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Die Suche nach Identität und Gemeinschaft in der Kinder- und Jugendliteratur der DDR

Intertextueller Vergleich unter ästhetischen und gesellschaftspolitischen Aspekten

Magisterarbeit 2010 82 Seiten

Literaturwissenschaft - Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

I. Teil

1. Einleitung
1.1 Forschungsstand
1.2 Identität und Gemeinschaft

2. Entwicklungen der KJL in der DDR
2.1 Literatur ab 1945 bis in die fünfziger Jahre
2.2 Die sechziger Jahre
2.3 Die siebziger und achtziger Jahre

3. Stellung der KJL in der DDR- Staatlicher Anspruch und politische Einflussnahme
3.1 KJL als Bildungsmedium
3.2 Ideologischer Anspruch
3.3 Ästhetischer Anspruch
3.4 Zensur

II. Teil

4. Suche nach Gemeinschaft und neuer Identität - Flucht und Neuorientierung in Alfred Wellms „Pugowitza oder Die silberne Schlüsseluhr“
4.1 Alfred Wellm
4.2 Erzählsituation und Figur-Handlungs-Modell
4.3 Personen
4.3.1 Heinrich Habermann
4.3.2 Komarek
4.3.3 Otwin
4.3.4 Russische Soldaten, Frau Kirsch und der Spanier
4.4 Motive der Identitätssuche
4.5 Ästhetische Darstellungsmittel
4.6 Intertextuelle Bezüge
4.7 Kritik an der Gesellschaft und den politischen Zuständen
4.8 Neue Identität und neue Gemeinschaft nach dem Krieg

5. Ausbruch aus der Gemeinschaft und Suche nach eigener Identität in Uwe Kants „Reise von Neukuckow nach Nowosibirsk“
5.1 Uwe Kant
5.2 Erzählsituation und Figur-Handlungs-Modell
5.3 Personen
5.3.1 Trainer, Eltern, Lehrer
5.3.2 Jürgen Rogge
5.3.3 Lüttjohann
5.4 Intertextuelle Bezüge
5.5 Motive der Identitätssuche
5.6 Ästhetische Darstellungsmittel
5.7 Kritik an der Gesellschaft und den politischen Zuständen
5.8 Identitätsbildung und Rückkehr in die Gemeinschaft

6. Resümee

7. Anhang

8. Quellenverzeichnis

Abstract:

In dieser Hausarbeit soll gezeigt werden, wie in der Kinder- und Jugendliteratur (kurz: KJL) der DDR die Suche nach Identität und Gemeinschaft dargestellt wird. Fragen sind dabei, welche Botschaften die Kunstwelt der KJL an ihre Leser vermittelt sowie ob sie Tendenzen zur sozialistischen Erziehung erkennen lässt oder einen kritischen Standpunkt einnimmt.

Nach einem Überblick über die Entwicklung der KJL in der DDR mittels ausgewählter Beispiele liegt das Hauptaugenmerk auf der Untersuchung zweier Werke, Uwe Kants Die Reise von Neukuckow nach Nowosibirsk und Alfred Wellms Pugowitza oder die silberne Schlüsseluhr, welche interessante Darstellungen der Suche nach Identität und Gemeinschaft und eine hoheästhetische Qualität bieten.

Ergebnis dieser Untersuchung ist es, dass beide Werke einen kritisch-realistischen Standpunkt einnehmen und dass sie den Leser die Entwicklung ihrer Protagonisten mittels innovativerästhetischer Darstellungsmittel und verschiedenster Motive nachvollziehen lassen.

Dabei ist ein wichtiger Punkt, dass die Werke unabhängig von einer politischen Betrachtungsweise funktionieren und auch heute noch lesenswert sind, weil sie interessante Aspekte und Betrachtungsweisen darbieten.

I. Teil

1. Einleitung

Kinder und Jugendliteratur1 ist für viele Menschen der erste Berührungspunkt mit Literatur. Mit den Helden unserer Kindheit haben wir mitgefiebert, geweint, gelitten und uns gefreut. Wir wollten frei sein wie Huckleberry Finn, mutig und entschlossen wie die Rote Zora und ihre Bande oder frech wie Michel aus Lönneberga. Die Zeit, die wir in der Phantasiewelt der Literatur verbracht haben, hat uns darüber hinaus geprägt. Die Geschichten über Selbstbehauptung, Zusammenhalt, Mut und Entschlossenheit sind wie Spiegelbilder, in denen wir uns erkennen können, oder in denen wir uns gern erkennen würden. Gerade in der Zeit der Pubertät und Adoleszenz kann Literatur einen maßgeblichen Einfluss auf den Sozialisationsprozess haben, dessen Ergebnis die jeweilige Identität ist. Diese Suche nach Identität in der Pubertät, die Abgrenzung von der alten Gemeinschaft und die Suche nach einer neuen werden in der Kinder- und Jugendliteratur2 natürlich behandelt. Die verschiedensten Bücher und Geschichten behandeln Probleme mit den Eltern, Streitereien mit Freunden und Geschwistern, die erste Liebe oder das Gefühl der eigenen Unvollendetheit, das einen manchmal überfällt. Diese Suche nach Identität und Gemeinschaft wird je nach Epoche und Adressat anders dargestellt. Aber nicht nur die realen Zustände, sondern auch die Intentionen und Ansprüche, die sich hinter der KJL teilweise verbergen, spielen da mit hinein.

Faszinierend ist gerade die Frage, wie die Suche nach Identität und Gemeinschaft in der KJL der DDR beschrieben wurde. Nach der Lektüre von Texten, die die Anforderungen der SED an die KJL darstellten oder von Werken, die der monolithischen Ansicht zur KJL in der DDR entsprechen, drängt sich die Vermutung auf, dass gerade hier die Entwicklung einer eigenständigen, kritischen Identität nicht gewünscht wurde. Sollten die Protagonisten lieber kommunistisch geprägte Einheitsmenschen sein, ohne eigene Identität, der sozialistischen Gesellschaft treu ergeben? Oder spiegelt die KJL ein ganz anderes Bild der Suche nach Identität und Gemeinschaft wider?

