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Die Gründung des Deutschen Museums

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 28 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - 1848, Kaiserreich, Imperialismus

Leseprobe

Inhalt:

1. Das Jubiläum

2. Der Initiator: Oskar von Miller
2.1 Familiärer Hintergrund
2.2 Bildung, Ausstellungserfahrung und Politik

3. Die Interessen am Bau des Deutschen Museums
3.1 Verein Deutscher Ingenieure
3.2 Gesellschaft und Politik

4. Die ersten Schritte zur Umsetzung des Planes
4.1 Rundschreiben vom 1. Mai
4.2 Mai und Juni

5. Die Realisierung der Pläne bis
5.1 Provisorische Sammlungen
5.2 Größenordnung und weiterer Verlauf

6. Die Rezeption des Museums
6.1 Mitgliederentwicklung
6.2 Besucher 1907 -

7. Der Symbolgehalt des Deutschen Museums
7.1 Nationales Institut
7.2 Technik und Kultur

8. Resümee

9. Literaturverzeichnis
9.1 Quellen
9.2 Darstellungen
9.3 Zeitungsartikel

10. Anhang
10.1 Kurz-Chronik des Deutschen Museums
10.2 Stern-Artikel

„Wir leben im Prinzip von der Substanz und deshalb müssen wir in die neuen Technologien geistig und emotional viel mehr investieren“1

1. Das Jubiläum

Diese Worte des Ministerpräsidenten Stoiber anlässlich der Jubiläum sfeier lichk eit en zum hunder t j ähr igen Best ehen des Deutschen Museums sprechen hier eine deutliche Sprache: Die Substanz, hier im Sinne von Technik gemeint, muss noch stärker gefördert werden. Geist und Gefühl, gewöhnlich Wesenzüge künstlerischer Pr oduk t ion, müssten demnach vermehrt technischen Objekten zugeordnet werden.

Eine solche Aussage wirktv or den hist or ischen Gegebenheit en der Gründung des Deutschen Museums ungemein passend. Denn dieses Muster des sich hier andeutenden Spannungsbogens zwischen Kultur und Technik ist ein wichtiger Ausgangspunkt für die 1903 erfolgte Gründung des „Deutschen Museums von Meisterwerken der Naturwissenschaft und Technik“.2 Das Augenmerk dieser Arbeit liegt in der Hauptsache daher auf den Zeitraum zwischen 1903 bis 1914.

Ent spr echend er folgt e die Ausw ahl der Lit er at ur für die vorgelegte Arbeit: Aus der vorhandenen Vielfalt der Sekundärliteratur stachen im Besonderen die fundierten Analysen Mayerhöfers und Menzels hervor; das verwendete Quellenmaterial stammt zum großen Teil vom Deutschen Museum selbst. Zur Abrundung wird ebenfalls auf Zeitungsartikel, die sich mit dem Jubiläum des Museums befassen, verwiesen. I m Folgenden w ir d die Gr ündung des Deut schen Museum s behandelt, indem zunächst das Zusammenwirken persönlicher und gesellschaftlicher Interessen aufgezeigt wird. Die Konsequenzen dieses fruchtbaren Zusammenwirkens von den

ersten Schritten bis hin zur Realisierung der Pläne stehen danach im Zent r um der Bet r acht ung. I m Weit er en w er den das Deut sche Museum und seine Rezeption durch Förderer und Besucher verdeutlicht, um es danach in den größeren Rahmen, dem des Nationalismus und des Streites, um den Kulturwert der Technik zu stellen. Mit einem Resümee findet die Arbeit ihren Abschluss.

2. Der Initiator: Oskar von Miller

2.1 Familiärer Hintergrund

Oscar Wildes Aphorismus „Nur Persönlichkeiten bewegen die Welt, niemals Prinzipien“ mag streitbar sein, im Falle des Deutschen Museums kommt man jedoch nicht an einem hervorstehenden Einzelnen, Oskar von Miller, vorbei. Daher soll hier seine Biografie thematisiert werden.

