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Inwiefern sieht Seneca in der Philosophie einen Erziehungsauftrag?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 16 Seiten

Klassische Philologie - Latinistik - Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.) Einleitung

2.) Seneca als Erzieher
2.1) Selbst- und Fremderziehung nach Seneca
2.2) Die Epistel als philosophische und pädagogische Funktion

3.) Wege der Erziehung

4.) Funktion der Spruchepiloge bei Seneca

5.) Schluss

6.) Literaturverzeichnis

1.) Einleitung

De vita beata, de ira, de constantia sapientis, de clementia und nicht zuletzt die Epistulae morales ad Lucilium, sind einige Beispiele von Senecas Werken, die sich alle mit dem Thema der Philosophie beschäftigen und die alle ein Ziel haben: den Menschen zum Besseren zu führen. Vor allem die Epistulae morales, die in dieser Arbeit besondere Berücksichtigung finden, stellen Senecas Weisheiten und Prinzipien sehr deutlich in einem Art Lehrzyklus an seinen Adressaten Lucilius dar. Ihm versucht er die Grundsätze stoischer Philosophie näherzubringen. An dieser Stelle fragt man sich, inwiefern Seneca in der Philosophie einen Lehrauftrag sieht, denn in der Vermittlung seiner Ansichten verwendet Seneca durchaus pädagogische Mittel. Dies zu untersuchen, wird das Thema der vorliegenden Arbeit sein.

Zunächst wird näher untersucht, inwieweit Seneca die Überbringung seiner philosophischen Ansichten für notwendig hält, wie er sie rechtfertigt und welche Rolle dabei dem Vermittler, also dem „Lehrer“ zukommt. In einem zusätzlichen Unterkapitel wird auf die Thematik Selbst- und Fremderziehung nach Seneca näher eingegangen, welche Wichtigkeit diesen beiden Formen zukommt und wie beide sich gegenseitig bedingen.

In einem zweiten Unterkapitel wird die Frage thematisiert, warum gerade die literarische Form des Briefes dazu besonders geeignet ist, dem Schüler philosophische Grundsätze näherzubringen.

Das nächste Kapitel wird sich den Wegen der Erziehung widmen, wie es gelingt ein erfolgreicher Lehrer zu sein, welche Verhaltensweisen man dabei beachten sollte und mit welchen Mitteln man seinen Schüler am besten in der Philosophie unterweist.

In einem letzten Kapitel werden die Spruchepiloge in Senecas Briefe näher untersucht. Es wird dargelegt, welche pädagogische Funktion diese aufweisen. Darüberhinaus wird auch auf die Frage eingegangen, warum Seneca gerade Epikur so oft zitiert, obwohl dieser eine andere philosophische Auffassung hatte.

2.) Seneca als Erzieher

Senecas Ziel ist es, Menschen mit seinem philosophischen Wissen den Weg zum glücklichen Leben zu zeigen, was nur durch die Tugend als höchstes Gut geschehen kann.

Auf welche Weise kann ein Schüler aber dazu gebracht werden, sich dieses Tugendwissen anzueignen? Seneca geht von der sokratischen Gleichsetzung von Tugend und Wissen und demnach von der Lehrbarkeit der Tugend aus. Er hebt jedoch mehrfach hervor, dass die menschliche Begabung zu lernen zugleich ein Erfordernis ist. In Epistel 49,11 wird der Mensch einerseits als docilis beschrieben, seine ratio aber als imperfecta, sed perfici posset.

Die Lehrbarkeit der Tugend kommt explizit in Epistel 90 zum Ausdruck: Non enim dat natura virtutem: ars est bonum fieri (44). Virtus non contingit animo nisi instituto et edocto et ad summum adsidua exercitatione perducto (46).[1]

Die Unfertigkeit des Menschen bei seiner Geburt macht demnach Erziehung notwendig. Erziehung ist aber zugleich der Weg, ihn zur sapientia zu führen und damit vor anderen Lebewesen auszuzeichnen. Die Schwierigkeit jeder Art von Beziehung liegt freilich darin, das Gelernte in die Tat umzusetzen.[2]

Seneca betont die willentliche Entscheidung stärker, als dies bei der alten Stoa der Fall ist. In der alten Stoa wird letztlich eine Haltung, die auf Askese beruht, vertreten, also ein eingeübtes Verhalten, das den Menschen moralisch gesprochen programmiert. Dieser Gewöhnungsaspekt, der beharrlichem Üben entspringt, ist auch in Senecas Denken vorhanden, aber Seneca ist sich zugleich bewusst, dass der Mensch die Askese und den moralischen Fortschritt erst einmal wollen muss.