Diese Hausarbeit möchte Antworten finden auf die Frage, welche Botschaft die Kunstwelt der KJL für ihre Leser vermittelt.

Sollte sie wirklich „Helden nach Plan“ erziehen, war sie angepasst oder wurde sie als kritisches Element der Gesellschaft verstanden? Hat die KJL auf das kritische Selbstbewusstsein ihrer Leser insistiert oder die Individualität zugunsten des sozialistischen Kollektivs geopfert?

Diese Fragen sollen an zwei Texten der KJL untersucht werden, die eine hoheästhetische Qualität aufweisen und in denen auf interessante Weise wesentliche Lebensfragen gestaltet sind.

Nach der Einführung in den Forschungsstand und der Klärung der Begriffe Identität und Gemeinschaft, möchte ich im ersten Teil der Hausarbeit einen kurzen Einblick in die Entwicklung der KJL in der DDR geben. Dabei stelle ich die vorrangigen Tendenzen und Entwicklungen der einzelnen Jahrzehnte dar und veranschauliche sie an beispielhaften Werken. Im darauf folgenden Punkt möchte ich auf die Stellung der KJL in der DDR eingehen. Wichtige Punkte sind hier der ideologische undästhetische Anspruch an die KJL und die politische Einflussnahme mittels Zensur und Selbstzensur.

Im zweiten Teil meiner Hausarbeit möchte ich Alfred Wellms Pugowitza oder Die silberne Taschenuhr und Uwe Kants Die Reise von Neukuckow nach Nowosibirsk untersuchen.

Beide Werke bieten interessante Darstellungen der Suche nach Identität und Gemeinschaft.

Während in Wellms Text ein Junge in der Zeit unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg auf der Suche nach Gemeinschaft eine neue Identität findet, muss Uwe Kants Held erst aus seiner Gemeinschaft ausbrechen und sich während einer Reise auf die Suche nach seiner eigenen Identität begeben.

Nach einer Untersuchung der Erzählsituation und der Personenkonstellation werden ich bei beiden Werken auf die Motive der Identitätssuche und derenästhetische Darstellungsmittel eingehen. Im Anschluss möchte ich untersuchen, welche intertextuellen Bezüge in den beiden Werken zu finden sind und ob Kritik an der Gesellschaft und den politischen Zuständen der DDR in den Werken widergespiegelt wird.

Nach diesen Analysen möchte ich im letzten Punkt Antworten auf die gestellten Fragen geben und darstellen, welche Bedeutung die Suche nach Identität und Gemeinschaft in der KJL der DDR hatte.

1.1 Forschungsstand

In vielen allgemeinen Einführungen zur Kinder- und Jugendliteratur wird die KJL der DDR vollkommen ausgeklammert3 oder bestenfalls in einem sehr kurzen Exkurs dargestellt.4

Grundlegendes Standardwerk für die Einführung in die Thematik und weitere Beschäftigung damit ist das 2006 von erschienene Handbuch der Kinder und Jugendliteratur SBZ/DDR von 1945 bis 1990

Die sekundäre Literatur zu Autoren der KJL der DDR stammt oftmals selbst aus der Zeit der DDR und muss somit sehr differenziert gelesen werden. Beispielsweise lässt die Darstellungen der Geschichte der KJL in der DDR in Werken von Emmerich (1981), Ebert (1976) oder Wallesch (1977) ein Beschreibungsmuster erkennen, das von gesellschaftlichen Bewegungen und politischen Ereignissen wie Parteitagen ausgeht, und diese dann auf literarische Entwicklungen und poetische Texte überträgt.5

Diese Werke vermitteln einen Zusammenhang zwischen politischer Programmatik und poetischem Schaffen, der zwar in gewisser Hinsicht bestand, der aber auch sehr kritisch geprüft werden muss. Ohne diese Prüfung besteht die Gefahr, dass übersehen wird, wo sich die Literatur dieser Programmatik entzog und inwieweit mit einem Formen- und Funktionswandel eine eigenständige künstlerische Entwicklung verbunden war, die sich vor der vorgegebenen politischen Indienstnahme bewahrte.6

Neuere Werke zur KJL der DDR, welche Titel wie Robinson in roten Socken oder Helden nach Plan7 tragen, lassen erkennen, das oftmals weniger eine Analyse der Texte, sondern eine Einordnung in politische Prämissen oder nach politisch- moralischer Beurteilung des Verhaltens einzelner Schriftsteller Grundlage war. Auch Artikel, wie der 2005 in der „Zeit“ erschienene Beitrag Heidi Strobels mit dem markanten Titel Unser Ferkel Eduard - glücklich in der LPG, verallgemeinern teilweise und treffen viel zu oft die undifferenzierte Aussage: „ DDR-Kinderbücher sollten kleine Hoffnungsträger für die sozialistische Gesellschaft formen. “ 8

Natürlich müssen auch derartige Wertungen und Kriterien eine Rolle bei der Analyse spielen, doch verstellt eine vordergründig ideologisch geprägte Betrachtungsweise den Blick auf die tatsächlichen politischen und literarischen Bewegungen.9

Wie auch andere ist der Leiter des Instituts für Jugendbuchforschung an der Universität Frankfurt, Prof. Dr. Klaus Doderer, der Meinung: “Man müsse das Klischee begraben, dass in der Kinderliteratur der DDR nur Einerlei und langweilige sozialistische Berieselung herrsche".10

Dieser kleine Einblick in den Forschungsstand zu der KJL der DDR zeigt, das die Literaturwissenschaft noch weit entfernt ist von einer seriösen und kenntnisreichen Aufarbeitung der Kinder- und Jugendliteratur in der DDR.

1.2 Identität und Gemeinschaft

„ Identität ist das Gesamt der Antworten auf die Fragen: Wer bin ich? Wer sind wir? “ 11

Identitätsbildung findet namentlich während der Pubertät und Adoleszenz statt.