I m Jahr e 1855 w ur de er als Sohn Fer dinand v on Miller s, Besit zer der Königlichen Erzgießerei, geboren. Der Vater, selbst noch aus dem kleinbürgerlichen Handwerksmilieu stammend, war rege politisch und gesellschaftlich aktiv, sei es als Vorstand des Kunstgewerbevereins, als Mitglied des Landtages und ab 1881 auch des Reichstages oder als Teil des Münchner Gem eindek ollegium s. Von v iel gr ößer er Bedeut ung ist j edoch eine andere Tatsache: Die Erzgießerei unter der Leitung Fer dinand v on Miller s gehör t e in der ex k lusiv en Kr eis der Hoflieferanten - in diesem Falle zeigt sich aufs Deutlichste die Wechselwirkung zwischen sozialen und ökonomischen Aufstieg, die als exemplarisch für jene Zeit gelten kann.3

Das Familienleben war geprägt durch den Patriotismus des Vaters und dem Gegensatz zwischen festlich-reicher Repr äsent at ion und st r enger w er t or ient ier t er Er ziehung in der zu Beginn der 20. Jahrhunderts weit über München hinaus bekannten „Aufsteigerfamilie“.4 Hierzu sei im Besonderen Oskars Bruder Ferdinand, der als Vertrauter des Prinzregenten über großen Einfluss verfügte, genannt.5 So ist es kaum überraschend, dass die Kölnische Zeitung im Zusammenhang mit der Museumgründung deutlich darauf verweist: Oskar von Miller sei demnach „Mitglied der bekannten Münchner Künstlerfamilie, die mit den baulichen und künstlerischen Schöpfungen der bayerischen Könige so eng verknüpft ist.“6

2.2 Bildung, Ausstellungserfahrung und Politik

Dieses Zitat aus der Zeitung verweist auf eine interessante Widersprüchlichkeit: Oskar von Miller, ein Bauingenieur, wird als Teil einer Künstlerfamilie gesehen. Das findet seine Entsprechung auch in seiner Schullaufbahn: Er wechselte vom humanistischen Maxgymnasium auf das Alte Realgymnasium.7 Danach folgte ein Bauingenieurstudium, Beamtenjahre in Straßen- und Flussbauäm t er n und Auslandsst udien. Über r egionalen Bedeut ung erlangte er zwischen 1884-1890, als er in Berlin als Direktor der Deutschen Edisongesellschaft8 die Popularisierung der Elektrizität forcierte.9

Zurück in München unterhielt er ein Ingenieurbüro, fiel aber vor allem durch Vorträge und Veröffentlichungen für die Ener giew ir t schaft auf. Die fachliche Aner k ennung, die er genoss, ist durch den 1903 verliehenen Ehrendoktor der Technischen Hochschule München und durch den Vorsitz des Vereins Deutscher Ingenieure nachhaltig belegt.10

Seine ersten Erfahrungen im Museums- und Ausstellungswesen sammelte er wohl als bayrischer Regierungskommissar.11 Als er sich 1881 bei der Internationalen Elektrotechnischen Ausstellung in Par is aufhielt , besucht e er auch das „ Conser v at oir e des Ar t s et des Métiers“, das neben dem bedeutenden South-Kensington in London eines der ält est en t echnischen Museen der Neuzeit w ar . Seine dort erworbenen Kenntnisse waren ihm bei der Münchner Elek t r ot echnischen Ausst ellung 1882 hilfreich, bei der er in der Funk t ion des Schr ift führ er s schw er punk t m äßig auch m it der Beschaffung und Planung der Ausstellungsstücke befasst war.12 Ein Jahr danach besucht e er j enes „ Sout h- Kensingt on Museum “ und sammelte 1891 bei der Frankfurter Elektrotechnischen Ausstellung Erfahrungen in der öffentlichkeitswirksamen

Darstellung technischer Objekte.

All dies verweist auf die immense Begeisterung und Begabung von Millers für vielseitige technische Frage- und Problemstellungen. Dem gegenüber steht - und hier sei auch auf Thomas Manns „Betrachtungen eines Unpolitischen verwiesen“ - eine zu seiner Zeit oft typische Einstellung zu Politik: „Ich bin Ingenieur und mache elektrischen Strom, der ist nicht deutschnational und nicht sozialdemokratisch, sondern einfach elektrisch.“13 Bei der Gründung des Deutschen Museums, das wird sich im Folgenden auch zeigen, half letztendlich dann jedoch der elektrische Strom recht wenig, sondern vielmehr die gezielte Einflussnahme in das komplexe I nteressengeflecht der Münchner Gesellschaft um die Jahrhundertwende.

