaftlich ist das aber nur noch möglich durch eine Kritik des methodischen Dualismus, der dieses Verhältnis als Dualität begreift und nicht als ein komplexes Muster von Beziehungen. Je stärker das Gesellschaftsverständnis kulturalisiert wird, umso eindeutiger wird daraus der klassische Dualismus von Natur und Kultur, mit dem dann institutionell die Abgrenzung zwischen Natur- und Technikwissenschaften einerseits, Sozial- und Geisteswissenschaften andererseits legitimiert wird.“%

Es entstand also eine Debatte, um diesen Dualismus von Naturwissenschaften und Gesellschaftswissenschaften zu überwinden. Die zentrale Ausgangsfrage ist dabei, ob Natur objektive Realität (Naturalismus) sei, oder ob sie sozial konstruiert (Kulturalis­mus) ist.

Der Naturalismus plädiert dabei für eine Einheit zwischen Natur und Gesellschaft. Der Mensch ist dabei Teil einer umfassenden Natur, mit der die Gesellschaft im Gleichgewicht stehen sollte. Die Natur ist daher das Allumfassende und der Ausgangspunkt jeglichen menschlichen Handelns. Bei dieser naturalistischen bzw. realistischen Denkweise ist es die Natur, die der Gesellschaft feste Grenzen aufzeigt, worauf diese ihr Verhältnis zur Natur ausrichten muss. Kritisiert wird dabei allerdings die fehlende Integration sozialer Prozesse in eine „stofflich-materielle Umwelt" [8] [9]

Den Gegenpol in dieser Debatte bildet der Kulturalismus bzw. Konstruktivismus. Hierbei wird davon ausgegangen, dass die Natur mittels eines diskursiven Umgangs definiert wird. Die Natur ist dabei nichts real Fassbares, sondern entsteht erst, wenn in der Gesellschaft über sie kommuniziert wird und ihr dadurch eine symbolische Bedeutung zugewiesen wird. So können innerhalb einer Gesellschaft unterschiedliche Naturvorstellungen existieren, welche sich situativ und von ihrem Kontext abhängig konstruieren. Genau hieraus entstehen dann Konfliktsituationen, da verschiedene Interessensgruppen die Natur unterschiedlich konstruieren und ihr Verhältnis zum Menschen anders deuten. Dabei wird die Natur auf eine rein diskursive Ebene reduziert und die Eigenwirkung der Natur - wie sie im Naturalismus beschrieben wird - vernachlässigt.[10] [11]

Die Soziale Ökologie versucht nun mit dem Konzept der gesellschaftlichen Naturverhältnisse diese beiden Pole miteinander zu verbinden und eine wechselseitige Verbindung zwischen Natur und Gesellschaft herzustellen. Sie „plädiert für eine Balance von Kultur und Natur, d.h. für eine Kulturalisierung von Natur bei gleichzeitiger Naturalisierung der Kultur."11 Becker und Jahn bezeichnen dies auch als „doppelseitige Kritik“ - zum einen die Kritik am Naturalismus und zum anderen die Kritik am Kulturalismus.[12] Somit steht die „neue“ Wissenschaft der Sozialen Ökologie ganz in der traditionellen Linie der kritischen Theorie, welche nach einem wechselseiti­gen, dialektischen Verhältnis zwischen Gesellschaft und Natur strebt.[13] Mit dem Konzept der gesellschaftlichen Naturverhältnisse versucht sie die wichtigsten Aspekte beider Pole zu verbinden, indem sie die Eigenwirkung der Natur berücksichtigt, aber dennoch die gesellschaftlichen, kulturellen Konstruktionen beachtet.

„Weder kann demnach Gesellschaft unabhängig von Natur thematisiert werden, da der soziale Prozess konstitutiv mit Natur vermittelt ist, noch zielt der geschichtete Prozess auf eine umfassendere Kontrolle der Na- tur.“ [14]

Weiter betonten Brand und Görg die Wichtigkeit der wechselseitigen Beziehung für die Natur: „Die Vermittlung von Natur und Gesellschaft ist jedoch nicht nur für die eine Seite, die Gesellschaft, zentral, sondern berührt umgekehrt auch die Seite der Natur." [15] Praktisch heißt dies auch, dass dieses Konzept ein Versuch ist, die Natur- mit den Sozialwissenschaften zu verbinden, um dadurch sozialökologische Themen umfassender bearbeiten zu können.