Identität ist das Ergebnis eines Sozialisationsprozesses , der den je spezifischen und individuellen Gleichgewichtszustand zwischen den eher personalen Erfahrungen und Charakteristika und den sozialen Erwartungen und Rollen, die von Außen und ohne besondere Berücksichtigung der Individualität an den einzelnen gestellt werden, darstellt.12

Nach H.G. Mead (1863-1931) ist Identität eine Eigenschaft, die gerade durch soziale Interaktionen erzeugt wird und wieder auf sie zurückwirken kann. Die Ich-Identität ist sowohl Ursache bzw. Auslöser sozialer Interaktionen als auch deren Folge bzw. Produkt.

Das Individuum entnimmt seine Identität der Vorstellung, die Andere seiner Meinung nach von ihm haben, es betrachtet sich selbst aus der Sicht der Anderen. Dementsprechend unterscheidet Mead zwei Komponenten der Identität.

Diese ist zum einen das gesellschaftlich und kulturell vor gebildete „Soziale Selbst“, welches während Interaktionen internalisiert wird und die sozialen Rollen und Erwartungen der anderen an das Individuum verkörpert.

Zum anderen spricht er vom „Spontanen, aktiven Selbst“, welches Selbstreflexion ermöglicht und Vorbedingung für die Identifikation mit und Internalisierung von sozialen Rollen ist, aber gleichzeitig eine kritische Distanzierung vom sozialen Selbst ermöglicht.13

Goffman nimmt diese Unterscheidung in seine Theorie auf, er unterscheidet aber zwischen persönlicher und sozialer Identität.

Die persönliche Identität ist die Einmaligkeit eines Individuums und der mit seiner Biografie verbundenen Handlungsweisen und Interaktionen.

Die soziale Identität umfasst die Rollen und Rollenerwartungen, die das Einzelwesen in aktuellen Interaktionen vorfindet.

Beide Seiten konfrontieren den Einzelnen mit Erwartungen, er selbst zu sein und den sozialen Rollen zu entsprechen. Diese Seiten können miteinander im Gleichgewicht sein - oder eben nicht.

Im Begriff der Identität bringt man theoretisch das Individuum und die Gesellschaft zueinander in Beziehung.

Wichtig ist hier die Unterscheidung von Gesellschaft und Gemeinschaft, die auf Ferdinand Tönnies zurückgeht, der den Begriff Gemeinschaft 1887 als antagonistischen Begriff zu der Gesellschaft geprägt hat.14

Im früheren Sprachgebrauch wurden beide Begriffe synonym verwendet.

Ab dem späten 19.Jahrhundert steht Gemeinschaft für ein organisch gewachsenes,

auf Vertrauen beruhendes Verhältnis zwischen Menschen, die durch gefühlsmäßige, persönliche und innige Beziehungen gekennzeichnet ist.

Die Gesellschaft steht für rationale, auf Nützlichkeitserwägungen beruhende, soziale Zusammenhänge, denen das Individuum in lockerer Weise auf Grund bestimmter Interessen angehört.

Gesellschaften sind die umfassende Ganzheit eines dauerhaft geordneten, strukturierten Zusammenlebens von Menschen in einem bestimmten räumlichen Bereich. Sie bilden sich zur Erreichung bestimmter Ziele und Zwecke und kommen erst zustande, wenn sie sich an gemeinsamen Institutionen, Werte und Normen orientieren. Bei Nichtbeachtung dieser Institutionen und Normen drohen Sanktionen.

Auch soziale Verbindungen, Tönnies nennt sie „soziale Verhältnisse“, Familie oder Geschäftspartner, können entweder zum gemeinschaftlichen oder gesellschaftlichen Typus tendieren.

Bei dieser Entgegensetzung darf aber nicht vergessen werden, dass die beiden genannten Verhältnisse stets gleichzeitig, wenn auch in verschiedenen Mischverhältnissen und miteinander verflochten, bestehen.

In der Gemeinschaft findet der Mensch die umgreifenden Traditionen als anschauliche Realität schon vor. Für Tönnies sind deshalb die gemeinschaftlichen Verhältnisse „real“, die gesellschaftlichen dagegen „fiktiv“, da sie auf Abstraktionsleistungen (wie bei der Korrespondenz der Geldwirtschaft) oder fingierten Konstellationen (Bsp. Fiktion des Äquivalententauschs im Arbeitsvertrag) beruhen15

Gemeinschaft wird sozialgeschichtlich um das Haus zentriert, analog dazu das Dorf, die Gemeinde oder die Stadt. Das alles geht vom Prototyp der Familie aus.

Im Jahre 1922 ergänzte Schmalenbach Tönnies’ Dichotomie und fügte zur traditionellen Gemeinschaft den charismatischen Bund als weitere Kategorie hinzu. Damit war der Bezug zum Charisma-Begriff Max Webers hergestellt.

Dieser hatte Tönnies’ Überlegungen in sein Denken übernommen und zwischen Vergemeinschaftung und Vergesellschaftung unterschieden.

Bei beiden handelt es sich um soziale Beziehungen. Die Vergemeinschaftung basiert auf dem subjektiven Bewusstsein affektueller oder traditionaler Zusammen- gehörigkeit der Beteiligten, während die Vergesellschaftung auf soziales Handeln, das wert- oder zweckrational gerichtet ist, auf Ausgleich oder Verbindung von Interessen zielt.16

Dabei kann sich Vergemeinschaftung auch aus Vergesellschaftung ergeben.

Weber sieht Gesellschaft in enger Verflechtung mit Kultur und führt sie auf das soziale, wechselseitig orientierte Handeln der Individuen zurück.17

2. Entwicklungen der KJL in der DDR

2.1 Literatur ab 1945 bis in die fünfziger Jahre

Die KJL nach Ende des Krieges bis zur Gründung der DDR ist geprägt von Übersetzungen aus der sowjetischen Literatur, deren Vorbildcharakter betont wurde. Allein bis 1949 wurden etwa 80 Titel bekannter sowjetischer Jugendbücher auf dem späteren Gebiet der DDR veröffentlicht, davon etwa 20 Titel im Verlag der sowjetischen Militäradministration selbst.18 Dabei wurde zunächst erzählende, revolutionäre Literatur der zwanziger Jahre bzw. stofflich an dieser orientierte Werke herausgebracht. Zu den bekanntesten Übersetzungen gehören die Werke von Arkadi Gaidar (Tschuk und Gek, 1947, Timur und sein Trupp, 1947), Valentin Katajew (Es blinkt ein einsam Segel, 1946) oder Nikolai Ostrowski (Wie der Stahl gehärtet wurde, 1947)

Neben den sowjetischen Übersetzungen wurden auch Texte zurückgekehrter Exil- Literaten, die vor und während des Krieges entstanden waren, publiziert. So gehörte 1949 Der verwundete Sokrates, eine antimilitärische Parabel aus den Kalender- geschichten Bertolt Brechts, zu den ersten Publikationen des Kinderbuchverlages.19 Mit der Gründung des „Verlags der jungen Generation“ 1946 (später Verlag Neues Leben) und dem Kinderbuchverlag, der 1949 als Editionshaus des Verbandes der Jungen Pioniere entstand, wurde der Grundstein gelegt für die weitere, sozialistisch definierte KJL der DDR.