3. Die Interessen am Bau des Deutschen Museums

3.1 Verein Deutscher Ingenieure

Die Begeisterungsfähigkeit und der Einfluss eines Oskar von Miller sind kaum zu unterschätzen. Dennoch verpufft das Wollen eines Einzelnen im vorpolitischen Raum leicht, wenn es nicht durch einen starken Interessenvertreter flankiert wird; im konkreten Fall war dies der Verein Deutscher Ingenieure, VDI,14 dem von Miller selbst als Mitglied und später als Vorsitzender angehörte.

I m Gr ündungsj ahr 1903 zählte der Verein knapp über 18.000 Mitglieder, die in 45 Bezir k sv er einen or ganisier t w ar en und verfügte über eine entsprechend hohe Finanzkraft. Ziel des VDI war es, seiner Berufsgruppe jene gesellschaftliche Anerkennung zu er k äm pfen, die m an den t echnischen Ber ufen bis dahin verweigerte. Aus diesem Grund war man von dieser Seite auf der Suche einen Weg zu finden, mit dem man eine breite Öffentlichkeit vom Kulturwert der Technik überzeugen könnte.15

Überzeugungsarbeit konnte man aber am wirkungsvollsten leisten, in dem man auf die Methoden der gesellschaftlich akzeptierten bürgerlichen Kultur zurückgriff, also durch die Musealisierung des Technischen16 die Ästhetisierung und Historisierung der Leistungen der Techniker manifestierte.17 Weiter lag dem Verband daran, die Verbindung von Wissenschaft und Technik voranzutreiben, die, auch im Zuge der Gleichst ellung v on Technischen Hochschulen und Univ er sit ät en, in einem Museum , w ie dem Geplant en, sicht bar en Ausdr uck finden könnte.18

So über r ascht es nicht , dass Osk ar v on Miller s er st er Gr ündungsaufr uf zum Bau eines solchen Museum s in seiner Eigenschaft als Bezir k sv or sit zender dieses Ver bandes sich hauptsächlich an, ebenfalls kaum erstaunlich, VDI-Mitglieder, die führende gesellschaftliche Funktionen inne hatten, richtete.

3.2 Gesellschaft und Politik

Aus diesem Kreis der Gesellschaft stammten die Hauptbefürworter des Museumsprojektes: Aus dem Bereich des industriellen Unternehmertums, das noch nach Würdigung seiner Leist ungen st r ebt e und diese Leist ungen als Kult ur w ert anerkannt sehen wollte, besonders da das Verhältnis der Techniker19 zu den traditionellen Herrschaftseliten aus dem Bildungsbürgertum zur Jahrhundertwende ambivalent war.20 Das Museum als Ort der Wissensvermittlung sollte damit Technik im Sinne eines nationalen Kulturgutes vermitteln. Die Bereitschaft vieler Unternehmer, ideelle und materielle Spenden großzügig dem Projekt zu überlassen, zeugten von diesem Interesse.21

Die Verknüpfung der standespolitischen mit der nationalen Komponente ist keine Besonderheit des Emanzipationsstrebens der technischen Berufe, jedoch, im Zusammenhang mit den guten Beziehungen eines von Miller zum Bayrischen Hof, erwies sie sich als geschicktes Instrument, die Unterstützerbasis zu erweitern. Zu den 23 Männern der ersten Stunde, die sich am 5. Mai 1903 zu einer Vorbesprechung zur Gründung trafen, gehörte der nationalliberale Bürgermeister Geheimrat Hofrat Dr. Wilhelm Rit t er v on Bor scht .22 Viel über die Em ot ionen r und um den Bau des Museums drückt sich in seiner anlässlich der Grundsteinlegung am 13. November 1906 gehaltenen Rede aus:

„Die hohen nationalen Aufgaben, die das hervorragende Werk zu erfüllen hat,“ so der Münchner Bür ger m eist er , „der unerschöpfliche Segen, der sich hieraus weit über die Grenzen des Reiches ergießen wird,“ hätten dazu bewogen „durch För der ung höher er Kult ur int er essen die Wohlfahr t des Volk es zu stärken und zu mehren“.23

Die Zusammensetzung der Verwaltungsgremien - von der ersten Stunde an -spricht auch gegen eine standesorientierte Betrachtung der Museumsgründung, da darin vor allem Beamte der Stadt tonangebend wurden und eben nicht Vertreter der Industrie.24 Jener „unerschöpfliche Segen“, den von Borscht hier anspricht, meint wohl in starken Maße den erhofften Pr est igegew inn München, m it all den Vor t eilen, die ein solcher mit sich bringen kann.