Während des ökologischen Krisendiskurs in den 70er und 80er Jahren spitze sich nicht nur die Naturalismus-Realismus-Debatte wieder zu, sondern es fand auch ein öffentlicher Mobilisationsprozess für einen nachhaltigeren Umgang mit der Natur statt. Somit wurde die „Natur“ auch zu einer politischen Kategorie transformiert, und etablierte sich auf die Agenden der politischen Parteien. Spätestens mit der UN­Konferenz zu Umwelt und Entwicklung 1992 in Rio de Janeiro wurden längerfristige Handlungsstrategien für ökologische, ökonomische, politische und soziale Probleme entwickelt.[16] [17] Damit war auch die Soziale Ökologie im wissenschaftlichen Diskurs etabliert.

2. Die Nichtidentität der Natur

Die theoretischen Wurzeln des Konzeptes der gesellschaftlichen Naturverhältnisse findet sich in der kritischen Theorie der Frankfurter Schule - insbesondere in den Werken von Theodor Adorno. Zentral sind dabei zwei Begrifflichkeiten: die Nichtidentität der Natur und die Naturbeherrschung (Kap. II.3.), die später von Christoph Görg wieder aufgenommen wurden, der die Schriften Adornos neu rezipierte.

Ausgangspunkt des nichtidentischen Moments der Natur ist wiederum der im vorangegangenen Kapitel beschriebene Dualismus zwischen Natur und Gesellschaft. Adorno selbst geht zunächst davon aus, dass die Natur prinzipiell ein Konstrukt gesellschaftlichen Handelns ist. Gleichzeitig distanziert er sich von der Kulturalismus­these, indem er die vermeintliche Autonomie der Gesellschaft in Frage stellt.[18] Somit stellt er die These auf, dass die Natur immer in einer Beziehung zur Gesellschaft stehen würde, und das obwohl sie gesellschaftlich konstruiert sei:

„Der gesellschaftliche Prozess ist weder bloß Gesellschaft noch bloß Natur, sondern Stoffwechsel der Menschen mit dieser, die permanente Vermittlung beider Momente“19

Gesellschaft und Natur sind also immer dialektisch miteinander verbunden und keines kann ohne das andere bestehen.

Die paradoxe Aussage von einer dialektischen Verbindung von Gesellschaft und Natur und dass sie trotzdem gesellschaftlich konstruiert sei, versucht Adorno mit der Idee des Eigensinns der Natur zu erklären. Dieser Eigensinn zeigt der Gesellschaft ihre Grenzen, die von der Gesellschaft respektiert werden können, oder auch nicht, was dann bis zur vollkommenen Destruktion der Gesellschaft führen kann.20 Der Naturbegriff wird in dieser Theorie gleichzeitig auch deutlich vom Gesellschaftsbegriff abgegrenzt, indem er als das Andere, das Verschiedene oder das Entgegengesetzte bezeichnet wird. Die Natur ist daher grundsätzlich nur im Verhältnis zu dem zu begreifen, „von dem es zugleich unterschieden“21 wird.

Und genau diesen Eigensinn der Natur, die trotzdem weiterhin konstruiert bleibt, indem sie sich deutlich vom Gesellschaftsbegriff distanziert und deswegen nie als Teil der Gesellschaft angesehen werden kann, wird von Görg - in Anlehnung an Adorno - als „Nichtidentität“ der Natur bezeichnet:

“Einerseits wird unter Natur eine praktische wie begriffliche Konstrukti­on verstanden, die allein von der Gesellschaft und ihren (symbolisch­sprachlichen wie praktisch-technischen) Konstruktionsprozessen her zu verstehen ist. Andererseits wird jedoch auf ,Natur’ als etwas von Gesell­schaft grundsätzlich Verschiedenem mit eigenen Gesetzmäßigkeiten verwiesen, deren Aneignung oder Transformation zu menschlichen Zwe­cken nicht beliebig möglich ist, sondern dass von uns in irgendeiner [19] [20] [21]