Zu den wichtigsten wieder aufgelegten Vorkriegswerken gehörten: Das Eismeer ruft (1948; zuerst 1936) und Ede und Unku (1954; zuerst 1931) von Alex Wedding, Die Heiden von Kummerow (1948; zuerst 1934) und Die Gerechten von Kummerow (1953; zuerst 1937) von Ehm Welk, Hans Falladas Geschichten aus der Murkelei (1947; zuerst 1938) und Hoppelpoppel, wo bist du? (1948; zuerst 1936). Kurt KläberHelds Die Rote Zora und ihre Bande (zuerst 1941), eines der bedeutenden kinderliterarischen Werke des Exils, erschien in der DDR erst 1957.

Da die kinderliterarische Entwicklung in der DDR als ein ständig nach oben verlaufender Prozess der Qualitätssteigerung angesehen war, wurden die neuen deutschsprachigen Texte dieser Anfangszeit oftmals nur summarisch dargestellt und für ihre Gestaltungsabsicht gelobt. Kritisiert wurden die noch nicht ausgeprägten künstlerischen Fähigkeiten. Mit der Gründung der DDR rücken Erzählungen mit Gegenwartsstoffen in den Mittelpunkt, die der ideologischen Erziehung der Heranwachsenden im Sinne der auszubauenden sozialistischen Gesellschaft dienen. In einfachen literarischen Strukturen wird ein aufklärerischer Gestus präsentiert, der dem jungen Leser mitteilt, wo sein Platz in der neuen Ordnung ist und welche seine Aufgabenfelder sind. Grundlegend sind zwei Muster im Verhalten der (kindlichen oder jugendlichen) Hauptperson zum Kollektiv von Kindern und Erwachsenen zu erkennen.

Im ersten Muster ist das Kind schon von den Idealen überzeugt und handelt als Vorbild im Sinne des Kollektivs. Beispielhaft sind hier Alfred Wellms Die Kinder von Pliversdorf (1959) oder Benno Pludras In Wiepershagen krähen die Hähne (1953).

Im zweiten Muster ist die Hauptfigur noch ein Zögernder oder Außenseiter, der dann aber doch zum Kollektiv findet. Als Beispiel kann hier Erwin Strittmatters Tinko aus dem Jahre 1954 gelten, an dem sich auch noch weitere Motive und Strukturen der Literatur der fünfziger Jahre beobachten lassen. Der Junge Martin Kraske, genannt Tinko, wird zwischen seinem Großvater, der für die alten überholten Ansichten vom Privatbesitz steht und seinem aus dem Krieg heimgekehrten Vater, der sich für die idealistische, neue Auffassung des gemeinsamen Eigentums und Gemeinsinn stark macht, hin und her gerissen. Der Großvater stirbt schließlich als Zeichen des Untergangs des Alten und der Vater mit seinen neuen gesellschaftlichen Auffassungen siegt. Sympathien für die neuen Entwicklungen ergeben sich auch aus den dargestellten Vorzügen für das Kind. Tinko kann jetzt regelmäßig die Schule besuchen, hat Freizeit und kann spielen, statt bis zur Erschöpfung auf dem Acker zu arbeiten.

Die Literatur für junge Leser spiegelt wider, dass es eine Übereinstimmung zwischen Erwachsenen- und Kinderleben gab. Kinder waren voll in die Gemeinschaft der Erwachsenen integriert und sie beschäftigen sich mit grundlegenden gesellschaftlichen Prozessen und Fragen der weiteren Entwicklung.

Die überwiegend männlichen Protagonisten vertreten die Ansichten ihrer Väter und ihre Handlungen zielen auf die Umsetzung dieser Ansichten.

Als bevorzugter literarischer Handlungsraum gilt das Dorf. Hier treffen verschiedene Generationen und Ansichten aufeinander. Hier lassen sich die gesellschaftlichen und arbeitstechnischen Fortschritte auf dem Gebiet der kollektiven Arbeit, beispielsweise die Zusammenlegung einzelner Landwirtschaften zu LPGs (Landwirtschaftliche Produktions-Genossenschaft), anschaulich darstellen.

Die Kinder erleben die Auseinandersetzungen aktiv mit, da sie in alle Arbeits- und Lebensprozesse mit eingebunden sind. Sie erleben auch die Vorteile der Gründung der Genossenschaften, da sie nicht mehr so intensiv mitarbeiten müssen, sondern ihnen Freiraum für Spiel und Reise in Aussicht gestellt wird.

Bezugspunkte der Kinder sind die Dorfgemeinschaft, die Genossenschaft oder die Pioniergruppe, in der sie Abenteuer bestehen, die wieder um mit den Lebensfragen der Erwachsenen verbunden sind. Die Figuren sind so angelegt, das sie früher oder später ihren Weg in das sozialistische Kollektiv finden. Eine Ablehnung dessen wird mit der früheren Einstellung, etwa dem Nicht- aufgeben- wollen von Land- und Privatbesitz, motiviert.

In der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre erschien eine Vielzahl von Erzählungen mit historisch-geografisch fern liegenden Sujets. Zu den bekanntesten zählen hier Ludwig Renns Herniu und der blinde Asni (1956) und Herniu und Armin (1958), die den Widerstand germanischer Stämme zu Beginn der Zeitrechnung gegen die römischen Eroberer darstellen sowie Willi Meincks Die Seltsamen Abenteuer des Marco Polo (1955) und Die seltsamen Reisen des Marco Polo (1957).