Dieser Wille, der eine notwendige Voraussetzung darstellt, verhindert, dass die Affekte die Herrschaft über die Seele erlangen und sie liefern den Antrieb zur beständigen Selbsterziehung. Auf diesen Begriff wird im nächsten Kapitel nochmals näher eingegangen.

Seneca stimmt jedoch mit der alten Stoa in dem Punkt überein, dass er die Askese ebenfalls für wichtig hält. Für ihn kommt jedoch noch eine entscheidende Instanz hinzu: es ist der Wille, der zum Guten führt, wie Seneca in Brief 16 verdeutlicht: […] adsiduo studio robur addendum, donec bona mens sit, quod bona voluntas est (ep. 16,1).[3]

Bei der Erziehung kommt jedoch auch dem Lehrer eine entscheidende Bedeutung zu. In Brief 52 zitiert Seneca Epikur, laut diesem es drei Klassen von proficientes gibt: die einen bahnen sich ihren Weg selbstständig, die anderen brauchen einen Führer, dem sie folgen und die dritten müssen auf ihrem Weg unterstützt und geradezu zu ihrem Glück gezwungen werden. Epikur zählt sich selbst zur ersten Klasse (ep. 52, 3-6).

Seneca entzieht sich diesem strengen Dogmatismus. Er nimmt zwar das Bild des Führers bzw. Helfers auf, bewertet es aber vorsichtiger. Er zählt sich keinesfalls wie Epikur zur ersten Klasse. Auch Seneca selbst braucht noch Anleitungen, obwohl er Lucilius‘ Lehrer ist. Somit trägt Seneca zur Aufwertung der zweiten Klasse bei, die zudem auch realistischer ist, als die erste Klasse. Wer unter Mühen seine malignitas naturae überwindet, dem kommt ein höherer Verdienst zu. Seneca wertet somit auch die dritte Klasse, der wohl die meisten angehören dürften, auf (ep. 52, 3-6).[4]

Alle Menschen haben die Anlage zur Tugend und Laster sind nicht naturgegeben. Neben der allgemeinen Natur ist noch die individuelle Natur des Menschen zu betrachten, die durchaus gewisse Unterschiede aufweist. Malignitas naturae bezeichnet keine natürliche Veranlagung zum Schlechten, sondern nur etwas wie eine mindere Auffassungsgabe. Seneca zieht daraus jedoch nicht die Konsequenz, dass es auch hoffnungslose Fälle geben muss. Vielmehr vertraut er auf die Möglichkeit durch viel Mühe und Bildung den Geist zu stärken und von Fehlern zu befreien.

Um auf dem Gebiet der Philosophie voranzuschreiten, empfiehlt Seneca keine bestimmte Schule, sondern beschreibt grundsätzliche Qualitäten, die einen guten Lehrer von einem schlechten unterscheiden. Prinzipiell kommt es nicht auf den persönlichen Umgang mit dem Philosophen an. Seneca reduziert den Lehrer auf seine Gedanken und die philosophische Bildung auf den intellektuellen Akt der Wissensaneignung. Dies ist eine Seite des Unterrichts, den Seneca hier betont, weil es ihm um die Sache an sich, also um die Lehrsätze geht (ep. 52, 7-10).[5]

Es resultiert demnach aus Senecas Grundüberzeugung, dass das Wissen sich in der Praxis bewähren muss, um als Weisheit zu gelten. Besser als die Formulierung einer Lehre ist ihre Verwirklichung und das Vorleben ist im Grunde überzeugender und hilfreicher als das verbale Vortragen einer Auffassung.

[...]


[1] Vgl. Seneca: Epistulae morales ad Lucilium, ed. Otto Hense, Bd. III, Teubner 1898 [im Folgenden zitiert als: ep.].

[2] Vgl. Thomas Baier: Seneca als Erzieher, in: Thomas Baier/Gesine Manuwald/Bernhard Zimmermann (Hrsg.): Seneca: philosophus et magister, Festschrift für Eckard Lefèvre zum 70. Geburtstag, Band 4, Freiburg 2005, 50 f. [im Folgenden zitiert als: Baier, Seneca als Erzieher].

[3] Vgl. Baier, Seneca als Erzieher, 54 f.

[4] Vgl. Matthias Hengelbrock: das Problem des ethischen Fortschritts in Senecas Briefen, Hildesheim/Zürich/New York 2000, 89 f. [im Folgenden zitiert als: Hengelbrock, das Problem des ethischen Fortschritts].

[5] Vgl. Hengelbrock, das Problem des ethischen Fortschritts, 91 f.

Details

Seiten
16
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656305422
ISBN (Buch)
9783656306870
Dateigröße
507 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v203777
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
2,0
Schlagworte
inwiefern seneca philosophie erziehungsauftrag

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