Weise respektiert werden muss. Konstruktion und Realität mit eigenen Gesetzen gleichzeitig - in diesem Widerspruch ist die Nichtidentität ange­siedelt..“22

Die Erfahrung dieser Nichtidentität der Natur ist jedoch in den meisten Fällen den Menschen blockiert, da der direkte Kontakt zur Natur meist nur wenigen Menschen Vorbehalten ist - den Naturwissenschaftlern. So wird diese nicht-spezifische Identität der Natur meist nur im Moment des Scheiterns erkennbar.23 Das will heißen, dass der Eigensinn der Natur nur dann erkennbar wird, wenn die Natur der Gesellschaft ihre Grenzen aufzeigt. Beispielsweise könnte dies in Form von Umweltkatastrophen sein, wie die nukleare Reaktorkatastrophe in Fukushima 2011, das Erkennen von einem Ende der natürlichen Ressourcen oder der anthropogene Klimawandel. In diesen Fällen wurden die Grenzen der Natur für die Allgemeinheit sichtbar, was aber nicht zwingend heißen muss, dass die Grenzen verstanden werden und daraufhin ein Umdenken stattfindet.

Für das sozialökologische Konzept der gesellschaftlichen Naturverhältnisse heißt das Nichtidentische der Natur eine Respektierung ihrer „natürlichen" Grenzen - also des Eigensinns der Natur - und eine Überwindung des Dualismus von Gesellschaft und Natur, indem eine interdisziplinäre Forschung betrieben wird - vor allem in Verbindung von Sozial- und Naturwissenschaften - so dass das „Erkennen“ des Nichtidentischen für die Gesellschaft möglich sein kann.

3. Naturbeherrschung

Der Begriff der Naturbeherrschung geht ebenso wie die Nichtidentität der Natur auf Adorno zurück und drückt gleichzeitig eine Kritik an der grenzenlosen Ausbeutung[22] [23] natürlicher Ressourcen durch kapitalistische Aneignungsformen aus. Genauer gesagt kann man die Naturbeherrschung als „eine Verleugnung und Unterdrückung der Nichtidentität der Natur“24 definieren.

Historischer Ausgangspunkt der Naturbeherrschung bildet dabei das Erforschen der Naturgesetze, welches die „Grundlage für die Ausbeutung der Natur als Ressource kapitalistischer Akkumulation“25 war - so Bauhardt - sowie „die dichotome Gegenüberstellung von Natur und Kultur.“26 Der Prozess der Moderne mit der industriellen Revolution und der unaufhaltsame Wandel zu kapitalistischen Wirtschaftssystemen führten dabei immanent zu einer Steigerung der Naturbeherr­schung. Nach Brand und Görg führt dieser Prozess allerdings nicht automatisch auch zu einer größeren Kontrolle über die Natur, sondern vielmehr zu desaströsen Folge- und Nebenwirkungen, beispielsweise in Form von ökologischen Krisen oder Naturkatastro­phen, die vom Menschen nicht zu kontrollieren sind.[24] [25] [26] [27] [28] Folglich beschreibt die Naturbeherrschung in diesem Sinne mehr als nur die gnadenlose Aneignung natürlicher Ressourcen. Sie ist vielmehr als Kritik an den gesellschaftlichen Herrschaftsstrukturen zu verstehen, die auf ökonomischem Denken basieren.

„Naturbeherrschung meint dabei keineswegs unterschiedslos jede Form der Aneignung der Natur (dann wäre gesellschaftliche Entwicklung ohne Naturbeherrschung gar nicht denkbar), sondern eine solche, die Natur völlig ihren Zwecksetzungen unterwirft und jeglichen Eigensinn, jede Nichtidentität der Natur ignoriert.“2

Wie wichtig die Berücksichtigung dieser Kritik an einer Herrschaft über die Natur ist, lässt sich am Beispiel der ökologischen Krise erkennen.