2.2 Die sechziger Jahre

Anfang der sechziger Jahre kommt es in der KJL zu einem Bruch mit der vereinfachten Sicht auf die Änderungen der Lebensumstände. Emmerich erkennt in den Prosaerzählungen der sechziger Jahre eine „gewisse Enge bzw. Einseitigkeit in der künstlerischen Bewältigung des Themas deutlich hervortreten.“20

Dieseäußert sich in der von den Autoren bevorzugten Figur des naiven Helden aus ländlichem Milieu, der sich spontan verhält. Laut Emmerich hatte die Erzählung für Kinder in der Stoff- und Figurenwahl bestimmte traditionelle Schranken immer noch nicht durchbrochen. Die Autoren bedurften der Hilfe21 der Literaturkritik und der Literaturwissenschaft in Gestalt der 1962 erstmals herausgegebenen „Beiträge zur Kinder- und Jugendliteratur“ und verschiedenen Tagungen und Konferenzen um diese Grenze zu überschreiten.22

Zu den wichtigsten Veränderungen in der KJL der sechziger Jahre zählt, dass sich das Erzählinteresse weg vom Kollektiv hin zur kindlichen Individualität verschiebt. Die Gesellschaft bleibt zwar weiterhin wichtig, doch vielmehr interessiert jetzt, wie sie sich dem Einzelnen gegenüber verhält und welche Möglichkeiten zur individuellen Entwicklung sie dem Einzelnen bietet.

Die zusammenfassende Zeichnung eines Kollektivs bildet nun den Hintergrund für die tiefere Erfassung der inneren Vorgänge einzelner Figuren. Die dargestellte Kindheit steht immer noch im engen Kontakt mit ihrer Umwelt und politischen Vorgängen, bietet jetzt aber mehr Freiräume für Spiele und nicht politisch motivierte Kontakte. Aus der Welt der Erwachsenen mit ihrer Arbeit und ihren Aufgaben wird zuweilen eine Figur herausgelöst, die zum Partner des kindlichen oder jugendlichen Protagonisten wird. An Karl Neumanns Frank und Irene (1964) kann man das Heraustreten des Einzelnen aus dem Kollektiv und die Verantwortung der Gemeinschaft für den Einzelnen gut erkennen. Während im ersten Teil Frank (1958), dem literarischen Muster der fünfziger Jahre gemäß, ein Außenseiter in die Gemeinschaft eingeführt, steht hier das gemeinsame Wirken im Interesse des Einzelnen und einer größeren sozialen Gemeinschaft im Zentrum.23 In einem Pionierlager spielend, verbindet der Text eine abenteuerliche Handlung mit der Vermittlung von Werten, wie Verantwortung und Familiensinn. Der fünfzehnjährige Halbwaise Frank trägt die Verantwortung für seine jüngeren Geschwister, weil sein Vater auf einer weit entfernten Baustelle arbeitet. Um unabhängiger vom unzuverlässigen Vater zu werden, will Frank die Schule ohne Abschluss verlassen, um eine Ausbildung zu beginnen.

In dieser Situation greift die Gemeinschaft ein. Die Lehrerin kann den Vater überzeugen zurückzukommen und die Verantwortung zu übernehmen. Neben dieser Handlung erleben die Jugendlichen auch Abenteuer - ein Brand im Dorf wird bekämpft, die Prüfung als Traktorist ohne das Wissen der Eltern abgelegt und brachliegendes Land gepflügt. Diese Ereignisse sind immer mit dem Wirken für die Gemeinschaft verbunden.

Auffällig ist auch die häufige Darstellung und Gestaltung des deutsch-deutschen Verhältnisses. Als Beispiele gelten Brigitte Birnbaums Reise im August (1967), Gerhard Hardels Treffen mit Paolo (1967) oder Werner Heiduczeks Die Brüder (1968). Diesen Werken gemeinsam ist, dass sie auf verschiedenste Weise bestätigen, dass in der DDR der richtige Weg beschritten wird, der eine glückliche Kindheit ermöglicht.

2.3 Die siebziger und achtziger Jahre

Die Wende von den sechziger zu den siebziger Jahren bringt Einschnitte und Veränderungen in der KJL, die in den achtziger Jahren ihre volle Wirkung entfalten und einen Paradigmenwechsel bedeuten.

Der optimistische Ton des Vorwärtsdrängens der Literatur der fünfziger und sechziger Jahre schwindet und das Verhältnis der Kindfigur zu ihrem sozialen Umfeld verändert sich. Die urbane Umwelt löst das ländliche Milieu ab und wird zum dominierenden Schauplatz des Geschehens. Das Verlassen von lebens- geschichtlicher vertrauter, übersichtlicher, ländlicher Atmosphäre ist verbunden mit dem Abschied von bekannten, geliebten Personen und Verhältnissen. Die Ankunft in fremder, ungewohnter, oft feindlich wirkender Umgebung spiegelt die einschneidenden Veränderungen im Leben von Kindern und Jugendlichen wider, die durch lokale und soziale Mobilitätsprozesse in den siebziger und achtziger Jahren der DDR betroffen sind.24

Die Protagonisten der KJL erscheinen jetzt als gefährdete Wesen in einer Gemeinschaft, die gegen ihre einstigen Ideale lebt.25

Beispielhaft dafür ist die Erzählung Karlchen Duckdich (1979) von Alfred Wellm. Hier wird die Verletzung der Kinder in einer „kommunikationsfeindlichen Umgebung“26

dargestellt. Die Kinder - Karlchen und seine kleine Schwester - versuchen ihr Dasein in der Zurückgezogenheit einer Märchenphantasie zu bewältigen und zeigen so ihre Entfremdung.

Entgegen dem „propagandistischen Postulat der Geborgenheit des jungen Menschen in der sozialistischen Gemeinschaft“27 ist hier die Integration gescheitert. Selbst die anderen Kinder lehnen die beiden ab und grenzen sie aus.

