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Neuro-Enhancer. Doping am Arbeitsplatz

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 26 Seiten

Soziologie - Medizin und Gesundheit

Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung

2 Die Arbeitswelt im Wandel
2.1 Begriffsdefinition: Doping
2.2 Doping am Arbeitsplatz – was bedeutet das?

3 Ursachen für Doping am Arbeitsplatz
3.1 Präsentismus – Ein neues Phänomen?

4 Betriebliche Strategien gegen Suchtmittelmissbrauch und Doping am Arbeitsplatz
4.1 Gesunde Führung als Wegweiser?

5 Fazit und Ausblick

6 Literatur

1 Einleitung

Die zunehmende Flexibilisierung und Komplexität der Arbeit haben dazu beigetragen, dass der Leistungsdruck in der Arbeitswelt stetig ansteigt. Das Gros der Beschäftigten (in Betrieben) steht permanent unter hohem Zeit- und Leistungsdruck; viele Mitarbeiter sind überarbeitet und leiden an Überforderung, da sie die Menge an Arbeit oft nicht mehr bewältigen können. Es scheint, dass nur noch diejenigen erfolgreich in der Arbeitswelt bestehen können, die über ein hohes Maß an kognitiven und psychischen Ressourcen wie etwa schnelle Auffassungsgabe, fokussierte Aufmerksamkeit und Stressresistenz verfügen. Wissenschaftliche Studien (bspw. DAK Gesundheitsreport 2009) haben gezeigt, dass es bereits jeder fünfte Beschäftigte in der Bundesrepublik für vertretbar hält, die Arbeits-leistung mit verschreibungspflichtigen Medikamenten zu steigern.1,5% der Befragten nehmen solche Medikamente, primär vorgesehen für die Therapie von Alzheimer, Depressionen, Aufmerksamkeits- und Schlafstörungen, bereits regelmäßig ein.

Dieser „Trend“ wird auch von den Medien durch eine verstärkte Berichterstattung in den letzten Monaten beachtet; es werden kontroverse Diskussionen in der Öffentlichkeit wie in der Wissenschaft geführt über Phänomene wie "Doping am Arbeitsplatz", "Gehirndoping" oder auch das sogenannte "Psycho- und Neuro- Enhancement". Während der Gebrauch bzw. Missbrauch von Aufputschmitteln verschiedener Art sowie konzentrationsfördernden Präparaten („Leistungssteigerung“) groß teils von Männern betrieben wird, neigen Frauen meist dazu, beruhigende und stimmungsaufhellende Mittel gegen depressive Verstimmungen oder Ängste einzunehmen. Oft werden solche Mittel auch dann regelmäßig und über Jahre hinweg eingenommen, wenn gar keine medizinische Indikation vorliegt.

Aufgrund dieses Tatbestandes erscheint es unerlässlich, sich mit dem wachsenden Trend des „Gehirndopings“ in der Arbeitswelt auseinander zu setzen und der Frage nach zu gehen, ob und inwieweit dieses polarisierende Thema zu einem neuen Aufgabenfeld in der betrieblichen Suchtarbeit und somit auch im Betrieblichen Gesundheitsmanagement werden könnte.

2 Die Arbeitswelt im Wandel

Der DAK Gesundheitsreport sieht die sich im Wandel befindende Arbeitswelt selbst als eine maßgebliche Ursache für die höhere Stressbelastung der Beschäftigten an. Die sich rasch weiterentwickelnden Informations- und Kommunikationstechnologien haben dazu geführt, dass Arbeit sukzessive orts- und zeitflexibel wird – dadurch wird auch das Arbeitsleben zwangsweise flexibilisiert; die Arbeitnehmer müssen sich mit wachsenden Anforderungen wie dem Umgang mit Unsicherheit, Wettbewerb und Termindruck auseinandersetzen. Dieser fortschreitende Prozess zeigt bereits heute seine Wirkung: 25% der europäischen Bevölkerung leiden im Laufe ihres Lebens unter (mindestens) einer seelischen Erkrankung, welche als behandlungsbedürftig einzustufen ist. Das Ausmaß von psychischen Erkrankungen sowie der daraus resultierenden frühzeitigen Erwerbsminderungen ist bereits jetzt alarmierend. (Giesert; Wendt- Danigel 2011: 7)