[...]


[1] Marx, Karl: „Das Kapital. Kritik der politischen Ökonimie“, Berlin 1966, S.786.

[2] World Bank 2012: „Fossil fuel energy consumption (% of total)“ [online].

[3] Anm.: Im Folgenden wird auf Bezeichnungen „BIO-Sprit“, „BIO-Treibstoff“, „BIO-Energie“, etc. verzichtet, da die Vorsilbe „Bio“ heutzutage vor allem im deutschen Sprachgebrauch eine positive Konnotation besitzt und dies ein falsches Verständnis der doch auch kritischen Thematik suggeriert (siehe Kapitel IV). Aus diesem Grund wird in dieser Arbeit vornehmlich von Agrartreibstoffen die Rede sein. Vgl. hierzu auch Ansel, Katrin: „,Agrotreibstoffe’ im Spannungsfeld zwischen Klimawandel und Armutsbekämpfung: Sozioökonomische Folgen des Agrotreibstoffbooms für die Armen in Brasilien”,Berlin 2009, S. 245.

[4] Vgl. Brasilianische Botschaft in Berlin (Hg.) 2007: „Biokraftstoffe in Brasilien“, S. 8.

[5] Franco et al.: „Assupptions In The European Union Biofuels Policy: Frictions With Experiences In Germany, Brazil And Mosambique“, The Journal Of Peasant Studies 2010, S. 667.

[6] Vgl. Liebrich, Silvia: „Dürre in Indien, Russland und den USA - Furcht vor Hungerrevolten“, Süddeutsche Zeitung vom 14.08.2012. [online].

[7] Vgl. Brand, Ulrich/Görg, Christoph: „Postfordistische Naturverhältnisse - Konflikte um genetische Ressourcen und die Internationalisierung des Staates“, Münster 2003, S. 17.

[8] Becker, Egon/Jahn, Thomas: „Soziale Ökologie - Grundzüge einer Wissenschaft von den gesellschaftlichen Naturverhältnissen“, Frankfurt/Main 2006, S. 181f.

[9] Vgl. Görg, Christoph: „Regulation der Naturverhältnisse - Zu einer kritischen Regulation der ökologischen Krise", Münster 2003a, S. 16.

[10] Vgl. Becker/Jahn 2006, S. 131f.

[11] Hassenpflug, Dieter: „Sozialökologie - Ein Paradigma“, Opladen 1993, S. 67.

[12] Vgl. Becker/Jahn 2006, S. 23.

[13] Ebd. S. 132.

[14] Brand/Görg 2003, S. 17.

[15]

[16] Vgl. Brand/Görg 2003, S. 57.

[17] Vgl. Görg, Christoph: „Gesellschaftliche Naturverhältnisse - Einstiege“, Münster 2003, Kap. 5.2., S. 114 - 133 oder Görg, Christoph: „Nichtidentität und Kritik - Zum Problem der Gestaltung der Naturverhältnisse“, München 2003b, S. 116ff.

[18] Vgl. Görg 2003b, S. 119.

[19] Adorno, Theodor W.: “Soziologische Schriften F Frankfurt 1980, S. 221.

[20] Vgl. Brand/Görg 2003, S. 18.

[21] Görg 2003b, S. 121.

[22] Görg 2003b, S. 119. Die Einklammerung erfolgt im Original.

[23] Vgl. ebd., S. 123.

[24] Görg 2003b, S. 128.

[25] Bauhardt, Christine: „Ökologiekritik: Das Mensch-Natur-Verhältnis aus der Geschlechterperspektive“, Wiesbaden 2010, S. 316.

[26] Ebd.

[27] Vgl. Brand/Görg 2003, S. 17.

[28] Brand/Görg 2003, S.18. Die Einklammerung erfolgt im Original.

Details

Seiten
49
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656349433
ISBN (Buch)
9783656350842
Dateigröße
624 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v203702
Institution / Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover – Institut für Soziologie
Note
1,0

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Titel: Agrartreibstoffe in Brasilien