Weitere Beispiele sind Benno Pludras Insel der Schwäne ( 1980) oder Edith Bergners Das Mädchen in roten Pullover (1974) deren Aussage es ist, dass ein glückliches kindliches Leben nur in seiner Gesellschaft möglich ist, in der grundlegende Veränderungen eintreten.

Damit erweitert sich der Adressatenbezug um den erwachsenen Leser, der dazu aufgefordert wird, soziale Beziehungen so zu gestalten, dass eine glückliche Kindheit wieder möglich wird.

Dem kindlichen Leser wird vermittelt, dass er zu seinen Wünschen und Besonderheiten stehen und diese gegen etwaige Widerstände behaupten soll.

Mit diesem doppelten Adressatenbezug wird auf die Öffentlichkeit gezielt und mehr als die Beeinflussung des Einzellesers erhofft. Der sozialen Gemeinschaft sollte mit einer fiktiven Welt der Spiegel vorgehalten werden.

Im Laufe der literarischen Entwicklung der siebziger und achtziger Jahre, gewinnt die KJL an Poetizität. Mit moderneren Darstellungstechniken, wie einem erweiterten Spektrum der Erzählsituation, der Aufgabe des linearen Erzählens und dem Einsatz fantastischer Mittel zur Spiegelung der Innenwelt der Figuren, wird die KJL der Literatur für Erwachsene angepasst.

Während in den fünfziger und sechziger Jahren ein vorwiegend auktorialer Erzähler seine Kunstwelt beherrschte und die Lösung aller Probleme schon bereithielt, zeigt jetzt die Zunahme von Momenten des persönlichen Erzählens, dass Geschehnisse in den Fokus rücken, für die der Autor keine schnelle Lösung anbieten kann. Innerhalb des Figurenensembles ist eine Modifikation zu erkennen. Die Großelterngeneration die in den fünfziger und sechziger Jahren noch als Vertreter des zu überwindenden Alte“ angelegt war (siehe Tinko, Die Kinder von Plieversdorf u. a) werden nun zu Idealgestalten, die als Individuen menschliche Größe zeigen, Erfahrungen weitergeben und wissen, was im Leben wirklich von Bedeutung ist.

Diese Modifikation lässt sich bei Christa Kožiks Moritz in der Litfasssäule (1980) oder Klaus Beuchlers Jan Oppen (1983) beobachten. Gleichzeitig tritt die Vätergeneration in den Hintergrund.

Inhaltlich lassen sich verschiedene Grundzüge und Motive erkennen.

Es sind beispielsweise die schon erwähnte Ankunft des Protagonisten in neuen komplizierten Kommunikationsräumen, wie bei Pludras Insel der Schwäne oder die Reise in die nähere Umwelt, um Menschen kennenzulernen und Erfahrungen zu machen, wie bei Gerhard Holtz-Baumerts Trampen nach Norden (1975). Hier berichten die Zufallsgefährten Gunnar und Teresa über Stationen einer Autostop- Reise durch die DDR aus in ihrer jeweiligen Sicht, ergänzt durch einen Erzähl- kommentar. Vor dem Hintergrund der Reise werden Konturen der jeweiligen Persönlichkeit, ihre Schwächen und Stärken sichtbar. Immer wieder werden Modelle sozialen Verhaltens beobachtet, karikiert und von verschiedenen Seiten beleuchtet.28

Ein weiteres Motiv ist der Hinweis auf Defizite in sozialen Beziehungen mittels der Darstellung fantastischer Figuren und Vorgänge. Beispielhaft dafür ist Christa Kožiks Der Engel mit dem goldenen Schnurrbart (1983).In die Alltagswelt des Mädchens Lilli tritt ein Engel. Im privaten Bereich empfindet Lilli den Engel als angenehm und bereichernd, doch als der Engel sie von der Schule abholen will, ist ihr sein ungewöhnliches Aussehen peinlich. Dieser Sachverhalt provoziert schon vordergründig zum Nachdenken über die unterschiedlichen Bewertungsmuster im privaten und öffentlichen Bereich. Nachdem der Schuldirektor den Engel zu absoluter Unterordnung zwingt - er darf nicht mehr fliegen, muss seine Kleidung anpassen usw. - verlässt er die Erde wieder. Damit wird nicht nur ausgedrückt, das eine Bereicherung des „irdischen Lebens“ gescheitert ist. Auch die Gesellschaft (die eindeutig einen Bezug zu DDR erkennen lässt) hat ihre Intoleranz und Unreife offenbart.29

3. Stellung der KJL in der DDR- Staatlicher Anspruch und politische Einflussnahme

3.1 KJL als Bildungsmedium

Der KJL wurde in der DDR eine große Rolle bei der Erziehung und Ausbildung von jungen Menschen zugesprochen. Ihr wurden - die gesellschaftliche Realität korrigierende und entwicklungsfördernde - Funktionen zugeschrieben. Die fiktionale Darstellung von Realität galt als Spiegelbild der Gesellschaft und sollte so gegebenenfalls auch abweichende Entwicklungen aufzeigen und dadurch verbessernden Einfluss nehmen.

„ Alsästhetisches Urteilüber die Wirklichkeit erfüllt auch die Kinder- und Jugend- literatur in der Dialektik von Analyse und Entwurf ihre Idealbildungsfunktion. “ 30

Eine wichtige Rolle bei der Entwicklung des Leseverhaltens und der Ausbildung einer sozialistischen Haltung spielte die Pflichtlektüre in der Schule. Neben derästhetischen Erziehung und der Entwickeln einer eigenständigen Lesemotivation sollten hier die Wertvorstellungen der neuen Ordnung an die Heranwachsenden gesteuert vermittelt werden.

Hauptaufgabe des Lese- und Literaturunterrichts war es den: „ sozialistischen Menschen zu formen “ 31

Ausführungen wie „ Die erzieherischen Potenzen der Literatur sind für die welt- anschauliche und politisch-moralische Erziehung der Schüler, für die Ausprägung sozialistischer Wertvorstellungen und Wertorientierungen voll wirksam zu machen32 zeigten die angestrebte Wirkung des Unterrichts an und engten den Spielraum des einzelnen Lehrers ein.