Laut den Ergebnissen von Mitarbeiterbefragungen (bundesweit über 32.000 Arbeitnehmer) durch das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) aus den Jahren 1999-2003 spielen neben körperlichen auch psychische Belastungsfaktoren an vielen Arbeitsplätzen eine zunehmend wichtige Rolle. Die in vielen Betrieben steigende Arbeitsintensität stellt für einen großen Teil der Beschäftigten einen Belastungsfaktor dar; genau wie die häufig engen Zeitvorgaben und das geforderte Arbeitspensum. So gaben immerhin 32,5% der Befragten an, stark unter Hektik sowie Zeit- und Termindruck am Arbeitsplatz zu leiden. Als psychisch belastend wurden zudem das geforderte Arbeitstempo (28,8%) sowie der Leistungsdruck/ Erfolgszwang (25,4%) empfunden. (Vetter 2005: 10f.)

Während die physischen Ressourcen der Beschäftigten groß teils in den Hintergrund treten, wird nun die berufliche Leistungsfähigkeit in der modernen Arbeitsgesellschaft in zunehmendem Maß von den kognitiven und psychischen Ressourcen jedes Einzelnen bestimmt. Gefragt sind „schnelle Auffassungsgabe, gutes Erinnerungsvermögen, lebhafte Kreativität und fokussierte Aufmerksamkeit neben Ausdauer und Stressresistenz“. Durch die permanente Konfrontation mit diesen Anforderungen wächst auch der Anspruch der Menschen an sich selbst, immer leistungsfähiger zu sein, um weiterhin einem Beschäftigungsverhältnis nachgehen zu können. (DAK 2009: 7, 37)

Viele Beschäftigte fühlen sich durch die erforderliche ständige Aufmerksamkeit und Konzentration (27,7%) sowie eine große Genauigkeit (26,3%) erheblich belastet. Auch die Unterbrechung von angefangenen Arbeiten (25,4%) sowie die stets drohende Gefahr, Fehler bei der Arbeit zu machen (18,4%), werden als Stressfaktoren bewertet. (Vetter 2005: 61)

Die Arbeitnehmer werden zunehmend von „impliziten Normen und Wunschbildern“ beeinflusst: „Schlauer, schneller, effektiver sein als die Kollegen und das ggf. mit Hilfsmitteln“, so lässt sich zusammengefasst das neue Credo in der Arbeitswelt beschreiben. Daher scheint der offenbar weit verbreitete Wunsch, Körper- und Hirnfunktionen zielgenau beeinflussen zu können, um den wachsenden Anforderungen am Arbeitsplatz standhalten zu können, in jüngster Zeit nicht mehr nur eine Utopie zu sein – immer öfter hört man von neuen neuro-pharmakologischen Erfolgen, die dieses Ziel in greifbare Nähe rücken (könnten). Dies wirft die Frage auf, wie eine solche Leistungssteigerung im Detail erzielt werden könnte. Es erscheint mittlerweile nicht abwegig, dass Beschäftigte aufgrund der erhöhten psychischen Belastungen in der Arbeitswelt zu aufputschenden, konzentrationssteigernden oder beruhigenden Arzneien greifen, um im Arbeitsalltag bestehen zu können. Ausgehend von dieser These hat die DAK das im Sport schon länger heftig diskutierte Thema „Doping“ jetzt auch in der Arbeitswelt näher untersucht. Dabei führte die Krankenkasse eine repräsentative Befragung bei rund 3.000 Arbeitnehmern im Alter von 20 bis 50 Jahren durch; abgerundet wird diese Studie durch Einschätzungen über mögliche Hintergründe für die ermittelten Tatbestände von anerkannten Experten aus Wissenschaft und Praxis. (DAK 2009: 7, 37)