So st ellt sich für das Vor feld der Museum sgr ündung das Zusammentreffen der richtigen Person, Oskar von Miller, mit der richtigen Situation, hier vereinfacht gesagt, dem Geltungsdrang der Techniker und der Stadt München, dar.

4. Die ersten Schritte zur Umsetzung des Planes

4.1 Rundschreiben vom 1. Mai

Oskar von Millers Initiative für die Museumsgründung ist vor diesem Hintergrund zu sehen. Denn sosehr auch seine Biografie auf ein besonderes Interesse am Ausstellungswesen verweisen mag, war es doch nicht die einzige Option: Vor dem 1 . Mai dachte er offensichtlich auch daran, den „maßgebenden Männern der Wissenschaft und Technik“25

[...]


1 So der bayerische Ministerpräsident Stoiber anlässlich der Jubiläumsfeierlichkeiten des Deutschen Museum, zitiert nach der Augsburger Allgemeinen vom 10./11.05.2003.

2 Im Folgenden werde ich die Bezeichnung „Deutsches Museum“ verwenden.

3 So bei Mayerhöfer I ngrid: Gesellschaftliches und politisches I nteresse am Bau eines „Museums für Meisterwerke der Naturwissenschaft und Technik“ in München zu Beginn des 20. Jahrhunderts, Magisterarbeit, München 1988, S. 28-30.

4 Siehe Mayerhöfer, München 1988 S. 28.

5 Zur Bedeutung der von Miller-Familie und ihrer Beziehungen: Hesselmann Hans: Das Wirtschaftsbürgertum in Bayern 1890-1914, Stuttgart 1985, S. 258-264.

6 Bericht der Kölnischen Zeitung vom 3.12.1905: Das Deutsche Museum I I , zitiert nach HstA, MA 92273.

7 Heute bezeichnenderweise das Oskar-von-Miller-Gymnasium.

8 Später und heute noch unter dem Namen „AEG“ bekannt.

9 Mayerhöfer, München 1988, S. 30f.

10 Mayerhöfer, München 1988, S. 31.

11 Nockher Ludwig: Oskar von Miller, Stuttgart 1953, S. 21ff.

13 Zenneck Jonathan: 50 Jahre Deutsches Museum. I n: Deutsches Museum. Abhandlungen und Berichte. 21. Jahrgang, Heft 3, 1953, S. 5.

13 Von Miller Walter: Oskar von Miller. Pionier der Energiewirtschaft und Schöpfer des Deutschen Museums, München 1955, S. 98.

14 Zum VDI und seiner Geschichte: siehe Internetseiten des VDI, www.vdi.de.

15 Vgl. Mayerhöfer, München 1988, S. 74-90.

16 Zum Begriff: Menzel Ulrich: Die Musealisierung des Technischen. Die Gründung des „Deutschen Museums von Meisterwerken der Naturwissenschaft und Technik“ in München, Dissertation, Braunschweig 2002, S. 17-21.

17 Mayerhöfer, München 1988, S. 84-90.

18 Mayerhöfer, München 1988, S. 90f.

19 Zu den Begriffen „Techniker“ und „Ingenieur“ vgl. Menzel, Braunschweig 2002, S. 49f.

20 Menzel, Braunschweig 2002, S. 53.

21 Mayerhöfer, München 1988, S. 37f.

22 Mayerhöfer, München 1988, S. 99; siehe dazu aber auch: Chronik des Deutschen Museums von Meisterwerken der Naturwissenschaften und Technik. Gründung, Grundsteinlegung und Eröffnung 1903-1925, München 1927, S. 3.

23 Chronik, München 1927, S. 34.

24 Vgl. Mayerhöfer, München 1988, S. 99-102.

25 Chronik, München 1927, S. 1.

Details

Seiten
28
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638242974
ISBN (Buch)
9783638679688
Dateigröße
662 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v20419
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg – Lst. für Geschichte
Note
1,3
Schlagworte
Gründung Deutschen Museums Kulturkrise

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Titel: Die Gründung des Deutschen Museums