Aber auch die außerschulische Lektüre sollte mit verschiedensten Mitteln gelenkt werden, dazu zählte die Vorstellung der eigenen Lektüre in Bücherstunden innerhalb des Literaturunterrichts. Nebenbei konnte der Lehrer in diesen Stunden geeignete Literatur vorschlagen, über Neuerscheinungen informieren und mit den Schülern über ihre Freizeitlektüre und die ihrer Mitschüler reden. Parallel dazu gab es literarisch-kulturelle Programme und Wandzeitungen.33

Als Vorraussetzung dafür war in nahezu jeder Schule eine Schülerbibliothek vorhanden. Diese Bibliotheken, die mit dem Beginn des Schulunterrichts 1945 entstanden und 1976 mit den Kinder- und Jugendbibliotheken zusammengelegt wurden, waren umfangreich staatlich gefördert.34

Eine weitere Einrichtung war der „Buchklub der Schüler“, über den die Mitglieder aus einer streng reglementierten Auswahl von KJL fünf Bücher pro Jahr zu verbilligten Preisen beziehen konnten. Bei vergriffenen Büchern und angespanntem Buchmarkt war die Mitgliedschaft in diesem Klub ein erheblicher Anreiz und verhalf den dort vertriebenen Bücher zu einem hohen Verbreitungsgrad.

3.2 Ideologischer Anspruch

Als Bildungsmedium anerkannt, musste sich die Literatur in der DDR die Frage stellen lassen, was sie dazu betragen konnte, damit sich deutlicher ausformt, „ was im Programm der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlandsüber alle gesetzmäß igen Entwicklungen der Vorzüge und Triebkräfte des Sozialismus, der Entfaltung aller Seiten und Bereiche des gesellschaftlichen Lebens,über alle geschichtlich tiefgreifenden politischen,ökonomischen, sozialen und geistig-kulturellen Wandlungen formuliert ist? “ 35

Literatur wurde in den verschiedensten Plenen, Abteilungen und Referaten besprochen und die Ansprüche an die Literaturschaffenden und ihre Werke artikuliert.

Diese ideologischen Ansprüche an den Erziehungs- und Vorbildcharakter der Literatur richteten sich gerade an die Autoren, die für Kinder und Jugendliche schrieben.

„ Besonders Autoren, die für junge Leser schreiben, können in diesem Prozeß, der den ganzen Menschen erfaßt, sein Denken, Fühlen, Wollen und Handeln, seinen Intellekt wie den Reichtum seiner Sinne, mit ihren Büchern eingreifen. Ihnen eröffnet sich die Chance, auf die der Kunst gemäß e Weise junge Menschen erziehen zu helfen, die schöpferisch, klug, sensibel und zielbewusst die revolutionären Ideale der Arbeiterklasse im täglichen Leben zu verwirklichen trachten. “ 36

Politische Ziele und Anforderungen wurden an die Autoren weitergegeben und von diesen dann mehr oder weniger erfüllt.

Die sozialistische Perspektive sollte auch in der Figuren- und Handlungsdarstellung zum Ausdruck kommen:

„ Die Willensqualitäten der jungen Helden in unseren Kinderbüchern sind auf die aus Verantwortung für die Gesellschaft geborene Tat gerichtet. Der junge Revolutionär unserer Tage bewährt sich in schöpferischer Leistung für die Gemeinschaft, in der er sich selbst verwirklicht “ 37.

Ob der kindliche und jugendliche Rezipient die Taten seines „Helden“ wirklich so interpretierte und verinnerlichte, wie es sich die Politik des sozialistischen Staates vorstellte, bleibt zu bezweifeln.

Die Literatur und insbesondere die KJL blieben immer im Zentrum der Aufmerk- samkeit und sollten auch mittels politischer Beschlüsse und Bewertungen an dieäußeren Umstände und die wechselnden Ansprüche angeglichen werden.

„ Der zwanzigste Jahrestag der DDR im Jahre 1969 forderte die Erzähler unseres Landes auf, in neuen Werken solche Lebensprobleme zu gestalten, die im Verhalten der darin verwickelten Kinder- und Erwachsenenfiguren jenen weltanschaulich-moralischen undästhetisch-kulturellen Reifegrad verkörpern, den die erfolgreiche Politik des sozialistischen Staates unter Führung der Arbeiterklasse und ihrer Partei bewirkt hat.38

Die hier getroffenen Bewertungen und Forderungen zeigen die Eingriffe in poetische Schaffensprozesse und belegen die Bedeutung, die der KJL von offizieller Seite beigemessen wurde.

Die Förderung und Reglementierung der Literatur in der DDR hatte zwei Seiten: die übermäßige Vergrößerung literarischer Einflussmöglichkeiten auf die Bewusstseinsbildung junger Menschen, aber auch die Schaffung eines Umfeldes, in dem bedeutende und außergewöhnliche Werke entstanden, unabhängig vom politischen System und dessen Ansprüchen.

3.3 Ä sthetischer Anspruch

Die KJL war für die Leser oftmals der erste Berührungspunkt mit Literatur und somit sehr wichtig für die Ausprägung späterer Lesegewohnheiten.

„ Die Leser unserer Kinderbücher sollten auf die Begegnung mit künstlerischer Individualität, mit der Vielfalt literarischer Formen, auf unterschiedlichste Gestaltungsmittel rechtzeitig vorbereitet werden, um sich die persönlichkeitsbildenden Werte der Literatur in ihrem ganzen Reichtum aneignen zu können. “ 39

Neben der Bedeutung im Bildungs- und Erziehungsprozess wurde der KJL in der DDR auch ein wichtiger Platz in der Gesamtliteratur zugesprochen. So stellte Johannes R. Becher, Kulturminister der DDR, 1956 die Literatur für Kinder auf die gleiche Stufe wie die Literatur für Erwachsene und forderte eine hohe literarische Qualität.