2.1 Begriffsdefinition: Doping

Im allgemeinen Sprachgebrauch wird der Begriff „Doping" primär im Bereich des Hochleistungssports verwendet. Gerade im Profi- Radsport sind in letzter Zeit zahlreiche Fälle von Doping bekannt geworden. Doch auch im Freizeit- und Breitensport werden zunehmend gedopte Teilnehmer identifiziert. Darüber hinaus werden jedoch auch im Alltag verschiedene Formen von „Doping“ ersichtlich: der obligatorische Morgenkaffee, die Zigarette vor der Arbeit, der Espresso in der Nachmittagspause oder auch das Gläschen Wein abends zum Entspannen auf der Couch. All diese Gewohnheiten können letztlich als Konsum von Psychotropika bezeichnet werden, Substanzen welche die Psyche des Menschen gezielt beeinflussen können.

Auf der Suche nach der ursprünglichen Bedeutung des Begriffs „Doping“ wird ersichtlich, dass dieser vom Wortstamm – "dope": Drogen verabreichen – abstammt, welcher sowohl angelsächsischer wie auch niederländischer Herkunft ist. Dagegen wird sein eigentlicher Ursprung dem südlichen Afrika zugesprochen; die Eingeborenen dort bezeichneten mit "Dop" einen starken Schnaps. Diese Bezeichnung wurde von Einwohnern europäischer Herkunft (ins Afrikaans) übernommen, jedoch wurde der Begriff im Lauf der Geschichte ausgedehnt und stand nun stellvertretend für Getränke mit anregender Wirkung. Schließlich wurden auch Rausch- und Aufputschmittel dem Begriff „Doping“ zugeordnet.

Wurde bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts Doping erstmals im Pferdesport zur Leistungssteigerung eingesetzt, breitete sich das leistungssteigernde medikamentenbasierte Humandoping zu Beginn des 20. Jahrhunderts verstärkt im Spitzensport aus.

Auffallend ist die große Bandbreite, über welche der Begriff Doping zu verfügen scheint; es lässt sich keine allgemeingültige Definition finden, die dem Begriff in all seinen Facetten gerecht wird. Der DAK- Gesundheitsbericht 2009 konzentriert sich daher auf die richtungsweisende Formulierung der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) aus dem Jahre 2004, welche den gemeinsamen Nenner der zahlreichen unterschiedlicher Definitionen in der Zielsetzung des Dopings sieht: Bezweckt wird hierbei stets, die natürliche menschliche Leistung durch die „Einnahme körperfremder Substanzen unerlaubter Wirkstoffgruppen (z.B. Anabolika) oder die Anwendung unerlaubter Methoden (z.B. Blutdoping)“ signifikant zu steigern. (DAK 2009: 41f.)

2.2 Doping am Arbeitsplatz – was bedeutet das?

Wie bereits dargelegt, lässt sich die Zunahme psychischer Erkrankungen und auch Suchterkrankungen groß teils mit dem Wandel der Arbeitswelt wie auch der Lebenswelt an sich erklären. Die Arbeitsintensität hat eine zunehmende Erhöhung erfahren; Menschen leiden während der Arbeit zunehmend unter Stress und permanentem Leistungsdruck. Viele Erwerbstätige sind daher bereits dazu übergangen, stimmungsaufhellende und/ oder konzentrationsfördernde Medikamente einzunehmen, um bei der Arbeit weiterhin leistungsfähig zu sein. Lässt sich dies noch auf eine Stufe mit dem „unproblematischen“ Konsum von Genussmitteln wie beispielsweise Espresso setzen oder aber lässt sich ein solches, gesellschaftlich weit verbreitetes Verhalten bereits als Doping am Arbeitsplatz bezeichnen? Ab wann spricht man nun tatsächlich von „Doping am Arbeitsplatz“? Sich an der Definition der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA (s. 2.1) orientierend, spricht der DAK Gesundheitsreport dann von Doping bei der Arbeit, wenn eine „systematische Einnahme körperfremder Substanzen [vorliegt], um eine Leistungssteigerung bei der Ausübung der beruflichen Tätigkeit zu erreichen“. Ein solches Verhalten unterliegt, anders als im Leistungssport, (noch) keinen Sanktionen. "Doping am Arbeitsplatz" ist im Rahmen des DAK-Gesundheits-reports 2009 gleichzusetzen mit Medikamentendoping - und zwar insbesondere mit verschreibungspflichtigen Arzneimitteln. Dabei wird meist auf Psycho- und Neuro-Pharmaka, welche ursprünglich zur Therapie von alters- und krankheitsbedingten kognitiven Beeinträchtigungen zugelassen wurden, zurückgegriffen. (DAK 2009: 41f.)