„ [ … ] Es handelt sich um die Kinder- und Jugendliteratur, die nicht irgend ein

abseitiges Gebiet innerhalb der Literaturgesellschaft darstellt, das man irgendwelchen Leuten leichthinüberlassen darf [ … ].Vom Deutschunterricht und von den Büchern, welche die Kinder zum Lesen erhalten, hängt es wesentlich ab, in welcher Richtung ihr literarischer Geschmack sich entwickelt, ihr politisches Urteil, ihr Menschsein, ihr Menschlichsein. Diese Kinderliteratur, diese Jugendliteratur müssen also zu einer großen Literatur werden, das heißt zu einer Literatur, worin die besten Qualitäten literarischer Meisterwerke in einer für die Kinder und Jugendliche verständlichen, sie erreichbaren Sprache enthalten sind [ … ]. Literatur entmachtet sich gewissermaßen selbst, wenn sie nicht die Kinderund Jugendliteratur sich zu eigen macht [ … ]. “ 40

So wurde KJL als „spezifischer Bestandteil der sozialistischen Nationalliteratur betrachtet“41.

Trotz dieser Gleichstellung wurde der adressatenspezifische, an Alterstufen orientierte Bezug der KJL berücksichtigt, ohne das von der gesellschaftlich konstituierten Realität und der geschichtlichen Wahrheit abgewichen wurde.42

Die hohen literarischen Ansprüche, die sich im Lauf der Zeit der Existenz der DDR noch steigerten, erhöhten auch das Ansehen von Autoren, deren Zielgruppe junge Leser waren. Fast alle großen Autoren der DDR schrieben auch für Kinder. Bertolt Brecht und Peter Hacks schrieben ebenso Gedichte und Geschichten für Kinder wie

Erwin Strittmatter, Stefan Heym, Volker Braun, Sarah Kirsch, Günter Kunert, Werner Heiduczek, Franz Fühmann, Christoph Hein oder Thomas Rosenlöcher.43 Die Autoren schufen eine beeindruckende Fülle an Literatur für Kinder und Jugendliche. Allein im Kinderbuchverlag Berlin erschienen von 1949 bis 1989 knapp 5.000 Titel mit einer Gesamtauflage von etwa 300 Millionen Exemplaren.44

3.4 Zensur

Die Zensur von Kinderbüchern war Teil eines weit gefächerten literaturpolitischen Steuerungssystems, das Archive, Buchhandlungen und Bibliotheken, Verlage, Außenhandelsinstitutionen und den Zoll umfasste. Die Zensur im Kinderbuchbereich umfasste drei Planstellen der Belletristik-Abteilung der Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel des Ministeriums für Kultur (HV) und verfolgte ein gezieltes politisches Erziehungsprogramm.

Der Beginn der Zensurpolitik liegt in der „antifaschistischen Säuberung“ der Nachkriegszeit und in den verschiedenen ideologischen Offensiven der SED in den fünfziger Jahren. Sämtliche Antiquariate und Bibliotheken waren systematisch durchforstet, und mit dem Mauerbau 1961 auch der Zustrom von westlicher „Schundliteratur“ und Comics unterbunden worden.

In den Akten aus den fünfziger Jahren lassen sich noch groteske Verbotsgeschichten finden. So löste beispielsweise Ernest Th. Setons Präriewölfin Tito eine heftige Diskussion aus über die mögliche Gedankenverbindung zu dem gleichnamigen faschistischen jugoslawischen Staatsführer.

[...]


1 Unter Kinder und Jugendliteratur wird in der vorliegenden Arbeit eine Literatur verstanden, die speziell für eine kindliche und jugendliche Adressatengruppe geschrieben oder adaptiert wurde.

2 Im weiteren Verlauf der Arbeit wird „Kinder und Jugendliteratur“ aus ökonomischen Gründen mit KJL abgekürzt.

3 Vgl. Marquardt (2005)

4 Vgl. Schikorsky (2003)

5 Vgl. Richter (2000a), S. 137

6 Vgl. ebd., S. 137

7 Zitiert nach: Richter (2000), S.,377

8 www.zeit.de/2005/17/KL-DDR-Jugendliteratur

9 Vgl. Richter, (2000a), S. 137

10 www.mdr.de/damals/7139600.html.

11 Reinhold, (1997), S. 276

12 Vgl. ebd., S. 274

13 Reinhold (1997), S. 276

14 Vgl. ebd., S. 200

15 Vgl. ebd., S. 201

16 Vgl. ebd., S. 202

17 Grundlage für diesen Punkt bildet der Artikel von Karin Richter: Kinder und Jugendliteratur in der DDR. (2000a)

18 Vgl. Wild, Reiner (1990), S. 372

19 Vgl. ebd., S. 373

20 Emmerich (1981), S. 185

21 Zur Beurteilung dieser „Hilfe“ siehe Richter (2000a), S. 144 und Richter (1996)

22 Vgl. Emmerich (1981), S. 185-186

23 Vgl. Richter (2000a), S. 146

24 Vgl. Wild (1990), S. 395

25 Vgl. Richter (2000a), S. 147

26 Wild (1990), S. 396

27 ebd. S. 396

28 Vgl. Wild (1990), S. 392

29 Vgl. Richter (2000a), S. 152-153

30 Emmerich (1971), S. 88

31 Lehrplan Deutsch 1987, S. 5 Zitiert nach: Steinlein (2006), S. 31

32 Lehrplan Deutsch 1987, S. 5 Zitiert nach: Steinlein (2006), S. 32

33 Vgl. Steinlein (2006), S. 32

34 Vgl. ebd., S. 33

35 Koch (1986), S. 9

36 Emmerich (1981), S. 218

37 Emmerich (1971), S. 88

38 Emmerich (1981), S. 204

39 Emmerich (1981), S. 159

40 Becher, zit. nach Wallesch (1977), S. 12

41 Emmerich (1971), S. 72

42 Vgl. Wieckhorst (2000), S. 28

43 Vgl. www. mdr.de/damals/7139600.html.

44 Wenn nicht anders gekennzeichnet, beziehen sich die folgenden Zitate auf : Steinlein (2006), S. 101-113

Details

Seiten
82
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656308416
ISBN (Buch)
9783656310549
Dateigröße
679 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v204176
Institution / Hochschule
Universität Erfurt
Note
2,0
Schlagworte
Kinderliteratur DDR Sozialistische Literatur Zensur Jugendliteratur Literaturtheorie Identität Gemeinschaft Menschwerdung Erziehung

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Titel: Die Suche nach Identität und Gemeinschaft in der Kinder- und Jugendliteratur der DDR