Wienemann und Schumann konstatieren, dass der „in Umfang und Wirkung am ehesten unterschätzte Substanzkonsum am Arbeitsplatz […] der problematische Medikamentengebrauch“ ist. Erst durch die zeitweise oder gar regelmäßige Einnahme von Medikamenten könne die Arbeitsfähigkeit vieler Berufstätiger überhaupt erst aufrecht erhalten werden. Gesundheitliche Beschwerden und Befindlichkeitsstörungen können durch „hohe körperliche, soziale und psychische Belastungen und geringe Handlungsspielräume“ entstehen und begünstigen oftmals den Ge- bzw. Missbrauch von Arzneimitteln. Um sich vor Stress abzuschirmen, weiter durchzuhalten und zu „funktionieren“, greifen immer mehr Mitarbeiter zu Schmerz-, Schlaf- und Beruhigungsmittel. (Wienemann; Schumann 2011: 26)

Seit einigen Jahren taucht in der deutschen Diskussion um Doping am Arbeitsplatz immer wieder der Begriff „Neuro- Enhancement“ auf. Abgeleitet vom englischen Verb „to enhance = aufwerten, vermehren“, bezeichnet dieser Begriff die (regelmäßige) Einnahme von Medikamenten zur Stimmungsaufhellung und/ oder Steigerung der Konzentrations- und Leistungsfähigkeit – ohne, dass hierfür eine medizinische Indikation vorliegt. (DAK 2009: 52)

Wenn von Neuro-Enhancement die Rede ist, handelt es sich hierbei im Wesentlichen um die „Erweiterung oder Steigerung von Fähigkeiten gesunder Menschen“. Erzielt werden soll dadurch „die Steigerung der körperlichen Leistungsfähigkeit, die Erweiterung von kognitiven Fähigkeiten, die Korrektur moralischer Defizite oder die Aufhellung der allgemeinen Grundstimmung“. Erzeugt werden kann eine solche Steigerung durch spezifische Medikamente, welche den Gehirnstoffwechsel beeinflussen. (Kleefeld et al. 2009: 96)

Schwartz bemerkt, dass eine Grenzziehung zwischen Behandlung/ Therapie und Enhancement, also zwischen notwendiger und gewollter Medikamenteneinnahme, oft nur sehr schwer möglich ist. Er stellt im Anschluss daran die Hypothese auf, dass man dann von einer Behandlung sprechen könne, wenn sie bewirkt, dass ein Individuum (wieder) aktiv an der Gesellschaft teilhaben kann. Wenn die Person aktiv am gesellschaftlichen Leben teilnimmt aber ihre Leistung steigern möchte, um einen Gewinn für sich zu erzielen, sei es angebracht, von Optimierung bzw. Enhancement zu sprechen. (Schwartz 2009: 7)

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Details

Seiten
26
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656302308
ISBN (Buch)
9783656302063
Dateigröße
643 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v203894
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
1,3
Schlagworte
neuro-enhancer neue formen doping arbeitsplatz

Autor

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Titel: Neuro-Enhancer. Doping am Arbeitsplatz